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Hans (Jean) Arp

16.9.1886 Strassburg - 7.6.1966 Basel

Arp Hans (Jean Peter Wilhelm), deutsch-französischer Maler, Grafiker, Bildhauer und Dichter; 1912 Verbindung zum «Blauen Reiter», 1916 Mitbegründer der Dada-Bewegung in Zürich, 1919/20 Zusammenarbeit mit M. Ernst; zuerst Farbholzschnitte und Holz-Klebebilder in ungegenständlicher Formgebung; ab 1930 auch Plastiken, die bei starker Abstraktion die Erinnerung an Organisches bewahren. Arp schrieb Collage-Gedichte, in denen Zufallsfunde von Wörtern mit poetischem Reiz verbunden sind. Hauptschrift «On My Way» 1948.

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  • Arp, wie ich ihn kannte
  • Bei ihm wird das Poetische zur Form
  • Hans Arp (Wikipedia)
  • Hans Arp (SIKART)
  • Hans Arp (HLS)
  • Sophie Taeuber-Arp
  • Dadaismus
  • Der Blaue Reiter
  • Der Moderne Bund



    Arp, wie ich ihn kannte

    Eröffnungsrede von Marguerite Arp-Hagenbach am 17. Mai 1969 anlässlich der Retrospektive Hans Arp im Guggenheim Museum, New York

    Der Künstler Arp ist allen ein Begriff, viele kennen auch den Dichter Arp, und einige kennen Arp als liebenswürdigen und grossherzigen Freund. Als langjährige Freundin und schliesslich seine zweite Frau möchte ich die Gelegenheit nicht versäumen, um zu sagen, dass er als Mensch genauso grossartig war wie als Künstler und dass es herrlich war, mit ihm zu leben. Einige von Arps Werken lernte ich schon als Schulmädchen kennen, als uns der Lehrer in die Ausstellung Neues Leben in die Kunsthalle Basel mitnahm. Meine Schwester und ich waren fasziniert von den Materialien, die die Künstler gebraucht hatten, und wir beschlossen, für unsere Familie und die Freunde des Hauses eine Ausstellung mit ähnlichen Arbeiten zu machen. Wir klebten und befestigten Holzwürfel und andere Materialien auf Kartons und versandten schliesslich Einladungen für einen Sonntag Nachmittag. Die Besucher mussten Eintritt zahlen, und wir verkauften unsere Bilder, doch die Einnahmen wollten wir einem Missionswerk zugute kommen lassen. Es war ein Riesenerfolg! Alle, unsere Tanten und Onkel kamen und kauften, vermutlich nahmen wir für unsere Imitationen mehr ein als der junge Arp für seine aussergewöhnlichen Neuschöpfungen.

    Viele Jahre danach, nämlich 1932, begegnete ich Arp und seiner Frau Sophie bei einem Empfang, den der bekannte Basler Sammler Müller-Widmann, damals unser Nachbar, gab. Ich studierte zu jener Zeit an der Musikakademie, und der Empfang wurde zu Ehren von Honegger gegeben, dessen Oratorium wir unter der Leitung von Paul Sacher vorgetragen hatten. Mich beeindruckten vor allem die Bilder von Sophie und Mondrian, ich erinnere mich jedoch nicht, eine Skulptur oder ein Relief von Arp gesehen zu haben. Hingegen hatte ich viele seiner frühen Gedichte gelesen, und ich tanzte und unterhielt mich gern mit ihm. Er war ein hervorragender Tänzer. Und ich vermute, dass der New Yorker Galerist Sidney Janis Arps Sympathie vor allem gewann, weil er ein guter Tänzer war, und weniger wegen seiner Qualitäten als Händler. Sidney musste ihm immer die neuesten Tänze beibringen, die er in den New Yorker Dancings gelernt hatte. Bald nach diesem Empfang zogen unsere Nachbarn in ihr neues Haus ein, das zum Teil von Sophie Taeuber entworfen war. Bei der Hauseinweihung traf ich zum ersten Mal Schwitters. Auch die Arps waren da, und Hans sagte zu mir, Schwitters sei einer seiner besten Freunde, ein grosser Dichter, «bloss ein wenig verrückt». Nach der Urlaut-Sonate, die Schwitters brillant rezitiert hatte, kam er zu mir und sagte: «Mir scheint, meine Sonate hat Ihnen gefallen. Darf ich ihnen meinen lieben Freund Arp vorstellen? Er ist ein grosser Künstler und Dichter und ein liebenswürdiger Mann, bloss ein wenig verrückt.» Er begriff wohl kaum, warum ich laut herauslachte, als er das sagte, wahrscheinlich dachte er, ich sei verrückter als sie beide zusammen.

