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Kunst - Glossar

Max Ernst

02.04.1891 Brühl bei Köln - 01.04.1976 Paris

Französischer Maler, Grafiker und Bildhauer deutscher Herkunft, * 2. 4. 1891 Brühl bei Köln, † 1. 4. 1976 Paris; gründete 1919 mit H. Arp und J. T. Baargeld die rheinische Gruppe «Dada W/3» und half 1924 in Paris die surrealistische Bewegung mitbegründen. In den 1920er und 1930er Jahren schuf er eine neue grafische Technik für Bleistiftzeichnungen, die Frottage (Durchdruck- bzw. Abreibebilder), die er 1926 in seinem Album «Histoire naturelle» erstmals zusamenfassend zeigte. Für die Malerei entwickelte er entsprechend die Technik der Grattage (Herauskratzen von Formen). 1941-1950 war Ernst in den USA, seitdem wieder in Frankreich. In seinem vielseitigen Schaffen (Buchillustrationen, Bühnenentwürfe, Filme, Plastiken) suchte Ernst die Grenzen zwischen Traumwelt und Wirklichkeit aufzuheben; das Unbewusste war für ihn sowohl Darstellungsbereich wie Triebkraft schöpferischen Gestaltens.

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  • Max Ernst
  • Max Ernst (Wikipedia)
  • Das Ungewöhnliche Leben des Max Ernst
  • Surrealismus
  • Dada



    Max Ernst

    Max Ernst ist Sohn eines Taubstummenlehrers. Von sechs Kindern (vier Mädchen) ist Max das jüngste. Der Vater ist gottesfürchtiger Sonntagsmaler. Er nimmt seinen phantasiebegabten Sohn als Modell für ein Jesuskind. Der sechsjährige wird schwer vom plötzlichen Tod seiner ältesten Schwester Maria erschüttert. Nach dem Abitur 1908 studiert Max Ernst bis zu Kriegsbeginn an der Universität in Bonn Philosophie. Die Kölner Sonderbundausstellung über die Ecole de Paris veranlasst Max Ernst - er ist jetzt zwanzig-, den Malerberuf zu ergreifen. Van Gogh beeindruckt ihn. Er unternimmt 1913 eine Reise nach Paris und malt, Picasso nahe, in expressionistischem Geist.

    Nach vier Kriegsjahren in der Artillerie kommt er 1919 wieder nach Köln. Mit Baargeld und Hans Arp veröffentlicht er Bulletin D und die Zeitschrift «Die Schammade». Zwei Ausstellungen, die erste im Februar, die zweite im April, bilden den Höhepunkt des dadaistischen Protests. Die zweite Ausstellung im überdachten Hof des Wirtshauses Winter ruft einen - gewollten - Skandal hervor. Sie ist nur über die Toiletten zugänglich, und obendrein liest eine Erstkommunikantiri anstössige Gedichte vor. Die Polizei schreitet ein. Im gleichen Jahr veröffentlicht Max Ernst ein Album mit Lithographien: Fiat modes pereat ars. Diese inzwischen abhanden gekommenen Arbeiten waren mit Dada-Max-Ernst gezeichnet.

    Unter seinen ersten Collagen sind besonders die zu erwähnen, an denen Arp und Baargeld mitgearbeitet haben. Sie bilden das Album Fatagaga (Fabrication de tableaux garantis gazometriques, 1920). Als André Breton diese Collagen in Paris bei Picabia entdeckt, ist er sehr beeindruckt, und im Mai 1920 findet sogleich eine Max-Ernst-Ausstellung statt. Die Dadaisten helfen mit zum Erfolg. Sowohl in der Technik als auch im Geist unterscheiden sich diese Collagen vollkommen von den Papiers collés von Picasso und Braque (1912). Ernst schneidet aus Büchern und alten anatomischen Abhandlungen Stiche aus, nimmt sie hiermit aus dem logischen Zusammenhang heraus und fügt so gewonnene Einzelteile in absurder Weise wieder zusammen. Dabei lässt er sich vom Unbewussten seiner Einbildungskraft leiten. Diese Collagen reichen von satirischer Antikunst (C'est le chapeau qui fait l'homme, Der Hut macht den Menschen aus, 1919) bis zur Darstellung von Träumen. De Chiricos Einfluss wird hier sichtbar. Place Vendôme, Hommage à Courbet sind die ersten Vorläufer des Surrealismus.

    Schon 1920 erkennt Breton die Möglichkeit, auch in der bildenden Kunst das poetische Bild Reverdys und Apollinaires anzuwenden. Das Zusammentreffen von normalerweise nicht zueinanderpassenden Teilen kann so geistreich sein, dass daraus plötzlich ein aufschlüsselnder Gedanke entstehen kann. 1921 begegnen sich in Köln Eluard und Max Ernst: eine lebenslängliche Freundschaft beginnt.

    Mit Tzara und den Dadaisten verbringt Ernst den Sommer in Tirol. 1922 schreibt und illustriert er mit Eluard Les Malheurs des immortels (Das Unheil der Unsterblichen). In Saint-Brice bei Paris malt er das Gruppenbild Au rendez-vous des amis (Rendezvous der Freunde) der späteren Surrealisten. Die Malerei dieser Zeit vermittelt den Geist der Dada-Collagen, in der Technik ist sie jedoch noch nicht so vollkommen. L'Eléphant Célèbes stellt eine groteske Maschine dar, Oedipus rex ein verschlüsseltes Symbol, Piètà, ou la révolution la nuit (Pieta oder die Revolution in der Nacht, 1923) eine Huldigung an De Chirico; Femme, vieillard et fleur (Frau, Greis und Blume, 1924) hat etwas Beissendes an sich. Das Montagegemälde Deux Enfants sont menacés par un rossignol (Zwei Kinder werden von einer Nachtigall bedroht) schliesst diese Periode ab. Das Thema der offenen oder verschlossenen Tür wird der Traumwelt entnommen.

    1924 fahren Eluard und Gala auf die andere Erdhalbkugel. Vielleicht folgen sie hierin dem Aufruf Bretons, einmal alles stehen und liegen zu lassen (Les Pas perdus). Zunächst verständigen sie niemanden von ihrem Unternehmen, dann rufen sie Max Ernst zu sich. In Singapur entsteht sein Portrait de Gala. Sie reisen auch nach Saigon. Anschliessend fährt Max Ernst auf einem uralten Schiff nach Europa (Paris) zurück, während Eluard und Gala noch bleiben.

    Breton hat gerade sein Manifeste du Surréalisme veröffentlicht. Unter den erwähnten Surrealisten gehört Max Ernst mit Masson, Mirô, Dali zu den führenden. 1925 wird ein entscheidendes Jahr für ihn. Bisher war er gezwungen, in einer Spielwarenfabrik sein Geld zu verdienen. Jedoch ein Vertrag mit Jacques Viot verbessert seine finanzielle Lage entscheidend. Wenig später erfindet er die Frottage.

    Wie er diese Durchreibetechnik erfindet, hat er uns selbst berichtet. Als er eines Tages in einem Gasthaus in Pornic einregnet, wird er plötzlich unruhig, da sein Blick immer wieder vom Fussboden angezogen wird. Die Maserung tritt so deutlich hervor - vom vielen Putzen ist sie so scharf geworden-, dass Max Ernst Papier darauflegt und sie mit einem Bleistift durchreibt. An mehreren Stellen überträgt er so das vorgefundene Muster auf Papier. «Ich war überrascht, wie dieser Vorgang meine Sehfähigkeit verschärfte.» Kinder kennen zweifellos dieses Verfahren; aber durch seine schöpferische und halluzinatorische Kraft macht Max Ernst daraus eine überaus poetische Technik, die gleichzeitig zeichnerisch und plastisch reizvoll ist. Die so abgepauste Textur des Materials verleiht dem Bild etwas Wirkliches, Konkretes. Andrerseits wird abstrahierend vereinfacht.

    Ein Jahr später, 1926, erscheint bei Jeanne Bucher das eindrucksvolle Album Histoire naturelle. Hans Arp schreibt das Vorwort. Die Frottagetechnik ist hier schon vollkommen verarbeitet. Die «Romancollagen» erscheinen erst später: La Femme 100 têtes (Die 100 kopflose Frau, 1929), Rêve d'une petite fille qui voulut entrer au Carmel (Das Karmelitermädchen, 1930), Une Semaine de bonté, ou les sept élements capitaux (Die weisse Woche, 1934). Ernsts Situation ist 1926 so gestärkt, dass er mit Mirö den Vorwürfen Bretons und der Surrealisten trotzen kann: so entwerfen sie die Dekoration zu Diaghilews moralisch zweideutigem Ballett «Romeo und Julia»,

    Er geht noch weiter. Aus der Technik der Frottage entwickelt er die - ähnliche - Schabetechnik, die sogenannte Grattage, Eine noch frische Farbschicht wird mit einem Kamm oder Lineal so aufgekratzt, dass die darunterliegende Schicht sichtbar wird. Die so entstehenden Formen haben immer etwas Kantiges an sich: er malt Grätenwälder. Das erste Bild dieser Serie entsteht 1926. Diese Technik finden wir noch oft wieder, so in den Fleurs (Blumen, 1926-1928), den Villes (Städte), z. B. in La Ville entière (Die ganze Stadt, 1935) und in Un peu de calme (ein bisschen Ruhe, 1939). Die Ölfrottagen, die man auch Atelierfrottagen nennt, werden bis in die späten künstlerischen Perioden hinein von Max Ernst immer wieder aufgegriffen. So wird die Frottagetechnik in der Phase 1945-1950, in der auch kubistische Stilelemente anklingen, wieder deutlich sichtbar: in Cocktail drinker (1945), Euclide (1945), Lune et Mars (Mond und Mars, 1946), Design in nature (1947). Oft wird die Technik aber auch versteckter in Mischverfahren angewendet. Der verführerische visuelle Reiz geht von der subtil aufgetragenen Farbschicht aus, Hier künden sich seine Farbstudien von 1950 an.

