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Kunst - Glossar

Josef Wittlich

26.2.1903 Gladbach bei Neuwied - 21.9.1982 Höhr-Grenzhausen

Über Josef Wittlich weiss man wenig, weil er Zeit seines Lebens zurückgezogen und äusserst bescheiden lebt. Ca. 1920 soll er einen Antrag auf Aufnahme in die Fremdenlegion gestellt haben, der abgelehnt wurde. So habe er für etwa ein Jahr einem französischen Offizier als Bursche in der Nähe von Paris gedient. Nach seiner Rückkehr ins deutsche Gladbach verdient er sich ab 1922 seinen bescheidenen Lebensunterhalt als Hilfsarbeiter in der rheinischen Bimsstein-Industrie.

Wassererk Galerie Langer (ausführliche Biografie)



  • Josef Wittlich
  • Josef Wittlich (Wikipedia)
  • Die Freiheit des Absonderlichen - Zwischen Naive und Pop-Art
  • Art Brut
  • Art brut im Historischen Lexikon
  • Collection de l'Art Brut Lausanne



    Josef Wittlich

    Josef Wittlich wurde am 26.2.1903 als Sohn eines Knopfmachers in Gladbach bei Neuwied geboren. Aufgrund seiner zurückgezogenen Lebensweise ist wenig über sein Leben bekannt. Ca. 1920 soll er nach Ablehnung seines Antrages um Aufnahme in die Fremdenlegion für etwa ein Jahr einem französischen Offizier als Bursche in der Nähe von Paris gedient haben. Nach seiner Rückkehr nach Gladbach verdiente er sich ab 1922 seinen bescheidenen Lebensunterhalt als Hilfsarbeiter in der rheinischen Bimsstein-Industrie.

    Schon als Kind hatte Josef Wittlich zu malen begonnen. Während der dreissiger Jahre intensivierte sich der Drang, sich in Farben auszudrücken. Abends und nachts und an den Wochenenden entstanden Arbeiten, für die er als Vorlagen Zigarettenbilder und Kriegsbeschreibungen des ersten Weltkrieges benutzte. So entstanden unter anderem bis zu fünf Meter grosse Schlachtenbilder. In den Kriegsjahren gingen diese Arbeiten fast alle verloren. Eine schwere Handverletzung hinderte ihn einige Jahre an der Malerei, die er aber 1957 wieder aufnahm. 1967 stiess der Maler und Keramiker Fred Stelzig bei einer Besichtigung des Keramikwerkes, in dem Josef Wittlich als Hilfsarbeiter tätig war, auf seine Arbeiten.

    Tief beeindruckt von diesen ungewöhnlichen Bildern stellte Fred Stelzig spontan den Kontakt zwischen dem damaligen Leiter des «Württembergischer Kunstverein, Stuttgart», Dr. Dieter Honisch her, der sich sofort entschloss, noch im gleichen Jahr eine Einzelausstellung zu realisieren. Alle ausgestellten ca. 40 Arbeiten waren innerhalb von vier Wochen verkauft, das Phänomen «Josef Wittlich» war entdeckt.

    Josef Wittlich verstarb am 21.9.1982 auf der Strasse in Höhr-Grenzhausen an einem Herzinfarkt.

    www.kunstmarkt.de



    Die Freiheit des Absonderlichen - Zwischen Naive und Pop-Art

    Soldaten - Wächter des Geheimnisses

    Während seiner kurzen Volksschulzeit soll der in seiner wissensmässigen Entwicklung zurückgebliebene Josef einmal öffentliche Belobigung erfahren haben für seine überraschenden Kenntnisse internationaler Flaggen und Uniformen. Fragte man ihn im Alter nach einer besonders exotischen militärischen Tracht oder Fahne auf einem seiner Kriegs- und Soldatenbilder, kamen, wie aus dem Repetiergewehr geschossen, ganze Salven von Erklärungen: Spahis, Marokkaner, Seldschuken, Kasachstaner, Belutschen, Pakistani... Dieses übereifrige Herunterrattern eines strebsamen Schülers unterbrach Josef Wittlich nur, um von einem Augenblick auf den nächsten in die Rolle eines strengen Lehrers zu schlüpfen, der das lückenhafte Wissen seines Gegenübers examinierte. Dann erlebte er den glückhaften Augenblick der besserwissenden Autorität.

