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Berühmte Berner Künstlerinnen und Künstler Franz Gertsch 8.3.1930 Mörigen, von Lütschental. Sohn des Hans, Lehrers, und der Frieda geb. Wälti. Verheiratet 1) 1955 Denise Suzanne Kohler, 2) 1963 Maria Meer. 1947-52 Ausbildung zum Maler bei Max Rudolf von Mühlenen und Hans Schwarzenbach. Ab 1969 malte Gertsch grossformatige fotorealistische Bilder, bei denen er teilweise von einer Fotografie oder einem Dia ausging. 1972 gelang ihm an der Documenta 5 in Kassel der internationale Durchbruch. Er porträtierte zahlreiche Personen aus seinem Umfeld («Junkere 37») und wurde zu einem Chronisten der antibürgerlichen Jugendbewegung (1978-79 fünf Bilder von Patti Smith). 1986-95 schuf Gertsch grossformatige Holzdrucke in japanisierendem Stil. Nach der Wiederaufnahme der Malerei entstand die Bildserie «Gräser I-IV» und 1997-98 das Porträt «Silvia». 2002 wurde in Burgdorf das von einem privaten Sponsor finanzierte Museum Franz Gertsch eröffnet. Literatur -BLSK Biographisches Lexikon der Schweizer Kunst, 2 Bde., 1998. -A. Affentranger-Kirchrath, Franz G., 2004 Andreas Schwab - Historisches Lexikon der Schweiz Franz Gertsch Linol- und Holzschnitte hatte Franz Gertsch (1930) schon als Malschüler seit 1947, und früher, angefertigt. Zu den ersten, die der Künstler heute als Frühwerke gelten lässt, zählen Köpfe und Gesichter von ein oder zwei Personen. Von Anfang seiner druckgraphischen Arbeit an sind also Thema und Motiv exponiert, an die sich Gertschs künstlerisches Interesse künftig, man darf wohl sagen: ausschliesslich band. Seinen Durchbruch als Maler erreichte er um 1970, als er überlebensgross und photographisch genau nach Diaprojektionen zu arbeiten begann. Es waren Porträts aus dem Kreis der Künstlerfreunde, zuerst eine Art von modernen Konversationsstücken, dann konzentriert auf Kopf und Gesicht von einzelnen. 1972, aus Anlass der Documenta 5, an der die Photorealisten besonders aufgefallen waren, erschien ein Mappenwerk mit zehn Graphiken verschiedener solcher Künstler. Darunter ist auch der erste gedruckte «Gertsch». Es ist die Lithographie Jean-Frederic Schnyder, die erste von bis heute nur vier Steinzeichnungen, die Franz Gertsch tatsächlich sorgfältig auf Stein gezeichnet-und nicht etwa photomechanisch darauf übertragen lassen hat. Ausgehend von einer eher kunstlosen Momentaufnahme lässt einen das übertrieben wirklichkeitsgetreue Abbild gerade infolge übergrosser Nahsicht an der Wirklichkeitsnähe zweifeln. Danach nahm das Vergrössern der Bildnisköpfe zu bis zu den monumentalen Formaten des Graphikwerks seit 1986. Aufs neue sind es Holzschnitte (und drei Jahre aufs neue nur Gesichter), die seither entstanden sind. Mit ihnen hat der Graphikkünstler Franz Gertsch die Kunstszene erst recht eigentlich betreten. Zu Beginn der fünfziger Jahre entwickelte sich um den Berner Schriftsteller Sergius Golowin so etwas wie eine neue Heimatkundebewegung: das Bewusstsein von der Eigentümlichkeit der alten lokalen und regionalen Volkskultur und Mythentradition. Statt sich nach den Errungenschaften aus den internationalen Kunstzentren zu richten, wollte man aus eigenen Quellen schöpfen und nicht in einer allgemeinen «Weltsprache», sondern in der eigenen reden. Radikal verstanden und nicht volkstümelnd, bedeutete diese Haltung dazumal ein Verwerfen aller geltenden Stilkonventionen. Im nachhinein - nach umwertender