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Kunst - Glossar
Hans Krüsi
15.4.1920 Zürich – 15.9.1995 St.Gallen lebte und arbeitete in Speicher (Appenzell) und St. Gallen
Hans Krüsi, geboren in Zürich, wächst als Waisenkind in Kinderheimen und Pflegefamilien im Appenzellischen auf. Ein über die Grundschule hinausgehende Ausbildung erhält der junge Mann nicht. Er arbeitet als Knecht und Gärtnergehilfe bevor er sich 1948 selbstständig macht: Während über dreissig Jahren fährt Hans Krüsi fünf bis sechsmal pro Woche von St.Gallen nach Zürich, wo er an der Bahnhofstrasse Blumen verkauft. Mitte der Siebzigerjahre beginnt das stadtbekannte Original zu malen. Die Bilder, zuerst auf der Strasse und an Flohmärkten angeboten, erregen schon bald die Aufmerksamkeit von Galeristen und Museumsleuten. Erste Ausstellungen und Artikel in nationalen Zeitschriften machen aus dem «Bluememannli» bald eine begehrte Künstlerpersönlichkeit.
Hans Krüsi (Kunsthaussammlung CentrePasquArt)
Hans Krüsi (Kunstmuseum des Kantons Thurgau)
Hans Krüsi (Wikipedia)
Hans Krüsi (HLS)
Hans Krüsi (SIKART)
Art Brut
Art brut im Historischen Lexikon
Collection de l'Art Brut Lausanne
Hans Krüsi
Zum Nachlass des Künstlers, der nach dessen Tod ans Kunstmuseum des Kantons Thurgau gelangte, gehören neben den Bildern, Objekten, Tonbändern und einigem Gerümpel auch Hunderte, wenn nicht Tausende von Fotografien. Da gibt es frühe biografische Fotografien, die Einblick geben in Krüsis Leben bei den Pflegefamilien und die seine Tätigkeit in Landwirtschaft und Garten dokumentieren. Bald schon aber muss sich Hans Krüsi eine eigene Kamera gekauft haben, mit der er seine Blumenpflück-Exkursionen oder Zelturlaube dokumentierte. Ab den achtziger Jahren benutzt er vor allem Polaroidkameras, mit denen er einen scheinbar unendlichen Bilderstrom produziert. Seine Wohnungen, seine Bilder, seine Besucher, Freunde und Bekannte aber immer wieder auch sich selbst hält er im Bild fest.
Einzelne Fotos werden überarbeitet, wodurch sich der Kreis zu seinem malerischen Schaffen schliesst. In der massenhaften Bildproduktion, die keinen konventionellen Qualitätsvorstellungen folgt, scheint er sich immer wieder der Realität und seinen Beziehungen mit der Umwelt zu versichern. Was sich abbilden lässt, muss auch existiert haben. Und so entfaltet sich vor unseren Augen ein faszinierendes Panoptikum, das uns unsere Welt aus der Sicht eines Aussenseiters enthüllt.
Kunsthaussammlung CentrePasquArt
Hans Krüsi
Hans Krüsi wurde am 15. April 1920 als erstes Kind der Emma Krüsi in Zürich geboren. Seinen Vater hat er nicht gekannt, seine Mutter erst kurze Zeit vor ihrem Tod näher kennen gelernt. Mit zwei Jahren wurde er in seine Heimatgemeinde Speicher (AR) zu Pflegeeltern gebracht, im Alter von zehn Jahren ins Waisenhaus der Gemeinde. Die mangelnde Schulbildung und eine schlechte Konstitution liessen den Wunsch Krüsis, eine Gärtnerlehre zu absolvieren, unerfüllt bleiben. Nach einigen Jahren Arbeit als Knecht und mehreren Stellen als Gärtnergehilfe kehrte er 1947 in die Ostschweiz zurück und liess sich in St. Gallen nieder.
1948 machte Krüsi sich selbstständig und betrieb als Einmannunternehmer über Jahrzehnte hinweg Blumenverkauf auf der Strasse. Während über dreissig Jahren reiste Krüsi fünf bis sechs Mal in der Woche nach Zürich an die Bahnhofstrasse, wo er seinen festen Standort bezogen hatte. Die Blumen kaufte er im Grosshandel ein und stellte sie zu Gebinden zusammen. Alpenrosen, mit denen er einen besonders guten Absatz erzielte, sammelte er frühmorgens in den Bergen ein und verkaufte sie noch gleichentags in der Stadt. Ab und zu reiste er bis ins Tessin oder an die Riviera, um Blumen zu kaufen.