    Ein drittes sehr wirkungsvolles Verfahren entwikkelt sich 1935 und wird von Dominguez Dekalkomanie genannt. Die Visionen L'Europe après la pluie (Europa nach dem Regen, 1940-1942), Napoléon dans le désert (Napoleon in der Wüste, 1942), L'Anti-Pape (Gegenpapst, 1942) erscheinen phantastisch, gequält. L'Europe après la pluie hat symbolische Bedeutung: auf scharfen Felsen schimmern beunruhigende, rötliche Flecken. In der Mitte des Bildes drehen ein Mann mit Geierkopf und eine versteinerte Frau einander den Rücken zu. Aus freierer Traumlandschaft stammen die Gemälde: Arizona bleu, Arizona rouge (1955) und Forêt rouge (Roter Wald, 1956). Als Meisterwerk dieser Technik können wir wohl L'Œil du silence (Das Auge des Schweigens, 1944) ansehen. Wir bewundern hier nicht schillernde Spitzentextur, sondern reichen lavaähnlichen Farbauftrag. Bei einer Bildanalyse ergibt sich, dass eine Frau, die den Traumdarstellungen Gustav Moreaus entsprungen zu sein scheint, einem Tintensee den Rücken zuwendet. In ihrem Gesicht liest man Melancholie. Da sie nur einen kleinen Teil der Bildfläche (rechts unten) einnimmt, kann eine phantastische Felsenlandschaft, die sich grünlich feucht vor dem dämmernden Himmel erstreckt, viel Platz einnehmen. Unsere Einbildungskraft wird von der Gesteinsmasse, den opalen Wassertropfen, dem Moos, den dunklen Schneckenhausgängen gereizt. Und in den dunklen Schatten rechts, sind das Palastruinen? In dem Spalt links, ist das ein phallisches Symbol? Uns überrascht weiches Spitzenwerk, das sich im Bildzentrum wie Ruinen aus ödem Kalkstein hebt. Wie durch einen Riss wird das Gemälde von oben nach unten geteilt. Die Menschengestalt, die so zerbrechlich von den ungeheueren steinernen Massen umgeben wird und selbst zu versteinern droht, erhöht noch für uns dies faszinierende Schauspiel.

    Mehr als andere Künstler gibt sich Max Ernst dieser höchsten Sublimation hin. Tanguy macht aus dieser Steinwerdung eine Meeresfossilie, und Dali liefert sich mit herausforderndem Vergnügen ähnlichen Gestalten aus. Mitten in seiner glücklichen ArizonaPeriode lässt sich Max Ernst von dem Tragisch-Schöneu dieser erstickenden Materie in Bann ziehen.

    1927 hat Max Ernst Marie-Berthe Aurenche geheiratet. Wenn auch das Werk eines Künstlers nicht eine blosse Spiegelung seines Lebens ist, so lässt sich doch eine Parallele erkennen zwischen der Suche nach dem Glück und seiner künstlerischen Entwicklung. Max Ernsts glücklichste Zeit ist wohl die nach 1950. 1936 begegnet er in London Leonora Carrington, einer empfindsamen Dichterin und Malerin. Sie folgt ihm nach Frankreich, und 1938 lassen sie sich in Saint-Martin (Ardèche) nieder.

    Ein Jahr später wird Max Ernst, der ja noch Deutscher ist, in verschiedenen Lagern interniert. In Mille bei Aix-en-Provence begegnet er Bellmer. Während die französischen Truppen zurückweichen, überlässt Leonora verzweifelt ihr Haus in Saint-Martin beliebigen Leuten und flieht nach Spanien, dann nach Amerika. Als sie dort 1941 ankommt, lebt Max Ernst in Californien und heiratet die Kunstsammlerin und Milliardärin Peggy Guggenheim, Leiterin der Galerie Art of this Century in New York. Das bleibt eine kurze Episode. Bei einer Vorbereitung für eine Ausstellung von Malerinnen in dieser Galerie lernt Max Ernst 1942 Dorothea Tanning kennen. Er heiratet sie 1946. Mit ihr richtet er sich in einem Holzhaus in Sedona, Arizona, ein. Diese Zeit ist besonders poetisch. Man hat 1942, das Jahr, in dem das berühmte Gemälde Le Surréalisme et la peinture entstand, als den Beginn einer harmonischen Periode bezeichnet.

    In Max Ernsts Augen ist Freundschaft die Voraussetzung für ein intensives Leben. Die Beziehung zu André Breton verlief nicht ohne Störungen. Als Breton 1938 Stellung gegen Eluard bezieht, da dieser angeblich der Kommunistischen Partei Frankreichs zu nahe steht, entfernt sich auch Ernst von Breton. 1941 nimmt er allerdings wieder freundschaftliche Beziehungen zu Breton auf, ist mit ihm und Duchamp Co-Direktor der Zeitschrift VVV. Glücksgefühle auszudrücken, Erfolge zu akzeptieren - heisst das, sich selbst verleugnen, wenn man in der ersten surrealistischen Phase mehr als die anderen das Dunkle dargestellt hat? Der Bruch zwischen Breton und Max Ernst lässt sich 1954 nicht mehr schliessen, weil Max Ernst den Grossen Preis der Biennale von Venedig nicht ausschlägt. Seine Freundschaft zu Eluard ist wesentlich enger als zu Breton. Einen weiteren Freund hat Ernst in Giacometti. Er verbringt bei ihm in Maloja (Schweiz) den Sommer 1934. In Giacomettis Garten hinterlässt er riesige Felsskulpturen. Max Ernst, der stolz auf sein Vogelprofil ist, ist ein nach innen schauender Mensch, der die Geselligkeit nicht so sehr sucht.

    Er wurde nur nach und nach anerkannt, obwohl schon 1931 Julien Levy seine Werke in New York ausstellt und die Nazis sie 1937 als «entartete Kunst» erklären. In der Ausstellung Phantastische Kunst, Dada, Surrealismus, die 1936 in New York stattfindet, zeigt er 48 Bilder. Eluard veranstaltet bei Denise René 1945 in Paris seine erste Retrospektive. 1950 widmet ihm René Drouin eine grosse Ausstellung 1951 eine zweite in der Heimatstadt Brühl. Eigentlich wird sein Ruhm erst 1953 durch die von Mesens veranstaltete Retrospektive in Knokke-le- Zoute und den Preis von Venedig über die Kreise der AvantGarde hinaus getragen.

    1955 richtet er sich in Huismes bei Tour, im Bauernhof «Pin brulé» ein. Zuvor hatte er noch eine Reise nach Hawai unternommen und war wieder von Amerika nach Paris zurückgekehrt. Er erhält 1958 die französische Staatsbürgerschaft.

    Von jetzt an werden grosse Retrospektiven organisiert: 1956 in der Kunsthalle von Bern, 1959 im Musée d'Art moderne de la ville de Paris, 1961 im Museum of Modern Art in New York. Von 1962-1966 kann man seine Werke in London, Köln, Zürich, Paris, Antibes (Musée Grimaldi) und Venedig sehen. Von Zeit zu Zeit veranstaltet die Galerie Lolas in Paris eine Ausstellung von ihm. Man sieht, wie dieser Pionier des Surrealismus sich mit Verfeinerungen im Bild auseinandersetzt und musikalische Bilder schafft, die an Bazaine erinnern, z. B. die Gemälde Trois Jeunes Dionysaphrodites (1957) oder Enseigne pour une école de mouettes (1957). In seiner neuesten Periode, die mit dem leuchtenden Rot der Deux Points cardinaux (Zwei Kardinalpunkte, 1950) und den Farbspielen De la Palette (1953) anfängt, mischt er mehrere Verfahren, vor allem die Dekalkomanie und die Grattage. Le Cavalier polonais (Der polnische Reiter, 1954), La Forêt rouge (1956), Le Tombeau du poète (1958) und die Radierungen Maximiliana, die Folge der Microbes (1947-1953) - winzige Dekalkomanien - die Farbspannungen in Pour une école de monstres (Für die Schule der Ungeheuer, 1966) reihen Max Ernst in die gute Tradition der Pariser Schule.

    In dem Bild Ecole de monstres, wo uns ein Saurier vor blutrotem Grund anschielt, hält Max Ernst an der Darstellung des Traumwesens fest. Wie sehr Max Ernst darauf verharrt, merken wir, wenn wir einmal seine dunklen, oder später glücklichen Themen genauer untersuchen. In den Collagen, z. B. in Une Semaine de bonté, quält ein Mann mit Löwenhaupt eine schöne Frau dermassen, dass man das Schlimmste für sie befürchten muss. Dieses sadistische Element taucht immer wieder in männlichen und weiblichen Gestalten mit Vogelköpfen auf: Max Ernst ist von diesen scharfsichtigen Vögeln besessen und wird sich nie von ihnen lösen können. Wir glauben ihre symbolische Bedeutung zu kennen. Die siegreiche Haltung so eines Vogels drückt furchtbare Grausamkeit aus. In Oedipus rex sieht man zwei Vogelköpfe aus der Tischplatte tauchen. Ein andermal bedroht eine Nachtigall, ein in Wirklichkeit harmloser Vogel, zwei Kinder. Ein Vogel ist im streifigen Sträflingsanzug eingesperrt (1927). Die Vögel, die nicht fliegen können rutschen an den Dächern einer Stadt herunter. Im Vogeldenkmal (1927) werden Vögel, die nicht ihre Flügel spreizen, wie Ballons in den Himmel gehoben. Diese düsteren Körper unterscheiden sich von der zarten Silhouette des Vogels von 1957, dessen Auge die untergehende Sonne ist, und auch von dem, der über Das Grab des Dichters fliegt, diesmal mit geöffneten Flügeln. Dieses helle Bild wird auch Nach mir der Schlaf genannt (1958).

    Aber auf den Tiercollagen des surrealistischen Max Ernst winden sich Schlangen auf Teppichen. Bei der Darstellung von Tintenfischen und Sauriern sehen wir weiche, grässliche Verflechtungen, die wir schon in dem bedeutenden Bild Le Surrealisme et la peinture erwähnt haben. Vor diesem Gemälde hatte sich Max Ernst sehr intensiv mit Alptraumdarstellungen auseinandergesetzt. Sogar seine Faktur ändert er dafür. Figure humaine (Menschliches Gesicht, 1927), La Fiancée du vent (Die Windbraut, 1926-1927), L'Ange du foyer (Hausengel, 1935) erinnern an die grünlich feuchten Wesen aus Tête d'homme (Menschenkopf, 1934) und Déjeuner sur l'herbe (Frühstück im Grünen, 1935-1936).

