|
g26.ch HOME EVENTS MUSEEN GALERIEN BIOGRAPHIEN G26.CH NEWS BLACKBOARD BERN INFO KUNST |
Kunst - Glossar Heinrich Anton Müller Boltigen 1865 - 1930 Münsingen Als der junge Heinrich Anton Müller anfangs des letzten Jahrhunderts seiner Arbeit als Rebknecht nachging, deutete nichts auf seine spätere Bedeutung als Künstler hin. Zwar arbeitete er in seiner Freizeit an verschiedenen Erfindungen und unterhielt dazu unterhalb seines Wohnhauses in Corsier (Schweiz) eine kleine Werkstatt, doch sein Augenmerk galt nicht der Lösung künstlerischer Probleme. Roman Kurzmeyer - Heinrich Anton Müller (1869-1930) Erfinder, Landarbeiter, Künstler Heinrich Anton Müller «Heinrich Anton Müller wird 1906 in der Anstalt Münsingen interniert, wo er 1930 stirbt. Über seine Jugend ist nichts bekannt. Er stammt aus dem Simmental, lebt im Waadtland und arbeitet als Rebarbeiter. Im Anschluss an die angebliche Erfindung einer Maschine zum Beschneiden der Reben um 1903 verändert er sich. Er vernachlässigt die Familie, arbeitet nicht mehr und irrt ziellos umher. Bei der Einweisung in die Anstalt ist er voller Wahnideen, behauptet, Franzose zu sein, Millionen zu verdienen und beklagt sich über die Leute, die seine Erfindung ausbeuten. Er bildet dann immer mehr Grössenideen, an denen er bis an sein Lebensende festhält, nennt sich Gott, Papa Dieu, redet seine Frau als Reine Dieu an und unterschreibt seine Briefe als L'Eternel. Während Jahren ist er kataton, unzugänglich, unreinlich. Dann wird er wieder zugänglicher, beweglicher, er gräbt sich im Garten ein mächtiges Loch, um sich zu verstecken, konstruiert aus Zweigen eine Hängematte auf einem Baum und bastelt aus Abfällen einen gewichtigen Helm ; vor allem aber beginnt er, an eigenartigen Maschinen und an einem perpetuum mobile herumzubasteln. 1917 erhält er einen Malkasten geschenkt und fängt unvermittelt an zu zeichnen und zu malen. Bilder und Maschinen vernichtet er von Zeit zu Zeit in Erregungszuständen, in denen er vermehrt halluziniert und Wahn bildet, andere Patienten und Pfleger für Verfolger hält. 1923 setzt er seine ganze Produktivität ohne Veränderung des übrigen Zustandes und ohne ersichtlichen Grund aus. Erst im Anschluss an eine schwere körperliche Erkrankung im Jahre 1925 verlangt er wieder Farbstifte und Papier und verfertigt in stereotyper Weise verwickelte Zeichnungen. Einen Kommentar gibt er dazu nie. Unter dem Einfluss eines körperlichen Leidens lässt seine Tätigkeit langsam nach, und er verbringt viel Zeit damit, durch ein Fernrohr aus Karton ein aus Steinen und Dreck zusammengepapptes vulvaähnliches Gebilde zu betrachten.» Soweit der Bericht von Dr. Rudolf Wyss, damaliger Direktor der Kantonalen Heil- und Pflegeanstalt Münsingen. Dass Wölfli und Müller in dieser Chronologie unmittelbar aufeinanderfolgen, ist wohl kein Zufall, auch nicht, dass beide in bernisehen Heilanstalten untergebracht und in ihnen zu Künstlern werden. Sowohl das Narrationsgenie Wölfli und sein Hang zum Gesamtkunstwerk wie auch Müllers schweigsames Basteln als Kunst gehören zum stärksten, was die Art Brut hervorgebracht und sie belegen auch den Ausspruch Dubuffets, dass die Schweizer, wenn sie verrückt sind, die besten «artistes bruts» sind. Vor allem ihre Werke, die des gesprächigeren und grossspurigen Wölfli voran, haben beigetragen, dass mit der «Erweiterung des räumlichen und zeitlichen Horizontes unserer künstlerischen Erlebnis- und Erkenntnisfähigkeit drei Randgebiete der künstlerischen Betätigung zum ersten Male ins Licht unseres künstlerischen Schätzens und Erkennens gehoben worden sind: die Volkskunst der sogenannten peintres naïfs des 19. und 20. Jahrhunderts, die Kinderzeichnung und die Kunst der Geisteskranken und das Bedürfnis nach der Anfüllung des Vakuums in der Folge des Zusammenbruchs der klassischen Ästhetik als höchstem Wertmassstab des Künstlerischen mit weiten Bereichen aller vorklassischen Kunst, die vom Standpunkt der klassischen Ästhetik aus künstlerisch als nur relativ werthaft betrachtet werden kann, in ihrem künstlerischen Eigenwert erkannt worden» (Georg Schmidt). Auch Müller ist wie Wölfli ein Angehöriger der Gründerzeit. Er