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Kunst - Glossar Wassily Kandinsky 4.12.1866 Moskau - 13.12.1944 Paris Russischer Maler; seit 1896 in München, nach anfänglichem Jurastudium Malschüler von F. von Stuck; gründete 1909 die Münchner «Neue Künstlervereinigung», aus der 1911 der Kreis des «Blauen Reiters» hervorging; 1902-1908 Reisen nach Frankreich, Holland und Tunesien; 1914-1921 in Russland, 1922-1933 Lehrer am Bauhaus, danach bis zu seinem Tod in Frankreich ansässig. Kandinsky war einer der einflussreichsten europäischen Künstler der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts, der Begründer der ungegenständlichen Malerei. 1910 malte er die erste abstrakte Komposition; gleichzeitig entstand seine 1912 veröffentlichte Schrift «Über das Geistige in der Kunst» und 1926 die Schrift «Von Punkt und Linie zur Fläche». Der abstrakte Expressionismus Kandinskys wandelte sich um 1920 zu einem geometrisierenden Stil mit klarem Flächengrund und ungebrochenen Farben. Im Spätwerk kehrte er zu freieren und spielerischen Formen zurück. www.wissen.de Wassily Kandinsky Am 4. Dezember 1866 in Moskau geboren. Nach Jurastudium 1896 Übersiedlung nach München und bis 1900 Studium an der Kunstakademie bei Franz von Stuck. Er trifft dort u.a. Paul Klee und Alexej von Jawlensky. 1909 Mitbegründer der «Neuen Künstlervereinigung». 1910 malt Kandinsky sein erstes abstraktes Aquarell. 1911 zusammen mit Franz Marc Gründung des «Blauen Reiter». 1912 Veröffentlichung der theoretischen Schrift «Über das Geistige in der Kunst», worin er für eine nicht-materialistische, «synthetische», unter der Vorherrschaft des Geistes stehende Kunst eintritt. 1914 Rückkehr nach Moskau, nach der Revolution Professor an den dortigen Staatlichen Kunstwerkstätten und Mitglied der Abteilung Kunst im Kommissariat für Volksaufklärung. 1921 Übersiedlung nach Berlin. 1922-1933 Leitung eines Meisterateliers am Bauhaus. Ungefähr gleichzeitig Beginn einer Epoche von kühlen tektonischen Bildern und Zeichnungen. 1926 erscheint das Buch «Punkt und Linie zu Fläche». Im gleichen Jahr trifft Kandinsky Malewitsch zum letzten Mal in Dessau. 1933 Übersiedlung nach Neuilly-sur-Seine. Ab 1933 enge Kontakte zu «abstraction-création». In der Pariser Zeit entwickelt sich Kandinskys Spätwerk zu heiteren, fast spielerischen geometrischen Figurationen. Am 13. Dezember 1944 in Neuilly-sur-Seine gestorben. Die Sprache der Geometrie Hans Christoph von Tavel Kunstmuseum Bern 17. März bis 13. Mai 1984 Notizen «In dem heutigen Suchen nach abstrakten Verhältnissen spielt die Zahl eine besonders grosse Rolle. Jede Zahlformel ist wie ein eisiger Berggipfel kühl und als höchste Regelmässigkeit wie ein Marmorblock fest. Sie ist kalt und fest, wie jede Notwendigkeit.» (Wassily Kandinsky, Über die Formfrage, 1912) Aus: Kandinsky 1955, S. 41 «Allerdings kann anderseits die ganze «Welt» als eine in sich geschlossene kosmische Komposition betrachtet werden, die selbst wieder aus unendlichen selbständigen, auch in sich geschlossenen und immer kleiner werdenden Kompositionen zusammengesetzt ist, und die im grossen und im kleinen letzten Endes aus Punkten geschaffen wurde, wobei anderseits der Punkt zu seinem ursprünglichen Zustand des geometrischen Wesens zurückkehrt. Das sind Komplexe geometrischer Punkte, die in verschiedenen gesetzmässigen Gestalten in der geometrischen Unendlichkeit schweben.» (Wassily Kandinsky, Punkt und Linie zu Fläche, 1926) Aus: Kandinsky 1926/1955, S. 38/39 «Wenn es nicht die «inneren Töne» des Gegenstandes gäbe, würde die Frage der abstrakten Begrenzungen oder der durch einen Gegenstand gegebenen Grenzen nicht existieren. Meiner Ansicht nach lässt die geometrische Begrenzung der Farbe