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Kunst Glossar
Jean Tinguely
22.5.1925 Freiburg (Schweiz) - 30.8.1991 Bern
Schweizerischer Bildhauer und Objektkünstler, Gründungsmitglied der Nouveaux Réalistes. Um 1935 beschäftigte er sich mit Bewegung und Maschine, daraus entwickelte er den Prototyp Méta-mécaniques, einen raumgreifenden Zahnradmechanismus, aus beweglichen Drahtkonstruktionen, der sich mit einer Handkurbel in Bewegung setzen lässt; schuf monumentale kinetische Plastiken wie z. B. die sich selbst zerstörende Plastik «Hommage to New York». Er arbeitete auch mit seiner Frau Niki de Saint-Phalle zusammen, wie z. B. beim Strawinsky-Brunnen in Paris (1983).
www.wissen.de
Jean Tinguely (Aargauer Kunsthaus Aarau)
Jean Tinguely (Visionäre Schweiz)
Museum Tinguely Basel
Jean Tinguely (Wikipedia)
Jean Tinguely (SIKART)
Biografie Jean Tinguely
Niki de Saint Phalle
Verzeichnis Künstlerbiografien
Abbildung
Jean Tinguely
Mit Basel, wohin er schon 1927 kommt, ist Tinguely durch die Schulzeit, seine Dekorateurlehre und den - freilich unregelmässigen Besuch - der Allgemeinen Gewerbeschule (1941-1945) verbunden, wo ihn nur die Materialkurse von Julia Ris wirklich aufmerken lassen. Er bewundert die Surrealisten und konstruiert einige Werke aus Metall, Holz, Papier und Draht; er verbindet sie mit Elektromotoren, deren Geschwindigkeit regulierbar ist; keines davon bleibt erhalten. Aber erst Paris, wohin er 1952 zieht, befreit seine schöpferischen Kräfte. 1954 stellt er seine «Reliefs méta-mécaniques» aus, die ihm rasch zu internationalem Ansehen und zu einer ununterbrochenen Reihe von Ausstellungen verhelfen. 1955 schafft er die Werkreihen «Méta-Kandinsky» und «Méta-Malévitch» und beginnt die Reihe der «Méta-robot-sonores-machines-à-peindre»: «permettant l'utilisation fonctionnelle du hasard», um Tausende von Zeichnungen herzustellen. Er befreundet sich mit Yves Klein («Le perforateur monochrome») und realisiert mit diesem zusammen das «Concert pour 7 tableaux» (1958), dessen Lautstärke das Gehör betäubt.
Im Jahre 1959, als er an der Première Biennale de Paris eine «Métamatic-odorante-et-sonore» ausstellt, begegnet er Jasper Johns und Samuel Rauschenberg, was ihn zu einem Aufenthalt in den Vereinigten Staaten bewegt. Am 17. März 1960 zeigt er im Hof des Museum of Modern Art sein «Hommage à New York», die erste 8 m hohe Selbstzerstörungsmaschine, deren letzte, «La Fin du Monde», 1962 in der Wüste von Nevada explodiert. 1961 wurde Tinguely Mitglied der Gruppe «Nouveaux Réalistes», die ihre Gründung Pierre Restany verdankt und wo er mit Niki de Saint-Phalle zusammentrifft. Mit dieser Künstlerin zusammen verwirklicht er verschiedene Werke, von denen «Hon» (auch «Sie - eine Kathedrale», eine rundplastische liegende Riesin aus Pappe, 1966) und später «Paradis terrestre» berühmt geworden sind. «Tinguely aborde son propre classicisme», schreibt Pierre Restany über die nach den «machines auto-destructrices» und nach der Trödlerwarenperiode (période «Junk») entstandenen Werke; in der Tat zeichnen sich diese aus durch eine sehr bewusste Gestaltung und durch die Präzision der Bewegungsabläufe aus, so erstmals in «Euréka» (1964, Exposition nationale in Lausanne, 8 Motoren, jetzt am Zürichhorn) und dann in den grossen «Copulatrices» und «Masturbatrices» (1965-1966). Seit 1966/67 arbeitet Tinguely mit Bernhard Luginbühl am «Gigantoleum», einer gewaltigen «Kulturstation», die den Ausgangspunkt eines «Monstre dans la Forêt» bildet.
Im Jahre 1967 beginnt Tinguely die Werkreihe der «Rotozaza». «Rotozaza I» wirft einen Ball, «Rotozaza II» (1968) verzettelt Abfall, «Rotozaza III» (1969) zerbricht Teller. 1970 verbrennt sich die grosse phallische Plastik «La Vittoria» vor dem Mailänder Dom, um den 10. Gründungstag des Nouveau Réalisme zu feiern. Wiederum in Zusammenarbeit mit Bernhard Luginbühl entstehen 1972 Werke mit dem Titel «Canons». Das Werk «Chaos», 1975 in Columbus (Indiana) montiert, erheischt zwei Jahre zeichnerische und rechnerische Planung. 1977 schafft Tinguely das riesenhäfte «Crocodrome» in der Haupthalle des Centre Pompidou in Paris; in dasselbe Jahr fällt die Entstehung des Fasnachtsbrunnens, eines Wasserspiels vor dem Stadttheater Basel. Der 1981 geschaffene «Cenodoxus» ist eine grosse, von Motoren bewegte und mit der Beleuchtung arbeitende Maschine, für die sich der Künstler am Isenheimer Altar von Grünewald inspirierte. Eine grosse Einzelausstellung veranstaltet 1982 das Kunsthaus Zürich. Tinguely arbeitet zur Zeit (1982) an einem «Totentanz».
