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Berühmte Berner Künstlerinnen und Künstler
Daniel Spoerri
27.3.1930 Galatz
Eigentlich D. Isaak Feinstein, schweizerischer Objektkünstler rumänischer Herkunft; war Tänzer und Regisseur, schloss sich 1960 der Pariser Gruppe «Les Nouveaux Réalistes» an; wurde besonders bekannt durch seine «Fallenbilder» genannten Abfall-Assemblagen und Eat-Art-Tableaux.
www.wissen.de
Daniel Spoerri (Harald Szeemann - Visionäre Schweiz)
Daniel Spoerri (Wikipedia)
Daniel Spoerri (SIKART)
Daniel Spoerri (H.E. Violand-Hobi)
Daniel Spoerri Biographie
Daniel Spoerri Metteur en scène d’objets (Museum Tinguely)
Daniel Spoerri
Daniel Spoerri wird als Daniel Isaac Feinstein am 27. März 1930 in Galati (Rumänien) geboren. Die Familie flüchtet 1942 vor den Deutschen, nach der Ermordung des Vaters, in die Schweiz. Sein Onkel, Theophil Spoerri, Rektor der Universität Zürich, adoptiert ihn. Nach kaufmännischer Lehre, Buchhandlungslehre, Handelsschule arbeitet er als Obstverkäufer, Handlanger, Kellner, Photograph, bis er zuerst in Zürich, dann in Paris klassischen Tanz und Pantomime (bei Decroux) studiert. In Paris trifft er Jean Tinguely, mit dem er ein Farbenballett baut.
Nach seiner Rückkehr wird er Solotänzer am Stadttheater Bern. In einem Berner Kellertheater inszeniert er u. a. Die kahle Sängerin und Die Unterrichtsstunde von Eugene Ionesco und Wie man Wünsche beim Schwanz packt von Picasso (1956). 1957 wird er Regieassistent am Landestheater Darmstadt und arbeitet 1958 mit Claus Bremer an der Publikation material über konkrete und ideogrammatische Dichtung und experimentelles Theater sowie nach seiner Übersiedlung nach Paris mit Tinguely an einem Auto-Theater.
In dasselbe Jahr fällt auch seine erste Teilnahme an einer Ausstellung in Antwerpen mit einer durch den Zufall veränderbaren Skulptur. 1959 gibt er die Edition AMT (Multiplication d'Art Transformable) heraus, an der sich Agam, Bury, Duchamp, Gerstner, Rot, Soto, Man Ray, Tinguely und Vasarely beteiligen: «Vervielfältigung von Kunstwerken, die sich bewegen oder bewegen lassen. Ein Versuch, Kunstwerke ausserhalb der üblichen Methoden (Druck, Abguss, Kopie u. a. m.) zu vervielfältigen. Die den von mir herausgegebenen Werken innewohnende Möglichkeit der Veränderung machte jedes Exemplar einer Serie zum Original ... Hier wurde der Zuschauer entweder unwillkürlich (wo seine Bewegung vor dem Bilde eine Scheinbewegung des Bildes zur Folge hatte) oder willkürlich (wo er die Objekte von eigener Hand in Bewegung setzen konnte) zum Darsteller.
Waren diese Vervielfältigungen wirklich Originale? Was ist ein Kunstwerk wert? Warum nicht zugeben, dass ein Kunstwerk kaum einen Wert hat, es sei denn den Wert, den man ihm gibt? (Die Werke der Edition MAT wurden zu einem Einheitspreis verkauft, ohne Rücksicht auf den Marktwert der Künstler).» Wie Tinguely ist auch Spoerri fasziniert vom Spiel mit dem Zufall und der durch Duchamp initiierten Unterwanderung und Erweiterung des tradierten Kunstbegriffes. Die bildnerische Formulierung ist das 196o erstmals ausgestellte Fallenbild: «In ordentlichen oder unordentlichen Situationen zufällig gefundene Gegenstände werden, genau dort, wo sie sich befinden, auf ihrer Unterlage (je nach Zufall - Tisch, Stuhl, Schachtel u. a. m.) befestigt. Verändert wird nur ihre Lage im Verhältnis zum Betrachter. Das Resultat wird zum Bild erklärt, Horizontales wird Vertikales.»