eine grössere Möglichkeit, eine reine Vibration hervorzurufen, als die Grenzen eines beliebigen Gegenstandes, die immer viel aufdringlicher und beengender reden, dadurch, dass sie eine ihnen eigene Erregung hervorrufen (Pferd, Gans, Wolke...). Die «geometrischen» oder «freien» Grenzen, die nicht an einen Gegenstand gebunden sind, rufen, wie die Farben, Erregungen hervor, die aber weniger präzis festgelegt sind als diejenigen eines Gegenstandes. Sie sind freier, elastischer, abstrakter.» (Wassily Kandinsky, Die Kunst von heute ist lebendiger denn je, 1935) Aus: Kandinsky 1955, S. 156) Die Sprache der Geometrie Hans Christoph von Tavel Kunstmuseum Bern 17. März bis 13. Mai 1984 Wassily Kandinsky Wassily Kandinsky wurde am 4. Dezember 1866 in Moskau geboren. Nach der Übersiedlung seiner Familie nach Odessa beginnt er dort 1871 seine Ausbildung und erhält seine ersten Musikstunden. In seiner Familie lebt eine Urgrossmutter aristokratisch-mongolischer Abstammung. Die Grossmutter mütterlicherseits stammt aus Deutschland. Sein Vater wird als Mann von erheblichem intellektuellem Format erwähnt, der auch als Zeichner über ein gewisses Talent verfügte. Ab 1886 hält sich Kandinsky in Moskau auf, um an der Universität juristische und politökonomische Vorlesungen zu hören. Im Verlaufe dieses Studiums nimmt er an einer wissenschaftlichen Expedition in den Distrikt von Wologda teil, um Informationen über das Strafrecht und über die religiösen Bräuche der syrienischen Stämme zu sammeln. Während dieser Reise beeindrucken ihn die geschnitzten Skulpturen und die Bilder der russischen Bauern tief. In den folgenden Jahren sind es die Werke Rembrandts in der Petersburger Hermitage, die die grösste Wirkung auf ihn ausüben. Nach dem Abschluss seiner juristischen Studien unternimmt er 1892 seine ersten beiden Reisen nach Paris. 1895 besucht er die Ausstellung der französischen Impressionisten in Moskau und sieht dort zum ersten Male Bilder von Monet. 1896 bietet ihm die Universität von Dorpat eine Professur an, doch er lehnt ab und beschliesst, nach München zu übersiedeln, um sich künstlerischen Studien zu widmen. Im selben Jahre beginnt die Zeitschrift Jugend in München mit ihren ersten Veröffentlichungen. Von 1897 bis 1899 ist Kandinsky Schüler bei Azbé, wo er Jawlensky begegnet. 1900 tritt er an der Münchner Akademie in die Klasse von Franz Stuck ein, wo auch Klee und Marc studierten (Klee hatte 1898 mit dem Vorkurs bei Knirr begonnen und 1901 an der Akademie abgeschlossen, ein Jahr nach dem Eintritt von Marc; in Marcs Werk aus dieser Zeit sind als Reaktionen auf den deutlich konservativen Unterricht im Sinne der akademisch-naturalistischen Tradition erste Eindrücke des Dekorativismus und Linearismus des Jugendstils vorhanden). 1901 beginnt Kandinsky selbständig zu arbeiten und gründet die Gruppe «Phalanx», die an mehreren Ausstellungen teilnimmt. 1902 begegnet er als Lehrer der «Phalanx»-Schule Gabriele Münter. Im Jahre darauf wird jedoch die Schule geschlossen, worauf sich Kandinsky nach Venedig, Odessa und Moskau begibt. 1904 löst sich die «Phalanx» auf. Kandinsky reist mit Gabriele Münter nach Holland, nach Berlin, Paris und Kairuan in Tunesien. In dieser Zeit arbeitet er an Temperabildern und an «Liedern ohne Worte», seinen ersten Holzschnitten. Zur selben Zeit befindet sich Klee mit dem Bildhauer Hermann Haller auf einer Italienreise und macht in Mailand, Rom, Neapel und Florenz Halt. Später, von 1902 bis 1906, beschäftigt sich Klee in Bern mit Graphik und Glasmalerei. 1904 hatte er während eines Aufenthaltes in München vor allem im graphischen Kabinett die Werke Beardsleys, Blakes und Goyas studiert. 