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Kunst - Glossar George Maciunas 8.11.1931 in Kaunas (LT) - 9.5.1978 Boston (USA) 1944 Flucht nach Deutschland; 1948 Umzug nach New York; 1949–52 Studium der Bildenden Kunst, Graphik und Architektur an der Cooper Union School of Art in New York City; 1952–60 Studium der Architektur und Musikwissenschaften am Carnegie Institute of Technology in Pittsburg; 1954-60 Weiterführung des Studiums der Kunstgeschichte an der New York University, Institute of Fine Arts; 1960 Arbeit als Designer für Knoll Associates, New York; das Wort FLUXUS wird zum ersten Mal benutzt als Titel für eine Zeitschrift, die Maciunas herausgeben will; 1960 Besuch der Kompositionsklasse von Richard Maxfield an der New School of Social Research in New York. Trifft La Monte Young, George Brecht, Al Hansen, Dick Higgins, Allan Kaprow und andere; 1961 Eröffnung der AG Gallery an der Madison Avenue, Organisation von Literatur-, Musik- und Filmveranstaltungen; noch im selben Jahr Konkurs der AG Gallery; geht nach Wiesbaden, wo er als Designer für die U. S. Air Force arbeitet; Kontakt mit den wichtigsten Künstlern der Avantgarde in Deutschland und Frankreich; 1962 Gründung der Fluxus-Gruppe durch die ersten europäischen Fluxus-Festivals; seit 1966 Kauf von mehreren grossen Häusern in SoHo/Manhattan. Ziel dieses Unternehmens, genannt Fluxhouse Cooperative, Inc. war es, Künstlern, Filmemachern und Tänzern zu helfen, adäquate Arbeits- und Lebensräume zu finden. www.medienkunstnetz.de George Maciunas George Maciunas, exzentrischer Führer der radikalsten und experimentellsten Kunstbewegung der Sechziger, war ein Clown und Witzbold par excellence und gleichzeitig ein todernster Revolutionär. Sogar nachdem er eine öffentliche Person geworden war, verbarg er fast bis zum Ende durch unglaubliche Übertreibungen ein unorthodoxes Privatleben, das er mit niemandem teilte. Eingefleischt zölibatär erlag er seiner einzigen grossen Liebe gerade ein paar Monate vor seinem Tode. Als Hofnarr in einer tragischen Rolle lachte er über sich selbst und provozierte andere zum Lachen, indem er die Komik der unheilbaren Krankheiten und schmerzhaften Wirklichkeiten betonte, die ihn die meiste Zeit seines ziemlich kurzen Lebens begleiteten. Sogar in seinen frühesten Jahren hielt Klein-Yurgis (Georges Rufname auf litauisch), wie die Erzählungen seiner Mutter und seiner Schwester klarstellen, auf Distanz. Er hatte keine «besten Freunde» im Knabenalter oder in den Kriegs- und Nachkriegsjahren in Deutschland; fasziniert von Kriegsspielen, ernannte er sich immer zum kommandierenden General. Und im späteren Leben, selbst nachdem er durch seine eigenen unermüdlichen Anstrengungen ein Stückchen Ruhm und Bekanntheit in den Kunstwelten Europas und der Vereinigten Staaten erlangt hatte, betrachtete er sich selbst als primus inter pares, duldete aber keine Biographen oder gar Hagiographen in seinem Gefolge. Auf diese Weise verschwand sein persönliches Leben in seiner grossen Erfindung, der internationalen Fluxus-«Unbewegung», die er totalitär zu beherrschen versucht hatte. Sein Leben war widersprüchlich, urkomisch, erschütternd und tragisch - eines inspirierten und manchmal inspirierenden Kreuzritters, dessen heiliger Auftrag es war, die Welt zu verändern und dabei mit der Kunstwelt anzufangen. Mit seinen ernsthaften Versuchen, temperiert durch Witz und Weisheit neben Spott und Verachtung, die Hohepriester der Kunst und ihre Schergen aus dem Tempel zu vertreiben, gewann er zu Lebzeiten wenig Freunde innerhalb der etablierten Kunstszene. Doch Mr. Fluxus hat sich durchgesetzt. Ähnlich wie Tristan Tzara, Andre Breton, Marcel Duchamp und John Cage, ist er eine der anerkannten Kräfte hinter den Umwälzungen der Kunst unserer Zeit. Mr. Fluxus, Harlekin Art, Wiesbaden 1996 ISBN - 3-88300-035-3 Maciunas' «Learning Machines» Die Kunst des vernetzten Denkens besteht darin, den Umgang mit Komplexität zu erleichtern und neue Einsichten zuzulassen. Dieser Denkansatz, der sich in allen Bereichen des Wissens durchsetzt, bestimmt auch die künstlerische Praxis. Im Mittelpunkt der Ausstellung Maciunas' «Learning Machines» stehen drei Dutzend Geschichtsdiagramme, die von dem Fluxus-Initiator George Maciunas zwischen 1958 und 1973 zur Veranschaulichung historischer Kausalitäten entwickelt wurden. Ginge es nach Maciunas, dann gäbe es ohne Anschauung kein wirkliches Verständnis von der Evolution der Kunst. Seine Graphiken, von denen ein Drittel zum ersten Mal der Öffentlichkeit präsentiert werden kann, versuchen auf unterschiedliche Weise ein «Bild» von Geschichte zu zeichnen, das sich aus Daten und Fakten, aus Lineaturen und Vektoren zusammensetzt. Das Ergebnis scheint wissenschaftlich wie künstlerisch gleichermassen faszinierend. Es eröffnet nicht nur Einblicke in bislang unbekannte Beziehungen zwischen Jahreszahlen auf der einen und historischen Ereignissen auf der anderen Seite. Es entstehen auch völlig neuartige Formen des Wissenstransfers. Das Diagramm als Ordnungssystem hilft Vergangenheit überschaubar und erklärbar zu machen. Durch die enge Verflechtung von politischen, kulturgeschichtlichen, ökonomischen, poetischen und ästhetischen Aspekten werden weit verzweigte Zusammenhänge transparent. Maciunas' Schautafeln lassen sich wie ein «Kulturfahrplan» lesen, der zugleich die Rahmenbedingungen für die Fluxus-Bewegung vorgibt. Von der Universalgeschichte wird schliesslich die Fluxus-Chronik hergeleitet, die ihrerseits Anspruch auf universelle Gültigkeit erhebt. Anhand der Schemata bestimmt Maciunas immer wieder, wer zum harten Kern von Fluxus gehört und wer zu den ausgeschlossenen Mitgliedern zählt. Das graphische Schaubild nimmt so Züge eines «Schauprozesses» an. Auf diese Weise werden Fragen der Geschichtsschreibung und der Bildpolitik neu gestellt. Staatliche Museen zu Berlin Kunstbibliothek 31. Oktober 2003 - 11. Januar 2004 |