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Kunst - Glossar

Le Corbusier

6.10.1887 La Chaux-de-Fonds - 27.8.1965 Roquebrune, Cap Martin

Eigentlich Charles-Edouard Jeanneret; schweizerisch-französischer Architekt und Maler, ; seit 1917 in Paris und dort zunächst von der Ästhetik des Kubismus beeinflusst. Le Corbusier erstrebte die Zurückführung der Baukörper auf stereometrische Grundformen und die Betonung der Funktionen des Bauganzen und seiner Teile auch bei Wohngebäuden. Folgenreich im Städtebau wurde sein Plan für eine moderne Idealstadt: Villenhochhäuser als «Wohneinheiten» liegen in grösseren Grünflächen (später ausgeführt in Marseille, 1947-1952; Nantes-Rezé, 1952-1957; Berlin, 1957). Die Masse der Bauteile sind ausgerichtet nach dem von ihm entwickelten «Modulor»-Proportionssystem. Hauptwerke : Schweizer Haus der Cité Universitaire in Paris, 1930-1932; Erziehungsministerium in Rio de Janeiro, 1936-1945; Verwaltungs- und Kulturzentrum in Chandigarh (Indien), 1951-1957; Wallfahrtskirche Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp, 1950-1954; Kloster La Tourette in Eveux, 1957.

www.wissen.de



  • Le Corbusier (Carlo Cresti)
  • Le Corbusier (Werkverzeichnis)
  • Formwerdung des Geistigen
  • Le Corbusier auf der 10-Franken-Note



    Le Corbusier

    Charles Edouard Jeanneret, der spätere Le Corbusier, wird am 6. Oktober 1887 in La Chaux-de-Fonds, Kt. Neuenburg, geboren. Sein Vater war Graveur und seine Mutter - Marie Charlotte Amélie Perret - eine Musikerin.

    Mit vierzehn Jahren wird er in die Ecole d'Art von La Chaux-de-Fonds aufgenommen, wo er eine Graveur- und Ziseleurlehre absolviert. Unter der Leitung von Charles L'Eplattenier nähert er sich dem Studium der Natur und erhält den ersten Unterricht in Kunstgeschichte.

    1902 ziseliert er eine Uhr, die auf der Internationalen Ausstellung der Dekorativen Künste in Turin ausgestellt und prämiiert wird. 1905 baut er in La Chaux-de-Fonds für ein Vorstandsmitglied der Kunstschule das erste Haus.

    1906 folgt er dem Ratschlag von L'Eplattenier, der ihn ganz entscheidend auf den Weg der Architektur führte, und begibt sich nach Italien: er besucht Florenz, Siena, Pisa. Im darauffolgenden Jahr ist er in Österreich, wo er das Atelier von Josef Hoffmann besucht, aber er ist von Loos' Antikonformismus fasziniert. Im Februar 1908 erreicht er Paris und wird in Auguste Perrets Atelier angestellt, wo er die ungeahnten Möglichkeiten der Stahlbetonstruktur kennenlernt.

    1910 zieht er sich in die Berge zurück, um die Berechnungen der Stahlbetonkonstruktionen zu studieren. Dann begibt er sich nach Berlin, ins Atelier von Peter Behrens, wo er Mies van der Rohe und Walter Gropius kennenlernt. An Behrens schätzt er die Klarheit der begrifflichen Formulierungen, die es erlauben, das Verhältnis von Zeichnung und Industrie in Angriff zu nehmen und zu lösen und die die Entwicklungsmöglichkeiten, die sich der Architektur eröffnen, sichtbar machen. 1911 und 1912 besucht er den Balkan, Griechenland und Kleinasien. Nach dieser Studienreise und den ersten Kontakten mit den Gärungen der europäischen Avantgarde trifft er eine Auswahl und orientiert sich auf die rationalistischen Erscheinungen. In dieser Phase definiert er die Elemente seiner Gestaltungsweise, die sich deutlich im Haus Domino ablesen lassen. Beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges kehrt er nach La Chaux-de-Fonds zurück und unterrichtet dort.

    1917 kommt er wieder nach Paris, um sich endgültig dort niederzulassen; er schliesst Freundschaft mit dem Maler Amédée Ozenfant.

