|
g26.ch HOME EVENTS MUSEEN GALERIEN BIOGRAPHIEN G26.CH NEWS BLACKBOARD BERN INFO KUNST |
Bern - die Hauptstadt mit Charme Äusserer Stand Der Äussere Stand war ein Schattenstaat im Alten Bern, in dem sich die jungen Patriziersöhne und eine weitere Burgerschaft auf die Regierungsgeschäfte vorbereiteten. Er baute von 1728 bis 1730 sein eigenes Rathaus, dessen wunderschöner Saal nach einer wechselvollen Geschichte nach einer Renovation 1982 wiedereröffnet wurde. Der Affe ist das Emblem des Äusseren Standes. Der Affe, der seiner Natur gehorchend, mit Vorliebe die Gebärden des Menschen imitiert, symbolisiert die Handlungsweise der Mitglieder des Äusseren Standes, die ein gegebenes, geordnetes System nachahmen. Der Affe sitzt verkehrt auf dem Rücken des Krebses, damit er auf dem Rückwärtsgang des Krustentieres der Zukunft entgegenblicken kann. Der vorgehaltene Spiegel dient nicht zur Belustigung und zur Befriedigung seiner Eitelkeit, sondern zeigt dem Affen auch den zurückgelegten Weg des Krebses, also der Vergangenheit, aus der er lernen und zugleich auch das Zukünftige erblicken kann. Der Äussere Stand von Bern und sein Rathaus, Verlag Paul Haupt Das Rathaus des Äusseren Standes in Bern Geschichte Der «Äussere Stand» war eine Vereinigung, die als Schattenstaat den «Inneren Stand», d. h. die Obrigkeit der Republik Bern, imitierte. Der Sinn dieser Einrichtung bestand darin, die jungen Bernburger vor ihrem eventuellen Eintritt in die Räte auf ihre Amtstätigkeit vorzubereiten. Der Aufbau des Äusseren Standes entsprach in allen Einzelheiten der Organisation der richtigen Staatsverwaltung, so dass Wahlvorgänge, Rechnungsablagen, politische Ansprachen, Gerichtstätigkeit und Bauverwaltung geübt werden konnten. In spielerischer Nachahmung wurden alle Ämter besetzt. An der Spitze stand der Schultheiss, der sowohl den Kleinen wie den Grossen Rat (Versammlung der Rät und Burger) leitete. Auch Landvögte wurden eingesetzt. Die fiktiven Landvogteien benannte man nach ehemaligen Schlössern oder Ruinen. Eine Sonderstellung nahm der Landvogt auf Habsburg ein. Die Würde der Institution verlangte die genaue Einhaltung der Satzungen mit Vorschriften über die Erfüllung der Amtspflichten, über Kleidung und Zeremoniell bei festlichen Veranstaltungen. Verfehlungen wurden mit Rügen und mit ansehnlichen Geldbussen geahndet. Von alters her dienten Auszüge und Kriegsspiele mit grosser Prachtentfaltung der militärischen Ertüchtigung. Ihre Anfänge liegen im dunkeln, gehen aber zumindest ins 16.Jahrhundert zurück. Die Bernische Obrigkeit förderte den Äusseren Stand, ohne ihm seinen privaten Charakter zu nehmen. Bei der Ämterbesatzung erhielt üblicherweise der Schultheiss des Äusseren Standes eine Nomination in den Grossen Rat. Der Ostermontag war der bedeutsame Wahltag im alten Bern. Auf den festlichen Zug des Kleinen und Grossen Rates vom Münster ins Rathaus zur Vornahme der Wahlen am Vormittag folgte am Nachmittag der beliebte Umzug des Äusseren Standes. Diese prächtige Selbstdarstellung imitierte zwar die Regierungsprozession, doch wurden zusätzliche symbolische Figuranten mitgeführt. Respekt erheischend war der Bär, der die Staatsgewalt verkörperte. Eine andere Stellung hatte der Affe, der hinter dem Bär herging. Als Wappenfigur des Äusseren Standes und Symbol des «Nachäffens» wandelte sie sich im 18.Jahrhundert zum Urispiegel (Eulenspiegel), die masslos aufgeputzt die neuste städtische