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Kunst - Glossar Yves Tanguy 5.1.1900 Paris - 15.1.1955 Woodbury, Conn. US-amerikanischer Maler französischer Herkunft; lebte ab 1939 in den USA; Surrealist, Traumlandschaften mit fantastischen Szenen in detailnaturalistischer Technik. www.wissen.de Yves Tanguy Sein Vater, Marineoffizier, stammt aus Locronan (Bretagne). Der junge Yves geht in Paris zur Oberschule und fährt dann als Offiziersanwärter der Handelsmarine um Afrika und Südamerika. 1921 tritt er seinen Militärdienst in der Infanterie in Lunéville an. Jaques Prévert ist sein Zimmernachbar. Dadurch bleiben ihm Depressionen erspart. Er meldet sich noch nach Tunesien, wird aber 1922 entlassen. In Montparnasse begegnet er wieder seinem Freund Prévert. Er arbeitet vorübergehend in einer Presseagentur, bei einem Börsenmakler usw., sogar als Strassenbahnschaffner. In der Buchhandlung Adrienne Monnier entdeckt er mit Prévert die Werke Lautréamonts und Exemplare der Révolution surréaliste. Seine Orientierung beginnt sich jetzt abzuzeichnen. Man erzählt, dass Tanguy 1923 waghalsig von einem fahrenden Bus abgesprungen ist, da er im Schaufenster von Paul Guillaume ein Gemälde von De Chirico erspäht hat. Ohne es gelernt zu haben, fängt er an zu malen. Prévert hatte im Militärdienst auch Marcel Duhamel kennengelernt, dessen Vater ein Pariser Hotel leitet. Marcel mietet in der Rue du Château, Nr. 54, Montparnasse, ein Haus und hilft seinen Freunden damit aus der Misere. Dieses Haus beherbergt von nun an obdachlose Surrealisten. Die Gruppe begeistert sich für surrealistische Spiele und verbringt hier frohe, humorvolle Stunden. Nach dem Skandal, der beim Bankett Saint-Pol Roux in der Closerie des Lilas (1925) entsteht, suchen Tanguy und seine Freunde André Breton auf. Es wird eine entscheidende Begegnung. Tanguy versucht zuerst etwas zögernd, automatisch zu malen; bald darauf findet er aber schon seinen endgültigen Stil : es entstehen milchige Visionen aus dem Weltraum. Ein weit entfernt liegender Horizont begrenzt, je nach seiner Phase mehr oder weniger genau, eine Fläche, vielleicht die Ebene eines Kontinents. Hier vegetieren Zwitterwesen, lebendige Versteinerungen. Von der La Révolution surréaliste werden von Nr. 7 an (Juni 1926) regelmässig Tanguys Werke veröffentlicht. La Genèse (1926) ist wie ein köstlicher Leichnam komponiert (damit spielt man oft in der Rue du Château): mit durchsichtiger Politur, aber ohne Beleuchtungseffekte, entsteht ein schwärzlicher, schwammiger Menhir. Daraus streckt sich eine zweifellos göttliche Hand aus. Hinter dem Menhir bewegt sich eine Tänzerin auf einem Seil auf die Spitze eines Obelisks zu. Auf schlammigem Grund sehen wir eine grüne Schlange und einen seltsamen schwarzen Kegel. Auf dem Menhir keimt ein Bäumchen. Noch typischer für Tanguys Stil sind die Gemälde Demain on me fusille (Morgen werde ich erschossen, 1927), L'Envol des ducs (Herzöge fliegen aus), Tes Bougies bougent (Deine Kerzen bewegen sich): kleine Wesen fliegen über dem klar markierten Horizont - Le Plan des sources (Plan der Quellen, 1929): Bäche fliessen über eine schöne Hügellandschaft - Mort guettant sa famille (Tod belauert seine Familie). 1930 reist Tanguy in Afrika. Der starke Eindruck von der Wüste spiegelt sich in seinen Werken von nun an wieder. Seine früheren bildlichen Träume hatten schon diese Faszination vorbereitet. L'Armoire de Protée (Der Schrank des Proteus, 1931), Le Ruban des excès (Das Band des Übermasses, 1932) - Horizont und Himmel gehen ineinander über, vor einer Nebelwand tanzen und winden sich in grellem Licht verzerrte Wesen -: in dieser Phase verwischt Tanguy den Horizont mehr und mehr. In L'Ennui et la tranquilité (Langeweile und Stille) kräuselt sich der Boden wie ein öliges Meer und der Horizont ist ausgelöscht. Knöcherne Fossilien und Korallewesen liegen verstreut umher; sie sind durch kaum wahrnehmbare Fäden verbunden. Von der rechten Schulter des Betrachters aus wirft ein Licht lange Schlagschatten, die sich hart auf dem Boden abzeichnen. Diese Art, von vorne zu beleuchten, ist bei Tanguy sehr üblich, ebenso der verschleierte Grund. Dies erzeugt starke bildliche Ausstrahlungskraft, z. B. in Divisibilité indéfinie (Unendliche Teilbarkeit, 1942). Tanguys Faktur ist peinlich genau. Er arbeitet in einem leeren, weissen Atelier, wo er mit seiner Leinwand allein ist. Seine nervöse Spannung und die beklommenen Tagträume schliessen ihn in eine Welt ein, die er auf den Nullpunkt des Lebens zurückgeführt hat. Keine menschliche Gestalt wird sich jemals in diese Fossilienwüsten wagen, wo schädliche Wässer noch das zerfressen, was frühere Katastrophen übrig gelassen haben. 