|
g26.ch HOME EVENTS MUSEEN GALERIEN BIOGRAPHIEN G26.CH NEWS BLACKBOARD BERN INFO KUNST |
Bern - die Hauptstadt mit Charme Christoffelturm Der Kampf um den Christoffelturm Als Bern zur Bundesstadt aufstieg und kurz darauf an die Eisenbahn angeschlossen wurde, änderte sich sein Aussehen nicht auf einen Schlag. Das Bundesratshaus – das heutige Bundeshaus-West – wurde 1857 seiner Bestimmung übergeben, und ungefähr zur gleichen Zeit entstanden auch der Berna-Brunnen davor und der Bernerhof, ein Hotel, das seit 1923 der Bundesverwaltung dient. Vor diesen Gebäuden zog sich nun die Bundesgasse hin, die aber noch nicht über den alten Mauerring hinausreichte und an der Christoffelgasse bei der Kleinen Schanze ihr Ende fand. Dieser Park erstreckte sich damals noch viel weiter nach Norden als heute und umfasste mehr Raum als die gegenwärtige Anlage. Zwischen Nydegg und Käfigturm verliefen die Strassenzüge ungefähr wie heute. Zwischen Käfigturm und Christoffelturm dagegen gab es manche Plätze und Gassen, die – anders als jetzt – nicht rechtwinklig aufeinandertrafen, manche Höfe, Werkstätten und verwahrloste Gärten offenliessen und auch wenig vermöglichen Bevölkerungsschichten eine Behausung boten. Damit stand die Rückseite der alten Schauplatzgasse in grellem Kontrast zu den neuen Monumentalbauten für Behörden und Verwaltung der Eidgenossenschaft, und sie schien manchem Anhänger eines fortschrittlichen Zeitgeistes zu unansehnlich und zu wenig repräsentativ für die Stadt in ihrer neuen Würde. Solche Kreise wünschten das Prestige Berns zu heben durch imposante Sandsteinbauten auch vis-à-vis der Bundeshäuser und durch eine Verlängerung der Bundesgasse über die Kleine Schanze hinaus. So sollte das Stadtbild gegen Westen hin an Eindrücklichkeit gewinnen. Doch fand auch die alte Form von Bauten und Strassenzügen ihre Verteidiger. Der Streit spitzte sich zu beim Kampf um Erhaltung oder Zerstörung des Christoffelturms, bei dem keineswegs nur Fragen von Architektur, Städtebau und Verkehrsführung mitspielten, sondern ebenso Politik und Weltanschauung, wie es ähnlich schon bei der Schleifung der Grossen Schanze zur Regenerationszeit oder bei Polemiken um den Fall der Stadtmauern von Basel und von Genf geschehen war. Zu den unversöhnlichsten Feinden des Christoffelturmes zählte Jakob Stämpfli, erst recht, nachdem er 1863 als Bundesrat zurückgetreten war und die Leitung der Eidgenössischen Bank übernommen hatte, deren Gebäude an der Christoffelgasse durch den Turm Licht und Helle einbüsste. An Stämpflis Seite fochten der freisinnige Kantonsbaumeister Friedrich Salvisberg, aber auch Oberst Albert Kurz, der noch 1850 auf der Leuenmatte in Münsingen zu den schwarzen Führern gezählt und 1854 die Fusion gefördert hatte. Erst nachher rückte er allmählich von den Konservativen weg und näher zu den Radikalen hin. Er starb im Frühjahr 1864 an einem Herzschlag gut ein halbes Jahr vor dem Abschluss des Kampfes um den Christoffelturm. Die letzte Entscheidung fiel am Donnerstag, den 15.Dezember 1864, von 9 Uhr morgens an bei der Versammlung der Einwohnergemeinde in der Heiliggeistkirche, nachdem jahrelange Debatten und Polemiken mit widersprüchlichen Zwischenergebnissen vorausgegangen waren. Nun sprachen 415 Stimmen für und 411 gegen den Abbruch. Das war um so verwunderlicher, als bei einem vorangehenden Wahlgeschäft der konservative Kandidat mit 351 gegen 318 Stimmen über seinen freisinnigen Rivalen gesiegt hatte. Zwar empfand mancher Zeitgenosse die Angelegenheit als einen Kampf um Alt- oder Neu-Bern, doch schieden sich die Fronten nicht säuberlich nach den politischen Parteien der Konservativen und der Radikalen. Jedenfalls setzten sich keineswegs alle Burger, nicht einmal alle Patrizier geschlossen und mit voller Kraft für den Christoffelturm ein. Manchen von ihnen schien der Bau eines neuen Museumsgebäudes für Konzerte und gesellige Anlässe – das heutige Haus der Kantonalbank am Bundesplatz – dringlicher und der finanziellen Unterstützung eher würdig. Andere waren bereit, den Christoffelturm zu opfern, um im Gegenzug vielleicht einen grösseren Teil