Aus diesem Kolumbusei aus Zufall, Realität, Alltag, Dingmagie, Verfremdung, schwarzem und weissem Humor, Poesie und Reportage lässt sich ein Leben in «Leben als Kunst» leben.
Aus dem Fallenbild entstehen in pataphysischer Vermehrung das Fallenbild im Quadrat als Fallenbild eines Fallenbildes («Das Werkzeug, mit dem man am einfachen Fallenbild gearbeitet hat, wird in der Lage, in der es zufällig liegengeblieben ist, mit befestigt»), Gegenstände der Phantasie oder Erinnerung («Die Phantasie muss das verlorene Augenlicht ersetzen, falls man meine schwarze Brille, deren Gläser mit Nadeln versehen sind, die einem die Augen ausstechen»), das falsche Fallenbild («Gegenständliche Situationen werden aufgebaut, die den zufälligen und unbewussten Arrangements der alltäglichen Wirklichkeit zum Verwechseln ähnlich sehen»), Fallenbilder mit weiterer Mitarbeit des Zufalls («Zeit, Zerfall, Staub, Schmutz ... Ratten, die ... Teile meiner Bilder angefressen hatten»), Détrompe-l'oeil (Das Ent-Täuschungsbild: «Eine Fläche oder Unterlage, auf der ein Stück der sogenannten Wirklichkeit auf naturalistische Weise dargestellt ist, und auf der man einen Gegenstand befestigt hat, verliert in den Augen des Betrachters von ihrer Wirklichkeitsferne»), die Verwischung des Unterschieds zwischen echtem und falschem Fallenbild («Wenn man ein echtes Fallenbild neben ein falsches stellt oder es mit einem falschen vervielfältigt»), das Delegieren der Auswahl und der Fixierung der Situation für Fallenbilder an andere, die Übertragung des Fallenbild-Prinzips auf andere Gebiete der Kunst (z. B. Literatur, Theater, Ausstellung, Photographie), Sammlungen von bestimmten Gegenständen in möglichst vielen Zuständen und Varianten, Wortfallen («Versuche einer Visualisation von Sprichwörtern und Redensarten»).
Der Kombinatorik scheinen keine Grenzen gesetzt. Hans Jürgen Schmitt kommentierte denn auch das Schlüsselwerk des Fallenbildners Anekdoten einer Topographie des Zufalls (1969 deutsch erschienen in Zusammenarbeit mit Emmett Williams und Dieter Roth): «Vielleicht wird jetzt auch von den Biographien her erst ganz der kosmopolitische Geist der Topographie begreiflich, die Befreiung, die der Künstler inmitten aller Objekte (und gerade durch sie) zu erringen vermag, kraft eines voraussetzungslosen Denkspiels, das ihre Biographie sie gelehrt hat ... Zu guter Letzt: Wem kann man das Anekdotenallerlei empfehlen? All denen, für die Bücherlesen kein Zäuneaufbauen ist, denn wer weiss schon, wo die Kunst aufhört und das Leben anfängt?» (1969).
Essen gehört zum Leben. Daniel Spoerri lanciert die EAT-Art, die essbare Kunst, und eröffnet 1968 in Düsseldorf ein eigenes Restaurant. Das Weitergeben der eigenen Ideen gehört zum Leben. Daniel Spoerri unterrichtet in Köln, später in München, und zaubert mit den Schülern herrliche Märchen-Environments wie «Alice im Wunderland» (Köln 1981). Immer wieder entstehen neue Objektgruppen wie die Natures Mortes, die Zimtzaubermagie, die Hautkrankheiten, die ethno-synkretistischen Objekte, und seit 1961 setzt er auch sein Organisationstalent in von ihm gestaltete Ausstellungen wie Bewogen Beweging (1961) und den diversen Muses sentimentaux (Paris 1977, Köln 1979, Berlin 1981, Basel 1989) ein. Im Laufe von dreissig Jahren hat Spoerri nicht nur alle Sinne provoziert, alle Künste mit Zufall und Fallenstellen durchzogen, sondern auch den ganzen Zyklus, der Leben und Tod, Verwesung und Wiedergeburt heisst, in die Gestaltung einbezogen.
