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Kunst - Glossar Aloïse (Aloyse) 28.6.1886 Lausanne - 5.4.1964 Gimel-sur-Morges Aloïse Corbaz, genannt auch Aloyse oder Aloïse, ist eine der wichtigsten Künstlerinnen der Art Brut. Sie lebte von 1918 bis zu ihrem Tode in psychiatrischen Anstalten, wo sie ein umfangreiches Werk von Zeichnungen und Texten in bunter Fettkreide auf Einschlagpapier entwickelte. Die Psychiaterin Jacqueline Porret-Forel, die sie seit 1941 in der Anstalt La Rosière in Gimel-sur-Morges betreute, hat Motivik und Inhalte der Kompositionen entschlüsselt und als ein «Theater des Universums» interpretiert. 1948 wurde Aloïse Corbaz von dem französischen Künstler Jean Dubuffet erstmals im Kunstkontext, in der Compagnie de l'art brut in Paris ausgestellt; seitdem gilt sie als eine der wichtigsten Vertreterinnen der Art Brut oder der Outsider Art. Umfassende Bestände ihres Werks befinden sich in der Collection de l'art brut in Lausanne und im Kunstmuseum Solothurn. Aloïse (Aloyse) Aloïse Corbaz wird 1886 in Lausanne geboren. Noch als Kind verliert sie ihre Mutter. Obwohl aus bescheidenen Verhältnissen stammend, wird Aloïse eine höhere Schulbildung ermöglicht. Sie wird als intelligent, eigenwillig und aufgeweckt geschildert. Eine besondere Passion verbindet sie mit der Oper. Sie nimmt Gesangsstunden und möchte sich zur Sängerin ausbilden lassen, was aus sozialen und finanziellen Gründen nicht gelingt. Einer regelmässigen Tätigkeit geht sie erst mit 26 Jahren nach. 1911 verlässt sie die Schweiz und arbeitet in verschiedenen Häusern als Gouvernante und Lehrerin. In Potsdam unterrichtet sie die Kinder des Kaplans von Kaiser Wilhelm Il. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges muss sie Deutschland verlassen. Sie kehrt nach Lausanne zurück und vertritt öffentlich lebensreformerisches Gedankengut. «Als überzeugte Vegetarierin und Pazifistin beginnt sie religiöse Schriften zu verfassen, wobei sie ihre Person mehr und mehr vernachlässigt. Sie glaubt, mit göttlichen Kräften begabt zu sein, die es ihr erlauben, die Menschen zu bessern und zum Heil zu führen. Sie wird zunehmend gleichgültiger und verschlossener, gelegentlich auch grob und bösartig. Verfolgungsideen treten auf. Ihre Tätigkeit beschränkt sich auf kleine Näharbeiten für eine ihrer Schwestern, die Schneiderin ist. Sie isoliert sich immer mehr und behauptet, mit einem Pfarrer verlobt zu sein. Jetzt ist sie von ihrer göttlichen Sendung ganz überzeugt und schreibt Briefe an Verbrecher, wenn sie deren Missetaten in den Zeitungen liest» (Alfred Bader). Im Februar 1918 wird sie in die Psychiatrische Universitätsklinik von Cery (Lausanne) eingewiesen. In den folgenden zwei Jahren schreibt sie, wie ihre erste Biographin, die Ärztin Jacqueline Porret-Forel berichtet, an einer eigenständigen und in sich geschlossenen Kosmogonie, mit deren Hilfe sie ihrem Dasein nach der Internierung einen Sinn geben kann. 1920 wird Aloïse nach Gimel in die Anstalt La Rosière verlegt. Hier schreibt sie vor allem und schafft kleine schwarzweisse Porträts sowie Zeichnungen erotisierender Blumen. «Die Bestandsaufnahme war kurz und die Bilanz klar : Ihre alte Welt lag in Trümmern, sie nannte sich sapin de Noël éteint, ausgelöschter Weihnachtsbaum. Der Baum ist ein Symbol des Lebens, Weihnachten ist ein Symbol des Feierns und der Freude, und Auslöschen ist ein Symbol des Todes. Sie nannte sich mater dolorosa, schmerzensreiche Mutter. Sie nannte sich Lulu, multiple enceinte de souffre, vielfache Lulu, schwanger mit Schwefel, eine poetische Umschreibung der Fragmentierung ihrer Persönlichkeit und der Bitterkeit, die sie in einer kreativen Geburt wieder loswerden