    Im Doppelbild eines türkischen und eines pakistanischen Soldaten spiegeln sich die feldmarschmässig ausgerüsteten Männer mit ihrer Rückansicht in den jeweiligen Nationalfahnen. Der Militärexperte Wittlich kennt sie alle, seine Soldaten, von vorne bis hinten, vom einfachen Kämpfer bis in die höchsten Offiziersränge. Und er lässt sie nach Belieben aufziehen, para-dieren und salutieren: Mit gezogenem Säbel oder präsentiertem Gewehr, mit Hellebarde oder Paradeaxt stehen sie in seinen Farb-Portalen und hüten die Fahnen verhangene, geheimnisvolle Welt des Künstlers.

    Die Galerie der prächtigen Feldherren

    Wenn es einmal gelang, den autistisch schweigsamen Wittlich zum Reden zu bringen, dann brach wie aus einem angestauten Reservoir ein Strom von Mitteilungen sich Bahn. Ein Satz überholte den anderen, fast keiner kam ans Ziel. Die Gedankenfäden verhäkelten sich, bildeten wunderliche Klöppeleien, dröselten sich wieder auf, wurden nebeneinander weitergesponnen, um sich schliesslich zum «ornamentalen» Psychogramm einer sonderlichen Persönlichkeit zu verflechten.

    Auf ähnliche Weise entstanden die Lineamente seiner Bilder: «Ich beginne mit der Zeichnung: eine Minute, fülle mit Farben aus: eine Minute, Korrektur: zwei Minuten - fertig!» Abgesehen von den Zeitangaben schilderte Josef Wittlich seine Arbeitsweise recht zutreffend.

    Die Zeichnung ist Handlungsfaden und Bildgerüst zugleich. Der suchende Strich zieht seine Spur über das leere Papier, parzelliert es und weist den eingeschlossenen Arealen ihre Bedeutung zu. Eilig werden in den Leerformen der Zeichnung Farbnamen wie Flurbezeichnungen eingetragen. Beflügelt vom Horror vacui besiedelt so die Phantasie des Künstlers den Leerraum des Zeichenblatts. Dann trägt er die Farben auf, plakativ und ohne sie in ihren Binnenformen zu differenzieren. Wenn der gemischte Vorrat eines Farbtons nicht ausreicht, versucht er nicht, das Valeur genau zu treffen - denn dazu ist er ausserstande. Wie in die Bleiruten von Glasfenstern setzt er seine Farben in ein Gerüst schwarzer Linien ein. Stets am Rand festgemacht, laufen diese immer wieder in krausen Bahnen in sich zurück. Sie bilden das Schnittmuster für die Sehnsüchte Josef Wittlichs, aus denen er schliesslich die Prunkuniformen seiner Generäle und Feldherren schneidert. Und aus deren hochgemuten Augen schaut uns immer auch der Künstler selber an.

    Kaiserliche und Königliche Hoheiten, Seine Heiligkeit selbst

    Lebhaft erzählte Josef Wittlich einmal, er sei Gast des bulgarischen Königs gewesen und auch den Prinzessinnen Natascha und Maruschka vorgestellt worden. Dann fragte er etwas herablassend, ob jemand wisse, wie diese Frauennamen auf Deutsch lauten. Ganz ohne Zweifel lebte Wittlich im sicheren Glauben an eine unerschütterliche Hierarchie in der Welt, auch wenn er selbst auf der untersten Stufe der vermeintlichen Rangleiter stand.