Und der Tod? 1963 errichtet Daniel Spoerri in der Galerie Dorothea Loehr in Frankfurt ein «Dorotheanum - gemeinnütziges Institut für Selbstentleibung, ein Institut zur Förderung, Propagierung und Erleichterung des Selbstmordes». Er beruft sich dabei nicht auf Clavel, sondern auf die Agence generale du suicide von Jacques Rigaut. Im hektographierten Führer steht nach der Vorstellung der einzelnen Zellen und Todesarten als Quintessenz zu lesen: «Da die Literatur inzwischen konkret geworden ist, hat es für mich keinen Zweck mehr, einen Selbstmord als schöne Kunst zu beschreiben, ich muss viel mehr dafür sorgen, dass das Publikum konkrete Erfahrungen sammeln und verwirklichen kann. Erst so wird die Arbeit des Künstlers nicht mehr der althergebrachten Sublimierung von reaktionären Trieben dienen, sondern diese Triebe dadurch aufheben, dass ihnen jederzeit gefrönt werden kann.». H. S.
Quelle: Harald Szeemann - Visionäre Schweiz im Kunsthaus Zürich 1991 - Verlag Sauerländer
Daniel Spoerri
1930 in Galati, Rumänien, geboren, flüchtete der zwölfjährige Daniel mit seiner Familie 1942 vor den Nationalsozialisten nach Zürich, wo er bis 1951 lebte. Dort kam es zur bedeutsamen Bekanntschaft mit Max Pfister-Terpis, der für Spoerri zum richtungsweisenden geistigen Inspirator werden sollte. Er war es auch, der Spoerri 1951 zur Weiterbildung nach Paris schickte. Dort entwickelte Spoerri gemeinsam mit Jean Tinguely das Farbenballett.
1954 ging der Künstler nach Bern, um Solotänzer im Ballett des Stadttheaters zu werden. Bald inszenierte er auch Theaterstücke, so z. B. Eugène Ionescos Kahle Sängerin. Seine Bekanntheit verdankt Spoerri allerdings den sogenannten Fallenbildern, die ab 1960 entstanden. Dabei werden (scheinbar) zufällig auf einer Fläche (z.B. auf einem Tisch) verteilte Objekte (Geschirr, Gläser, Zigaretten) von Spoerri auf die Platte geklebt und dann als Tafelbild an die Wand gehängt. Später ging er dazu über, festliche Gelage mit Freunden auf diese Weise festzuhalten und zu dokumentieren.
In seinen Fallenbildern, die er bis heute immer wieder variiert und weiterentwickelt hat, zeigt sich der Widerspruch zwischen Fixierung und Bewegung: Die Gabeln, Messer und Löffel, aufgeklebt, in ihrem natürlichen Bewegungsablauf unterbrochen, beschwören die Bewegung umso mehr, (...) in dem der Prozess unterbrochen, angehalten, gestoppt wird (H. E. Violand-Hobi). Performances gehören ebenso zum vielfältigen Oeuvre von Daniel Spoerri wie Koch-Happenings, Skulpturen und Objektassemblagen. Auch als Gartenkünstler betätigt sich Daniel Spoerri: im Garten seines Landsitzes in der Toscana stehen monumentale Skulpturen und Assemblagen aus Stein, Bronze und Holz.
Quelle: H.E. Violand-Hobi, Daniel Spoerri (München, London, New York 1998).
Daniel Spoerri Biographie
1930
27. März: Daniel Isaac Feinstein (später Spoerri) wird in Galati/Rumänien als Sohn des zum Protestantismus konvertierten Juden Isaac Feinstein geboren. Sein Vater kommt 1941 in einem nationalsozialistischen Vernichtungslager ums Leben. Die Familie flieht in die Schweiz, die Heimat der Mutter.
