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Berühmte Berner Künstlerinnen und Künstler

Adolf Wölfli

29.11.1864 Bern - 6.11.1930 Waldau

schweizerischer Maler, Dichter und Musiker; lebte seit 1895 in der Irrenanstalt Waldau, wo er unter dem Titel «Von der Wiege bis zum Grab» in 44 Folianten mit über 20'000 Seiten ein kompliziertes Weltsystem entwarf. Sein mit Buntstiften ausgeführtes, ornamental strukturiertes Werk erregte die Aufmerksamkeit von R. M. Rilke, A. Breton und J. Dubuffet, der Wölflis Arbeiten zum Mittelpunkt seiner Art-brut-Sammlung machte.

www.wissen.de



  • Adolf Wölfli (Visionäre Schweiz)
  • Adolf Wölfli (Wikipedia)
  • Adolf Wölfli (SIKART)
  • Vom Phänomen Wölfli zur Wölfli-Stiftung
  • Die Schenkung Ernst und Maria Mumenthaler-Fischer
  • Adolf Wölfli - Aargauer Kunsthaus Aarau
  • Adolf Wölfli - Das Schaffen der zwei letzten Jahre
  • Art brut



    Adolf Wölfli

    Adolf Wölfli wird am 29. Februar 1864 in Nüchtern zu Bowil im schweizerischen Emmental geboren: «Als Kind armer heruntergekommener Eltern ... Der Vater, seines Berufs Steinhauer, zog als ein liederlicher Mann, bald hier bald dort im Lande herum. War Er nüchtern und guter Laune, so konnte Er dem Meister die Arbeit aufs promteste verrichten: denn Er hatte einen intelligenten Kopf. Hatte Er aber einen zahltag oder zwei in der Tasche, so begab er sich damit anstat nach Hause, um seine armen Bengel und ihre Mutter damit zu unterstützen, in die verruffesten Schnaps- und Hurrenkneipen, wo Er unter seinesgleichen den mühsam verdienten Lohn verprasste.»

    1872 beginnt für Wölfli das unstete Leben eines Verdingkindes, das jährlich an eine andere Familie verlost wird. Nach der Primarschule arbeitet er als Knecht, Landarbeiter, Melker, Holzarbeiter, als Welschheuer, Bauarbeiter, Gärtner, Totengräber. Seine rastlose Saisonarbeiterzeit wird unterbrochen durch die Verbüssung einer Haftstraße wegen versuchter Notzucht an einem minderjährigen Mädchen. 1895 wird Wölfli rückfällig und wegen versuchter Notzucht an einem dreieinhalbjährigen Mädchen in Gewahrsam genommen.

    Das am 8. Oktober 1895 abgegebene Gutachten kommt zum Schluss, dass Wölfli geisteskrank und unzurechnungsfähig und ausserdem gemeingefährlich sei. 23. Oktober 1895 Regierungsratsbeschluss, wonach Wölfli in einer Irrenanstalt unterzubringen und so lange darin zu lassen, bis er «von seiner Geisteskrankheit geheilt, oder für die öffentliche Sicherheit nicht mehr gefährlich sei» (Ernst Morgenthaler). Er bleibt in der Waldau bis zu seinem Tode am 6.Juni 1930.

    Für lange fünfunddreissig Jahre wird die Krankengeschichte zu Wölflis Biographie. Sie spricht von der zunehmenden zersetzenden Wirkung der Krankheit, seinen Halluzinationen, von seinen Schüben, Gewalttätigkeiten. Sie verzeichnet aber auch im Jahre 1899: «Patient vertreibt sich Zeit mit Zeichnen.» Oder 1907: «Hat den Sommer viel gezeichnet, namentlich mit Farbstiften & dabei einen auffallend guten Farbsinn u. aesthetisches Talent verraten.» «Seine Zeichnungen hält er für sehr wertvoll, mehrere Franken das Blatt» (1905). Wölfli wird in einem zuerst langsamen, dann sehr schnellen Prozess in diesen 31 Jahren von 1899-1930 zum Künstler. Für die Gesellschaft wird er zwar nie mehr gesund, aber als Künstler in seiner Zelle entwickelt er ein neues Selbstbewusstsein auf der Basis seiner eigenen künstlerischen Produktion, die nicht von ungefähr im Laufe einer über fünfzigjährigen Rezeptionsgeschichte in zunehmendem Masse als Studienmaterial zur Geschichte künstlerischer Produktion erschlossen wird.

    Sind es zuerst seine Zeichnungen und Texte, die durch eine unableitbare bildnerische und sprachliche Sicherheit bestechen, so ist es heute der durch jeden Teil der Produktion spürbare Wille zur Gesamtschau, ja zum Gesamtkunstwerk mit von daher ableitbaren möglichen gemeinsamen Nennern in Form und Inhalt, und von daher seine Freiheit im Angehen der verschiedenen Ausdrucksformen oder Künste wie Bildnerei, Schriftstellerei und Musik, die immer wieder Erstaunen erregen. Wölfli als Handlanger und Heftchenleser ist ein echtes Gründerzeitkind. Im Wahn ist er ein Gründerzeitmitglied. Er bewundert die Vanderbilts, schätzt den Umgang mit dem Adel, rottet auf Safaris aus, was kreucht und fleucht, weil es den Fortschritt - die «Schweizerische Natuhrvorschende Gesellschaft» - bedroht.

    Sein Vertrauen in die Schweizer Banken ist unerschütterlich. Wölfli ist ein grosser Gründer. Er rafft ungeheure Vermögen zusammen, die er mangels direkter Nachkommen seinem Neffen und seiner Nichte übermacht. Er ist der Avunculus der Sexualökonomie Reichs, der Schwesterbruder, der alles haben will. Er ist aber auch der Zeitgenosse von Howard Hughes, Erfinder und Ingenieur, der sich damit brüstet, über zweihundert Mädchen entjungfert zu haben. Nicht Häuser verteilt Skt. Adolf II., wie er sich ab 1916 nennt, nachdem er längst die Vanderbilts mit Gottvater vertauscht hatte, sondern Städte über die Erde und Gestirne. Zentrum dieser höchst eigenen Skt.-Adolf-Riesenschöpfung ist Skt.-Adolf-Heim, das heimatliche Schangnau. Der Fluch des Gemeindepräsidenten hat tausendfach Früchte getragen: Wölfli, der sentimentale Bauernhausfan, ist gleichzeitig schuldig an der Streubauweise, die nicht nur die Schweiz verschandelt.

    Auch in moralischer Hinsicht ist er Gründerzeitler : Scheusslichkeiten werden stets mit zurechtgestutztem Bibelwort beschönigt. Und im Gegensatz zu diesen ist er ja nicht verantwortlich: Wölfli ist ja ein «herber Unglücksfall». Die »andern» sagen «so bin ich halt, und das Leben geht weiter, und wir müssen uns anpassen.» Die Krankheit, der Wahn, sie haben die Pole auseinandergetrieben. Nur das Universum wird dem gerecht, nur das Expandieren nach allen «Richtungen der Windroose», während der «arme» Gesunde sich mit Fabrik, Auto und Jacht begnügen muss. Der Wahn ist keine Entschuldigung, er ist erlittener Brennspiegel für die andern: stellvertretend für die andern erobert Wölfli das All.

    Diese Charakterisierung Wölflis als Vorform eines andern Adolf ist zwar richtig, doch fehlt der andere Pol, wenn man nicht erwähnt, dass unser Adolf in all diesen Geschichten Doufi ist, ein Kind, das heisst, dass er nicht verantwortlich ist. All die Abenteuer und Aneignungen, die Safaris und Völkerschlachten, die Vergewaltigungen und Inzeste, die Hinrichtungen, er erlebt sie in den leergebliebenen, beleglosen Jahren seiner Kindheit vor der Rückkehr nach Schangnau als Verdingkind, und obwohl er sie in seiner Zelle oder seinem Atelier selber erfindet, lässt er sie stellvertretend durch sich als Kind erleben und zuerst von seiner erfundenen Schwester und von seinen Brüdern niederschreiben und signieren. Und so wie er als Gross-gross-gross-Unternehmer seine Schöpfung wahrmacht, so wird er im Stande potenzierter Gross-gross-gross-Unschuld zum Panidealisten: Tiere, Bäume und Sträucher sprechen zu ihm, und seine Gutmütigkeit kennt keine Grenzen. Dass er immer wieder aus der Rolle fällt, selber signiert und die Daten übereinstimmen lassen muss mit den ersten Kindheitsjahren, das ist die Folge des «Unglücksfalls», den er selber verkörpert, ist Nichtidentität von Realität und Wunschexistenz.

