|
g26.ch HOME EVENTS MUSEEN GALERIEN BIOGRAPHIEN G26.CH NEWS BLACKBOARD BERN INFO KUNST |
Kunst - Glossar Edgar Degas 19.7.1834 Paris - 27.9.1917 Paris Französischer Maler, Grafiker und Bildhauer; schulte sich an H. Holbein dem Jüngeren und an J. A. D. Ingres, malte zunächst Historienbilder und Porträts; entdeckte um 1870 als neues Darstellungsgebiet die Sport- und Bühnenwelt (Pferderennen, Ballettszenen), schuf ferner eine Folge von weiblichen Akten. Die Einwirkung japanischer Farbholzschnitte machte sich geltend in Überschneidungen des Vordergrunds und im Ausdruck des scheinbar Zufällig-Ausschnitthaften. Seine Bilder zeichnen sich durch zarte Farbharmonien aus. Gegen Ende seines Lebens schuf er, fast erblindet, Statuetten in Wachs oder Ton. www.wissen.de Edgar Degas Degas nennt sich selbst «den klassischen Maler des modernen Lebens», womit er sich selbst einen Platz ausserhalb der impressionistischen Bewegung anweist, obgleich er mit Impressionisten freundschaftlichen Umgang pflegte und häufig an ihren Ausstellungen teilnahm. Seinen «Freunden» zum Trotz weigert er sich hartnäckig, in der freien Natur zu malen, wodurch er sich ganz wesentlich von den Impressionisten unterscheidet. Ausserdem unterstreicht er gern die Vorzüge der Form und der Zeichnung, zwei Elemente, denen die Impressionisten Farbtöne und Schattierungen vorziehen: «... Ein Gemälde ist an erster Stelle ein Produkt der künstlerischen Phantasie. Es darf niemals ein blosser Abklatsch werden (hier bekennt sich Degas zu den Thesen von Delacroix und Baudelaire). Wenn der Künstler sodann zwei oder drei der Natur abgeschaute Dinge in sein Bild einführt, so lässt sich dagegen nichts einwenden ... Jedenfalls ist es ratsamer, nach dem Gedächtnis zu zeichnen, wenn man das Sujet nicht mehr vor Augen hat. Dann nämlich kommt die Einbildungskraft dem Gedächtnis zu Hilfe, man bringt nur das auf die Leinwand, was beeindruckt, das heisst, das Notwendige.» Nach diesem künstlerischen Glaubensbekenntnis mag es verwunderlich sein, dass Degas an sieben der acht impressionistischen Ausstellungen teilnahm und mit den Impressionisten überaus enge Beziehungen unterhielt. Wenn sich Manet von dem jungen Claude Monet dazu überreden lässt, nach 1870 in der freien Natur zu malen, so bleibt Degas der Ateliermalerei treu, selbst wenn er seine - überaus seltenen - Landschaften ausführt. Freilich, Degas' Ausbildung stand ganz im Zeichen der Klassik. Nachdem er seine humanistischen Studien abgeschlossen hat, wird er 1854 ein Schüler von Lamothe, der selber ein Schüler von Ingres war, und besucht im darauffolgenden Jahr die «Ecole des Beaux-Arts» in Paris. Er arbeitet im Louvre nach den alten Meistern und unternimmt 1856 und 1858 zwei Italienreisen. Der alten Tradition gemäss widmet er sich ausschliesslich dem Porträt und der Historienmalerei. Schon in seinen frühen Werken zeigt er eine grosse Eigenständigkeit, die in der Kühnheit der Komposition, in der Vorliebe für Arabesken, in der Harmonie der durch die Form gegebenen Rhythmen ihren Ausdruck findet. Er zeichnet viel und erklärt Paul Valéry, der ihn später einmal fragt, was er unter «Zeichnung» verstehe: «Die Zeichnung ist nicht die Form, sondern die Art, die Form zu sehen.» Er will damit besagen, dass die klassischeTradition keineswegs Zwang oder lineare Vergewaltigung der Form bedeutet, sondern im Gegenteil zur Befreiung der Form führt, ihr zu Leben und Wahrheit verhilft. Zu dieser Zeit ist seine Palette sehr