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Kunst - Glossar Armand Schulthess 19.1.1901 Neuchâtel - 29.9.1972 Auressio Nach der Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten und der Aufgabe eines Geschäftes für Damenbekleidung trat er 1939 in die Bundesverwaltung ein. 1951 quittierte er den Dienst, um im Tessin «einen völlig neuen Lebensabschnitt zu beginnen». Er war zweimal verheiratet. Schulthess malte nicht, sondern schrieb ab, klassifizierte und hängte die Texte in die Bäume. Im 18.Jahrhundert wäre er zweifellos ein grosser Enzyklopädist geworden. Seinen Besitz, einen 18'000 qm grossen Kastanienwald im Onsernone-Tal im Tessin, verwandelte er in einen philosophischen Garten. Entlang eines ansteigenden Weges standen Bäume voller Tafeln, auf denen Schulthess das Wissen der Menschheit verzeichnet hatte. Oft handelte es sich einfach um Buchtitel. Armand Schulthess Armand Schulthess, eigentlich Alfred Fernand Armand Dürig, geboren am 19. Februar 1901, wächst als Adoptivkind in Colombier auf. Die Familie zieht 1910 nach Zürich. Von 1919 bis 1923 ist er technischer Korrespondent in verschiedenen Firmen. Von 1923 bis 1934 ist er zuerst in Zürich, dann in Genf Besitzer eines Damenkonfektionsgeschäfts, das er während der Wirtschaftskrise aufgeben muss. Ab 1935 hält er sich meist im Ausland auf, so über ein Jahr in Holland bei seinem Bruder. Von 1939 bis 1951 ist er Bürogehilfe in der Sektion Ein- und Ausfuhr der Handelsabteilung des Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartements. Zweimal verheiratet, zweimal geschieden, Vater eines frühverstorbenen Kindes, verlässt er 1951 den Bundesdienst. «Der Austritt erfolgte auf eigenes Begehren und mit der offengeäusserten Absicht, im Tessin einen vollkommen neuen Lebensabschnitt zu beginnen.» Armand Schulthess hatte bereits 1942 in Auressio im Onsernonetal ein Rustico mit dazugehörigem Land (18000 m2) gekauft. Dorthin zieht er sich zurück. Am 29. September 1972 wird er tot in seinem Garten gefunden. Kurz vor seinem Tod erscheint in Köln der Band Dokumentation über A. S. (Der grösste Vogel kann nicht fliegen) und seine «Enzyklopädie im Walde» wird an der documenta 5 in Kassel und in der Ausstellung Welt aus Sprache in Berlin dokumentiert (1972). 1974 wird an den Solothurner Filmtagen der Film von Hans-Ulrich Schlumpf «Armand Schulthess, j'ai le téléphone» uraufgeführt, letzte Aufzeichnungen der einmaligen Anlage, die im Sommer 1973 von verständnislosen Erben zerstört wird: das Haus wird geräumt, die Dokumentationen verbrannt oder der Abfuhr übergeben. Einige Tafeln und Teile seiner Bibliothek haben aber doch überlebt. Sie werden in der Ausstellung Junggesellenmaschinen (1975-1977) in Bern, Venedig, Brüssel, Düsseldorf, Paris, Malmö, Amsterdam und Wien, 1976 im Musée de l'Art Brut in Lausanne gezeigt, ferner von 1978 bis 198o in der Ausstellung Monte Veritâ in Ascona, Zürich, Berlin, Wien und München. 1983 wird er in die Dokumentation Der Hang zum Gesamtkunstwerk aufgenommen. Seit 1981 ist ein Raum im Museo Casa Anatta auf dem Monte Verità Armand Schulthess gewidmet. Harald Szeemann - Visionäre Schweiz im Kunsthaus Zürich 1991 - Verlag Sauerländer Armand Schulthess 1939 trat ein Mann namens Armand Schulthess eine Stelle beim Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartement in Bern an. Über seine Tätigkeit während des Krieges sagt er später: «Hab zusammengerechnet, was die Schweiz den Deutschen an Eisen z. B. herausgab. Dann konnten die Diplomaten wieder was reinholen dafür». 1942 kaufte er in Auressio, 15 km von Locarno entfernt, ein Gelände von 800o m2. 