Damenmode der Oberschicht verulkte und nur noch eine Affenmaske und einen Spiegel bei sich trug. Eine Gruppe der drei alten Schweizer erinnerte an den Ursprung der Eidgenossenschaft, später kamen noch Wilhelm Tell und sein Knabe sowie Repräsentanten der Eidgenossenschaft hinzu. Harnischmänner verkörperten die militärische Tradition des Standes. Andere festliche Veranstaltungen waren die «Aufritte», Besuche eines Dorfes vor der Stadt durch einen reich kostümierten Reiteraufzug unter Führung und auf Kosten des Landvogtes auf Habsburg, und «Regimentsumzüge», die mit grossen Scheingefechten auf dem Kirchenfeld zur Volksbelustigung und mit Gastmählern endeten. Ein «Ritt nach Murten» zur Entgegennahme der aus einer Vergabung stammenden Zinsen und Zehnten, Reden, Scheinprozesse, Gastereien und Bälle gehörten ebenso zu den gesellschaftlichen Veranstaltungen. Mit dem Bau eines eigenen Rathauses 1728-1730 manifestierte sich der Äussere Stand durch ein elegantes Bauwerk im Stadtbild von Bern. Diese grosse Aufwendung belastete allerdings die Institution bis aufs äusserste und brachte ihr fortan bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1798 schwere finanzielle Sorgen. Baugeschichte Der Äussere Stand, der sich auf Zunftstuben oder auch im Gesellschaftshaus zu Schützen versammelte, befasste sich im frühen 18. Jahrhundert mit dem Gedanken der Erbauung eines eigenen Rathauses. Nachdem verschiedene Möglichkeiten erwogen worden waren, beschloss er schliesslich 1728 mit Bewilligung der Obrigkeit, das Grundstück nördlich des Gesellschaftshauses zu Schützen zu erwerben und darauf gegen die Zeughausgasse hin einen Neubau zu errichten. Mit grösster Wahrscheinlichkeit verfasste der junge Berner Architekt ALBRECHT STÜRLER (1705-1747), der 1726 Mitglied des Äusseren Standes geworden war, das Bauprojekt. Zwar sind bisher seine Pläne nicht gefunden worden. Belegt ist aber, dass ihm im Bauverlauf eine Planänderung zur Kenntnis gebracht werden musste und dass er auch Detailzeichnungen zu einer Kamineinfassung für die kleine Ratsstube geliefert hat. Er scheint während der Ausführung des Baues nicht in Bern anwesend gewesen zu sein. Unter Leitung einer Baukommission, die aus Mitgliedern des Kleinen und Grossen Rates des Äusseren Standes zusammengesetzt war, und je einem Bauherrn aus beiden Räten als praktischen Baubegleitern, wurde das Gebäude vom Sommer 1728 bis Ostern 1730 erstellt. Das Bauprogramm verfolgte von Anfang an zwei Ziele: für die Bedürfnisse des Äusseren Standes sollten im Obergeschoss der grosse und der kleine Ratssaal und im zweiten Obergeschoss hofseitig die Kanzlei und die Rüstkammer angeordnet werden. Zur Sicherung regelmässiger Einkünfte baute man zwei sehr grosse Weinkeller und legte darüber Magazinräume ins ganze leicht angehobene Erdgeschoss, die vermietet werden konnten. Im Kaufvertrag blieb ein seit alters her bestehender öffentlicher Durchgang vorbehalten, und die Gebäudehöhe durfte für alle Zeiten 45 Schuh (etwa 13,2 m) nicht überschreiten. Die Steinhauer- und Maurerarbeiten wurden an die Werkmeister SAMUEL BAUMGARTNER und RUDOLF HEBLER vergeben, die Zimmerarbeiten an HANS JACOB und SAMUEL STÄMPFLI. Nach befriedigender Arbeit an der neuen Heiliggeistkirche erhielt JEANFRANÇOIS CALAME aus Vevey den Auftrag, Kalksteinplatten für die Sockelpartie des Gebäudes zu liefern. Zur Eindeckung des Daches brauchte Dachdecker JACOB BÄLDI 20'350 Ziegel. Nach der