versucht über die Erfindung einer Maschine den Progress im Hinblick auf humanere Arbeitsbedingungen und gesteigerte Produktion, sein soziales Ansehen dadurch zu erhöhen und als Erfinder zu gelten. Als Landarbeiter im Rebanbau ist das nächstliegende die Konstruktion einer Rebschneidemaschine, deren Nutzung ihm jedoch entrissen, deren Idee von andern ausgebeutet wird. Die Konstruktion von Maschinen, die unnütz sind, von Maschinen, die «offensichtlich keinen anderen Zweck hatten, als Bewegungen zu übertragen und zu übersetzen sowie Energie in alle Himmelsrichtungen wirbeln zu lassen, ohne sie irgendwie auszunützen» (Michel Thévoz), kann natürlich als Resignation gedeutet werden, in seinem Falle ist jedoch sein Fortschreiten von einer funktionellen zu einer Wunsch- oder puren Energieverteilmaschine, die die thermodynamischen Gesetze übertritt, wie im Perpetuum mobile die ewige Bewegung sucht, eine poetische Rebellion, die das Prinzip des Energieverbrauchs negiert, für die Konsumption Produktion ist, die sich in konstanter Regenerierung befindet. Es ist der, in seinem Falle teuer erkaufte Traum von einer ewig mühelos funktionierenden Maschine, die der Abnützung und dem Verbrauch entgeht, solange sie Lebensersatz darstellt. Sie ist die Maschine, die Unsterblichkeit garantiert. Indem solche Maschinen, den Regeln unserer psychischen und physiologischen Gegebenheiten, «unserer Welt» entgeht, erlaubt ihre Tätigkeit reine Kreation und reine Lust. Heinrich Anton Müller braucht keinen Gott, kein Symbol für diesen, er selber ist Gott, « L Eternel» . Und als solcher steht es ihm auch zu, seine Frau, die er auch als «Göttliche Jungfrau» anspricht, zu schwängern in unbefleckter Empfängnis. « A ma femme j'envoie le ventre, depuis si longtemps qu'elle est privée de moi.» So verwundert uns denn kaum, dass ein Künstler wie Jean Tinguely ihn zu seinen Vorläufern zählt. Jean Dubuffet hat in seiner auch die spärlichen Zeugnisse literarischen Schaffens berücksichtigenden Studie - die mehrfache Anrufung des Irrtums «Erreur in Verbindung mit «Belle République» - auf das Entschiedene, Ausgearbeitete, Kontrollierte der Texte hingewiesen, auf die mehrfachen Korrekturen im Hinblick auf eine Steigerung der inhaltlichen Aussage. Ja, er findet, dass Müller sich an der Einmaligkeit der Erfindungen freute und auch in den Zeichnungen nichts dem Zufall überlassen habe. «Er will - unserem Empfinden nach in voller Luzidität - Objekte höchster Seltsamkeit herstellen. Er sucht das Befremdende ganz stark; er ist ins Seltsame verliebt, sie erfüllt ihn mit Wohlbefinden. Vielleicht ist es diese Suche nach dem Ungewöhnlichen, die Trunkenheit nach noch mehr und noch mehr, die das Wesen seiner Zerrüttung ist. Und will man auf ihn bezogen das Wort Krankheit benutzen, dann muss man von ihr sagen, dass sie sowohl das Übel wie das Heilmittel ist. Heinrich Anton, das ist offensichtlich, liebte nichts mehr wie seine Verrücktheit. Sie gab seinem Leben Sinn und Berechtigung.» Heinrich Anton Müller ist darüber hinaus aber auch ein Verhaltenskünstler. Der Rückzug in ein selbstgeschaufeltes Loch in der Erde, die Konstruktion eines Teleskops, durch das er Tag für Tag über Stunden ein grosses, selbstgemachtes Objekt aus Steinen und anderen Materialien betrachtet - mag man nun der Interpretation der Psychiater, dass es einem weiblichen Sexualorgan ähnlich gewesen sei oder Dubuffets Warnung vor einer zu einfachen Erklärung folgen - sicher ist, dass Müller gewissermassen Verhaltensweisen in seiner gelebten, primären Obsession vorweggenommen hat, die erst später, über den Einsatz derselben in einer reflektierten, bewussten Obsession in den Kunstbereich finden und dadurch sanktionierter schöpferischer Behaviourismus werden. Erneut ist hier Duchamps lange Zeit der «Nichtproduktion» zu erwähnen, auch die Dimension des Voyeurismus, die in seinem letzten Werk die Rezeption weitgehend bestimmt. Man betrachtet das Geschehen durch zwei Gucklöcher: eine Frau mit geöffnetem Geschlecht in einer Landschaft mit Wasserfall. Und das Objekt aus «armen» Materialien? Wir wollen auch hier die Vergleiche nicht strapazieren, sehen aber heute