1905 ist er zusammen mit Hans Bloesch und Louis Moilliet in Paris. Darauf folgt Berlin und im gleichen Jahre - 1906 - kehrt er nach München zurück, wo er bis 1916 bleibt und wo er 1911 Kandinsky kennenlernt. Nach seiner Studienzeit an der Münchner Akademie und nach der Italienreise hatte Klee geschrieben, er müsse nun das Angeeignete in schweigsamer Arbeit vertiefen und zum Tragen bringen. Kandinsky war impulsiver und hatte die Gruppe «Phalanx» gegründet. Dieses Ereignis war bestimmt wichtig. Die Künstlergruppe «Phalanx» hatte in einer eigenen Galerie die französischen Neoimpressionisten und die belgischen Symbolisten vorgestellt. Wie Kandinskys Autobiographie bezeugt, ist der Eindruck, den er von den «Meules» von Monet anlässlich der Impressionistenausstellung in Moskau erhielt, für seine künstlerische Formation bestimmend gewesen, ähnlich wie das Anhören des «Lohengrin» von Wagner. Man betrachte in der Tat den «Blauen Reiter», ein Bild, das der Künstler im Jahre 1903 schuf und das heute zur Sammlung Bührle in Zürich gehört. Beide Einflüsse sind evident. Dies sind erhellende Prämissen für das Verständnis der Entwicklungen in Kandinskys Jugendzeit, seiner Leidenschaft als Farbgraphiker für das Archaische, für die Volkskunst und für den russischen Symbolismus. In seinem Text Rückblicke erinnert sich Kandinsky, wie er sich in der Kunst Palenows und des russischen Symbolisten Borissow-Mussatow versucht, jedoch erst in Wologda gelernt habe, ein «Bild nicht nur von aussen zu betrachten, sondern in es hineinzugehen, in ihm herumzugehen und sich mit seinem Leben zu vermischen». Der entscheidende Punkt in seinem geistigen Reifeprozess wird zwanzig Jahre später mit der grossen Erfahrung der fauvistischen Revolte und der Reise nach Paris (1906) erreicht sein, wo er längere Zeit bleibt und die Möglichkeit einer grossen Freiheit in der Malerei ahnt. So ist die Erfahrung des Expressionismus für die Entwicklung Kandinskys interessant vor allem wegen der Art und des Ausmasses, in dem er ihn überschreitet und in dem er über dessen Forderungen nach einem besonderen psychologischen Inhalt, nach der Bilddeformation in der Malerei als schockartiger Erfahrung des Bildes selbst und über die Forderung nach einem Inhalt und nach einer Polemik als Selbstzweck hinausgeht. Hingegen kann ihn die graphische Forderung des Expressionismus nicht interessieren als Einladung zur Introversion oder für die Vereinfachung der Figuren, die man mit einer scheinbaren Grobheit des technischen Mittels - das die Figuren entmenschlicht und offensichtlich veräusserlicht - rechtfertigen will. An der expressionistischen Graphik interessiert ihn vielmehr die Suche nach einer symbolischen Bedeutung, die als geheimnisvolles Phänomen, als potentielles Bild evident ist, das sich, indem es zum Ausdruck kommt, durch die Dimension der Erinnerung im Entstehen selbst und in den Entwicklungen des graphischen Rhythmus von allem Zufälligen befreit. Es handelt sich um das Fortschreiten von der Materie zum Raum... zwischen dem Dominium des Magischen (Materie) und dem Dominium des Geistes (Raum). «Die Farbtheorie der Expressionisten» - schrieb G. C. Argan in der Einführung zum Ausstellungskatalog der deutschen expressionistischen Graphik (März-April 1970, Rom, Palazzo Barberini) - «definiert jeden Wert in bezug zu Weiss, zum Licht.» Die Tiefe des psychischen Raumes als innere Gegebenheit liegt bei Kandinsky in der dritten Dimension und entsteht gerade aus der Farbe heraus und aus dem Bewegungsrhythmus der Formen im Raum, als hochempfindliche Forderung eines kategorischen Imperativs und eines élan vital des schöpferischen Bewusstseins, das dahindrängt, die eidetischen Wesenheiten, die reinsten der phänomenologischen Wahrnehmung, in der geheimnisvollsten und faszinierendsten