    Die mit dem Klatsch der gehobenen Gesellschaftskreise beschäftigte Regenbogenpresse lieferte ihm in Wort und Bild sein bevorzugtes Anschauungsmaterial. Die Zurschaustellung einer ebenso bunten wie marionettenhaften Aristokratie regte seine versponnene und realitätsferne Phantasie an. Der verjagte Schah von Persien und die britische Königin samt ihren Hofschranzen, Prinzen und Prinzessinnen des europäischen Hochadels aber auch Seine Heiligkeit der Papst im glänzenden Nimbus und bewacht von einem Schweizergardisten: Das sind die Themen, für deren Inszenierung Josef Wittlich stets besonders viel Gold brauchte. Indem er all die Majestäten und erlauchten Persönlichkeiten in seine Bilder bannte, wurde er zu einem Zaubermeister höchster Zeremonien. Doch in seinem Fall könnte man es auch so formulieren: Die Einfalt des Adels gibt der Einfalt Adel.

    Mädchen, Mannequins und Megären

    Das Verhältnis Josefs Wittlichs zum weiblichen Geschlecht war leider von Kindheit an gestört. Seine Mutter starb als er vier Jahre alt war. Als sein Vater wenig später ein zweites Mal heiratete, brachte seine neue Partnerin selbst ein behindertes Kind in die Ehe mit und kompensierte ihre Minderwertigkeitsgefühle an dem ebenfalls von Natur aus benachteiligten Josef auf sprichwörtlich stiefmütterliche Weise. So konnte der gehemmt heranwachsende Junge die Schwelle der Pubertät nur in seiner Kunst überschreiten. Ein tatsächlicher, dauerhafter Kontakt oder gar eine Liebesbeziehung zum anderen Geschlecht liess sich nie realisieren. Die Frau, deren Nähe er unablässig suchte, verwandelte sich in ein Idol, das in seiner unerreichbaren Ferne seine Liebe aber auch seinen Hass herausforderte. Das Pin-up-Girl, die Seemannsbraut, die Pennälervorlage, all diese Surrogate einer ersehnten Partnerin waren das Äusserste, dessen Josef Wittlich habhaft werden konnte. Ansonsten musste er sich mit Kaufhauskatalogen zufrieden geben. Er malte «seine Frauen» in modisch bunten Kleidern, den ãFähnchen», der Diminutivform der für Männer geltenden «Fahnen», und in Korsetts, die wie Kürasse, wie Brustpanzer, wirken. Für ihre lächelnd aufschnappenden Münder, die makellose Zahnreihen freilegen, kennt die Psychoanalyse den Begriff der «Vulva dentata».

    Kein Säbel oder Gewehr schwingender Soldat erscheint in Wittlichs Bildern so Furcht erregend wie seine lächelnden Megären, kein Mann wird andererseits von ihm so bewundert wie ein Mannequin. Doch «Angst» und «Staunen», das wusste man schon in der Antike, sind wichtige Quellen der Kunst.

    Ex Voto

    Die Bilder Josef Wittlichs sind spontane Äusserungen einer verwirrten, ängstlichen Psyche. Von dem Innendruck ihrer hermetischen Isolierung werden sie, ohne die kritische Instanz des Intellekts zu passieren, herausgeschleudert. Sie sind unbedacht und deshalb blossgelegt, lassen sich auf Grund ihres bekenntnishaften Charakters auch Beichten nennen. Deshalb erstaunt es kaum, dass Wittlich in seiner ganz selbstverständlichen Frömmigkeit immer wieder religiöse Themen malte.

    Die einzige sanfte Frauendarstellung unter seinen vielen bedrohlichen Weibsbildern ist Maria, die Gottesmutter. Wenn die Modepüppchen der Kaufhausmagazine Herzformen als provokanten Schmuck am Busen tragen, so lässt der «Stern im Meer der Tränen» sein brennendes Herz tröstlich leuchten. Ihren Mantel hält sie für alle, die Schutz und Zuflucht suchen, offen. Josef Wittlich verwandelte ihr überliefertes und oft genug verkitschtes Bild der reinen Demut seines Gemütes an. Die Entbehrung mütterlicher Fürsorge, die nie gestillte Sehnsucht nach Geborgenheit in den Armen einer Frau, erschuf sich die Ikone der liebenden Mutter und fand in ihr die erhoffte Ansprache. Daneben malte Josef Wittlich immer wieder auch den Leidensweg Jesu, des Menschensohns, dessen Martyrien ihn an sein eigenes armseligen Lebens erinnerten. Mit seinen dauernden Ängsten und Nöten vermochte er sich im Bild des göttlichen Schmerzensmannes wieder zu finden.