    Dieses Déjeuner sur l'herbe ist ganz anders als das von Manet: auf einer unklaren Fläche mit Bäumen sehen wir drei Gruppen von Gestalten, die von Krämpfen geschüttelt werden. Eine dieser Gruppen ist völlig verschwommen. Diese Ungeheuer sind auf einen Sockel gestellt und erinnern an - wenn auch schwankende - Skulpturen. Das Skulpturhafte wird noch durch die Dämpfung der Farbe und durch klare, plastische Formgebung unterstrichen. Runde, weibliche Gestalten haben Adlerschnäbel, Flossen an den Füssen, lange Fangarme; die Augen sind in grässliche Höcker gebohrt. Der Himmel ist blau, und mattes Licht wirft ganz gewöhnliche Schatten. Die Formen allein, versteinerte, eklige Körper, lassen uns erschauern.

    Später gibt Max Ernst diese Schreckensbilder auf. Durch seine Malerei befreit er nicht nur sich selbst, sondern auch uns. Wie können wir unsere Träume erfüllen und Adler werden, wenn wir nicht auch Schlangen und Ungeheuer verschlingen? Max Ernst geht in seinen Collagen, Frottagen, Skulpturen über blosse Malerei hinaus. Jedoch ist in der Vielfalt seiner Werke, die sich über sein ganzes Leben verteilen, deutlich ein innerer Zusammenhang sichtbar. Nachdem er in dadaistischer Art die alten Werte in Frage gestellt hat, geht er zu einem expressionistischen Surrealismus über. Zwischen 1925 und 1949 stellt er in den Collagen traumhafte Wesen, in den Frottagen und Grattagen die Materie dar. Später nimmt er alte Themen wieder auf; ihm gelingt aber noch feinere Farbgebung.

    Dass die Surrealisten Max Ernst ausschliessen, ist nicht nur durch die Preisannahme und seinen weltweiten Ruf zu erklären. Es gibt tiefgreifende Verschiedenheiten vor allem in der Darstellung des Glücks. Zwar zeigen auch andere bedeutende Surrealisten wie Eluard, Delvaux, Svanberg das Glückhafte auf, jedoch unter einem tragischen Aspekt. Bei Max Ernst, von dessen erotischen, antikirchlichen, antimilitaristischen, sehr politischen Collagen sie einst bewegt worden sind, billigen sie nicht die spätere Harmonie. Schätzen wir Max Ernst, weil er unsere Maltechnik um die Frottage und Dekalkomanie bereichert hat, so bleibt er doch hauptsächlich als Surrealist, als Schöpfer der Werke La Femme 100 têtes und Une Semaine de bonté bedeutend.

    René Passeron
    Lexikon des Surrealismus
    Somogy Paris


    Sarane Alexandrian: Max Ernst, Paris, Filipacchi, 1971.
    Joc Bousquet und Michel Tapie: Max Ernst, Paris, René Drouin, 1950.
    Jean Cassou: Max Ernst, Paris, Musée national d'Art moderne, 1959.
    E.-L.-T. Mesens: Max Ernst, Katalog der Ausstellung, Knokkele-Zoute, 1953.
    Robert Motherwell: Max Ernst, New York, Wittenborn, Schutz 1948, The Documents of Modern Art, VIl. Patrick Waldberg: Max Ernst, Paris, J.-J. Pauvert, 1958.




    Das Ungewöhnliche Leben des Max Ernst
    (wie er es einem jungen Freund erzählte)

    1891

    Erster Kontakt mit der Welt: Am 2. April um 9.45 Uhr schlüpfte Max Ernst aus dem Ei, das seine Mutter in eines Adlers Nest gelegt und auf dem der Vogel sieben Jahre lang gebrütet hatte.
    Das geschah in Brühl, sechs Meilen südlich von Köln. Dort wuchs Max auf und wurde ein hübsches Kind. Obwohl durch einige dramatische Vorfälle gekennzeichnet, war seine Kindheit nicht eigentlich als unglücklich zu bezeichnen. In Köln hatten zur Zeit von Diokletian elftausend Jungfrauen lieber ihr Leben als ihre Keuschheit geopfert. Ihre zarten Schädel und Knochen schmücken die Wände der Klosterkirche in Brüh], in der der kleine Max die langweiligsten Stunden seiner Kindheit verbringen musste. Möglicherweise half ihm ihre jungfräuliche Gesellschaft darüber hinweg.
    Die geographische, politische und klimatische Lage von Köln als Stadt ist vielleicht dazu geeignet, in einem sensiblen Kindergemüt fruchtbare Konflikte zu erzeugen. Hier in Köln kreuzen sich die bedeutendsten europäischen Kulturströmungen: Einflüsse früher mittelmeerischer Kultur, westlicher Rationalismus, östliche Neigung zum Okkultismus, nordische Mythologie, preussischer kategorischer Imperativ, Ideale der Französischen Revolution und so fort.
    (Den unablässigen Kampf dieser gegensätzlichen Tendenzen kann man in M. E.s Werk erkennen. Eines Tages werden sich vielleicht Elemente einer neuen Mythologie aus diesem Drama entwickeln.)
    [Die Eltern: Louise Kopp und Philipp Ernst, letzterer ein Maler und Lehrer an der Taubstummenschule für die Rheinprovinz Brühl.]

    1894

    Erster Kontakt mit der Malerei: Der Knabe beobachtete den Vater bei der Arbeit an einem kleinen Aquarell, genannt «Einsamkeit». Es stellte einen Eremiten dar, der, in einem Buchenwald sitzend, die Heilige Schrift liest. Etwas Friedliches und zugleich doch Bedrohliches ging von dieser «Einsamkeit» aus - vielleicht wegen des dargestellten Gegenstandes (der trotz seiner Einfachheit ungewöhnlich war) oder wegen der Art der Ausführung. Jedes der zahllosen Blätter, das an den Ästen der Buchen hing, besass eine mit besessener Beflissenheit ausgeführte Binnenzeichnung; jedes von ihnen hatte sein eigenes, individuelles Leben. Der dargestellte Mönch schien irgendwo ausserhalb der irdischen Welt zu leben, und seine übernatürliche Ausstrahlung fesselte, aber erschreckte den kleinen Max zugleich. Selbst der blosse Klang des Wortes Eremit, vom Vater ausgesprochen, liess das Kind erschauern, und es wiederholte diese Silben so lange in den merkwürdigsten Betonungen, bis jeglicher Wortsinn daraus verschwunden war. Niemals vergass Max die Faszination und die Bedrückung, die er einige Tage darauf empfand, als sein Vater mit ihm zum ersten Mal in den Wald ging. (Man kann das Echo dieses Gefühls in vielen Wäldern, Visionen, Sonnen und Nächten von M. E. wiederfinden.)

    1896

    Erster Kontakt mit der Zeichnung: Der kleine Max machte eine Serie von Zeichnungen. Sie stellten Vater, Mutter, seine ein Jahr ältere Schwester Maria, zwei jüngere Schwestern, einen Freund und den Bahnwärter dar. Im Himmel: ein heftig qualmender Zug.
    Wenn er gefragt wurde: «Was willst du werden, wenn du gross bist?», antwortete er jeweils: «Bahnwärter.» Es mag sein, dass das Kind beeindruckt war von dem Fernweh, das durch vorbeirollende Züge geweckt wird oder von dem Mysterium der Telegraphendrähte, die sich bewegen, wenn man sie aus dem fahrenden Zug sieht. Um dieses Mysterium zu ergründen (und auch, um vor der Tyrannei des Vaters zu fliehen), riss der fünfjährige Max aus dem Elternhause aus. Blond, lockig, blauäugig, stiess er zufällig auf eine Pilgerprozession. Entzückt von dem reizenden Kind, nannten sie es Christkind. Um seines Vaters Zorn zu entgehen, erklärte Max (als ihn am nächsten Tag ein Polizist heimbrachte), er sei das Christkind. Dieser unschuldige Ausspruch inspirierte den Vater, ein Porträt des kleinen Sohnes als Jesusknabe zu malen.

    1897

    Erster Kontakt mit dem Tod: Seine Schwester Maria gab ihm und seinen Schwestern den Abschiedskuss und starb einige Stunden darauf. Seit dieser Zeit war das Gefühl für das Nichts und die zerstörenden Kräfte vorherrschend in seinem Gemüt, seiner Haltung und später in seinem Werk. Erster Kontakt mit Halluzinationen: Masern und Angst vor den zerstörenden Kräften. Eine Fiebervision: «Vor mir eine Vertäfelung aus Mahagoni-Imitation, grob gemalt, schwarz auf rot. Die groben Striche erwecken im Fieberhirn Vorstellungen organischer Art - drohende Augen, lange Nasen, ein enormer Vogelkopf mit dichtem, schwarzem Gefieder usw. Vor der Vertäfelung vollführt ein schwarzes Männlein langsame, komische obszöne Gesten. Dieser merkwürdige Bursche trägt den Schnurrbart meines Vaters. Nach einigen abgemessenen Sprüngen, Beinspreizen, Knie- und Rumpfbeugen lächelt er und zieht aus seiner Tasche einen grossen Zeichenstift aus irgendeinem weichen Material. Er beginnt zu arbeiten.
    Laut atmend zieht er schwarze Linien auf der Mahagoni-Imitation. Es erscheinen schnell neue, überraschende und immer abscheulichere Formen. Das Männlein erreicht dadurch die Ähnlichkeit mit wilden, klebrigen Tieren in einem solchen Masse, dass sie lebendig werden und mich mit Angst und Schrecken erfüllen. Mit seiner Kunst zufrieden, rafft das Männlein seine Geschöpfe in eine Art Topf, den er zu diesem Zwecke in die Luft malt. Er quirlt den Topfinhalt mit seinem Stift immer wilder durcheinander. Der Topf beginnt zu rotieren und wird ein Kreisel, der Stift zur Peitsche. Jetzt erkenne ich, dass der merkwürdige Maler mein Vater ist. Mit ganzer Kraft schwingt er die Peitsche und begleitet seine Bewegungen mit fürchterlichen Atemstössen und Qualm einer grossen, rasenden Lokomotive. Mit wilder Leidenschaft wirbelt er den Topf um mein Bett herum.» Sicherlich fand der kleine Max Gefallen daran, von solchen Visionen geplagt zu werden. Später verschaffte er sich freiwillig solche Halluzinationen, indem er auf Holzvertäfelungen, Wolken, Tapeten, ungestrichene Wände schaute, um seine Vorstellungskraft spielen zu lassen. Wenn jemand ihn fragte: «Was ist deine Lieblingsbeschäftigung?», antwortete er stets: «Sehen!»

