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Bern - die Hauptstadt mit Charme français english Vom alten Bern Auftakt In unseren Gefühlen für eine fremde Stadt ist Erotisches mit im Spiel; wenn wir sie durchwandern, schwingt es untergründig mit, stimmt uns abenteuerlich, entdeckungsfreudig, erwartungsbang. Von Geheimnismöglichkeiten angeweht, leise taumelnd, gehen wir herum, sind Suchende, Werbende, Liebende. Der eigenen Stadt, dem Ort des Herkommens gegenüber empfinden wir anders, minder wunderhaft; hier waltet Gewöhnung, Anhänglichkeit wie an eine Mutter oder Schwester, Vertrauen mit Aufbegehren durchsetzt, dem Abschied folgt Rückkehr, familiäre Zärtlichkeit und Resignation. So möchte hier von Gassen und Mauern die Rede sein, mit denen der Verfasser von Jugend auf und früher her vertraut und verbunden ist; er hat Mühe - und nicht, um sich ihrer zu rühmen -, unter seinen Vätern einen zu finden, der nicht aus dieser Stadt gewesen wäre. Und wird er manchmal ungehalten über die, «welche mit der Vergangenheit unserer Stadt nicht verwachsen sind, mit der Zukunft derselben nur in sehr losem Zusammenhang stehen und mithin kein Herz für sie haben», wie es in einem Nachruf auf den Christoffelturm hiess: er sühnt es mit der Scham darüber, dass andere, die dieser Stadt entstammen und mithin ein Herz für sie haben müssten, die unantastbare Ganzheit dieses Stadtbildes verkennend sich beim Raubbau daran beteiligen. Man wird entgegenhalten, es gebe Städte ohne Zahl auf dieser Erde: ob denn die eine so besonderes Aufheben lohne? «Das Leben muss weitergehen, das Alte fallen; eine Stadt ist kein Museum; wir Heu - tigen können auch etwas, übrigens ist es noch nicht so schlimm», so oder ähnlich lauten die Sirenentöne eines fortschrittlich gesinnten Provinzlertums. Am Können derer, die so reden, ist nicht zu zweifeln, nicht an ihrem Vermögen, das Stadtbild binnen kurzer Frist so herzurichten, dass man es nur am Schatten seiner früheren Gestalt erkennt. Wer sich vor Augen hält, was allein im Lauf der letzten drei Jahrzehnte, also während einer Generation, an Substanz verlorenging, zählt an den Fingern einer Hand ab, wie lange der bauliche Körper von Bern dem Schwund noch standhalten wird. Ferdinand Hodler, der vor über hundert Jahren Geborene, hat, mit der ihm eigenen Kraft Bewunderung und Unmut mengend, seinem Biographen C. A. Loosli bekannt: «Da fragt man immer nach den Ursprüngen meiner Künstlerschaft und meinen ersten künstlerischen Eindrücken. (-) Die wunderbare Schönheit der Stadt Bern, wie ich sie in meiner Kindheit erlebte, sie war es einzig und allein, die meine künstlerische Ader weckte und nährte. Das wirst du nie genug betonen können.(-) Das alte Bern war unbeschreiblich schön, und die verdammten Vandalen haben all das Schöne eingerissen und zerstört. Jede solche Zerstörung wirkte auf mich, als würde mir ein Liebes zu Grabe getragen. Die heillosen Dummköpfe! Wie sollen noch grosse Künstler gedeihen, wenn man ihnen die Schönheit, wie sie die Kindheit schaut, vorwegnimmt und verschandelt? Sage das in deinem Buch immer und immer wieder: Das schöne alte Bern hat Hodler zum Künstler gemacht. » Gewiss, man kann nicht alles verlangen; man konnte zum Beispiel den Stadtbach, der einst so fröhlich sichtbar von Brunnen zu Brunnen zog, nicht länger ungedeckt lassen; man kann nicht verlangen, dass am Fuss der Münsterplattform keine Mietskasernen sich masslos in den Blick der Stadtbetrachter auf der Kirchenfeldbrücke drängen; man kann nicht verlangen, dass eine mit Sicherheit wachsende Musikschule anderswohin zu stehen kommt als in die Altstadt, wo keine Ausdehnungsmöglichkeit besteht. Im Ernst, warum könnte man es nicht verlangen? Mein altes Bern! Darf man nicht