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Bern die Hauptstadt mit Charme

Der Dittlingerturm

Dittlingerturm
1345 erbauter Turm in der innern Mauer der 3. Stadtbefestigung. Der Dittlingerturm diente seit dem 16. Jh. immer wieder als Gefängnis für politische Häftlinge und im 17. Jh. auch für Wiedertäufer. Anfangs 1825 von Joh. Daniel Osterrieth abgetragen.
Standort: Vor der Nordwestecke der Heiliggeistkirche
Lit.: Hofer, Wehrbauten

Historisch-topographisches Lexikon der Stadt Bern



  • Der Dittlingerturm
  • Turm für Amazone und Seeräuber
  • Perregaux, geb. von Wattenwyl, Katharina Franziska
  • Dettlinger (HLS)
  • Bern Geschichte (HLS)
  • Täufer; Wiedertäufer (HLS)
  • Berner Bauten
  • Abbildungen



    Der Dittlingerturm

    Quer über den heutigen Bahnhofplatz in Bern erstreckte sich früher die Stadtmauer aus dem mittleren 14. Jahrhundert. Sie bestand aus der eigentlichen Mauer und einem vorgelagerten gemauerten Graben. Sowohl die Mauer wie der Graben waren mit Türmen verstärkt. Während des 19. Jahrhunderts verschwanden diese Befestigungen, zuletzt im Jahr 1865 das Christoffeltor. Um bei der Umgestaltung des Bahnhofplatzes allfällige Reste der Befestigungsanlagen zu erfassen, begleitet der Archäologische Dienst des Kantons Bern die Bauarbeiten. Knapp ausserhalb des ursprünglichen Projektperimeters sind nun die unerwartet gut erhaltenen Überreste eines Befestigungsturms zum Vorschein gekommen. Es handelt sich dabei um den sogenannten Dittlingerturm, benannt nach dem Venner Ludwig Dittlinger. Er entstand 1344 als Rundturm, wurde aber 1456/57 neu errichtet. Von da an war er ein im Grundriss halbrunder, viergeschossiger Turm mit einem Zinnenkranz.

    Mindestens seit dem 16. Jahrhundert diente der Turm als Gefängnis für politische Gefangene. Einige sind namentlich bekannt: Jean-Pierre Blanchet, Baron de Lays, hatte 1707 auf dem Genfersee ein Schiff gekapert und 13'500 Goldtaler geraubt, die für den französischen König Ludwig XIV. bestimmt gewesen waren. Er wurde in Bern wegen Seeräuberei verurteilt und geköpft. Die wohl berühmteste Gefangene war die «Amazone von Wattenwyl», Katharina Franziska von Wattenwyl (1645-1714). Sie wurde von den Franzosen als Agentin angeworben, um die geheimen Verhandlungen zwischen Bern und England um 1689 auszuspionieren. Sie wurde gefasst und im Dittlingerturm rund um die Uhr von neun Offizieren mit je zwölf Soldaten bewacht. Im Jahr 1803 ging der Turm in den Besitz des Kantons über und wurde als Gefängnis für 14 bis 16 Häftlinge eingerichtet. 1824 beschloss der Kanton, an der Stelle der heutigen Bollwerkpost ein modernes Zuchthaus zu errichten. Diesem musste nicht nur der Dittlingerturm, sondern der gesamte Nordteil der Stadtbefestigung weichen.

    Archäologischer Dienst Bern



    Turm für Amazone und Seeräuber

    Archäologischer Fund am Bahnhofplatz: Der Dittlingerturm diente im Mittelalter als Gefängnis für Bessergestellte Für die Archäologen war es die grosse Überraschung auf der Baustelle Bahnhofplatz: der Dittlingerturm. Im Mittelalter sperrten die Bernburger ihre politischen und adeligen Gefangenen in den Turm. Auch Berns einziger Seeräuber, Jean-Pierre Blanchet, sass ein, bevor er geköpft wurde.

    Neben der Heiliggeistkirche haben die Archäologen seit etwa 14 Tagen ein grosses Zelt aufgeschlagen. Unter der Plastikfolie verbergen sich die Grundmauern des Dittlingerturms, benannt nach dem Bannherr Ludwig Dittlinger. «Wer Archäologie sehen will, muss absteigen», sagt Armand Baeriswyl, Projektleiter beim Archäologischen Dienst des Kantons Bern. Hinab geht es auf einer Leiter, geradewegs hinein ins freigelegte Kellergeschoss des Dittlingerturms – dem Überraschungsfund auf der Baustelle am Bahnhofplatz. «Unerwartet ist in der Stadtarchäologie wenig», weiss Baeriswyl. Dass es den Befestigungsturm an dieser Stelle gegeben hat, wussten die Archäologen von Gemälden. Überrascht wurden sie allerdings davon, dass die mittelalterlichen Baumeister den Turm unterkellert haben. «Ohne Keller wäre uns nicht viel erhalten geblieben», sagt Baeriswyl.