    1898

    Zweiter Kontakt mit der Malerei: Er sah seinen Vater ein Bild nach der Natur im Garten malen und es dann im Atelier beenden. Der Vater unterschlug im Gemälde einen Ast, weil er nicht in seine Komposition passte. Nachdem das Bild fertig war, ging er in den Garten und schlug diesen Ast dort ab, damit es nun keinen Unterschied mehr zwischen der Natur und dem Bild gäbe. Das Kind fühlte einen Widerwillen gegen einen solch biederen Realismus. Es beschloss, sich selber für eine gerechtere Auffassung der Beziehungen zwischen der subjektiven und objektiven Welt einzusetzen.
    Schulpflichten waren ihm bereits verhasst. Schon der blosse Klang des Wortes Pflicht erfüllte M. E. mit Abscheu. Jedenfalls war das, was die Professoren (für Theologie und Ethik) die drei Quellen des Übels nannten - die Augenlust, die Fleischeslust und Hoffart des Lebens -, unwiderstehlich anziehend für ihn. (Von früh an vernachlässigte M. E. seine Pflichten und gab sich ganz diesen drei Übeln hin. Unter diesen hat die Augenlust dominiert.)

    1906

    Erster Kontakt mit okkulten, magischen Kräften: Einer seiner besten Freunde, ein kluger, treuer rosa Kakadu, starb in der Nacht des 5. Januar. Es war ein furchtbarer Schock für Max, als er am Morgen den toten Vogel fand und als im gleichen Augenblick sein Vater ihm die Geburt einer Schwester verkündete. In seiner Phantasie verknüpfte Max beide Ereignisse und machte das Baby für den Tod des Vogels verantwortlich. Eine Serie von seelischen Krisen und Depressionen folgte. Kombinationen von Vögeln und Menschen fanden später immer wieder Ausdruck in seinen Zeichnungen und Gemälden. Später identifizierte sich M. E. selbst mit Loplop, dem Vogelobersten.
    Ausflüge in die Welt der Wunder, Chimären, Dichter, Ungeheuer, Philosophen, Vögel, Frauen, Irren, Magier, Bäume, Erotik, Steine, Berge, Gifte, Mathematik usw. Ein Buch, das er zu dieser Zeit schrieb, wurde niemals veröffentlicht. Sein Vater fand und verbrannte es. Es hiess: Tagebuch der Taube.
    Im Jünglingsalter: Das altbekannte Spiel eingebildeter Begegnungen im Wachtraum: «Eine Prozession von Männern und Frauen in Alltagskleidung kommt von einem entfernten Horizont her an mein Bett. Kurz vorher trennen sie sich. Die Frauen gehen nach rechts, die Männer nach links. Seltsam, ich lehne mich nach rechts, damit mir auch kein einziges Gesicht entgehe. Zuerst beeindruckt mich die extreme Jugend dieser Frauen, aber nach genauem Hinsehen bemerke ich, dass viele mittleren Alters sind, nur zwei oder drei sind etwa achtzehn Jahre alt, meinem eigenen Alter entsprechend. Ich beschäftige mich zu sehr mit diesen Frauen, um darauf achten zu können, was links passiert. Aber ohne hinzusehen weiss ich, dass ich da den entgegengesetzten Fehler machen würde. Alle diese Männer schockieren mich durch ihr vorzeitiges Alter und ungeheure Hässlichkeit, aber nach genauer Beobachtung behält nur mein Vater diese greisen Züge.»

    1909

    [M. E. macht das Abitur. Er plant das Studium der Psychatrie an der Universität Bonn.] Als seine Familie von Max verlangte, seine Studien weiterzuführen, schrieb er sich an der Universität in Bonn ein. Er beschritt denselben Weg wie auf dem Gymnasium: Er vernachlässigte die Pflichten, um sich leidenschaftlich der nutzlosesten aller Beschäftigungen zu widmen - der Malerei. Seine Augen verschlangen gierig nicht nur die wunderbare Welt, die ihn von aussen bestürmte, sondern auch die andere geheimnisvolle und beunruhigende Welt, die mit beharrlicher Regelmässigkeit erschien und sich in jugendliche Träume verflüchtigte: «Klar zu sehen wird eine Notwendigkeit für mein psychisches Gleichgewicht. Dafür gibt es nur einen Weg: Alles zu beachten, was sich meinem Blick überhaupt darbietet.»

    1910/11

    Der junge Max vermeidet sorgfältig alle Studien, die zum Broterwerb ausarten können. Statt dessen sind seine Studien, wie seine Professoren sagen, nutzlos - vor allem die Malerei. Andere überflüssige Beschäftigungen: Lektüre ketzerischer Philosophen und rebellischer Dichtung, flüchtige Vergnügungen usw. Angezogen von grossen Geistern, liess er die widersprüchlichsten Einflüsse auf sich wirken; in der Malerei zum Beispiel: Manet, Gauguin, van Gogh, Goya, Macke, Kandinsky, Delaunay usw. Was kann er gegen seine dauernden Konflikte tun? Wie ein blinder Schwimmer kämpfen? An die Vernunft appellieren? Sich der Disziplin unterwerfen? Oder Widersprüche betonen bis zum Paroxysmus? Soll er sich so lange dem Dunkel überlassen, bis er den Verstand verliert? Sein jugendliches Temperament liess ihn letztere Lösung des Problems wählen.
    [Während der Studienzeit besucht er Anstalten und sieht zum erstenmal die Kunst Geisteskranker. Er will ein Buch darüber schreiben.] In der Nähe von Bonn stand ein finster aussehender Gebäudekomplex, der in mancher Hinsicht dem Hospital St. Anna in Paris glich. In dieser Irrenanstalt konnten Studenten Kurse und Praktika machen. In einem dieser Gebäude war eine erstaunliche Sammlung von Skulpturen und Gemälden, die trotz allem von den Insassen des schrecklichen Ortes gearbeitet waren. Diese Gegenstände rührten und bedrückten ihn stark. «Ich suche in ihnen die Spuren des Genies zu finden und bin entschlossen, dieses vage und gefährliche Gebiet des Irrsinns zu erforschen.» (Aber erst sehr viel später entdeckte M. E. die Wege, durch die er das Niemandsland bewältigen konnte.)
    Er lernt August Macke kennen, einen subtilen Maler und die Verkörperung eines intelligenten Enthusiasmus, der Grosszügigkeit und Urteilsfähigkeit.

    1912

    [M. E. stösst zu dem Jungen Rheinland, einem Freundeskreis von jungen Malern und Dichtern um Macke.] Wir waren von Heldenmut erfüllt. Spontaneität war unser Massstab. Keine Doktrin, keine Disziplin, keine Pflichten erfüllen. Vereint im Durst nach Leben, Dichtung, Freiheit, dem Absoluten und dem Wissen. «C'était trop beau ...»
    [Er entschliesst sich, sein Brot als Maler zu verdienen, sieht die Ausstellung des Sonderbundes in Köln mit van Gogh, Cézanne, Munch und Picasso. Fr trifft Munch.]
    [Erste Ausstellungen: 1912 in den improvisierten Räumen des Jungen Rheinland, nahe der Buchhandlung von Friedrich Cohen in Bonn; in der Galerie Feldmann in Köln; 1913 im Gereonklub in Köln; auf dem Ersten Deutschen Herbstsalon in Berlin, eine vom Sturm veranstaltete, von Macke und Kandinsky organisierte Ausstellung, die auch Werke Klees, Chagalls und Delaunays umfasste.]

    1913

    [Zusammen mit Delaunay trifft er Guillaume Apollinaire.] Es war ein einmaliges Treffen in Mackes Haus. Überflüssig zu bemerken, dass M. E. tief bewegt war. Was er gelesen hatte, regte ihn aufs höchste an. Zöne war im, Sturm erschienen ; und die erste Ausgabe von Alcools, mit einer Picasso-Zeichnung vom «Mercure de France» publiziert, war bereits in Köln. «Wir waren sprachlos, fasziniert von den beflügelten Worten Apollinaires, die sich vom Heiteren zum Ernsten, von tiefer Bewegtheit zum Lachen, vom Paradoxen zur geschliffen klaren Formulierung schwingen konnten.»
    Erster Kontakt mit Paris, dritte Augustwoche: Mit einem leichten Koffer kam er am Gare du Nord an, nahm kein Taxi, schlug den Boulevard de Strasbourg, damals Sébastopol, ein, verlangsamte den Schritt an Kreuzungen, Cafés, Geschäftsauslagen, die Augen ganz vorn auf der Lauer. Er kam zu den Halles. Erfrischt nach einer Suppe und einer Tüte Frites, schlenderte er umher und fühlte sich wohl. Er mietete ein Zimmer im Hôtel des Ducs de Bourgogne in der Rue du Pont-Neuf, lehnte aus dem Fenster und sah die Seine. (Macke hatte ihm Empfehlungsbriefe geschrieben, er nahm mit niemandem Kontakt auf.) Er ist glücklich, den ganzen Tag in den verschiedenen Quartiers verbringen zu können. Abends: Theater, Ballsäle und Cabarets. Geht zum Montparnasse, wo er im Café Dôme Jules Pascin trifft. Nach vier Wochen musste er abreisen, weil er kein Geld mehr hatte. (In Paris bildete er ein Dazugehörigkeitsgefühl aus, das, wie Patrick Waldberg sagt, wie Liebe auf den ersten Blick für immer fesselt.)