1953/54
Spoerri nimmt eine Stelle als Baletttänzer an der Berner Oper an. Anschliessend versucht er sich in Bern auch als Regisseur kürzerer Experimentalfilme.
seit 1959
Spoerri zieht nach Paris und trifft dort die Künstler Jean Tinguely (1925-1992), Arman (geb. 1928), Francis Dufrene und Yves Klein (1928-1962). Sein Interesse für die bildende Kunst wird durch die Zusammenarbeit mit Tinguely geweckt. Anschliessend entwickelt Spoerri eine eigenständige Objetkkunst.
Seit den 60er Jahren macht sich Spoerri mit den sogenannten Fallenbildern einen Namen. Wie in einer Falle soll ein Stück Alltagswirklichkeit eingefangen werden. Er fixiert und konserviert zufällig vorgefundene Anordnungen von Gegenständen des Alltags als Kunstwerke. Später umschreibt er diese Objekte als Topographien des Zufalls.
1960
27. Oktober: Zusammen mit den Künstlern Jean Tinguely, Arman, Francis Dufrene, Raymond Hains, Yves Klein, Pierre Restany, Villeglé und Martial Raysse begründet Spoerri die Neuen Realisten in Paris. Sie wollen sich absetzen einerseits von der in Paris dominierenden informellen Malerei mit ihrem Subjektivismus und andererseits von der in Amerika aufkommenden Popart.
Austellung seines Fallenbildes Das Frühstück des Kichka I im Museum of Modern Art, New York.
1961
Spoerri entwickelt die sogenannten Ent-Täuschungsbilder: zweidimensionale, in realistischer Manier gemalte Bilder, die durch das Aufkleben oder Anmontieren von Objekten eine dritte Dimension erhalten. In Mailand wird sein Ent-Täschungsbild Die Dusche ausgestellt.
1961-1964
Im Kunstmuseum Düsseldorf wird das Fallenbild Der Stuhl von Marcelle ausgestellt.
1966
Spoerri zieht sich für ein Jahr auf die kleine griechische Insel Symi zurück. Während dieses Aufenthalts entstehen die 25 Objekte der sogenannten Zimtzauber-Episode. Es handelt sich dabei um abgelegte Gebrauchsgegenstände, die in der Komposition mythisch überhöht werden und Fetischcharakter gewinnen.
1966/67
Im Museum Morsbroich in Leverkusen werden die Zimtzauber-Konserven Magische Objekte mit einer Nuss ausgestellt.
1968
Veröffentlichung der Schrift Anekdoten zu einer Topographie des Zufalls.
1968-1972
Spoerri betreibt in der Altstadt von Düsseldorf das Restaurant Spoerri und die Eat-Art-Gallery. Die Eat-Art besteht aus Resten von beendeten oder abgebrochenen Mahlzeiten, die im Sinne der Fallenbilder zu Momentaufnahmen eingefroren und anschliessend mit Leim und Konservierungsstoffen fixiert werden.
1971
Ausstellung der Montage Die Gefahr der Vervielfältigkeit im Fondazione MudiMa, Mailand.
1978-1982
Hochschullehrer für Kunst in Köln.
1979
Spoerri initiiert das Musée Sentimental in Köln, das als Vorbild für einen neuen Ausstellungstypus Schule macht. Dort wird der Versuch unternommen, die Geschichte einer Stadt mit Hilfe von Relikten aus dem Alltagsleben zu erzählen.
1980
Veröffentlichung einer mythologischen Untersuchung über Heilrituale an bretonischen Quellen.
1983-1989
Professor an der Akademie der bildenden Künste München.
1985
In der Galerie Andy Illien in Zürich wird das Ent-Täuschungsbild Hautkrankheiten ausgestellt.
1985-1989
Veröffentlichung von Kochbüchern unter dem Titel 100 Kochrezepte.
1987/88
Ausstellung des Ent-Täuschungsbildes Das Ballett der deutschen Schäferhunde in der Galerie Beaubourg, Paris.
1990
März: Eröffnung einer Wanderausstellung mit circa 120 Arbeiten aus Spoerris bisherigen Werk im Centre Pompidou in Paris.
1995
Das Deutsche Brotmuseum in Ulm stellt 22 Tische von Spoerri mit dem Titel Sevilla-Tische: eaten by aus.