hoffen, wünschen, fordern, dass du weiterhin die Freude einer ganzen Welt bleibest, eine Freude, der Goethe in seinem vielerwähnten Brief vom 9. Oktober 1779 an Frau von Stein für immer Wort verliehen hat, indem er sagte, dass Bern unter den Städten, die sie - Carl August und er auf ihrer Reise - gesehen hätten, die schönste sei? Die Schönste! Sollst du es nicht trotz allem bleiben, so wie du gegründet und gewachsen bist, wie Tausende und Abertausende dich sehen wollen: ein Stadtgebild, ein Kunstgebild, wie es deinesgleichen nur wenige mehr gibt, Siena vielleicht, Toledo, Brügge, nur dass du lebendiger scheinst, gegenwärtiger, weil in dir das Ringen zwischen dem Gestern und dem Heute sich immer wieder vollzieht. Wo findet man eine Stadt wie dich, in deren Plan die in der Goldenen Handfeste Friedrichs des Zweiten bekräftigte Grundstückzuteilung noch heute wahrzunehmen ist? Wo einen Gassenraum, so stolz geschwungen, so frei sich senkend, so reicher Vielfalt und einheitlichen Masses wie deine Gerechtigkeitsgasse? Mein altes Bern! Ahnt man, wieviel Können, Disziplin und guter Wille seitens aller Beteiligten, von Rät und Burgern, vom Bauherrn bis hin zum letzten Steinmetzgesellen, zusammenfinden mussten, um durch Jahrhunderte zu fügen, was beim Untergang des alten Staates jene so merkwürdig verschwiegenen Gnädigen Herren als grossartiges Erbgut uns hinterliessen? Ist jemals recht gewürdigt worden, wieviel väterliche Voraussicht und Wachsamkeit, wieviel Kraft, Würde und Sinn für Repräsentation hier am Werk gewesen sind, wieviel Bescheidung auch und Einordnung ins höhere Ganze, wieviel Aufgeschlossenheit dem Zeitgeschmack gegenüber und wieviel Formgefühl, ihn umzuprägen ins Eigene, Schlichte, in die unvertauschbar bernische Mischung aus Enge und Weite, Strenge und Wohlwollen, Anmut und Stämmigkeit, Stadt und Land, Deutsch und Welsch, so dass schliesslich am Stadtbild - das nicht in einem Tag entstanden ist, trotz des genialen Griffes in die Zukunft, als der die Wahl des Ortes sich offenbart - sich ablesen lässt, was die amtlichen Chroniken füllt. Nein, daran darf nicht jeder rütteln wollen, das darf nicht versinken. Das Leben kann auch anders weitergehen, an Möglichkeiten dazu fehlt es nicht. Die Enkel werden es uns danken, wenn wir die Stadt, die uns worden ist als Bärn, ihnen überliefern, und auch ohne diese Hoffnung müssten wir es tun. Es ist ein Auftrag, und diesen Auftrag möchte die hier angestellte Betrachtung miterfüllen helfen: wie gerne wäre sie kein blosser Schwanengesang! Vom alten Bern Ein Kunstwerk wird auf manche Weise aufgenommen, je nachdem, ob es ein Gedicht, eine Melodie, ein Bild, ein Bauwerk ist, und gilt es, eine Stadt als Ganzes zu erleben, werden unsere Sinne noch einmal anders angerufen. Eine Stadt kann durchschlendert oder durchschritten, durchfahren oder überflogen werden, jedesmal wird die Aufnahme sich in anderem Rhythmus vollziehen. Die Eindrücke reihen sich, lösen einander ab, ergänzen sich, schliessen sich zur Summe wie die einzelnen Häuser zu Gassenfronten, diese zu Gassenräumen, das Ganze zum Stadtinnenraum, dem unverwechselbaren Schauplatz für Hasten und Rasten der Menschen von Morgen bis Mitternacht. Sprache, Laute und Geräusche, Tages- und Jahreszeit und vieles andere hat am jeweiligen Eindruck teil. Die Häuserfronten stellen zugleich ein Innen und ein Aussen dar; so ist es mit der Stadt selbst. Geht man hinaus, auf die nächste Anhöhe, so erblickt man sie von aussen, hat den Anblick, den die Kleinmeister liebten, die Vedute, die Vogelschau. Das Miteinander von Bild und Ton, von reglosem Bauwerk und bewegtem Getriebe, das Nacheinander der Eindrücke, wie es besonders dem Schreitenden zuteil wird, all die Erinnerungen an Geschichte