Aufrichte im Januar 1729 wurden der Innenausbau und die Ausstattung verwirklicht. Die Schmiedeisengeländer im Treppenhaus und auf dem Hofbalkon fertigte Schlosser SAMUEL HAAN an, die Vertäferungen aus Tannenholz und die Böden wurden an die Tischmacher Meister ABRAHAM EDELSTEIN und JOHANN HEINRICH FEHR vergeben. Die Gipserarbeiten und besonders die Stuckierung der Decke des grossen Saales, nach einem vereinfachten zweiten Vorschlag, übernahm JOSEPH ANTON FEUCHTMAYER, der zuvor die Gewölbe der Heiliggeistkirche ausgeziert hatte. Einfache Bänke für die Ratsherren, aber auch eingelegte Tische schufen wiederum die Tischmacher Edelstein und Fehr. Die Bildhauerarbeit im Segmentgiebel der Zeughausgassfassade, nämlich das Emblem des Äusseren Standes mit Affe und Krebs, übertrug die Baukommission MICHAEL LANGHANS, der zuvor an Bildhauerarbeiten am Kornhaus und an der Heiliggeistkirche mitbeteiligt war. Nach dem Abschluss der Arbeiten konnte der Äussere Stand am 10. April 1730 seine erste Sitzung im eigenen Rathause abhalten. Im folgenden Jahr erhielten der grosse und der kleine Saal noch Vorhänge, und ein blauweisser Turmofen von Hafnermeister BENEDIKT wurde aufgesetzt. Zwei Jahrzehnte später stattete man den grossen Saal reicher aus. Um 1753/54 bekam er ein vorzügliches Wandtäfer, das mit Eichenholz furniert und mit vergoldeten holzgeschnitzten Rocaillen verziert war. Die Qualität dieser Schnitzereien legt es nahe, als Schöpferin die Werkstatt der Gebrüder FUNK zu vermuten, die im Kommerzienhaus (ehemaliges Klostergebäude des Dominikanerklosters) unweit des Rathauses des Äusseren Standes wirkte. 1756 erhielt der Schultheiss einen von JOHANN AUGUST NAHL noch kurz vor seiner Abreise von Bern entworfenen neuen Thron, der vermutlich auch in der Werkstatt Funk ausgeführt wurde. 1758 folgte ein eleganter Sessel für den Landvogt auf Habsburg, 1760 wurde ein grosser Kristallleuchter gestiftet. Seit 1754 spendeten die Schultheissen des Äusseren Standes ihre Bildnisse zum Schmuck des grossen Saales. Die Finanzlage des Äusseren Standes - schon seit der Erbauung des Rathauses kritisch - wurde immer bedenklicher, und die Bauschulden drückten ständig. Schäden an der Stuckdecke des grossen Saales wurden nicht mehr behoben. Als aber 1794 gerade über dem Schultheissenthron sich ein Deckenstück löste und herabstürzte, musste doch etwas geschehen. Man behalf sich jedoch nochmals mit Ausbesserungen und beauftragte den Stuckateur LORENZ SCHMID von Konstanz (der gerade am Bibliotheksbau in Bern gearbeitet hatte), lediglich in der kleinen Ratsstube, wo es unumgänglich war, eine vereinfachte neue Decke zu erstellen. Mit dem Untergang des Alten Bern im März 1798 erlosch auch die Institution des Äusseren Standes. Das Emblem im Giebel an der Zeughausgasse fiel der Wappenverfügung des französischen Kommissärs Rapinat zum Opfer. 1799 kam die bewegliche Ausstattung auf einer Gant zum Verkauf. In der Helvetik diente der Saal dem Helvetischen Senat. Das Hekvetische Direktorium prüfte die Eigentumsfrage, dankte aber ab, bevor eine Regelung erzielt war. Die Stadt blieb Eigentümerin des Hauses. 