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Bern - die Hauptstadt mit Charme

Berner Landsitze      français  english

Nicht die Stadt allein macht die bernische Stadtkultur aus. Ihr Merkmal, bis in den Rhythmus der Sprache vernehmbar, ist ja die Verbundenheit von Stadt und Land, das Hineinspielen des Landes in die Stadt, wie es an Markttagen noch immer zum Ausdruck kommt. So fühlt sich der Bauer auch in der Stadt zuhause; blickt er hinaus, sieht er den Jura blauen, die Schneeberge schimmern, nah oder fern, je nachdem ob Föhn oder Bise weht, dazwischen die Matten, Hügel, Wälder hingebreitet, all die Gehöfte, jedes für sich eine Welt.



Burgen, Schlösser, Campagnen im Kanton Bern

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  • Schloss Sinneringen
  • Schloss Spiez
  • Schloss Thun
  • Schloss Toffen
  • Schloss Wimmis
  • Schloss Worb II
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  • Lob des Landsitzes

    In die Landschaft gebettet liegen die Sommersitze der Gnädigen Herren von einst, deren Lebensart in ihnen vielleicht den sprechendsten Ausdruck gefunden hat. In ihnen vereinigt sich französisch beeinflusste Urbanität mit Bodenständigkeit. Alt überlieferte Herrschaftsverhältnisse, im einzelnen noch aus Twingherrenzeiten her, lebten, als die äusseren Rechte längst nicht mehr galten, hier in patriarchalischer Weise fort. Ihre Streuung ist beträchtlich, verteilt sich über alle Gegenden rings um die Stadt, über Aare- und Gürbetal, gegen das Seeland hin, in den Aargau und ins Waadtland hinein, im Emmental weniger, am dichtesten in unmittelbarer Nähe von Bern.

    Verschiedenartig ist die Entstehung der Sitze. Die ältesten, zum Teil besonders stattlichen Beispiele erweisen sich als Burgen, die man später wohnlich umgebaut und verwandelt hat, so Burgistein oder Landshut. Die Verwandlung war je nachdem halb oder ganz: in Worb etwa wurde der neue Wohntrakt freistehend, in Spiez verbunden mit dem Altbau von Grund auf errichtet, der Burgbau blieb bestehen; in Rümligen nahm man den alten Palast in die Kur. Jegenstorf ist wohl das beredteste Beispiel, wie zur Zeit des Sonnenkönigs ein Wohnschloss mit vier neuen, einander ebenbürtigen Fassaden aus der alten Burg gewonnen wurde, wobei diese mitsamt dem Turm im Mauerwerk als Kern erhalten blieb. Auch Toffen machte eine ähnliche Metamorphose durch.

    Eine zweite Reihe entbehrt des fortifikatorischen Elements, zeigt ein in die Landschaft versetztes städtisches Bürgerhaus. Dazu zählt Allmendingen ohne die später angebauten Flügel, das reizende Wittigkofen, zu dem die Berner wachsam Sorge tragen sollten, das Rothaus bei Bolligen. Der Typus hält sich zwischen steinernem Bauernhaus - etwa den alten Untervogteien - und dem Jagdschlösschen, für das besonders der waldreiche Aargau schöne Beispiele bietet. Das spätgotische Gesicht solcher Häuser - die leicht abgewalmten Giebel, die profilierten, oft gekuppelten und gestaffelten Fenster, die gewendelten Treppentürme, Schneggen genannt - ist später vielfach preisgegeben worden, so in Rörswil; dass aber sogar in scheinbar völlig dem Dixhuitième angehörenden Bauten bei kleinen Änderungen plötzlich ein altes Mauerstück, ein eingemauertes gotisches Fensterprofil zum Vorschein kommt und den vermeintlichen Neubau zum souveränen Umbau stempelt, hat jüngst das doch wie aus einem Guss geformte Schloss Gümligen gelehrt.

    Dann gibt es das Herrenhaus des 17. und 18. Jahrhunderts. Zum frühen Typ barocken Gepräges gehören die Schlösser Oberdiessbach und Utzigen (das in neuerer Zeit zur grossen Anstalt ausgebaut worden ist): stattlich gravitätisch, mit dem Anspruch auf Prunk. Die Epoche König Ludwigs des Vierzehnten mit eingeschossiger Wohnlichkeit unter schwerem Mansarddach vertreten der Bürenstock in der Schosshalde und das Neuschloss in Bümpliz. Dann, in der Zeit fortschreitend, die Schlösser des Hieronymus von Erlach: Thunstetten und Hindelbank, oder des Beat Fischer: Hofgut und Schloss in Gümligen (Régence und Louis XV); weiter - schon klassizistisch - Fellenbergs Landhaus Hofwil, der Lohn bei Kehrsatz, Ortbühl bei Steffisburg, Bauwerke Ahasver Carl von Sinners.

