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Berühmte Gäste in Bern Hermann Hesse 2.7.1877 Calw, Württemberg- 9.8.1962 Montagnola im Tessin Pseudonym: Emil Sinclair, deutscher Schriftsteller; Sohn eines baltischen Missionspredigers; wohnte seit 1912 in der Schweiz. Er war Lyriker und Erzähler, Essayist und Kritiker, auch Maler. - Frühwerke (vorwiegend idyllisch-romantisch): «Peter Camenzind» (Entwicklungsroman) 1904; «Unterm Rad» 1906; Werke der mittleren Zeit (oft grüblerisch, seelenanalytisch, bekenntnishaft): «Demian» 1919; «Klingsors letzter Sommer» 1920; «Siddharta» 1922; «Der Steppenwolf» 1927; «Narziss und Goldmund» 1930; Spätwerke (zunehmender Ausgleich östlicher und westlicher Geisteswelt): «Die Morgenlandfahrt» 1932; «Das Glasperlenspiel» 1943; Lyrik. Erhielt 1946 den Nobelpreis für Literatur. www.wissen.de Hermann Hesse in Bern Als Hermann Hesse sich im Herbst 1912 in Bern niederliess, war er 35jährig, ein berühmter Mann, verheiratet und Vater von drei kleinen Buben. Das Land- und Familienleben in Gaienhofen am Bodensee war ihm eng geworden. Und das «Unbehagen in der überheblichen, protzigen Gesellschaft des wilhelminischen Deutschland» machte ihm zu schaffen. Warum nicht in die Schweiz ziehen, die ihm von Kindheit an vertraut war und wo er viele Maler- und Musiker-Freunde hatte? auch seiner Frau zuliebe, einer Baslerin? Da bot sich ihm das Haus seines eben verstorbenen Freundes, des Malers Albert Welti, an, eine leicht verwahrloste Campagne am Melchenbühlweg in Bern, das «Ougspurgergut», den Einheimischen bekannt als Schauplatz der Tavel-Romane «Veteranezyt» und «Jä gäll, so geit's». «Man kann nirgends so unbehelligt leben wie hier. Dazu die schönste alte Stadt der Schweiz, ein Land voll Kraft und Schönheit, rassiger üppiger Baumwuchs, tiefer Boden, gutes Wasser, nahe Berge. Bis jetzt war Bern sehr abgelegen, nur Basel ist nah; aber diesen Sommer geht der Lötschberg auf, dann können wir in 5 bis 6 Stunden nach Mailand kommen, darauf warte ich sehr.» Hesse hatte gerade Zeit, «Rosshalde» und «Das Haus der Träume» zu schreiben, da brach der Krieg aus und riss ihn aus Träumerei und Wohlleben. Es beginnt für ihn eine von den Weltereignissen, von persönlichen, künstlerischen und familiären Krisen verdunkelte Zeit. In den Augusttagen 1914 bindet Hesse im Garten die Malven auf, blickt bange zum Jura hinüber, «dicht dahinter wird jetzt geschossen und gestochen», und wartet auf die Einberufung. «Die Berner Aristokraten sind meist französisch gesinnt, zum Teil recht rabiat. Ihr sonstiges Leibblatt, das konservative Hesse stand zu Deutschland zuerst in kritischer Solidarität. Er meldete sich als Freiwilliger, wurde aber wegen Kurzsichtigkeit zurückgestellt. Vom Hurra-Patriotismus, in den leider auch die meisten deutschen Intellektuellen einstimmten, distanzierte er sich scharf. Er litt schwer an den «Orgien des Hasses», an der Barbarei, mit der «allgemeine Geisteswerte verachtet und bespuckt» wurden. Dennoch versuchte Hesse dem Krieg, da er nun einmal da war, auch eine positive Seite abzugewinnen. Er hoffte auf eine «riesige moralische Aufrüttelung», die «säubert und vereinfacht», die zwingt, «Ballast abzuwerfen und Wesentliches neu und tiefer uns zueigen zu machen» und damit «das Gesicht der Welt zu ändern und der Befreiung der Seele in Europa zu dienen». «Denn etwas Neues soll doch werden», und zwar auf dem «Weg nach innen zur Läuterung und Prüfung des Herzens, und dem Weg nach aussen, zur Vorbereitung an einer Mitarbeit am kommenden Friedenswerk». Diese beiden Wege beschritt Hesse in Bern. Der eine führte ihn durch eine Krise in schwere innere Vereinsamung und Verzweiflung, die damit zusammenhing, dass er «als Dichter Kelche geleert und Pillen gefressen» hatte, «um die ich mich als Herr Hesse gedrückt habe». 