    1918 entsteht durch die Zusammenarbeit mit Ozenfant das Manifest Après le cubisme, das ist der Gründungsakt der Puristischen Bewegung. Aus dieser Zeit stammen seine ersten Erfahrungen mit der Malerei.

    1920, immer noch mit Ozenfant und dem Dichter Paul Dermée, gründet er den «Esprit Nouveau», eine internationale ästhetische Zeitschrift.

    Von 1920 bis 1922 arbeitet er am Entwurf für das Haus Citrohan und stellt die Formel machine à habiter auf.

    1921 eröffnet er zusammen mit seinem Vetter Pierre Jeanneret das Atelier in der Rue de Sèvres 35, wo er bis 1965 arbeitet.

    Aus dem Jahre 1922 stammt der Plan für «eine zeitgenössische Stadt für drei Millionen Bewohner», der im Salon d'Automne ausgestellt wurde. Zur gleichen Zeit entwirft und baut er das Haus für Ozenfant und die Villa in Vaucresson.

    1923 schreibt er die Artikel, veröffentlicht im «Esprit Nouveau», die den wesentlichen Kern einer seiner bekanntesten Publikationen bilden: Vers une architecture.

    Aus diesen Jahren stammt das Projekt für das Haus Roche-Jeanneret in Paris und die Entwurfsstudien für die immeubles-villas. Von der 28. Nummer an arbeitet er nicht mehr an der Publikation des «Esprit Nouveau» mit.

    1925, während der internationalen Ausstellung der dekorativen Künste in Paris, baut er für den Pavillon des «Esprit Nouveau» das wirklichkeitsgetreue Modell einer Wohnzelle der immeubles-villas und zeigt den «Plan Voisin» für Paris (der Plan hat seinen Namen von einem Industriellen, Konstrukteur von Autos und Flugzeugen, der den Bau des Pavillons finanziell ermöglichte). Mit den Erfahrungen aus den Entwurfsprototypen des Citrohan-Hauses entwirft und baut er in Pessac (Bordeaux) eine Siedlung, die von der offiziellen Kritik und der Verwaltungsbürokratie bekämpft wird.

    Im Jahre 1927 erfolgt der Bau der Villa Stein in Garches gemäss der Strenge des ordnenden Liniennetzes. Le Corbusier nimmt am Wettbewerb für den Völkerbundpalast in Genf teil. Nach der zweiten Stufe des Wettbewerbes zieht es die heuchlerische Bürokratie vor, den Auftrag vier Architekten zu übergeben, die an der Spitze der noch herrschenden akademischen Strömung stehen (in der ersten Stufe des Wettbewerbes wurde das Projekt von Le Corbusier verworfen, weil es nicht in Tusche gezeichnet worden war).

    Für die Weissenhof-Siedlung in Stuttgart entwirft und baut er zwei Häuser, die die Konzepte «fünf Punkte» der Architektur beispielhaft zeigen.

    Um die moderne Architektur zu rechtfertigen, gründet er in Zusammenarbeit mit Siegfried Giedion und den führenden Architekten der modernen Bewegung im Frühjahr 1928 die CIAM (Congrès International d'Architecture Moderne). Die Villa Savoye, im Jahre 1928 entworfen, 1930 vollendet, stellt eine reinste und konsequenteste Realisation der programmatischen Instanzen der rationalistischen Sprache dar. Aus dem Jahre 1928 stammen auch die Zeichnungen von Möbeln, unter denen man die berühmte chaise-longue und die zwei Sessel erkennen kann, die erst 1965 in grossen Serien hergestellt werden. 1928 beginnt er im Auftrag der russischen Regierung mit dem Entwurf für den Centrosojus-Palast in Moskau. 1929, während einer Vortragsreise in Südamerika, schlägt er völlig neue städtebauliche Lösungen vor, um die Zuwachsprobleme der Städte Rio de Janeiro, Säo Paulo, Montevideo und Buenos Aires zu lösen.

    Aus dem Jahre 1930 stammt die erste Studie für Algier und der Entwurf (der dann auch ausgeführt wurde) für den Schweizer Pavillon in der Universitätsstadt von Paris. 1931 zeigt ein anderes Projekt die Aktivität des Ateliers in der Rue de Sèvres an: der Wettbewerb für den Sowjetpalast in Moskau. Das Ergebnis dieses Wettbewerbs ist eine neue tiefe Enttäuschung: mit einem Entwurf, der ganz auf der Linie der alten Monumentalität liegt, siegt der Russe Jofan. In dieser Zeit setzt er die erste Fassung für das unbeschränkt wachsende Museum auf, das später viel weiter ausgearbeitet wurde.