Wirklichkeit, derjenigen der Essenz des Geistes in seiner unendlichen Vielfältigkeit, auszudrücken. Wir wollten auch hier an das grundlegende Problem des reifen Kandinsky erinnern, das entscheidend ist für seine Forderung nach einer Abstraktion von jeglichem Faktum figurativer Natur, um damit die Daten seines Lebens und Wirkens von den Beweggründen und den Entwicklungen seiner inneren Notwendigkeit her zu erhellen, die ihn dazu führt, die Wirklichkeit als eine dem «Bewusstsein des menschlichen Geistes» innerliche Gegebenheit zu entdecken. Vom fauvistischen Expressionismus aus, der sich aus den Erfahrungen zusammen mit Franz Marc, Macke und Gabriele Münter als Auflehnung gegen das Naturgegebene entwickelt hatte, wird sich bei Kandinsky ein Übergang zur Wahrnehmung der chromatischen Materie ergeben, die für ihn gleich wie für die zeitgenössischen Musiker für das Erreichen einer reinen Abstraktion von Farbformen in einem ansteigenden Rhythmus der klaren und intensiven Tonalitäten entscheidend ist, von der «typisch himmlischen Farbe» Blau zum «irdischen Gelb» und zum «Grün, das bei Übergang ins Helle und Dunkle ... den ursprünglichen Charakter der Gleichgültigkeit und Ruhe» behält, während das Blau Grenzen überschreitet und «zum Himmel steigt». «Von der Farbe bruchlos zum Klang...» «Heute ist der Tag einer grossen Freiheit, die nur zur Zeit einer keimenden grossen Epoche denkbar ist. Und im selben Augenblick ist diese selbe Freiheit eine der grössten Unfreiheiten, da alle diese Möglichkeiten zwischen, in und hinter den Grenzen aus ein und derselben Wurzel wachsen: aus dem kategorischen Imperativ der inneren Notwendigkeit. ... Der Künstler ist kein Sonntagskind des Lebens: Er hat kein Recht, pflichtlos zu leben, er hat eine schwere Arbeit zu verrichten, die oft zu seinem Kreuz wird. Er muss wissen, dass jede seiner Taten, Gefühle, Gedanken das feine, unbetastbare, aber feste Material bilden, woraus seine Werke entstehen, und dass er deswegen im Leben nicht frei ist, sondern nur in der Kunst.» 1907 erscheint ein für die theoretische Entwicklung Kandinskys sehr wichtiger Text, Worringers Abstraktion und Einfühlung; darin wird festgehalten, dass die ganze Kunst grundsätzlich subjektiv sei. 1908 kehrt Kandinsky nach München zurück und befreundet sich mit Marianne von Werefkin und mit Jawlensky. 1909 hält er sich in Murnau auf und malt die Reihe der Landschaften von Murnau. Ebenfalls 1909 wird die Neue Künstlervereinigung München gegründet, deren Präsident Kandinsky wird. Im gleichen Jahr beginnt der Maler mit seinen Improvisationen. 1910 vollendet er das erste abstrakte Aquarell und die ersten drei Kompositionen. Er lernt Franz Marc kennen und schreibt Über das Geistige in der Kunst. Darauf begibt er sich nach Moskau, Petersburg und Odessa. 1910 ist eines der interessantesten Jahre seines Lebens : er begegnet Klee, Arp und Macke und gründet zusammen mit Franz Marc den Blauen Reiter. Vom 18. Dezember 1911 bis zum 1. Januar 1912 findet in München die erste Ausstellung des Blauen Reiters statt. Im Februar des gleichen Jahres organisiert die Münchner Galerie Goltz die zweite Ausstellung des Blauen Reiters. Es erscheinen Über das Geistige in der Kunst, der Almanach Der Blaue Reiter, Gelber Klang (ein poetisches Werk des Künstlers). Anlässlich des ersten deutschen Herbstsalons wird die Ausstellung des Blauen Reiters 1912 auch im Sturm (Berlin) gezeigt. 