1916 fuhr Hesse über Monate hinweg einmal wöchentlich nach Luzern zur Behandlung bei Josef Bernhard Lang, einem Schüler C. G. Jungs. Zur Krise trugen nicht wenig bei die schlimmen Reaktionen, die Hesse mit seiner mutigen kritischen Publizistik auslöste. Sein politisches Gewissen war nämlich erwacht. Er veröffentlichte zahlreiche ethisch-politische Aufsätze und offene Briefe, vor allem in der «Neuen Zürcher Zeitung», aber auch in deutschen Blättern. Er appellierte an die Verantwortung des Einzelnen, an das Verbindende einer übernationalen Kultur und Menschheitsidee. Erwähnt sei hier sein erster Aufruf, der am 3. November 1914 in der «NZZ» erschien unter dem Titel «O Freunde, nicht diese Töne!», worin Hesse sich wehrt gegen die patriotische Freund-FeindIdeologie unter den Künstlern. Anlass war ihm die deutsche Attacke gegen Hodler. Dieser hatte in einer welschen Zeitung gegen die Bombardierung der Kathedrale von Reims protestiert, worauf der «Simplizissimus» reagierte mit einer Karikaturenfolge «Das ästhetische Ausland», worin Hodler als Franzose «Hodlère» lächerlich gemacht wurde. Hesse galt fortan in Deutschland als Verräter, wurde als «Drückeberger» und «vaterlandsloser Gesell» diffamiert und musste ab 1915 hässliche Pressekampagnen in Kauf nehmen. «Fürwahr, kein wackerer Schwabe, der sich nit fürchtet, mit seinen 38 Jahren, auf solchen Sohn kann das herrliche Schwabenland und -volk nicht mehr stolz sein. Dass seine einzige Sorge in dieser Zeit aber die Beziehungen zum Auslande und nicht zu seinem eigenen Volkstum sind, wird das deutsche Volk hoffentlich nicht vergessen», so polterte ein mehrfach nachgedruckter Artikel. Das Volk vergass tatsächlich nicht, die deutsche Ablehnung Hesses zog sich weiter und ging fast bruchlos in die Nazi-Zeit über. «Von 1916 an stand ich vollkommen allein, für die Patrioten ein Schwein, für die Revolutionäre ein rückständiger Bürgerlicher.» Dass in jener Zeit Romain Rolland zu ihm stand, ihm schon gleich nach dem ersten Artikel anerkennende Zeilen schrieb und ihm Freundschaft und Solidarität entgegenbrachte, war ihm ein grosser Trost. Er wisse nicht, ob er ohne seine Nähe und Kameradschaft jene Jahre überstanden hätte, meinte Hesse im Rückblick. Ab 1915 widmete sich Hesse überdies ganz praktisch, in Kontakt mit der deutschen Botschaft, der Gefangenen-Fürsorge. Er leitete, zusammen mit dem Zoologen Richard Woltereck, die «Bücherzentrale für deutsche Kriegsgefangene Bern». In lästiger Büroarbeit, die sich vom Geldbettel über Zensurprobleme bis zur Papierbeschaffung erstreckte, organisierte Hesse gute Literatur, die er zu Bibliotheken zusammenstellte und nach Frankreich in die Lager zu den geistig darbenden deutschen Kriegsgefangenen schaffen liess. Er gab zum selben Zweck auch eine unterhaltend-belehrende Wochenzeitung heraus, den «Sonntagsboten für die deutschen Kriegsgefangenen» (damit die Neutralität nicht verletzt wurde, zeichnete nicht Hesse, sondern Dr. Rudolf v.Tavel, Redaktor des «Berner Tagblattes», als Herausgeber); zudem redigierte er anderthalb Jahre die «Deutsche Internierten Zeitung». Später, als die Beschaffung von Büchern in deutschen Verlagen immer schwieriger wurde, begann Hesse im eigenen Verlag kleine Hefte zu drucken, mit Erzählungen von ihm selbst, von Keller, Storm, Thomas und Heinrich Mann, Emil Strauss, Ludwig Thoma, Jakob Schaffner, Albert