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Kunst - Glossar André Masson 4.1.1896 Balagny - 28.10.1987 Paris Französischer Maler, Illustrator und Bühnenbildner; ausgebildet in Brüssel, kam 1912 nach Paris und wurde dort vom Kubismus beeinflusst, beteiligte sich bis 1928 an den Ausstellungen der Surrealisten; ab 1947 in Aix-en-Provence tätig. Abstrakte Kompositionen mit gegenständlichen Elementen und starkem Symbolgehalt. www.wissen.de André Masson Kommt aus bäuerlicher Familie und lebt bis zum neunten Lebensjahr in seinem Geburtsland. Nach kurzem Aufenthalt in Lille lässt die Familie sich in Brüssel nieder, wo Masson an der Kunstakademie studiert. Er begeistert sich für Max Ensor. Auf Verhaerens Empfehlung schicken ihn die Eltern 1912 nach Paris, wo er Freskomalerei studieren soll. Ein Stipendium ermöglicht ihm 1914 einen Aufenthalt in der Toskana und in Bern. Im Kriegsdienst wird er 1917 verletzt, liegt monatelang im Lazarett, wird endlich 1919 aus dem Dienst entlassen. Dieses Jahr verbringt er in Südfrankreich, wo er Soutine kennenlernt. Der Dadabewegung bleibt er fern. 1922 kehrt er nach Paris zurück, lebt dort notdürftig. Er trifft Max Jacob, Henri Kahnweiler, Juan Gris und Derain: er malt in akademischem, kubistischem Stil. Aber 1923 wird er Nachbar von Miro (rue Blomet). Artaud, Leiris, Limbour werden seine Freunde. Bald darauf lernt er Aragon und Breton kennen, die ihm Les Quatre Eléments abkaufen (1923). Masson macht Mirô mit Breton bekannt. Die Gruppe der Rue Blomet greift den zeichnerischen Automatismus 1923 auf und schliesst sich der surrealistischen Stammgruppe an. Masson illustriert in lockerer Linienführung mit traumartig angedeuteten Figuren La Révolution surréaliste. 1925 macht er Porträts von seinen Freunden und illustriert Bücher von Limbour und Leiris. Zwischen 1923 und 1927 malt er Bilder wie Tombeau au bord de la mer (Grab am Meer), Les Points cardinaux (Kardinalpunkte), Les Constellations. In der Malerei arbeitet er noch nicht so automatisch frei wie in der Zeichnung, bis er 1927 die Sandbilder erfindet. Bei einer Konferenz im Pavillon de Marsan erzählt er, wie sich ihm diese Notwendigkeit aufgedrängt hat. Ihm kommt die Idee, Leim und dann Sand auf die Leinwand zu schütten. Dieser Vorgang wird mehrmals wiederholt, so dass unscharfe Formen entstehen. Mit knappen Pinselstrichen holt dann Masson das ihm wesentlich Erscheinende aus diesem Zufallsbild heraus. Aus dem Unbestimmten entstehen beim Maler also deutliche Visionen. Unter den zur Gewaltsamkeit neigenden Themen herrschen die aus der Tierwelt vor: Les Chevaux morts (Tote Pferde), Chevaux dévorant un oiseau (Pferde, die einen Vogel verschlingen), Oiseau sacrifié (Vogelopfer), Combat de poissons (Kampf der Fische). 1928 illustriert er Sades Justine und errichtet seine erste Skulptur Métamorphose. Beim Erscheinen des Zweiten Manifests (1929) wird er zum ersten Mal aus Bretons Kreis ausgeschlossen. Mit Giacometti schafft er 1929 grossformatige Dekorationen, 1930 entstehen Pastelzeichnungen, 1931 die gezeichneten und gemalten Serien: Massacres und Abattoirs (Schlachthäuser). Masson, der gewöhnlich eine Zeit des Jahres in Südfrankreich verbrachte, lässt sich 1932 in Grasse nieder. Hier begegnet er Matisse. Seine ersten Theaterdekorationen schafft er für russische Ballette in Monte-Carlo (Leonide Massine). Die 1934 gegründete Zeitschrift Minotaure bringt oft Illustrationen von Masson. Er entdeckt Spanien. Zu Fuss reist er mit seiner Frau durch Andalusien und Kastilien, lässt sich dann in Katalonien in Tossa de Mer nieder. Er malt «Insektenbilder» und beginnt mit der Serie Sacrifices (Opfer), die 1936 erscheint. Bei Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs geht Masson nach Frankreich zurück und nimmt erneut Verbindung mit den Surrealisten auf. Woran Masson in dieser Zeit besonders liegt, können wir am deutlichsten in seinen Dessins et peintures de la guerre d'Espagne (Bilder und Zeichnungen aus dem Spanischen Bürgerkrieg), in der Folge Mythologie de la nature und Mythologie de l'être (Mythologie des Seins) erkennen. 1937 begegnet er Jean-Louis Barrault, mit dem er die Dekorationen für Numance herstellt. Noch mehr arbeiten sie nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen. Auf der internationalen Surrealismusausstellung 1938 in Paris ist Massons künstliche Frau mit einem Stiefmütterchen geknebelt, eine Anspielung an «Gedanken». Surrealistische Gegenstände verfertigt Masson 1939 aus Strandgut aus der Bretagne. Zu dieser Zeit entstehen auch die «tableaux paroxysmes»: Des Pièges à soleil (Sonnenfallen) und neue Sandbilder wie La Terre (Die Erde, 1939). Er malt erdachte Porträts der grossen deutschen Romantiker. 