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Berühmte Gäste in Bern Pablo Picasso 25.10.1881 Málaga - 8.4.1973 Mougins Eigentlich Pablo Ruiz y Picasso, spanischer Maler, Grafiker und Bildhauer; von grösster stil- und schulbildender Wirkung auf die Entwicklung der modernen Kunst, eine der bedeutendsten Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts; ausgebildet 1896 in Barcelona, 1897 in Madrid; kam nach Anfangserfolgen mit Gemälden in der Nachfolge des Impressionismus und unter dem Einfluss H. de Toulouse-Lautrecs ab 1900 wiederholt nach Paris, wo er sich 1904 für längere Zeit niederliess. Dort enwickelte er nach der melancholischen «Blauen Periode» (1901-1904) und den Zirkusbildern der «Rosa Periode» (1905-1907) das formale Verfahren, das nach einer Auseinandersetzung mit exotischer Kunst 1907 mit «Les Demoiselles d'Avignon» den Kubismus einleitete. Als Mittelpunkt eines avantgardistischen Künstlerkreises (G. Apollinaire, G. Braque u. a.), befreundet mit H. Matisse und gefördert von dem Kunsthändler D. H. Kahnweiler, stellte Picasso noch vor Beginn des 1. Weltkriegs auch ausserhalb Frankreichs aus. Die analytisch-kubistische Periode wurde abgelöst von einer synthetischen Periode (Klebebilder mit eingefügten Wirklichkeitsfragmenten, 1914-1918), in der Picasso sich jedoch auch anderer Ausdrucksmittel mit grosser Experimentierfreude bediente. 1917-1924 arbeitete er am Russischen Ballett von S. Diaghilew mit (Bühnenausstattungen, Kostüme); in dieser Zeit stehen unterschiedliche Stile nebeneinander; um 1917 beginnt eine neoklassizistische Phase, in den 1920er Jahren werden surrealistische Einflüsse von Bedeutung; seit 1928 beschäftigten ihn grössere grafische und plastische Arbeiten. Hauptwerke des Jahrzehnts vor Ausbruch des 2. Weltkriegs sind ausser zahlreichen weiblichen Figurenbildern die Radierfolge «Minotauromachie» 1935 und das Monumentalgemälde «Guernica» 1937. Eine strenge stilperiodische Gliederung der nach 1930 entstandenen Arbeiten Picassos ist kaum möglich, da Gestaltungsmittel und -formen infolge der ungewöhnlich reichen und impulsiven Empfindungskraft des Künstlers ständig wechseln. Seit 1947 entstanden in Vallauris fantasievolle Keramiken, in den 1950er Jahren Variationenfolgen über Bilder von E. Delacroix und D. Velázquez. Picasso erhielt sich seine Schaffenskraft bis ins hohe Alter. www.wissen.de Pablo Picasso Geboren in Malaga am 25. Oktober 1881, nahm Pablo Ruiz y Picasso als Maler den Namen seiner Mutter, Picasso, an. Ausgebildet in Madrid und Barcelona, erwarb er seinen Ruhm von Paris aus. Seine letzten Jahrzehnte verbrachte er in ungebrochener Lebens- und Schaffenskraft in Südfrankreich. Er starb am 8. April 1973 in Mougins bei Cannes als der wohl gefeiertste Künstler unseres Jahrhunderts. Beim Tod Picassos hat Sandor Kuthy zusammengestellt, was Bern und Picasso verbindet. Vier Namen sind hier wichtig: Hermann Rupf, der Kaufmann, Sammler, Musikkritiker, Sozialdemokrat und Freund des grossen Kunsthändlers Daniel-Henry Kahnweiler, weil er seinen ersten Picasso schon 1908, und zwar im Atelier, kaufte; der Kunsthistoriker Dr. Bernhard Geiser, weil er 1933 den ersten Katalog von Picassos graphischem Werk herausgab; die Galerie Gutekunst & Klipstein, die Nachfolgefirmen Klipstein & Kornfeld und die heutige Kornfeld & Cie., weil sie den Verlag von Bernhard Geisers und Brigitte Baers Katalog «Picasso, peintre-graveur» übernahmen; schliesslich Paul Klee. Geiser überliefert folgende Episode: Im Herbst 1937 begleitete Picasso seinen 17jährigen Sohn Paulo zu einer spezialärztlichen Untersuchung nach Bern. Hier betreute Geiser den Künstler. Kahnweiler hatte angeregt, dass Picasso in Bern den Sammler