1951 zog sich Schulthess nach Auressio zurück. In den folgenden gut zwanzig Jahren, im September 1972 starb er, wurde das Waldgelände zu einem Wissenskosmos. Armand Schulthess beschriftete Tausende von Blech-, Papp- oder Kartontafeln mit Wissen in Form von Stichworten, Tabellen, Verweisen auf Bücher aus vielen Gebieten: Physik, Chemie, Wirtschaft, Geschichte, Astrologie, Psychologie, Kybernetik; er sammelte Einzelheiten über die Biologie und Mode der Frau, «wissenschaftliche Bücher über die vielen Probleme der Liebe und Ehe zum abschreiben», wie er in präziser Blockschrift auf eine Tafel schrieb, über die Möglichkeit zur Gewinnung von Elektrizität durch einen windgetriebenen Generator; geisteswissenschaftliche, literaturgeschichtliche, musikgeschichtliche Daten europäischer Kultur und Informationen über aussereuropäische Kulturen, z. B. über japanische und chinesische Schrift, die ägyptischen Hieroglyphen, die Keilschrift; es erschienen auch Informationen über parapsychologisehe Phänomene, über Alchemie, Prophezeiungen. Das ist ein willkürlicher Ausschnitt aus der Sammlung Schulthess', die belegen soll, wie weitgefächert die Informationen sind, rationale und irrationale Phänomene enthaltend, Fakten aus europäischen und aussereuropäischen Kulturen. Die beschriebenen Tafeln wurden an Hausmauern, Baumästen, Baumstämmen, Lattenzäunen und anderen Orten angebracht, manchmal einzeln oder als Summierung mit Draht verbunden, so dass es aussieht wie ein chemisches Analysenmodell. «Mein System ist es», sagte Schulthess, «dass ich immer Gleiches zu Gleichem tue.» Die Informationen entnahm er Büchern, Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren: «Alles, was ich ordne, schreib ich erst einmal ab. Nur so kann man es ordnen.» Wie das Ganze organisiert war, ging es der Anlage nach darum, alles Wissen, das sich im Verlaufe der Geschichte summierte zu sammeln, zu ordnen und abrufbereit zu konzentrieren, so dass der Wald zu einem gewaltigen Nachschlagwerk werden sollte, wo alles vorfindbar gewesen wäre, was als Wissensfakten vorhanden ist. Virtuell wäre der ganze Wissensabfall der Menschheit dort versammelt gewesen, was auch heissen könnte: ein Surrogat aller Menschen, Lebewesen, Phänomene, die es gab und gibt. Surrogat deshalb, weil Armand Schulthess, der über zwanzig Jahre ganz allein lebte, direkte Beziehungen zu Menschen ablehnte. Ingeborg Lüscher, die eine Bilddokumentation machte und ihre Begegnungen mit Schulthess beschrieb, schildert die Schwierigkeiten ihrer behutsamen Annäherung, schildert das Misstrauen, die Scheu dieses Menschen. Obwohl er die Leute auf Schrifttafeln aufforderte, ihn um Auskunft zu bitten, seine Bücher zu verwenden, machte er alles, um nicht in Kontakt treten zu müssen. Auf einer Tafel stand die Aufforderung, ihm zu telephonieren, doch die Telephonnummer war falsch. Die Ambivalenz der Kommunikation und deren Verweigerung bestimmte Schulthess ganze Wald-Enzyklopädie. Er schuf einen geschriebenen Kosmos, und das heisst: etwas Verdinglichtes, um eine Ordnung zu schaffen, die das gesprochene Wort, und das bedeutet: Unsicherheit, ersetzen sollte, so dass jede Beziehung, welche lebt, unnötig war. Diesen geschriebenen Kosmos setzte er aber in die Natur, in den Tessiner Wald voller Kastanienbäume, also in eine lebende, atmende, sich stets verändernde Welt. Doch alles das, was mit der Frau, der «weiblichen Person», zu tun hat, stapelte er im Hausinnern. Die Frau, in Form der Verdinglichung (z. B. der medizinischen Fakten über Befruchtung, Schwangerschaft, Klimakterium, was verschiedenen Lebensaltern entspricht), brauchte er in seiner Nähe. Das Zeichen wurde für ihn lebendig, bedeutete Leben, ersetzte Leben. Es ist wie bei Bouvard et Pécuchet von Flaubert, dem Inbegriff eines «Zeichensüchtigen», wo der Signifikant zur Welt selbst wird. Armand Schulthess verkleinerte den Kosmos, die ganze Welt so, dass er (sie) in seinen Wald unterzubringen war. Er kultivierte seinen Garten und dachte an die ganze Welt. Schulthess war ein Einzelgänger, der in kein System zu bringen ist. Dass er seine Welt im Tessin aufbaute, hat seine Gründe. In der Deutschschweiz hätte er kaum zwanzig Jahre lang ungestört arbeiten können. Da wäre er wahrscheinlich bald schon interniert worden (es waren auch seine Erben aus der Deutschschweiz, die nach seinem Tod die mobile Hinterlassenschaft verbrennen liessen). Im Tessin liess man ihn in Frieden, auch behördlicherseits, das zeigt ein Gespräch, das Ingeborg Lüscher mit dem Gemeindepräsidenten von Auressio führte. Wenn er