Regionalismus-Diskussion und einer Neueinschätzung des Schweizer-Enge-Diskurses - erweist sie sich als höchst aktuell. Franz Gertsch war diesem vornehmlich literarischen Kreis frühzeitig verschworen. Er hatte ja selber Geschichten erzählt in Wort und Bild und für deren Veröffentlichung gesorgt. Aus der Zeit zwischen 1950 und der Mitte der sechziger Jahre existiert eine Reihe von Büchern und Alben mit seinen märchenhaft erfundenen Erzählungen und mit gegen hundert grösseren und kleineren Holzschnitten. Auch das autonome Blatt Kopf eines Jünglings (1948) soll mit einem vom Künstler nicht näher angegebenen Text von Golowin in Beziehung stehen. Und ebenso ist - dem Titel nach - Magelone (1951) literarisch angeregt von den sagenhaften Abenteuern jener schönen Königstochter. Sie könnte gerade in einem für den Fortgang der Handlung fruchtbaren Moment dargestellt sein: Als sie einmal eingeschlafen ist, kann ihr ein Vogel die drei Zauberringe rauben. Die einfachen Linienschnitte bleiben dabei, ein natürliches Vorbild oder ein bestimmtes Modell massvoll zu stilisieren; die Kompositionen sind flächig vereinfacht. Dabei fällt, besonders bei Daphnis und Chloe (1949), die eigenwillige, beinahe japanisierende Flächengliederung auf. Eine gewisse Eckigkeit der Linien kommt von der Schnittführung gegen die Zähigkeit der Linolplatte. Das ist ein materialbedingter Einfluss, der hier dazu beiträgt, die Drucke geformt und unverbraucht wirken zu lassen. Ohne ihre Originalität zu überschätzen: zu unterschätzen ist der karge Charme, den sie entfalten auch nicht. Auf alle Fälle sind es Blätter, die nicht verwechselt werden können mit populären Schmuck- und Illustrationsgraphiken der fünfziger Jahre, da ein «modernistischer» Stil in Holz- und Linolschnitt Vorbilder der klassisch gewordenen Moderne - man nehme nur Picasso oder Matisse - in zweiter Hand sozusagen trivialisierte. Einen deutlichen Vorschein auf die Besonderheit der grossformatigen Frauenporträts der achtziger Jahre aber wirft die Qualität des kleinen Bildnisses Denise (1950). Geheimnis, Entrücktheit und zugleich autonome Präsenz sind die Begriffe, mit denen die Eigenart der späteren Werke benannt worden ist. Dieselbe Ferne bei gleichzeitiger Nähe macht die Aura dieses zart linierten, zart kolorierten Holzschnitt-Antlitzes aus. Wahrung der Gegenständlichkeit verbunden mit einer Abstraktion, wie sie jedes ursprüngliche künstlerische Vorgehen auszeichnet, vielleicht sogar der auffallend empfindsame Farbeinsatz verknüpfen das Frühwerk mit dem Neuen der späteren Holzschnitte, trotz ihrer ganz verschiedenen Erscheinung. Franz Gertsch Geboren 1930 in Mörigen/BE. 1947 bis 1950 Malschüler bei Max von Mühlenen, bis 1952 bei Hans Schwarzenbach in Bern. Bis 1974 in Bern. 1974/75 in Berlin. Lässt sich 1976 in Rüschegg / BE nieder. Reisen nach Paris, Italien, den USA, Japan. Holz- und Linolschnitte entstehen seit 1948, als Einzelblätter und zusammen mit eigenen Texten in Alben. Wird ab 1969 mit realistischen grossformatigen Gemälden - Familien- und Gruppenporträts - bekannt, dann Einzelbildnisse. Einzelne Lithographien. Wendet sich 1986 ausschliesslich dem monumentalen Holzschnittbild zu. Literatur Rainer Michael Mason, Franz Gertsch. Holzschnitte. Ausstellungskatalog (mit einem Werkverzeichnis der Druckgraphik seit 1972) Städtische Galerie im Lenbachhaus München 1991 Franz Gertsch. Ausstellungskatalog Kunsthaus Zürich 1980 