    1937 traf ich in der Ausstellung Konstruktivisten in der Basler Kunsthalle viele abstrakte Künstler aus Paris. Arp hatte nicht ausgestellt, denn er war kein Konstruktivist, jedoch seine Frau Sophie. So kaufte ich mein erstes Bild von ihr zusammen mit einem Werk von Moholy-Nagy. Wir feierten viele Feste bei den Müllers, im Haus meiner Eltern, bei den Sachers und anderen Basler Sammlern. Kurze Zeit danach begleitete ich die Müllers nach Paris und besuchte zum erstenmal das Haus Arp in Meudon, wo ich mein erstes Arp-Relief für etwa 150 Schweizer Franken erstand. Arp war ein grosszügiger Freund, dem mindestens so viel am Erfolg seiner Freunde gelegen war, wie am eigenen, und so nahm er mich gleich mit zu Mondrian, Vantongerloo und den Pevsners; da mir Vantongerloos Arbeiten gefielen, fragte ich nach dem Preis eines seiner kleinformatigen Bilder. Er nannte eine astronomische Summe, und ich war sehr enttäuscht. Arp nahm Vantongerloo zur Seite und sagte, er sei dumm, wenn er mir kein Bild verkaufen wolle, ich fange erst an zu sammeln, und es liege im Interesse aller abstrakten Künstler, mich zu ermutigen. Darauf erhielt ich das Bild zu einem vernünftigen Preis. Mein Vater hatte mir einen Scheck für Paris ausgestellt, so konnte ich diese zwei Kunstwerke bezahlen und die Künstler, die ich in Paris kennengelernt hatte, in ein gutes Restaurant einladen.

    Ich weiss noch, wie uns die Leute anstarrten, als wir durch die Champs-Elysées schlenderten, denn Frau Pevsner trug einen grossen Hut und ich nur einen winzig kleinen. Zusammen haben wir sicherlich ein ausgefallenes Bild abgegeben. Meine Sammlung wuchs langsam, aber stetig, und ich befreundete mich sehr mit den Arps, den Pevsners, Moholy-Nagy, Schwitters und mit Hans Richter. Frau Müller-Widmann sandte Arp einige Jahre vor ihrem Tod Kopien ihres Briefwechsels mit ihm, und etwas belustigt las ich in einem Brief von Arp an Frau Müller, wie aufregend er es fand, dass eine neue junge Sammlerin in Basel aufgetaucht sei - es war offensichtlich eine Anspielung auf mich - und dass Frau Müller mich auf alle möglichen Arten unterstützen und ermutigen soll.

    Arp hat sich immer für Sammler interessiert, und er sagte mir häufig: «Wenn ich nicht Künstler wäre, würde ich Kunst sammeln.» Er war übrigens auch Sammler, denn er tauschte Bilder mit seinen Freunden aus und kaufte in späteren Jahren solche von jungen Künstlern. Stets ermutigte er junge Freunde, die ihn um seine Meinung fragten. Nie stellte er die Kritik voran, stets sagte er zuerst, was ihm an ihren Bildern oder Skulpturen gefiel und schlug höchtens zum Schluss vor, was sie in seinen Augen besser machen könnten. Arp war ein guter Lehrer, doch er hatte eigentlich nur einen Schüler: Antoine Poncet. Ich hatte Poncets Mutter an der Delaunay-Retrospektive in Bern getroffen. Sie hatte mir erzählt, dass der grösste Wunsch ihres Sohnes sei, mit Arp zu arbeiten, und dass er im Atelier seines Grossvaters Maurice Denis, in St. Germain-en-Laye, arbeiten konnte.