    Idyllen und Katastrophen

    Gina Lollobrigida gibt Quasimodo, dem entstellten Glöckner von Notre-Dame, zu trinken: Doch es ist ein Krug der Bitternis, den die Schöne dem armen Krüppel reicht. Eine geschminkte Frau mit toupierter Frisur und zwei sorgfältig getrimmten Hündchen im Arm erwartet lächelnd einen Besucher, den aber erwartet Unheil. Ein Liebespaar sieht sich tief in die Augen, die Frau jedoch tiefer als der Mann und ihr Blick verspricht nichts Gutes. Mit ihrer Rechten greift sie zum Herzen oder aber zur Brieftasche des Partners. Im Hintergrund steht schon die Kirche zur Hochzeit bereit; erst danach wird der Mann weitersehen. Ein junger Mann fotografiert ein schickes Mädchen, das lässig und gekonnt an seinem Auto posiert. Kaum sichtbar, beschreibt ihre rechte Hand eine ebenso zugreifende wie abwehrende Geste. Sehr wahrscheinlich bleibt dem Jüngling zuletzt nur das Foto seiner mondänen Begleiterin. Eine grosse Gesellschaft festlich gekleideter Leute hat sich eingefunden. Doch hinter der heiter dekorierten Szenerie scheint das Unheil zu lauern. So kann man sich die Mafia vorstellen, wenn sie einen Abtrünnigen erwartet. Am Ufer einer Meeresbucht mit wunderbarem Fernblick unterbricht ein Paar seine Urlaubsfahrt. Während die Frau für das leibliche Wohl sorgt, spielt der Mann mit dem Hund. Oder ärgert er ihn nur und will dieser ihm im nächsten Augenblick an die Gurgel springen? - So ist das immer: Unter der Hand gerät Josef Wittlich jede Idylle zur Katastrophe.

    Kreaturen und Kreatives

    Es ist nicht ungewöhnlich, dass autistische Menschen, die sich aufgrund diffuser Ängste aus der Gesellschaft zurückziehen, ein unbefangenes Verhältnis zu Tieren haben. Die Beobachtung scheint auf Josef Wittlich in besonderem Masse zuzutreffen. So berichteten Augenzeugen, ihn einmal in Nauort mit vier Füchsen angetroffen zu haben, die er eng umschlungen in seinen Armen hielt. Dort soll er auch die Kühe falsch herum eingespannt haben, um ihnen (und sich selbst) die Mühe des Ackerns zu ersparen. Andere bestätigten Wittlichs häufige Erzählungen, dass er bissige Hunde durch einen Griff ins Maul bändigte und dann zu treuem Gehorsam abrichtete.

    Einem Bekannten vertraute er einmal eine «geheime» Beziehung zu einem Affen an. Das Tier gehörte einem kleinen Wanderzirkus, hatte seinen Dompteur angefallen und liess sich plötzlich nicht mehr beruhigen. Um seine Worte zu untermalen, blies Wittlich die Backen auf, schob die Lippen nach vorne, rollte die Augen und raufte sich mit gekrümmten Armen und Händen die Haare. Doch dann entspannten sich seine Züge zu einem freudigen Lächeln: Er habe den Schimpansen einfach auf den Arm genommen und gewiegt. Der habe sich beruhigt und ihn überschwänglich im ganzen Gesicht geküsst. «Et war nämlich en Weibchen!» sagte Wittlich und hing mit glücklichem Gesichtsausdruck diesem seltsamen Liebeserlebnis nach.

    «Noch heute geht er auf allen vieren und fängt an zu bellen, wenn er einem alten Freund aus seiner Kindheit begegnet», berichtet Wittlichs Biograph Rüdiger Zuck. So scheint es, dass sich der Sonderling in franziskanischer Brüderlichkeit mit der sprachlosen Kreatur verbunden fühlt

    Kunsthalle Recklinghausen

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