Quelle: Gegendruck - Graphische Sammlung der ETH Zürich Im Bann der Rock-Legende Aus anfänglichem Missbehagen gedieh ein mehrteiliges Kunstwerk: Franz Gertsch und Patti Smith Viele Museumsgänger kennen das grosse fotorealistische Bild von Patti Smith im Kunstmuseum Bern, das Franz Gertsch 1978 malte. Wenige jedoch dürften wissen, dass die Rock-Musikerin den Berner Künstler im Visier hatte, als sie - wie auf dem Gemälde zu sehen - eines ihrer Manuskriptblätter genervt zusammenknüllte. Denn es war Franz Gertsch, der am 20. Oktober 1977 anlässlich einer Poetry-Performance von Patti Smith in einer Kölner Galerie unermüdlich fotografierte und damit den Unmut der Sängerin auslöste. Zu verdanken ist diesem Ereignis die Entstehung eines fünfteiligen Gemäldezyklus, der die Musikerin auf bisher ungekannte Art im Grossformat zeigt und nun erstmals (fast) als Ganzes im Museum Franz Gertsch in Burgdorf ausgestellt ist. Angetan hatte es Gertsch damals nicht nur die Stimme von Patti Smith, sondern vor allem ihr Gesicht in Form eines Fotos auf dem Plattencover ihres Albums «Horses». Während die Sängerin auf dem Cover als cooler Star posiert, ging es Gertsch um eine subjektivere Annäherung, um den Menschen Patti Smith in Aktion auf der Bühne. So steht sie denn auch im Berner Bild nicht etwa prominent in der Mitte, sondern ist ganz an den linken Bildrand gerückt, während sie im ersten Gemälde der Serie gar dem Betrachter den Rücken zukehrt. Zwei weitere Versionen zeigen die Musikerin vor einem Strauss Mikrofone sowie mit selbstvergessenem Lächeln beim Blick in ein Buch. Mit Ausnahme von «Patti Smith IV», das derzeit an der Biennale in Venedig ausgestellt und erst bei der zweiten Station der Ausstellung in München mit dabei ist, sind die etwa drei auf vier Meter grossen Leinwände nun in Burgdorf vereint. Hier sind sie zusammen mit dem letzten Bild der Serie ausgestellt, das auf eine etwas spätere Begegnung im Atelier des Künstlers in Rüschegg am Vorabend einer Performance im Kunstmuseum Bern zurückgeht. Gern hätte Gertsch die Musikerin ein weiteres Mal in Nahansicht und ohne erzählenden Zusammenhang porträtiert. Dazu kam es jedoch nie, und so malte Gertsch stattdessen 1980 ein Selbstbildnis, das überleitet zu seiner neuen, auf das einzelne Gesicht fokussierten Bildauffassung, die in der jetzigen Ausstellung durch «Johanna I» vertreten wird. Dieser zweite Ausstellungsraum, in dem mit «At Luciano’s House» auch ein Hauptwerk aus Gertschs Hippie-Zeit zu sehen ist, veranschaulicht überzeugend die Stellung der Patti-Smith-Bilder im Gesamtwerk. Eine weitere Bereicherung stellen die im Kabinettraum des Museums gezeigten zugehörigen Fotoserien dar. Die Ausstellung im Museum Franz Gertsch dauert bis zum 26. Oktober 2003. Katalog Fr. 38.-. www.ebund.ch (ms) 13.08.2003 Über den Horizont hinaus blicken Die erste Wechselausstellung im Museum Franz Gertsch in Burgdorf Der gelungene Ausstellungs-Rundgang unter dem Titel «horizonte» führt durch fünf Themenräume, in denen Arbeiten von Franz Gertsch mit solchen anderer Kunstschaffenden (fast) durchgehend überzeugend konfrontiert werden. Keine kitschig-romantischen Sonnenuntergänge zieren die Wände der Ausstellung «horizonte». Es geht vielmehr darum, den künstlerischen Horizont des Hauses zu erweitern und den Blick über die Werke Franz Gertschs aus der Sammlung auf Arbeiten von Vertretern verwandter künstlerischer Positionen zu werfen. Die