    In diese Kluft fällt er denn auch immer wieder, nicht sinnbildlich, sondern wirklich, zuerst ins Wasser in den noch europäischen-vertrauteren Gefilden näher der Mutter Helvetia, dann von hohen Felswänden und im freien Fall im All in den unbekannteren Kontinenten und den luftigeren Gefilden näher bei Gottvater. Doch getrost: Retter sind immer zur Stelle, seine Brüder oder andere Erdenbewohner, Kellerarbeiter, die, durch wohlgezielten Steinwurf der Mutter Anna, geb. Feutz, auf den pfeilschnell runtersausenden Doufi aufmerksam gemacht, ihn wohlbehalten auffangen, oder Luftschlangen und Engel und last but not least der Obergründer - Gott - selbst. Doch auch da schleicht sich das fortschrittliche Gründerzeitdenken ein: die Fallinien werden immer länger. Das Sturzmotiv wird immer mehr wie ein Requisit eingesetzt, immer mehr Kino.

    All das, was ihm «Draussen» zu leben nicht vergönnt war, wird nun «Drinnen» zur Tragkonstruktion für Wölflis atemlose, stets auf alles Vorhergehende rückgreifende und «weitter, immer weitter» nach vorwärts getriebene Narrationsspirale, die zuerst horizontal verläuft, dann ansteigt, sich oben (im Weltall) wieder ausbreitet, Erlebnisform in Kunstform überführt, und die aus einer Addition von Teilen besteht, die stets nach demselben Schuld-Sühne-Rhythmus ablaufen : keine Idylle ohne Katastrophe, keine Katastrophe ohne Idylle.

    In seinen frühen schriftlichen Äusserungen wie der Autobiographie «Von der Wiege bis zum Graab» sind Gott und Engel noch Visionen und Gehörhalluzinationen. Während eine Beschreibung Wölflis von Spanien fast «normal» ist, mit Ausnahme z. B. der Städtenamen, die alle mit Ohr enden oder Lärm suggerieren und der epische Ablauf dem suggerierten Erlebnisschema entspricht, sind es vor allem zwei Dinge, die auffallen: die Mühe, Gefühle zu verbalisieren; sie werden dem Fluss der Erzählung geopfert; die Idylle, wie übrigens auch die Katastrophe, wird über die Zahl erfahrbar; ferner das gestörte Verhältnis zum Tätigkeitswort, das wettgemacht wird durch ein auch im Berndeutschen nachweisbares Schwelgen in Substantiven und Adjektiven.

    An ihre Stelle tritt der häufige Einsatz von Bestätigungssuchen (Anrede des Lesers) oder das abrupte Abbrechen mit Reimen, in Form von Gelächter, Affirmationen, die seine Gabe für den dramatischen Effekt belegen, aber ebenso als Äusserungsangst gedeutet werden können. Wenn deshalb im Fortlauf der Erzählung die Abenteuer unglaubwürdiger, die Zahlen grösser werden, ein eigenes Zahlensystem und eine eigene Wortrhythmik (am Schlusse seines Lebens fast ausschliesslich Substantive) entstehen, dann mag man das als gesteigerte Flucht vor der Gefühlsäusserung oder als Verhärtung der nun konstituierten Abwehrsysteme, als Einsatz eines Stils gegen die Ansprüche von aussen auffassen.

    Besitz, Besitzstreben, Besitzergreifung sind eindeutige Konditionierungen, denen Wölfli unterworfen ist. Alles wird bei ihm Besitz : Fernsicht, Nahsicht, Städte, Brücken, ja Hinrichtungsarten und die eigenen Todesstürze. Die Aneignungstaktik ist die Messbarkeit, Zahl und Schatzwert, oder in seinen Worten der Ausrechnungsansatz. Das Fehlen der Verben wird durch diese seine Tätigkeit ersetzt, inkarniert im Errechnen der Masse und damit der Wunder dieser und seiner Welt. Dadurch kriegt er sie in den Griff. Schizophrenie hin oder her. Schizophrenie enthält keinen Anspruch auf Sonderbewertung. Die Krankengeschichte Wölflis ist die totale Negierung der These von der Verständnislosigkeit gegenüber dem Kontext: Er fühlte sich als Künstler, er benahm sich als solcher, er ordnete sein Leben seinem Gesamtkunstwerk unter.

    Geht man davon aus, Wölflis Werk als «gewalltigen» Versuch zu sehen, der Schuld beizukommen, indem er deren Messbarkeit ins Unendliche führen, das heisst auflösen will, um den Stand der Unschuld zu erreichen, dann wäre eine Plattform gefunden, um seine umfassenden Berechnungen zu verstehen. Wie bereits von Morgenthaler hervorgehoben, hat Wölfli, nachdem er mit normalen Grössenordnungen (wie z. B. im Spanienkapitel) nicht mehr auskam, neue Zahleneinheiten kreiert und sie benannt. Das Schöpferische liegt ja auch darin, nicht Fassbares zu benennen. Und diese Benennung ist nun reine Poesie im Verband mit den Vorstellungen, die sich daran knüpfen:

    «Die Stellungen der Zahlen bis zu den Miriaaden empohr. Getzeichnet, Doufi.

    1. Einer, Zehner, Hundertter. 2. Eintausender, Zehntausender, Hunderttausender usw. bis Quadrilliard, dann Regoniff, Suniff, Jeratif,Unitif, Vidoniss, Weratif, Hylotif, Ysantteron, Zernantt, Agonif Benitif, Corrantt, Deritif, Eratif, Ferrantto, Geratif, Horatif, Inioth, Kariffa, Legion, Negrier, Miriaaden, ein Oberon, soll nicht überstiegen werden, weil derselbe ein Ung-glüks-Fall ist. Hm!!

    Später wird auch Oberen überholt durch die noch grössere Zahl «Zorn». Die Zahl, die er ins Unermessliche steigert, ist die Auflösung der Zahl in Musik, in Gefühl, ist die Überführung der Zahl als Ausdruck der Besitzaneignung in Phantasie. Nirgendwo wie an Wölflis Verwendung der Zahlen lässt sich die Führung der Narrationsspirale, ihre Steigerung bis zum Zorn und die Rückführung auf den Ursprung, die «Wiiga», die Wiege, so gut fassen. Das verlorene Paradies und die Wiedergewinnung des Paradieses auf dem Umweg über die Eroberung des verlorenen Paradieses ist Wölflis «Aussage». Auch dafür hat er sich ein All-Mittel dienstbar gemacht: Die Allgebrah. Allgebrah.

    Allgebra ist Musik und Gesang. Diese Gottes-Gaaben zu fördern, zu verstärken und zu veredeln, sei stehts und alle Zeit, Euer innigstes Bestreben! Diess walte Gott. Manual.

    All-gebrah, so von Wölfli präsentiert, ist ursprüngliche Algebra vor der Aufklärung, ist das Wiederfinden der vorsymbolischen, noch mit vielen verbalen Ausdrücken durchsetzten Algebra, ein «Ergänzungsund Ausgleichungsverfahren», bei dem die negativen Glieder auf die andere Seite der Gleichung hinübergeschafft werden. Irdisches Unglück wird in der neuen Schöpfung zu Glück «ergänzt». Wölfli lässt an mehreren Stellen durchblicken, dass sein Zahlensystem einen Schlüssel hat, rückführbar ist auf einen Urnenner, auf die heilige Zahl, aus der alles entsteht, die alles umfasst, die auch Wert und Ausdehnungsangaben ins Mythische führt, in die Nähe seines Vergehens, seines Unglücks und der gegen diese errichteten All Welt. Mit der Zeit verselbständigen sich diese Wörter, sie werden das Gerüst rund um das Schlüsselwort «Wiiga», Doufis «Gefäss» vor dem Sündenfall.