    Zur gleichen Zeit, es war 1951, hatte Arp eine grosse Skulptur für die Universität Caracas in Arbeit. Sein Atelier war nicht hoch genug, und so schlug er vor, mit Antoine in St. Germain zu arbeiten. Antoine zeigte ihm seine neueste Skulptur Le vigneron, und Arp fragte ihn: «Darf ich damit machen, was ich möchte?» «Natürlich», antwortete Poncet. Darauf nahm mein Mann eine Säge, zertrennte den vigneron in zwei Stücke und setzte ihn andersrum wieder zusammen. Er sagte: «Meinst Du nicht auch, dass die Proportionen so besser stimmen und deine Skulptur jetzt ausgeglichen ist?» Dieses Erlebnis traf Poncet wie ein Blitzschlag. Er arbeitete eine Woche lang wie ein Verrückter, und als Arp wiederkam, hatte Poncet einen völlig anderen Stil gefunden. Noch heute bewahrt er die Plastik, an der Arp das Wunder bewirkt hat, wie einen Schatz auf. Doch kehren wir zurück zu den Jahren des Zweiten Weltkrieges. Unsere kleine Gruppe der Basler Sammler zusammen mit Georg Schmidt vom Kunstmuseum versuchte ziemlich forsch, die abstrakte und surrealistische Kunst in der Schweiz durchzusetzen. Wir pflegten enge Kontakte mit Paris, und vielleicht hätten wir auch Erfolg gehabt, wenn nicht der Krieg unsere Bemühungen unterbrochen hätte.

    Die meisten Künstler der Avant-garde der Vorkriegszeit waren vor allem daran interessiert, ihre Arbeiten zu zeigen. Am Geld lag ihnen nicht so viel, obwohl sie es schätzten, wenn sie etwas davon hatten, damit sie ihre Ideen verwirklichen konnten. Stipendien und Kunstpreise gab es praktisch nicht, und die wenigen, die es gab, gingen an akademische Künstler. So zahlten Sammler von moderner Kunst in der Schweiz, in Belgien und Holland regelmässig Monatsgelder an die Künstler. Es gab z. B. in Bern eine Kleegesellschaft, zudem organisierten Freunde von Mondrian eine Lotterie, bei der ein wunderschönes Mondrian-Bild als Preis ausstand, und einige Basler und Zürcher Sammler sandten jeden Monat eine Summe an Arp und seine Frau. Damals entstanden auch viele Kunstgruppen und Kunstmagazine. Ich erwähne nur das Magazin Plastique, das von Sophie Taeuber herausgegeben wurde, natürlich mit viel Unterstützung durch Arp und seine Freunde und mit der Hilfe des amerikanischen Sammlers Gallatin, der mit den Arps eng befreundet war. Leider erschienen nur fünf Nummern dieses hochinteressanten und vielseitigen Magazins, weil der Krieg ausbrach und Sophie 1943 an einem tragischen Unfall starb. Arp war tief erschüttert und konnte wochenlang nicht arbeiten.

    Er durchlebte eine mystische Zeit und zog sich in ein Kloster zurück. Mit der geduldigen Hilfe seiner Schweizer Freunde überwand er den Schock, und seine ersten künstlerischen Reaktionen darauf waren einige schlichte, schöne Gedichte über Sophie sowie drei grosse Reliefs, von denen sich eines, nämlich Architecture de fleur pour une morte, in meiner Sammlung befindet. Sobald der Krieg zu Ende war, kehrte Arp nach Meudon zurück und fand glücklicherweise sein Haus und alle seine und Sophies Arbeiten unversehrt vor. Er fühlte sich natürlich einsam, und eines Morgens rief er mich in seiner Verzweiflung um fünf Uhr an und sagte, ich müsse mich sofort entscheiden, nach Frankreich zu kommen. Arps Nichte erzählte mir später, dass er sich vorgestellt hatte, ich käme am nächsten Morgen in Paris an und dass er gar nicht daran gedacht hatte, dass ich ein Visum benötige, was 1945 nicht so leicht zu bekommen war. Zum Glück erhielt ich bald eines; ich hatte im Krieg für das französische Rote Kreuz gearbeitet, so dass sie mich in der französischen Botschaft kannten. Als ich schliesslich ankam, wurde ich von Arp am Bahnhof empfangen, obwohl ich ihm nicht hatte sagen können, um welche Zeit und in welchem Bahnhof ich ankommen würde. Zu jener Zeit dauerte die Reise von Basel nach Paris etwa 22 Stunden, und die Strecke wurde häufig geändert, wenn irgendeine Notbrücke nicht mehr sicher genug war.

