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Bern - die Hauptstadt mit Charme Antikensammlung Bern Hallerstrasse 12 Die Sammlung entstand 1806, als der Staat Bern Abgüsse für den Zeichenunterricht seiner Akademie bestellte. Seitdem haben die Stücke eine wechselvolle Geschichte erlebt, die den Wandel des abendländischen Kunstgeschmacks widerspiegelt. Seit 1994 stehen die Gipsabgüsse in einem ehemaligen Papierlager. Der Industriecharakter des Raumes prägte auch die Ausstellungsgestaltung: die Skulpturen stehen auf hölzernen Transportpaletten oder Betonröhren. Diese unbehandelten Industriebauteile bilden einen reizvollen Kontrast zu den ausgestellten Abgüssen. In einem weiteren Raum befindet sich eine Originalsammlung mit Werken antiker Kleinkunst. www.berninfo.com Antikensammlung Bern Die Geschichte der Berner Abgusssammlung antiker Skulpturen spiegelt beispielhaft die Veränderung des bürgerlichen Kunstgeschmacks in den letzten 200 Jahren. Aufgebaut seit 1806, parallel mit diversen vergleichbaren öffentlichen und privaten Sammlungen in Europa, erhielt sie im 1879 gegründeten Kunstmuseum einen Ehrenplatz. Als das Streben nach enzyklopädischen Sammlungen von Dokumenten entlegener Orte und alter Zeiten zu Beginn des 20.Jahrhunderts abgelöst wurde durch das modernistische Ideal des einmaligen Originals, verschwanden die Gipsabgüsse 1932 für längere Zeit im Depot. Mit dem neu erwachten Interesse am Thema der Repräsentation und der Infragestellung der Idee von Originalität seit den sechziger Jahren gewannen die grossen fotografischen und gipsernen Sammlungen des 19. Jahrhunderts wieder an Bedeutung. Die glücklicherweise unversehrt gebliebene Berner Sammlung wurde denn auch 1971 der Öffentlichkeit erneut zugänglich gemacht. Ein Umbau des Ausstellungsraums im Berner Mattequartier war der Anlass, 1994 einen neuen Standort für die durch das Institut für klassische Archäologie und Schulklassen frequentierte Sammlung zu suchen. Das 1973 gebaute unterirdische Papierlager der Druckerei von Kümmerly+Frey bot sich nach dem Auszug der Firma als Standort an. Ein bescheidenes Budget von etwa 100000 Franken liess keine aufwendigen musealen Inszenierungen zu. Kilian Bühlmann als Architekt und der für das Programm mitverantwortliche Zeichenlehrer Bernard Schlup machten aus der Not eine Tugend und entwickelten ein Konzept, das nicht nur funktional überzeugt, sondern auch eine architektonische Sprache entwickelt hat, welche das derzeitige Verhältnis zur Abgusssammlung treffend artikuliert. Die Ausstellungsarchitektur besteht aus denkbar unspektakulären Materialien. Als Sockel fungieren gemauerter Kalksandstein und Kanalisationsrohre aus Zement. Einige Figuren, welche die Archäologen verschiebbar wünschten, sind auf SBB-Transportpaletten plaziert, die problemlos mit einer kleinen Hubkarre bewegt werden können. Das Farbkonzept ist in verschiedenen Grautönen gehalten und kontrastiert zu den aus technischen Gründen bunten Röhren an der Decke. Die bewusst dichte Anordnung der Ausstellungsstücke evoziert die Atmosphäre von Sammlungen aus dem letzten Jahrhundert, ohne eine Rekonstruktion früherer «authentischer» Ausstellungskonzepte anzustreben. Zusammen mit der gleichmässigen Industriebeleuchtung verhindert diese Organisation eine Inszenierung der auratischen Präsenz bestimmter Einzelobjekte im Sinne von kostbaren Kunstwerken. Die Figuren bleiben vielmehr als flexibel benutzbare Elemente öffentlichen Besitzes organisiert. Die didaktische Funktion der Sammlung mit allen ihren ideologischen Implikationen des klassischen Bildungsideals wird weder geleugnet noch zelebriert. Was für die Präsentation von Kunst aus der Zeit seit 1960 zur Regel geworden ist, nämlich die «ortsspezifische» Inszenierung postmoderner Objekte vor den fragmentarischen, ja ruinösen Kulissen moderner Industriearchitektur, ist in Bern behutsam modifiziert worden. Die Abgüsse, denen zu keiner Zeit ein Kunstcharakter im heutigen Sinne eigen war, stehen im Kontext des kulturellen Archivs als Träger wechselnder Bedeutungen zur Verfügung. Dass diese Inszenierung an einem Ort geschieht, wo früher Papier - ebenfalls ein in die Jahre gekommenes Medium - gestapelt wurde, ist ein Zufall, den