weiter im Süden gewesen wäre, hätte er kaum mehr die vielen Zeitungen, Bücher, Zeitschriften, Broschüren sammeln können, die er oft auf Schutthalden fand. Das Tessin bedeutete für ihn Abgeschiedenheit, ungestörte Arbeit in seinem Bergtal, und zugleich Nähe zur Zivilisation, die er ja für seine Arbeit brauchte. Er ging, manchmal jede Woche, zu Fuss nach Locarno, um einzukaufen und um Material für seine Enzyklopädie zu sammeln. Armand Schulthess war der Schöpfer einer im Zeichen geronnenen Welt, die die Gegensätze der Kulturen, der Rationalität/Irrationalität, Physik/Metaphysik in einer überblickbaren Ordnung aufheben sollte. Insofern war er der Schöpfer einer Gegenwelt. Der Komplexität und der realen Undurchschaubarkeit der Wirklichkeit des 2o. Jahrhunderts entfloh er in einen geschlossenen Zeichenkosmos, den er im Tessin aufbaute - dem Ort der gescheiterten Versuche, experimentell Gegenwelten zu errichten, welche auch ausserhalb des Tessins Gültigkeit haben sollten. Text: Theo Kneubühler (1978) Harald Szeemann - Visionäre Schweiz im Kunsthaus Zürich 1991 - Verlag Sauerländer Armand Schulthess Der Garten, mit seinen Wegen und Rastplätzen, an denen zur Betätigung aufgefordert wurde, lag um einen alten, öffentlichen Saumweg herum, - früher die einzige Verbindung in dieses Tal, heute ein Spazierweg. Allmählich ist der Übergang vom Kastanienwald zu den Weinbergen, zum Dorfrand, und an der oberen Peripherie dieses Grundstücks verläuft die neue Fahrstrasse mit dem Motor-Verkehr. Die Schriftschilder von A. S. hingen bis dort hinaus, lockten dort, an der Übergangszone, an. Erotisch anziehend: Es war, wie wenn einer, indem er die verschiedensten Zeichen gab, immer wieder auf das erotische Thema kam, sei es in den öffentlich gemachten Begriffen und Reizwörten, sei es in den Formen der Schrift-Unterlagen, sei es im Timbre der Anordnung. Das Haus, die Farben, die höhlenartigen Schlupfwinkel, die plötzlichen Abstürze, der Sog der Ruhe-Nester, das alles gab einem das Gefühl, dass hier jemand mit untrüglichem Sinn für die Regeln des erotischen Spiels am Werk war, für Lustpunkte, Schutzburgen, Fallgruben, Schwebegrate, Stoppstellen, für den Auf-und-Ab-Rhythmus. Ein Monoman? Ein erotisches Genie? Ein Enttäuschter, der nur noch seinen Wunschtraum sichtbar macht? - Nachrichten an «die weibliche Person»: «Welche junge, weibliche Person liebt die Photographie? Entwickeln, vergrössern, habe alle diese Apparate hier.» Oder: «Welche junge weibliche Person interessiert sich für Graphologie? Zum Studium stehen zur Verfügung: 500 Faksimiles der Handschriften historischer Persönlichkeiten.» Gestört, auf eine nicht sogleich benennbare Art: die verrosteten Kotflügel, in die Höhe gehievt und in die Schwebe über die Köpfe gesetzt. Ein Zwangsverhalten der Pedanterie macht sich bemerkbar innerhalb der gekonnten Schwebe aller dieser Manifestationen. Die Wucht von schweren Gummi-Autoreifen in den Bäumen, die, beim Aufblicken, neben heiterem Erstaunen den Schatten von Last vermittelt. Diese verrammelten Eingänge. Die zugemauerte Steinhütte «Casa Virginie», an der unteren Grenze des Grundstücks. Auch die Steinwälle, die zur Ruhe einladen, vermitteln den Eindruck des Gewalttätigen, besser: lassen, abrupt, wie sie hingesetzt sind, auf verdrängte Gewalttat eines Verletzten, Sanftmütigen, im Abstand freundlich Belehrenden schliessen. Da kann etwas losbrechen, beim nächsten Schritt. Diese Anlage insgesamt war widerspruchsvoll. - Da will einer seinen Traum nicht aufgeben, aber seine speziellen Erfahrungen kann er nicht aufgeben, - mit ihrer Hilfe hofft er gerade, seinen Traum zu befriedigen. Nicht, wie der einstige Erbauer dieses Hauses, hat er Tradition und Umgebung so selbstverständlich sich zu eigen gemacht und sich damit identisch erklärt, dass er gegen diese Umgebung mit dem, was er in sie hineinsetzt, gar nicht verstossen kann. Nein, er baut, im Abstand und selbst entzweigerissen, seine Zivilisationswelt in die Bäume ein. Text: Walter Höllerer (1974) Harald Szeemann - Visionäre Schweiz im Kunsthaus Zürich 1991 - Verlag Sauerländer |