Steffen, Robert Walser... Auch kleine Anthologien mit Witzen und Anekdoten. Der Fortgang des Krieges jedoch desillusioniert Hesse immer mehr. Auch im eigenen Haus: «Die Kinder arbeiten eifrig am Ruin der neuen Spielsachen. So ist das Leben.» Der Überdruss an Politik nimmt zu, äussere und innere Welt streben immer mehr auseinander. «Ich habe keine andre Sehnsucht, als von diesen endlosen Scheusslichkeiten, die auf allen Seiten gleich sind, weg zu mir selber und zu rein geistigem Tun zu kommen.» «Inzwischen hat mich der Krieg in eine Lage und innere Umwälzung gebracht, die ich weder mitteilen noch gar in Literatur verwandeln kann...» In dieser Lage findet er erstmals als tröstlichen Ausweg das Zeichnen und Malen. An einem Herbstabend 1918 dichtet Hesse: «Ach was sollen wir Träumer auf Erden? / Dichter und Denker sind fremd in der Welt - / Lasst uns Flieger und Generale werden, / Oder verrückt, oder feldgraue Tiere im Feld!» Ende 1918, synchron mit den revolutionären Erschütterungen bei Kriegs-Zusammenbruch, bricht bei Hesses Frau eine schwere Psychose aus, sie muss in eine Klinik verbracht werden. «Meine Frau habe ich nun, durch den Streik verspätet, zum erstenmal besucht...» Das Familienleben fällt auseinander, die Not lässt nur noch nüchterne Bestandesaufnahme zu: «Meine Ehe ist zerstört, meine Frau gemütskrank, die Kinder fort, dazu Geldsorgen und das Elend in meiner Heimat. Ich kämpfe, um aufrecht zu bleiben, aber es geht schwer.» Im Januar 1919 schreibt er in zwei Tagen und zwei Nächten «Zarathustras Wiederkehr. Ein Wort an die deutsche Jugend», eine Broschüre, die anonym erscheint. Ball nennt sie «die rühmlichste politische Dichterleistung jener Jahre.» Hesse appelliert darin an die Kraft, ein Einzelner zu sein, sich dem Schicksal zu stellen und nicht eigenes Unbewältigtes einem Feind oder dem Kollektiv in die Schuhe zu schieben. Ende April 1919 flieht Hesse ins Tessin, wo er, am Tiefpunkt angelangt, zu glühender neuer Produktivität findet: in kurzer Zeit entstehen «Klein und Wagner» und «Klingsors letzter Sommer». Unterdessen zerbricht sich die literarische Welt den Kopf über Emil Sinclair, den Verfasser des «Demian»... Diesen Roman hat Hesse im September/Oktober 1917 in Bern niedergeschrieben, aber erst 1919 erscheinen lassen. Das Pseudonym Emil Sinclair, das an Hölderlins republikanischen Freund erinnert, hatte Hesse seit 1917 für seine zeitkritischen Äusserungen verwendet, nachdem das deutsche Kriegsministerium diese nicht mehr dulden wollte. Auch für «Demian» schien ihm das Pseudonym nützlich: «um die Jugend nicht durch den bekannten Namen eines alten Onkels abzuschrecken». Aus diesem Roman der Selbstwerdung und Selbstbegegnung, die im Granatenhagel des ausbrechenden Krieges ihr Ziel findet, sei ein Bild erinnert: der Sperber, der sich aus dem Ei kämpft. Dieser «Traumvogel» ist nicht nur der Wegweiser für Sinclair, er ist auch ein Symbol, das die Selbstwahrnehmung der hier betrachteten Epoche gut zum Ausdruck bringt: «Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören.» Einen, der auch diesem Leitbild nachlebte, allerdings dabei kaum ans Individuum, sondern ans Kollektiv dachte, hätte Hesse auf den Gassen Berns treffen können. Ob er sich damals mit ihm verstanden hätte, ist fraglich, später allerdings fand er anerkennende Worte über ihn: Lenin. Quelle: Anna Stüssi Politik und Mystik (Auszug) Aus dem Leben und Denken einiger Emigranten in Bern 1912-1920 Der sanfte Trug des Berner Milieus Künstler und Emigranten 1910-1920 Kunstmuseum Bern Ausstellungs-Katalog Hermann Hesse - Kurze Prosa - Verzeichnis |