Gegenüberstellungen in fünf Themenräumen drehen sich um die Fragen nach der Darstellbarkeit der Wirklichkeit zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit sowie der Auswirkung unterschiedlicher Medien in der Wiedergabe dieser Wirklichkeit. In einem ersten Raum treffen Gertschs hyperrealistisch gemalten «Gräser I-IV» auf Thomas Demands Fotografien «Rasen» und «Hecke». Dass die Motive der Fotografien nicht der Natur entnommen, sondern aus Papierschnipsel gefertigte und kolorierte Modelle sind, wird auch beim zweiten Blick kaum sichtbar. Ein doppelbödiges Spiel: Die Fotografie kaschiert zwar die Künstlichkeit des Papiermodells, schafft jedoch durch die Zweidimensionalität wiederum Distanz von der scheinbaren Wirklichkeit. Künstlerische Dialoge Der offensichtlichste künstlerische Dialog findet im Porträt-Raum statt, wo Franz Gertschs monumentale Malereien «Silvia I» und «Johanna I» neben den Blow-up-Fotografien von Thomas Ruff hängen. Trotz der zunächst frappant erscheinenden Ähnlichkeit der Modelle, lichtet Ruff bewusst nur die oberflächliche, emotionslose Erscheinung ab, während Gertschs gemalte Porträts mehr vitale Präsenz und Persönlichkeit ausstrahlen. Dies vielleicht gerade deshalb, da sie keine Kopien der Wirklichkeit, sondern deren künstlerische Interpretation sind. Nach Gertschs Überzeugung gibt seine Malerei die äussere Wirklichkeit sogar vollkommener wieder als jede Fotografie Im stimmungsvollsten Raum, der dem Thema «Wasser» gewidmet ist, treffen Gertschs «Schwarzwasser»-Holzschnitte auf «Seestücke» von Gerhard Richter und Vija Celmins, die einzige Frau unter den Ausstellenden. Leben und Bewegung in den Raum bringt vor allem die musikalisch untermalene Videoarbeit von Piero Steinle: Schwimmend in einem Pool, der fast nahtlos ins offene Meer überzugehen scheint, bewegt sich der Künstler ganz direkt an der Grenze zwischen Künstlichkeit und Natur. Nur in einem Raum will der künstlerische Dialog nicht so recht in Gang kommen: Das übergeordnete Thema «Zeit» passt zwar zu den Datumsbildern von On Kawara und den Zahlenbildern von Roman Opalka, weniger jedoch zu Gertschs monumentalen Holzschnitt-Triptychen «Das grosse Gras». Kaum überzeugend ist auch die Verbindung zu Wolfgang Laibs «Milchstein» aus weissem Marmor, ausser dem Moment der Vergänglichkeit - die in die Mulde eingefüllte Milch wird sauer und muss von Zeit zu Zeit ausgewechselt werden. Im Kabinettraum spannt sich der Ausstellungshorizont zwischen Naturalismus und experimenteller Abstraktion und reicht mit dem «Buchenwald» von Robert Zünd zeitlich bis ins 19. Jahrhundert zurück. Während jener das minutiöse Abbild der Natur anstrebte, zeigen Yves Kleins Kosmogonien schablonenartige Abdrucke von Gräsern. Diese wurden nicht durch Künstlerhand, sondern durch Natureinwirkungen wie Regen und Wind geschaffen und hinterliessen so quasi ihre Selbstbildnisse auf Papier und Leinwand. Franz Gertsch befindet sich mit seinen Holzschnittdrucken «Bagatelle (Waldweg)» in der Mitte dieser künstlerischen Positionen: Er abstrahiert und bleibt gleichzeitig dem Gegenstand treu. Die Ausstellung dauert bis zum 27 Juli. Ende Mai erscheint ein Katalog mit farbigen Abbildungen und Texten von Reinhard Spieler und Christin Markovic (72 Seiten, 48 Fr.). Führungen: mittwochs um 18 Uhr und sonntags um 11 Uhr. www.ebund.ch Murielle Schlup 29.04.2003 Junge Menschen, Bildbesprechung Menschen malen, Bildnisse