der Kleinen Schanze erhalten zu können. Übrigens hatten ungefähr zur selben Zeit andere Verluste wertvoller Bauten kaum Aufsehen oder Widerstand ausgelöst, etwa der Abbruch des Marzilitores 1855 oder die Zerstörung des Chorlettners im Münster für die Errichtung einer Tribüne beim eidgenössischen Sängerfest 1864. Dazu kam, dass just damals innere Gegensätze die Burgerschaft spalteten. Aus ihrer Mitte hatte eine Gruppe reformfreudiger Männer um den freisinnigen Nationalrat Rudolf Brunner die Auflösung der Burgergemeinden und ihre Verschmelzung mit den Einwohnergemeinden vorgeschlagen. Zwar scheiterte dieser Burgersturm an mannigfachem Widerstand, aber er band Kräfte, die dann bei anderen Auseinandersetzungen fehlten. Dazu schwand überhaupt der Respekt vor dem Überlieferten, wollten doch zum Beispiel kritische Historiker ungefähr zur gleichen Zeit auch die Führerschaft Rudolf von Erlachs in der Schlacht bei Laupen ins Reich der Legende verweisen. Und schliesslich war wenig vorher das Hauptwerk Charles Darwins erschienen, aus dem Traditionsgegner ableiten konnten, auch an Bauten sei nicht erhaltenswert, was im Kampf ums Dasein unterliege. Der Abbruch des Christoffelturms wurde sofort vollzogen und war bereits Mitte Januar 1865 abgeschlossen. Beat Junker Geschichte des Kantons Bern seit 1798: Band III Tradition und Aufbruch 1881 1995 Christoffelturm, Obertor (bis ca. 1430), Oberspitalturm 1344-1346 erbaut, 1379-1384 1. Ausbau. 2. Ausbau 1467-1470: Erhöhung um fast 10 m, Vergrösserung der stadtseitigen Nische. Die Christoffelfigur aus der Mitte des 15. Jh. wird 1498 durch eine 9,7 m hohe Lindenholzflgur ersetzt. 1487/88 Bau des Vorwerks und der steinernen Grabenbrücke. 3. Ausbau 1575-1583: Turm um ca. 9 m erhöht. First mit 2 Wetterfahnen. 4. Ausbau nach dem Bau des Murtentors wird 1642/43 die Triumphbogenfront des Vorwerks errichtet. 1853 wird an dieser eine Kopie des Bildes im Hof des Grossen Zeughauses (3 Eidgenossen) angebracht. Abbruch des Ch. im Frühjahr 1865 nach der Gemeindeabstimmung vom 15. Dezember 1864, bei der 415 Befürworter 411 Gegnern gegenüberstanden. Die Christoffelfigur wurde in der Mitte des 16. Jh. zum Torwächter, später zum Goliath «umgerüstet» (Keule statt Jesuskind, Stab und Heiligenschein). Standort: Westlich des Hauses Spitalgasse 57 Historisch-topographisches Lexikon der Stadt Bern von Berchtold Weber (1976) Christophorus Im Jahr 1496 erteilte der Rat der Stadt Bern einem Bildhauer den Auftrag, «sant Christoflen uff dem obern tor zu machen». Zwei Jahre später ist das zehn Meter hohe Standbild fertig und wird aussen an einem Stadttor, dem Christoffelturm, aufgestellt. Als 1528 Bern reformiert wird, findet auch die Heiligenverehrung ein Ende. Man möchte nicht länger einen Christophorus ins Strassenbild schauen sehen, darum entfernt man das Christuskind von seiner Schulter, ebenfalls den Nimbus (Heiligenschein) und setzt dem »Christoffel« statt dessen ein Federbarett auf, dazu kommt ein neues Schwert und statt des Baumstammes eine Hellebarde: aus dem Heiligen wird ein altertümlicher, kriegerischer Turmwächter. Bis ins 18. Jahrhundert wird das Standbild regelmässig bemalt und instandgehalten. Seine ursprüngliche Bedeutung aber geht unter. Im 19. Jahrhundert betrachtete man ihn als lustige Merkwürdigkeit, die bei Volksfesten eine Rolle spielte. Selbst der Name »Christoffel« liess nicht mehr an die (wohl ebenfalls vergessene) Christophoruslegende denken. Als aber der Wehrturm, um die Strasse zu öffnen, abgebrochen werden soll, ist auch das Schicksal des Standbildes entschieden. Am 25. Januar 1865 wird es aus der Turmnische geholt und als Brennholz für die Armenfürsorge bestimmt. Nur die »historisch interessanten Partien«, wie der Kopf, eine Hand und die Füsse, sollen laut Ratsbeschluss aufbewahrt werden. Hand und Füsse verwahrt seitdem das Bernische Historische Museum; an dem hoheitsvollen Gesicht des Christoffel aber strömen heute jeden Tag viele tausend Menschen vorbei: es befindet sich in der Nähe des alten Platzes in der unterirdischen Passage des Hauptbahnhofs. Vortrag Markus Richter (Auszug)
|