wollte. - Die multiple Lulu führte in der Tat ein vielseitiges Leben in der eintönigen Anstalt von Gimel. Sie führte das Alltagsleben einer Anstaltsinsassin und einer zuverlässigen Hilfskraft, welche die Schürzen der Schwestern glättete. Sie führte ein Wahnleben als Opernsängerin, als Papst, Napoleon 1., Wilhelm Il. und als Verkünderin einer neuen Philosophie, des Ricochetisme. Sie führte ein imaginäres Lotterleben als Kurtisane imaginärer Liebhaber. Sie führte ein Künstlerleben als Dichterin, Zeichnerin und Malerin. Innere und äussere Realität vermischten sich zu einem neuen Ganzen. Aloïse spielte alle Rollen synchron und diachron, entwarf die Rollen selber und entwarf die Choreographie und Dramaturgie» (Gottlieb Guntern). Über das zeichnerische Frühwerk ist wenig bekannt. Zum einen zeichnet Aloïse in den zwanziger und dreissiger Jahren wenig und zum andern gehen viele dieser Arbeiten aus mangelndem Interesse verloren. Wie Adolf Wölfli arbeitet auch sie in ihren frühen Werken hauptsächlich mit Bleistift. Sie illustriert Briefe, zeichnet auf Umschläge und bedrucktes Papier. Mangelndes Zeichenmaterial veranlasst sie, es sich aus Papierkörben zusammenzutragen. Sie näht Packpapierabfälle zusammen, um grössere Flächen zu gewinnen. Ab 1938 werden ihre Werke gesammelt, und ab 1941 werden ihr zunächst Farbkreiden und Zeichnungshefte, dann Papierbögen und Packpapierrollen zur Verfügung gestellt. Nun systematisiert und monumentalisiert sie ihr Schaffen. Es entstehen farbige, souveräne Mehrfgurenzeichnungen, mit denen sie sich als Künstlerin gültig etabliert. 1950, über 60 Jahre alt, zeichnet sie mit der 14 m langen Cloisonné de -théâtre ihre umfassendste Arbeit. 1963 zeigt sie ihr Schaffen zusammen mit den Künstlerinnen der Société suisse des femmes peintres, sculpteurs, décorateurs im Kunstmuseum Lausanne. Immer erneut lässt Aloïse in ihren Zeichnungen die aus der Geschichte, von der Bühne und aus dem politischen Tagesgeschehen bekannten, grossen, tragisch liebenden Frauen - und mächtigen, einsamen Männergestalten auftreten: ... Romeo und Julia, Churchill, Maria Stuart, Napoléon, Marie-Antoinette, Luther, Kleopatra, König David, Königin Juliana, De Gaulle, Esméralda, Papst Pius XII., Kaiserin Zita. Barocke und mächtige Frauen bilden den Mittelpunkt, um den Aloïse die bald erzählerischen bald ornamentalen Szenerien aufbaut. Gelb und die Farben des Regenbogens - Rot, Orange, Grün, Blau, Indigo, Violett - sind die von ihr bevorzugten Farben. In dieser irisierenden Welt des Reichtums und Glanzes sind die Männer Statisten. Dieser spielerische, szenische und imaginative Gehalt von Aloïses Schaffen, in dem sie sich aller Rollen wirkungsmächtiger Frauengestalten versichert, erinnert an die Farbstiftzeichnungen von Pierre Klossowski (geb. 1905, lebt in Paris), nicht in erster Linie an jene mit dem kleinen Mann aus dem Zyklus Roberte ce soir, sondern an jene beiden späten Blätter mit dem Titel Le grand renfermement. Klossowski vereinigt die grossen Denker des Eros, zu denen er selber zählt, unter denen er aber auch zugleich, bei aller Verwandtschaft im Denken, seinen eigenen Platz beansprucht: ... Michel Foucault, Georges Bataille, Antonin Artaud, Sigmund Freud, Friedrich Nietzsche, Marquis de Sade. Einer der hauptsächlichsten Antriebe von Aloïses Schaffen dürfte ebenfalls gewesen sein, durch die wechselweise Identifikation mit und die Abgrenzung von grossen Frauengestalten sich über ihre eigene Rolle Klarheit zu verschaffen und sie nie zu vergessen. Aloïse, nach einer Tonbandaufzeichnung aus dem Jahre 1963, beim Zeichnen: «Eine Frau in einem Schiff, etwas Rot, etwas Schwarz, das ist also das Schiff, etwas Gelb ... man wird