1940 flieht er nach Marseille. 1941 verlässt er Europa und begegnet auf Martinique André Breton. Er illustriert das 1948 publizierte Martinique Charmeuse de serpent (Schlangenschmeichlerin Martinique). Seine erste Retrospektive findet im Museum in Baltimore statt. Mit den Surrealisten im Exil arbeitet er, aber wegen der Zeitschrift View kommt es zum - diesmal endgültigen - Bruch mit Breton. Gemälde wie Méditation sur une feuille de chêne (Meditation über ein Eichenblatt) oder Germination (Keimen) behandeln biologische Themen (1942). In dieser Zeit entstehen vielzählig Zeichnungen, Pastellmalereien, Skulpturen, Gegenstände. 1945 kehrt er nach Frankreich zurück. Der Surrealistengruppe gelingt es, besonders mit der Ausstellung 1947 bei Maeght, wieder in Paris Fuss zu fassen. Während sich die Surrealisten Geheimwissenschaften zuwenden, pflegt Masson seine alten Bekanntschaften mit Artaud, Barrault, Bataille und Leiris. Er verkehrt mit Salacrou, Grémillon, Ionesco und vor allem Sartre. In dessen einflussreicher Zeitschrift erscheinen Aufsätze, die dann in dem Buch Le Plaisir de peindre zusammengefasst werden. Dieser Titel Eine Lust zu malen sagt viel aus: wie Max Ernst findet Masson zu einer sinnlichen Malerei, wo Bildliches den Vorrang vor Literarischem hat. Damit bahnt sich seine hervorragendste Periode an. Um 1962 ist er im Vollbesitz seiner Kraft. Orgie poissarde (Pöbelorgie 1962), Hommes écorchés et femmes en armure (Geschundene Männer und Frauen in Rüstungen, 1963), mehrere Délire Lansquenet (1963-1964), Thaumaturges malveillants menaçant le peuple des hauteurs (Böse Zauberer, die das Volk von oben herab bedrohen, 1964) bereiten sein barokkes Meisterwerk vor, die Decke des Odeontheaters in Paris (1964). Masson behauptet zwar, er habe seine «peinture de l'essentiel» (Malerei des Wesentlichen) vom fernen Osten gelernt, jedoch stammt seine Lyrik mehr von Rubens als von chinesischer Tradition ab. Die lyrische Malerei der sechziger Jahre ist dekorativ, hat aber auch viel Grausames an sich. Ohne jemals ins Schablonenhafte zu geraten, übernimmt Massen die Spontaneität des Surrealismus. Massons Ruhm verbreitet sich erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs über surrealistische Kreise hinaus. Dazu tragen auch vielzählige Theater- und Operndekorationen, sowie Grémillons Film André Masson ou les quatre éléments (André Masson oder die vier Elemente, 1959) bei. Die Retrospektiven in Wien (Grafik, 1958), auf der Biennale von Venedig (1958), in Berlin und Amsterdam (1964), im Musée d'Art moderne in Paris (1965) fassen seine etwas zersplitterten Studien zusammen. Dazu kommt Massons wachsende Reife. Massgebend für seinen Erfolg werden besonders die offiziellen Institutionen: Grand prix national des arts, 1954. Ab 1962 ist er Berater der nationalen Museen. Der Surrealismus verdankt André Masson den Beweis, den er ja schon zu Beginn der Bewegung erbracht hat, dass die automatische Zeichnung eine gangbare Fährte darstellt. Ausserdem hat er die Sandbilder erfunden. Ohne psychoanalytisch übertreiben zu wollen, müssen wir zugeben, dass Masson von Grausamem besessen ist, was noch durch die Titelgebung betont wird. Hierin liegt auch Traumhaftes. Masson stellt die Frau ins Herz der Naturgrausamkeit, zu Insekten, verletzten Vögeln, Sturmwettern. Seine Radierungen Trophées érotiques (1962), seine Illustrationen zu Une Saison en enfer von Rimbaud (1961) und zu La Philosophie dans le boudoir von Sade (1961) zeigen, wie konstant Masson dem surrealistischen Geist treu bleibt. Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass er ebenso wie Max Ernst und Mird Malfreude und den freien Ausdruck noch über die Darstellung von Trauminhalten stellt. Wir können den Surrealismus ja nicht auf eine Möglichkeit, die der gegenständlichen Malerei von Dali, Magritte, Tanguy, Delvaux und Labisse beschränken. Masson hat sehr mutig den Automatismus im visuellen Bereich vorangetrieben. Weit davon entfernt, aus der Malerei einen «Notbehelf» (Breton) zu machen, erbringt er uns den Beweis, dass dieser visuelle Automatismus zur Unabhängigkeit des Nurvisuellen führt. René Passeron Lexikon des Surrealismus Somogy Paris Jean Cassou: Masson, Paris, Musée national d'Art moderne, 1965. Hubert Juin: André Masson, Paris, Le Musée de poche, 1963. Michel Leiris: André Masson et son univers, Genf, Les Trois Collines, 1947. |