    1914

    Erster Kontakt mit Arp: Eines Tages bemerkte M. E. in Köln einen Gleichaltrigen in einer Ausstellung mit Werken von Cézanne, Derain, Braque und Picasso. Sein Gesicht war schön und geistvoll, sein Benehmen höflich. Dennoch kontrastierte es stark mit dem, was er tat. Freundlich (franziskanisch) und kompetent (voltairisch) erklärte er einem alten Esel die Vorzüge der modernen Kunst. Der Dummkopf gibt vor, überzeugt zu sein, poltert aber los, als Arp ihm einige seiner Zeichnungen zeigt. Gestikulierend und schimpfend erklärt er, dass er sechzig Jahre seines Lebens der Kunst gewidmet habe, aber wenn das das Ergebnis solcher Opfer sei, dann sei es besser . . . Arp, in gelassenem Ton, fragt ihn, warum er denn nicht eigentlich schon längst in den Himmel gefahren sei. Der Trottel verlässt fluchend die Galerie. Ernst und Arp schütteln sich die Hände: Von diesem Moment an waren sie Freunde.
    M. E. starb am 1. August 1914. Er erlebte seine Wiederauferstehung am 11. 11. 1918, als ein junger Mann, der hoffte, die Mythen seiner Zeit zu finden. Zeitweise zog er den Adler, der das Ei seines embryonalen Lebens ausgebrütet hatte, zu Rate. (Des Vogels Ratschlag ist in seinen Werken zu finden.)
    [Krieg: Vier Jahre Front bei der Artillerie. Zweimal verwundet, durch den Rückstoss eines Gewehrs und durch das Ausschlagen eines Esels. Seine Kameraden nannten ihn Mann mit dem Eisenkopf. 1917 zum Invaliden erklärt. Im Februar hatten M. E. und Paul Eluard, die sich damals noch nicht kannten, an der gleichen Front auf den verschiedenen Seiten gekämpft.]
    Was kann man tun gegen Stumpfsinn, Militärleben, Ekel und Greuel des Krieges? Heulen? Fluchen? Kotzen? Oder Vertrauen in die therapeutischen Tugenden des kontemplativen Lebens haben? Dafür waren die Umstände ungeeignet. Dennoch machte er einen Versuch. Einige Aquarelle, Gemälde (in Augenblicken der Ruhe entstanden) bezeugen es. Vieles davon, verloren oder zerstört, enthielt bereits den Keim späterer Werke («Naturgeschichte», 1925). Einige Titel zeigen den Gemütszustand: «Versuch einer Pflanze, sich festzuklammern», «Von der Liebe in einer leblosen Welt», «Talfahrt der Tiere am Abend», «Ein Blatt entfaltet sich» usw.

    1916

    [DADA kommt in Zürich zur Welt. Der Sturm organisiert eine kleine Ausstellung von M. E.s Werk im Januar und publiziert eine Zeichnung als Titelblatt zu Bd. VI, Nr. 19/20.]

    1917

    [Der Sturm publiziert M. E.s Artikel Über die Entwicklung der Farben.]

    1918

    [Dada kommt nach Deutschland. M. E. heiratet Louise Strauss, eine Kunstgeschichtsstudentin.]

    1919

    [Auf einer Münchenreise sieht M. E. Dada,-Publikationen aus Zürich und erfährt, dass Arp dort lebt. In München sieht er eine Klee-Ausstellung. Zum ersten und letzten Male besucht er Klee. In der Zeitschrift «Valori Plastici» sieht er das Werk de Chiricos, und als Huldigung macht er ein Album von acht Lithographien Fiat Modes Pereat Ars. M. E. macht die ersten zusammengesetzten Stichcollagen.]
    «Tretet ein, habt keine Angst, geblendet zu werden. - An einem Regentag in Köln erregt der Katalog einer Lehrmittelanstalt meine Aufmerksamkeit. Ich sehe Anzeigen von Modellen aller Art, mathematische, geometrische, anthropologische, zoologische, botanische, anatomische, mineralogische, paläontologische usw., Elemente von so verschiedener Art, dass die Absurdität ihrer Ansammlung blickund sinnverwirrend wirkte, Halluzinationen hervorrief, den dargestellten Gegenständen neue, schnell wechselnde Bedeutungen gab. Das gesteigerte Sehvermögen liess in mir neu entstandene Objekte vor neuem Grund erscheinen. Um dies alles festzulegen, genügte etwas Farbe und ein paar Linien, eine in bezug auf die dargestellten Gegenstände fremde Landschaft, eine Wüste, ein Himmel, ein geologischer Schnitt, ein Bretterboden, eine einfache Linie als Horizont usw. Die Dinge, aufschlussreiche Reproduktionen dessen, was in mir sichtbar wurde, fixieren ein getreues Bild meiner Halluzinationen. Sie formten die banalen Anzeigenseiten um in Dramen, die meine geheimsten Wünsche offenbarten.» [Dadamax Ernst und J. T. Baargeld bilden eine Dada-Verschwörung im Rheinland und zusammen mit anderen eine Dada-Zentrale «W/3 West-Stupidia». Sie bringen den «Ventilator» heraus, der von der britischen Besatzungsarmee verboten wurde, und organisieren die erste Dada-Ausstellung in Köln.]

    1920

    Der Arp ist da. [Köln: Im Februar wird die erste Folge von «Die Schammade» von Dadamax und Baargeld herausgegeben. Arp kehrte zurück und schloss sich an. Er und M. E. machen Fatagaga (fabrication de tableaux garantis gazo-métriques). April: Zweite ereignisreiche Dada-Ausstellung. Er trifft Kurt Schwitters. Geburt des Sohnes Jimmy.]
    [Paris: Erster Kontakt mit André Breton: Dadamax darf seine Collagen ausstellen. Im Mai Eröffnung der Ausstellung in der Verlagsbuchhandlung «Au sans pareil».]

    1921

    [Köln: Besuch Eluards mit seiner Frau Gala in Köln, der Collagen als Illustrationen zu seinen Gedichten sucht. Dadamax signiert ein Dada-Manifest: «Dada soulève tout.»]
    [Tirol: Sommer in Tarenz bei Imst mit Arp, Sophie Taeuber, Tristan Tzara und zum letztenmal mit Louise Ernst. Beiträge «Dada au grand air» für die Tiroler Ausgabe des Dada-Magazins.]

    1922

    [Sommer: Wieder in Tirol.] August: Geboren und erzogen im Rheinland, floh er ohne Papiere und Geld nach Paris, um dort zu leben. [Er lässt sich in Saint-Brice, Vorort bei Montmorency, im selben Haus wie Eluard nieder. Arbeitet in einem Atelier, wo man Pariser Souvenirs herstellt. Veröffentlichung von Les Malheurs des Immortels und Répétitions, eine Zusammenarbeit M. E.s mit Eluard.]

    1923

    [Er malt: «Die zweideutige Frau», «Die heilige Cäcilie», «Das Paar» und die erste Fassung von «Frau, alter Mann und Blume», letzteres im folgenden Jahr völlig umgearbeitet.] Die Frau liegt natürlich in des Mannes Armen, die andere Figur ist die Blume.

    1924

    «Zwei Kinder, von einer Nachtigall bedroht» ist das letzte Werk einer Serie, die mit «Elefant Celebes», «Oedipus Rex», «Revolution bei Nacht», «Die schöne Gärtnerin» (zerstört) begann und sicher zur letzten Konsequenz seiner frühen Collagen führte - ein Abschied von einer Technik und einer bestimmten Richtung abendländischer Kultur. (Dies Gemälde war in M. E.s Oeuvre rar: Er gab seinen Bildern niemals Titel. Er wartete, bis sich der Titel von selbst ergab. Hier jedoch existierte der Titel vor dem Gemälde. Einige Tage vorher hatte er ein Prosagedicht geschrieben, das begann : «A la tombée de la nuit, à la lisière de la ville, deux enfants sont menacés par un rossignol ...» Er hatte nicht die Absicht, das Gedicht zu illustrieren, aber so kam es dazu.)
    [M. E. verkauft alle seine Werke der Pariser Jahre in Deutschland und schifft sich nach Indochina ein. Rendezvous mit Paul und Gala Eluard in Saigon. M. E. reist drei Monate umher, kehrt über Marseille nach Paris zurück. Dort erscheint Bretons erstes Surrealistisches Manifest.] M. E. findet seine Pariser Freunde «en pleine effervescence».

    1925

    Am 10. August (in Pornic, im Hause von Gilles de Lava]) findet M. E. ein Verfahren, das allein auf der Intensivierung der Reizbarkeit des Gemütes beruhte. Den Charakteristika der Technik entsprechend nannte er sie Frottage (Durchreiben). In seiner persönlichen Entwicklung hat sie grösseren Anteil als die Collage, von der sie seiner Meinung nach nicht wesentlich differiert. Mit anderen Worten: Dieses Verfahren, durchgeführt mit passenden Techniken, schliesst jeden bewussten, geistigen Einfluss (der Vernunft, des Geschmacks oder der Moral) aus, und durch die Reduktion des aktiven Teils von dem, was bis jetzt Autor genannt wurde, auf ein Minimum enthüllte sich dieser Prozess als das exakte Äquivalent zu dem, was man automatisches Schreiben nannte. Durch die Erweiterung des aktiven Teils der halluzinatorischen Fähigkeiten des Geistes konnte er einfach als Zuschauer die Geburt seines Werkes beobachten.
    «Tretet ein, habt keine Angst, geblendet zu werden. - Ich befand mich an einem regnerischen Abend in einem Gasthaus am See. Da suchte mich eine Vision heim, die meinem faszinierten Blick die Fussbodendielen aufdrängte, auf denen tausend Kratzer ihre Spuren eingegraben hatten. Ich beschloss, dem symbolischen Gehalt dieser Heimsuchung nachzugehen, und um meine meditativen und halluzinatorischen Fähigkeiten zu unterstützen, machte ich eine Folge von Zeichnungen, indem ich auf die Dielen Papier verstreute und dieses mit einem schwarzen Bleistift rieb. Als ich intensiv auf die so gewonnenen Zeichnungen starrte, auf die «dunklen Stellen und anderen von zartem lichten Halbdunkel», da war ich überrascht von der plötzlichen Verstärkung meiner visionären Fähigkeiten. Meine Neugierde erwachte, und staunend begann ich unbekümmert und voll Erwartungen zu experimentieren. Ich benutzte dazu ebenso alle Arten von Materialien, die ich in mein Blickfeld bekam: Blätter und ihre Rippen, die rauhen Kanten eines Leinenläppchens, die Pinselstriche eines modernen Gemäldes, den abgewickelten Faden einer Spule usw. - eine Schlacht, die mit einem Kuss endete (Windsbraut). Die so gewonnenen Zeichnungen verloren, dank einer Folge spontaner Suggestionen und Transmutationen (wie bei Visionen im Halbschlaf) nach und nach den Charakter des verwendeten Materials (hier des Holzes). Sie nahmen so das Aussehen genauester Zeichen an, die wahrscheinlich den ursprünglichen Anlass der Zwangsidee offenbarten oder doch ein Scheinbild ihres Anlasses produzierten.» Diese Zeichnungen, erste Produkte der Frottage-Technik, wurden als Naturgeschichte gesammelt, von «Das Meer und der Regen» bis «Eva, die einzige, die uns bleibt». (Ihre Titel: Das Meer und der Regen - Augenblick - Kleine Tische rund um die Erde - Eisblumenschal - Erdbeben - Die Pampas - Er wird fern von hier stürzen - Falsche Stellungen - Vertraulichkeiten - Sie bewahrt ihr Geheimnis - Peitschenhiebe und Lavaströme - Die Felder der Ehre, Überschwemmungen, seismische Pflanzen - Vogelscheuchen - Narben - Die Linde ist gelehrig - Die faszinierende Zypresse - Die Sitten der Blätter - Idol - Cäsars Palette - Kauern an den Mauern - Tritt ein in die Kontinente - Geimpftes Brot - Blitze unter vierzehn Jahren - Gepaarte Diamanten - Der Kuckuck, Ursprung der Wanduhr - Im Stall der Sphinx - Die Mahlzeit des Toten - Lichtrad - Entkommen - Sonnengeldsystem - Um alles zu vergessen - Hengst und Windsbraut - Eva, die einzige, die uns bleibt.)
    Zuerst schien die Frottage nur für Zeichnungen angewandt worden zu sein. In der Folge benutzte M. E. sie auch in der Malerei. Sie eröffnete einen neuen Bereich, den nur äusserste Erregungen der Gemütskräfte begrenzen. [Viele der Frottagen der Naturgeschichte sind 1970 mit einer Einleitung von Arp als Mappe herausgegeben worden. Erste surrealistische Gruppenausstellung in der Galerie Pierre in Paris. Herbst: Roland Penrose sieht «Die schöne Gärtnerin» von M. E., abgebildet in der Zeitschrift «La Révolution Surréaliste». Sie treffen sich.]