machen - scheint überflüssig, unangebracht, nicht mehr gefragt zu sein. Die Foto kann es besser. «Kein Maler weiss mehr so recht, was er mit dem Menschen anfangen soll», sagt ein zeitgenössischer Meister. Dieser Künstler hat recht: vom Menschen gibt es keine sichere, von allen anerkannte Bildvorstellung mehr. Ein reines Abbild interessiert uns nicht sehr; eine Interpretation lassen wir uns ungern gefallen - weil wir uns nicht einigen können auf ihre Gültigkeit. Wenn der Künstler nicht gleicher Meinung darüber ist wie wir, wie denn eine schlafende Frau, ein spielendes Kind, eine Gruppe von Diskutierenden darzustellen sei, so wird ihm sofort vorgeworfen, er karikiere, zerstöre, verfälsche, spinne. Und das um so mehr, als das Missbehagen an überlebten Lebensformen, an der eigenen Stellung im Leben, den Künstler so gut wie uns alle erfüllt, und er darum nach neuen, ihm möglichen oder gültigen Darstellungsweisen sucht, bei denen ihm dann allerdings das Publikum nicht folgt. Da erscheint nun ein Berner Maler, der auf der Suche nach seinem Menschenbild eigene Wege geht. Er karikiert und «entstellt» nicht. Er vereinfacht nur - aber auf eine Weise, durch die der Ausdruck nicht verlorengeht. Er lässt Gesichter weg; aber er findet Umrisslinien, die Stille und Bewegung, geschmeidige Anspannung oder lässiges Ruhen exakt wiedergeben. Er macht Typen aus den Menschen und lässt uns die Freiheit, das Bild dieser Menschen selber zu Ende zu denken. Mit seiner Bildform gibt er jedoch sehr genaue Anweisung, dabei nicht ins Flunkern zu geraten, nicht mit vorgefassten Ideen Wirklichkeiten zu übersehen. Dazu gehört, dass diese Gestalten - und bei Gertsch handelt es sich fast ausschliesslich um Menschen; er hat zum Beispiel einen ganzen Zyklus von den Rolling Stones gemalt - nicht in Interieurs oder Landschaftsräume eingebaut sind. Man soll die Person nicht aus Gegenständen einer Umwelt erklären und erkennen, die vielleicht gar nicht mehr zu ihr passt. Undefiniert und heimatlos sind diese Geschöpfe trotzdem nicht: Kleider und Haut wurden in leuchtende Farb- oder Weissflächen gesammelt und bilden mit dem ebenso starkfarbigen Hintergrund eine dichte Einheit. Jede Farbfläche hat ihren eigenen Wert und verzahnt sich wie in einem grossen Puzzlespiel mit dem Nachbarstück. Natürlich spielt das Auffinden von bewegten, ausdrucksstarken Umrisslinien dabei eine wichtige Rolle: aus Überschneidungen, Verkürzungen, Körperverschiebungen durch Bewegung ergeben sich ungewohnte Sehformen. Sie sind übrigens nur scheinbar ungewohnt: Jeder Blick auf Zeitungsfotos lehrt uns, wie bestimmte Haltungen oder Bewegungen zu eigenartigen Formprägungen führen. Wie die Zeichnung auf blosse Konturen, so sind die Farben auf grösste Einfachheit geführt. Aber auch hier bringt Vereinfachung und Verzicht neuen Reichtum: Gertsch reibt seine Farben selber an, um exakt die Dichte der Paste und jene Reinheit des Tons zu finden, die einer Farbe die grösste Strahlungskraft verleihen. Wahrscheinlich ist es gerade die grosse Zurückhaltung, der Verzicht auf Erzählen und Ausschmücken, die Sorgfalt im Beobachten von charakteristischen Haltungen, die Gertsch dazu befähigen, junge Leute von heute darzustellen. Er rechtet nicht mit ihren Pullovern, mit den langen Mähnen, mit den katzenhaft lässigen Bewegungen - er nimmt sie zur Kenntnis und findet eine Bildform dafür. Franz Gertsch wurde 1930 in Mörigen BE geboren. Er