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Berühmte Berner Künstlerinnen und Künstler

Albert Anker

1.4.1831 Ins - 16.7.1910 Ins

Schweizerischer Maler und Grafiker; Genredarstellungen aus dem schweizerischen Volksleben, seit 1870 auch Historienbilder.

www.wissen.de



  • Albert Anker
  • Albert Anker: Der Gemeindeschreiber
  • So tüchtig und fein empfunden: Albert Anker im Kunstmuseum Bern
  • Albert Anker (Wikipedia)
  • Albert Anker (SIKART)
  • Albert Anker (HLS)
  • Anker Haus Ins



    Albert Anker

    Geboren 1.4.1831 (Albrecht Samuel) Ins, gestorben 16.7.1910 Ins, ref., von Ins. Sohn des Samuel, Tierarztes, und der Marianne Elisabeth geb. Gatschet. Neffe von Matthias. Heirat 1864 mit Anna Rüfli, Gouvernante in Dänemark und Russland, Tochter des Sigmund Gottlieb, Metzgermeisters, von Lengnau (BE).

    Nach erstem Zeichenunterricht 1845-48 bei Louis Wallinger in Neuenburg und der Matura in Bern 1851 begann Anker in Bern ein Theologiestud., das er ab 1852 in Halle fortsetzte. 1854 entschied er sich jedoch, Maler zu werden und zog im Herbst nach Paris. Hier wurde er Schüler von Charles Gleyre und besuchte 1855-verm. 1860 zudem die Ecole des Beaux-Arts. 1859-85 beteiligte er sich regelmässig an den Pariser Salonausstellungen (1866 Goldmedaille). Nach Aufenthalten in der Bretagne (1856) und im Schwarzwald (1858) und einer ersten Italienreise (1861-62) folgten zahlreiche Reisen v.a. in Italien und Deutschland, aber auch Frankreich und Belgien. 1862-90 verbrachte Anker den Sommer meist in Ins, wo er die Themen für seine Genregemälde fand, den Winter in Paris. Er schuf auch zahlreiche Porträts und 1866-92 Fayencemalereien für die Pariser Firma Gebr. Deck. 1891 zog er definitiv nach Ins, wo er im Auftrag des Verlegers Frédéric Zahn (La Chaux-de-Fonds) mit Illustrationen zu dessen Gotthelf-Ausgabe begann. Nach einem Schlaganfall, der 1901 seine rechte Hand stark behinderte, hatte er Mühe, grossformatige Ölbilder zu malen und widmete sich vorwiegend der Aquarellmalerei.

    Zahlreich waren Ankers Funktionen in künstlerischen und auch politischen Gremien: 1870-74 Mitglied des Berner Grossen Rats (Einsatz für den Bau des Berner Kunstmuseums), 1878 Mitorganisator der Schweiz. Abteilung an der Pariser Weltausstellung, 1888-92 und 1895-98 Mitglied der Eidg. Kunstkommission, 1891-1901 Mitglied der Eidg. Kommission der Gottfried-Keller-Stiftung, daneben Mitglied zahlreicher internat. Preisgerichte. 1878 wurde er als Ritter der Ehrenlegion ausgezeichnet, 1900 als Dr. h.c. der Universität Bern. Ankers Werk umfasst neben ländlichen Genrebildern, die oft unspektakuläre Momente des unbeschwerten Zusammenlebens unterschiedlicher Generationen zeigen, auch Stillleben, Bildnisse sowie Szenen mit Figuren aus Religion und Geschichte. Stets ist es die unprätentiöse Wiedergabe der Wirklichkeit, die auch Ankers soziales Verantwortungsbewusstsein, sein psychologisches Feingefühl und ein versöhnliches Demokratieverständnis erkennen lässt.