begrenzt, der homogene Farbauftrag vermittelt durch die Intensität der Tönung oft den Eindruck von Fresken. Zu seinen besten Porträts aus dieser Periode zählen: Die Familie Bellelli (1860-1862, Jeu de Paume), mehrere Selbstporträts, Bildnisse von Familienmitgliedern, wie zum Beispiel das Porträt der Herzogin Morbilli (1863, Jeu de Paume). Zu nennen sind ferner einige historische Kompositionen: Junge Spartanerinnen ermuntern die Knaben zum Kampf (1860, National Gallery, London), Semiramis legt die hängenden Gärten von Babylon an (Salon 1865, Jeu de Paume). In den Jahren 1865-1866 macht Degas die Bekanntschaft Edouard Manets und der Impressionisten, die ihn zu ihren Versammlungen ins Café Guerbois mitnehmen, wo über die neue Malerei diskutiert wird. Hier fasst Degas den Entschluss, «der klassische Maler des modernen Lebens zu werden»; er lässt die Geschichtsmalerei fallen, ohne jedoch seinen klassischen Tendenzen zu entsagen. Seine Palette hellt sich auf, doch verwendet er nach wie vor dunkle Tönungen; sein überaus leichter Pinselstrich wird intensiver. Seine «Modernität» besteht im wesentlichen aus dem doppelten Einfluss der Photographie und der japanischen Graphik. Bis zu seinem Tod schafft Degas nun dezentrierte Kompositionen, seine Bildausschnitte sind von ungewöhnlicher Kühnheit. Er geht manchmal so weit, Teile des Körpers oder des Kopfes «anzuschneiden», so dass die Einbildungskraft des Betrachters das Fehlende ergänzen muss. Nennen wir aus dieser Zeit des Übergangs und des Experimentierens (etwa 1865-1877) folgende wichtige Schöpfungen: Frau mit Chrysanthemen (1865, Metropolitan Museum, New York), Mademoiselle Fiocre im Ballet von der Quelle (1868, Brooklyn Museum, New York), Das Bildnis von Madame Camus (1870, National Gallery, Washington), Das Baumwollkontor in New Orleans (1873, Museum von Pau), Schmollen (um 1874, Metropolitan Museum, New York), Madame Fèvre oder die Gesangstunde (um 1873, The Dumtarton Oaks Coll. Georgetown, Washington), Absinth (1876, Jeu de Paume), Le Café des Ambassadeurs (1876-1877, Museum von Lyon), Frauen auf der Terrasse eines Cafés (Pastell, 1877, Jeu de Paume), Die Sängerin mit dem Handschuh (1878, Fogg Art Museum, Cambridge, USA). Es sei hier bemerkt, dass Degas wie alle Impressionisten für See- und Strandszenen empfänglich war; aber auch hier gilt, dass er niemals «in der freien Natur» arbeitete; die Komposition interessiert ihn mehr als das Motiv: Bad am Meer (1876-1877, National Gallery, London), Am Strand (Pastellzeichnungen, 1869, Cabinet des Dessins, Louvre und Jeu de Paume, Paris). Ab 1874 beginnt Degas mit «Bilderserien», fünf an der Zahl, die es ihm ermöglichen, seine Gedanken noch konsequenter auszudrücken. Dabei will er nachweisen, dass ein einziges Motiv eine grosse Anzahl von formellen Lösungen bietet. Hier rückt er noch weiter von den Impressionisten und vor allem von Claude Monet ab, dessen «Reihen» ein und denselben Gegenstand - und sei es eine Kirche - in den durch die Lichteinwirkungen hervorgerufenen Verwandlungen von Stunde zu Stunde wiedergeben. Für Degas ist die Kunst vor allem Überlegung. Der Intellekt korrigiert die Schau der Dinge: Deshalb muss die äussere Form des Geschauten so verändert werden, dass es verständlich wird, wenn es als in der Zeit kristallisiert und wirklich erscheint. Für Degas steht das an die Zeit gebundene Kunstwerk dennoch ausserhalb der Zeit: es vereinigt gestern, heute und morgen. Seine Reihen bilden ein