    Ich werde nie vergessen, wie wir an jenem Morgen durch Paris gingen. Auf der Place de la Concorde war kein einziges Auto. Nur wenige Metro-Stationen waren offen, und all die schönen Geschäfte waren praktisch leer, da es nichts zu kaufen gab. Doch Arp war glücklich, dass ich da war. Er hatte auf dem Schwarzmarkt ein wenig Gänseleber und eine Flasche Champagner erstanden, und wir genossen ein köstliches Mahl in seinem Garten. Die darauffolgenden Jahre verbrachte ich zur einen Hälfte in Frankreich und zur andern in der Schweiz, denn ich konnte meine Sozialarbeit nicht aufgeben, bevor ich einen Nachfolger gefunden hatte. Doch auch Arp lebte gerne in der Schweiz, und er begleitete mich oft. Das Kunstleben wurde wieder interessanter und internationaler, und die Pioniere der Moderne der Vorkriegszeit waren sehr gefragt. Ich hatte also viel zu tun. Ich hatte Ausstellungen für Sophie und Hans Arp vorzubereiten, Briefe an Händler, Sammler und Verleger zu schreiben.

    In den ersten Jahren nach dem Krieg war es nicht einfach, die Materialien, die man als Künstler braucht, und Essbares aufzutreiben. Einmal brachte ich aus der Schweiz etwas Reismehl für Pudding mit, denn Arp ass sehr gerne Dessert. Doch ihm stand der Sinn in jenem Moment gerade nach Collagearbeit, und er wollte dafür nicht den amerikanischen Rubber Cernent brauchen. Ich schlug ihm vor, aus dem Puddingmehl Kleister herzustellen, wie wir das als Kinder getan hatten. Von diesem Kleister war Arp so begeistert, dass er jahrelang keinen anderen verwenden wollte. Ich fühlte mich stolz und war froh, dass ich mindestens den Klebestoff beigetragen hatte, der in einer ganzen Serie von schönen Collagearbeiten und Papiers déchirés verwendet wurde. 1947 kam Curt Valentin zu Arp und bot ihm an, sein Händler zu werden. Das war der Anfang einer wunderbaren Freundschaft, die leider durch Valentins Tod 1954 ihr Ende nahm. Zur gleichen Zeit schlug Georges Wittenborn Arp vor, er würde einige seiner Schriften und Gedichte in der Originalsprache und in englischer Übersetzung veröffentlichen. Das Buch On my Way wurde mit zahlreichen Reproduktionen von Skulpturen, Reliefs und Collagen illustriert, und der Bibliothekar des Museum of Modern Art Bernard Karpel und ich arbeiteten an der Arp-Bibliographie.

    1949 kamen Arp und ich zum erstenmal in die USA für die Arp-Einzelausstellung in der Galerie Valentin. Wir reisten per Schiff, natürlich Touristenklasse, denn unser Geld war knapp. So kam es, dass wir in verschiedenen Kabinen untergebracht waren, ich zusammen mit drei Damen, er mit drei Männern. Die Überfahrt war stürmisch, doch da wir beide seetüchtig waren, schlichen wir uns aus den Kabinen, die voller Seekranker waren, und verbrachten unsere Zeit zusammen auf dem Deck oder in der Halle. Eines Nachmittags verunglückte Arp und zog sich einen Sehnenriss am Ringfinger zu. Kaum waren wir in New York, sandte Valentin Arp gleich zum Chirurgen. Als Arp nach der Operation wieder auf sein Zimmer gebracht wurde, war ich natürlich dort, aber auch einer seiner alten Dada-Freunde, Richard Huelsenbeck, den Arp jahrelang nicht mehr gesehen hatte und den ich gar nicht kannte. Er hatte erfahren, dass Arp nach New York kommen würde, und als ihm Valentin erzählte, Arp sei im Spital, stieg er gleich ins Auto und besuchte ihn. Die freundschaftlichen Bande unter den Dadaisten waren etwas sehr Starkes, und ich bin ein wenig stolz darauf, dass sie alle auch zu guten Freunden von mir wurden, und das über den Tod meines Gatten hinaus. Drei Tage später verliess Arp das Krankenhaus, und die Vernissage konnte am vorgesehenen Tag im Beisein von Arp stattfinden.