Hermann Rupf und den Maler Paul Klee besuche. Am 28. November 1937 führte Geiser seinen Gast zwischen dem Mittagessen im «Sternen» in Worb und dem Besuch bei Klee ins Bernische Historische Museum. Picasso verweilte bei den flandrischen Wirkteppichen, liess sich die Sprüche auf einem Gefäss aus Berner Bauernkeramik übersetzen, bewunderte die durch geschnitzte Balken ausgezeichnete Front eines Bauernhauses aus Gampelen [BHM Inv. 12283 und 24666] und besichtigte dann die «alten Stuben», wo ihn Geiser photographierte. Durch den langen Museumsbesuch und Picassos Widerstand gegen das ihm aufgezwungene Künstlertreffen verzögerte sich der Besuch bei Klee in dessen Wohnung am Kistlerweg 6. Die Begegnung war anfänglich frostig; doch tauten die Künstler dank dem Dazwischentreten Hermann Rupfs gegen Ende noch auf. Quelle: Georg Germann Biographien - Bernisches Historisches Museum 1996 Lit.: BERNHARD GEISER: Picasso besucht Paul Klee in Bern. In: Du, Nr. 248, Oktober 1961, 53, 88, 90, 92 (mit Abb. Picasso im BHM]. - SANDOR KUTHY: Picasso und Bern. In: Berner Kunstmitteilungen, Nr. 142, Juli/September 1973,1-7. - URS DICKERHOF und BERNHARD GIGER: Tatort Bern. Museen Bochum, Kunstsammlung 23.10. 28.11.1976. Bern 1976,60-61. - Picasso. Fondation Pierre Giannada. Martigny 1981, 38-39 (gekürzte französische Übersetzung aus Geiser]. - MICHAEL STETTLER: Der Sammler Georges Bloch und Picasso. In: M'S': Nähe zum Genie. Vier Essays. Bern, Stuttgart und Toronto 1988,51-62 [Erstdruck in: Neue Zürcher Zeitung. Literatur und Kunst, 17./18. Oktober 1987, Nr. 2411. - CHRISTIAN GEELHAAR: Picasso. Wegbereiter und Förderer seines Aufstiegs 1899-1939. Zürich 1993,84-85. Pablo Picasso, eigentlich Pablo Ruiz Malaga, Spanien 1881 - Mougins 1973 Sein Vater, ein Zeichenlehrer, erkennt die aussergewöhnliche Begabung des Zehnjährigen und übergibt ihm feierlich seine eigenen Malutensilien. 1895 lässt sich Pablo Picasso - er nimmt den Namen seiner Mutter an - und seine Familie in Barcelona nieder und studiert dort an der Kunsthochschule. Als er siebzehn ist, zwingt ihn eine schwere Krankheit, einige Monate in Horta de Ebro zu verbringen. In Barcelona verkehrt er im Avantgarde-Milieu. 1900 fährt er zum ersten Mal nach Paris. 1904 wohnt er im «Bateau lavoir», rue de Ravignan, Montmartre. Er ist mit Apollinaire und dessen Bekannten befreundet. Die blaue, dann die rosa Periode verbreiten seinen Ruhm. Doch er tuhrt plotz lich einen Gewaltstreich aus: die Demoiselles d'Avignon (Die Fräulein von Avignon, 1907). Bekanntlich entwickelt sich aus diesem Schlüsselwerk des XX. Jahrhunderts der Kubismus. Sein ganzes Leben lang erforscht Picasso die entferntesten Bereiche der gegenständlichen Malerei. Hier interessiert uns seine Verbindung zum Surrealismus. Wir können-drei verschiedene Aspekte nennen, Zunächst war Picasso ein Vorläufer der Surrealisten, und die Gründer der Bewegung haben ihn als solchen bewundert. Auch seine Bilder zwischen 1925 und 1937 zeigen ihn als Surrealisten. Schliesslich ist sein Gesamtwerk zwar expressionistisch, und Bildliches hat hier immer den Vorrang vor Ideologischem; und doch können wir es als surrealistisch bezeichnen, da es, auch in späteren Perioden, ungestüm, humorvoll, traumähnlich ist. Breton verehrt Picasso tief, nimmt ihm dann aber sein politisches Engagement übel, Er schreibt in Le Surréalisme et la peinture (Surrealismus und Malerei, S. 5): «Es lag an der Willensschwäche dieses Mannes, dass die Unternehmungen, die uns beschäftigen, verschoben, wenn nicht aufgegeben werden. Seine bewundernswerte Ausdauer ist uns so wertvoll, dass wir die Zuhilfenahme jeder anderen Grösse entbehren können.» Er fügt hinzu: «Braucht der Surrealismus eine