unerschöpfliches Repertoire von Formen, deren Möglichkeiten er zugleich erschöpft und erneuert, in denen er Rhythmen, Arabesken, empfundene (und nicht nur gesehene) Eindrücke festhalten will. Dadurch erfasst er mit dem Pinsel, dem Pastell- oder Zeichenstift ein Fünkchen lebendiger, aus dem jetzt gegriffener Wahrheit, die sich jedoch in ihrer vollkommensten Wesenheit kristallisiert hat. Jede Gestalt ist für Degas zugleich einzig und vielfältig, es geht ihm darum, den Augenblick in der Vielfalt des Lebens einzufangen. Von einigen Porträts, Dirnen-, Café- und Theaterszenen abgesehen, hat uns Degas fünf Reihen hinterlassen: Pferderennen, Plätterinnen oder Wäscherinnen, Modistinnen und die beiden berühmtesten: Tänzerinnen und Frauen bei ihrer Toilette. Bereits bei den Pferderennen tritt Degas' Vorliebe für die klassischen Tendenzen deutlich in Erscheinung. Der Jockey auf seinem Pferd ähnelt den antiken Reitern, besonders denen der Parthenon-Friese. Der bildhauerische - also im wesentlichen formelle - Charakter des Mannes auf seinem Pferd, die Biegsamkeit der Bewegung, der Rhythmus, die Zergliederung des Körpers, der an eine Atelierpuppe erinnert, macht es Degas - teils mit Hilfe von Photographien - möglich, seine Modelle zu «desartikulieren», um sie nach seiner Schau neu zu bilden. Hierher gehören: Herrenreiter vor dem Start (1862, Jeu de Paume), Rennpferde vor den Tribünen (1869-1872, Jeu de Paume), Rennpferde in Longchamp (1873-1875, Museum von Boston), Das Training (Pastellgemälde, 1894, Privatsammlung, New York) und andere mehr. Besonders einige seiner Pastellarbeiten lassen durch ihre Kühnheit und ihr Kolorit die Verwandtschaft Degas' mit den Impressionisten deutlich in Erscheinung treten. Die Plätterinnen oder Wäscherinnen geben Degas Gelegenheit, sich bei Szenen aus dem modernen Leben der Klassiker zu erinnern. Die gelungensten Werke dieser «Serie» sind: Die Plätterin im Gegenlicht (1874, Metropolitan Museum, New York), Wäschetragende Plätterinnen (1876-1878, Privatsammlung, New York), Die Plätterinnen (1884, Jeu de Paume). Zur Serie der Modistinnen zählt sicherlich die geringste Anzahl von Werken. Aber auch hier findet Degas Gelegenheit, seine ungewöhnliche Kompositionskunst und seine sprühende Phantasie zu demonstrieren. Er versteht es, aus einer Vielfalt von bizarren, formlosen Hüten und Mützen formvolle Gebilde zu schaffen, oder, wie es Paul Valéry ausdrückt, «unförmige Formen». Die meist zwischen 1882-1885 entstandenen Werke befinden sich heute im Metropolitan Museum von New York, im Art Institute in Chicago oder in amerikanischen Privatsammlungen. Die Berühmtheit Degas' gründet sich jedoch zum grossen Teil auf seine Tänzerinnen: in dieser wichtigen, unendlich vielseitigen Reihe kommt wieder Degas' Vorliebe für die Klassik zum Durchbruch. Schon rein thematisch: Während Toulouse-Lautrec sich vom French-Cancan inspirieren lässt und Renoir den Bal au Moulin de la Galette malt, wendet sich Degas den Operntänzerinnen zu. Diese bewusste Bevorzugung des klassischen Balletts beweist wieder einmal seine Vorliebe für Arabeske (und dies ist ebenso ein Begriff des Balletts wie eine Stilbezeichnung der Wiedergabe), Rhythmus, Harmonie. Der Künstler will zugleich den Augenblick und die Dauer ausdrücken: In Wirklichkeit verlängert er den Augenblick in alle Ewigkeit. Die Schilderung des Tanzes gibt ihm mehr als irgendein anderes Motiv Gelegenheit, jede Bewegung, jede Attitüde einer Tänzerin oder einer