    Nach der Galerie Valentin ging die Arp-Ausstellung ins Museum von Cincinnati. Valentin brachte uns zur Vernissage, und wir wurden im wunderschönen Plaza-Hotel untergebracht, das ein Wandgemälde von Mirô in der Bar hat und allerlei moderne Ausstattungen in den Zimmern. Die amerikanische Moral gebot uns als Unverheirateten separate Zimmer. Wir kamen eines Abends spät von einer Dinner-Party zurück, die uns zu Ehren gegeben worden war, und Arp wollte in seinem Zimmer Licht machen. Er drückte einen der vielen Knöpfe, leider nicht den für das Licht, sondern er sah, wie sein Bett in der Wand verschwand. Was konnte er nun tun? Meine Zimmernummer hatte er vergessen. Sein Englisch war nicht gut genug, um zu telephonieren, und auf sein Klingeln hin erschien kein Zimmermädchen, denn es war lange nach Mitternacht. Der arme Arp musste wohl oder übel den Rest der Nacht auf den Überresten seines Bettes verbringen. Als ich am nächsten Morgen kam, um mit ihm zu frühstücken, war er in übler Laune. Doch Valentin gefiel die Geschichte, und bei seinen Kunden machte sie Arp sehr beliebt. Arp konnte nicht zur zweiten Ausstellung in der Galerie Valentin kommen, da er 1953 eine Herzattacke hatte. Auch mit Valentins Gesundheit stand es nicht zum besten, und beide waren deswegen sehr bekümmert, doch dann wurde Arp eingeladen, zusammen mit seinen beiden Freunden Max Ernst und Joan Mirô als Vertreter des Surrealismus im italienischen Pavillon der Biennale auszustellen.

    Als wir in Venedig ankamen, anerbot sich Remo Rossi, der für den Schweizer Pavillon verantwortlich war und den wir etwas kannten, er würde Arp beim Aufstellen helfen. Er tat dies so gut, dass ihn auch Max Ernst bat, ihm zu helfen. Jedermann machte Prognosen über den grossen Preis, doch Arp kümmerte sich nicht darum. Er fand seinen Spass daran, durch Venedig zu schlendern, auf dem Markusplatz einen Kaffee zu trinken oder einen Gelato zu essen. Und als das Verdikt der Jury am Nachmittag feststand, rief ihn der Sekretär der Biennale Umbro Apollonio an. Arp verstand seinen Namen nicht und sagte: «Nein, ich bin nicht das polnische Konsulat». Mir war sofort klar, was der Anruf bedeutete, ich griff nach dem Hörer und konnte Arp mitteilen, dass ihm der internationale Preis für Bildhauerei verliehen worden war. Es freute ihn, doch er konnte es fast nicht fassen, dass er wirklich eine Million Lire erhalten sollte. Wenige Minuten später rief Valentin an und lud uns zu einem Drink ein. Und wir gingen hinunter auf die Terrasse des Bauer-Grünwald-Hotels, wo uns Max Ernst, der den ersten Preis für Malerei erhalten hatte, und seine Frau schon erwarteten. Wir lachten und umarmten einander und waren ganz ausser uns vor Aufregung. Viele Feste wurden gefeiert, das reizendste davon war eine Bootsfahrt nach Torcello in einem privaten Motorboot zusammen mit Curt Valentin, Roland Penrose, Swarzensky, Marino Marini und einigen anderen mit ihren Frauen und Freundinnen. Wir assen in einer kleinen Trattoria auf der Insel. Natürlich besuchten wir auch die wunderschöne Kathedrale mit den Mosaiken, die Arp zu einem Gedicht inspirierten, dessen erste Version er mir in der Nacht nach dem Ausflug diktierte.