    Zwischen 1932 und 1933 entwirft und baut er in Paris die Cité de refuge der Heilsarmee und wendet hier zum ersten Male in der Praxis eine Klimaanlage an, um die thermischen Einflüsse auszugleichen, die im Innern durch die vollständig festverglaste Fassade entstehen.

    Ebenfalls 1932 baut er in Genf das Apartmenthaus Clarté, das als erstes die Anwendung der Duplex-Wohnung zeigt.

    Aus den Jahren 1933 und 1934 stammen die Studien für das Lotissement Durand und für ein Wohnhaus in Algier (Anwendung der brise-soleil), das Projekt für die Rentenanstalt in Zürich und der Bau eines Wohnhauses an der Porte Molitor, in dem er selbst wohnt. Aus den gleichen Jahren stammen das Projekt für die Strahlende Stadt (veröffentlicht 1938) und der städtebauliche Plan für Nemours (Algerien). Im Herbst 1935 wird er zu einer Vortragsreise in die USA eingeladen. Nach seiner Rückkehr nach Europa eröffnet er die Polemik über die Wolkenkratzer von New York durch sein Buch: Quant les cathédrales étaient blanches. Voyage au pays des timides. An der Peripherie von Paris und in Mathes baut er zwei Ferienhäuser.

    1936 wird er von Lucio Costa als Berater für das Projekt der neuen Amtsgebäude des Erziehungsministeriums hinzugezogen. Er erreicht Rio de Janeiro an Bord eines Zeppelins, er schlägt die Anwendung von brise-soleil vor, um die Sonneneinstrahlung auf die Fassade zu vermindern.

    In der Zwischenzeit schlägt er weitere Abhilfen für die städtebaulichen Missstände von Paris vor und entwirft ein Stadion für 100000 Zuschauer.

    1937 baut er zur Internationalen Ausstellung in Paris den Pavillon der Temps Nouveaux. Er entwirft das Denkmal zur Erinnerung an den Abgeordneten Vaillant Couturier, wobei er zum ersten Male das Symbol der offenen Hand vorschlägt, das für Chandigarh wiederaufgenommen wurde.

    Aus dem Jahre 1938 stammt das Projekt für den kartesischen Wolkenkratzer und der Plan für Buenos Aires. Seit 1939 ist er durch den Krieg zu Untätigkeit und Isolation verurteilt. Während dieser Zeit veröffentlicht er 1941 in Paris die Charte d'Athènes mit der Einführung von Jean Giraudoux, später (1944) Les Trois Etablissements humains. Er setzt auch die Arbeiten für den Plan von Algier fort.

    Am Ende des Krieges (1945) schliesst er die Studien über die ordnenden Liniennetze ab und entwickelt den Modulor als Grundlage für ein dem Menschen gemässes Bauen.

    Während dieser Zeit arbeitet er auch an den Entwürfen für den Wiederaufbau von Saint-Dié, die zum Modell für den internationalen Städtebau der Nachkriegszeit wurden, und am Entwurf der Unité d'habitation von Marseille. Während der Plan für Saint-Dié nur ein Vorschlag auf dem Papier bleibt, wird die Unité d'habitation dank einer Entscheidung von Claudius Petit, der damals Minister für den Wiederaufbau war, unter grössten Schwierigkeiten gebaut und im Jahre 1953 eingeweiht. Als herausragende Persönlichkeit der Internationalen Kommission, die zum Studium des Projektes für den Sitz der UNO zusammengestellt worden ist, schlägt er 1947 die fundamentalen Ideen für die Verwirklichung des Komplexes vor, aber er wird bei der Ausführung nicht herangezogen.

    Zwischen 1946 und 1950 entwirft er eine Wohnsiedlung in Cap Martin, die Aufstellung der «Grille CIAM», eine unterirdische Kirche in Saint-Baume, die Pläne für La Rochelle und Bogotâ und baut eine Fabrik in Saint-Dié.

    Nach 1950 beginnt er mit der Kapelle von Ronchamp seine letzte Arbeitsphase, endlich gibt es mehr realisierte als unrealisierte Projekte.