hat sich an der Kunstgewerbeschule Bern zum Maler und Grafiker ausgebildet und lebt als freischaffender Künstler in Bern. Kurz nach der Phase der flächigen Werke, die im Wandbildentwurf für ein Schulgebäude in Langenthal gipfelten, hat Gertsch seine Ausdrucksweise entscheidend gewandelt: er schuf grosse Figurenbilder auf fotografischer Grundlage, deren «Realismus» in der darstellerischen Ausführung aber ebenso starke Übersetzung erfordern. Das Gemälde «Junge Menschen» entstand 1969; Kunstharzfarbe auf Leinwand; Format 153 x 210 cm. Im Besitze des Künstlers. Quelle: Verlagsgesellschaft Beobachter AG. Schweizer Maler, 1976 100 ausgewählte Titelbilder des Schweizerischen Beobachters Aquarelle Schottland 1961-65 Franz Gertsch zählt zu den bedeutendsten Schweizer Künstlern der Gegenwart. Sein photorealistisches Werk der achtziger und neunziger Jahre, gemalt und in riesige Holzplatten geschnitten, fanden unlängst in Ausstellungen in München, Hannover und New York erneut grosse Beachtung. Die Graphische Sammlung der ETH Zürich zeigt eine unbekannte Seite seines Schaffens, einen Gertsch avant Gertsch. In den späten fünfziger und frühen sechziger Jahren breitete sich der abstrakte Expressionismus wie ein Flächenbrand über Mitteleuropa und Amerika aus. Der Künstler Franz Gertsch suchte einen Weg, diesem Hauptstrom aktueller Kunst nicht entgegen zu schwimmen, sein eigenes Profil als realistischer Maler zu behalten. Das gelang ihm dadurch, dass er auf drei Reisen zwischen 1961 und 1965 in Schottland Bildmotive und bestimmte Lichtverhältnisse fand, die es ihm erlaubten, in malerisch expressiver Manier zu aquarellieren. Diese frühen Aquarelle, die seinen späteren und auch den aktuellen Landschaften den Weg ebneten, werden erstmals umfassend ausgestellt und publiziert. Graphische Sammlung der ETH Zürich Vernissage: Dienstag, den 11. Mai 2004, um 18.00 Uhr Museum Franz Gertsch Burgdorf Das museum franz gertsch ist ein rein privat finanziertes Museum, das dem Werk von Franz Gertsch gewidmet ist. Auf gut der Hälfte der Ausstellungsfläche zeigt das Museum daneben auch Wechselausstellungen mit zeitgenössischer Kunst. Im April 1998 kam es zu einem Treffen zwischen dem Burgdorfer Industriellen Willy Michel und dem Künstler Franz Gertsch in dessen Atelier in Rüschegg. Die Werke machten tiefen Eindruck bei Willy Michel, und schon bald nach dieser ersten Begegnung fasste er den Entschluss, in Burgdorf auf dem zentral gelegenen Areal der ehemaligen Milka Käserei AG ein Museum für eine zukünftige Gertsch-Sammlung zu errichten. Aus einem schon zuvor für das Areal ausgelobten städtebaulichen Wettbewerb war das Schweizer Architekturbüro Jörg & Sturm als Sieger hervorgegangen. Willy Michel beauftragte das Büro mit dem Museumsprojekt, der Baubeginn erfolgte im Sommer 2000; schon im Oktober 2002 konnte das Museum feierlich eröffnet werden. Den Grundstock der Museums-Sammlung bildet die im Herbst 2001 gegründete stiftung willy michel. Willy Michel brachte fünf grossformatige Gemälde und ein Konvolut an Holzschnitten, Franz Gertsch weitere Holzschnitte als Schenkung in die Stiftung ein. Ein mit Jean-Christophe Ammann (ehem. Direktor Museum für Moderne Kunst, Frankfurt a.M.), Guido de Werd (Direktor Museum Kurhaus, Kleve), Rainer Michael Mason (Direktor Cabinet des Estampes, Genf), Norberto Gramaccini (Ordinarius am Institut für Kunstgeschichte, Bern), Peter Everts (ehem. CEO des