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Kunst - Glossar Christian Boltanski 6.9.1944 Paris Französischer Künstler; Vertreter der Spurensicherung, der sich mit der Dokumentation zurückliegender eigener oder fremder Lebensphasen beschäftigt (vorwiegend durch Fotografie). Im Kellergeschoss des Berliner Reichstagsgebäudes installierte Boltanski einen Archivraum im Gedenken an alle Parlamentarier, die seit Einführung der Demokratie in Deutschland gewählt wurden. Ein schwarzer Kasten dokumentiert die Zeit des Nationalsozialismus 1933-1945. www.wissen.de Christian Boltanski Christian Boltanski ist innerhalb dieser Ausstellung die zweite Grenzüberschreitung. Nach Osten ist es der Wurzelplastiker Franz Huemer, nach Westen ist es der am 6. September 1944 in Paris geborene Christian Boltanski. Der Grund seiner Präsenz ist sein Werk Les Suisses morts (Die toten Schweizer). Doch zuerst etwas über sein Schaffen. Christian Boltanski realisiert seine ersten Aufarbeitungen von Geschichten und dramatischen Ereignissen in Form grossformatiger Bilder (1958-1967). Ab diesem Zeitpunkt geht er an die Rekonstitution seiner eigenen Kindheit mittels Film, Fotografie, Mail Art, Objekt. Die Filme: Das unmögliche Leben des Christian Boltanski (1968), Der Mann, der hustet (1968), Der Mann, der leckt (1969), Wie können wir ihn ertragen? (1969). In zwei Publikationen verwendet er Fotos zur Nachforschung nach all dem und der Präsentation all dessen, was aus meiner Kindheit (1944-1950) übriggeblieben ist (1969) und zur Rekonstituierung eines Unfalls, der mir noch nicht zugestossen ist, aber in dem ich den Tod gefunden habe (1969). Er versendet kleine Säcklein mit einem Büschel Haare und ein Foto seiner Schwester, das sie beim Graben am Strand zeigt. Es folgen 3000 Kugeln aus Dreck und 900 kleine Messer und Fallen. Momente seines Lebens konserviert er in beschrifteten Biskuitschachteln und setzt seine Sendungen fort: Christian Boltanski im Alter von 5 Jahren und mit 3 Monaten Unterschied; Christian Boltanski und seine Brüder und ein Brief an Freunde, Galeristen, Museumsdirektoren, in dem er sie verzweifelt um Hilfe bittet (1970). Dann rekonstruiert er in Plastilin Gegenstände, die ihm einst gehört haben, auf einer Schallplatte Wiegengesänge und schnitzt aus 926 Zuckerwürfeln Skulpturen. Ein weiterer Film entsteht: Der Versuch, die 46 Tage, die dem Tode von Françoise Guiniou vorausgingen, zu rekonstruieren (1971). Dann entstehen die ersten Wandarbeiten mittels Fotografien: Die 62 Mitglieder des Mickey Clubs von 1955, Die Kleider des Français C, Regeln und Techniken sowie das Fotografiealbum der Familie D (1972). An weiteren Publikationen finden wir 10 fotografische Bildnisse von Christian Boltanski 1946-1964, in dem er sein eigenes Porträt relativiert und in eine Reihe anderer Knabenbildnisse einfügt, die normalerweise stets an derselben Stelle von ihren Eltern in einem Pariser Park aufgenommen wurden, aber für das Heft am selben Tag. Sein eigener Fall, den er in Arbeiten wie Rekonstitution von Gesten, die von C. B. zwischen 1948 und 1954 ausgeführt wurden (1970), und L'Album photographique de C. B., 1948-1958 (1970), in denen er als Erwachsener sich als Kind interpretiert, wird so zum allgemeinen, alltäglichen, die Suche nach der verlorenen Jugendzeit wir&überpersönlich, und überdies durch die Tatsache untermauert, dass er 1972 eine Versteigerung all der Dinge, an denen er hängt, an Unbekannte organisiert. 1973 schlägt er vielen Museen vor, ganze Nachlässe verstorbener Personen auszustellen. Solche Inventare werden in Baden-Baden, Oxford, Jerusalem, Paris und bis heute (Bordeaux 1990/91) gezeigt. In Dijon entsteht sein erstes öffentliches Werk: Die Schüler des Gymnasiums von Lentillères werden aufgefordert, ihre Lieblingsfotos mitzubringen, die er als Bilderwand zusammenhängt. 