    Und in einem Trauermarsch, den er kurz vor seinem Tode begonnen hat und unvollendet lassen musste, stehen gleichsam als Konzentrat der obigen Erzählung vom Skt.-Adolf-Ehebund-Ring und als Definition und Erklärung der heiligen Zahl: «Die heilige Zahl ist d'Gattin gleich Zahl!» (Trauermarsch, 1930, Seite 7128).

    Allgebrah ist Musik. Das beinhaltet Behauptung und Sein. Und wenn Wölfli selbst die einzige Musiknote war, in einem Musikmeer, in dem sich der Komponist dieser Mensch gewordenen Note in Permanenz bedient? Die Krankengeschichte belegt eindrücklich Wölflis Sprechen und Auseinandersetzen mit Stimmen, seinen Stimmen. Sie sind Eingebung und Bedrohung. Direkt. Sie sind hämisch, wenn sie ihn auf seine Sünde hinweisen, sie sind grossartig, wenn sie ihn in Gottes Nähe bringen. Sie zu fassen produzierte er sein Riesenwerk, ihnen zu entgehen unternahm er seine Reisen, sie zu bannen flüchtete er sich in den Zustand der Unschuld, sie zu übertönen verwandelte er sie in Musik, sie zu veredeln in Sphärenharmonie.

    Aber war er nur handelndes Ich? Handelten nicht auch die Stimmen, gaben ihm das alles ein, liessen den Ton Wölfli mal hoch, mal tief gehen, setzten aus, damit er als «Unglücksfall und Patient» signieren kann? Erzwungene Identität? Wölfli hat die Chronik dieser Gehörhalluzinationen bildnerisch erfasst, indem er für Umton, Umraum, Umwelt ein Symbol einsetzte, das mehrdeutig lesbar ist; das Vögeli. Es ist Baustein und Urschlamm, es ist Geschlecht und Geschlechtsbedrohung, Stimme und Gehörblase, es ist das schmiegsame, niedliche oder das lauernd erdrükkende Rundum, das nur durch Schreiben und Musik in seine Schranken gewiesen werden kann. Genauso wie in den Texten der Sündenfall überlagert wird durch Aktivitäten, die bis an den Puls der Schöpfung führen, um erneut zum noch grösseren Sturz mit nachfolgender Rettung und noch höherem Aufsteigen zu führen, so werden durch Musik die Stimmen übertönt, durch Schläge geordnet, durch Dramatik der Ansturm der andrängenden und bedrängenden Vögeli-Stimmen, Erinnerungen, Triebe zurückgewiesen. Eine gewaltige Sysiphosarbeit.

    Wölflis Vorliebe für automatische Aktionen ist gross. Anmut und Grausames ist bei ihm oft nur automatische Aktion. Meist in Verbindung mit einem Uhrwerk. Produktion als Flucht vor der Zeit. Automatisches, nicht unbedingt mit Lustgewinn aber, aus dem Müssen heraus motivierte permanente Arbeit. So hat Morgenthaler Wölflis Arbeitsweise charakterisiert. Gott als der grosse Mechaniker, der Mensch als Rädchen? Wölfli unterscheidet vier Weltzeiten, die er in Form eines Denkmals beschreibt: die SchöpfungsGechichte der Welt, die Uhrzeit, die Patriarchenzeit und das Mittel-Alter - erneut geniale A-Logik.

    Die unzähligen Turmuhren in seinen Zeichnungen zeigen meist 12 Uhr 30. Und da oft wie auf dem Titelblatt des Hundertjährigen Kalenders und wie bei seiner und Christi Kreuzigung Sonne und Mond gleichzeitig präsent sind, ist schwierig auszumachen, ob es sich um die Mittagsstunde oder um die Gespensterstunde oder gar um die Verfinsterungsstunde der Gestirne handelt. Alle sind mythische Stunden: Pan und Hahn.

    Die Zeit steht still, die Welt hält den Atem an: Ein Einsamer macht in der Überproduktion den Impotenzmythos der Zivilisations-Zeit sichtbar, die mit Lust und Angst besetzte Unmöglichkeit, sich gehen zu lassen. Zorn ist nicht von ungefähr die höchste Zahl für Wölfli. Aber wie alles Höchste anfällig für Spott und Hohn und Resignation. Keine Katastrophe ohne Idylle, keine Idylle ohne Katastrophe. H. S. (1974)

    Quelle: Harald Szeemann - Visionäre Schweiz im Kunsthaus Zürich 1991 - Verlag Sauerländer



    Vom Phänomen Wölfli zur Wölfli-Stiftung

    Adolf Wölfli kann als bekanntester und zugleich erfindungsreichster Vertreter der Art Brut betrachtet werden. Sein gigantisches Werk, das eine phantastische Autobiographie von mehreren tausend grossen illustrierten Seiten umfasst, wird im wesentlichen in der Adolf Wölfli-Stiftung in Bern und in der Collection de l’Art Brut in Lausanne aufbewahrt.

    Sein Leben

    «Natuhrvorscher, Dichter, Schreiber, Zeichner, COMPONIST, Landarbeitter, Melker, Handlanger, Gäärtner, Gipser, Zementter, Bahn-Arbeitter, Taglöhner, Scheeren-Schleiffer, Fischer, Schiffer, Jäger, Welsch-Heuer, Tohtten-Gräber, und Soldat des Emmenthaler-Battaillons, 3. Kompanie, 3. Sektion. Ebjä!!»

    «Skt. Adolf II., Allgebra- / tohr, Oberst Fäld-Herr und, / Musik-Diräkthor, Riesen-Theaat’r- / Diräktohr, Allmacht-Riesen- / Dampfer-Kappitäin, und, / Dr. Der Kunst und Wissenschaft, / Diräktohr der Allgebra und Geographie Hefter-Fabrikatiion / und Jäger-General. Erfinder / von 160, sälbstgemachten, hochwärtvollen und jeh, vom russischen Zaar, / patenttiertten, Erfindungen und / jeh, der gloreiche Sieger von / zahlreichen, gewalltigen, Risen-Schlachten.» (1)

    Adolf Wölfli wird 1864 als Sohn armer Eltern im Emmental (Bern) geboren. Die Schule besucht er nur unregelmässig, aber er lernt lesen und schreiben. Mit acht Jahren wird er Waise und ist gezwungen, als Verdingbub und Bauernknecht zu arbeiten. Sodann wird er Soldat. Im Alter von ca. 30 Jahren wird er zweimal wegen Notzucht verhaftet.

    Sein Verhalten führt zur Einweisung in die psychiatrische Klinik Waldau: Er wird als schizophren erklärt. Er bleibt in der Waldau bis zu seinem Tod im Jahr 1930.

    Überraschend ist, dass er auch in der Klinik nicht aufhört mit phänomenaler kreativer Energie zu schreiben, zu zeichnen und zu komponieren. Sein künstlerisches Oeuvre umfasst mehrere tausend Werke. Es ist mehr als angemessen, sich mit Wölflis Geschichte, seinem Status als Künstler und der Gründung einer Stiftung näher zu befassen. Sein Werk

    Zur detaillierten Analyse des Inhalts, der zeichnerischen, symbolischen und musikalischen Bedeutung seines Werks verweisen wir auf die untengenannten Veröffentlichungen.