Migros-Konzerns), Willy Michel und Franz Gertsch hochkarätig besetzter Stiftungsrat steht dem Museum in wichtigen Fragen beratend zur Seite. Als dynamischer und innovativer Unternehmer beschreitet Willy Michel auch bei der Finanzierung des Museums neue Wege. In einem Pionier-Modell wurde dem Museum die kommerzielle galerie im park zur Seite gestellt, die unter dem Motto «Kunst für Kunst» ihre Erträge zu 100 % in das Museumsbudget einbringt und so zur Finanzierung des Museums beiträgt. Jeder Kauf in der Galerie dient so dem Museumsbetrieb. Die galerie im park vertritt Franz Gertsch exklusiv für die Schweiz, zeigt ein Programm mit internationaler zeitgenössischer Kunst und ist auch im Kunsthandel aktiv (Schwerpunkt deutscher Expressionismus). Seit Juni 2004 hat die galerie im park einen zweiten Standort in Zürich. Unter dem Namen gip contemporary zeigen wir in unmittelbarer Nachbarschaft des Löwenbräu-Areals junge internationale zeitgenössische Kunst. Museum Franz Gertsch Burgdorf Biografie Franz Gertsch, geboren 1930 in Mörigen, zählt zu den bedeutendsten Schweizer Künstlern der Gegenwart. Auch international hat er sich mit seiner hyperrealistischen Malerei und seinem in Technik und Formaten einzigartigen Holzschnittwerk ein herausragendes Renommée erworben. Von seinem internationalen Durchbruch auf der documenta 5 in Kassel 1972 bis zur Präsentation seiner Werke auf den Biennalen in Venedig 1999 und 2003 spannt sich ein reiches malerisches und graphische Werk, das eine ganz besondere Annäherung an die Wirklichkeit vornimmt. Realität bedeutet für Franz Gertsch nicht nur eine malerische, sondern auch eine konzeptionelle Herausforderung. Obgleich er von Fotos bzw. von Diaprojektionen ausgeht, folgen die Bilder einer eigenen, innerbildlichen Logik, die auf absolute Stimmigkeit aller Elemente zielt. Im Unterschied zu den amerikanischen Malern bedient er sich des Pinsels statt der Spritzpistole. Die Reinheit des verwendeten Materials ist Programm: Von den Farben, oft aus Mineralien wie Lapislazuli, Azurit und Malachit hergestellt, über Bindemittel bis hin zu Leinwand oder handgeschöpftem japanischen Papier wird alles sorgfältig ausgewählt und auf das Werk abgestimmt. Sein Werk verarbeitet einen guten Teil europäischer Maltradition - von Jan van Eyck, Albrecht Dürer und Leonardo da Vinci bis hin zu Caspar David Friedrich und Ferdinand Hodler - ohne deswegen Verrat an der Moderne zu üben. Als völlig singulär kann das Holzschnittwerk von Franz Gertsch gelten. In einer bisher unbekannter Präzision der Ausführung - das gilt für das Stechen ebenso wie für das Drucken - und in Monumentalformaten, die an die Grenzen des Machbaren bei der Papierherstellung stossen, hat Gertsch diesem traditionellen Medium neue Dimensionen erschlossen. An Anerkennung dieses aussergewöhnlichen Werkes hat es nicht gefehlt. Grosse Ausstellungen u.a. im Museum of Modern Art, New York, in Kyoto, Berlin, London und andernorts zeugen von seiner Wertschätzung. In deutschen und amerikanischen Museen ist Gertsch gut vertreten. In der Schweiz hingegen sah man bisher vergleichsweise wenig von ihm. Die Bestände des Kunsthauses in Zürich und des Kunstmuseums Bern können nicht als repräsentativ gelten. Mit dem museum franz gertsch in Burgdorf, nur unweit seines Wohn- und Arbeitsortes Rüschegg gelegen, wird nun sein herausragendes Lebenswerk angemessen gewürdigt. Museum Franz Gertsch Burgdorf |