    Quelle: Historisches Lexikon der Schweiz



    Albert Anker: Der Gemeindeschreiber

    Der alte Gemeindeschreiber auf dein sonnigen Bilde Ankers von 1875 im Museum zu Lausanne ist weder ein Halbherr noch ein Ganzherr. Er trägt noch die alte Halb­leinkutte mit Ärmeln zum Aufknöpfen und die schwarze, etwas grünlich gewordene Zipfelkappe; man sieht, er hat eigene Matten und Acker und legt noch selber Hand an, sonst wären sein Gesicht und seine festen Hände nicht von jenem schönen Braun, auf dein das Licht wie auf poliertem Holz spielt. Wie er jetzt gespannt und bedächtig die Ur­kunde überliest, die er ausgefertigt hat, den Federkiel zwi­schen den Lippen zur Korrektur bereit, sieht er aber sicher nicht dümmer aus als der Notari oder der Fürsprech in der Stadt.

    Dieser Federkiel genau in der Mitte des Bildes ist das allerhellste Weiss neben den zahllosen Weiss, die ringsher­um spielen, im Glanzlicht an der Ofenecke, in den Schil­dern an den Registerbüchern, und vor allem auf dem un­erhört gut gemalten Stilleben von allerlei Papier, das hübsch geordnet auf dem Tische liegt; nur das Päcklein von feinstem holländischem Knaster erlaubt sich als etwas, das nicht der Pflicht, sondern der Erholung dient, einen Einbruch in die saubere Rechtwinkligkeit. Da sehen wir in der Ecke einen alten Gültenbrief, der auf Pergament gefertigt ist; unter der Tabakpfeife liegen zwei Aktenbün­del in weichem Pappdeckel mit einer Schnur zusammen­gebunden, alles genau erkennbar, und dann folgen weitere Akten, weisses, gelbliches und angegrautes Papier, und wir sehen, wie auch Falz und Schnitt richtig beobachtet sind, wie das Kerzenstümpfchen in seinem Blechleuchter wieder ein ganz anderes Weiss zeigt, wie die Sonne mild durch­scheinend in die Urkunde hineinspielt, die der tüchtige Greis in den Händen hält, und wie dann andere Dinge dazukommen, die richtig an ihrem Platz sind, aber auch dazu dienen, farbiges Leben in das Vielerlei zu bringen, jedes meisterlich getroffen, das Tintenfass, die Siegellack­stange, das Petschaft, die Schwefelhölzchen, und wir finden auf dem ganzen Bild kein fingerbreites Stücklein, das nicht voller Leben und extra für sich wunderbar gemalt wäre, mit seinem Licht, seinen Körper- und Schlagschatten.

    In Anker kreuzen sich beste Schweizerart und beste französische Schule. Mit Auguste Renoir, mit Claude Mo­net, mit Alfred Sisley, den führenden französischen Im­pressionisten, hat er mit wenigen Jahren Abstand zu den Füssen des nämlichen Meisters, des Waadtländers Gleyre, gesessen. Wenn auch Anker nie daran gedacht hat, sich zu ihrer Gruppe zu zählen, so haben sie doch vieles gemein­sam - wer hat zarte Kindergesichter so strahlend heraus­gebracht wie Renoir und Anker? -, und wenn es nur die ernste, innerlich gefestigte Art wäre, die von den seichten Witzen der Genremaler nichts wissen wollte.

    Albert Anker wurde 1831 in Ins geboren, dort starb er auch 1910. Er wuchs in Neuenburg und Bern auf, studierte in Bern und Halle Theologie. Erst nach dem Abschlussexamen konnte er sich der Malerei zuwenden. 1854 trat er in Paris als Schüler ins Atelier Gleyre ein. Verschiedene Reisen führten Anker noch bis gegen sein 70. Altersjahr immer wieder ins Ausland. Von 1863 an bis 1890 wohnt Anker jeweils während der Sommermonate in Ins, die Win­termonate verbringt er in Paris. Erst 1890 gibt Anker seine Pariser Wohnung auf und wohnt während des ganzen Jahres in Ins.