    Teil der dritten Stadtmauer

    Im Turmkeller ist es kühl, der Boden besteht aus Steinplatten, die Mauer aus Sandsteinquadern, die laut Baeriswyl aus dem alten Steinbruch auf dem Gurten stammen. Gebaut wurde der Turm 1344, als die Berner Patrizier die Stadt zum dritten Mal erweiterten und das Gebiet an der Heiliggeistkirche angeschlossen wurde. Zur Befestigung gehörten eine zweite Mauer und ein breiter Graben. Zuerst als Rundturm gebaut, wurde der Dittlingerturm 1456 verändert: mit halbrundem Grundriss und Zinnenkranz ist er auf einem Gemälde von Johann Grimm von 1740 zu sehen.

    Schon zuvor musste Bern vergrössert werden: «Die ursprüngliche Stadt reichte 1191 bis zum Zytgloggeturm, im 13. Jahrhundert wurde der zweite Befestigungsgürtel mit dem Käfigturm gebaut».

    13500 Goldtaler für Ludwig XIV.

    «Der Dittlingerturm zeigt uns Puzzlesteine der Berner Geschichte», sagt Projektleiter Baeriswyl. Es sei eine erstklassige steinerne Urkunde über das Mittelalter. Verbunden mit dem Turm sind auch Schicksale, die schriftlich für die Nachwelt festgehalten sind. Wahrscheinlich ab dem 16. Jahrhundert wurden politische Gefangene in den Turm gesperrt: Hier kamen Sträflinge von besserem Stand hinein. Namentlich weiss man von drei Prominenten. Der erste, Jean-Pierre Blanchet, ist der einzige Berner Seeräuber. Durch die Heirat mit der Baronin de Lays stieg er in den Adelsstand auf. Der Baron sass 1707 im Dittlingerturm ein und wurde wegen Piraterie zum Tode verurteilt. Sein Vergehen: Blanchet kaperte auf dem Genfersee ein Schiff – mit 13 500 Goldtalern an Bord – , das auf dem Weg zum französischen König Ludwig XIV. war. Blanchet wurde geschnappt, die Bernburger schämten sich so, dass sie ihn köpften.

    Zweiter berühmter Häftling war Micheli du Crest, der Anstifter der so genannten Henzi-Verschwörung. 1749 versuchten die nicht im Rat vertretenen Burgerfamilien das Ancien Regime zu stürzen – der Putsch missglückte, und du Crest wurde aus Bern verbannt. Am berühmtesten ist allerdings ein weiblicher Sträfling: Katharina Franziska von Wattenwyl, auch «die Amazone von Wattenwyl» genannt. Sie war ebenfalls von adligem Stand, doch sie passte damals nicht in die Gesellschaft. «Sie widmete sich lieber der Fecht- und Schiesskunst anstatt damenhaften Beschäftigungen wie Rosenzucht oder Stickerei», weiss Baeriswyl zu berichten. Unter dem Decknamen Madame Perregaux wurde sie von den Franzosen als Agentin angeworben, damit sie 1689 die geheimen Verhandlungen zwischen Bern und England ausspioniere. «Anscheinend hat sie sich nicht gut angestellt – sie wurde verhaftet.» Im Dittlingerturm bewachten neun Offiziere und zwölf Soldaten die Delinquentin. Obwohl zum Tode verurteilt, verschonte man sie: Die Amazone von Wattenwyl wurde aus Bern verbannt.

    132000 Volt durch den Turm

    Ab 1803 gehörte der Turm dem Kanton und blieb noch bis 1824 ein Gefängnis, dann musste der Turm für den Bau eines Zuchthauses weichen. Mit den mühsam freigelegten Grundmauern geht es nun profan weiter: Ein Starkstromkabel mit 132000 Volt wird für EWB quer durch den Turm verlegt; anschliessend wird das Stück Berner Geschichte zugeschüttet und im Boden für kommende Generationen dauerhaft konserviert.

    Der Bund, Anne-Careen Stoltze [21.07.07]


    Bern - Dittlingerturm. Gemälde von Johann Grimm: Der Dittlingerturm ist in der Bildmitte zu sehen. Bernisches Historisches Museum Bern.

    Bern - Vogelperspektive. Lithografie von Charles Fichot. Schweizerische Nationalbibliothek.

    Die Fundamente des Dittlingerturms werden im Sommer 2007 vom Archäologischen Dienst des Kantons Bern dokumentiert. Aus betrieblichen Gründen können die Mauerreste zwar nicht sichtbar gemacht werden. Sie werden jedoch im Boden dauerhaft konserviert und bleiben so auch für künftige Generationen erhalten.
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