Richtlinie, dann braucht er nur den Weg zu gehen, den Picasso schon ging und wieder gehen wird.» Dieser Text wird 1925 geschrieben; darin begrüsst er Picasso als einen Erneuerer der Vorkriegsmalerei und Apollinaires Freund. Mit dem surrealistischen Geist haben die geometrischen Formen des Kubismus nichts, der Protest und die Infragestellung der guten Manieren aber sehr viel zu tun. Erinnern wir uns daran, dass der Kubismus 1911 Unruhe in der Abgeordnetenkammer auslöst und die Kubisten als «Verbrecher» beschimpft werden. Dies muss aber den jungen Surrealisten gefallen haben. Es kommt noch besser. Picasso verfertigt das Bühnenbild zu Les Mamelles de Tirésias (Die Euter von Tiresias), einem «surrealistischen Drama» Apollinaires. Auf dem Bühnenvorhang von Parade (Cocteau, Satie, 1917) hat der fröhliche Wahn nichts Kubistisches mehr an sich. Der Bühnenvorhang von Mercure (einem Ballett von Satie und Massine) findet grossen Beifall bei den Surrealisten. In der kubistischen Malerei selbst hatte Picasso schon 1913 mit Femme en chemise dans un fauteuil (Frau im Hemd, in einem Sessel) gelehrt, wie man Wirklichkeit ins Traumhafte überträgt. Eluard und Breton sinnen über dieses sonderbare Bild, in dem spitze Brüste zwischen den Armlehnen eines Sessels, in einem stufenförmigen Gewirr von Dreiecken und Trapezen, festgenagelt sind. Die Wellenbewegung der Haare, zerknitterte Wäsche, eine Zeitung bringen Realismus und Humor in das blinde Porträt dieser angeblichen Frau. Picasso wird diese Richtung noch weitertreiben. Nach Alfred Barr zu urteilen entdeckt er die Schönheit des menschlichen Körpers, als er mit Diaghilev zusammenarbeitet. Seine Heirat mit der Tänzerin Olga Kokhlova und der Erfolg seiner «herzoglichen Periode» verschaffen ihm weltweite Anerkennung. Er zieht sich aber kurz nach dem Krieg zu einsamer Meditation zurück. In der Dinard-, und vor allem in der Boisgeloup-Periode kommt er zu einem Alptraum-Expressionismus. Für manche ist das grosse Bild La Danse (1925) der Auftakt zu dieser entscheidenden Phase. In Wirklichkeit ist Femme endormie dans un fauteuil (Eingeschlafene Frau in einem Sessel, 1927) Picassos grausamstes Zeugnis: es bricht mit dem gewöhnlichen Bildrhythmus und zeigt uns ein absichtlich ungeheuerliches Porträt. Figures au bord de la mer (Gestalten am Strand, 1931) kombiniert weibliche Rundungen mit einem Kampf von Krebsen. Femme lançant une pierre (Frau, die einen Stein wirft, 1931) erscheint versteinert wie eine Skulptur. Dagegen erinnert der graziöse Schwung der ungeheuerlichen Baigneuses jouant au ballon (Badende Mädchen, die Ball spielen; Boisgeloup, 1932) an Max Ernst. Skulpturen wie Tête de femme (Frauenkopf, 1932) und zahlreiche Zeichnungen wie Crucifixion (Kreuzigung, 1932) gehören zur selben Art. Im folgenden Jahr gibt Picasso seine Verbindung zum Surrealismus offen zu: er zeichnet Composition surréaliste (1933) und scheint dabei Schablonen anzuhäufen: Sessel-Mann, weiche Leiter. Tatsächlich sind Montagen wie Construction au gant (Konstruktion mit Handschuh, 1930) und Composition au papillon (Komposition mit Schmetterling, 1934) «zufällige» Zusammentreffen, denen das «Licht des Bilds» entspringt. Breton drückt in «Picasso in seinem Element» (1933 in Le Surréalisme et la peinture: Surrealismus und Malerei) seine Bewunderung über diese Bilder aus. In seiner Werkstatt von Boisgeloup zeichnet Picasso Taureau estoqué, cheval et femme nue (Erstochener Stier, Pferd und nackte Frau, 1934), ganz offenbar eine surrealistische Zeichnung. Die umgeworfene nackte Frau und die verletzte Stute stehen mit dem Thema des Minotaurus in Verbindung: Wir können den Minotaurus-Zyklus (viel eher als die Stierkampfszenen, die sich