1914, beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs, bricht der Künstler nach Rorschach auf, verbringt drei Monate in Goldach über dem Bodensee und fährt anschliessend über Zürich und durch den Balkan nach Odessa und Moskau. Klee, Macke und Moilliet begeben sich hingegen nach Kairuan, den Erinnerungen und Erzählungen Kandinskys folgend. Dieser hält sich vom Dezember 1915 bis zum März 1916 in Stockholm auf; Ende 1916 trennt er sich von G. Münter und heiratet im folgenden Jahre Nina de Andreewsky. In diesem Jahr werden Bilder von Kandinsky zusammen mit Werken von Arp, de Chirico, Max Ernst, Feininger, Klee, Kokoschka, Marc, Modigliani und Picasso in der Galerie Dada in Zürich ausgestellt. 1918 wird Kandinsky Professor an der Akademie der Schönen Künste in Moskau und arbeitet an der Abteilung Kunst des Kommissariats für Volksaufklärung. Seine Rückblicke werden in russischer Sprache veröffentlicht. 1919 wird er zum Direktor des Museums für malerische Kultur ernannt und baut in der Provinz zweiundzwanzig Museen auf. Er lernt Pevsner und Gabo, die Gründer des Konstruktivismus, kennen. 1920 wird er Professor an der Moskauer Universität, gründet die Akademie der Kunstwissenschaften und wird ihr Vizedirektor. Die wachsende Gefährdung seiner vollen künstlerischen Freiheit zwingt ihn, Russland Ende Dezember zu verlassen und nach Berlin zu übersiedeln. 1922 wird er Professor am Bauhaus, wo er bis 1932 unterrichtet, auch nach der Übersiedlung der Schule von Weimar nach Dessau. 1924 gründet er zusammen mit Klee, Feininger und Jawlensky «Die blaue Vier». Im Juni 1925 nimmt er Wohnsitz in Dessau. 1926 veröffentlicht er Punkt und Linie zu Fläche, worin er eine Analyse der Wahrnehmung der abstrakten Elemente der Malerei versucht. 1928 erhalten Wassily und Nina Kandinsky die deutsche Staatsbürgerschaft. Der Künstler besorgt die Inszenierung der Bilder einer Ausstellung von Mussorgsky für das Theater von Dessau. 1929 wird die erste Ausstellung Kandinskys in der Pariser Galerie Zack organisiert; daraufhin begibt sich der Künstler nach Belgien, wo er Ensor begegnet, und an die Côte d'Azur. 1930 organisiert die Galerie de France in Paris eine weitere Ausstellung. 1931 übernimmt er die Wandgestaltung der grossen Deutschen Bauausstellung in Berlin. Im selben Jahr unternimmt er Reisen nach Ägypten, Syrien, in die Türkei und nach Griechenland. Im März 1933 wird das Bauhaus von den Nationalsozialisten geschlossen. Kandinsky übersiedelt nach Paris und bezieht eine Wohnung in Neuilly. 1934 begegnet er Mirô, Delaunay und Mondrian, befreundet sich mit Pevsner, Arp und Magnelli. Im Sommer reist er in die Normandie, 1936 nach Forte dei Marmi, Pisa und Florenz. 1937 besucht er Klee in der Schweiz. 57 Bilder Kandinskys werden als entartete Kunst von den Nazis konfisziert. 1939 erhält er das französische Bürgerrecht. 1940 wohnt er für zwei Monate in den Pyrenäen. Am 13. Dezember 1944 stirbt er in Neuilly-sur-Seine. Autor: Arturo Bovi - Wassily Kandinsky - Gestalter unserer Zeit Wassily Kandinsky Kandinsky hatte 1886 in Moskau das Studium der Jurisprudenz und der Nationalökonomie begonnen, das er 1892 mit dem Examen abschloss, um danach die Hochschullaufbahn einzuschlagen. Schon als Schüler hatte er nebenbei gemalt und hatte sich auch als Student intensiv mit Kunst beschäftigt. Auf einer Ausstellung französischer Impressionisten 1895 in Moskau entdeckte er Monets «Heuhaufen»-Bilder, die ihn deshalb faszinierten, weil er auf ihnen zunächst keinen Gegenstand entdecken konnte. Das Problem einer Malerei ohne Gegenstände beschäftigte ihn von da an. So folgte er 1896 nicht dem Ruf auf einen juristischen Lehrstuhl an der Universität Dorpat, sondern widmete sich ganz der Malerei und übersiedelte nach München. München war in letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zu einem der wichtigsten Plätze für die künstlerische Ausbildung geworden, der besonders die Jugend aus Ost- und Nordeuropa anzog. Die Stadt war zugleich das Zentrum des Jugendstils. 