    1952-1960 baut er die Unités d'habitation in Nantes und Berlin, das Dominikanerkloster von La Tourette, den Philips-Pavillon für die Expo in Brüssel, ein Kulturzentrum, das Haus des Baumwollspinnereiverbandes und verschiedene Villen in Ahmedabad in Indien sowie ein Museum in Tokio.

    Seit 1951 arbeitet er vor allem an den Plänen und Projekten für die Hauptstadt des Pandschabs.

    In Chandigarh (die Festung der Göttin Chandi) liefert er nicht nur den Flächennutzungsplan, sondern baut auch zwischen 1956-1965 alle Gebäude auf dem Kapitol.

    Von 1961-1965 entwirft er die Französische Botschaft in Brasilia, den Kongresspalast in Strassburg, das Olivetti-Zentrum, die Kirche für Firminy, das Spital für Venedig, das Kulturhaus in Firminy und sein einziges Werk in den Vereinigten Staaten: das Visual Arts Center in Cambridge (Mass.).

    Er stirbt, 78 Jahre alt, am 27. August 1965 im Meer von Cap Martin während des Badens an einem Herzschlag.

    Carlo Cresti - Gestalter unserer Zeit



    Werkverzeichnis

    1905
    Haus in La Chaux-de-Fonds.

    1922
    Villa in Vaucresson. Haus Ozenfant in Paris.

    1923
    Haus La Roche-Jeanneret.

    1924
    Haus Lipchitz in Boulogne-sur-Seine.

    1925
    Kleines Haus am Genfer See. Siedlung in Pessac, Bordeaux. Pavillon «L'Esprit Nouveau» für die internationale Ausstellung der dekorativen Künste in Paris.

    1926
    Haus für einen Künstler in Boulogne-sur-Seine. Palais du Peuple, Paris. Gründung Polignac in Paris. Haus Cook in Boulogne-sur-Seine. Haus Guiette in Antwerpen.

    1927
    Villa Stein in Garches. Zwei Häuser in der Weissenhof-Siedlung in Stuttgart. Haus Plainex in Paris.

    1928
    Pavillon Nestlé.

    1928-29
    Restaurant in Ville-D'Avray.

    1929-31
    Villa Savoye in Poissy. Heim der Heilsarmee.

    1929-33
    Centrosojus-Palast in Moskau.

    1930
    Haus Errazuris in Chile.

    1930-31
    Apartment an der Champs Elysées in Paris. Villa De Mandrot in Le Pradet, Toulon.

    1930-32
    Mietshaus Clarté in Genf. Schweizer Pavillon in der Universitätsstadt in Paris.

    1932-33
    Cité de Refuge für die Heilsarmee in Paris.

    1933
    Mietshaus an der Porte Molitor in Paris.

    1935
    Weekendhaus in Vorort von Paris. Ferienhaus in Mathes.

    1936-45
    Erziehungsministerium in Rio de Janeiro (in Zusammenarbeit mit Lucio Costa und Oskar Niemeyer).

    1937
    Pavillon für Temps-Nouveaux auf der Internationalen Ausstellung in Paris.

    1946-51
    Fabrik Duval in Saint-Dié.

    1947-52
    Unité d'habitation in Marseille.

    1949
    Haus Dr. Currutchet in La Plata.

    1950-54
    Kapelle von Notre-Dame-du-Haut in Ronchamp.

    1952
    Kleines Haus in Cap Martin.

    1952-57
    Unité d'habitation in Nantes-Rezé.

    1954-56
    Villa Sarabhai in Ahmedabad. Villa Shodan in Ahmedabad.

    1955-57
    Haus Jaoul in Neuilly-sur-Seine.

    1956-57
    Unité d'habitation in Berlin. Haus des Baumwollspinnereiverbandes in Ahmedabad. Museum in Ahmedabad.

    1956-65
    Justizpalast in Chandigarh. Sekretariat in Chandigarh. Parlamentsgebäudein Chandigarh

    1957-59
    Brasilianisches Studentenhaus in der Universitätsstadt von Paris (in Zusammenarbeit mit Lucio Costa).

    1957-59
    Museum in Tokio.

    1957-60
    Unité d'habitation in Briy-en-Forêt. Kloster von Sainte-Marie-de-la-Tourette in Eveux (Lyon).