seekrank auf diesen Schiffen ... wenn das Meer nicht ist, dann heisst das nichts. Das ist der Lotse ... er hat blaue Augen, der Lotse ... das ist zu dunkel ... ich habe kein Grün, aber es hat ja keine Pferde ... nicht gerade umwerfend, aber der ist so ... sie stehen aufrecht im Gewand anstatt ein bisschen zu liegen ... Da hat es Gelb, wie hässlich das ist ... und Himmelblau ... das wäre für morgen, oder soll ich noch ein wenig weitermachen? Oh, wie schön, diese Regenbogeneffekte! Ich habe nichts gehört. Ich habe noch etwas anderes gehört im Raum. Fragt sich, ob es wirklich dieses Rot ist, Granat vielleicht, hat es kein dunkleres? Das ist zu sehr Amethyst. Ich will sehen, ob es möglich ist ... so vielleicht ... man müsste wissen, ob es logisch ist, und dann müsste man es so machen. Ah, was für ein Grauen (horreur) ! Ja ... die ehren (honorer), die es gemalt haben. Photographieren ist einfacher ... Der Apparat, der erlöscht statt sich wieder zu entzünden ...» Roman Kurzmeyer Harald Szeemann - Visionäre Schweiz im Kunsthaus Zürich 1991 Verlag Sauerländer Bunt ist meine Lieblingsfarbe Farbstift- und Ölkreide-Zeichnungen der Art brut und der Moderne. Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn vom 28.08.04 bis 07.11.04 Mit Werken von Aloïse , Benjamin Bonjour, Helmut Federle, Camille Graeser, Johann Hauser, Helmut, Josef Herzog, Adolf Hölzel, Johannes Itten, Emma Kunz, Alfred Leuzinger, Richard Paul Lohse, Jean-Luc Manz, Max Matter, Otto Meyer-Amden, Karim Noureldin, Meret Oppenheim, Jean Pfaff, Oskar Schlemmer, Friedrich Schröder-Sonnenstern, Sophie Taeuber-Arp, Alois Wey, Adolf Wölfli, Beat Zoderer Ausgangspunkt der grossen, rund 185 Werke umfassenden Ausstellung ist das Schaffen von Aloïse (Aloïse Corbaz, 1886-1964), das dank einer Schenkung von Etienne und Jacqueline Porret-Forel in unserer Sammlung reich vertreten ist. Neben der Collection de l’Art brut in Lausanne besitzt das Kunstmuseum Solothurn mit 36 Werken die bedeutendste Aloïse-Sammlung. Für ihre Zeichnungen hat Aloïse vorerst Farbstifte, später Ölkreiden verwendet. Diese Vorliebe bildet den äusseren Rahmen der Ausstellung. Wichtiger ist jedoch die Hinwendung zur Buntheit und einer damit einhergehenden «Systematik», die nicht nur in der Art brut, sondern auch in der klassischen Moderne und der zeitgenössischen Kunst auftritt. Der Titel der Ausstellung Bunt ist meine Lieblingsfarbe stammt denn auch von Walter Gropius, dem Gründer des Weimarer Bauhauses. Mit den (Farb-)Theorien und Utopien der Moderne ist oft eine geometrische Bildsprache verbunden, die sich auch in der Art brut findet, am offensichtlichsten in den Farbstiftzeichnungen von Adolf Wölfli (1864-1930). Diese sind geprägt durch ihre Buntheit, Symmetrie und Ordnung. Viele der gegenständlichen Motive sind abstrahiert und als wiederkehrende Elemente in musterartige Abläufe eingebunden; charakteristisch ist die Verwendung klarer Strukturen und Rhythmen, die vom musikalischen Interesse des Künstlers zeugen. Wie bei Wölfli, jedoch weniger streng, werden auch bei Aloïse geometrische, teils symmetrische Elemente verwendet. Häufig kommen Reihungen und Quadrierungen vor, die sich durch das Zusammennähen mehrerer Papiere zwar zwingend ergeben, die aber gleichzeitig von einem «universalen» Denken in Zusammenhängen zeugen. Rigorose Stilisierung, Geometrie und Symmetrie bestimmen auch die Farbstiftzeichnungen von Johann Hauser (1926-1996), Alois Wey (1894-1985) und Friedrich Schröder-Sonnenstern (1892-1982), dessen surreal anmutende Fantasiewelten den Blättern von Meret Oppenheim (1913-1985) gegenüber gestellt werden. Unter den zeitgenössischen Art-brut-Künstlern sind Ordnungsprinzipien am offensichtlichsten