aus seiner spanischen Herkunft erklären) der surrealistischen Sensibilität, die ja für Mythen empfänglich ist, zuordnen. Die Minotaure-Zeit wird von Picasso geprägt: so schmückt er mit einem - ziemlich gezähmten - Minotaurus die Umschlagseite der ersten Minotaure-Nummer (1933). In der «Vollard-Folge», der berühmten Radierungsserie, ist der Minotaurus zunächst sinnlich und heiter heidnisch. Dann erleidet er, in einer Arena zu Tode gestossen, sein mythisches Los. Endlich, in den vier letzten Radierungen, verwandelt er sich in einen blinden Odipus und brüllt vor Verzweiflung. 1935 fasst die Radierung Minotauromachie (Der Kampf des Minotaurus) Picassos Sinnen über dieses Thema zusammen: ein kleines Mädchen hält eine brennende Kerze, mit der es die noch zuckende, auf den Rücken der verletzten Stute hingestreckte Frau beleuchtet. Der Minotaurus greift nach dem Licht, wie um es auszulöschen. Ein Mann flieht über eine Leiter. Wir finden auch den - besiegten - Minotaurus in dem schönen Bühnenvorhangentwurf zu 14 Juillet von Romain Roland (1935). Anscheinend zeigt der Mythos des Minotaurus, der für Picasso mit dem Stierkampfthema verbunden ist, nur einen oberflächlichen Aspekt der Welt seiner Phantasie. 1937 verschwindet nämlich der Mythos, und Picasso kommt zu seinen starren Darstellungen zurück. Inzwischen hat er aus seiner Niedergeschlagenheit von 1935 herausgefunden, indem er automatische, eindeutig surrealistische Gedichte schreibt. In der Zeit der «verschobenen» Porträts, in denen das oft tränenbenetzte Gesicht Dora Maars tragisch erscheint, entstehen auch Deux femmes nues sur la plage (Zwei nackte Frauen am Strand, Tinte und Tempora, 1937), Femme assise avec un livre (Sitzende Frau mit einem Buch, Pastell- und Ölfarbe) und Filles jouant avec un bateau (Mädchen, die mit einem Boot spielen, 1937), ein Meisterwerk. In diesem grossen Bild mit den feinen, schwärzlichen, bräunlichen Farbtönen werden die beiden Frauen im Vordergrund in undefinierbare, knollige, kubistische Geschöpfe verwandelt; trotz gekünstelter Haltung sind sie weiblich grazil. In der Ferne, über dem geraden Horizont, taucht der riesige Kopf einer Schwimmerin auf, ein Seeungeheuer, das den Raum lächerlich erscheinen lässt, das unschuldige Spiel der Mädchen beobachtend - in Naturtiefe Pans Gegenwart. Und so zeigt uns Picasso das Ausmass seiner künstlerischen Spannweite: heitere Beleuchtung und zeichnerische Strenge kennzeichnen sein Träumen von einer Welt der Missgeburten. 1937 malt er Guernica: trotz des mythischen Stiers gehört es nicht zur reinen surrealistischen Tradition. In den Augen der Doktrinären ist nämlich ein politisches Ereignis, auch wenn es zum Protest anregt (die Gruppe gestaltet selbst Flugblätter), nicht «innerlich» genug. Während der deutschen Besetzung kommt Picasso wie Eluard und Tzara der kommunistischen Partei näher. Er bleibt in Paris und unterstützt die Gruppe «Die Hand an die Feder». Auf dem Umschlagbild von La Conquête du monde par l'image (Die Eroberung der Welt durch das Bild, einer Broschüre von La Main à plume; Die Hand an die Feder, 1942) finden wir den berühmten Stierkopf, den Picasso auf einem Sattel und einer Fahrradlenkstange gemacht hat. 1944 wird er auf dem Herbstsalon auf einer Retrospektive ausgestellt, die grosses Aufsehen erregt. Dann arbeitet er mit der Friedensbewegung zusammen, und seine politischen Plakate verärgern Breton: dabei missfällt sein Portrait de Staline (1953) den Anhängern dieses Diktators. Picasso zieht sich wieder in die schöpferische Einsamkeit zurück und gestaltet Meisterwerke der klassischen Malerei (Les Femmes d'Alger, Les Ménines) um. Interessant ist, dass die von ihm gewählten Werke in Verbindung