    Arp war immer an der Arbeit. Wenn er nicht bildhauerte, schrieb er Gedichte, und wann immer er unterwegs war, hatte er ein kleines Notizbuch bei sich und fing mit seinem Bleistift Details von Bauten, Landschaften oder Gemälden ein, die ihn faszinierten. Oft tauchten sie später wieder in seinen Reliefs oder Collagen auf, doch natürlich ganz verwandelt, so dass es am Schluss typische Arp-Elemente waren. Dasselbe tat er, wenn er Gedichte schrieb. Oft kritzelte er auf einem gemeinsamen Spaziergang einige Sätze in sein Notizbuch, oder wenn er gerade kein Papier hatte, sagte er sie mir, und ich musste sie behalten, bis wir zuhause waren, wo ich sie tippen konnte. Diese kleinen Zettel legte er dann in die Schublade seines Schreibtisches und vergass sie, bis er in Stimmung war, ein Gedicht zu schreiben. Manchmal erzählte ich ihm meine Träume. Wenn ihn irgend ein Detail amüsierte, schlüpfte es ganz natürlich in seine Gedichte und wurde ein Teil seiner Träume. Die Gefährtin eines grossen Künstlers zu sein, ist wohl eine der spannendsten Lebenserfahrungen. Und das Schöne daran ist, dass der Tod diese Gemeinsamkeit nicht zerbrechen kann. Arp ist noch heute ein genauso wirklicher Teil meines Lebens wie vor seinem Tod. Ich hoffe, dass ich einen Eindruck von Arps Persönlichkeit habe vermitteln können. Sicher gäbe es noch viel zu sagen. Doch seit Arp berühmt geworden ist, sind über ihn so viele gute Bücher und Essays erschienen, dass über die späten Jahre seines Erfolgs viel bekannt ist. Für ihn wie für mich war der Erfolg sicherlich anregend, doch nicht wesentlich. Für uns war unsere Liebe zur Kunst, zum Leben und für alles Schöne und Gute wesentlich, daraus bezogen wir unser Glück.

    Eröffnungsrede von Marguerite Arp-Hagenbach am 17. Mai 1969 anlässlich der Retrospektive Hans Arp im Guggenheim Museum, New York



    Bei ihm wird das Poetische zur Form

    Hans Arp war Mitbegründer des Dadaismus in Zürich. Eine Würdigung von Max Bill zum 60. Geburtstag des grossen Avantgardisten.

    Unter den europäischen Künstlern der Avantgarde ist wohl der Maler, Dichter und Plastiker Hans Arp mit Zürich und der Schweiz am meisten verbunden.

    Wenn wir seinen Lebensweg bis heute überblicken, so stellen wir fest, dass er am 16. September 1887 in Strassburg geboren wurde, später in Weimar und Paris studierte, dann um 1912 in München mit den generationsälteren Künstlern des «Blauen Reiter», Wassily Kandinsky und Franz Marc, in Verbindung kam und dass er während des ersten Weltkrieges in Zürich wohnte, wo er vor 30 Jahren zusammen mit Hugo Ball und Tristan Tzara das «Cabaret Voltaire» und damit die «Dada»-Bewegung begründete. Der Dadaismus, der von 1916 an nicht nur Zürich, sondern auch bald das Ausland beunruhigte, war hervorgerufen worden durch die neuen Erscheinungen in der Kunst, den Kubismus und gesteigerte Abstraktion in der Malerei, durch die Befreiung der Sprache, wie sie sich bei Christian Morgenstern und Guillaume Apollinaire angekündigt hatte, und durch die neue Musik von Schönberg und Strawinsky. Die Dadaisten setzten sich über die herkömmlichen, übernommenen Kunstformen hinweg und beschäftigten sich mit Ausdrucksmitteln, deren sich bisher niemand ernsthaft angenommen hatte; in ihnen fanden die Dadaisten den Reiz des Neuen, des Unverbrauchten und schöpferisch Verwendbaren. Heute ist der Dadaismus in die Kunstgeschichte eingegangen als der Vorläufer der konkreten Kunst einerseits und des Surrealismus andererseits.

    Pionier der konkreten Kunst

    Um jene Zeit wirkte auch Sophie Taeuber, mit der Arp sich später verheiratete, im «Cabaret Voltaire» mit, durch sie und trotz der späteren Übersiedlung nach Meudon bei Paris ist die Schweiz für Arp seine zweite Heimat geblieben. Immer wieder kehrt er nach Zürich und Basel zurück, und immer wieder ist er helfend tätig bei der Organisation von Ausstellungen moderner Kunst, sei es im Zürcher Kunsthaus oder in den Kunsthallen in Basel oder Bern, oder sei es als Mittler für die Förderung junger Schweizer Künstler im Ausland. Im zweiten Weltkrieg war die Schweiz für ihn wiederum Zufluchtsort geworden, und hier verlor er kurz nach seiner Rückkehr seine Frau und Mitkämpferin.