    1958
    Philips-Pavillon auf der Weltausstellung in Brüssel.

    1961-64
    Visual Arts Centre in Cambridge (Massachussetts).

    1961-65
    Jugend- und Kulturhaus in Firminy.

    1964-67
    Ausstellungs-Pavillon in Zürich.

    Carlo Cresti - Gestalter unserer Zeit



    Formwerdung des Geistigen

    Ausstellungen zu Le Corbusiers Kirchen und Büchern

    Seit Jahrzehnten wird das Œuvre von Le Corbusier in Ausstellungen und Publikationen gewürdigt. Gleichwohl gibt es Themen, die noch nicht erschöpfend behandelt wurden. So widmet sich im Rahmen der Gedenkveranstaltungen zum 40. Todestag des Architekten eine Ausstellung seinen Büchern und eine andere seinen Sakralbauten.

    Er war der überragende Architekt des 20. Jahrhunderts: Als Theoretiker und Architekturphilosoph stellte Le Corbusier alle seine Kollegen in den Schatten. Nicht weniger reich an Ideen, an architektonischer Recherche und an unermüdlichen Erneuerungsversuchen ist sein gebautes Werk, das von der frühen, Natur und Geometrie vereinenden Maison Fallet in La Chaux-de-Fonds bis zur späten Architekturskulptur aus Glas und Stahl des Centre Le Corbusier am Zürichhorn reicht. Dieses an Innovationen so reiche Œuvre hat Wissenschafter und Ausstellungsmacher gleichermassen herausgefordert. Kaum ein Bereich von Le Corbusiers Schaffen scheint in diesem Zusammenhang unerforscht zu sein, und doch finden sich immer wieder Aspekte, die noch der eingehenden Betrachtung harren. So wird derzeit in Belfort unter dem Titel «De l'émotion à la sérénité» ein Blick auf Le Corbusiers Sakralbauten geworfen. Die Ausstellung in der Tour 46 reiht sich ein in die Gedenkveranstaltungen zum vierzigsten Todestag des Meisters, der am 27. August 1965 bei Roquebrune im Mittelmeer ertrank.

    Die Faszination des Sakralen

    Während 1987 Le Corbusiers hundertster Geburtstag mit aufwendigen Retrospektiven in London und Paris gefeiert wurde, finden nun an mehreren Orten Ausstellungen zu ganz spezifischen Themen statt: etwa in Besançon, Ronchamp oder Rovereto. Sie werden überstrahlt von der Schau in Belfort: Anhand von rund 250 Exponaten - Plänen, Maquetten, Zeichnungen, Gemälden, Skulpturen, Möbeln, Designobjekten und Dokumenten - spürt sie Le Corbusiers Auseinandersetzung mit dem Sakralen nach, das lange vor Ronchamp einsetzte. Entstanden doch schon im Frühsommer 1929 wenig bekannte Entwürfe für eine turmartig über fast quadratischem Grundriss sich erhebende Kirche in Tremblay nördlich von Paris. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg schlug Le Corbusier dann im Zusammenhang mit seinem Wiederaufbauprojekt für Saint-Dié in den Vogesen eine Teilrekonstruktion der Kathedrale als Erinnerung an die zerstörte Stadt vor; und zwischen 1948 und 1951 fertigte er für eine unterirdische Maria-Magdalena-Basilika im Massif de la Sainte-Baume östlich von Marseille Skizzen und Pläne an. Gleichwohl wird meist die Kirche von Ronchamp für die erste Auseinandersetzung Le Corbusiers mit der sakralen Architektur gehalten - einerseits weil die vorangegangenen Projekte nicht realisiert wurden, anderseits weil seine anfängliche Reaktion auf den Ronchamp-Auftrag, er baue nicht für eine «Institution morte», als generelle Absage an die katholische Kirche interpretiert wurde.