    1926

    Januar: «Ich sehe mich selbst im Bett liegen. Zu meinen Füssen steht eine magere Frau in tiefrotem Kleid. Es ist transparent wie die Frau. Mich entzückt die überraschende Eleganz ihres Knochengerüstes. Ich bin versucht, ihr ein Kompliment zu machen.»
    [M. E. und Joan Mirô arbeiten für das Ballett Romeo und Julia für Diaghilew. Als Ergebnis dieser Tätigkeit beschuldigt sie ein Schriftstück, unterzeichnet von Breton und Louis Aragon, unsurrealistischer Aktivitäten. Romeo und Julia ist ein Ballett in zwei Szenen, uraufgeführt vom russischen Ballett am Theatre de Monte Carlo am 4. Mai. Musik von Constant Lambert, Dekoration und Kostüme von M. E. und Mir6, Choreographie von Bronia Nijinska.]

    1927

    [Januar in Mégeve. Im Februar Rückkehr nach Paris. Trifft und heiratet Marie-Berthe Aurenche ohne Segen ihrer Eltern. Er malt «Junge Leute treten ihre Mutter mit Füssen», «Von einem auf meinem Tisch gefundenen Strick hervorgerufene Vision», «Die Horde», «Vom nächtlichen Anblick der Porte Saint-Denis hervorgerufene Vision», «Eine Liebesnacht».]

    1928

    «Blumen treten auf: Aux rendez-vous des amis ... C'était la belle saison ... Es ist die Zeit der Schlangen, Erdwürmer, Federblumen, Muschelblumen, Vogelblumen, Tierblumen, Röhrenblumen. Es ist die Zeit, in der der Wald Flügel bekommt und Blumen unter Wasser kämpfen. (War er nicht eine hübsche Blume?) Es ist die Zeit der ungebeugten Medusa.»
    (Publikation von Bretons Le Surréalisme et la Peinture, das u. a. Werke von M. E. reproduziert: «Kleine Tränendrüse sagt tic-tac», «Revolution bei Nacht», «Zwei Kinder werden von einer Nachtigall bedroht», «Junge Leute treten ihre Mutter mit Füssen».)

    1929

    Eines Tages fragte ein Maler M. E.: «Was machen Sie jetzt, arbeiten Sie?» - «Ja», antwortete er, «ich mache Collagen. Ich bereite ein Buch vor: La femme 100 têtes» [100 = cent = sans = ohne]. Der Bekannte flüsterte ihm ins Ohr: «Und was für eine Leimsorte benutzen Sie?» Mit dem bescheidenen Ausdruck, den die Zeitgenossen so bewunderten, gab er zu, dass in den meisten von seinen Collagen wenig Leim verwendet wurde; dass er nicht verantwortlich für die Bezeichnung Collage sei, dass von 56 Katalognummern seiner Collagen-Ausstellung 1920 nur 12 die Bezeichnung Collage-Découpage rechtfertigten. Was die anderen 44 betraf, hatte Aragon recht, als er sagte, «der Ort, die Gedanken M. E.s zu sehen, ist dort, wo er mit wenig Farbe, einem Bleistiftstrich das Phantom zu akklimatisieren versucht, das er gerade in eine fremdartige Landschaft herabgestürzt hat». Maxime: «Wenn nicht Federn ein Gefieder machen, macht Leim (colle) keine Collage.» [Er trifft Alberto Giacometti. Herausgabe von M. E.s Collagen-Roman La femme 100 têtes.]

    1930

    «Nachdem ich mit Methodik und Eifer meinen Roman La femme 100 têtes geschaffen hatte, wurde ich fast täglich von dem Obersten der Vögel Loplop, meinem Privatphantom, heimgesucht. Er beschenkte mich mit einem Herzen im Käfig, dem See im Käfig, zwei Blütenblättern und drei Blättern, einer Blume und einem jungen Mädchen. Auch mit dem Mann mit den schwarzen Eiern und dem im roten Mantel.
    Eines schönen Herbstnachmittags erzählte er, dass er einmal einen Lakedemonier eingeladen hatte, einem Mann zuzuhören, der perfekt den Gesang der Nachtigall nachahmen konnte. Der Lakedemonier antwortete: »Ich habe die Nachtigall selbst schon oft singen gehört.«
    Eines Abends spricht er Maximen aus, die mich gar nicht lachen machen. Maxime: Es ist besser, eine gute Tat überhaupt nicht, als sie schlecht zu belohnen. Illustration: Ein Soldat verlor beide Arme in der Schlacht. Sein Oberst schenkt ihm einen Silberdollar. Da sagte der Soldat: »Sicher glauben Sie, mein Herr, ich hätte ein Paar Handschuhe verloren«.»
    [Der Collage-Roman von M. E. Rêve d'une petite fille, qui voulut entrer au Carmel erscheint. Im Haus des Vicomte de Noailles wird der Film L'age d'or von Luis Buiïuel und Salvador Dali privat vorgeführt, der zum Teil von M. E.s Bildern beeinflusst ist. M. E. wirkt auch in dem Film mit.]

    1931

    Neun Gemälde des deutschen Romantikers Caspar David Friedrich werden während einer Ausstellung im Münchner Glaspalast durch Feuer zerstört. Patrick Waldberg beschreibt die Wirkung dieser Zerstörung auf M. E.: «Er fühlte den Verlust, bis er fast krank wurde. Jenseits der Malerei verbanden tiefe geistige Bande ihn - über die Zeit hinweg - mit diesem Malerdichter, in dem seine eigenen Neigungen eine verwandte Seele entdeckten. Caspar David Friedrich hatte gesagt: »Schliesse deine leiblichen Augen, damit du das Gemälde erst einmal vor dem geistigen Auge siehst. Dann bringe an den Tag, was du in dieser Nacht gesehen hast, so dass deine Handlung sich in ihrer Gesamtheit vom Äusserlichen zum Verinnerlichten wendet.« M. E. hat diesen Rat immer befolgt.» [Erste Ausstellung in den USA: New York, Julien Levey Gallery.]

    1932

    [Beendet eine Collagen-Serie «Loplop stellt vor», begonnen 1929.]

    1933

    [Reist zum erstenmal im Frühsommer nach Norditalien: Le Roncole, Vigoleno und Ravenna. Er malt das grösste der «Wald»-Bilder und schreibt im folgenden Jahr für die Zeitschrift «Minotaure» Das Geheimnis des Waldes.] «Was ist ein Wald? Ein übernatürliches Insekt. Ein Zeichenbrett.
    Was tun die Wälder? Sie gehen niemals früh zu Bett. Sie warten, bis der Holzfäller kommt.
    Was bedeutet der Sommer für Wälder? Die Zukunft: Die Jahreszeit, in der die Schatten zu Worten werden und wortbegabte Wesen den Mut aufbringen, die Mitternacht um 0.00 Uhr zu suchen. All das gehört der Vergangenheit an, so scheint mir. Mag sein.
    Glaubten Nachtigallen an Götter in jener Vergangenheit? In jener Vergangenheit glaubten Nachtigallen noch nicht an Gott. Sie waren in Freundschaft verbunden. Und welche Stellung nahm der Mensch ein? Mensch und Nachtigall sahen sich in der günstigsten Lage zum Träumen: Sie hatten am Wald einen Mitschuldigen. Was heisst Träumen? Du verlangst zu viel von mir. Ein Traum ist eine Frau, die einen Baum fällt.
    Wozu dienen Wälder? Um Kinder mit Streichhölzern zu versorgen, als Spielzeug. Ist Feuer im Wald? Feuer ist im Wald.
    Wovon leben die Pflanzen? Wer weiss? Welcher Tag ist heute? Scheisse.
    Wer wird der Tod der Wälder sein? Der Tag wird kommen, an dem ein Wald, der bis anhin Schürzenjäger war, sich entschliesst, nur in alkoholfreien Lokalen, auf geteerten Strassen und mit Sonntagsspaziergängern zu verkehren. Er wird von eingemachten Zeitungen leben. Tugendgeschwächt, wird er die bösen Gewohnheiten seiner Jugend vergessen. Er wird geometrisch, gewissenhaft, pflichtbewusst, grammatikalisch, richterlich, pastoral, klerikal, konstruktivistisch und republikanisch werden ... Er wird ein Studienrat werden. Wird das Wetter gut? Natürlich! Wir gehen ja zur Diplomatenjagd.
    Wie wird,dieser Wald heissen? Blastula oder Gastrula? Madame de Rambouillet, of course!
    Wird man den Wald seines guten Betragens wegen loben? Ich jedenfalls nicht. Er wird das höchst ungerecht finden und eines Tages, wenn er es nicht länger aushält, wird er seinen Müll in das Herz einer Nachtigall kippen. Was wird die Nachtigall dazu sagen? Die Nachtigall wird's übel-nehmen. »Mein Freund«, wird sie sagen, »du bist noch schlimmer als dein Ruf. Verschwinde in die Südsee. Da wirst du schon sehen.«
    Und wird er gehen? Zu stolz!
    Gibt's dort noch Wälder? Es scheint so. Sie sind wild und undurchdringbar, sie sind schwarz und rostbraun, ausschweifend, weltlich, von Leben wimmelnd, diametral, nachlässig, grausam, inbrünstig und liebenswert, ohne Gestern noch Morgen. Von einer Insel zur anderen, über Vulkane hinweg spielen sie Kartenspiele mit einem unvollständigen Spiel. Nackt wie sie sind, wetten sie um ihr Geheimnis und die ihnen eigene Majestät. Am 24. Dezember erhalte ich Besuch von einer jungen Chimäre im Abendkleid.»

