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Kunst - Glossar

Walter Arnold Steffen

13.6.1924 Saanen (BE) - 3.11.1982 Zürich

Walter Steffen (1924–1982) wächst in Pflegefamilien und Erziehungsheimen auf. Ab 1941 arbeitet er als Knecht und Ausläufer. 1944 wird er wegen Geld- und Alkoholproblemen unter Vormundschaft gestellt. Erste psychiatrische Internierung. Zu Beginn der 50er Jahre Autowäscher und -polierer in Basel, dann in Zürich. Beginnt zu malen und befreundet sich mit Friedrich Kuhn. Zwischen 1958 und 1961 mehrere Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken. 1962 und 1965 nimmt er in Zürich und Bern an zwei Galerieausstellungen teil, verkauft aber nichts. Im Künstlerhaus Boswil kann er sich 1969 sein eigenes Atelier einrichten; beteiligt sich an der Ausstellung Phantastische Figuration im Helmhaus Zürich. 1970 spricht ihm die Stadt Zürich ein Werkstipendium von sFr. 3000.– zu.

Scheidegger & Spiess



  • Walter Arnold Steffen (Aargauer Kunsthaus Aarau)
  • Walter Arnold Steffen (SIKART)
  • Walter Arnold Steffen (Visionäre Schweiz)
  • Walter Arnold Steffen (Biografie)
  • Art Brut
  • Art brut im Historischen Lexikon
  • Collection de l'Art Brut Lausanne



    Walter Arnold Steffen

    Als drittes von zwölf Kindern geboren. Unglückliche Jugend. Die Ehe der trunksüchtigen Eltern wird 1938 geschieden. Steffen lebt bei verschiedenen Pflegeeltern, 1939 wird erZögling im Erziehungsheim Schloss Erlach am Bielersee. Ab 1941 arbeitet er als Knecht und Ausläufer. 1944 wird er wegen seiner materiellen Notlage unter Vormundschaft gestellt. Erste alkoholische Exzesse. Internierung in der psychiatrischen Klinik Waldau BE. 1951 übernimmt er als selbständiger Autowäscher und Autopolierer private Aufträge in Basel. Er wird Spritzlackierer und als solcher von einem Zürcher Architekten als Maler entdeckt. 1952 beginnt er in Zürich zu malen, zuerst mit Nitrolack auf Karton und Holz.

    Er vertieft sich in das Werk des anthroposophischen Dichters Albert Steffen und schreibt selbst Gedichte. Die folgenden Jahre, in denen er häufig seine Wohnungen wechselt, bezeichnet er als seine glücklichsten. «Er erreicht eine gewisse Berühmtheit, die zu gleichen Teilen von seinem Randalieren, vandalischen Zerstörungsaktionen, Rauschzuständen und Schlägereien und von seiner Malerei bestimmt wird» (Heiny Widmer, in: Outside, siehe Lit., S.140). Seit 1958 zahlreiche Aufenthalte in den psychiatrischen Klinken Burghölzli, Rheinau und Münsingen, dazwischen lebt er in ZürcheK,Herbergen und Männerheimen. Kontakte mit den Schriftstellern Roman Inauen und Clemens Mettler, bei dem er 1974 drei Monate wohnt. 1968/69 und 1974 hat er ein Atelier im Künstlerhaus Boswil, hier lebt und arbeitet er wieder seit 1979.

    1962 Ausstellung zusammen mit Carlotta Stocker und Willi Kaufmann in der Neuen Galerie am Pfauen, Zürich, 1965 Einzelausstellung in der Galerie Schindler, Bern: Steffen kann nichts verkaufen. 1969 beteiligt er sich an der Ausstellung «Phantastische Figuration» im Helmhaus Zürich. 1970 erhält er einen Studienbeitrag der Stadt Zürich. 1976 werden seine Bilder zusammen mit Werken von Karl Ballmer, Hans Weigner und Hans Trudel in der Ausstellung «Outside» im Kunsthaus Aarau gezeigt.

    Walter Steffens Malerei siedelt in der Nähe der art brut, besser vielleicht: ist dieser teilweise zuzurechnen. Werke, die sich der seinen inneren Bildern wehrlos Ausgesetzte durch keine kontrollierende oder sublimierende Instanz gefiltert direkt von der gepeinigten Seele auf die Leinwand schleudert, stehen neben fein ausgewogenen Kompositionen. Grundsätzlich kommt aber der Inhalt vor der Form.