1939 begegnet Tanguy der Amerikanerin Kay Sage und befreundet sich mit ihr. Sie malt abstrakt. Im Zweiten Weltkrieg wird Tanguy für dienstuntauglich erklärt, so folgt er Kay Sage nach New York und heiratet sie. 1941 flüchten sich weitere Surrealisten nach Amerika. Nach einer Reise durch den Westen der Vereinigten Staaten richten sich Tanguy und Kay Sage in einem Bauernhaus in Woodbury, Connecticut, ein. Die Scheune wird in ein Atelier verwandelt: fruchtbare Einsamkeit. 1948 wird Tanguy amerikanischer Staatsbürger. Er hält weiter Kontakt zu den Surrealisten. 1951 sucht er Max Ernst auf, der in Sedona, Arizona, lebt. Zwei Jahre später stellt er in Mailand, Rom, Paris aus und nimmt dies zum Anlass, lange durch Europa zu reisen. Im Alter von fünfundfünfzig Jahren setzt sein plötzlicher, zweifellos durch Alkoholmissbrauch beschleunigter Tod der Entfaltung seines Werkes ein Ende. 1942 hatte ihm View eine Sondernummer gewidmet. Es entstehen Vers le Nord lentement (Langsam gegen Norden), Divisibilité indéfinie (Unendliche Teilbarkeit): hier werden die Gegenstände grösser; 1944 Les Derniers Jours (Die letzten Tage) und Mer close, monde ouvert (Verschlossenes Meer, geöffnete Welt), 1945 Le Pourvoyeur (Lieferant). 1946 folgt dann Nombres réels (Wirkliche Ziffern) mit einem seltsamen tachistischen, nächtlichen Chaos. Das letzte Gemälde von Tanguy heisst Nombres imaginaires (Unwirkliche Ziffern, 1955). 1954 hatte er Multiplication des arcs (Bogen vervielfältigen sich) geschaffen. Dieses Werk kommt uns wie sein Testament vor. Sein Biograph M. Soby schreibt darüber: «Offensichtlich fasst Multiplikation alles zusammen, womit er sich je beschäftigt hat, und was er sein Leben lang ersehnte.» Vor verschleiertem Himmel, der das obere Drittel der Leinwand füllt, wimmelt es von unbeweglichen Geschöpfen. Formen von Scheiben, knochenartigen Gebilden, Feuersteinen verbreiten sich in grösster Vielfalt überall. Ovale Feldsteine, aus deren Mitte klebrige Masse quillt, ein Pilzhut; balkenförmige Kalksteine, die hier und da wie Betonpfeiler niedergestürzt sind; Bruchstücke von Schiefersteinen, deren Schichtung durch Streiflicht betont wird; viereckige Scheiben, stumpfe Kanten, weiche Pyramiden, in der linken Ecke ein Prisma, überall korallenartige Wesen: dies sind in der weisslichen Alptraumvision die wichtigsten Formen. Tanguy lehnt in der gegenständlichen Malerei die illusionistischen Verfahren keineswegs ab: tiefer Raum, Fluchtpunkt am Horizont, diffuses Licht oder ausgerichtete Beleuchtung mit Schlagschatten und Reflexen. Trotzdem wirkt seine Malerei abstrakter, als wenn einfach menschliche oder andere Lebewesen als schematische Figuren abgebildet wären. Den Wesen, denen Tanguy Gestalt verleiht, kann man weder einen Namen geben noch sie beschreiben. In seiner Traumwelt gibt es nur eine einzige Vision, die er immer und immer wieder darstellt und neu gestaltet. Seine Thematik entstammt einer einzigen Zwangsvorstellung. Trotz der Begrenztheit seiner Themen erschliesst er uns einen Bereich, der sowohl als Kosmos, wie auch moralisch und gefühlsmässig gesehen, keine Grenzen kennt: Raum, Keimen, zahlreiche knochenartige Gebilde, Altern, Versteinern, lebendiges Dahinsiechen, Ersticken in nicht atembarer Luft, feuchte Atmosphäre, Erinnerungen an Nachsintflutliches (man erzählt, dass Ys, eine Stadt nicht weit von Locronan, in den Fluten versunken ist), Vogelschau über Schlacken, Wasser und Luft, Sterbetag des Schrecklichsüssen. Kay Sage lässt sich von ähnlichen, vielleicht durchsichtigeren Raumvorstellungen in Bann ziehen. Nur wenigen Tanguyschülern gelingt wie ihr, sich mit soviel Beharrlichkeit in das «innere Modell» zu vertiefen. Tanguys Richtung zu folgen, würde bedeuten, ins Schablonenhafte abzugleiten, denn seine bildliche Poesie ist zu einzigartig, als dass man sie nachahmen könnte. Noch haben keine grossen Retrospektiven Tanguys Ruhm verbreitet; doch steht, besonders in Amerika, und mit der Zeit immer mehr, seine allgemeine Anerkennung unerschütterlich fest. Wenn man Tanguy auch nicht ungestraft nachahmen kann, so kann man doch aus seiner einsamen Ausdauer lernen. Besonders die jungen Maler, die vom Lärm in der aktuellen Malerei herausgefordert werden, sollten dieser Beharrlichkeit folgen. René Passeron Lexikon des Surrealismus Somogy Paris James Thrall Soby: Yves Tanguy, New York, The Museum of Modern Art, 1955. |