mit dem Thema stehen, das er damals immer wieder behandelt: dem Verhältnis des Malers zu seinem Modell. Durch ihre erotische Kraft entsprechen die Radierungen von 1968 einem Grundzug des Surrealismus, auch einer sehr alten Tradition. Sieht man den Surrealismus als einen engen Kreis an, so hat Picasso nie zu ihm gehört. Der Surrealismus ist aber eine sehr umfassende Bewegung, und wir haben auf seine künstlerische Vielseitigkeit aufmerksam gemacht. Dem surrealistischen Grundsatz, der Einführung des Traumhaften in die bildliche Poesie, ist Picasso in seinen besten Perioden weitgehend gefolgt. Wir dürfen ihn also bis zum Ende seines langen Lebens ebenso bewundern, wie Breton es getan hat. René Passeron Lexikon des Surrealismus Somogy Paris Brassai: Conversations avec Picasso, Paris, Gallimard, 1964. Jean Cassou: Pablo Picasso (1937), Paris, Braun, 1952. Fernande Olivier: Picasso et ses amis, Paris, Delamain et Boutelleau,1954. Roland Penrose: Pablo Picasso, Londres, Gollantz Ltd., 1958; Paris, Grasset, 1961. Jaime Sabartès: Picasso, portrait et souvenirs, Paris, L. Carré, 1946. Antonina Valentin: Picasso, Paris, Albin Michel, 1957. Christian Zervos: Picasso, Paris, Les Cahiers d'art, 1961. Pablo Picasso Pablo Picasso wird am 25.10.1881 in Malaga als erstes Kind des Don José Ruiz Blasco und seiner Frau Doiïa Maria Picasso y Lopez geboren. Sein Vater ist Maler und Zeichenlehrer an der örtlichen Kunstgewerbeschule San Telmo. 1904 lässt sich Picasso in Paris, der «capitale de l'art», nieder und beginnt seine eigentliche Karriere. In rascher Assimilation eignet er sich den post-impressionistischen Stil an, durchläuft eine «Blaue» und eine «Rosa Periode», die mit melancholischen Szenen aus der Zirkuswelt erste Anerkennung einbringen. Nach intensiver Beschäftigung mit den Werken Cézannes sowie der afrikanischen und ozeanischen Kunst entwickelt er die Grundlagen des Kubismus. Mit den Demoiselles d'Avignon schafft er ein Schlüsselwerk des 20. Jahrhunderts. Voller Härte, Energie und Kühnheit zeigt es einen Innovationsdrang, der am Anfang einer Fülle von Ideen und Anregungen steht, welche Malerei, Plastik und Grafik bis heute inspirieren. Bis 1914 dauert diese Hoch-Phase des Kubismus, in der alle möglichen Spielarten kubistischer Zerlegung zu komplexen, fast abstrakten Bildern führen. In der Kriegszeit besinnt er sich wieder auf seine klassische Ausbildung und zeichnet einige seiner in Paris gebliebenen Freunde - Max Jacob oder Ambroise Vollard - in makellos akademischen Stil. Picasso verändert mit dem Wechsel vom Montmartre nach Montrouge, wohin er 1916 zieht, nicht nur sein Umfeld, sondern auch seine Klientel. Die Bohème des Bateau-Lavoir wird gegen die mondäne Welt des Theaters und des Balletts eingetauscht. Für den Impressario der «Ballets russes», Serge Diaghliew, den Picasso im gleichen Jahr bei Jean Cocteau kennenlernt, entwirft er die Dekorationen für das Ballett «Parade», das 1917 in Paris unter den lautstarken Protesten des Publikums uraufgeführt wird. Während der Arbeit für das Theater lernt er die russische Ballerina Olga Koklowa kennen, die er 1918 heiratet. Nicht zuletzt durch diese Ehe verändert sich Picassos Leben radikal. Durch Olga wird er in die so genannte feine Pariser Gesellschaft eingeführt. Er verkehrt nun auch in Adelskreisen und unternimmt Reisen in mehrere europäische Länder. Bei längeren Aufenthalten in Italien entdeckt er die klassische Antike für sich und findet Zugang zu den Meisterwerken der römischen Renaissance. Er interessiert sich für Darstellungen des italienischen Volkslebens, die er in Trödel- und Antiquitätenläden kauft. Diese Veränderung der persönlichen Sphäre korrespondiert mit einem Umschwung