    Auch in der Selbsteinschätzung des Malers wird dieses Nebeneinander von Ordnung und Chaos, von kontrolliertem Gestaltungswillen und nicht zensurierendem Wühlen im Urschlamm der eigenen Psyche deutlich: einerseits sagte Steffen in einem Gespräch mit dem Museumsmann Heiny Widmer stolz und selbstbewusst: «Ja, ja vom kleinen Autospritzer zum berühmten Künstler. Ich stehe im Lexikon» (zitiert in: Outside, siehe Lit., S.138), anderseits hatt er ein Stipendiengesuch lapidar mit «Ich muss malen» begründet, sich damit also eher in der Rolle eines Mediums gesehen, das unter Zwang unbewusste Inhalte visualisieren muss.

    Steffen schafft Landschaften und Blumenbilder, in denen die Malweise weit zur Grenze zur Ungegenständlichkeit hingetrieben wird, aber auch völlig ungegenständliche Kompositionen. Solche Werke erinnern oberflächlich betrachtet an die Malerei der Meister der Ecole de Paris (Alfred Manessier, Roger Bissière u. a.). Sein Innerstes gibt er aber in seinen Darstellungen mit religiöser Thematik, die von seiner tiefen, jedoch verdrängten Religiosität, von seiner Todesangst und -sehnsucht und von seinen unsublimierten Triebwünschen zeugen. So sind seine «Madonnen» ebensosehr Maria, Mutter, Engel und Hure. Damit sind diese vor- oder unbewusste Schwestern der - allerdings bewusst geschaffenen -«Madonnen» von Hans Schärer und verwandt mit Frauenbildern von Louis Soutter.

    Quelle Werke des 20. Jahrhunderts - Von Cuno Amiet bis heute
    Aargauer Kunsthaus Aarau - Sammlungsktalog 2
    Beat Wismer - Paul-André Jaccard
    Aarau 1983


    Lit.: Kat. Ausst. W. St., Galerie Schindler, Bern 1965. - KLS XX. Jh., Bd. II, 1963-1967, S.930. - Kat. Ausst. Outside, Kunsthaus Aarau 1976 (Text von Roman Inauen). - Heiny Widmer: W. A. St., in: Outside. Streiflichter auf die moderne Schweizer Kunst (hrsg. von Fritz Billeter), Zürich 1980, S. 136-144. - LzSK, 1981, S. 349/350. - Mariella Mehr: W. St., 13. November 1982, in: Tages-Anzeiger-Magazin, Nr. 50, 18.12.1982, S.16-22.



    Walter Arnold Steffen

    Der 1924 in Saanen geborene Walter Arnold Steffen wächst in einer kinderreichen Arbeiterfamilie auf. Nach der Scheidung seiner Eltern im Jahre 1938 wird er während eines Jahres bei verschiedenen Pflegefamilien und 1939 im Erziehungsheim Schloss Erlach am Bielersee untergebracht. Danach lebt er während einiger Jahre als Knecht und Ausläufer. Wegen seiner Trunksucht wird Steffen 1944 interniert und bevormundet. Nach der Entlassung arbeitet er in Basel als Autolackierer. 1952, nun in Zürich wohnhaft, wendet er sich auf Anregung Karl Jakob Wegmanns der Malerei zu. Er malt anfänglich mit Nitrolack auf Karton und Holz. Heiny Widmet, der Steffens Werke 1976 zusammen mit Arbeiten von Hans Trudel, Karl Ballmer und Hans Weigner in der Ausstellung Outside im Aargauer Kunsthaus Aarau zeigt, berichtet: «Er erreicht eine gewisse Berühmtheit, die zu gleichen Teilen von seinem Randalieren, vandalischen Zerstörungsaktionen, Rauschzuständen und Schlägereien und von seiner Malerei bestimmt wird.

    Er wechselt öfters den Wohnort und lebt abwechslungsweise in psychiatrischen Anstalten, im Künstlerhaus Boswil, in der Herberge Zur Heimat, im Männerheim Bürgerstube, im Hotel Pfauen. Er macht die Bekanntschaft der Schriftsteller Clemens Mettler und Roman Inauen, vertieft sich zeitweise in das Werk des anthroposophischen Dichters Steffen, lernt durch Bilderverkäufe Leute aus allen Bereichen kennen: Architekten, Ärzte, Rechtsanwälte, Arbeiter, Schriftsteller, Kunstkritiker und Historiker. Alle verflucht und lobt er in periodischen Abständen. Die einen haben Bilder zu billig erhalten, und andere haben sie gestohlen und teuer verkauft.» Steffen befreundet sich mit Friedrich Kuhn (1926-1972), auch er ein figurativer und heimatloser Maler, ein Bohemien. Beide sehnen sich nach Geborgenheit, beide bleiben ihr Leben lang auf der Suche nach einer Frau.