die Architekten dankbar aufgenommen haben. Augenzwinkernd ist ihnen eine Formulierung gelungen, die in ihrer strukturellen Offenheit eine Vielzahl von Lesarten zulässt. Die Rhetorik der kargen Ausstellungsarchitektur als Lagerhalle macht deutlich, dass die Präsentation dessen, was einst die Aufmerksamkeit der grössten Geister fesselte und über einen Zeitraum von 200 Jahren liebevoll aufgebaut wurde, der heutigen Öffentlichkeit kaum mehr wert ist als beispielsweise die Einrichtung eines Büros oder der Unterhalt eines Parkplatzes. Indem Abwasserrohre, Heizung und Stromleitungen des Gebäudes sichtbar belassen und in Zusammenhang mit den industriell produzierten Kanalisationsrohren und Stapelapparaturen der Sockel gesetzt sind, werden die Ausstellungsstücke lesbar als Metaphern für den Ort des «klassischen Erbes» innerhalb unseres kollektiven Gedächtnisses am Ende des 20. Jahrhunderts: als zugleich verdrängtes, in den Untergrund verbanntes als auch durch sprachliche und bildnerische Traditionen nach wie vor präsentes Element unserer Kultur. Philip Ursprung Stadtführer - Umnutzen von Industriebauten Berner Heimatschutz, Regionalgruppe Bern, 1997 Antikensammlung Bern Gipsabgüsse antiker Statuen haben seit der Renaissance, besonders aber im 19. Jahrhundert, grosse Verbreitung und Beliebtheit genossen. Einst stolzer Bestand der Akademie, später des Kunstmuseums, wurde die umfangreiche und gut erhaltene Berner Sammlung im frühen 20. Jahrhundert verschmäht und eingemottet. Von Prof. Jucker in den 70er Jahren am Nydeggstalden wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, fand sie 1996 in den ehemaligen Lagerräumen des Kartenverlages Kümmerli & Frey ihre heutige Bleibe. Als besonders gelungene Umnutzung eines Industriebaus gehörte die neue Antikensammlung neben der Unitobler 1997 zu jenen Objekten, für welche die Stadt Bern mit dem Wakkerpreis des Schweizer Heimatschutzes ausgezeichnet wurde. Als Schaulager, Studiensammlung und als universitätseigenes Quartiermuseum gehört sie zu jenen Orten Berns, in denen ein Besuch voller Überraschungen sicher ist. Angelockt vom Schaufenster eines Hauses aus den 1970er Jahren begeben sich die Gäste in den Untergrund. Nicht ganz wie die Archäologen, die sie einst ausgegraben hatten, aber immerhin ins zweite Untergeschoss einer einstigen Fabrik... Ein Gussasphaltboden, Neonbeleuchtung, hell gestrichener Beton, Trennwände aus Kalksandstein-Sichtmauerwerk und farbige Abflussrohre, die eine passende akustische Kulisse liefern: die industrielle Meterware will nicht recht zum hehren Bildungsgedanken passen, den die ausgestellten Abgüsse von antiken Kunstwerken sowie einige Originale in einem separaten Kabinett auf den ersten Blick verkörpern. Doch die "armselige" Präsentation ergibt nicht nur aus Kostengründen einen Sinn. Die Dekontextualisierung, welcher Kilian Bühlmann und Bernard Schlup die Kunstwerke aus zweiter Hand unterzogen haben, setzt sich gestalterisch mit den seriellen Herstellungsbedingungen der Objekte, ihrem gewandelten Status sowie der Stofflichkeit der teilweise illusionistisch bemalten und patinierten Gipse auseinander. In der reizvoll komponierten Aufstellung der Figuren werden überraschende Bezüge deutlich, welche anhand der in Museen quer durch ganz Europa aufbewahrten Originale undenkbar wären. Darüber hinaus ermöglicht die Aufbewahrung der grösseren Objekte auf Paletten ein einfaches Umstellen und neue Vergleiche nach Bedarf. Nebst der wissenschaftlichen Analyse können die Objekte auch in jener zeichensaalähnlichen Aufstellung verwendet werden, anhand derer Generationen im Zeichenlehrgang der Beaux-Arts-Tradition sich die Chiaroscuro-Technik angeeignet hatten. Die passenden Hocker stehen in ausreichender Zahl zur Verfügung! Die seit dem frühen 19. Jahrhundert hergestellten und sukzessive der Sammlung hinzugefügten Gipse zeigen einige der Kunstwerke in einem besseren Zustand als viele Originale. Der Katalog der Objekte ist zu finden in: Adrian Stähli, Die Berner Abguss-Sammlung (mit einem Beitrag von Sandor Kuthy), in: Hefte des Archäologischen Seminars der Universität Bern (HASB), 1. Beiheft, 1985 Universität Bern Bau und Raum
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