1998
Der Kunstverein Kassel zeigt eine Installation Spoerris mit 26 grossformatigen Arbeiten aus dem Zyklus Karneval der Tiere.
Deutsches Historisches Museum, Berlin
Daniel Spoerri - Metteur en scène d’objets
Zum Künstler Daniel Spoerri
Daniel Spoerri wurde 1930 in Rumänien als Daniel Feinstein geboren, flüchtete 1942 mit seiner Mutter in die Schweiz, deren Name er heute trägt. Er fand auf Umwegen zur Kunst. Seine ersten Versuche galten der Poesie und dem Tanz, die bereits auf sein späteres bildnerisches Schaffen hinweisen. In den Fünfzigerjahren entdeckte er durch die Arbeit als Tänzer am Stadttheater Bern und Regisseur seine Vorliebe und Begabung für Inszenierungen (Ionesco, Picasso, Tardieu).
Als Autodidakt in Paris näherte er sich der bildenden Kunst. Sein grosses Interesse für Raum und Bewegung lenkte seine Aufmerksamkeit früh auf kinetisches Kunstschaffen. Bereits 1959 gründete er die Edition MAT, die auf die Idee der Multiplikation von veränderbarer Kunst zurückgeht und seine Künstlerfreunde als Beteiligte miteinschloss, allen voran Karl Gerstner, Diter Rot, Jean Tinguely, Marcel Duchamp. Einen ersten gültigen Ausdruck als bildender Künstler fand er 1959/60 im Fallenbild (Tableau-piège): eine zufällig gefundene Situation von Gegenständen, die er auf ihrer Unterlage befestigte und als Bild an die Wand hängte.
Ausgehend vom Fallenbild entstanden, basierend auf dem Prinzip der Assemlage, neue Werkzyklen wie zum Beispiel das Détrompe- l’oeil.
Aufsehen erregte Spoerri mit Eat-Art und seinen berühmten Banketten, den Ethnosynkretismen, Corps en morceaux, dem Carnaval des Animaux oder dem Musée sentimental. Die Themenkreise werfen aber stets auch existentielle Fragen auf und dokumentieren die Auseinandersetzung mit seiner Zeit.
Ausgehend von banalen Fundobjekten und ihrer Herkunft schafft Spoerri in vom Zufall gelenkten Assemblagen und Inszenierungen neue ironische und subversive Welten. Als “Metteur en scène d‘objets” transponiert er den Alltag zu Kunst und bringt die Kunst in den Alltag.
Die Grenzen zwischen Kunst und Leben werden verwischt, ein Axiom der Pariser Künstlergeneration der “Nouveaux Réalistes”, denen Spoerri als Gründungsmitglied angehörte. Dies verbindet ihn auch mit Jean Tinguely. Als Freund noch vor den ersten Pariserjahren ist er zu einem intimen Zeugen von Tinguelys Schaffen geworden, nach seinen Worten: “wer mich kennt, kann sich vorstellen, dass es mir eine grosse Freude bereitet, mein Werk neben das seine zu stellen; - hat doch unsere Freundschaft schon 1949 begonnen und steht sie doch in dialektischem Widerspruch: hier Fixierung, dort Bewegung - und darum sich bedingend.”
Seit zehn Jahren lebt er in der Toskana und arbeitet in Seggiano an einem Skulpturenpark, der dem Publikum zugänglich ist. Die Natur selbst wird hier zur Bühne für seine Installationen und erfährt durch das Zusammenspiel eine Neubestimmung.
Zur Ausstellung
In acht Räumen werden die Werkgruppen seit 1959 präsentiert. Eine sich verschränkende Chronologie bildet das Grundprinzip der Ausstellung. Einerseits schreitet der Besucher von den letzten Werken Spoerris zurück zu den Anfängen in den frühen Sechzigerjahren, andererseits sind die Werkgruppen auch über die Jahrzehnte hinaus vereint und teilweise über die Grenzen miteinander in Beziehung gesetzt.