    Nach dem Untergang des alten Bern riss die Baufreudigkeit naturgemäss ab; eine Ausnahme bildet die von Osterrieth erbaute Empire-Villa Morillon zwischen Wabern und Bern, nach strengem, übers Kreuz symmetrischem Kanon gebaut. Der Romantik schliesslich entstammte die längst verschwundene Thuner Chartreuse des Schultheissen von Mülinen, der Umbau des früheren Stiftes Amsoldingen zum ländlich verwunschenen Schloss, bis schliesslich in einer Mischung von Loireschloss und englischer Gotik die Schadau, aber auch Schloss Oberhofen die Blüte des Historismus markieren. Genug der Aufzählung; sie erweist die Kontinuität im Entstehen des bernischen Landsitzes vom Mittelalter bis in die neue Zeit, nur wenige Beispiele sind damit zur Kette gereiht, und manches intime Schlösschen sei just um des ihm eigenen Zaubers willen hier nicht genannt.

    Zur «Campagne» gehört, wie das Wort für diese Sitze sagt, die Einbettung in die Landschaft. An den Bauten des 18. Jahrhunderts fallen nicht nur die hohen Flügeltüren im Erdgeschoss anstelle von Fenstern auf, charakteristischer noch ist der Anbau, das «Peristyl», der offene Gartensaal, in dem ein Leben halb im Freien geführt werden kann. Davor der Lustgarten, oft mit Gartenarchitektur nach französischem Vorbild, mit Terrassen, Statuen, Buchsbordüren, mit Springbrunnen, Weiher und Teich. An der Eingangsseite führt das Portal - zwischen Pfeilern, die Vasen krönen, ein goldverziertes geschmiedetes Tor - in den Hof, unter Bäumen hindurch und an Brunnen vorbei. Eine Allee führt zum Haus, etwa beim Schloss Holligen, öfters ist sie auch abseits zu reinem Lustwandeln gepflanzt, im Mont beim Burgernziel, im Oberried bei Belp; herrliche Alleen, wie sie auch die Regierung als Zufahrtsstrassen zur Stadt angelegt, die Muriallee, die Bolligen- und die Papiermühleallee.

    Über den Garten schweift der Blick in die Landschaft, wobei man der Aussicht nach Süden nicht immer die heutige Bedeutung beimass, überlegen kehrte man ihr zuweilen - man denke an Thunstetten - den Rücken; die Nähe galt mehr, auch die Kühle, man wohnte ja nur im Sommer dort. Dem Herrenhaus benachbart steht das «Lehenhaus» mit Tenn, Scheune, Ofen- und Hühnerhaus, mit Speicher, Feuerweiher und Stöckli, Bauerngarten und Hostet (Obstgarten), und so wie das Verhältnis vom einen architektonischen Bereich zum andern sich offenbart, vertrauensvoll nah, war auch das Verhältnis von Herren- zu Lehensleuten. Es war zuweilen derart, dass man sich sogar aneinander zu bauen nicht scheute. Wie es war, lese man bei Rudolf von Tavel nach, wo all dies unnachahmlich und voll menschlichen Verständnisses gezeigt ist, aus tiefer Kenntnis altbernischen Wesens, dessen Voraussetzung der Stadtstaat gewesen ist. In der «Campagne» erwuchs dem Patrizier der Ausdruck seiner eigenen Art, die davon ausging, Herr auf eigenem Land zu sein. Kein sentimentales Verhältnis, eher rechnerisch bäurisch, ein Sinn, der ganz aufs Heimische bezogen war, aber mit in fremden Diensten, an fremden Höfen erworbenem Geschmack.

    Zum Bauen stellten sich rechtzeitig die Architekten ein, die zum Teil dem Patriziat selbst entstammten und deshalb in ihren «Visierungen» das Wesen der Bauherren getreulich abzubilden wussten. Ausser Stürler der schon genannte Sinner, dessen hinterlassenes Werkverzeichnis Heinrich Türler im Neuen Berner Taschenbuch für 1924 veröffentlicht hat. Seine Arbeiten sind darin etwa wie folgt aufgeführt: «24. Lenzburg für Hrn. Hünerwadel, zu einem grossen Wohnhaus plan gen: plans, elev: coup: etc exeq. (dazu Gen. Direction der execution alle Arbeiten viel Müh und Verdruss). 43. Hrn. Hauptmann Freüdrich älter. für seine Campagne bey den ramparts etwelche Dessins für verschiedene Artikeln. (8 bouteilles Burgunder)». Ein andermal als Honorar: «i Welschhahn, 2 Capaunen». Dabei eine von Sinner signierte «Note von billigen Anforderungen... wegen gemachten Gebäuden reparationen und beträchtlichen plans ... Kr. 320.-. Dies alles hatte schon von 1780 bis 1794 zu fordern, werde aber allem Anschein nach nichts erhalten.»