    1934

    «Acht Tage später treffe ich einen blinden Seefahrer ... Etwas Geduld (vierzehn Tage Warten) und zur Einkleidung der Braut wird er da sein. Die Windsbraut umarmt mich im Vorbeibrausen (einfache Wirkung des Kontakts).»
    [Im Sommer: Maloja, Schweiz, mit Giacometti. Er arbeitet an Steinskulpturen. Publikation von Une Semaine de Bonté, ou les sept éléments capitaux, M. E.s anspruchsvollster Collagen-Roman.]
    [M. E. erzählte Roland Penrose später:] «Alle diese Arbeiten suggerieren eine übermächtige Vorstellung von Bewegung durch Zeit und Raum. In ihnen schwingen dieselben Charakteristika widersinniger Irrationalität, die gewöhnlich Träumen eigen sind, wodurch der Künstler zu wissen imstande ist, dass in ihnen der ursprüngliche Hauch der Realität ist. Die Elemente der Collage, banale Stiche aus alten Büchern, sind vollkommen verändert. Die Vögel werden Menschen und Menschen werden Vögel. Katastrophen werden heiter. Alles ist erstaunlich, herzzerbrechend und möglich.»

    1935

    «Ich sehe Barbaren nach Westen schauen, Barbaren, die aus dem Wald kommen, die nach dem Westen marschieren. Bei meiner Rückkehr aus dem Garten der Hesperiden folge ich mit unverhohlener Freude dem Kampfe zwischen zwei Bischöfen ... Gefrässige Gärten, ihrerseits wiederum verschlungen von einer Vegetation, die aus den Trümmern eingefangener Flugzeuge wachsen ... Mit meinen Augen sehe ich die Nymphe Echo.»

    1936

    Oktober: Will man den Angaben seines Personalausweises glauben, so dürfte M. E. nicht älter als 35 Jahre sein, als er diese Zeilen schrieb; er hätte demnach ein ovales Gesicht, blaue Augen und graumeliertes Haar und wäre wenig über mittelgross. Besondere Kennzeichen hätte er laut der Kennkarte keine. Folglich könnte er, falls die Polizei ihn suchte, in der Menge untertauchen und leicht für immer verschwinden.
    Die Frauen andererseits finden, dass sein jugendliches Gesicht, gerahmt von silberweissem Haar, «ihn sehr vornehm wirken lässt». Sie sehen an ihm den Charme, den grossen Realitäts-Sinn und die Verführungskunst, die vollkommene Figur und sein angenehmes Wesen. (Das Risiko der Pollution gibt er selbst zu, es ist eine so alte Gewohnheit, dass er auf sie als Zeichen unbefangener Weltlichkeit geradezu stolz ist.) Die Frauen finden im übrigen, dass er ein schwieriger und eigensinniger Charakter und von unzugänglichem Gemüt ist. «Er ist», sagen sie, «ein Nest voller Widersprüche», zugleich transparent und rätselhaft, etwa wie die Pampa. Es ist für sie schwierig, die Freundlichkeit und Milde seines Wesens mit der stillen Heftigkeit zu vereinbaren, die die Essenz seines Denkens ist. Bereitwillig vergleichen sie ihn mit einem leichten Erdbeben, das höchstens die Möbel erzittern lässt, aber nichts umwirft. Besonders unangenehm und unerträglich ist für sie, dass sie fast nie seine Identität in den offenkundigen Widersprüchen erkennen können, die zwischen seinem spontanen Verhalten und dem Diktat seiner bewussten Gedanken bestehen. Zum Beispiel können sie zwei augenscheinlich unvereinbare Haltungen bemerken: Einmal das des Gottes Pan und des Mannes Papou, die alle Geheimnisse kennen und sich bei ihrem Auftritt vereinigen («Pan vermählt sich der Natur, Papou verfolgt die Nymphe Echo»); zum zweiten das Verhalten des Prometheus, Gott des Feuers, vom Verstand geleitet, der mit unerbittlichem Hass und groben Flüchen seine Umwelt verfolgt. «Diesem Ungeheuer gefallen nur die Gegensätze der Landschaft», sagen sie. Und ein kleines Mädchen fügt im Scherz hinzu: «Er ist gleichzeitig Gehirn und Gemüse.»
    [Er trifft die Malerin Leonore Fini. M. E. nimmt im Herbst trotz Bretons Veto an der Ausstellung «Fantastic Art, Dada, Surrealism» im Museum of Modern Art, New York, mit 48 Werken, doppelt so vielen als irgendein anderer Künstler, teil.]

    1937

    [Au-delà de la Peinture erscheint in den «Cahiers d'Art», es umfasst M. E.s Werk von 1918 bis 1936.] «Ich widme dieses Buch Roland Penrose, der Nymphe Echo und den Antipoden der Landschaft.»
    [Dekorationen für Ubu Enchaîné von Alfred Jarry, unter der Regie von Sylvain Itkine. Uraufgeführt von der «Compagnie du Diable Eclarté» in der Comédie des Champs-Elysées in Paris am 22. September.]
    [Er trifft die Malerin Leonora Carrington.]

    1938

    Erbost über die ungeheure Aufforderung, «in jeder Weise die Dichtung Paul Eluards zu sabotieren», verlässt M. E. die Surrealistengruppe. [Mit Leonora Carrington lässt er sich in Saint-Martin-d'Ardèche nieder. Er dekoriert ihr Heim mit Wandmalereien und Reliefs. Er illustriert und führt mit folgendem Text ihre Novelle La Maison de la Peur ein. Loplop spricht:] «Gut oder schlecht, ich stelle Euch die Braut des Windes vor ... Wer ist sie? Kann sie lesen? Kann sie fehlerlos französisch schreiben? Welches Brennmaterial hält sie warm? ... Sie entbrennt durch ihre Intensität, ihr Geheimnis, ihre Poesie. Sie hat nichts gelesen und alles getrunken. Sie kann nicht lesen. Doch hat die Nachtigall sie lesen gesehen und, obgleich sie lautlos las, hörten die Tiere und Pferde gepackt voll Bewunderung, zu.»

    1939

    [Der Krieg ist erklärt. Das Gemälde «Ein Augenblick der Ruhe» wird unterbrochen.] Er untersteht der Jurisdiktion des Deutschen Reiches. Als feindlicher Ausländer wurde M. E. interniert: Zuerst für sechs Wochen in einem Lager bei Largentière, dann in Les Milles bei Aix-en-Provence. An Weihnachten, dank einer Petition von Eluard an Albert Sarrault, freigelassen, kehrte M. E. nach Saint-Martin zurück. Er lebt von der Unterstützung seines Freundes Jod Bousquet.

    1940

    Mai: Wieder ist M. E. interniert, zuerst im Lager von Lorio, dann im Lager Saint-Nicolas (!) bei Nîmes. Er flieht nach Saint-Martin, wird wieder eingefangen, erneut interniert, flieht nochmals nach Saint-Martin. [Jetzt, nachdem ihn die Gestapo sucht, beginnt M. E. «Europa nach dem Regen» zu malen und entschliesst sich, Europa zu verlassen.] Auf Initiative einiger Freunde (darunter Marga Barr) und des Sohnes Jimmy erhält er durch das Emergency Rescue Committee ein Anrecht auf Asyl in den USA.

    1941

    [Auf dem Weg nach Marseille trifft M. E. Breton, der ebenfalls auf der Flucht ist. Versöhnungsversuch. Er trifft Peggy Guggenheim.]
    Juli: Ankunft in New York auf dem Flugplatz La Guardia, wo sein Sohn Jimmy ihn in den USA willkommen heisst. Kaum aus dem Flugzeug entstiegen, holen ihn die Einwanderungsbehörden. «Er untersteht der Jurisdiktion des Deutschen Reiches.» In der Festung von Ellis Island wird er interniert, mit direkter Sicht auf die Freiheitsstatue. Befreiung nach 3 Tagen, mehrwöchige Reisen durch die USA - Chicago, New Orleans, Arizona, New Mexico, Kalifornien. [Entschliesst sich, in New York zu bleiben.] Erstes Gemälde in Amerika: «Napoleon in der Wildnis». «Loplop, der Vogeloberste, folgte dem Flugzeug, das M. E. am 14. Juli in dieses Land (USA) brachte und baute sein Nest in einer Wolke des East River.» [Heirat mit Peggy Guggenheim. Sie trennen sich im folgenden Jahr.] In der Wall Street in New York genoss M. E. die Art, wie man dort seinen Namen aussprach: Mac, Maxt, Mex, Mask, Oinest, Oinst usw.

    1942

    Ausstellungen in New York, Chicago und New Orleans, völliges Fiasko. Die feindliche (oder stumme) Presse, das störrische Publikum (kein Verkauf) usw. Zum Ausgleich waren Dichter und junge Maler begeistert. «Im selben Jahr erschien »Die nicht-euklidische Fliege«.» Es erregte, vor allem wegen seiner Technik, die Aufmerksamkeit einiger junger Künstler. Er erklärte ihnen, dass die Ausführung ein Kinderspiel gewesen sei. «Befestigt ein leeres Gefäss an einer Schnur von 1 bis 2 m Länge, bohrt ein kleines Loch in den Boden, füllt die Büchse mit flüssiger Farbe. Lasst die Dose am Ende der Schnur über eine flachliegende Leinwand hin- und herschwingen. Leitet die Dose durch Bewegungen der Hände, Arme, Schultern und des gesamten Körpers. Auf diese Weise tröpfeln überraschende Linien auf die Leinwand. Das Spiel der Gedankenverbindungen beginnt.»

