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Bern - die Hauptstadt mit Charme Der Kindlifresserbrunnen Kindlifresserbrunnen 1545/46 errichtet Hans Gieng den Kindlifresserbrunnen an Stelle des hölzernen Brunnens aus dem 15. Jh. 1666 taucht der Name Kindlifresserbrunnen an Stelle des vorher üblichen (Platzbrunnen) auf. Wahrscheinlich ist der wilde Mann/Kindlifresser eine Fasnachtsfigur, sicher aber kein kindermordender Jude. Das Bärenfries wurde von Hans Rudolf Manuel entworfen. Standort: Vor dem Haus Kornhausplatz 7 Historisch-topographisches Lexikon der Stadt Bern von Berchtold Weber (1976) Der Kindlifresserbrunnen Der Kindlifresserbrunnen auf dem Kornhausplatz stand noch ums Jahr 1700 im Schatten einer mächtigen Linde. Dieser Brunnen ist zweifellos der originellste unserer Stadt. Das achteckige Brunnenbecken zeigt noch die ursprüngliche Form. Es ist oben und unten mit einem kräftigen Eisenband zusammengehalten. Der untere Teil der Säule, aus dem vier Röhren aus Löwenmasken münden, ist glatt und vom oberen durch eine Schräge getrennt. Auf dieser zieht eine drollige, bewaffnete Mutzenschar mit einem Pfeiffer und einem Trommler mit dem Fähnlein in den Krieg. Über den Schultern tragen sie einen Harnischkragen. Ihre Säbel sind an breiten, roten, mit weissen Kreuzlein belegten Bandelieren angehängt. Der kannelierte obere Teil der Säule ist mit Girlanden verziert. An einem Täfelchen hat der Meister sein Monogramm HG angebracht, das zwischen den Initialen einen Klöpfel mit einem darübergelegten Meissel zeigt und Hans Gieng zugeschrieben wird. Am korinthischen Kapitäl sind statt der Voluten langgehörnte Bocksköpfe angebracht. Auf der Säule sitzt der Kindlifresser. In einem Sack hat er die gefangenen Kinder verwahrt und andere krabbeln an ihm herum oder machen gar einen Fluchtversuch. Dass er keinen Spass versteht, beweist er mit drastischer Deutlichkeit, indem er eben mit sadistischer Wohllust eines der Kindlein verspeist. Über den Sinn dieser Darstellung herrschen die verschiedensten Deutungen. Durch den Spitzhut ist die Figur als Jude charakterisiert. Zudem waren früher Hut, Gürtel und Ärmel der Figur gelb bemalt, entsprechend der damaligen jüdischen Tracht. Allgemein ist man der Ansicht, der Künstler spiele hier auf den Judenmord von 1288 an. Der Chronist meldet, zwei Juden hätten damals einen Knaben ermordet (es handelte sich sehr wahrscheinlich um einen Ritualmord, dessen geschichtliche Hintergründe Jakob Stammler, der spätere Bischof von Basel und Lugano, in seiner Schrift von 1888 untersuchte und zum Schlusse kam, dass der Mord bezweifelt, sogar in Abrede gestellt werden kann). Diesen Mord benützte die Stadt, nach den Aufzeichnungen des Chronisten, als Vorwand zur Verbannung der Juden. Dem Knaben Ruff aber wurde im Münster ein Altar gestiftet. Wenn auch zur Zeit der Errichtung des Brunnens dieser Altar nicht mehr stand, so war doch im Volke die Erinnerung daran noch lebendig. Dass der Künstler mit seiner Gruppe diese damals mehr als 250 Jahre zurückliegende Tat dem Bürger als abschreckendes Beispiel vor Augen führen wollte, ist kaum anzunehmen. Dass ihn die Geschichte zu dieser Gruppe anregte, ist andererseits nicht ausgeschlossen. Vielleicht haben wir es mit einem originellen Einfall des Meisters zu tun, den man ihm als wahrem Volkskünstler wohl zutrauen könnte. Oder hat er gar ein Liedlein gehört, das von einem Kindlifresser zu berichten wusste ? Da Hans Gieng neben seinen volkstümlichen Typen zu Brunnenfiguren die damals beliebten Personifikationen wählte, ist eine Deutung, es könnte sich auch um Kronos handeln, nicht ohne weiteres zu verwerfen, auch wenn diese Deutung etwas gesucht erscheint. Das Jahr 1824 wäre beinahe zum Schicksalsjahr dieses herrlichen Brunnens geworden. Die Baukommission ersuchte in diesem Jahre Ad. von Graffenried um einen Devis und Modell zu einem neuen Brunnen auf dein Kornhausplatz. Glücklicherweise blieb es bei der Deponierung der Pläne und Kostenvoranschläge im Büro des Bauamtes! In den Monaten Juni und Juli 1857 restaurierte der Maler Wilhelm König den Brunnen. Und schon meldeten sich Kritiker, da der Maler die gelbe Farbe an Hut, Ärmeln und Gürtel verschwinden liess und das Wams rot bemalte. Die Restauration befriedigte aber auch sonst nicht, so dass der Maler das Gerüst 1861 erneut besteigen musste. Wilhelm König, Maler, Poet und Bärenwärter von 1847-1865, war der Neffe des Genremalers Franz Niklaus König. Vom Winter 1890 bis ins Frühjahr 1891 wurde der Brunnen