Quelle Werke des 20. Jahrhunderts - Von Cuno Amiet bis heute
Aargauer Kunsthaus Aarau - Sammlungsktalog 2
Beat Wismer - Paul-André Jaccard
Aarau 1983
Lit.: Joray, Bd. II, 1959; Bd.III, 1967. - KLS, XX .Jh., Bd.II, 1963-1967, S. 976-979. -LzSK, 1981, 5.366. -Christina Bischofberger; T., Werkkatalog Skulpturen und Reliefs 1954-1968, Küsnacht ZH 1982 (englisch-deutsche Ausgabe; Einleitung von Franz Meyer, Ausstellungsverzeichnis bis 1981, Bibliographie 1954-1968). - Kat. Ausst. T., Kunsthaus Zürich 1982, London und Genf (Einleitung von Richard Calvocoressi, Biographie, ausgewählte Ausstellungskataloge). - Kat. Ausst. Kunst -Natur, Sommerausst. der Galerie in Lenzburg, Lenzburg 1982 (Texte von Heiny Widmer und Annelise Halder-Zwez).
Jean Tinguely
Jean Tinguely, am 22. Mai 1925 in Fribourg geboren, ist heute Ehrenbürger seiner Vaterstadt. Wichtiger als alles Biographische sind bei diesem ehemaligen Dekorateurlehrling beim «Globus» in Basel seine Innovationen, seine von Anarchismus, von Duchamp, vom Surrealismus gespiesene Phantasie. 1953, nach seiner Übersiedlung nach Paris, folgen sich in der schöpferischen Ateliersituation am Impasse Ronsin (es arbeiten dort auch Brancusi und Max Ernst) Erfindung auf Erfindung, nachdem er bereits in Basel nach einer Phase der Versuche (abstrakte Bilder, Drahtkonstruktionen, essbare Plastiken, tönende Wasserräder, Grashalmplastiken, Metall-, Holz- und Papierkonstruktionen) einen Elektromotor benutzt, um über hohe Drehzahlen rotierende Objekte zu entmaterialisieren oder virtuelle Volumen zu erzeugen.
Die Chronologie dieser Erfindungen hört sich wie eine geballte Erfindermesse an: 1953 Entwicklung des Metamechanismus, der die funktionelle Verwendung des Zufalls erlaubt, und «automobiler» Skulpturen, 1955 Integration von Geräuschen in den Bildvorgang (Relief métamécanique sonore) und Konstruktion der ersten 1960 patentierten Zeichnungsmaschine, Serie der Méta-Malevitch und Méta-Kandinsky, 1958 zeigt er bei Iris Clert Mes Etoiles (ein Konzert für sieben Bilder) und mit Yves Klein Vitesse pure et Stabilité monochrome, 1959 werden in den Méta-matic-automobile odorante et sonore Bewegung, Gerüche, Ton und Kunst, die Kunst produziert, in einem Werk vereint, 1960 die Maschine, die Skulpturen macht und in New York die Machine-happening-autodestructrice (Hommage à New York), 1961 montre-sculpture-autodestructive dynamique et aggressive und Le Ballet des Pauvres, 1962 die Wasserspiele, 1964 die Riesenmaschine Eureka und die Serie der schwarzbemalten Maschinen aus Fundstücken sowie der Begattungs- und Masturbie-Maschinen, 1966 mit Niki de Saint-Phalle Hon, die begehbare Riesenfrau in Stockholm, 1967 die Rotozaza-Maschinen, 1970 Le Cyclope, Errichtung des monumentalen Kopfes im Walde von Milly-La-Forêt und der sich selbstzerstörende Phallus vor dem Mailänder Dom, 1972 die Kanonen mit Bernhard Luginbühl, 1974 die Débricollages, 1977 der Theaterbrunnen in Basel, 1979 ein Lärmrelief auf Traktor (Klamauk), 1982 Beginn der Arbeit am Totentanz, 1984 Meta-Harmonie, 1990 Serie der Philosophen. Dieser Erfindungsfluss einer stets neuen Rebellion im Glauben an die schöpferische Union von Kunst und Technik ist durchzogen von der Überzeugung, dass Werte umgedeutet werden müssen. Sein Manifest von 1959, ein in 150000 Exemplaren über Düsseldorf abgeworfenes Flugblatt, ist ein Aufruf zur Freiheit im jetzt.