1804 und 1810 versammelte sich hier die Eidgenössische Tagsatzung. Da die Stadt länglich erwog, aus dem Gebäude ein eigenes städtisches Rathaus zu machen, sich aber zu keinem Beschluss durchringen konnte, weil die ermittelten Kosten zu hoch schienen, verstaubte der einst prachtvolle Régence-Saal mit dem Louis XV-Täfer immer mehr. Auf der «Langen Tagsatzung» in Zürich wurde 1815 beschlossen, dass künftig abwechslungsweise immer zwei Jahre nacheinander Zürich, Bern und Luzern als Tagungsorte dienen sollten. Der Bernische Grosse Rat lehnte es ab, sein altes Rathaus für die Versammlungen der Tagsatzung zur Verfügung zu stellen. So wurde die Erneuerung des bisher benutzten Saales im Rathaus des Äusseren Standes dringlich. Erst nach der Abtretung an den Kanton am 22.Januar 1817 war die Bahn frei, um die Umbauarbeiten beginnen zu können. Die Architekten CAROLUS AHASVER V. SINNER, DANIEL OSTERRIETH und FRIEDRICH SCHNYDER hatten Vorschläge ausgearbeitet. Angesichts der kurzen noch zur Verfügung stehenden Zeit kam nur ein Teil des Sinnerschen Projektes zur Ausführung. Auf die Umgestaltung von Hof und Treppenhaus wurde verzichtet. Der Saal erhielt eine klassizistische Ausstattung mit stuckierter Eingangs- und Fensterwand. An der Decke wurden die Feuchtmayerschen Régence-Ornamente abgestossen, der Grund neu übergipst und dann sparsame Kranzmotive angebracht. Das Louis XV-Täfer kam teilweise in einem neu gestalteten Sitzungszimmer im Erdgeschoss zur Wiederverwendung, die überzähligen Panneaux kaufte ein Privatmann. Im Saal erhielten die Seitenwände Behänge aus gelber Lyoner Seide. Nur mit äusserstem Einsatz von Mitgliedern des Kleinen Rates und des Amtsschultheissen selbst und mit drastischen Massnahmen (Androhung von Gefängnisstrafen für säumige Handwerker) gelang es, den Saal knapp vor der feierlichen Eröffnung der Tagsatzung am 7. Juli 1817 fertigzussellen. Nach Entwurf von Architekt C. A. v. Sinner erhielt der Versammlungssaal im Jahr darauf noch zwei weisse Kachelöfen in kubischer Form mit aufgesetzten Säulenstümpfen und Trophäenabschlüssen, die 1856 durch zwei eiserne Tambouröfen ersetzt wurden. In dieser Form blieb der Saal bis in die vierziger Jahre. Möglicherweise im Hinblick auf seine Verwendung als Tagungsort des Ständerates des 1848 neugeschaffenen Bundesstaates ersetzte man die Seidenbehänge durch grüne Papiertapeten, die mit Randbordüren und Streifen gegliedert waren. Mit der Einführung der Gasbeleuchtung erhielt der Saal 1854 den noch erhaltenen grossen Pariser Korbleuchter mit Kristallbehang. Nachdem der Ständerat 1858 ins neue Bundesratshaus umgezogen war und der Saal noch für Vorträge und auch für musikalische Veranstaltungen diente, erhielt er 1872 nochmals eine neue sog. Goldtapete. Er verlor aber allmählich an Bedeutung, weil in Bern andere Gesellschaftshäuser entstanden waren, doch tagte hier immer noch das kantonale Schwurgericht. Ein letztes grosses Ereignis für das Haus war die internationale Postkonferenz Mitte September 1874, die zur Gründung des Weltpostvereins führte. Nach der Vollendung des neuen Amthauses zog auch das Schwurgericht aus, und das Gebäude, in dem so bedeutungsvolle geschichtliche Ereignisse wie u. a. die Besiegelung der Bundesverfassung 1848 stattgefunden hatten, war noch gerade gut genug, um als Gantlokal zu dienen. Der Kanton versuchte 1901 und 1904 vergeblich, die Liegenschaft zu versteigern. Im September 1904 kaufte dann die Eisenwaren-Firma Christen AG das Haus und schuf sich damit Raum und Reserve zur Erweiterung ihres Geschäftes, das sie im ehemaligen Gesellschaftshaus zu Schützen an der Marktgasse betrieb. Im Kaufvertrag wurde die neue Eigentümerin zwar verpflichtet, die Fassade des historischen Gebäudes an der