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Bern - die Hauptstadt mit Charme Spinnerei Felsenau Felsenaustrasse 17 Spinnerei Felsenau Die 1864/66 erbaute Spinnerei wurde nach einem Brand im Jahre 1872 neu errichtet. Historisch-topographisches Lexikon der Stadt Bern von Berchtold Weber (1976) Spinnerei Felsenau Die Baumwollspinnerei Felsenau illustriert mehr als 100 Jahre bernischer Textilindustrie. Ihre Dimension und die klare Struktur prägen das im westlichen Teil des Engeplateaus liegende Felsenau-Quartier. Zur Fabrikanlage gehören auch die Arbeitersiedlungen, das Direktorenhaus und die Kantine (Restaurant Spinnrad). Die erste von Wolfgang Henggeler und Carl Wilhelm von Graffenried gegründete Spinnerei Felsenau nahm 1866 ihren Betrieb auf. Die eingeschossige, aus 15 Einheiten bestehende Sheddachhalle war eine der ersten und grössten in der Schweiz. Dieses Fabrikgebäude brannte 1872 vollständig nieder. Sehr schnell wurde die Spinnereihalle wiederaufgebaut; ein Jahr später war die Produktion erneut voll im Gang. Die neue Maschinenhalle von rund 220 m Länge und 60 m Breite verfügte über mehr als 30 Sheddächer. In der Mitte befand sich der Hauptshed, der die rahmenden Dächer geringfügig überragte und die Anlage in eine nördliche und südliche Spinnereihalle unterteilte. Die «Société Alsacienne des Constructions Mécaniques» aus Mulhouse hatte offensichtlich nicht zum ersten Mal eine solche Shedhalle projektiert. Dies beweist die schlanke und trotzdem solide Dachkonstruktion aus Holz. Zahlreiche Reihen von Gusseisensäulen durchziehen die riesigen Hallen und stützen die Metallträger. An den Säulen waren ursprünglich auch die Transmissionsriemen befestigt. Die ziegelgedeckten Dachflächen waren mit Lichtbändern versehen. Die mehrheitlich ebenfalls eingeschossigen Nebengebäude, wie das alte Kesselhaus, und der Kamin befanden sich auf der Westseite der Fabrikhalle. Die Firma Gugelmann & Cie. aus Langenthal, seit 1903/04 Besitzerin der Spinnerei, investierte sehr viel in technische Einrichtungen und passte die Fabrik den neuen Bedürfnissen an. In den folgenden Jahrzehnten entstanden auf allen Seiten der Shedhallen An- und Neubauten, im Osten ein neues Kesselhaus und eine Trafostation, gegen Norden und Süden mehrere Baumwollmagazine, im Westen ein Büro- und Werkstattgebäude, eine Schreinerei und eine Schlosserei. Vor allem die Errichtung eines Battage-Gebäudes 1924 verlieh dem Fabrikareal ein neues Gepräge und bildete eine von weitem sichtbare Ergänzung. Dieser mächtige Putzbau mit den zwei rahmenden, die übrigen Bauten überragenden Ventilationstürmen diente dem ersten Verarbeitungsschritt der Baumwolle. Nachdem die Produktion der Spinnerei 1975 stillgelegt worden war, erwarb die Stadt Bern 1978/79 das Gelände «zur Erhaltung und Beschaffung von Arbeitsplätzen und als Beitrag an die Wirtschaftsförderung». Das nun «Gewerbepark Felsenau» genannte Areal wird seither von privaten Betrieben, dem Stadttheater, den Lehrwerkstätten der Stadt Bern (LWB) sowie der Gewerblich-Industriellen Berufsschule Bern (GIBB) genutzt. Während der Nordteil zunächst vorwiegend Lagerzwecken diente, wurde in der Südhalle eine vielfältige, sich möglichst ergänzende Nutzungsstruktur angestrebt. In einer ersten Bauetappe zu Beginn der achtziger Jahre sanierte man die südliche Halle, passte sie den geltenden Vorschriften (Sicherheit, Energie) an und unterteilte sie durch Einbauten in einzelne Ateliers und Werkstätten. 1992 begann eine neue Phase, als die Gemeinde das Konzept «Lorraine plus Felsenau» bewilligte. Die Zersplitterung und Raumnot der Lehrwerkstätten sollte aufgehoben und ein fester Schulstandort in der Felsenau ermöglicht werden. Diese Etappe von 1994-96 betraf die Nordhalle und die Erweiterungsbauten von 1876. Der restliche Teil der Gebäudehülle wurde saniert, das Dach entsprechend den früheren Eingriffen mit Wellplatten gedeckt und die Oberlichter erneuert. Die imposante, einheitliche Gestaltung der Dachfläche konnte bewahrt werden. Neue Zutaten, vor allem zur Verbesserung der Belichtung, sind klar erkennbar und korrespondieren gut mit der ursprünglichen Bausubstanz. Die erforderliche Unterteilung in einzelne Kompartimente durch Trennwände und Einbauten sollte die ursprüngliche, weite Hallenkonstruktion möglichst wenig tangieren und der