1974 schlüpft er in die Rolle des Clowns, um Tote zum Lachen - zum Totlachen, Modellbilder und Komische Szenen zu spielen. Das Video Das Leben ist traurig, das Leben ist lustig wird gedreht. Ab 1976 werden die Fotoarbeiten grossformatiger. Sie führen zu den Fotokompositionen und den Wandkompositionen. Boltanski bezeichnet sich nun als Maler, als Schöpfer photographischer Malerei (Japanische Kompositionen, Westliche Kompositionen, Initiationskompositionen, Theatralische Kompositionen, Musikalische Kompositionen). In diesen Kompositionen werden zuerst Kindheitsobjekte einbezogen, dann mehr und mehr durch Stillebenelemente, Spielzeug, Christbäume, reale und erfundene Symbole bis zu selbstgebastelten Figuren und Marionetten ersetzt. Diese Werke werden inszeniert, mit Lichteffekten dramatisiert, mit Lämpchengirlanden dekoriert. So entstehen seit 1984 seine «Schattenspiele», die entweder motorgetrieben rotieren oder meist durch die Wärme des Kerzenlichtes in Bewegung versetzt werden. Die Kombination von Schattenfiguren, beleuchteten Fotografien, die zu Altären aufgebaut oder in lockerer Form über die Wände verstreut werden, kommt seinen environmentalen Einrichtungen in einem alten Gefängnis in Venedig und in der strengen Spitalkirche der Salpêtrière in Paris entgegen. Die Architektur, grosse und kleine, versteckte und düstere Räume werden Teil seiner Arbeit, die in die Evozierung des Todes, in die Leçons de ténèbres, die «Memento-mori»-Installationen einmündet. Diese Leçons de ténèbres können verschiedene Formen annehmen: eine Ehrung an die Studenten des jüdischen Chases-Gymnasiums von 1931 in Wien oder in Form von Archiven (documenta 7, 1987). Seit 1987 arbeitet er mit Fotos aus Zeitschriften («Détective», «El Caso» ). Es entstehen die mit Les Réserves bezeichneten Werke: Die Reserven der Kinder von Odessa, Die Reserven des Pourim-Festes, die 1989 in grosse Rauminstallationen übergehen, in denen Boltanski Hunderte von abgelegten Kleidern, die für ihn fast dieselbe Bedeutung der Hülle ohne Körper haben wie eine Fotografie, an die Wand nagelt oder mit ihnen den Boden bedeckt. Bedrückende Evokation von Entkleidungen, der Entkleidung in den Lagern. Und seit 1990 gibt es nun Die toten Schweizer. «Viel zu lange habe ich nur mit Fotos toter Juden gearbeitet. Dabei ist doch ein toter Jude Selbstverständlichkeit. Der Tod und der Jude verstehen sich zu gut. Wer dagegen kann sich vorstellen, dass auch Schweizer sterblich sind? Schweizer sind so normal. Es gibt wirklich keinen Grund, warum gerade sie sterben müssen. Tote Schweizer wirken so viel schrecklicher auf uns. Weil sie wie wir sind.» Ihr Porträt ist an den Biskuitschachteln befestigt, wird von Bogenlampen über einem schmalen Gang angestrahlt, so sterben sie ihren Tod ein zweites Mal im Massengrab an der Museumswand. «Es ist universaler, an tote Schweizer zu denken ... Es gibt kein Drama, das man mit ihnen verbinden kann, die Geschichte hat sie nicht gepeinigt, und deshalb ist ihr Tod so schrecklich, weil es unser aller kollektiver Tod ist.» Boltanskis Kunst ist moralisch und amoralisch, sie ist schwarzhumorig und christlich, Erinnerung und Evokation. Ihr grosses Thema ist der Tod. Nicht das Sterben. Die toten Schweizer sind für ihn eine Vanitas-Darstellung. Auf unsere nationale Identitätskrise angesprochen, meint er, dass diese gerade eine Chance darstelle, sich zu verändern, Geschichte zu machen, während die Strukturen in Frankreich und den andern Ländern mit grosser Vergangenheit so festgefahren seien ... «Nicht sterben, jeden Augenblick daran hindern, zu entschwinden, das ist die Aufgabe, die ich mir gestellt habe», schrieb Boltanski 1971. Harald Szeemann - Visionäre Schweiz im Kunsthaus Zürich 1991 - Verlag Sauerländer Spurensicherung Erstmals 1974 anlässlich einer Ausstellung im Hamburger Kunstverein verwendete Bezeichnung für eine Kunstrichtung, bei der der Künstler durch Sammeln realer oder fiktiver Relikte der Vergangenheit realistische Zusammenhänge oder fiktive Welten nach seiner subjektiven Erfahrung konstruiert. Er präsentiert die «Fundstücke» als Assemblagen, Modelle oder in Verbindung mit Fotografien und Texten mit musealem Charakter in Schaukästen und Vitrinen. Vertreter sind u. a. C. Boltanski, A. und P. Poirier und C. Simonds. www.wissen.de |