Zeughausgasse zu erhalten, allerdings mit dem Zugeständnis, anstelle der vier Fenster im Erdgeschoss zwei grosse Schaufenster ausbrechen zu dürfen. Vorbehalten wurde ausserdem die Überführung des Restbestandes des Louis XV-Täfers ins Bernische Historische Museum. Nach der Fassadenveränderung im Jahr 1905, der schliesslich auch noch die Pilaster zwischen den beiden äusseren Fenstern geopfert wurden, und nach der Entfernung der Kellergewölbe folgten weitere Substanzverluste, so 1941/42 an der Hoffassade durch grosse Fensterausbrüche. Gleichzeitig geschah die Preisgabe der barocken Treppe und, mit der Schaffung eines neuen Zuganges zum Saal vom westlichen Nebengebäude her, die Aufgabe des Vestibules zugunsten von Büroräumen. Wenn die Zeughausgassfassade nun auch noch durch Verwitterung unansehnlich wurde, so blieb doch wenigstens der grosse Saal als solcher weiterhin intakt. Von 1905 bis 1935 beherbergte er das Alpine Museum, hernach diente er der Hauseigentümerin als Verkaufsraum für Gartenmöbel und Sonnenschirme, Faltboote und andere Sportartikel, die sich unter dem grossen Kristalleuchter sonderbar ausnahmen. Vor wenigen Jahren konnte der Architekturhistoriker Ulrich Bellwald den Geschäftsmann Viktor Kleinert, ehemaliges Vorstandsmisglied der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, so sehr für das Haus begeistern, dass dieser auf sein Risiko alle Hindernisse überbrückte, bis die von ihm angeregte «Stiftung Rathaus des Äusseren Standes» 1979 errichtet werden konnte. Als erster Präsident dieser Stiftung amtet Herr a. Bundesrat Rudolf Gnägi. Ihr gehören an der Bund, der Kanton, die Einwohner- und die Burgergemeinde Bern sowie die PTT. Sie machte sich zur Aufgabe, die Liegenschaft zu erwerben, zu restaurieren und als bedeutendes Kunstdenkmal und geschichtliche Stätte für die Nachwelt zu erhalten. 1980/81 erfolgte die Restaurierung der Zeughausgassfassade in ursprünglicher Form, die Rekonstruktion der Hoffassade und die spiegelbildliche Rekonstruktion des Treppenhauses. Der Saal behielt seine Architektur von 1817, die Tapete um 1845 wurde nachgedruckt. Die Bauarbeiten standen unter der Leitung des Architekturbüros Trachsel, Steiner und Partner. Für die Belange der Denkmalpflege und als Experte der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege vertrat der Verfasser dieser Broschüre die Arbeitskommission der Stiftung auf dem Bauplatz. Der Abschluss der Arbeiten und die Eröffnung von Saal, Erdgeschossrestaurant und Hof-Café fielen ins Frühjahr 1982. Äusseres Trotz der argen Bedrängung durch die hohen Nachbarbauten kann sich auch heute noch die Fassade des Rathauses des Äusseren Standes an der Zeughausgasse durch den Wohlklang der 1980/81 wiederhergestellten Architektur behaupten. Die fünfachsige Front, horizontal klar in das Sockel- und Saalgeschoss aufgeteilt, erhält ihre Vertikalbetonung durch den einachsigen Mittelrisalit unter Segmentgiebel mit Vasenbekrönung. Im mit Spitznuten bossierten Sockelgeschoss wird das Rundbogenportal mit Vortreppe von je zwei Rundbogenfenstern flankiert. Das hohe Saalgeschoss zeigt fünf schlanke Fenster mit Stichbogen, die durch Pilaster mit ionischen Kapitellen auf brüstungshohen Sockeln getrennt sind. Das Mittelfenster wird von Doppelpilastern begleitet. Die Brüstungsplatten ziert ein doppeltes reliefiertes Wellenband. Am Kranzgesims leiten Blattkonsolen mit Doppelvoluten über zum Dachgesims. Sie sind über den