Mit sechzehn Jahren begann Krüsi zu fotografieren. Mit verschiedenen Apparaten, die er im Brockenhaus oder unter der Hand erworben hatte, nahm er auf, was ihm seine Umwelt an Motiven lieferte. Seine Freizeit verbrachte der St. Galler mit Reisen und Tonjägeraufnahmen. Auf dem Motorfahrrad verreiste er oft an Wochenenden und schlug sein Zelt an Waldrändern oder in einer Waldlichtung auf. Dort zeichnete er mit einem mitgeführten Tonband oder Kassettengerät Geräusche aus der Natur auf. Auch Gespräche im Atelier oder im Restaurant, Musik aus dem Radio und eigene Gedanken in Form von Selbstgesprächen waren weckten sein Interesse.
1975/76 begann Krüsi, sich bildnerisch zu betätigen und erweiterte sein Verkaufs-Angebot am Strassenrand mit Postkarten, Fotografien und kleinen Bildformaten. Bald erzielte er damit bessere Umsätze als mit den Blumen. Ende der siebziger Jahre begannen sich Kunst- und Kulturschaffende für den Bilder verkaufenden Blumenhändler zu interessieren. 1980 wurde die auf zeitgenössische Kunst spezialisierte Galerie Buchmann auf ihn aufmerksam und stellte ihn aus. Presse und Medien reagierten, Berichte im Magazin des Tages-Anzeigers und in der Schweizer Illustrierten stellten den Aussenseiter-Künstler ins Rampenlicht.
Krüsi umgab sich fortan mit einem Kreis von Freunden, Bekannten und Kunstschaffenden, die ihm halfen, ihm Ratschläge erteilten und versuchten, ihn vor «falschen Freunden» zu beschützen. Viele Ausstellungen folgten. Der Erfolg wurde so gross, dass sich Hans Krüsi ganz auf seine zweite Erwerbstätigkeit, die bildende Kunst, einlassen konnte. Zum Zeitpunkt seines Todes war Hans Krüsi ein vermögender Mann. Unabhängig von seinem Einkommen war Krüsis Welt jedoch bestimmt von den Sorgen und ängsten des einfachen Mannes. Eine Angst, die aus einer Lebensweise herauswuchs, die in der Gesellschaft der sechziger und siebziger Jahre auf Unverständnis und Ablehnung stossen musste. Krüsi hatte wenig Kontakt, kaum familiäre Bindungen und entfernte sich zunehmend von bürgerlichen Ordnungen und gesellschaftlichen Normen. Seine Wohnung und den Hausflur benutzte der Künstler oft als Lager für Bilder und Alltagsutensilien. Aus Fürsorge und Tierliebe hielt Krüsi zudem über Jahre hinweg Tauben in seiner Wohnung, was die Vermieterschaft nicht tolerieren konnte.
Sein Leben lang blieb der schon früh an Tuberkulose erkrankte Künstler in einem fragilen Gesundheitszustand. Eine angeborene schwächliche Konstitution, die armseligen Wohnbedingungen und eine mangelhafte Ernährung führten zu mehreren Aufenthalten in Kuranstalt, Pflegeheim und Spitälern. In den letzten Jahren seines Lebens verstärkten sich die körperlichen Schwächen zusehends. In der Nacht vom 15. September 1995 verstarb der Künstler im Eingangsbereich seiner Wohnung an einem Lungenemphysem.
Der «Berg» im Depot Krüsis Nachlass
Krüsis Nachlass setzt sich zusammen aus mehreren tausend bildnerischen Werken, aus Textmaterialien, dreidimensionalen Objekten, mehreren Kisten voller Tonbänder und Audiokassetten sowie aus einer grossen Anzahl von Fotografien und biografischen Materialien.
