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Berühmte Berner Künstlerinnen und Künstler Emil Cardinaux 11.11.1877 Bern - 2.10.1936 Bern Emil Cardinaux - Wegbereiter der Schweizer Plakatkunst Der zeichnerisch und malerisch begabte Emil Cardinaux, 1877 in Bern geboren, siedelte als Student der Rechte 1898 nach München über. Das künstlerische Klima dieser Stadt - eine der Geburtsstätten des Jugendstils, Erscheinungsort der Zeitschriften «Siinplizissimus» und «Jugend» - bewog Cardinaux, das Jus-Studium aufzugeben und sich der Kunst zu widmen. Während zwei Jahren war er Schüler des Malers Franz von Stuck, des Protagonisten einer symbolistischen Kunst, die zum Linienstil des Jugendstils weiterführt. Von 1903 an lebt Cardinaux wieder in Bern und reist in den folgenden Jahren nach Paris und nach Italien. Er zeichnet und malt als begeisterter Alpinist auch in den Bergen. Inzwischen war er, von der symbolistisch schwülstigen Kunst Stucks herkommend, unter den Einfluss von Ferdinand Hodler geraten. Dessen linienbetonten Stil versucht er in seine eigene, gelegentlich dekorative Bildsprache umzusetzen. Seit etwa 1905 setzte Cardinaux seine flexiblen graphischen Mittel für eine Vielfalt von angewandten graphischen Arbeiten ein: Sie sind Ausdruck von Werbebedürfnissen der verschiedensten Wirtschaftszweige jener Zeit. Ein damals typisches Gebiet der Kleingraphik war die sogenannte «Monokarte», ein kleines Kunstblatt in ein- oder mehrfarbiger Originallithographie, dessen Rückseite der Firmen- oder Verkehrswerbung diente und das eifrig gesammelt wurde. Mit solchen Mono-Blättern hängt wohl Cardinaux' Hinwendung zum Plakat zusammen. Denn seine ersten Plakatentwürfe sind identisch mit Entwürfen für Monos. Von 1906 an beschäftigt sich Cardinaux regelmässig und intensiv mit Plakaten. Er gehört - neben Burkhard Mangold - zu den eigentlichen Begründern des künstlerischen Plakates, sowohl in schweizerischem Rahmen wie auch in internationaler Sicht. Bis zu seinem Tod, 1936, dürfte er weit über 100 Plakate geschaffen haben. Zumindest ein Teil dieser Plakate gehört zu den Pioniertaten der Schweizer Plakatkunst. Cardinaux' Plakatschaffen umfasst die Bereiche Warenplakat, Verkehr, Veranstaltungen und Politik. In jedem dieser Bereiche hat er bedeutende Leistungen vollbracht. Seine entscheidenden Beiträge zur schweizerischen Plakatkunst dürften zwischen 1906 und 1918 liegen. Spätere Plakate, vor allem die Entwürfe für gesamtschweizerische oder regionale Verkehrswerbung, zeigen einen bildmässigen, betont malerischen Stil, der die ursprüngliche, plakatgemäss lapidare Bildsprache vermissen lässt. Zeigen die frühen Warenplakate (Schokolade Villars) in der kraftvollen Konturierung der Motive noch die humoristische graphische Sprache des späten Jugendstils, so verraten spätere Warenplakate eine eigenständige Verwandlung der Werbebotschaft: etwa die suggestive Visualisierung der Kraft von Berna-Lastwagen (1913), oder die Geschwindigkeit der Martini-Automobile (1916), oder die auf schwarzweisse Silhouetten reduzierte Eleganz der Männerbekleidung (Burger-Kehl, PKZ, 1911). Zu einer grandiosen, vielleicht nie mehr erreichten Leistung geriet das Zermatt-Plakat von 1908. Welch gewaltiger Schritt nach vorwärts dieses für die damaligen Verhältnisse so kühne Plakat bedeutet, ist nur zu ermessen, wenn man es mit seinem direkten Vorgänger, dem bieder-illustrativen Zermatt-Plakat von A. Reckziegel,1898, vergleicht. Monumentalisierende Vereinfachung des Bergmotivs, Verzicht auf Details, Verfremdung der Farbgebung machen das Zermatt-Plakat Cardinaux' zu einem Klassiker der Plakatkunst. Ahnliches gilt für das Plakat der Landesausstellung 1914 in Bern. Der fahnentragende Bauer auf dem grünen Schimmel wurde damals als so ungewöhnlich, so schockierend empfunden, dass er einen landesweiten Kunstskandal auslöste. Ein in Eile herausgegebenes neutrales Plakat musste die Gemüter besänftigen. Dass das unnaturalistisch grüne Pferd eine einfache Symbolik hatte, wurde nicht begriffen. Der selbstherrliche Bauer, ein eigentlicher Herrenbauer, sollte ja die «grüne Welt» der Landwirtschaft zum Ausdruck bringen. Weniger Anstoss erregten die stark expressiven Theater- und Konzertplakate Cardinaux': die «Salome» von 1914 und Palestrina von Pfitzner» von 1917, oder die politischen Affichen wie «Ja zum Völkerbund» von 1920 und die grosse Folge werbewirksamer, zum Teil eleganter Warenplakate der zwanziger Jahre. Oft unerwartete Töne konnte Cardinaux immer wieder in Tourismus-Plakaten anschlagen: Die Hodlerisch mächtig aufragenden Baumstämme des Sihlwalds (Sihltal-Bahn 1920) gehören ebenso hierher wie die malerisch raffiniert erfasste Feriengesellschaft auf der Hotel Terrasse (Palace Hotel St. Moritz 1920). Solche Plakate präludieren die Anfänge der professionellen Schweizer Graphik, die nach 1920 einsetzt, getragen von Ernst Keller, der mit der Einrichtung einer Graphikklasse an der Zürcher Kunstgewerbeschule einen neuen Typ des spezialisierten graphischen Gestalters heranbildet. Das Verdienst von Emil Cardinaux bleibt es, dass er mit einigen grandiosen Würfen und mit einer stattlichen Reihe überzeugender Plakate eine Entwicklung eingeleitet hat, welche die Schweiz zu einem Land des gestalterisch vorbildlichen Plakats machen sollte. Willy Rotzler Das Plakat in der Schweiz 1991 by Ex Libris Zürich |