Kapitellen angeordnet. Im Segmentgiebel wurde die Neugestaltung von 1905 mit Rundfenster, Girlanden und Voluten beibehalten, da keine Unterlagen für die Wiederherstellung des Emblems des Äusseren Standes mit dem auf dem Krebs reitenden Affen, wie es Bildhauer Michael Langhans 1729 schuf, beigebracht werden konnten. Zwei Lukarnen mit Rundfenstern, seitlich von Voluten gestützt, erheben sich auf dem Satteldach genau über den Pilastern zwischen den beiden äusseren Fenstern. Nicht wiederhergestellt worden sind die beiden schrägen Kellerabgänge, die 1890 beseitigt worden sind. Die für Bern einmalige Südfassade ist vom freigelegten Hof her sichtbar. Dieser kann von der «Piazza» in der Zeughausgasspassage erreicht werden (Hof-Café). Auf Grund von Erhebungen am Bau selbst und mit Hilfe einer summarischen Planaufnahme vor den Umbauten von 1905 ist diese Fassade rekonstruiert worden. Sie erhebt sich vor dem giebelständigen Saalanbau, der das Treppenhaus mit Foyer sowie Nebenräume im Dachstock enthält. Fünfachsig im Erdgeschoss und im 1. Obergeschoss, setzt sich die Hausteinfassade vor dem Dachstock nur noch dreiachsig fort. Dort ist sie seitlich von steigenden Spiralvoluten gestützt und wird von einem breiten Segmentgiebel mit grossem liegendem Ovalfenster abgeschlossen. Über dem Erdgeschoss, das formal jenem an der Zeughausgasse entspricht, zieht sich auf die ganze Länge der Fassade ein Balkon auf doppelten Volutenkonsolen durch. Er ist sehr nahe mit seinem Vorbild an der Nordfront des Schlosses Hindelbank verwandt. Der reicher gestaltete Mittelteil und die linke Seitenpartie des Schmiedeisengeländers gehören zum Originalbestand des Hauses. Inneres Vom glasüberdeckten Hof her betritt man direkt das Treppenhaus. Es ist von der Zeughausgasse her auch vom Erdgeschossrestaurant aus erreichbar. Gegenüber dem 1941/42 abgebrochenen Original ist es aus betrieblichen Gründen spiegelbildlich neu aufgebaut worden. Es führt zum Foyer und zum grossen Saal, der die ganze nördliche Grundfläche des Hauses einnimmt. Die heutige Erscheinung geht auf die erhalten gebliebene Neugestaltung nach Plänen von Architekt C. A. v. Sinner von 1817 zurück. Die Mitte der Fensterwand ist durch eine korbbogige Pfeiler-Ädikula betont. Ihr gegenüber zeichnet sich der Haupteingang zum Saal entsprechend aus, ist aber durch ionische Pilaster begrenzt. Die rundbogige Lünette enthält noch das alte Zifferblatt der Blaser-Uhr von 1745, die später mit einer reichen Louis XVI-Schnitzerei umgeben worden ist. Bekanntlich war 1817 der Saal bei seiner schnellen Herrichtung auf die Versammlung der Tagsatzung hin mit gelber Lyoner Seide behängt worden, was archivalisch und durch ein Bilddokument belegt ist. Bei der Restaurierung fanden sich aber im Saal selbst noch Restbestände der um 1845 aufgezogenen grünen Papiertapete mit pflanzlich ornamentierten Bordüren. Daher wurde die Tapete als Handdruck reproduziert und die Eingangs- und Längswände damit neu bezogen. Die Einteilung des Berner Kreuzbodens entspricht dem alten Vorbild. Die einfache klassizistische Decke mit Mittelrosette und Kranzmotiven stammt von 1817. Der grosse Korbleuchter mit Kristallbehang kommt aus Paris. Er wurde 1854, wenige Jahre nach der Einführung der Gasbeleuchtung in der Stadt Bern im Hinblick auf Abendveranstaltungen und Sitzungen des Ständerates angeschafft. Die 1818 nach Entwurf von Architekt C. A. v. Sinner ausgeführten weissen Kachelöfen