klar, dass die von der Gesellschaft Isolierten, gerade weil sie den Umweg über kommunikative Zeichen und Symbole, und seien sie wie bei Duchamp noch so verschlüsselt, nicht nötig haben, die poetische Ladung des Unnützen viel prägnanter dem Erleben preisgeben. Nicht von ungefähr hat es länger gebraucht, in Müller einen «Visionären Künstler» zu sehen als in Wölfli, dessen Verhalten dem Bild, das man sich vom Produktionszwang des Künstlers macht, schon viel angepasster ist. Harald Szeemann - Visionäre Schweiz im Kunsthaus Zürich 1991 Verlag Sauerländer Heinrich Anton Müller Heinrich Anton Müller wird 1869 in Versailles geboren und stirbt 1930 in der Nähe der Stadt Bern als langjähriger Patient der Irrenanstalt Münsingen. Vor seiner 1906 erfolgten Hospitalisierung lebt er als Rebknecht und Erfinder mechanischer Geräte mit seiner Familie in der französischen Schweiz und interessiert sich besonders für die Rebkultivierung. 1903 wird ihm für eine Maschine zur Rebveredlung ein Patent ausgestellt. Die näheren Umstände seiner Internierung sind nicht überliefert. Sicher scheint zu sein, dass Heinrich Anton Müller in den der Hospitalisierung vorausgegangenen Jahren seine Familie vernachlässigt hat und planlos in den Reben umherirrt. Sicher scheint auch zu sein, dass ein Zusammenhang besteht zwischen den Verhaltensänderungen Müllers und seiner Erfindung, für die laut Krankengeschichte andere die Urheberschaft zu beanspruchen verstanden. Um 1914 beginnt Heinrich Anton Müller in der Anstalt aus Abfällen und unter Verwendung seiner Exkrete und Sekrete kinetische Skulpturen zu bauen, die er in Gang setzt, sobald sich ihm jemand nähert. Nach seinem Tod werden alle Maschinen zerstört. Erhalten sind lediglich einige S/W-Fotografien, die im Rahmen der Ausstellung präsentiert werden. Dem Zeichnen und Malen widmet sich Heinrich Anton Müller ab 1917, indem er Kartonabfälle zusammennäht und diese als Träger für seine Mal- und Zeichenaktionen verwendet. Themen seiner künstlerischen Arbeiten sind das sexuelle Begehren, die Anmut tierischen und pflanzlichen Lebens, die integrativen Kräfte der Natur sowie die Metamorphose und die Auflösung der menschlichen Figur. Während seiner letzten fünf Lebensjahre experimentiert Heinrich Anton Müller mit einem zusammengerollten Karton, den er als Fernrohr benutzt. Die Bedeutung von Müllers Werk wird früh von Ärzten und insbesondere von Künstlern erkannt. 1922 behandelt der Heidelberger Psychiater Hans Prinzhorn Müllers Zeichnungen in seiner berühmten Schrift «Bildnerei der Geisteskranken: Ein Beitrag zur Psychologie und Psychopathologie der Gestaltung». Der Künstler Max Ernst macht den Schriftsteller Paul Eluard mit den künstlerischen Arbeiten von Müller bekannt. In den sechziger Jahren interessieren sich Jean Tinguely und Daniel Spoerri für das Leben und das Werk des Aussenseiters und widmen ihm Werke. Auch zählt Heinrich Anton Müller zu den ersten Künstlern, die der französische Maler Jean Dubuffet in seine berühmte «Collection de l´art brut» aufnimmt. Es gehört zu den anthropologischen Anlagen, die Grenze des Biologischen durch Technologie überwinden zu wollen. Heinrich Anton Müller bearbeitet in seinen künstlerischen Werken die Verbindung zwischen Maschine und Organismus in der Form eines geschlossenen Systems. Bilder personifizierter Technik treffen in der Ausstellung auf Bilder personifizierter Natur. Maschinenglauben und Naturverbundenheit kommen in seinen künstlerischen Arbeiten gegenseitig verschränkt zum Ausdruck. Erst vor wenigen Jahren wurde Müllers Gesamtwerk erfolgreich in der Schweiz und in den USA gezeigt. 1977 waren seine Werke zusammen mit Arbeiten von Marcel Duchamp in der von Harald Szeemann kuratierten Ausstellung «Junggesellenmaschinen / Les Machines Célibataires» im Museum des 20. Jahrhunderts, Wien zu sehen. Die Ausstellung Heinrich Anton Müller (1869-1930) Erfinder. Landarbeiter. Künstler. in der BAWAG FOUNDATION ist die letzte Einzelausstellung von Heinrich Anton Müller ausserhalb der Schweiz. Aus konservatorischen Gründen dürfen seine Werke in Zukunft die Museen nicht mehr verlassen. Christine Kintisch BAWAG FOUNDATION |