1895 waren hier die Zeitschriften «Jugend» und «Simplizissimus» gegründet worden. Künstler wie Hermann Obrist, Henry van de Velde, August Endell und Adolf Hoelzel bereiteten den Boden für eine Kunst, «die nichts bedeuten und nichts darstellen und an nichts erinnern» sollte. So fand Kandinsky Ansätze vor, die sich mit seinen eigenen vagen Vorstellungen berührten. Er trat in die Schule von Anton Abe ein, wo er seinen Landsleuten Jawlensky und Werefkin begegnete. 1900 trat er an die Akademie über und wurde Schüler von Stuck. Kaum hatte er die Akademie verlassen, da wurde er Lehrer an der Schule der Künstlergruppe «Phalanx», deren Präsident er von 1902 bis 1904 war. Seine erste Schülerin wurde Gabriele Münter, die Lebensgefährtin der Jahre bis 1916. Die «Phalanx» veranstaltete auch Ausstellungen, darunter eine mit französischen Neoimpressionisten, die für Kandinsky wichtig wurde. Denn Jugendstil und Neoimpressionismus bildeten die Ausgangspunkte für die Arbeit der folgenden Jahre. Kandinsky malte Landschaften in grob pointillistischer Manier und vielfigurige Szenen aus einer historisch oder folkloristisch bestimmten Märchenwelt. Daneben beschäftigte er sich intensiv mit jugendstilhaften Holzschnitten. Um sein Blickfeld zu erweitern, ging er auf Reisen. 1903 war er in Venedig, Odessa und Moskau, 1904/05 mehrere Monate in Tunis. 1905/06 arbeitete er vier Monate in Rapallo, 1906/07 ein Jahr in Sevres bei Paris, 1907/08 in Berlin. Trotz der Reisen beteiligte Kandinsky sich ständig an Ausstellungen, z. B. ab 1902 an denen der Berliner Sezession, ab 1904 am Salon d'Automne, in dessen Jury er gewählt wurde. Er nahm auch an der 2. Ausstellung der Künstlergruppe «Brücke» 1906 in Dresden teil. 1908 kehrte er nach München zurück. Den Sommer verbrachte er in Murnau, zusammen mit Jawlensky, Münter und Werefkin. Die vielfältigen Anregungen wurden nun verarbeitet, insbesondere Cézanne, Matisse und Picasso. In zahlreichen Landschaftsdarstellungen wurde die elementare Kraft der Farbe befreit. Das Erlebnis der bayerischen Volkskunst brachte zusätzliche Mittel der Vereinfachung. Aus rasch hingesetzten Flekken und kurzen Strichen formten sich Flächen von Rot, Blau, Gelb und Grün, die stark gegeneinander klingen und nur noch bedingt der Motivbeschreibung dienen. Kandinsky war auf dem Wege zur Synthese der äusseren Wirklichkeit mit der inneren Erlebniswelt des Künstlers. 1909 wurde Kandinsky Mitbegründer der Neuen Künstlervereinigung München, die diese Synthese zum Programm erhob. 1910 begegnete er Franz Marc und auf einer Reise nach Odessa den Brüdern Burljuk. In diesem Jahr konnte Kandinsky das in mehreren Jahren entstandene Manuskript «Über das Geistige in der Kunst» abschliessen. Er besass nun alle Voraussetzungen, um den entscheidenden Schritt zu tun. Seine Bilder gingen zwar noch vom Motiv aus, er unterwarf die Naturformen jedoch einer konsequenten Rhythmisierung, dass sie nur noch bildbauende Funktionen besassen. Über die Gegenstandsanalyse waren diese Bilder nicht mehr zu begreifen, so dass der Gegenstand störend und überflüssig wurde. Da nur Jawlensky und Marc diesen Intentionen zu folgen vermochten, kam es zum Bruch in der Neuen Künstlervereinigung. Kandinsky und Marc traten aus und organisierten 1911/12 die Ausstellungen des «Blauen Reiter». 