In der Halle des Museums ist, gleichsam als Zeichen und Signal, die Genetische Kette des Flohmarktes installiert. Im Jahre 2000 entstanden, ist dieses 60 Meter lange Flohmarktbild in gewisser Weise die Quintessenz von Daniel Spoerris jahrelanger Sammeltätigkeit. Schuhleisten, asiatische Masken, Porzellanhände, Schaufensterpuppenköpfe oder Kleintierschädel sind auf dem langen Band mit unzähligen anderen Sammlungen zu einer Repräsentation von Daniel Spoerris Welt vereint.
Im ersten Saal der Ausstellung sind die acht Histoires de Boîtes à lettres (1998) und die beiden grossen Werke L'aube de l'âme humaine und Elephant boy (1991) zu sehen, in denen mit Objekten aus verschiedenen Zivilisationen und Zusammenhängen neue Bezüge geschaffen werden.
Corps en morceaux, Palettes d‘artistes und Trésor des pauvres (Kitschteppiche) leiten über in das Cabinet anatomique, in dessen Werken sich Spoerri mit der Anatomie des Menschen und dessen Krankheiten auseinandersetzt. Malattie della pelle (1986) und die Médicine opératoire, illustrée par M. H. Jacob aus jüngster Zeit sind hier wichtige Werkgruppen.
Der letzte Raum des Galeriegeschosses umfasst einerseits Objekte aus dem Umfeld der Eat Art und andererseits die 20 Objekte der Magie à la Noix, die Spoerri auch Zimtzauberkonserven nennt. Der Künstler realisierte diese Assemblagen während eines Aufenthalts auf der griechischen Insel Symi im Jahre 1967 aus Gegenständen, die er auf der Insel fand.
Das obere Ausstellungsgeschoss führt weiter zurück ins Werk von Daniel Spoerri
Der erste Raum ist der Eat Art gewidmet, dort sind Werke versammelt, die ihren Ursprung in den Restaurants von Daniel Spoerri in Paris (Restaurant de la Galerie J, 1963), Zürich (Restaurant de la City Galerie, 1965) und Düsseldorf (Restaurant Spoerri, ab 1968) haben. Die spätesten Werke gehören zur anlässlich der Weltausstellung 1991 geschaffenen Sevilla-Serie.
Den nächsten grossen Werkblock bilden die Détrompe-l‘œils, mit grösseren und oft auch kleineren Eingriffen verfremdete Bilder, die unsere Sehgewohnheiten hinterfragen. Die Pièges à mots dagegen, die aus der Zusammenarbeit mit Robert Filliou hervorgingen, sind verbildlichte Redensarten wie Salut les copains oder Peser ses mots propres et sales.
Den Abschluss bilden die Werke, die 1959/60 am Anfang des künstlerischen Werks von Daniel Spoerri stehen: Die Tableaux-pièges oder Fallenbilder, in denen der Künstler zufällige Konstellationen auf Tischen oder Flohmarktständen festhielt und so den vordergründig unbedeutenden Alltag in den Rang eines Kunstwerks hob. Diese Werke machten ihn auch zusammen mit seinem Freund Jean Tinguely zu einem der Mitglieder der ”Nouveaux Réalistes”, der Künstlergruppe, die 1960 vom Kunstkritiker Pierre Restany begründet wurde. Hier, ganz am Schluss der Ausstellung, ist dann auch der Ausgangspunkt des Schaffens von Spoerri zu finden, das Chambre No 13, Hôtel Carcassonne, 24 Rue Mouffetard, Paris, die Rekonstruktion dieses legendären Zimmers, von dem aus Daniel Spoerri zu Beginn der Sechzigerjahre mit seinen ersten Fallenbildern in den Kreis der bildenden Künstler trat.
Ergänzt wird die Ausstellung durch reichhaltige Dokumentationen der Aktionen, der Diners und der Theater- und Tanz-Aktivitäten Spoerris und durch einen Überblick über die Edition MAT, die zwischen 1959 und 1964 den Begriff des Multiplen Kunstwerks einem grösseren Publikum erst bekannt machte und deren Erfinder Daniel Spoerri zusammen mit Karl Gerstner war.