    Es waren die Begegnung mit dem Ort und die Überzeugungskraft von Männern wie dem Kunstkenner Maurice Jardot oder dem Künstler und Dominikanerpater Marie-Alain Couturier, die ihn bezüglich Ronchamp schliesslich umstimmten. Diesen ist auch der erste Teil der Ausstellung in Belfort gewidmet. Eine besondere Rolle nimmt dabei Couturier ein, der sich als Redaktor der Zeitschrift «Art Sacré» zusammen mit Pie Regamey für eine Erneuerung der Sakralkunst stark machte. Noch bevor Ronchamp, das in der Ausstellung mit Originalmodellen, Skizzen und Gemälden gut dokumentiert ist, 1955 als «Synthese der Künste» vollendet wurde, erhielt Le Corbusier dank Couturier einen weiteren Auftrag: nämlich für das Dominikanerkloster Sainte-Marie-de- la-Tourette bei Lyon, das er daraufhin zusammen mit Iannis Xenakis als musikalisch rhythmisierte «Pfahlbauanlage» aus Sichtbeton konzipierte. Im Zentrum dieser «Idealstadt» erheben sich Kuben, Kegel und Pyramiden als «grandes formes primaires que la lumière révèle bien». Während La Tourette in der Schau bis hin zu einem Prototyp des Zellenmobiliars vergegenwärtigt wird, überrascht die Präsentation der Kirche, die Le Corbusier für Firminy plante, mit aktuellen Baustellenfotos von Jacqueline Salmon. Denn dieser entfernt an einen Atommeiler gemahnende Bau, in welchem das Projekt von Tremblay nachklingt, wurde nach dem Tod des Meisters zunächst nicht weitergeführt. Nun soll er unter Aufsicht von Le Corbusiers ehemaligem Mitarbeiter José Oubrerie bis in einem Jahr vollendet werden.

    Die Ausstellung, die mit Skulpturen und Tapisserien des Architekten schliesst, zeigt den aus protestantischem Milieu stammenden Freigeist aus La Chaux-de-Fonds als wichtigsten Erneuerer des Kirchenbaus in Frankreich, dessen Erkenntnisse bis heute in Bauten von Tadao Ando, Mario Botta oder Steven Holl nachklingen. Wie wichtig für Le Corbusier die Sakralarchitektur war, belegt die Tatsache, dass er Ronchamp 1957 eine Monographie widmete und Jean Petits Buch über La Tourette (1961) tatkräftig unterstützte.

    Das Buch als Gesamtkunstwerk

    Obwohl Publikationen wie «Vers une architecture» (1923), «La Charte d'Athènes» (1943), der «Modulor» (1950) oder «L'Atelier de la recherche patiente» (1960) sogleich Aufsehen erregten, wurden sie bisher von der Architekturwissenschaft mehr auf den Inhalt als auf die Gestaltung hin befragt. Dabei handelt es sich - wie die kleine, von Catherine de Smet zusammengestellte und von einem schmalen, aber schönen Katalog begleitete Ausstellung im MART in Rovereto zeigt - bei den knapp 40 von Le Corbusier selbst betreuten Publikationen um eigentliche Gesamtkunstwerke, die er vom Text über die Bebilderung bis hin zum Layout nach «architektonischen Gesichtspunkten konstruierte». Die Schau, welche neben Erstausgaben auch verschiedene Layoutentwürfe, ein unpubliziertes Manuskript («Trente années de silence», 1953) sowie Gemälde, Skizzen und das lithographierte Mappenwerk «Le Poème de l'angle droit» (1955) präsentiert, macht deutlich, dass das Buch für Le Corbusier weit mehr war als ein Mittel, seine Ideen und sein Werk der Öffentlichkeit bekannt zu machen.

    Mit ihren überraschenden Gegenüberstellungen von Bildern und ihren mitunter dadaistisch oder surrealistisch anmutenden Collagen streben diese Bücher, in denen Le Corbusier als Schriftsteller und Buchgestalter in einer Person auftritt, schon vor Ronchamp nach jener Synthese der Künste, die sein spätes Schaffen bestimmen sollte. Immer wieder gebrauchte er Material aus früheren Veröffentlichungen als Rohstoff für neue Publikationen, die so zum «Prüfstein der Aktualität seiner Theorien und Anschauungen» wurden. Wie nachhaltig sich die stets durch überraschende Bild-Text-Kombinationen argumentierenden Bücher im Gedächtnis der Architekten eingeprägt haben, zeigen einige der wichtigsten architekturtheoretischen Schriften der vergangenen Jahrzehnte: von Colin Rowes «Collage City» über Robert Venturis «Learning from Las Vegas» bis zu «Delirious New York» und «S, M, L, XL» von Rem Koolhaas. Die Bücher wurden aber - ähnlich wie die Sakralbauten - nicht nur zu unerschöpflichen Inspirationsquellen für nachfolgende Architekten, sie veranschaulichen auch, wie sehr sich Le Corbusier um die Formwerdung des Geistigen bemühte.