Die bildnerische Arbeiten bilden mit schätzungsweise über 4000 Werken, von denen bisher rund 500 inventarisiert worden sind, den mit Abstand umfangreichsten Teil des Nachlasses. Darin enthalten sind gross- und kleinformatige Gemälden, mehreren Skizzenbücher, unzähligen Postkarten, bearbeitete Papierservietten, bemalten Papierstreifen und etliche Arbeiten auf Holz, Plastikfolie, Haushaltspapier, Wurstkarton, Tischsets und weiteren recyclierten Materialien. Werbeschriften für das eigene Atelier finden sich ebenso wie überarbeitete Werke anderer Künstler. Eine beachtliche Anzahl von dreidimensionalen Werken, bemalte oder selbstgeschaffene Hüte und Einkaufswagen, mehrere Kuhmaschinen, selbstgebastelte Wohngebilde und bemalte Flaschen schliessen den bildnerischen Teil des Nachlasses ab.
Bekannt geworden ist Hans Krüsi als Stadtoriginal und Bildermacher. Dass er sich auch exzessiv als Ton- und Bilderjäger betätigte, ist dagegen kaum ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt. In Krüsis Nachlass finden sich unzählige Fotografien, Negative und Polaroidbilder aus der Hand des Künstlers. Er besass mehrere Apparate, die er eigenwillig und ohne technischen Sachverstand handhabte. Die Fotografien sind Schnappschüsse und Aufnahmen aus Krüsis nächster Umgebung, von Reisen ins Tessin, von Bahnfahrten ins Appenzell, von der Strasse, in der er wohnte, oder von Werken anderer Künstler, die ihn interessierten: Bernhard Luginbühl, Jean Tinguely, Dieter Roth. Dazwischen immer wieder Aufnahmen seiner Wohnungen, seiner Bilder und von sich selbst. Viele seiner Aufnahmen sind über- oder unterbelichtet, verwackelt, verzogen oder angeschnitten. Gerade diese fehlerhaften Abbildungen interessierten den Künstler besonders: Er bearbeitete sie weiter, übermalte, collagierte, ritzte ein oder schnitt sie aus. Im Nachlass fanden sich auch hunderte von bespielten Tonbändern und Kassetten.
Hans Krüsi sammelte ganz offensichtlich ebenso Klänge und Töne wie Kartonresten, Fotografien und Motive für seine Bilder. Er interessierte sich dabei für vielfältige Klangbereiche: Vogelstimmen faszinierten ihn ebenso wie Verkehrsmeldungen im Radio oder das Festhalten von persönlichen Gesprächen. Das Aufnehmen allein genügte Hans Krüsi aber nicht. Immer wieder hat er unter Verwendung von mehreren Tonbandgeräten eigene Klangwelten kreiert. Durch Übereinanderkopieren und Aneinanderfügen verschiedenster Tonstücke entstanden faszinierende Hörwelten: eine Art Do it yourself -Radio. Auch mit dem Mitteln von Text und Sprache kreierte Krüsi neue Gedanken-Welten oder formulierte bereits Vorhandenes zu neuen Sprachgebilden um. Im Nachlass finden sich neben sinnigen Wortspielen auch längere Gedichte und Tagebücher.
Das bildnerisches Schaffen Krüsis ist also lediglich Teil einer umfassenden kreativen Betätigung, die Audioaufnahmen und fotografische Tätigkeit ebenso mit einschliesst wie den geschriebenen Text und das gesprochene Wort.In ihnen spiegeln sich Krüsis eigenwillige Versuche, sein eigenes Weltbild zu gestalten. Dabei bediente er sich der verschiedenen Mittel in modernster Art und Weise: Er collagierte, recyclierte, sampelte und verwendete, was die Technik an Möglichkeiten bot, nach seinem Gusto. Wichtigste Konstanten im Schaffen Krüsis waren die Stategien des Kopierens, die Wiederwerwertung und die Prozesshaftigkeit. Den Kopierautomat, den Fotoapparat oder das Aufnahmegerät bezog Krüsi in einem interaktiven Spiel in sein Schaffen mit ein. Als 'Spielgenossen' erweiterten, veränderten und gestalteten sie an der Abbildung seiner Umwelt mit und halfen ihm, sich ein Bild - von der Welt und von sich selbst - zu machen. Bild und Abbild machten es dem Menschen und Künstler möglich, seine Wahrnehmungen zu visualisieren und sich ihrer, wenn nötig, zu versichern.
Kunstmuseum des Kantons Thurgau
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