Ballettgruppe zu zergliedern, um sodann ihre Formen in ihrer ganzen Ausdruckskraft genauer und wahrheitsgetreuer zu rekonstruieren, so dass sie von aller Zufälligkeit frei, phantasievoll in ihrer Merkwürdigkeit, ihrer Ekstase, ihrem ans Ungleichgewicht grenzenden Gleichgewicht, in ihrer idealen Plastizität, kurz, in ihrer vollendeten Schönheit zutage treten. In diesen wie auch in den späteren Werken des Meisters spielt die Farbe eine ebenso wichtige Rolle wie die Zeichnung. Degas greift jetzt beinahe ausschliesslich zur Technik des Pastells, die es ihm - trotz seiner fortschreitenden Augenkrankheit - erlaubt, die Formen und ihre Spiegelungen in breiten, stark aufgetragenen Schraffierungen zu gestalten. Dennoch bedeuten seine Farben und Lichtreflexe keinerlei Konzession an den Impressionismus. Die Wahl des sparsamen, wenn auch intensiven Kolorits bleibt immer der Form untergeordnet und bildet mit ihr eine Einheit. Seine Lichtwirkungen sind nie der Natur entnommen, sie stammen von Rampenlichtern und Scheinwerfern, die den Tönen etwas Ätherisches, Seltenes verleihen, das später Bonnard in Begeisterung versetzen sollte. Die bedeutendsten Gemälde und Pastelle aus dieser Periode Degas' sind: Das Tanzfoyer der Oper, Rue Le Peletier (1872), Ballettprobe auf der Bühne (1874), Schluss der Arabeske (Pastell, 1877), Tänzerin mit Blumenstrauss auf der Bühne (Pastell, 1878), alle im Jeu de Paume, Tänzerin an der Stange (Metropolitan Museum, New York). In unzähligen Museen und Privatsammlungen aller Welt finden sich die Tänzerinnen Degas' - meist in Pastellausführung - im blauen, grünen, violetten, gelben, roten, orangefarbenen, rosa Gazeröckchen... Die letzte Reihe ist die der Frauen bei der Toilette; hier schafft der Künstler die Frau in ihrer intimsten Sphäre neu, hier zeigt er sie verschämt oder, schamlos, zurückhaltend oder verführerisch sinnlich. Sie ist wie von einer feenhaften Aura von Attitüden, Gebärden, Emotionen, Gefühlen, Gedanken umgeben, sie strahlt das Leben in seiner ganzen Fülle aus. Die von Wahrheit und Geheimnis umhüllte Welt der Frau ist für Degas die des «ewig Weiblichen». In diesen Bereich gehören: Frau beim Kämmen (um 1876, National Gallery, Washington) sowie die Pastellwerke: Die Toilette (1885, Metropolitan Museum, New York), Der Zuber (1886), Frau, die sich nach dem Bade die Füsse abtrocknet (1886), Frau beim Frisieren (1887-1890), Frau, die sich nach dem Bade den Hals abtrocknet (1898), alle im Jeu de Paume, Die Frisur (1892-1895, National Gallery, London). Neben Gemälden, Pastellen und Zeichnungen schuf Degas auch Graphiken und Skulpturen: Vor allem modelliert er aus Wachs Statuetten von nackten Frauen, Tänzerinnen, Pferden. Paul Valery sagt in seinem Buch «Degas, Danse, Dessin» zusammenfassend von der Kunst dieses genialen, am Ende seines Lebens praktisch blinden Malers, sie sei «die leidenschaftliche Suche nach einer einzigen, die Figur umreissenden Linie; aber diese Figur wurde mitten im Leben, auf der Strasse, in der Oper, im Modeatelier, oder an anderen Orten überrascht; sie wurde stets in der charakteristischsten Geste ihrer Gegenwart eingefangen, immer handelnd, ausdrucksvoll. Das ist die Kunst Degas'. Er hat es gewagt, die Skizze eines Augenblicks mit mühevoller Atelierarbeit zu kombinieren, die Impression in eine abgründige Studie, das Unmittelbare in die Dauer des überlegten Willens einzuschliessen.» Lexikon des Impressionismus Herausgeber Maurice Sérullaz Somogy Paris |