    «Der Gemeindeschreiber» von 1875 stellt die zweite Fassung des Motivs dar, die erste ging verloren. 1876 malte Anker eine dritte Fassung, die sich heute in der städtischen Kunstgalerie von Sheffield, England, befindet. 1899 entsteht nochmals eine vierte Fassung, die sich in Schweizer Privatbesitz befindet. Die Fassung von 1875 ist in Öl auf Leinwand gemalt ; Format 64,5 x 52 crn. Musée Cantonal des Beaux-Arts, Lausanne.

    Quelle: Schweizer Maler
    100 ausgewählte Titelblätter des Schweizerischen Beobachters
    Text Albert Baur




    So tüchtig und fein empfunden
    Albert Anker im Kunstmuseum Bern


    Wie kein anderer Schweizer Maler steht Albert Anker (1831-1910) für ein ideales Bild einer vergangenen heimatlichen Welt. Er ist der Schweizer Bauernmaler schlechthin. Die Berner Ausstellung «Albert Anker und Paris» enthüllt seine Heimatszenen als artifizielle Salonmalerei. Eine didaktisch hervorragende Schau, die Anker in den Kontext der internationalen Kunstströmungen seiner Zeit stellt.

    Dass Vincent van Gogh Ankers Bilder schätzte, verwundert nicht. Der holländische Maler, der mit der Intensität seiner ganzen Gefühlskraft die Bauern seines Landes gemalt hatte, konnte in der getreuen und innigen Schilderung des Schweizer Landlebens ein verwandtes Streben erkennen. Als «tüchtig und fein empfunden» charakterisierte er Ankers Bilder, die ihm ohne Zweifel in den Ausstellungen des Pariser Salons begegnet waren. Tüchtig im Sinne hohen malerischen Könnens und fein empfunden in der Wahrhaftigkeit der Darstellung - so könnte man van Goghs Urteil auslegen. Das umreisst recht gut, was Ankers Malerei auch noch für ein heutiges Auge auszeichnet.

    Ein Erfolgsmaler

    Ankers Arbeiten waren aber - das ist wenig bekannt - zu seiner Zeit auch noch in einem ganz anderen Sinne tüchtig. Es waren raffiniert komponierte Genrestücke, geschaffen für ein bürgerliches Publikum, das bereit war, für Bilder nostalgisch-ländlicher Idyllen hohe Preise zu zahlen. Anker war ein Erfolgsmaler des Pariser Salons, mehrfach mit Medaillen bedacht, und er wusste sich perfekt den offiziellen Kunstströmungen anzupassen. Flexibel bewegte er sich zwischen den Gattungen, bediente Porträt und Historie, doch sein eigentliches Feld war das Genre, das «Sittenbild» nach niederländischem Vorbild, das im aufgehenden Industriezeitalter sich bester Popularität erfreute. Dabei arbeitete er für eine Käuferschaft, die er in der Metropole ebenso wie in der heimatlichen Schweiz fand. Aufgewachsen in Ins bei Bern, verbrachte der Maler seit seiner Studienzeit etwa die Hälfte des Jahres in Paris, lebte also im anregenden Wechsel zwischen Heimatdorf und Grossstadt. Er konnte diese beiden Welten problemlos verbinden - im Leben und in seiner Malerei. Bürgerliches und Bäuerliches sind in Ankers Bildwelten in einer idealisierten heimischen Sphäre vereint. Ein Aspekt, der zum Erfolg seiner Bilder sicher nicht unwesentlich beigetragen hat.

    Es ist das grosse Verdienst der von Matthias Frehner, Therese Bhattacharya-Stettler und Marc Fehlmann konzipierten Ausstellung im Berner Kunstmuseum, dass Ankers Pariser Seite - der offizielle Motor seines Kunststrebens - erstmals umfassend zum Thema gemacht wird. Ihr Ziel ist eine notwendige Revision des vertrauten, seit nahezu einem Jahrhundert stagnierenden Anker- Bildes. Zu diesem Zweck wurde mit rund 80 Bildern eine historische Situation sozusagen im Kleinen rekonstruiert. Wie einst in den Sälen des Pariser Salons kann der Besucher an den renommierten Malergrössen aus Ankers Zeit vorbeidefilieren, immer im nachbarlichen Vergleich mit dem Schweizer Meister: Charles Gleyre, Alexandre Cabanel, Auguste Toulmouche, François Bonvin, Jules Breton und andere - Künstler, die die einzelnen Sparten der Salonmalerei verkörpern, von der klassizistischen «neogriechischen» Historie bis zum romantischen Genre- und Stimmungsbild.