    Angesichts der Materialienfülle drängt es sich auf, das Werk in zwei grosse Kategorien einzuteilen:

    Von 1904 bis 1906: 800 einzelne Zeichnungen; und von 1916 bis 1930: Zeichnungen auf losen Blättern («Brotkunst»). Das erzählerische Werk (Prosa, Gedichte, Musikpartituren), 45 Hefte von mehr als 25’000 Seiten und 3’000 Illustrationen. Es wird aufgrund jüngster Werkstudien chronologisch in fünf Gruppen gegliedert:

    1908-1912: «Von der Wiege bis zum Graab» 1912-1916: «Geographische und allgebräische Hefte» 1917-1922: Hefte mit Liedern und Tänzen 1924-1928: «Allbumm»-Hefte mit Tänzen und Märschen 1928-1930: «Trauer=Marsch»

    Doch kehren wir zurück zu Wölflis eigenen Anweisungen zur Aufbewahrung seiner Arbeiten.

    Das Phänomen Wölfli

    «Ein kleines Schluss-Kapitel üb’r meine Wenigkeit und, üb’r Kirch-Dorf und Gemeinde Schüpfen, etzettera, (D’s Turba-Moos de nit v’rgässa!) können Sie ja eigentlich, sälb’r machen. Soh: Diese gantze Geschichte, hübsch beisammen, in einer Stadt-Bernischen Buchdrukerei druken und Daselbst, tadellos einbinden lassen und, jetzt haben Sie ein rächt schönes und lehrreiches, untt’rhaltendes Büchlein, führ Alt und Jung: Reich und Arm: Krank und Gesund: Vohrnehm und Gering: Und, führ beiderlei Geschlechts. Mit einem hübschen, Reingewinn. Denn Letzteres sollte in nicht weniger als rund: 165,000, Franken. Dafohn erfordert er 15,000, Fr., zu’r Bestreitung der Auslaagen führ Verleger, Buchdruker, Buchbinder und Kommis Vojagöir, etzetera. Ha, ha, ha, ha, ha. Nun haben Sie Dafohn, rund: 150,000, Fran-

    Dieser Brief entstand kurz nach einem äusserst wichtigen und entscheidenden Ereignis: Nachdem Wölfli seit etwa 20 Jahren «im Schatten» schreibt und zeichnet, interessiert sich der Psychiater Walter Morgenthaler, der ihn als Patienten kennenlernt, für sein Werk und veröffentlicht 1921 die erste Wölfli-Monographie «Ein Geisteskranker als Künstler» (3), was heftige Kontroversen in den medizinischen Kreisen auslöst. Er holt Wölfli aus der Anonymität und behandelt ihn als Künstler. Seine originelle und einzigartige - für einige provozierende - Studie wird von zwei Pressekritiken und von Künstlern positiv aufgenommen.

    Rainer Maria Rilke ist begeistert und empfiehlt dieses Werk seiner Freundin Lou Andreas-Salomé, die es wiederum an Freud weitergibt. Ebenfalls zu dieser Zeit erscheint das Buch von Hans Prinzhorn (1922). Seine detaillierte Studie über «Die Bildnerei des Geisteskranken» erregt die Aufmerksamkeit der Psychiater und entwickelt sich zur Bibel der Surrealisten. Das Interesse an der kreativen Dimension des Wahnsinns ist offensichtlich. Wölfli selbst hält sich für einen Künstler, und «der, der es nicht zugeben will, versteht nichts von Kunst!». Gewisse Sammler erteilen ihm Aufträge (Paravents, Tische, Schränke und Zeichnungen). Er offeriert und verkauft seine Werke dem Pflegepersonal oder den ihn besuchenden Kunstliebhabern.

    In den 30er Jahren entdecken die Surrealisten in seinem Werk die Symbolkraft seiner Zeichnungen, ihre Verbindung zu den Worten und seiner Musik. Einige Monate vor seinem Tod wird sein Werk im Gewerbemuseum Winterthur ausgestellt. Während sich die Kunsthistoriker kaum für Wölflis Werk interessieren, werden Kinderzeichnungen, die Kunst der Primitiven und die Volkskunst , die die Modernen inspirieren, vermehrt wahrgenommen.

    Im Zeichen dieser geistigen Öffnung findet die zweite entscheidende Begegnung statt: Jean Dubuffet entdeckt 1945 Wölflis Werk in der Waldau; er ist fasziniert. Seine Leidenschaft für eine ursprüngliche Kunst, eine Kunst ausserhalb der Norm, die sich der kulturellen Wertung widersetzt, veranlassen ihn, André Breton, Jean Paulhan und Michel Tapié, die «Compagnie de l’Art Brut» 1948 in Paris zu gründen. Sie stellen mehr als 100 einzelne Zeichnungen in der Galerie René Drouin aus. Die Bedeutsamkeit von Wölflis Werk ist unbestritten.

    Einige Jahre vergehen; 1963 reserviert Harald Szeemann Wölfli einen Platz in einer Gruppenausstellung (mit Heinrich Anton Müller und der Prinzhorn-Sammlung) in der Kunsthalle Bern. Die Relativität des Konzepts der Geisteskrankheit, die fliessenden Grenzen zwischen dem Pathologischen und dem Normalen erlauben eine erweiterte Wahrnehmung der Werke aller Schaffenden, seien sie krank oder nicht.

    1971 organisieren Dieter Koepplin und Franz Meyer eine Wölfli-Ausstellung im Basler Kunstmuseum. Ein Ereignis trägt im folgenden Jahr zum weltweiten Renommee Wölflis bei: Unter der Führung Theodor Spoerris wird Wölfli an der documenta 5 in Kassel ausgestellt (4 Schränke und eine grosse Auswahl an Zeichnungen).

    Die Adolf Wölfli-Stiftung

    Dank den Spenden mehrerer medizinischer Institutionen werden ab 1972 Wölflis Manuskripte systematisch transkribiert und seine Zeichnungen katalogisiert. Dies führt 1975 zur Gründung der Wölfli-Stiftung unter der Direktion von Elka Spoerri im Kunstmuseum Bern. Sie vereinigt die Sammlung der Zeichnungen und Schriften aus der Waldau, die Sammlung von Dr. W. Morgenthaler und 103 Zeichnungen von Dr. F. Singeisen.

    Die Stiftung gewährleistet die sachgerechte Aufbewahrung und Instandhaltung des Werks, ermöglicht dem Publikum den Zugang und unterstützt die Studien über Wölfli. Beabsichtigt ist, das gesamte Inventar seines Werks zu veröffentlichen.

    Ab 1976 wird während drei Jahren eine bedeutende Wanderausstellung von Wölfli in 12 europäischen Ländern und drei nordamerikanischen Museen gezeigt. Sie wird dokumentiert durch eine Gesamtdarstellung in drei Sprachen (4). Im selben Jahr eröffnet Jean Dubuffet die Collection de l’Art Brut in Lausanne. In Zusammenarbeit mit anderen Instituten präsentiert die Stiftung Wölfli und «Aussenseiter» in zwanzig Ausstellungen in England, Frankreich und den Vereinigten Staaten.

    Bis 1985 wurden fünf Filme und sechs Radiosendungen produziert. Dank minutiöser Transkription erscheint zudem 1985 der erste Teil seiner Schriften: «Von der Wiege bis zum Graab». Ebenfalls in den 80er Jahren interessieren sich mehrere Musiker für Wölflis Partituren. Darunter eine Chorpartitur, eine Symphonie, ein Liederbuch und drei Opern, die in sechs europäischen Städten aufgeführt werden.

    1991 fand die Wanderausstellung zum Thema Wölfli, Zeichner-Komponist, statt. Sie wurde von der Wölfli-Stiftung und der Collection de l’Art Brut organisiert.

    Erwähnte Literatur:

    (1) Adolf Wölfli. Katalog Wanderausstellung, 1976, Adolf Wölfli-Stiftung, Kunstmuseum Bern. Redaktion Elka Spoerri und Jürgen Glaesemer. (2) Der Schüpfen-Brief, ib. (3) Walter Morgenthaler, Ein Geisteskranker als Künstler, Bern/Leipzig 1921. Neue, erweiterte Auflage Berlin/Wien 1985. (4) Adolf Wölfli. Katalog Wanderausstellung, 1976. (5) Wölfli dessinateur-compositeur, Editions L’Age d’Homme, Lausanne 1991.