    Inauen berichtet, wie Steffen sich auf einem gemeinsamen Stadtrundgang pausenlos um Kontakte zu Passanten bemüht, diese dabei in Verlegenheit bringt oder ob seiner kindlich unbekümmerten Direktheit Abwehr und Distanz zu spüren bekommt: «Dem Rekruten nahm er seine Mütze weg, (was beinahe zu einer Schlägerei geführt hätte); bei einem Japaner erkundigte er sich nach der Atombombenforschung, und ob es den Intellektuellen, die er sehr liebe, gut gehe; Frauen umarmte er spontan und schlug ihnen vor, mit ihm zu kommen.»

    Steffens Schaffen umfasst Landschaften, Seestücke, Stilleben, Bildnisse, ungegenständliche Kompositionen sowie eine Reihe von Christus-, Engel- und Madonnendarsteïlungen. Er malt lineare, oft schwarz konturierte, ovale, längliche Gesichter mit geraden Nasen und bald schüchtern gesenktem, bald angstvoll starrem oder selbstlos gütigem Blick. Neben den zahllosen Köpfen malt Steffen hauptsächlich in den sechziger Jahren einige grossformatige Mehrfigurenbilder, darunter verschiedene Christus mit Engeln und seine monumentalste Arbeit, die Tausend Engel.

    In seinen Christus mit Engeln erfüllt ein Schwarm geflügelter Gesichter den Bildraum. Der Gekreuzigte selbst ist in Verwandlung begriffen. Tausend Engel zeigt einen anderen Aufbau. Über den brennenden Kerzen an der Basis des Hochformats malt Steffen vor dem Hintergrund zahlloser dichtgedrängter stereotyper Gesichter eine strahlende Sonne und die Madonna, violett konturiert, mit weissen Tauben und Fisch. Im oberen Bildteil finden sich links und rechts je ein Stern, im Zentrum ein kaum sichtbares Kreuz und gewissermassen als Krönung das Gesicht Christi. Tausend Engel erinnert an eine der apokryphen Schriften zum Neuen Testament. Der Heimgang der seligen Mariaschildert die Zeit kurz vor dem Tod der Jungfrau Maria, ihre Sehnsucht Jesu wiederzusehen, ihr Sterben und ihre Himmelfahrt:

    «Und siehe, auf einmal erschien der Herr Jesus mit einem zahllosen Heere von Engeln; die leuchteten in grossem Glanze. Er sprach zu den Aposteln: Der Herr sei mit euch. Und sie antworteten: Herr, deine Barmherzigkeit breite sich über uns, die wir auf dich gehofft haben. Da sprach der Herr zu ihnen: Bevor ich auffuhr zu meinem Vater, habe ich euch verheissen, euch, die ihr mir gefolgt seid, dass ihr auf den zwölf Thronen sitzen und über die zwölf Stämme Israels richten werdet, sobald des Menschen Sohn den Sitz seiner Herrlichkeit eingenommen hat. Meines Vaters Gebot hat Maria auserwählt unter den Stämmen Israels, dass ich in ihr wohne ; was wollt ihr also, dass mit ihr geschehen soll? - Und Petrus und die anderen Apostel sprachen: Herr, deine makellose Magd hast du als deine Wohnung auserwählt, und uns, deine Diener, hast du auserwählt, um dein Wort zu verkünden. Vor Anbeginn der Zeiten hast du alles mit dem Vater und dem Heiligen Geiste geordnet; mit ihnen ist dir die gleiche, einzige Gottheit eigen und eine unbegrenzte Macht. Deinen Dienern dünkt es gerecht, dass du, so wie du selbst nach Besiegung des Todes im Himmel herrschest, auch den Leib Marias auferweckst und sie, die Freudenvolle, in den Himmel führst.»

    Zweifellos wäre es vermessen, eine direkte Abhängigkeit der Tausend Engel von dieser seit dem S.Jahrhundert überlieferten Erzählung von der Entrückung Marias zu behaupten, und doch sind die Entsprechungen unübersehbar: Die Madonna, undogmatisch kombiniert mit naturreligiösen und kirchlichen Attributen für Göttliches, und umgeben von zahllosen, ornamental zusammengeschlossenen Gesichten.