    Zeitlich zwischen beiden jener Niklaus Sprüngli, dessen Hand in der Gloriette des Oberried und in den Pavillons von Tschiffelys Landgut in Kirchberg, am Blumenhaus beim Schloss Münsingen sichtbar ist - und zu Anfang der Franzose Abeille, der ausser als Schöpfer des Burgerspitals uns als Entwerfer des Erlach-Schlosses Thunstetten überliefert ist, vielleicht auch Schloss Hindelbank erdacht hat.

    Im 18. Jahrhundert erreicht so das bernische Landhaus seine der gestellten Aufgabe rein entsprechende Lösung. Der Bau zeichnet sich durch rechteckig-kubische Gestalt unter ziemlich steilem, im Umriss leicht gebrochenem Walmdach mit beträchtlicher Vorkragung aus, zuweilen um ein Mittelrisalit unter Dreieckgiebel bereichert, mit zierlich geschmiedetem Balkongeländer und Ecklisenen, nur sehr vereinzelt mit Flügelbauten. Türme treten überhaupt nicht mehr auf, es sei denn in der zurückhaltenden Form eines Dachreiters wie in Ursellen oder Hofwil. Im Grundriss geht längs oder quer ein Mittelgang durch, die Treppe schwingt sich meistens ohne grossen Aufwand hinauf. Die Stuben sind getäfert, von mittelgrosser Geräumigkeit und Höhe. Eleganz, zur Behäbigkeit gemildert, tut sich auch am Mobiliar kund, an Funkkommode, Pendule, Spieltisch, an Fauteuil und Kanapee, Panneau und Tür, an Stuckdecke, Cheminée und schmiedeiserner Brüstung, und ist auch hier wieder Abbild des Bauherrn und seiner Weltoffenheit, die sich im Staatlichen so glücklich ausgewirkt hat.

    Ein Geschwister gleichen Wesen in bescheidenerem Gewand ist übrigens dem Herrenhaus im bernischen Pfarrhaus beigesellt, wie es uns die etwas spröde,liebenswerte Reihe kolorierter Umrissstiche des Kleinmeisters Weibel aus all den Kirchdörfern im Bild bewahrt. Heute gehören die Voraussetzungen, die die bernische Campagne erstehen liessen, sozial, politisch, genealogisch ganz der Geschichte an. Nur an wenigen Orten sitzen die alten Geschlechter noch auf ihrem angestammten Boden. Einige der vornehmsten Sitze haben ein entwürdigendes Schicksal gekannt, am meisten betraf dies Schloss Hindelbank. Und doch ist die Ausstrahlung dieser Campagnen noch nicht erloschen. Wo ein solches Haus seine Tore öffnet, strömen die Leute staunend, bewundernd, heimwehbefallen hindurch, vielleicht weil ihm eine Geborgenheit eignet, die in unserer Zeit sinnbildlich und doppelt stärkend empfunden wird.

    Vom Alten Bern
    Bern - von jeher Symbol der Kraft, des Mutes, der Ausdauer und Bedächtigkeit, gemeinhin Begriff eidgenössischer Politik und Verwaltung, Zentrum der Diplomatie! Vergisst man darob nicht gar zu leicht das Stadtgebilde selbst? Die Stadt Bern - Goethe nennt sie die schönste - ist in ihrer Geschlossenheit ein Kunstwerk. Das alte Bern der Lauben, breiten Gassen und Brunnen hat in Michael Stettler und Hermann von Fischer Söhne gefunden, die erfüllt von der Liebe zur Stadt ihrer Vorfahren, seine Schönheiten und Reize schauen, schildern und verteidigen. Dieses Buch, das dritte in der Reihe «Städte und Landschaften der Schweiz»,wird ohne Zweifel allen, denen nur der Name Bern Begriff war, eine Entdeckung bedeuten.
    Benjamin Laederer, Verleger
    1957 by Éditions Générales S.A. Genève



    Landsitz Lohn Kehrsatz
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