    Adolf Wölfli und die Musik

    Vergegenwärtigen wir uns, dass Adolf Wölfli, 1864 im Kanton Bern geboren, im Alter von acht Jahren Waise und sodann als Verdingkind und Knecht bei Bauern untergebracht wurde. Die Primarschule konnte er nur sporadisch besuchen. Es ist nicht anzunehmen, dass er eine musikalische Grundausbildung erhielt, bevor er in die Psychiatrische Klinik Waldau eingewiesen wurde.

    Aufgrund einer in der Klinik gefundenen Sammlung von Partituren ist eher zu schliessen, dass er sich in der Waldau damit selbst mehr oder weniger vertraut machte. Jedenfalls ist die Musik bereits ab den ersten Zeichnungen von 1904, die übrigens den Titel Tonstücke tragen, ein wesentlicher Bestandteil seines plastischen Schaffens; anfänglich in der Form von Liniensystemen ohne Noten, die sich in sämtlichen Kompositionen finden, die sich bisweilen bogenförmig winden, so dass sie zum Beispiel die Form eines Cellos oder einer Gitarre annehmen.

    Um 1910 erscheinen Noten auf den Liniensystemen, und man gewinnt den Eindruck, dass Wölfli sodann vom Ton als Gesamtkonzept zu konkreteren Bestimmungen übergegangen ist. Dennoch verselbständigt sich die Musik nicht wirklich zu einer eigenständigen Ausdrucksform: Die Noten verweben sich zu einem Netz von plastischen Beziehungen, spielen mit gegensätzlichen Formen und Werten. Mehr denn je integriert sich die Musik in die Zeichnungen und Texte, das Ganze ist gleichzeitig sicht-, les- und hörbar.

    Die Hefte, in denen Wölfli ab 1908 seine einzigartige Autobiographie aufzeichnet, mehren sich zu einem aussergewöhnlichen Kontrapunkt poetischer und philosophischer Texte, eigentümlich algebraischer Bestandsaufnahmen, umfassen Gesänge und Tänze sowie komplexe Kompositionen, denen oft aus Zeitschriften ausgeschnittene Illustrationen hinzugefügt werden. Diese Symphonie verschiedenster Ausdrucksmittel findet ihren Abschluss, ihren Auflösungsakkord in einem monumentalen «Trauermarsch», den Wölfli in den sechzehn letzten Heften bis zu seinem Tod im Jahr 1930 entwickelt.

    Wie sind die Musikpartituren zu beurteilen, die er mit einer solchen Konstanz in seinem ganzen Werk integriert hat? Dr. Walter Morgenthaler, der Autor der ersten Wölfli-Monographie von 1921 (Ein Geisteskranker als Künstler), misst ihnen nur eine dekorative Bedeutung bei: Sie seien unlesbar und würden keiner bestimmbaren Melodie entsprechen. Peter Streiff und Kjell Keller machen jedoch dank einer gründlicheren Studie wiederkehrende Motive aus, die an Themen der Blas- und Volksmusik erinnern (Katalog der Wölfli-Ausstellung im Kunstmuseum Bern, 1976).

    Einige Musiker versuchten sich sogar an einer - bedingt durch die Inkohärenz der Notenschrift und die Tatsache, dass Wölflis Liniensystem sechs statt fünf Linien hat - eher hypothetischen Interpretation. Soll man also darauf beharren, einen musikalischen Text zu entziffern versuchen, oder sich damit begnügen, darin nur vorgetäuschte Partituren als blossen Vorwand für dekorative Variationen zu sehen? Meiner Meinung nach kommt diese brutale Alternative zwischen der Musik und der Zeichnung einem Ultimatum gleich, das ganz und gar unangebracht ist für ein Schaffen, dessen essentielle Bedeutung genau darin liegt, dass es sich unseren ästhetischen Kategorien entzieht.

    Die wirklich grundlegende Frage stellt Wölfli selbst: Warum sollte sich die Musik der Transkription fügen oder sich darauf beschränken, eine «Fotografie der Melodie» zu sein? Haben wir im Westen für unsere Adaptation der Musik an die Schrift nicht einen hohen Preis bezahlt? Die Antwort liegt auf der Hand: In einem historischen Zusammenhang gesehen beschränkte sich die Partitur nicht auf eine blosse Funktion der Aufzeichnung des musikalischen Werks, sie übte auf das Musiksystem eine zweifellos positive rückwirkende Kraft aus, jedoch mit einem unbestreitbar negativen Kontrapunkt, da sie die Improvisation entwertete, die Tonleiter temperierte, die Intervalle normalisierte und die rhythmischen Bezüge reglementierte.

    Die Partitur mathematisierte gewissermassen den Klangraum, genau wie die Perspektive zur etwa gleichen Zeit den bildlichen Raum geometrisierte. In Stil und Gedanke bemerkt Arnold Schönberg, dass die gelehrte europäische Musik sich an die klanglichen Zusammenhänge und an einfache Tempi halten muss, da sie in schriftlicher Form aufgezeichnet werden muss. Genau deswegen entziehen sich ein Solo von Louis Armstrong oder ein Flamencogesang der musikalischen Schreibweise.

    Die ursprüngliche Absicht Wölflis war sicherlich, die Musik niederzuschreiben, die er auf einem selbstgebastelten Instrument komponierte (eine Art Trompete aus Pappe, der er ungewöhnliche Effekte zu entlocken wusste). Aber bald schon fand er Gefallen an den graphischen Werten der Musikzeichen. Nach und nach scheinen die Motive, die Werte und die Rhythmen der Kompositionen vom akustischen zum optischen Register zu wechseln, ohne jedoch ihre Musikalität einzubüssen.

    Im Gegensatz zu gewöhnlichen Partituren sind Wölflis Partituren nicht Aufzeichnungen oder «fotografische» Entsprechungen eines vorhergehenden musikalischen Diskurses, sondern sie stellen ein Extra, eine zusätzliche Bedeutung, eine Befruchtung, eine Veredelung dar. Weit entfernt von den anfänglichen Walzern und Polkas ist diese Musik, die vor unseren Augen entsteht, einzigartig; eine Musik, die sich letztlich eher sehen als hören lässt, eine Musik, die unter diesem Gesichtspunkt die Komplexität eines Xenakis oder Messiaen übertrifft!

    Ist es nicht so, dass Wölfli, der kulturelle Überläufer, die Querverbindungen der Ausdrucksweisen wiederfindet, die in anderen Kulturen ganz natürlich geschehen und die die Musik mit dem Tanz, mit der Körperbemalung oder Mythologie untrennbar verbinden? In dieser Abwendung von unserer Musikschrift lässt sich eine heftige Auflehnung gegen unsere Codierung des Ausdrucks spüren, letztlich die symbolische Gegengewalt eines Mannes, der seit seiner Kindheit aus seiner kulturellen Gemeinschaft ausgeschlossen war.

    Die Bedeutung dieser kreativen Subversion erschliesst sich nur, wenn die Illusion oder das kulturelle Vorurteil aufgegeben wird, dass es ohne Niederschrift keine Klangbotschaft geben kann. Kein Konzert ist zu erwarten von diesem Verschmähten, der uns mit seinem Genie aus der Fassung zu bringen vermag.

    Für weitere Informationen über Wölflis musikalisches Schaffen: Wölfli dessinateur-compositeur, par Elka Spoerri, Peter Streiff et Kjell Keller, Allen S. Weiss, Michel Thévoz et Jürg Stenzl, Editions de l’Age d’Homme, Lausanne, 1991.

    l'Éveil Culturel - Die Schweizer Musik- und Kunstzeitschrift
    by Michel Thévot




    Die Schenkung Ernst und Maria Mumenthaler-Fischer

    Das gibt zu tun! Adolf Wölfli spricht von sich, seiner Kunst, seinem Leben und was alles zu berücksichtigen ist: Sie können sich gar nicht vorstellen, wie man dabei seinen Kopf anstrengen muss, um nichts zu vergessen. Man würde sicher verrückt darob, wenn man's nicht schon wäre. Der das sagt, weiss wovon er redet. 1864 in Bowil (Emmenthal, Kanton Bern) als Sohn eines Steinhauers geboren, kommt er nach einem freudlosen Arbeitsleben als Verdingbub, Knecht und Handlanger, nach einem Intermezzo beim Militär und zwei Notzüchtigungsversuchen an minderjährigen Mädchen 1895 in die Irrenanstalt Waldau bei Bern.