anlässlich der grossen Brunnenrenovation einer gründlichen Restauration unterzogen. So war beispielsweise der Sockel der Säule zerrissen, und die Gassenbuben belustigten sich mit denn Zuhalten der Röhren, um das Wasser durch die Spalten des Sockels austreten zu lassen. Ebenso war das Kapitäl sehr stark beschädigt und musste gründlich renoviert werden. Die Kosten dieser Instandstellung beliefen sich ohne die Malerarbeiten auf über 1000 Fr. Weitere Neubemalungen erlebte der Brunnen in den Jahren 1904 und 1919. Die letzte Renovation wurde 1936 unter Aufsicht des Kunstmalers Victor Surbek durchgeführt. Von Paul Schenk Berner Brunnen-Chronik Verlag Herbert Lang & Cie Bern 1945 Verschiebung und Saniereung im Jahre 1997 Der Kindlifresser-Brunnen ist einer der wenigen alten Platzbrunnen in der Stadt. In der Brunnenfigur hat Hans Gieng sein originellstes und bekanntestes Werk geschaffen. Seit der Neufassung von Säule und Figur 1972 waren keine weiteren Massnahmen nötig. Erst bei der Sanierung des Kornhausplatzes und der dadurch notwendigen Verschiebung des Brunnens drängten sich eine Reinigung und Konservierung der Anlage auf. Das Projekt zur Neugestaltung des Kornhausplatzes reicht ins Jahr 1986/87 zurück. Eine gewaltige Kostensteigerung in den darauf folgenden Jahren veranlassten den Gemeinderat, das vom Parlament zur Ausführung bestimmte Projekt mit einer Neupflästerung des Platzes zurückzustellen. 1996 wurde dem Stadtrat eine neue Vorlage unterbreitet, in der entgegen der Auffassung der Denkmalpflege auf die Pflästerung des Platzes verzichtet wurde. Die Ausführung erfolgte 1997 parallel zur Sanierung der Kornhausbrücke. Der Kindlifresser-Brunnen war von den baulichen Massnahmen insofern direkt betroffen, als die verkehrstechnische Zusammenfassung der Bus- und Tramhaltestelle zu einer Doppelhaltestelle seine Versetzung bedingte. Der Entscheid, den Brunnen zu schieben, fiel der Denkmalpflege nicht leicht, handelte es sich beim Kindlifresser doch um einen Stadtbrunnen, der noch nie disloziert worden war. Nach eingehender Prüfung wurde einer Parallelverschiebung in die Achse des Zeughausgässchens zugestimmt. Die Brunnenanlage wurde vor Beginn der Bauarbeiten vollständig demontiert: Brunnenbecken und Postament des Stocks wurden für Reparaturarbeiten und eine neue Verrohrung in die Werkstatt des Steinhauers verbracht, Brunnenfigur und Säule der Obhut von Bildhauer und Restaurator übergeben. Die Arbeiten des Bildhauers umfassten neben den Flickarbeiten an Säule und Kapitell den Ersatz aller rostenden Verbindungsmaterialien. Die Restauratoren besorgten die Reinigungs- und Konservierungsarbeiten an der Fassung von Figur und Säule. Letzte Feinarbeiten und die Neuvergoldungen wurden nach dem Wiederaufbau am neuen Standort vorgenommen. Am Säulenfuss mussten einige der verloren gegangenen oder als Trophäen entwendeten Attribute der Bären wieder angefügt werden. Die Demontage des Beckens legte auch den Beckenboden frei. Die unregelmässig geschnittenen und zusammengesetzten Steinplatten erwiesen sich als Plattenbruchstücke des ersten Brunnenbeckens, deren zwei eingravierte römische Ziffern aufwiesen. Auf einer der Platten ist die Jahrzahl MDXXXXV (1545) zu erkennen, welche die Datierung Paul Hofers bestätigt. Der Boden des Brunnenbeckens wurde aus acht neuen, dreieckigen Kalksteinplatten zusammengefügt. Die aus dem späten 17. Jahrhundert stammenden acht Rechteckplatten des Beckens befanden sich - abgesehen von kleineren Schadstellen - in gutem Zustand, wurden geflickt und mit neuen Verbindungen abgedichtet. Von den beiden Eisenbändern wurde das besser erhaltene obere, als Dokument einer früheren Sicherungsmassnahme, beibehalten. Die den Brunnen einfassenden Steinplatten waren im Verlauf der Jahrhunderte von neuen Platzoberflächen überdeckt worden. Auf dem neuen Betonfundament wurde, historischen Bilddokumenten entsprechend, wieder eine aus dem Platzniveau heraustretende, achteckige Schrittplatte aus Granit verlegt. Derselbe Granit dient auch am Sudeltrog als zweiseitige Einfassung, auf der Nordseite wurde er mit einer Hundetränke versehen. Dank der durch die Platzsanierung ausgelösten Gesamtrestaurierung ist der Kindlifresser-Brunnen an seinem neuen Standort nahe dem Kornhaus wieder langfristig gesichert. Auf der kahlen Asphaltfläche des Platzes hat er allerdings seinen optischen Halt eingebüsst. J.K. Denkmalpflege in der Stadt Bern 1997-2000 Herausgegeben von Bernhard Furrer Historischer Verein des Kantons Bern ![]() |