    Ausstellung im MART in Rovereto bis 11. September (vom 18. November bis zum 26. Februar 2006 in Strassburg). Katalog: Catherine de Smet: Le Corbusier. Architekt der Bücher. Verlag Lars Müller, Baden 2005. 128 S., Fr. 48.-.

    Ausstellung in Belfort bis 9. Oktober. Katalog: Le Corbusier. De l'émotion à la sérénité (ISBN 2-911661-26-5). 28 S., Euro 15.-.

    Ausstellung «La construction de la chapelle» in Ronchamp bis Ende September; Ausstellung «Le Corbusier - la mémoire de l'architecte» in Besançon bis 15. Oktober.

    Roman Hollenstein
    Neue Zürcher Zeitung, 27. August 2005




    Le Corbusier auf der 10-Franken-Note

    Le Corbusier (Charles Edouard Jeanneret),1887-1965
    Architekt, Städtebauer, Urbanist, Maler, Bildhauer und Fachschriftsteller


    Le Corbusier gilt als eine der bedeutenden Schöpferpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Als universaler Gestalter betätigte er sich in einem breiten Wirkungsfeld: er war Architekt, Urbanist, Maler, Plastiker und Autor zahlreicher Bücher über Architektur, Städtebau und Design. Le Corbusiers ausgezeichnete Fähigkeit, seine Ideen zu vermitteln, trug zur weltweiten Beachtung seiner Theorien bei. Sein Werk ist ein modernes Gesamtkunstwerk, in dem sich einzelne Disziplinen zu einem komplexen Ganzen verbinden. Dies wird besonders in den visionären städtebaulichen Projekten sichtbar. Seine Auffassung von Architektur war wegweisend für das moderne Leben.

    Städtebau

    Le Corbusiers Konzepte des Wohnungsbaus gründen auf umfassenden Studien der sozialen, architektonischen und städtebaulichen Probleme der industriellen Aera. Ins Zentrum seiner schöpferischen Prinzipien stellte er stets den Menschen. In seinem 1924 publizierten Werk «Urbanisme» und zahlreichen weiteren Schriften zu diesem Thema, formulierte er wichtige Grundlagen des modernen Städtebaus: Die Stadt sei, entsprechend ihren Aufgaben Wohnen, Arbeiten, Erholung, Bildung und Verkehr, als organisches Ganzes zu planen und räumlich zu gestalten. Ein wichtiges Anliegen sei dabei die Trennung von Arbeit und Erholung in eigene Erlebnisräume.

    Chandigarh (1950 - 1962)

    Von den zahlreichen städtebaulichen Projekten Le Corbusiers wurden nur zwei ausgeführt: Pessac-Bordeaux (1925) und Chandigarh. 1950 erhielt Le Corbusier von der indischen Regierung den Auftrag, den Aufbau der neuen Regierungshauptstadt des nach dem zweiten Weltkrieg entstandenen Bundesstaates Punjab zu leiten.
    In Chandigarh setzte Le Corbusier alle von ihm praktizierten Disziplinen in grossem Rahmen um. Als planender Berater leitete er das Team der verantwortlichen Architekten. Er selbst realisierte die drei dominierenden Bauwerke des Regierungsbezirkes: den Justizpalast (1955), das Sekretariat (1958), in dem die Ministerien untergebracht sind, und das Parlamentsgebäude (1962).

    Architektonische Prinzipien

    Die Architektur Le Corbusiers ist reich an grundlegenden Erkenntnissen und schöpferischen Impulsen. Le Corbusier schuf eine Reihe von neuartigen Prinzipien, die wegweisend für die heutige Baukunst wurden. Dazu gehörten die freie Grundriss- und Fassadengestaltung, die senkrechten Verbindungen im offenen Raum, die Dachgärten und die «Pilotis» genannten Stützen, auf denen viele seiner Gebäude ruhen. All diese Prinzipien wurden erst durch die von Le Corbusier konsequent angewendete Skelettbauweise möglich. Ebenfalls dazu gehörten die Lichtführung von oben sowie der Einsatz der klimaregulierenden Sonnenbrecher («Brise soleil»), die der Architekt sowohl funktional als auch mit gestalterischer Absicht einsetzte.