im Kulturleben. Der Schock der Moderne weicht dem «rappel à l'ordre». Der Kubismus wird plötzlich als unfranzösisch, ja absurderweise als Ausdruck des verhassten Deutschtums bekämpft. Die klassizistische Rückwendung im Werk Picassos findet ihren Auftakt 1918 mit einer Harlekinserie, die allerdings auch zwei verblüffende kubistische Darstellungen einbezieht. Harlekine bzw. Pierrots gehen auf die Figur des Pedrolino in der italienischen Commedia dell'arte zurück und sind auch Protagonisten der «Ballets russes». Der Harlekin ergänzt die eher nachdenklich gezeichnete Figur des Pierrot durch seine lebenslustige, vielleicht auch oberflächlichere Art. Populär wird der Pierrot in Frankreich durch Watteaus Gemälde Gilles. Er steht dem lustigen Treiben der anderen fremd gegenüber und wird häufig als Verkörperung des Künstlerschicksals im Allgemeinen gesehen, so in Texten Baudelaires oder in der Malerei von Cézanne, Degas, Beckmann, Derain, Gris, Hofer oder Severini. Picasso selbst wendet sich diesem Themenkreis bereits in der «Blauen» und vor allem in der «Rosa Periode» zu. Harlekin mit Gitarre gehört zu Picassos konventionelleren Darstellungen: auf einer angedeuteten Bühne sitzt die etwas grobschlächtig wirkende Harlekinfigur in charakteristisch schwarz-gelb-grün gemustertem Kostüm und Zweispitz mit einer verkürzt wiedergegebenen Gitarre, die wiederum aus einem kubistischen Stillleben stammen könnte. Hinter der Figur öffnet ein roter Vorhang den Blick nach rechts auf ein gemaltes Bühnenprospekt mit einer italienisierenden Landschaft, während links eine Theatersäule die Komposition abschliesst. Es wäre verkürzt zu behaupten, erst die Arbeit am Theater hätte Picassos Klassizismus hervorgerufen. Schon während des Kubismus variiert er Werke des Klassizisten Ingres. Wie unzutreffend also die Bezeichnung Ingres-Phase für diese Bilder der Zwanzigerjahre ist, zeigen seine ab 1921 einsetzenden grossen Figurenbilder, wie die liegenden Akte am Meer oder die zahlreichen Mutter-Kind-Darstellungen, die Picassos neue Familiensituation reflektieren. Auch seinen 1921 geborenen Sohn Paul malt Picasso in der Pose des Pierrots, Paul als Pierrot in weissem Kostüm auf einem Balkon. Rechts hinterfängt eine schwarze Fläche in effektvoll-dekorativer Weise den weiss geschminkten Paul, dessen schwarze Pantoletten einen kräftigen Kontrast zum Rot des Bodens bilden. Sind die Darstellungen von Paul in sehr natürlich wirkender Weise und zurückhaltenden Bildmitteln gegeben, so zehren die Mutter-Kind-Darstellungen aus anderen Quellen. Die monumental gesehenen, plastisch modellierten Figuren scheinen fast den Rahmen der Bilder zu sprengen. Wer hier ein Echo der Antike erwartet, wird bei näherem Hinsehen enttäuscht, zu verzerrt sind die Proportionen, einseitig betont die «griechischen» Nasen, die klobigen Hände und Füsse, um ein Wiederaufleben des klassizistischen Ideals anzunehmen, das ja ein strengeres Einhalten der antiken Gesetzmässigkeiten bedeuten würde. Zwar hat sich Picasso mit der französischen Malerei des Klassizismus auseinander gesetzt, doch bei den so unterschiedlichen, zahlreichen Einflüssen, die auf Picasso zeitlebens wirken, verhallt der «Ruf zur Ordnung» in den Tiefen seiner schöpferischen Phantasie. Eine wesentlich wichtigere Anregung erwächst ihm aus der Fotografie. So wie viele seiner Bilder der Zwanzigerjahre von Fotos angeregt werden, übernimmt er auch bestimmte stilistische Merkmale der Fotografie, wie die betonte Linearität, die Umsetzung farbiger Werte in eine abgestufte Hell-Dunkelskala, und vor allem die Abnahme der Tiefenschärfe bei Überbetonung der Vordergrunddetails, was Picasso im Bild durch abstrakte Fleckenstrukturen bzw. glatte