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Kunst - Glossar Jean Dubuffet 31.7.1901 Le Havre - 12.5.1985 Paris Französischer Maler und Grafiker; liess sich von der Malerei von Kindern, Geistesgestörten und Primitiven anregen und bezog Fremdmaterialien in den Malprozess ein; prägte für seine antiakademische Ästhetik den Begriff «L'Art Brut» (die rohe Kunst). www.wissen.de Jean Dubuffet Erst im Alter von fünfundvierzig Jahren macht sich dieser Maler, der von Jean Paulhan unterstützt wird, bemerkbar. Er beschäftigt sich mit Werkstoffen, wobei er vieles der «Art brut» verdankt. Mit André Breton gründet er 1949 eine entsprechende Gesellschaft. Seine Entwicklung wird durch aufeinanderfolgende Serien bestimmt: Hautes Pâtes (Hohe Pasten), Sols (Boden), Matériologie, dann Paris-Circus (1962) und L'Hourloupe (1964). Als Ehrenmitglied des «Collège de pataphysique» hat Dubuffet in bemerkenswerten Schriften, besonders in Prospectus aux amateurs de tout genre (1946), seine epikuräische Anschauung über Kunst und Antikunst dargelegt. Lexikon des Surrealismus René Passeron Somogy Paris Jean Dubuffet - Das genie der art brut Nach dem Zweiten Weltkrieg verspürten einige Artisten, Anhänger einer improvisierten Malerei, das Bedürfnis, die Kunst in Frage zu stellen. Ihre sogenannte «informelle» Kunst ist von der Vergangenheit völlig losgelöst und unterliegt keinem Einfluss. Jean Dubuffet gehörte zu diesen Malern, die sich von der Tradition lossagten und unbekanntes Land eroberten. Ihr Ziel: Die «einstige Spontaneität der menschlichen Hand beim Malen von Zeichen» wiederzufinden. Dubuffet wurde 1901 in Le Havre, in der Normandie, geboren. Er studierte Kunst, kehrte der Malerei jedoch mehrmals den Rücken zu, um sich dem Familienbetrieb zu widmen und im Weinhandel zu arbeiten. Mit 42 Jahren war er dank seines Familienvermögens nicht mehr gezwungen, seine Werke zu verkaufen, um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Er zerstörte sein Gesamtwerk und brach mit der «erstickenden Kunstwelt», um sich von der Kultur der Straße inspirieren zu lassen und zu kreieren. Das Banale verehren Dubuffet wollte die Aufmerksamkeit des Publikums auf das Alltägliche lenken. Er widersetzte sich kategorisch der «offiziellen» Kunst, die in den Schulen gelehrt und in den Museen gezeigt wurde. Er griff die bürgerliche Konsumgesellschaft an und wollte zeigen, dass das, was der Mensch als hässlich erachtet, unendlich schön sein kann. Für ihn war Kunst gleichbedeutend mit Trunkenheit und Verrücktheit. Er klagte den selektiven und unterdrückenden Charakter der offiziellen Kultur an und gründete 1945 das Konzept der Art brut, eine spontane und innovative Kunst, die auf Harmonie und Schönheit verzichtet. Geistige Väter dieses Kunstkonzepts waren «dunkle, seltsame Gestalten aus der Künstlerwelt» von denen sich Dubuffet inspirieren ließ. Seine Gemälde, figurativ, dann wieder abstrakt, stellen reine, einfache Formen, ein mutiges Farbenspiel und eine gewollte Ungeschicklichkeit dar. Sie erinnern an die Werke von Kindern und geistig Behinderten. Doch sein Stil ist ausgereift. Dubuffet spielte mit der Unbeholfenheit und dem Rohmaterial. Er entdeckte so den Ursprung der Kunst wieder. Der menschliche Körper wird auf seine elementarsten Umrisse reduziert (Dhôtel nuancé d'abricot, 1947; Métafysix, 1950). Die Porträt-Serie Plus beaux qu'ils croient von 1947 und Corps de dames von 1951 lösten beim Publikum heftige Reaktionen aus.br> Im Jahr 1948 gründete er zusammen mit dem surrealistischen Schriftsteller André Breton und dem spanischen Maler Antoni Tapiés die Gesellschaft der Art brut, die die Werke der Außenseiter sammelte. Viel Aufsehen erregte er mit dem Vorschlag, die Welt der Kunst Kindern und gesellschaftlichen Randgruppen zu öffnen: «Jeder ist Maler. Malen, das ist wie sprechen oder gehen», sagte Dubuffet. Die Leidenschaft für die Materie Dubuffet arbeitete mit viel Freiheit hinsichtlich der Techniken und mit den merkwürdigsten Materialien. Für ihn bestimmte das Material den Effekt. «Die Kunst muss aus dem Material und dem Werkzeug entstehen.» Er entwarf seltsame Landschaften (Matériologies et Texturologies, 1957-1960), verehrte die Erde, indem er die Leinwand mit Teer, Eisen, Sand und Schwammabfällen überzog oder sie mit Schmetterlingsflügeln, Brettern und mit Öl bemaltem Leinen beklebte. Er malte Graffitis in eine dicke Masse und suchte die Inspiration in einer Materie ohne Eleganz. Seine Ideen erneuerten sich ständig. Ab 1962 verzichtete Dubuffet auf seine «Materienkunst» und wandte sich einem neuen Stil zu, der sich durch den Zyklus L'Hourloupe charakterisiert, der ihn 12 Jahre lang beschäftigte. Diese neue Serie, die von dem Wort «entourloupe» («einen Streich spielen») kommt, stellt die Stadt mit ihren Verkehrsproblemen und ihren Verbrechern dar. Dabei handelt es sich um Kunstharzformen, die farbenprächtigen Puzzles gleichen, und rot, schwarz, weiß und blau bemalt sind. Aus ihnen werden Skulpturen, monumentale Werke wie das große Zimmer mit dem Titel Jardin d'hiver (1968-1970). Im Jahr 1975 gründete er seine Stiftung, die Villa Falbala, die man heute noch in Périgny-sur-Yerres, im Pariser Raum, besuchen kann. Seine Sammlung an Art brut, die aus Werken autodidaktischer Künstler besteht, umfasst mehr als 1000 Zeichnungen, Gemälde, Skulpturen und Kunstgegenstände. Sie ist seit 1976 im Schloss von Beaulieu, in Lausanne (Schweiz) zu sehen. Die Beziehung des Malers zum Publikum blieb trotz seiner einfachen Themen aus dem Alltag problematisch. Die Retrospektive seiner Gemälde, Guaschen, Zeichnungen und Skulpturen im Pariser Museum für Arts décoratifs im Jahr 1961 und die große Ausstellung im Museum für moderne Kunst in New York 1962 haben den französischen Künstler, der der umstrittenste Artist der Nachkriegszeit war, international bekannt gemacht. Dubuffet hatte viel schriftstellerisches Talent und schrieb in einer sehr einfachen Sprache. In Prospectus aux amateurs en tout genre und Asphyxiante culture offenbart er sein Konzept der zeitgenössischen Kunst. Seine Kritik gegen die offizielle Kunst hatte nichts von ihrer Heftigkeit verloren. Dubuffet, der oft durch seine bewusst kindliche Malerei für Skandal sorgte, wollte nicht provozieren, sondern verführen und die Materie und das Informelle feiern, die auf den ersten Blick abschrecken. Dubuffet war ein Erfinder und genialer Provokateur. Er wusste die Aufmerksamkeit des internationalen Publikums auf sich zu ziehen. Er hat uns gelehrt, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Von Nelly Brunel, Journalistin |