    Der «Modulor» (1942 - 1955)

    Ein weiteres bedeutendes Prinzip ist das universelle Masssystem, das Le Corbusier zwischen 1942 und 1955 entwickelte: den sogenannten «Modulor». Der «Modulor» stellt einen Versuch dar, das angelsächsische, auf dem Fuss basierende Masssystem mit dem metrischen Dezimalsystem zu verbinden und gleichzeitig auf die menschlichen Körpermasse zu beziehen. Grundlage für den «Modulor» bilden der Goldene Schnitt und die Proportionen des menschlichen Körpers. Mit dem «Modulor» nahm Le Corbusier ausserdem Bezug auf die Konzeption der Raum-Zeit-Dimension der modernen Physik.

    Architektur

    Bekannte öffentliche Bauten Le Corbusiers sind unter anderem der Pavillon Suisse in der Cité Universitaire in Paris (1932), das Gesundheits- und Erziehungsministerium in Rio de Janeiro (1936-1945) und der Philips-Pavillon der Weltausstellung in Brüssel (1958). In den Bereich des kollektiven Wohnbaus gehören die Unité d’habitation (1945-1952) in Marseille mit Wohnmöglichkeiten für 1600 Menschen und das Mietshaus Clarté in Genf (1930-1932). Aus der Fülle der von Le Corbusier entworfenen Privathäuser sind stellvertretend die Villa La Roche-Jeanneret in Paris (1923-1924) und die Villa Savoye in Poissy (1929) zu nennen. Wohl als berühmtestes Bauwerk Le Corbusiers gilt die Wallfahrtskirche Notre Dame du Haut in Ronchamp (1950-1954). Wenig später vollendete Le Corbusier einen weiteren Sakralbau: das Dominikanerkloster La Tourette bei Lyon (1956-1960).

    Malerei

    Die formalen Elemente der Architektur nahm Le Corbusier in seinem malerischen Werk vorweg. Malerei war sein Labor. Mit Amédée Ozenfant begründete er 1918 den Purismus, eine Gegenposition zum Kubismus. Um 1928 beginnt für ihn die Periode der Objets à réaction poétique. In Anknüpfung an den surrealistischen Stil der späten dreissiger Jahre gelangt Le Corbusier in seiner Altersphase zu Darstellungen von komplexer Symbolik. Im Justizpalast von Chandigarh setzte er grosse, von ihm gestaltete Tapisserien als schalldämpfende Elemente ein.

    Lebensstationen

    • 1887 Charles Edouard Jeanneret wird am 6. Oktober in La Chaux-de-Fonds geboren, als Sohn eines Ziffernblattgraveurs und einer Musikerin.
    • 1900-1907 Schüler von Charles L’Eplattenier an der École d’Art in La Chaux-de-Fonds.
    • 1905 Erster Architekturauftrag: Villa Fallet in La Chaux-de-Fonds.
    • 1907-1911 Studienreisen nach Nord- und Mittelitalien, Budapest, Wien, Lyon und Paris, Deutschland, Balkan, Griechenland, Konstantinopel.
    • 1908-1909 Arbeit als Architekt im Atelier von Auguste Perret in Paris, Weiterbildung an der École des Beaux-Arts.
    • 1910 Arbeit bei Peter Behrens in Berlin.
    • 1912 Lehrer an der neu begründeten Architekturabteilung der École d’Art in La Chaux-de-Fonds.
    • 1919 Gründer und Mitherausgeber der Zeitschrift «L’Esprit Nouveau».
    • 1919 Beginnt, seine Arbeiten als Architekt mit dem Namen «Le Corbusier» zu signieren.
    • 1925 «Pavillon de l’Esprit Nouveau» an der Exposition Internationale des Arts Décoratifs in Paris. «Plan Voisin» für Paris.
    • 1930 Heirat mit Yvonne Gallis.
    • 1934 Dr. honoris causa der Universität Zürich.
    • 1941 Erste Studien am «Modulor».
    • 1950-1955 Bau der Wallfahrtskirche von Ronchamp.
    • 1950-1962 Planung von Chandigarh, Bau des Regierungsgebäudes.
    • 1955 Dr. honoris causa der ETH Zürich.
    • 1965 Le Corbusier stirbt am 27. August bei Roquebrune-Cap-Martin.
    Schweizerische Nationalbank (SNB)

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