    Wölfli gilt als geisteskrank, unzurechnungsfähig sowie gemeingefährlich. In Waldau beginnt für ihn ein zweites, sein eigentliches Leben. Die wachsende Schizophrenie lässt aus dem deplazierten Hungerleider einen Künstler werden. Etwa fünf Jahre nach seiner Einlieferung macht sich Wölflis unerwartetes Talent bemerkbar. Seine Zeichnungen sind ganz blödes Zeug, ein reines Durcheinander, von Noten, Worten, Figuren: den einzelnen Bogen gibt er phantastische Namen. (Krankenbericht, 7.1.02) Zahllose Buntstiftbilder, endlose Texte in reichillustrierten Heftsammlungen und Alben, auch eine monumentale Autobiographie Von der Wiege bis zum Graab (1908 - 1912) legen Zeugnis ab von imaginären Forschungsreisen, Abenteuern und Katastrophen.

    Wölfli konfabuliert (Krankenbericht), die Blätter und Hefte können die Fülle seiner Visionen, die Vermögenswerte des Universalgenies im Geiste kaum fassen. In Waldau herrscht ständige Not an Stiften und Papier, trotzdem will alles notiert sein. Wölfli ist ein gewissenhafter Mann, ist Naturforscher, Dichter, Schreiber, Zeichner, Componist und noch viel mehr: Sie können sich gar nicht vorstellen, wie man dabei seinen Kopf anstrengen muss... Der Normalmensch kann sich das nicht vorstellen!

    Nach anfänglicher Skepsis nimmt das Klinikpersonal staunend die Kunstfertigkeit des seltsamen Mannes mit der Papiertrompete, der gelegentlich noch randaliert, zu Kenntnis. Der Waldauer Oberarzt Walter Morgenthaler legt 1921 eine Monographie über den seltsamen Mann vor: Ein Geisteskranker als Künstler. Besucher kommen und gehen, auch nach Wölflis Tod 1930 reisst das Interesse an seiner Arbeit nicht ab.

    Jean Dubuffet und seine 1948 gegründete Compagnie de l'Art Brut zählen zu seinen Bewunderern. 1963 macht der damalige Leiter der Berner Kunsthalle, Harald Szeemann eine Museumsausstellung, 1972 zeigt er ihn auf der documenta 5. Spätestens seitdem dürfte Wölfli auch auf dem Kunstmarkt akzeptiert sein. In letzter Zeit ist die Neugierde auf die Bildnerei der Geisteskranken (Prinzhorn) wieder besonders gross. Doch mit dieser Konjunktur hat die Basler Ausstellung nur wenig zu tun. Schon 1971 zeigte das Kunstmuseum Zeichnungen aus dem Besitz des Schweizer Architekten Ernst Mummenthaler und seiner Frau Maria Elisabeth Fischer, die beide schon lange zuvor erworben hatten.

    1978 ging das Konvolut in den Besitz der Öffentlichen Kunstsammlung über. Die jetzige Ausstellung geht wohl einher mit dem Gedanken, die Schenkenden 20 Jahre nach dem Tod Ernst Mummenthalers durch eine angemessene Präsentation und vor allen Dingen einen verbindlichen Katalog zu ehren, in dem alle Stücke abgebildet und sämtliche Texte recto und verso transcribiert sind. Katalog und Ausstellung (verantwortlich Marianne Wackernagel) glänzen durch eine fast schon unterkühlte Sachlichkeit, die ganz ohne Emphase auskommt. Eine publikumswirksame Inszenierung findet nicht statt; und das ist gut so. Was irritiert, ist der trockene buchhalterische Ton des Katalogessays. Es ist also möglich, über Wölfli zu schreiben, ohne auch nur einen Anschein von Faszination zu verraten. Der Rezensent staunt!

    Die Schenkung Mummenthaler-Fischer umfasst 92 Einzelblättern und ein illustriertes Liederheft und ist damit das grösste zusammenhängende Konvolut ausserhalb der 1975 gegründeten Wölfli-Stiftung in Bern. Abgesehen von einem einzelnen Schwarz-Weiss-Blatt aus dem Jahre 1905 und einer Illustration zur phantastischen Autobiographie handelt es sich um Einzelblätter, die Wölfli von 1916 bis 1930 anfertigte, um sie zu verschenken, zu tauschen (gegen Papier und Buntstifte) bzw. zu verkaufen.

    Basel zeigt die Brotkunst des verwirrten Meisters, die jenseits des 25.000 Seiten starken Manuskript-Gebirges (Wackernagel) aus Kollagen, Bildern und Texten anzusiedeln sind. Der Betrachter wird hier nicht zum Voyeur, er sieht Wölflis 'offizielle' Schauseite, doch die ist verwirrend genug. Da wird eine manische Illustrationswut angetrieben durch ein grausames horror vacui. Schizophrene Jugendstilkurven treiben ihr Unwesen. Auf den Blättern herrscht ein kleinteiliges Gerangel, das durch ornamentale Noten- und Schmuckbänder umkreist und gehalten wird.

    Durch den aufgeregten Kosmos kurven immer wieder Schriftzeilen, die sprechblasenartig zu erklären versuchen. Und was recto keinen Platz mehr findet, wird verso mit spitzer Schönschrift weiter erläutert. Der Künstler ist ein Ordnungsfanatiker, der verzweifelt Achsen, Kreise, Texte und andere Orientierungspunkte einschlägt, dem es aber nicht gelingt, seine Blätter zu 'fokussieren'. Jede dieser kleinen ornamentalen Hilfen ist ein schmückender Notbehelf und scheint nach einer weiteren Befestigung zu rufen.

    Haus Waldau bzw. Bern hat er von 1895 bis 1930 nicht mehr verlassen, die Welt kommt allenfalls durch einen Atlas, verstaubte Kalender oder einige ältere Jahrgänger der illustrierten Zeitung Über Land und Meer in die traurige Zelle, aber trotzdem hat der Künstler teil am common sense, am grossen Crossover der Weltkunst, als wüsste er von Manesse und Mandala, als habe er zahllose Kirchen und Kuppeln aufgesucht, um uns jetzt zu sagen, wo das himmlische Jerusalem liegt. Seit geraumer Zeit ist er selbst ein Heiliger (Skt. Adolf), und Heilige wissen, was ein Martyrium ist. Wölfli ist der Mann mit den Augenringen, die sich zu veritablen Halbmasken auswachsen.

    Aus allen Ecken und Kurven schaut einen dieses Gesicht an, das immer wieder mit fünf Hörnern oder flammenden Zungen gekrönt ist. 1920 schlägt er sich selbst ans Kreuz: Die Kreuzigung meiner Wenigkeit, auf der Biskaya,=Haven=Insel, im stillen Ozean, im Späht Somer, 1,876.

    Ausstellungskatalog bearbeitet von Marianne Wackernagel



    Adolf Wölfli

    «Als Kind armer heruntergekommender Eltern wurde ich den 29ten Februar auf der Nüchtern bei Bowyl geboren. [...] Der Vater, seines Berufs Steinhauer, zog als ein liederlicher Mann, bald hier bald dort im Lande herum. [...] Hatte Er aber einen zahltag oder zwei in der tasche, so begab er sich damit, anstat nach Hause, um seine armen Bengel und ihre Mutter damit zu unterstützen, in die verruffesten Schnaps u. Hurrenkneipen, wo Er unter seinesgleichen den mühsam verdienten Lohn verprasste. [...] Die Mutter [...] gebahr im 7 Söhne, von welchen ich der jüngste bin. Schwester hatte ich keine. Zwei meiner Brüder starben schon in den Kinderjahren. Ohne mithilfe des Vaters konnte uns die Mutter (Sie war meines wissens Wäscherin) nicht lange erhalten, wir wurden alle 5 von der Heimathgemeinde erzogen.» Soweit Wölfli in seiner «Kurzen Lebensbeschreibung», die er auf Aufforderung der Ärzte 1895 als Untersuchungsgefangener in der Waldau verfasste (abgedruckt in: Walter Morgenthaler: Ein Geisteskranker als Künstler, Bern/Leipzig 1921, S.95-104).