Farbflächen umsetzt. Ein erster Höhepunkt dieser klassizistischen Periode ist das Bild Drei Frauen an der Quelle. Die Rötelzeichnung zum Thema, die Picasso im Sommer 1921 in Fontainebleau malt, zeigt drei überlebensgrosse Frauen, die den Bildraum bis an die Grenzen ausfüllen. Die in antike Gewänder Gekleideten befinden sich in einer stilisierten Felslandschaft. Die rechte, im Profil gesehene Frau hält einen Krug unter die aus einem Felsen sprudelnde Quelle; die darüber lehnende Frau hält ihre Rechte in den Wasserstrahl; eine dritte steht links im Bild auf eine Felskante gelehnt und hält einen grotesk kleinen Krug in der herabhängenden rechten Hand. Wiewohl die Szene von antiken Darstellungen auf Friesen angeregt sein könnte, erlaubt sich Picasso auffällige Abweichungen vom klassischen Schönheitskanon, wie an den Verkürzungen der Proportionen, der starken skulpturalen Modellierung und den stilisierten Gesichtszügen zu sehen ist. Wirken die Figuren bereits dadurch wie in Malerei übertragene Plastiken, so wird dies noch durch die vollkommen erstarrte Fältelung ihrer Gewänder betont, die wie die Kanneluren einer antiken Säule gebildet sind. Einzige, fast tänzerische Bewegung im Bild vollziehen die wie im Dreitakt ausgreifenden Hände der Figuren. Bis auf den heutigen Tag rätselhaft ist das im gleichen Jahr entstandene Bild Die Lektüre auf dem zwei junge Männer inmitten einer Felsenwüste am Meer, eingefangen in einen magischen blauen Schein, in die Lektüre eines Briefs vertieft sind. Wer sind diese brüderlich zusammensitzenden Männer? Junge antike Götter, die in Strassenkleidung auf die Erde herabgestiegen sind, um sich unter die Menschen zu mischen? Oder ist das Bild eine Künstlerhommage, wie sie im 19. Jahrhundert üblich war und soll an seinen alten Freund und Mitstreiter des Kubismus, Georges Braque,erinnern, der in dieser Zeit schwer verwundet aus dem Krieg zurückkehrt? Vielleicht meint Picasso auch den 1918 an der Spanischen Grippe verstorbenen Dichterfreund Guillaume Apollinaire, auf den Buch und Hut, ein «Kronstadt», wie ihn der Dichter trug, verweisen könnten. Oder zielt die zerbeulte Melone auf den Ahnherr aller Kubisten, Paul Cézanne? Erstaunlich ist auch der Farbauftrag. Picasso hat zunächst Flächen mit einer Schablone umrandet und dann anschliessend mit Farbe ausgefüllt, ein wenig in der Art der Malbücher für Kinder, in denen man nummerierte Flächen ausmalen soll. Will Picasso mit dieser schematischen Methode die klassizistische Strenge der Linienzeichnung ad absurdum führen oder ist dies nur eines seiner vielen bildnerischen Experimente, die er im Lauf seines Lebens durchführt, um dem Tafelbild neue Aspekte abzugewinnen? Spätestens 1925 schliesst Picasso seine klassizistische Phase wieder ab und wendet sich unter dem Einruck des Surrealismus neuen Abenteuern zu. Selbst im Spätwerk verblüfft Picasso mit immer neuen Stilwendungen und Paraphrasen auf von ihm bewunderte Alte Meister, wie Delacroix, Velàzquez und Manet. In den letzten Lebensjahren entsteht ein Fülle von Werken, angefangen mit grafischen Blättern zu den Themen «Maler und Modell» sowie «Zirkus und Stierkampf», über grosse Holzassemblagen bis hin zu einer Vielzahl von Gemälden - allein 200 Bilder in den Jahren 1970 bis 1972-die in ihrer spontanen Malweise und obsessiven Erotik noch einmal die ungeheure Lebens- und Schaffenskraft dieses Jahrhundert-Künstlers demonstrieren. Picasso stirbt am 8.4.1973 in Mougins und wird zwei Tage später im Garten seines Schlosses Vauvenargues beigesetzt. Lit.: Garsten-Peter Warncke, «Pablo Picasso 1881 - 1973», 2 Bde., Köln 1997 Hajo Düchting Der kühle Blick. Realismus der Zwanzigerjahre in Europa und