    1943

    Endlich eine Verbindung im Bereich des Möglichen. [M. E. trifft die Malerin Dorothea Tanning. Sie verbringen den Sommer in Arizona.] [Im folgenden Jahr veröffentlicht Sidney Janis in: Abstract and Surrealist Art in America einen Bericht über M. E.: «In seinen amerikanischen Bildern erfindet M. E. wie schon früher neue Techniken, mit denen er die Eigenschaften des Rätselhaften verbindet, die sein Werk nun einmal erfüllen. Er hat kürzlich eine neue Methode des Zufalls erfunden, die Oszillation, und hat in dieser Technik mehrere grosse, kreisende Kompositionen gemalt. Sie entstehen dadurch, dass Farbe frei aus einem pendelnden Behälter fliesst, den der Künstler mit einer langen Schnur betätigt. Ernst hat in mehreren, jüngst entstandenen Werken Techniken wie Motive aus vielen Epochen kombiniert. Sie werden von horizontalen und vertikalen Linien voneinander geschieden, die sie in rechteckige Felder teilen, die in gewissem Sinne der räumlichen Ordnung Mondrians gleichen. »Tag und Nacht« 1942, das zuvor entstand, nimmt diesen Zug vorweg. Eines der Bilder, »Vox Angelica« 1943 ist ein autobiographischer Bericht in geträumten und wirklichen Episoden über seine Wanderungen von einem Land ins andere.»]

    1944

    Sommer: Er arbeitet stetig an Skulpturen. Er mietet ein Haus am Great River, Long Island, um dort den Sommer über zu schwimmen. Es gibt aber dort so viele Moskitos, dass man nicht einmal die Nase vor die Tür stecken kann. Er entscheidet, die Garage vor Moskitos zu schützen und als Studio zu benutzen.

    1945

    [Auf Einladung von Albert Lewin nimmt M. E. an einem Wettbewerb teil (und gewinnt), der von Loew-Lewin für ein Gemälde über das Thema «Versuchung des hl. Antonius» ausgeschrieben worden war und das in einem Film verwendet wurde, The Private Affairs of Bel Ami.]
    [Eluard organisiert eine Retrospektive zu Ehren von M. E. in der Galerie Denise René in Paris.]

    1946

    Doppelhochzeit in Beverly Hills: Max und Dorothea, Man Ray und Juliette Browner.

    1947

    Sedona in Arizona: M. E. baut, malt, schreibt und - last not least - liebt (Dorothea).
    [«Das innere Gesichte: 8 sichtbare Gedichte», Gedichte von Eluard mit Illustrationen in Collage von M. E.]

    1948

    [Beyond Painting von und über M. E., herausgegeben und eingeleitet von Robert Motherwell. M. E. wird amerikanischer Staatsbürger.]

    1949

    [Retrospektive in der Copley-Gallery, Beverly Hills. Anlässlich der Ausstellung veröffentlicht die Galerie in einem einzigen Band At Eye Level/Paramyths. Besuch Marcel Duchamps in Sedona. Im August fährt M. E. nach Paris.] Wiedersehen in Paris mit Dorothea. Gemischte Gefühle. Paris und seine Bewohner erholen sich nur langsam von der Nazi-Besatzung: Unlust und Unordnung. M. E. ist froh, seine Freunde begrüssen zu können: Arp, Joë Bousquet, Patrick Waldberg, Robert Level, André Pieyre de Mandiargues, Georges Bataille, Giacometti, Balthus, Penrose, auch Paul Eluard trotz einiger Schwierigkeiten. [La Brebis galante von Benjamin Péret mit Illustrationen von M. E. erscheint. Feierliche Retrospektive des graphischen Werkes in der Buchhandlung La Hune, Paris.]

    1950

    M. E.s treuer Freund François-Victor Hugo verschafft ihm ein Atelier am Quai Saint-Michel, gegenüber von Notre-Dame.
    [Retrospektive in der Galerie René Drouin, Paris. Die Ausstellung zeigt zum erstenmal die amerikanischen Werke M. E.s. Im Oktober kehrt er nach Sedona zurück.]

    1951

    [Loni und Lothar Pretzel, Schwester und Schwager von M. E., veranstalten eine grosse Retrospektive in der Schlossruine von Brühl.] Ein Blitzstrahl zerstörte die Flagge mit M. E.s Namen. Dieser Vorfall bedeutete für die Bürger der Stadt ein Gottesurteil; noch in der Nacht wurde die Stadtversammlung einberufen. Die Ausstellung endete mit einem hohen Defizit für die Stadt und mit der Entlassung des verständnisvollen Stadtdirektors, der persönlich für das finanzielle Debakel verantwortlich gemacht wurde. [Diese Ausstellung in Brühl war von erheblichem Einfluss im Rheinland, wo man sich noch nicht von der nazistischen Unterdrückung moderner Kunst gelöst hatte.]

    1952

    [März: Yves Tanguy besucht Sedona. Im Sommer hält M. E. etwa 30 Vorlesungen an der Universität von Hawaii in Honolulu. Thema: Die letzten 50 Jahre moderner Kunst. Ungefähr 96 Hörer - er korrigiert ihre Examensarbeiten. Er hält auch eine öffentliche Vorlesung über Surrealismus. Dominique de Ménil veranstaltet in Houston in der Contemporary Art Association eine Ausstellung von Werken M. E.s.]

    1953

    [M. E. kehrt nach Paris zurück. Retrospektive in Knokke-le-Zoute in Belgien. Das Schnabelpaar, Gedicht mit achtfarbigen Radierungen von M. E. erscheint.]
    [Herbst: M. E. besucht Köln, das Rheinland und Heidelberg.] Er hatte Köln 25 Jahre nicht mehr gesehen und erschreckte beim Anblick der Stadt furchtbar. Von der Stadt, in der er jeden Stein gekannt hatte, war nichts übriggeblieben.]

    1954

    M. E. erhielt zu seiner Überraschung den ersten Preis auf der 27. Biennale in Venedig zugesprochen.

    1955

    [Er lässt sich in Huismes in der Touraine, nahe bei Chinon, nieder. Galapagos von Antonin Artaud erscheint mit Illustrationen von M. E.]

    1956

    [Er findet in einem Geschäft in Chinon Rollen altmodischer Tapeten von der Art, die er vor mehr als 35 Jahren benutzt hatte, und macht zu seinem Vergnügen eine Reihe von Collagen: «Dada-Wald», «Dada-Sonne». Retrospektive in der Kunsthalle Bern.

    1957

    [Winter 1956/57: Sedona. 1m Museum von Tours eine Ausstellung zusammen mit Man Ray, Dorothea Tanning und Mies van der Rohe, veranstaltet von der Kulturabteilung der amerikanischen Botschaft.]

    1958

    [M. E. wird französischer Staatsbürger. Patrick Waldbergs Biographie Max Ernst erscheint, herausgegeben in Paris von Jean-Jacques Pauvert. Die Buchhandlung La Hune feiert das Ereignis mit einer Ausstellung.]
    Frühling: M. E. ist erstaunt, dass das Museum of Modern Art in New York eine Ausstellung seiner Werke organisieren will.

    1959

    [November: eine grosse Retrospektive seines Werkes wird im Musée d'art moderne eröffnet.]

    1960

    [Herbst: Deutschlandreise mit Patrick Waldberg. Max Ernst mit Texten des Künstlers und einem Vorwort von Georges Bataille erscheint.]

    1961

    Januar: M. E. kommt nach New York, mit der Absicht, Sedona, seine eigene Ausstellung im Museum of Modern Art und evtl. auch seine Enkel zu besuchen. Er liest diesen Datenkatalog mit Interesse durch, eine unchronologisch zusammengestellte Chronologie. Darin findet er Altbekanntes und Neues (und einiges Zensierte). Er bestimmt, dass der Katalog auf Englisch von Freunden gelesen werden soll.

    (Max Ernst - New York, 23. Januar 1961)



    Dieses autobiographische Register wird zur weiteren Information mit den neuesten Daten versehen.

    1961

    Skulpturenausstellung in der Galerie Le Point Cardinal in Paris.


    1962

    Retrospektive in der Tate Gallery, London.

    1963

    Grosse Ausstellung im Wallraf-Richartz-Museum, Köln und im Kunsthaus Zürich. Ausstellung der «Ecrits et Oeuvre gravé» in der Stadtbibliothek in Tours und der Galerie Le Point Cardinal, Paris. Ausserdem Skulpturenausstellungen in Helsinki, Stockholm, im Louisiana-Museum (Dänemark) und im Musée Grimaldi in Antibes.

    1964

    Ausstellung der Galerie Lolas in Paris: «Cape Capricorne».

    1966

    Galerie Lolas, Paris: «Le Musée de l'Homme suivi de la Pêche au Soleil levant». Venedig, Palazzo Grossi: «Au-delà de la Peinture». New York, The Jewish Museum: «Sculpture and Recent Painting». Ablehnung der Ehrenbürgerschaft der Stadt Brühl.

    1967

    In Prag beginnt die Ausstellung «Ecrits et Oeuvre gravé» ihre Wanderung, die sie auch nach Worpswede und in die Hamburger Kunsthalle führt. 1968 «Le Néant et son double» in der Galerie Lolas, Paris.

    1969

    «Journal d'un Astronaute Millenaire» wird in derselben Galerie gezeigt. Die Galerie François Petit stellt den im gleichen Jahre wiedergefundenen Wandbilderzyklus vor, den M. E. 1923 im Haus von Paul Eluard in Eaubonne auf Tapeten gemalt hatte und der nun auf Leinwand übertragen ist. Ausserdem wurde in diesem Jahr die 1936 entstandene und als zerstört geltende, bewegliche Skulptur «Mobiles Objekt, den Familien empfohlen» wiederentdeckt.

    1969/70

    Gesamtausstellung des Werkes von M. E. in Stockholm, Amsterdam und im Württembergischen Kunstverein, Stuttgart.

    1970

    Anschliessend gehen die Werke M. E.s aus der Sammlung de Menil auf Wanderausstellung in Deutschland unter dem Titel «Max Ernst - das innere Gesicht». Veranstalter ist das Institute for the Fine Arts, Rice University, Houston, Texas. Die Ausstellung wird zuerst in Hamburg (Kunsthalle) gezeigt und geht dann nach Haunover (Kestnergesellschaft), Frankfurt am Main (Kunstverein), Berlin (Akademie der Künste) und Köln (Kunsthalle). - Im Musée d'Art et d'Histoire in Genf veranstaltet Charles Georg die vollständigste Graphikretrospektive «Max Ernst - Oeuvre gravé», deren Katalog als vorläufiger «Catalogue raisonné» der Graphik gelten kann.

    Autor: Guiseppe Gatt - Max Ernst - Gestalter unserer Zeit

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