wurden 1856 durch Tambouröfen aus Eisen ersetzt, die sich ebenfalls nicht erhalten haben. Unerfüllt ist noch der Wunsch, die Sinnerschen Öfen zu rekonstruieren. Zuletzt sei der - allerdings nicht zugängliche - eindrückliche originale Dachstuhl erwähnt mit fünf Sprengwerkbindern von gegen 14 Metern Länge über dem Saal. Würdigung Das Rathaus des Äusseren Standes in Bern ist nicht nur ein wichtiges bernisches Baudenkmal, sondern auch eine geschichtliche Stätte von hohem Rang. Als Bauwerk ist es das erste ausgeführte Frühwerk des bedeutenden Berner Architekten ALBRECHT STÜRLER. Es steht in mancher Beziehung noch unter dem Einfluss des Schlossbaues von Hindelbank, wo Albrechs Stürler durch seinen Vater, der dort Bauleiter war, in die Baukunst eingeführt worden ist. Die Errichtung der Heiliggeistkirche führte qualifizierte Handwerker und Künstler nach Bern, die hernach auch am Rathaus des Äusseren Standes mitarbeiteten, so JEAN-FRANÇOIS CALAME aus Vevey und besonders JOSEPH ANTON FEUCHTMAYER, dessen Arbeit an der Decke des grossen Saales anlässlich der Restaurierung fassbar geworden ist. Als schönster Régence-Saal in Bern diente er dem Äusseren Stand, war elegantes Gegenstück zum gotischen Ratssaal der Obrigkeit und hielt in delabrierter Form noch her für die Versammlungen des Helvetischen Senates. Im Geist des Klassizismus für die Aufnahme der Eidgenössischen Tagsatzung neu gestaltet, ist er 1817 der modernste Raum Berns und als solcher wird er für das politische Geschehen unentbehrlich und zu einer geschichtlichen Stätte ersten Ranges für unser Land. Hier wird die Bundesverfassung beschlossen, hier tagt der Ständerat seit seiner Entstehung bis 1858, hier wird 1874 der Weltpostverein gegründet, eine Organisation, die alle Völker verbindet. Fast hundert Jahre hat dann dieses Kunst- und Geschichtsdenkmal ein kaum beachtetes Dasein gefristet. Privater Initiative ist es zu verdanken, dass es 1979 zur Gründung der «Stiftung Rathaus des Äusseren Standes» kam. Ihre Partizipanten: der Bund, der Kanton Bern, die Einwohnergemeinde Bern, die Burgergemeinde Bern und die PTT erreichten es mit Hilfe zahlreicher Spenden, dass dieses historische Monument vor dem völligen Niedergang gerettet und sorgsam wiederhergestellt werden konnte. Es bleibt zu hoffen, dass das restaurierte Gebäude mit seinem Festsaal als kulturelle Stätte das lebhafte Interesse der Öffentlichkeit finden möge. Hermann v. Fischer Das Rathaus des Äusseren Standes in Bern Schweizerischer Kunstführer 1985 ISBN 3-58782-306-2 1. Sitzung des Ständerates im «Rathaus zum Äusseren Stand» Bern nahm 1848 die neue Bundesverfassung mit 10'900 gegen 3'500 Stimmen an. Die erste Sitzung des Nationalrates fand am 6. November 1848 im Casino, diejenige des Ständerates im «Rathaus zum Äusseren Stand» statt. Ochsenbein wurde zum Bundesrat gewählt und Bern zur Bundeshauptstadt bestimmt. Auszug aus der Rede von Nationalratspräsident Ernst Leuenberger «150 Jahre Bundesstaat» vom 12.09.1998 Wir erinnern uns damit an den Montag, 6. November 1848, an den Tag, an welchem zum erstenmal in der Schweizer Geschichte die neu gewählten eidgenössischen Räte tagten. Ein Blick in die damaligen Ratssäle mag für Sie höchst interessant sein: Der Nationalrat zählte an sich 111 Mitglieder, es waren aber noch nicht alle gewählt; es kamen also noch nicht 111 zusammen. Laut Erich Gruner, dem Berner Politologen, waren von diesen 111 Nationalratsmitgliedern 