Amerika Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung Münschen vom 1.6. - 2.9.2001 Prestel Verlag - ISBN 3-7913-2513-2 Pablo Picasso Propaganda-Foulard mit Friedenstaube, 1951 Siebdruck auf Baumwolle, auf zwei Seiten gesäumt. Höhe 81 cm, Breite 78 cm. Inv. 54299 Ankauf 1994 Auf allen vier Randstreifen die Inschrift «Festival Mondial de la Jeunesse et des Etudiants pour la Paix. Berlin 5-19 Août 1951». Unter dem Bild links der Schriftzug «Picasso». Das zentrale Feld mit der Friedenstaube ist von vier Kopfprofilen umgeben, die durch die Farben Weiss, Gelb, Rot und Schwarz auf die traditionelle Unterscheidung von vier Menschenrassen anspielen und deren Gleichberechtigung in einer künftigen Weltfriedensordnung darstellen. Die Weltjugendfestspiele in Ostberlin wurden zu einer Zeit angesetzt, als die Debatte um die Wiederaufrüstung Deutschlands begann und die Waffenstillstandsverhandlungen zur Beendigung des Koreakriegs eröffnet wurden, die dann zwei Jahre dauern sollten. Deutschland war seit 1949 in zwei Staaten organisiert. Berlin, die geteilte Stadt und «Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik», wo sich die Spaltung besonders deutlich zeigte, war der geeignete Schauplatz für eine Kundgebung wie die Weltjugendiestspiele, die im Westen als kommunistische, dem Ostblock dienende Veranstaltung betrachtet wurden. Nach Angaben der sowjetrussischen Nachrichtenagentur TASS unterzeichneten über vier Millionen Teilnehmer eine Grussbotschaft an Josef Stalin, in der sie versprachen, die Bevölkerung des Westens über die «revanchelüsterne Politik der westdeutschen Imperialisten aufzuklären». Foulards mit politischen Motiven zu bedrucken, ist ein Brauch, der vor die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreicht. In der Schweiz entwarf Martin Disteli (1802-1844) antiklerikale Foulards (Kunstmuseum Olten); ein Foulard im Bernischen Historischen Museum feiert den General Guillaume Henri Dufour und zwei Gefechte im Sonderbundskrieg von 1847 (Inv. 100371. Die Schrecken des Kriegs haben Pablo Picasso nachhaltig beschäftigt. Picasso litt unter dem Spanischen Bürgerkrieg und setzte ihm mit dem Gemälde «Guernica» ein Denkmal (Weltausstellung Paris 1937). Das politische Engagement führte ihn im Herbst 1944 wie viele französische intellektuelle und Künstler in die Kommunistische Partei Frankreichs. Er gehörte ihr bis zum Lebensende an. 1950 nahm er an dem von der Kommunistischen Internationale organisierten Weltfriedenskongress in Sheffield teil, dessen Hauptthema der Koreakrieg war. Picasso hat zahlreiche Plakate geschaffen, die den Frieden propagieren. 1949 schuf er für den Weltkongress der Friedenskämpfer in der Salle Pleyel in Paris das berühmte Plakat mit der weissen Taube auf schwarzem Grund. Der Schriftsteller Louis Aragon hatte ihm empfohlen, dafür eine Lithographie von 1947 zu verwenden. Das erklärt, warum dieser Taube der Ölzweig fehlt, der nach der biblischen Noahgeschichte zur Friedenstaube gehört. Etwa ein Dutzend Plakate Picassos zeigen dann die Friedenstaube mit Ölzweig. Bertold Brecht nannte sie « die streitbare Friedenstaube meines Bruders Picasso». Die Komposition des Foulards wurde mehrfach verwendet, so für das Berliner Ensemble, Theater am Bertold-Brecht-Platz [Berlin DDR], im Jahre 1954 und - als Zitat durch einen fremden Künstler - auf dem Plakat zur Konzertreihe «Prager Frühling», (CZWIKLITZER 1981, Nrn. 90 und 911. Quelle: Georg Germann Biographien - Bernisches Historisches Museum 1996 Lit.: CHRISTOPH CZWIKLITZER: Pablo Picasso. Plakate 1923-1973, Werkverzeichnis. München 1981. - LUDWIG ULLMANN: Der Krieg im Werk Picassos. Reaktionen auf Krieg und Verfolgung. Diss. Osnabrück Osnabrück 1986, 286, 304 und 324. |