Anekdotomania. Daniel Spoerri über Daniel Spoerri
Ein Lesebuch mit zahlreichen Texten von Daniel Spoerri, erschienen im Hatje Cantz Verlag, Ostfildern-Ruit, 304 Seiten, 167 Abbildungen, davon 74 farbig.
1962 erscheint erstmals Daniel Spoerris Topographie anecdotée du Hasard (Anekdoten zu einer Topographie des Zufalls), das zu einem Klassiker unter den Künstlerbüchern des 20. Jahrhunderts geworden ist. Die Erstausgabe enthielt einen auf einer gelben Banderole gedruckten Brief von Pierre Restany an Spoerri. Darin wies er den Verfasser darauf hin, dass das Wort “anecdotée” im Französischen so nicht vorkomme. Dafür aber “anectodotomanie”, von dem “anecdotomaniaque” abgeleitet werden könne, was soviel bedeute wie die Manie, Anekdoten zu sammeln und zu erzählen. Diese virtuose Begabung des Erfinders des Fallenbildes wird in dem zur Ausstellung in Basel erscheinenden Lesebuch Anekdotomania. Daniel Spoerri über Daniel Spoerri erneut bestätigt.
Der Künstler hat für Anekdotomania eine breitgefächerte Auswahl seiner Texte zusammengestellt, neu überarbeitet und kommentiert sowie durch viele neue Schriften ergänzt. Ausgehend von biografischen Exkursen, seinen frühesten literarischen Versuchen in Form von Prosatexten und Kurzgeschichten aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren sowie programmatischen Überlegungen zu einem experimentellem Theater, enthält das Buch viele bekannte als auch neue Essays zu seinen Werken wie den Tableaux-Pièges, Wortfallen, Zimtzauberkonserven oder dem Carnaval des Animaux. Darüber hinaus finden sich in Anekdotomania Überlegungen des Künstlers zur Eat Art und Rezepte bis hin zu Texten allerneusten Datums über seinen Skulpturenpark Il Giardino in der Toskana und seine letzten Werken: die Catena Genetica und die Rekonstruktionen seines Pariser Zimmers Chambre No 13, Hôtel Carcassonne, 24 Rue Mouffetard, in dem Daniel Spoerri seine ersten Fallenbilder klebte und die Topographie anecdotée niederschrieb.
Das Lesen der Essays, kurzen Kommentare, Anekdoten und Geschichten ist äusserst amüsant und bringt dem Leser gleichzeitig die unterschiedlichen Schaffensphasen des Künstlers näher. Aus der Distanz der Erinnerung beschreibt und analysiert der heute 71-jährige Spoerri mit humorvoller, selbstkritischer Offenheit und intellektuellem Tiefsinn sein rastloses Künstlerleben, seine Werkerfindungen und die Begegnungen und Erlebnisse mit seinen Künstlerfreunden wie Eva Aeppli, Jean Tinguely, Bernhard Luginbühl, Dieter Rot u.a.
In Anekdotomania schreibt Daniel Spoerri über sich selbst, über einen Daniel Spoerri, der als bildender Künstler wie auch als Schriftsteller unermüdlich Spuren des Lebens sammelt und fixiert und so unscheinbaren alltäglichen Gegenständen, Erlebnissen und Kleinigkeiten neue Bedeutung verleiht.
Museum Jean Tinguely in Basel
Links
Der Garten des Daniel Spoerri
Die Toskana ist eine Reise wert - nicht nur wegen des Weins, der lieblichen Pinienhaine und des Meeres, es gibt auch die raue, gebirgige Gegend zwischen Siena und Grosseto. Dort, unter dem 1700 Meter hohen Monte Amiata, hat sich der Schweizer Künstler Daniel Spoerri niedergelassen, der 1977 auf der documenta 6 vertreten war. Auf einem Gelände von 17 Hektar, zwischen Ginsterbüschen und Kastanienwäldern, hat er einen Skulpturengarten eingerichtet, der seinesgleichen sucht: Mit eigenen Bronzeskulpturen und Arbeiten seiner besten Künstlerfreunde wie etwa Jean Tinguely, Bernhard Luginbühl und Eva Aeppli hat er einen Irrgarten angelegt.
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