    Auch Bindungen rein künstlerischer Art zwischen Hans Arp und der Schweiz verdienen der Erwähnung: die Feststellung, dass wohl von keinem ausländischen Künstler unserer Zeit so viele Werke sich in schweizerischen Sammlungen befinden wie von Arp, ist sicher keine Übertreibung. Ausserdem darf man feststellen, dass ein grosser Teil seiner Gedichtsammlungen in der Schweiz erschienen sind. Dies ist deshalb keine Selbstverständlichkeit, weil Arp auch heute noch in der Front steht, wo die Kämpfe um die künstlerischen Belange geführt werden. Zusammen mit seinen Altersgenossen Antoine Pevsner, Kurt Schwitters und Georges Vantongerloo ist er einer der Pioniere der konkreten Kunst, die er selbst umschreibt:

    «Nous ne voulons pas copier la nature. Nous ne voulons pas reproduire, nous voulons produire. Nous voulons produire comme une plante qui produit un fruit et ne pas reproduire. Nous voulons produire directement et non par truchement. – Comme il n’ya pas la moindre trace d’abstraction dans cet art nous le nommons: art concret.»

    Hans Arp ist in einem immer dem Dadaismus und sich selber treu geblieben, nämlich in seinem Schaffen auf dem breiten Feld zwischen der konkreten Kunst und dem Surrealismus. Seine Kunst ist poetisch und formal. Das Poetische wird bei ihm Form, das Formale Poesie. Schon deshalb begegnen wir bei ihm jener seltenen Vielseitigkeit des Ausdrucks trotz Einheitlichkeit des schöpferischen Gedankens.

    Gletschermühlen und Karrenfelder

    Damit kommen wir zum eigentlichen Gehalt seiner Werke, diesen urtümlichen Formen, denen wir schon irgendwo begegnet zu sein scheinen und die wir dennoch nicht klassieren können. Oft sind es Dinge, die uns an Gletschermühlen und Karrenfelder erinnern. Oft glauben wir irgendwo von weit her senkrecht auf die Erde zu blicken und unbekannte, doch vertraute Seen zu erkennen. Oft scheint uns ein magisches Zeichen von unbekannter, gesetzgebender Hand geschrieben zu sein. – Mit dieser Magie der Zeichen und Urformen mischt sich jedoch bei Arp etwas zweites, was seine Werke als ganz besonders unserer Epoche angehörig erscheinen lässt, es ist dies die Präzision der Ausführung, die Direktheit der angewendeten Materialien. Arp ist ein Künstler, der mit seltener Konsequenz für seine «Bilder» dem Material besondere Wirkungen abringt.

    Wenn zu Beginn seines Schaffens oft ein spielender Humor, ein hintergründiger Doppelsinn seine Werke kennzeichnete, wie in der «Schnurr-Uhr», der «Nabelflasche» und ähnlichen Werken, so sind seine späteren «Concrétions humaines» und «Configurations» ganz auf den inneren Sinn ihrer Gestalt konzentriert. Einen ähnlichen Weg beschritt Arp auch als Dichter. Wenn wir Gedichte, die «Der Pyramidenrock» (Rentsch, Erlenbach-Zürich 1925) enthielt, oder solche aus «Weisst du, schwarzt du» (Pra-Verlag, Zürich 1929) mit seinen Dichtungen aus den letzten Jahren vergleichen, so stellen wir auch hier grosse Veränderungen fest in der Ausdrucksweise und in der Vertiefung der Gedankenwelt. Währenddem seine frühen Gedichte sinngemässe Weiterführungen derjenigen von Christian Morgenstern sein könnten, in neuer, persönlicher Wandlung, so spüren wir aus seiner neueren Poesie einen tieferen Sinn, der durch die Ereignisse der Kriegszeit grösser geformt wurde und in vollkommener Weise in einem Vierzeiler konzentriert ist.
    Vite une tranche de terre
    Vite une tranche de feu
    Car la nuit arrive
    Avec sa mèche de sang
    Oder dann in einem Erinnerungsgedicht an Sophie Taeuber.

    für dich
    war die welt
    nie dunkel
    und zerklüftet
    du schrittest mir voran
    mit frohem glanz
    und frohem schein
    dein mut zog hilfreich
    in mich ein
    du schirmtest
    unseren traum
    und jede stunde
    hatte einen sinn
    und einen sauberen saum
    Solche Einfachheit und Klarheit, diese ruhige Bewegtheit und elementare Grösse, und auch der «saubere Saum», durchziehen das Werk, das Hans Arp in den letzten 30 Jahren geschaffen hat.

    Erschienen am 26. September 1947
    Der Maler, Plastiker, Designer, Architekt und Kunsttheoretiker Max Bill (1908–1994) hat diesen Text zum 60. Geburtstag von Hans Arp verfasst.


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