1912 veröffentlichten sie als Redakteure den gleichnamigen Almanach. Kandinsky liess die Schrift «Über das Geistige in der Kunst» erscheinen, der 1913 «Rückblick» und «Klänge» folgten. Da Kandinsky einen Ausdruck für die im Innern bewahrten Empfindungen suchte, war es ihm unmöglich, sich schrittweise mit «erfundenen» Formen von der Naturnähe zu entfernen. Er konnte nur solche Formen gebrauchen, die sich in seiner inneren Vorstellung von selbst bildeten, so dass er diese Formen nur zu kopieren brauchte. Daher entstanden neben abstrakten zunächst auch noch gegenstandsbezogene Bilder, bis es Kandinsky in den Jahren 1913/14 gelang, seine Vorstellungskraft so zu konzentrieren, dass die letzten Gegenstandschiffren entfernt werden konnten. Kandinsky hatte den Höhepunkt des abstrakten Expressionismus erreicht. Der Kriegsausbruch zwang ihn, Deutschland zu verlassen und nach Moskau zurückzukehren. Als er nach Jahren voller kulturpolitischer Aktivitäten 1922 als Lehrer am Bauhaus seine Tätigkeit in Deutschland wieder aufnahm, hatte sich auch Kandinskys Kunst gewandelt und strebte neuen Zielen zu. M. Bill: Kandinsky, Paris, Maeght, 1951 - W. Grohmann: Kandinsky, Paris, Flammarion, 1959 - M. Brion: Kandinsky, Paris, Somogy, 1960 - J. Lassaigne: Kandinsky, Genf, Skira, 1964. Lionel Richard Lexikon des Expressionismus Somogy Paris Kandinsky-Selbstbiographie Ich bin geboren 5. Dezember 1866 in Moskau. Bis zu meinem dreissigsten Jahr habe ich mich gesehnt Maler zu werden, da ich die Malerei mehr als alles andere liebte, und es war mir nicht leicht, diese Sehnsucht zu bekämpfen. Es schien mir damals, dass die Kunst für einen Russen heute ein unerlaubter Luxus ist. Deshalb wählte ich auf der Universität die Nationalökonomie zu meiner Spezialität. Die Fakultät bot mir an, mich der Gelehrtenlaufbahn zu widmen. Als Attache der Universität zu Moskau habe ich auch die offiziellen Möglichkeiten dazu bekommen. Nach sechs Jahren bemerkte ich aber, dass mein früherer Glaube an den heilenden Wert der sozialen Wissenschaft und schliesslich an die absolute Richtigkeit der positiven Methode stark geschmolzen war. Endlich entschloss ich mich, die Resultate der vielen Jahre über Bord zu werfen. Und es schien mir, dass diese ganze Zeit für mich verloren war. Heute weiss ich, was sich in diesen Jahren in mir gesammelt hat und ich bin dankbar dafür. Früher hatte ich mich hauptsächlich mit dem Problem des Arbeiterlohns theoretisch beschäftigt. Jetzt wollte ich an dieselbe Frage von der praktischen Seite herantreten und nahm in einer der grössten Druckereien in Moskau die Stellung eines Leiters an. Mein neues Fach war der Lichtdruck, welcher mich einigermassen in Berührung mit der Kunst brachte. Meine Umgebung waren Arbeiter. Ich blieb aber nur ein Jahr in diesem Fach, da mit 30 Jahren mich der Gedanke überkam: jetzt oder nie. Die allmähliche Innere mir bis dahin unbewusste Arbeit war jetzt so weit, dass ich zu dieser Zeit meine künstlerischen Kräfte mit vollkommener Klarheit fühlte und Innerlich war ich so reif, dass mir die Berechtigung Maler zu werden ebenso klar wurde. So ging ich nach München, dessen Schulen damals in Russland hoch geschätzt wurden. Zwei Jahre besuchte ich die berühmte Ažbe-Schule und zwang mich, die Zeichnung von der organischen Seite zu studieren, was mir widerwärtig war. Danach wollte ich die Zeichenklassen der Münchener Akademie versuchen, fiel aber bei der Prüfung durch. Nach einem Jahr selbständiger Arbeit zeigte ich meine Entwürfe Franz Stuck und wurde von ihm in seine Malklasse auf der Akademie aufgenommen. Ich verdanke seiner Korrektur vieles und von ganz besonderem Werte war für mich sein Ratschlag zur Vollendung des Bildes. Nach einem Jahr fand ich, dass ich weiter allein arbeiten muss und das war der Anfang meiner künstlerischen Laufbahn. Seitdem sind zehn Jahre vergangen, welche sich in dieser Kollektion abspiegeln. Diese Kollektion zeigt, dass mein Ziel immer dasselbe blieb und nur an Klarheit gewann und dass meine ganze Entwicklung nur in dem Konzentrieren der Mittel zu diesem Ziel bestand, welche allmählich von dem für mich Nebensächlichen sich befreiten. Kandinsky. München, September 1912 |