    1872 wird er zusammen mit seiner kranken Mutter aus Bern nach Schangnau im Emmental gebracht. Er wird von der Mutter getrennt, diese stirbt noch im selben Jahr. Die Jahre 1873-1879 erlebt er unter elendsten sozialen Bedingungen als Verdingbub auf verschiedenen Bauernhöfen. 1880-1889 arbeitet er als Bauernknecht in den Kantonen Bern und Neuenburg. Er verliebt sich mehrmals, die Beziehungen enden immer unglücklich. 1890 wird er wegen zwei Notzuchtversuchen an minderjährigen Mädchen zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt. 1892-1895 arbeitet er als Handlanger in Bern und Umgebung. 1895 wird er beim Notzuchtversuch an einem dreieinhalbjährigen Mädchen überrascht und der Polizei übergeben.

    Am 3. Juni 1895 wurde Wölfli dann auf Anordnung des Untersuchungsrichters in die Waldau aufgenommen, um auf seinen Geisteszustand untersucht zu werden. Das am 8.Oktober 1895 abgegebene Gutachten, [...], kommt zum Schluss, dass Wölfli geisteskrank und unzurechnungsfähig und ausserdem gemeingefährlich sei. Daraufhin wurde das gerichtliche Verfahren eingestellt und die Akten dem Regierungsrat überwiesen. Dieser beschloss am 23.Oktober, Wölfli in einer Irrenanstalt unterzubringen und solange darin zu lassen, bis er von seiner Geisteskrankheit geheilt, oder für die öffentliche Sicherheit nicht mehr gefährlich sei (Morgenthaler, siehe oben: S. 6/7).

    Wölfli wird in die Irrenanstalt Waldau eingewiesen, wo er die nächsten 35 Jahre bis zu seinem Tode verbringt. 1895-1899 tritt seine Krankheit - paranoide Schizophrenie - immer stärker hervor, der Patient ist unruhig und gewalttätig. Seit 1899 zeichnet er, erst nur mit dem Bleistift. Die ersten erhaltenen Zeichnungen datieren von 1904/05.

    1908 beginnt er die Arbeit am erzählerischen Werk und den dazugehörigen Illustrationen. Äusserlich beruhigt er sich zusehends. 1921 erscheint die Monographie über Wölflis Leben und Werk, das Buch «Ein Geisteskranker als Künstler» von Walter Morgenthaler, der Ende 1908 bis 1910 in der Waldau Assistenzarzt, seit 1913 Oberarzt ist und der Wölfli als Patienten wehrend 8 Jahren betreut und ihn in seiner künstlerischen Arbeit wesentlich unterstützt. Am 6. November 1930 stirbt Wölfli in der Waldau an Magenkrebs.

    Soweit Wölflis elende reale Biographie, wichtiger für ihn aber seine imaginäre oder fiktive Autobiographie: In ihr erfindet der grosse Künstler, der vor seiner Einweisung ins Irrenhaus weder geschrieben noch gezeichnet hat und dem es um «Kunst» nur am Rande geht, sein Leben neu, in seinem gewaltigen geschriebenen und gezeichneten Werk erarbeitet er sich seine neue Identität: Ab 1916 signiert er mit «Skt. Adolf II.», er versteht sich jetzt als Herr seiner «Skt.-Adolf-Schöpfung». Dieser Prozess wird als Lebensaufgabe verstanden und bedeutet harte Arbeit, hier schafft Wölfli eine neue Ordnung, die er der als chaotisch empfundenen Welt und seinem realen, nicht lebenswerten Leben entgegenstellen kann: Seine künstlerische Tätigkeit wird ihm zum Leben, notwendiges Mittel zum Überleben. Das heisst: Wölflis Kunst ist keine frei und distanziert mit leicht fliessendem Pinsel geschaffene, sondern, im Gegenteil, im Krampf und in der Obsession dem Farbstiftstummel abgetrotzt. In anderem Zusammenhang schrieb Rémy Zaugg dazu einmal ebenso lapidar wie treffend: «Wölfli ist nicht Dufy».

    «Adolf Wölfli schuf sein gesamtes Werk ausschliesslich während seines 30jährigen Aufenthaltes in der Irrenanstalt Waldau bei Bern. Dieses Werk fesselt sowohl durch die reiche Vielfalt bildnerischer, dichterischer und musikalischer Erfindungen, wie durch seinen gigantischen Umfang. Es umfasst 44 Bücher (20'000 Seiten) mit epischen Texten, Gedichten, musikalischen Kompositionen und über 1'400 gezeichneten Illustrationen sowie ca. 1'500 Collagen. Zusätzlich sind mehr als 750 Zeichnungen erhalten sowie einige bemalte Möbel, Paravents und eine Zimmerdecke in Wölflis ehemaliger Zelle in der Waldau» (Elka Spoerri in einem Informationsblatt des Kunstmuseums Bern).

    Unsere vier Zeichnungen, die hier erstmals publiziert werden (Anm. nur im Buch), gehören in den Umkreis des Werkes «Von der Wiege bis zum Graab. Oder, durch arbeitten und schwitzen, Leiden und Drangsal, bettend zum Fluch». Das Buch, dessen Publikation zur Zeit von der Wölfli-Stiftung vorbereitet wird, bildet das Kernstück der imaginären Lebensgeschichte Wölflis. 1908 beginnt er mit der Arbeit am etwa 3000 Seiten starken illustrierten Werk. Im Frühling 1912 bietet er es der Buchdruckerei Wiss, Gurtengasse, Bern an, dazu schreibt er: «[...] Sämtliche 171/2 Kilogr. Werthschriften, sehr untterhaltend und lehrreich Dahrgestellt, sind samt und sonders höchst eigene Erlebnisse aus der Zeit Unserer Natuhrvorscherei in den Jahren, 1864 bis 1872, und, repräsenttieren in 5 grossen Heftern einen Gesamt-Schatzungs-Werth von wenigstens, 34,000 Fr. Ich währe geneigt, 75,000 Exemplare druken zu lassen, auf höchst eigene Rechnung und Kostenaufwand ...» (Brief abgedruckt in: Dokumente und Briefe, zusammengestellt von Elka Spoerri, in: Kat.Ausst. A.W., Kunstmuseum Bern 1976, S. 120).

    In «Von der Wiege bis zum Graab» erzählt Wölfli fiktive Ereignisse aus den Jahren 1866-1872, also aus seiner Kindheit zwischen dem zweiten und dem achten Lebensjahr. Das heisst aber auch: Die Zeit vor dem Tod seiner innigst geliebten Mutter und vor dem Beginn seiner qualvollen Jugend als Verdingbub. Er nennt sich denn auch «Doufi», signiert zum Teil so. Er gestaltet seine Autobiographie als abenteuerlichen Reisebericht, den er aber nicht völlig von der Wirklichkeit abhebt, sondern in den er vielerlei aus der Realbiographie einbringt, in dem er tatsächlich Erlebtes auch verarbeitet. Der Inhalt von «Von der Wiege bis zum Graab»: «Die Erzählung beginnt mit der fiktiven Auswanderung der Familie Wölfli nach Amerika und wandelt sich in der Folge zu einer natuhrvohrschenden Reise durch die verschiedenen Erdteile, mehr oderrr weniger über die gantze Erde hin.

    Auf diesen Reisen sieht Wölfli sich in seiner Phantasie zunächat un Begleitung seiner Mutter und Geschwister; später erweitert sich die Gruppe zunehmend mit Freunden, um sich schliesslich als Schweizer Jäger- und Naturvorscher= Reise=Avantt=Gaarde zu formieren.» (Elka Spoerri, siehe oben).