    Es gibt einige Bilder Steffens, die malerischer, entschlossener und auch motivisch unvergleichlich freier sind als seine Tausend Engel. Die in den späten sechziger Jahren entstandenen Köpfe mit Blumen zählen zu den wahrhaftigsten und vollsten Arbeiten, die Steffen geschaffen hat. Seine wild gefiederten und bekränzten Köpfe sind Sinnbilder der schöpferischen Kraft und menschlichen Phantasie, Bildnisse des Genius. Unter Steffens frommen Bildern nehmen die Tausend Engel dennoch eine besondere Stellung ein. Ich kenne ausser diesem kein zweites Bild, das Ausdruck stärkerer Sublimierung des Steffen eigenen zwiespältigen Verhältnisses zum Weiblichen wäre.

    Inauen verdanken wir den Hinweis auf Steffens spezifische Koppelung von Madonnen- und Christusdarstellungen und das daraus resultierende Frauenbild: «Das Bild trug keinen Titel, mir fiel dazu Jesus oder Frau ein. Hier, zwischen religiöser und triebhafter, unerwiderter Liebe, wurzelt die furchtbare Verzweiflung, die in diesem Bild in einem dritten Gesicht zum Ausdruck kommt: in einem schreienden, wahnsinnigen, das dem Doppelgesicht in der linken Backe sitzt; Ausdruck der Leidenschaft und des Irrsinns angesichts der beiden, Steffen verschlossenen und ewig erträumten Symbole der Gnade und der Weiblichkeit. Ein unbeherrschter, fantastischer Schrei der Liebe - der ungehört zwischen uns verhallt.»

    Widmer schreibt, Steffens Madonnen wandelten sich bei genauer Betrachtung zu babylonischen Huren. Unmissverständlich stellt Steffen in seiner Madonna mit Brüsten die Frau zugleich als Objekt sexueller Begierde und verklärter Sehnsucht dar. Nur die Konturierung der blondhaarigen Madonna der Tausend Engel lässt allenfalls noch auf Steffens doppeltes Frauenbild schliessen, soll er sich doch über die Farbe Violett wie folgt geäussert haben: «Violett: Alle Weiber sagen, es sei die schönste Farbe ausser Königsblau. Violett ist der Regenbogen. Die giftigsten Bergblumen, Herbstblumen, Krokusse sind violett. Tollkirsche: dunkelschwarzviolett, gibt blaues Blut. Königsblau: Frühling, das hellste Himmelblau.».

    Text: Roman Kurzmeyer
    Harald Szeemann - Visionäre Schweiz im Kunsthaus Zürich 1991 - Verlag Sauerländer




    Walter Arnold Steffen

    Der Maler und Zeichner Walter Arnold Steffen wurde am 13.6.1924 in Saanen (BE) als drittes von zwölf Kindern des Metallarbeiters Johann Adolf Steffen und der Josefina Steffen-Portmann geboren. Seine Jugend schildert er später wiederholt als unglücklich. 1938 bringt man ihn nach der Scheidung der Eltern bei verschiedenen Pflegefamilien unter. Er wird an Bauern verdingt und 1939 als Zögling ins Erziehungsheim Schloss Erlach am Bielersee gesteckt. Ab 1941 arbeitet Steffen als Knecht und Ausläufer.

    1944 wird er unter Vormundschaft gestellt. Geld- und Alkoholprobleme nehmen ihren Anfang. Es kommt zu einer ersten psychiatrischen Internierung in der Klinik Waldau. Zu Beginn der 50er Jahre trifft man ihn als Autowäscher und -polierer in Basel, dann in Zürich. Hier beginnt er zu malen. Wichtig sind ihm die Schriften des Anthroposophen und Dichters Albert Steffen, mit dem er nicht verwandt war, den er aber für sich reklamiert. Er befreundet sich mit Friedrich Kuhn, selbst ein figurativer Maler und ein Bohemien. Steffen ist unstet und wechselt häufig den Wohnsitz.

    Zwischen 1958 und 1961 folgen mehrere Aufenthalte in der psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli in Zürich, den psychiatrischen Kliniken Rheinau und Münsingen. Es sollten nicht die letzten bleiben. Zwischendurch wohnt Steffen in der «Herberge zur Heimat» im Zürcher Oberdorf oder arbeitet im Atelier im roten Studentenhaus. 1962 und 1965 nimmt er in Zürich und Bern an zwei Galerieausstellungen teil, verkauft aber nichts.

    Im Künstlerhaus Boswil kann er sich 1969 sein eigenes Atelier einrichten. Hier geht es ihm gut, und er beteiligt sich an der Ausstellung Phantastische Figuration im Helmhaus Zürich. 1970 spricht ihm die Stadt Zürich ein Werkstipendium von sFr. 3000.– zu. Walter Steffen stirbt am 3. November 1982 in Zürich.

    Juri Steiner, Biografisches Lexikon der Schweizer Kunst

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