87, also 80 Prozent, den Radikalen zuzurechnen, 10 dem Liberalen Zentrum; zudem gab es 9 Katholisch-Konservative und 5 Evangelisch-Konservative. Im Ständerat herrschten ähnliche Verhältnisse: 30 Radikale, 8 vom Liberalen Zentrum und 6 Katholisch-Konservative. Für historisch Interessierte mag es ausserdem interessant sein, hier zu vernehmen, dass die erste Sitzung des Nationalrates im alten «Casino» stattfand, das just an der Stelle unseres heutigen Parlamentsgebäudes stand. Nationalratspräsident wurde der Berner Ulrich Ochsenbein, aus Nidau – von den Konservativen auch als «Freischarengeneral» bezeichnet. Dem Ständerat wurde das «Rathaus zum Äusseren Stand» an der Zeughausgasse als Tagungslokal zur Verfügung gestellt. Erster Ständeratspräsident wurde Jonas Furrer aus Winterthur. Beide waren nur rund zwei Wochen lang Ratspräsidenten; beide wurden nämlich zehn Tage später in den ersten Bundesrat gewählt, Herr Jonas Furrer gleich auch zum Bundespräsidenten. Vollständige Rede Unterzeichnung des Weltpostvertrages im «Äusseren Stand» Ein letztes grosses Ereignis für das «Haus des Äussern Standes» war die internationale Postkonferenz Mitte September 1874, die zur Gründung des Weltpostvereins führte. Auf Anregung von H. von Stephan wurde am 9. 10. 1874 in Bern der Allgemeine Postvereinsvertrag, der die europäischen Länder, die USA und Ägypten umfasste, geschlossen. Aus ihm ging am 1. 6. 1878 in Paris der Weltpostvertrag als eigentliche Grundlage des Weltpostvereins hervor, dem sich bald praktisch alle Länder anschlossen. Der Hauptvertrag, der ausser den allgemeinen Grundsätzen nur den Briefverkehr regelt, wurde durch weitere Verträge über Wertbrief-, Postpaket-, Postanweisungs-, Postüberweisungs-, Postauftrags- und Postzeitungsverkehr ergänzt. Seit 1948 ist der Weltpostverein eine Sonderorganisation der UNO mit Sitz in Bern. Er fördert internationale Postdienste und erarbeitet Bestimmungen für den Postverkehr zwischen aktuell 189 Mitgliedsstaaten. Ebenso hilft der Weltpostverein Entwicklungsländern beim Aufbau effizienter eigener Postdienste. Etwa sechs Millionen Postmitarbeiter versorgen gegenwärtig in über 700'000 Posteinrichtungen weltweit mehr als sechs Milliarden Menschen mit rund 440 Milliarden Postsendungen pro Jahr. Weltpostverein - Denkmal und Brunnen Erster Standort des Schweizerischen Alpinen Museums Das Schweizerische Alpine Museum wurde 1905 von der Sektion Bern des Schweizer Alpen-Club an der Zeughausgasse im Rathaus zum Äusseren Stand eröffnet. Um 1930 konkretisierte sich der Wunsch, das Museum in einem eigenen Gebäude unterzubringen. Zur Errichtung und zum Betrieb des neuen Museums wurde 1933 eine Stiftung gegründet, die seither von der Eidgenossenschaft, dem Kanton Bern, der Einwohnergemeinde Bern, dem Schweizer Alpen-Club und der Sektion Bern des Schweizer Alpen-Clubs getragen wird. 1933 konnte der Neubau am Helvetiaplatz bezogen werden. Das Gebäude der Architekten Klauser und Streit steht heute als Zeuge des «Neuen Bauens» unter Denkmalschutz. 1990-93 wurde das Museum umgebaut und neu eingerichtet. Das modern gestaltete Museum zeigt seinen Besucherinnen und Besuchern einen lebendigen Eindruck der Alpenwelt, vermittelt vielschichtige Einblicke in wichtige Beziehungsnetze und zu aktuellen Fragen zum Alpenraum. Das Museum möchte aber auch Fragen stellen und einladen, über die Zukunft der Alpen nachzudenken. Das Schweizerische Alpine Museum
|