bei Helmut (* 1945): «Die Welt ist zu chaotisch, als dass sie einfach so dargestellt werden könnte. Helmut zeichnet, um sie in Ordnung zu bringen, um eine Regelmässigkeit und Einheitlichkeit wieder herzustellen, die sie erträglich macht.» (Michel Thévoz). Innerhalb der klassischen Moderne treten Ordnung und Geometrie sehr häufig auf. Verbildlicht werden nicht nur Farbtheorien, sondern auch geistige Utopien, die sich oft nur durch eine völlige Abkehr von der Gegenstandswelt gestalten lassen. In anderen Fällen wird das Gesehene durch eine geometrische Stilisierung gleichsam «in eine andere Ordnung» gebracht. Im Bereich der Farbstift- und Ölkreidezeichnung haben Sophie Taeuber-Arp (1889-1943), Johannes Itten (1888-1967), Otto Meyer-Amden (1885-1933) und Oskar Schlemmer (1888-1943) international bedeutende Beiträge geleistet, die in unserer Ausstellung gebührend gezeigt werden. Auch bei den Zürcher Konkreten hat man sich verschiedentlich der farbigen Zeichnung bedient. Eindrucksvolle Beispiele gibt es im Schaffen von Camille Graeser (1892-1980) und Richard Paul Lohse (1902-1988). Einen besonderen Platz nimmt das Werk der Heilerin Emma Kunz (1892-1963) ein, die ihre grossformatigen Farbstiftzeichnungen auf Millimeter-Papier und mit Hilfe des Pendelns geschaffen hat. Die als «Antworten» auf Fragen ihrer Besucher entstandenen Blätter reflektieren eine geistig-visionäre Ebene, die sowohl die abstrakte Moderne wie die Art brut bestimmt. Neben der Gegenüberstellung von Art brut und Moderne, deren Hauptvertreter derselben Generation angehören, wird eine Auswahl zeitgenössischer Werke vorgestellt. Auch hier liegt das Augenmerk auf geometrisch-systematisch arbeitenden Kunstschaffenden. In vielen der oftmals seriell angelegten Exponate versteckt sich hinter der akribischen Bildordnung eine geradezu obsessive, der Art brut verwandte Haltung. Am deutlichsten zeigt sich diese Nähe bei Max Matter (*1941). Seine vielteiligen Systeme und Gitter sind Glanzpunkte des zeichnerischen Schaffens. Die Thematik der «Buntheit als Ganzheit» zeigt sich in den einfachen, doch umso eindringlicheren Serien von Josef Herzog (1939-1998), Helmut Federle (*1944), Jean Pfaff (*1945), Jean Luc Manz (*1952) und Karim Noureldin (*1967). Die Gegenüberstellung von Art brut und moderner rsp. zeitgenössischer Kunst ist nicht neu. Erstmals aber wird das Verbindende nicht im Expressiven, sondern im Systematischen gesehen. Damit wird eine neue Rezeptionsweise vorgeschlagen. Bislang hat man mit der Kunst von Geisteskranken oft eine «verrückte», sprich gestische Formensprache verbunden. Bei genauerer Betrachtung sind systematische Ordnungen jedoch ebenso häufig zu finden. Es sind denn auch Vertreter des Bauhauses oder des Konstruktivismus wie Klee, Schlemmer oder Sophie Taeuber-Arp, die sich schon früh für die «Bildnerei der Geisteskranken» interessierten. Obwohl wir Art brut und Moderne nicht gleichsetzen wollen, kann gerade ihre Gegenüberstellung zu einer gleichwertigen Einschätzung beitragen. Denn bis heute scheint die Art brut eher über die Lebensgeschichte als über den geistigen Anspruch ihrer Künstler rezipiert zu werden. Treffend ist diesbezüglich eine Aussage von Lucienne Peiry (Collection de l'Art brut, Lausanne): «So sehr die Art brut den Sehsinn und die Emotionen anspricht, so sehr appelliert sie an den Verstand. Ihre Arbeiten sind nicht bloss offene Bücher zu den Leiden, Ängsten und Wünschen ihrer Urheber.» Umgekehrt geht bei den streng erscheinenden Zeichnungen der modernen oder zeitgenössischen Kunst das Emotionale leicht vergessen. So kann die Ausstellung denn einen Beitrag leisten, Klischees auf beiden Seiten abzubauen. Christoph Vögele |