einmalige Raumeindruck mit den auf Augenhöhe befindlichen Fensterschlitzen und dem Farbwechsel nachvollziehbar bleiben. Das Battage-Gebäude und die Ventilationstürme wurden im wesentlichen wiederhergestellt. Galerieeinbauten in der nördlichen Shedhalle sowie im Erdgeschoss des Battage-Gebäudes bilden Zwischengeschosse. Sämtliche Installationen bleiben in der Gebäudestruktur sichtbar und können je nach Bedürfnis verändert werden. Derzeit ist ein weiterer Schritt in Planung: Die im Norden gelegenen Lagergebäude der ehemaligen Spinnerei sollen abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt werden. Regula Hug Stadtführer - Umnutzen von Industriebauten Berner Heimatschutz, Regionalgruppe Bern, 1997 Industrie- und Arbeiterquartier Felsenau Einige grosse Industriebetriebe haben dem umliegenden Quartier ihren Stempel aufgedrückt. Ein Paradebeispiel dafür ist die 1864 gegründete Spinnerei Felsenau. Sie stand bis weit ins 20.Jahrhundert abseits der Stadt. Die Firmengründer wählten diesen Standort, weil sie eine Konzession für ein Wasserkraftwerk erwerben konnten. Sie bauten zusammen mit der Fabrik einen Stollen, der Aarewasser von der Engehalde in die Felsenau führte und über eine Transmissionsanlage Energie für die Spinnmaschinen lieferte. 1906 verkaufte die Spinnerei die Kraftwerkskonzession an die Stadt, welche ein Elektrizitätswerk errichtete, das 1910 erstmals Strom produzierte. Die Spinnerei umfasste neben einer riesigen Fabrikhalle (einer der ersten Shedhallen der Schweiz) eine Direktionsvilla und einige Dutzend Arbeiterhäuser. Bis zur Schliessung der Spinnerei 1975 war die Felsenau ein typisches Arbeiterquartier. Von 1870 bis in die 1960er Jahre wohnten die Direktorenfamilien in der Villa am Spinnereiweg 4. Auf den ersten Blick sieht dieses Gebäude nicht wie eine Direktorenvilla aus. Wenn man aber die Grundfläche berücksichtigt und die zwei übereinanderliegenden, geräumigen Vierzimmerwohnungen von innen betrachtet, fällt auf, dass sich darin ein gehobener bürgerlicher Lebensstil pflegen liess. Ganz im Gegensatz zu Direktorenvillen, wie sie beispielsweise im Zürcher Oberland anzutreffen sind, weist der Aussenbau keine repräsentativen Verzierungen auf. Dies ist wohl darauf zurückzuführen, dass nie die Besitzer der Firma hier wohnten. Der Direktor war immer ein Angestellter der Firma, dem man keinen Palast bereitstellen mochte. Die Arbeiterhäuser der Oberen und Unteren Felsenau sind viel bescheidener gehalten als die Direktorenwohnung. Die neun Mehrfamilienhäuser der Oberen Felsenau wurden 1866-68 errichtet. Sie enthielten je fünf Dreizimmerwohnungen. Die Grundrisse sahen ganz ähnlich aus wie jene der rund 30 Einfamilienhäuschen in der Unteren Felsenau, die 1871/72 entstanden sind. Jede Wohnung umfasste eine Wohnküche sowie drei kleine Zimmer. Die grössten Räume zählten rund 15M2, die kleinsten weniger als 10 m2. Ein Badezimmer gab es nicht; das Plumpsklo befand sich bis nach dem Zweiten Weltkrieg ausserhalb des Hauses, neben der Wohnungstüre. Die Mehrzahl der rund 400 Arbeiterinnen und Arbeiter der Spinnerei wohnten in den betriebseigenen Häusern auf engstem Raum. Vor dem Ersten Weltkrieg lebten im Durchschnitt fünf bis sechs Personen in diesen Wohnungen. Zahlreiche Familien waren aufgrund ihrer wirtschaftlichen Lage gezwungen, Arbeiterinnen oder Arbeiter in Untermiete zu nehmen, sodass in Extremfällen bis zu zehn Personen in einer kleinen Dreizimmerwohnung hausten. Weil die Wohnung an den Arbeitsplatz gekoppelt war, reichte die Macht der Fabrikherren bis in den privaten Bereich der Arbeiterschaft. Die billigen Wohnungen waren nicht nur ein Segen, sondern oft auch ein Fluch. Die überall hörbare Fabrikglocke gliederte den Tag in Arbeit und Freizeit. Ein Aufseher der Fabrik war berechtigt, die Wohnungen zu besichtigen. Er registrierte jede Unordnung und meldete alle Verfehlungen gegen das Prinzip von Ordnung und Sauberkeit der Direktion. Dieses frühindustrielle Ensemble von Fabrik, Arbeiterhäusern und Direktorenvilla ist nicht nur von herausragender architektonischer und städtebaulicher Qualität, sondern zudem beinahe unverändert erhalten. Es «erzählt» noch heute vom Leben im Industrie- und Arbeiterquartier. Christian Lüthi Stadtführer - Umnutzen von Industriebauten Berner Heimatschutz, Regionalgruppe Bern, 1997 ![]() |