    Unsere Blätter stammen nicht aus den «Heften», wie Wölfli seine Bücher nannte. 1912 datiert sind sie wohl im Anschluss an den Reisebericht entstanden, für dessen Schilderungen sich Wölfli u.a. durch die Zeitschrift «Über Land und Meer» und einen alten Atlas inspirieren liess. Die Vorderseiten und eine Rückseite zeigen Figuren und Situationen der Reise, zusammengestellt in jener für Wölfli (und seinesgleichen) typischen horror-vacui-Gestaltungsweise: Der obsessive Zeichner hat die Blätter mit Figuren, Szenen, dekorativer Ornamentik und musikalischen Notenzeichen prall angefüllt, manisch jeden Zwischenraum ornamental zugezeichnet, getilgt.

    Drei der vier Rückseiten zeigen reine, aber dekorativ gerahmte Textseiten. Den Text « Rathschläge an die allerliebsten verwantten Kinder» auf der Rückseite von «Pader=Boorn=Cohrn Riesenstadt» (Kat.-Nr. 634) möchten wir im folgenden wiedergeben, da eer sowohl für die reale wie für die fiktive Lebensgeschichte aufschiussreich ist. In «Von der Wiege bis zum Graab» spricht Wölfli von den zahlreichen Katastrophen, die ihm widerfahren, von Unglücksfällen einerseits - er bezeichnet oft sich selbst als «Unglücksfall» - von Hinrichtungen, auch Kreuzigungen, wegen sexueller Delikte anderseits. Immer aber wird der kleine «Doufi» auf wunderbare Weise gerettet oder er feiert Auferstehung.

    Auf solches bezieht sich der folgende, hier erstmals publizierte Brieftext: «Und nun, allerliebste, Verwanntte Kinder. Aus freiem Antrieb ertheiie ich Ihnen an Ohrt und Stelle meines pittersten Leidens, meine wohlge=meintten, allerbesten Rathschläge für Ihre Gegenwart und Zukunft, durch's iirdische Leben, welches ja untt'r Ihnen, gleich wie Anderwärts, in wechselvollem Gange, Freuden und Leiden, Sorgen und Bekümmerniss, Krankheitten, Ung=glüks=Fälle, Schmertzen und Heim=suchungen, etzettera, mitsich bringt.? Wie manch'r Irrweeg durch's iirdische Jammersthal: Verleittet, entführt und kreutzigt den zweifeln=den, unachtsamen Fehltritt eines Gefallenen, welchem statt die zwekentsprechende, gebührende Hilfe, nur Spott und Hohn ent=gegentritt. Es ist doch Sonderbahr. Gott ist guht. Und doch glauben 's Ihm die Menschen nicht, sobald Er vor seiner höchst eigenen Himmels=Thüre einen Fehltritt thuht. 'Hm!! AII'rdings. Vom Himm'l uf d'ÄÄrda n aba, Das ist de bim Heiland=Donn'r=Watt'r? Warumm: I bi na a Viarasächtzg'r: Und, vo mir Gebuhrt a, bis in's Alt'r vo 6 Jahra, bi n iig als jüngstes Mitglied d'r schitzerischa Natuhrvorsch'r u. Jäg'r=G'sellschaft vo 1,864 bis 1,870, uf'm gantza Äärda=Rund, nit wenig'r als üb'r 800 Felswänd usa g'falla, zum Theil 25,000 bis üb'r 32,000 Fuess höchi. Dessgliicha, üb'r 1,000 mal i d's tiaffa Wass'r g'heit. Jedoch Allimal untt'r ufopferung respektab'l'r Gäld=Summa, vo hochhärtziga, küahna Männ'r, Jüngling, Fraua oder Töcht'r, g'rettat worda. Dihr bruchat dürr Euers gantz Läba dura nit a soh Böös z'hah u. z'gitta, wie n iig ha müassa. Settiga Plaaga ha n i Euch enthoba. Itz het kei Mensch, 'Rbahrma: Hia mit dam Ung=glüks=Fall: I bi de mäg=gist, Wahrma ! Doch frissa n i, mit all. I wot doch nit, a Schwahrm ah! I Liga Hia, am Wall: Denn blau ist scho, d'r Daarm Dah !? Warumm, Sie litt im Stall. Halloh: Halloh: D'r Donn'r, Knall. Gez. Adolf Wölfli. Bern 1,912.»

    Quelle: Werke des 20. Jahrhunderts - Von Cuno Amiet bis heute
    Aargauer Kunsthaus Aarau - Sammlungsktalog 2
    Beat Wismer - Paul-André Jaccard
    Aarau 1983




    Adolf Wölfli - Das Schaffen der zwei letzten Jahre

    Kunstmuseum Bern - 09. September 2004 - 30. Januar 2005

    Die letzten zwei Jahre von Adolf Wölfli sind von einem grossen Schaffensdrang beherrscht. 1928 beginnt Wölfli mit der Niederschrift des Trauer-Marsches, eines umfassenden Requiems auf über 8'000 Seiten. Parallel dazu entstehen über 200 Zeichnungen, die Wölfli an ÄrztInnen, PlegerInnen und BesucherInnen verschenkt oder verkauft. Während er im Trauer-Marsch fast gänzlich auf Zeichnungen verzichtet bzw. sie durch Collagen ersetzt, behält er für die Verkaufswerke das Zeichnen bei.

    Der Trauer-Marsch bildet den Abschluss von Wölflis dichterischem Schaffen. Es handelt sich um 16 Hefte mit über 8300 Seiten dicht beschriebenen Texten und Collagen. Die darin enthaltenen Marsch-Lieder sind nicht wie in den vorhergegangen Heften in Solmisation aufgezeichnet, sondern fast abstrakte Lautgebilde. Ausgehend von einem Wort oder einem Motiv, das er oftmals der eingeklebten Collage entnimmt, entwickelt Wölfli einen Dialektreim auf Wiiga (Wiege). Auf diesen Dialektreim folgt eine Reihe von Lautgebilden, die sich auf die Vokale a, e, i, o, u reimen. Jedes Lautgebilde ist vom nächsten durch die Angabe 16.Cher:1 getrennt, die wir als als Taktangabe interpretieren. Auf diese Weise ruft Wölfli im Trauer-Marsch in komprimierter Form noch einmal zentrale Motive seiner Welt-Schöpfung auf: Frauen, Luxus, Fortschritt, Idylle, Katastrophe, Macht und Moderne, exotische Länder und Sitten usw. Im Lautgedicht verbindet er die Schlüsselwörter mit Wiege, dem Wort, das am Anfang sowohl seines Lebens wie seiner Schriften stand.

    Verkaufskunst

    Parallel zum erzählerischen Werk entstehen - zuerst vereinzelt, ab 1916 regelmässig - sogenannte Einblattzeichnungen, auch Brotkunst genannt. Im Gegensatz zu den Schriften, die als ganzes zusammenbleiben müssen, kann Wölfli diese Zeichnungen an ÄrztInnen, Angestellte und BesucherInnen verschenken, verkaufen oder gegen Farbstifte, Papier oder Tabak eintauschen. 1916 notiert die Krankengeschichte:[Wölfli ist] immer in seiner Zelle, wo er fleissig Märsche schreibt u. Portraits zeichnet. Letztere finden rasenden Absatz, da sie wirklich oft von künstlerischem Wert sind. Das Stück wird à 3 Fr. verkauft.

    Die Einblattzeichnungen sind für die Rezeption von Wölflis Werk von grösster Wichtigkeit. Während das Schriftwerk bis Anfang der 70er Jahre in der Waldau blieb und erst 1976 bekannt wurde, zirkulierten die Einblattzeichnungen in der Öffentlichkeit: zuerst in einem sehr kleinen Kreis von Liebhabern, später unter Künstlern (Jean Dubuffet, André Breton u.a.), seit 30 Jahren auch in Kunstausstellungen und auf dem Kunstmarkt.

    DB
    Kunstmuseum Bern


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