    Schnell wird dabei klar, wie gezielt Anker sich zwischen diesen orientierte und früh seinen eigenen Stil entwickelte. Er ist erkennbar, und zwar von Anfang an. Schon in den frühen antikischen Szenen, die noch ganz unter dem Einfluss seines Lehrers Gleyre entstanden, zeigt sich das, was ihn bis zu den letzten Bildern fesseln wird: das Interesse an der Lebendigkeit seiner Figuren, an ihrer individuellen Interaktion, am naturalistischen Detail. Eine schmutzige Fusssohle wie bei den griechischen Knaben von Ankers «Knöchelspiel» (1864) wäre undenkbar an den marmornen Gestalten eines Gérôme oder Gleyre. Ankers so lebendige Darstellungen sind dabei stets auch dem verpflichtet, was im Katalog recht treffend als «selektiver Realismus» (Matthias Frehner) bezeichnet wird. Was immer er malt, ob eidgenössische Historien oder Szenen ländlicher Häuslichkeit, alles erscheint unter dem warmen Licht eines befriedeten, harmonischen Daseins. Seine Bilder präsentieren uns eine intakte Welt. Die Darstellungen des bäuerlichen Lebens entsprachen indes weder zu seiner Zeit noch jemals der Wirklichkeit. Es sind konstruierte Idyllen. Es ist schade, dass die didaktisch sehr aufschlussreiche Ausstellung einen Vergleich wie den mit dem deutschen Salonmaler Ludwig Knaus vermissen lässt. Knaus' fotografisch drapierte Landromantik ist reine Kulisse verglichen mit Ankers verhaltener, natürlicher Schilderung - doch ein solches Gegenüber hätte auch die Gestelltheit von Ankers Bauernszenen stärker hervortreten lassen.

    Vielleicht ein wenig zu viel an Desillusionierung? Ankers Darstellungen sind immer dann am besten, wenn er sich ganz der Beobachtung und atmosphärischen Verdichtung widmet, wie bei manchen seiner Kinderszenen. Was an diesen strickenden und sich kämmenden Mädchen fesselt und hält, ist ein Moment der Wahrhaftigkeit, das aus der Nähe zum Dargestellten kommt. Damit weisen sie über das rein Erzählerische seiner Genrebilder hinaus.

    Stillleben ohne Salonambitionen

    Dies trifft auch für eine Gattung zu, die Anker ganz privat und ohne jede Salonambition pflegte. Die Stillleben des Inser Malers - etwa 35 seines Gesamtwerks - sind eine Überraschung, mit der die Berner Ausstellung noch zusätzlich aufwartet. Anker malte sie für sich selbst - Zeugnisse seiner Liebe zur häuslichen Sphäre und Schaustücke seines handwerklichen Könnens, die er von dem grossen Publikum fernhielt. Es ist ein kleiner Parcours der Tafelarrangements: Glas, feines Porzellan und irdenes Geschirr, Wein, Brot, Gebäck und aufgeschichtete Zuckerwürfel, meist ohne symbolhafte Aufladung. Der Maler widmet sich ganz den Dingen und ihrer trauten heimischen Ausstrahlung. Ankers zwei Welten, die bürgerliche und die bäuerliche - hier sind sie nochmals gespiegelt.

    Albert Anker und Paris - Zwischen Ideal und Wirklichkeit. Kunstmuseum Bern. Bis 31. August 2003. Katalog Fr. 48.-.

    Neue Zürcher Zeitung
    Maria Becker 16.07.2003


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