In der Ausstellung Junggesellenmaschinen haben wir seinerzeit, 1975, die Maschinen, die Kunst produzieren, in den metaphysischen, ja pataphysischen Kontext des Regelkreises gestellt: «Tinguelys Cyclograveur und Méta-Matic haben mit den Gadgets, die man auf Jahrmärkten verkauft, um abstrakte Bilder zu malen, die Idee der <Maschine, die Kunst macht> zwar popularisiert, sie ist aber nicht neu : Jonathan Swift stellt in Laputa eine Maschine vor, die nach den Gesetzen des Zufalls Sätze produziert, die eine Vorläuferin der zeitgenössischen Methode ist, mittels des Computers Gedichte und Zeichnungen herzustellen. Alfred Jarry, im Faustroll, beschreibt eine Maschine, die <als einziges noch existierendes Monument ... in der Maschinenhalle in Paris ... die Abfolge der Grundfarben auf deren Mauern, die sie wie Leinwände benutzt, ejakuliert ...>. Raymond Roussel unterstellt in den Afrikanischen Impressionen die Malmaschine dem Kommando der schönen Louise Montalescot; die Funktion der Maschine ist die naturgetreue Wiedergabe der <prächtigen Bäume von Behuliphruen>. Alle diese Fiktionen haben einen ihnen gemeinsamen Beweggrund: Nach Ausschaltung der Zeugungsfunktion scheint die Maschine in ihrem totalen Junggesellendasein nur noch die Funktion der reinen Kreation zu haben, in einer verlassenen Welt, in der ständig sich wiederholenden Bewegung. Kunst wird so zum Ersatz für verweigertes Leben. Die Maschine, sich selbst überlassen, im Autismus ihres geschlossenen Kreislaufes auf sich selbst verwiesen, produziert Formen, deren Unverwendbarkeit und Zufallshaftigkeit ihnen den Rang eines ästhetischen Produktes zuweisen. Gewissen Religionen (der Jainismus in Indien) verwenden diese Umwandlung sexueller Energien. Auch im Zölibat lebende Kommunen wie die Shakers in Nordamerika. In ihrem Falle wird die <Sublimierung> nicht mehr im Namen der künstlerischen Produktion, sondern namens einer transzendenten Instanz, der Schöpfung schlechthin, vorgenommen.»
Es sind diese beiden spekulativen und schöpferischen Momente in Tinguelys Werk, an die wir in dieser Ausstellung erinnern wollen: die Maschine, die den Zufall in die Bildwerdung integriert, und die, die Kunst produziert. Nicht vergessen seien aber die phantastischen Spektakel. Theo Kneubühler hat 1970 La Victoire auf dem Domplatz von Mailand miterlebt: «Am Abend dann sollte auf dem Domplatz die Autodestruktion einer Tinguely-Maschine erfolgen. Vorerst war zwischen dem Dom und der imposanten Neonlicht-Front ein gewaltiges tuchverpacktes Etwas zu sehen. Das violette (liturgische Farbe der Hoffnung) Tuch mit den Initialen NR in römischen Antiqua-Lettern emanierte sakrale, weihevolle Stimmung. Als würdiges Monument der glorreichen Vergangenheit des Nouveau Réalisrne ragte es auf dem Domplatz still vor sich hin, war in die gotische Architektur des Domes aufs treffendste integriert. Kunst und Bau trafen sich wirklich einmal so, dass vehemente Verfechter der Integration verzückt gewesen sein müssen. Um neun Uhr abends wurde nach einigem Widerstand das violette Tuch mitsamt dem Gerüst darunter entfernt. Ein gewaltiger vergoldeter Phallus mit gotischer Ogivalform wurde sichtbar. Restany hielt seinen Kopf noch etwas schiefer als sonst. Den Domplatz erfüllend begann plötzlich Mario Lanza, oder etwas ähnliches, ab Schallplatten seine Schmalz-Cantos zu singen. Die Autodestruktion konnte beginnen: Aus der Spitze des monumentalen Penis zischten Raketen, vorerst eher zaghaft, dann wurden die Pollutionen immer stärker, immer mehr Raketen, Feuer und Rauch kamen aus der Öffnung. Dann huben die den Lingam flankierenden Rundungen zu zischen und zu explodieren, schliesslich zu brennen an. Der Höhepunkt nahte orgiastisch. Die Südländer lärmten und johlten. Die vorbeifahrenden Automobilisten hielten an und hupten ununterbrochen. Ein infernalisches Volksfest mit Lärm, Gestank, Feuer und Explosionen war im Gange. Plötzlich mit gewaltigem Zischen und unter dem Geknatter von Explosionen fing das ganze Ding Feuer. Als lodernde Fackel illuminierte es den grossen Platz, die umliegenden Häuser, den Dom, ja, konkurrierte selbst mit der rückseitigen Neon-Reklame-Front. Im Innern des ragenden Mittelteiles enthüllte sich eine Tinguelysche Leerlaufmaschine, die von einem als Raumfahrer eingekleideten Manne durch Handkurbel in Bewegung gesetzt wurde. Langsam fiel das Ding in sich zusammen. Ein kraftloses, armseliges rauchendes Gerüst blieb schliesslich zurück. Und dies alles auf dem Mailänder Domplatz vor der gotischen Kathedrale, im Italien des Papstes.»
Harald Szeemann - Visionäre Schweiz im Kunsthaus Zürich 1991 - Verlag Sauerländer

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