und Gestalten, die mit hineinspielen, machen das Erleben einer Stadt so vielfältig, reich und voll. Wenn bei einer Stadt mit besonderem Recht von einem Kunstwerk gesprochen werden darf, so in Bern. Dass dieses Stadtbild bis in die Gegenwart trotz vieler Eingriffe seinen Charakter besser wahren konnte als etwa Basel oder Zürich, liegt weniger in der Einsicht der Menschen begründet als vielmehr in den Bedingungen seiner Lage. Der Blick auf den bernischen Stadtplan, am besten auf einen aus früherer Zeit, lehrt sogleich, welch glücklichen Griff der Stadtgründer tat, als er die Aareschleife, in der bereits die Reichsfeste Nydegg mit ein paar Häusern eine kleine Ufersiedlung bildete, zu seinen Zwecken erkor. Die Halbinsellage machte keine konzentrische Erweiterung, sondern nur eine einseitige in westlicher Richtung möglich: der jeweils ältere Teil blieb unangerührt, es kam lediglich ein Stück dazu. Diese Erweiterungen sind deutlich sichtbar; man kann «der Stadt Bern den Gang ihrer Geschichte sozusagen vom Gesichte ablesen» (Rudolf von Tavel). Von 1191 bis 1256 lief die westliche Grenze beim Zeitglocken-, bis um 1345 beim Käfigturm, bis 1622 beim Christoffelturm, an dessen Stelle heute das Tramhaus am Bubenbergplatz steht. Zur Zeit des Dreissigjährigen Krieges wurde unter vielen Opfern das Festungswerk der grossen und kleinen Schanze errichtet. Damit war das Gebiet erfasst, das bis ins 19. Jahrhundert den Bedürfnissen Berns genügte; damit war aber auch der Flächeninhalt der Halbinsel voll ausgenützt. Am regelmässigsten erscheint das Gebiet zwischen der Burgstätte Nydegg, die innerhalb des Stadtplanes noch heute durch ihre topographische Eigenart auffällt und auch durch einen natürlichen Graben selbständig abgetrennt war, und dem Zeitglockenturm. Hans Strahm verdanken wir die für die Baugeschichte Berns so wichtige Erkenntnis, dass dieser Anlage ein einheitlicher, vorausbestimmter Plan zugrunde liegen muss, eine Aufteilung durch Hofstätten genau abgegrenzten Ausmasses von 100 Fuss Breite und 60 Fuss Tiefe, die, schon in der Handfeste des Staufers Friedrich II. genannt, auch im heutigen Grundriss der Stadt, in der Verschachtelung der gegenwärtigen Parzellen noch nachzuweisen ist. Der Stadtplan von Bern erweist sich dadurch als eine historische Urkunde ersten Ranges; die alten Alignemente sollten deshalb unantastbar bleiben für alle Zeit. Bereits die Erweiterungen des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts, die «Savoyerstadt» bis zum Käfigturm und die «äussere Neuenstadt» bis zum Christoffelturm, besitzen nicht mehr die gleiche Regelmässigkeit. Innerhalb des alten zähringischen Stadtteils ist indessen noch einmal zwischen einer älteren und einer jüngeren Gründung zu unterscheiden. Im Jahre 1942 sind bei Grabarbeiten an der Kreuzgasse Fundamente einer Mauer zum Vorschein gekommen, die einen Querabschluss bezeugt und in Verbindung gestanden hat mit einem Turm beim späteren Rathaus; beides ist noch heute in dessen Westmauer bruchstückweise erhalten. Die Entstehung des älteren, unteren Stadtteils wäre demnach kurz nach der Mitte des zwölften Jahrhunderts anzusetzen, ginge auf Herzog Berchtold IV. von Zähringen zurück, der jüngere, unter Berchtold V. entstanden, hätte 1191 beim Zeitglockenturm seinen Abschluss gefunden. Der ehemalige querlaufende Graben, der nach seiner Auffüllung in Gestalt der Kreuzgasse fortlebte, wurde später sinnvoll ausgewertet als Querverbindung zwischen Rathaus und Münster; im Bild des Stadtplans ist sie als wohltuende Zäsur wahrzunehmen. Man hat die Halbinsel auch mit einem Füllhorn verglichen, das sich erst im Laufe der Jahrhunderte allmählich bis zum Rand gefüllt hat. Dass jeder neue Zuwachs sich im Plan so schnell und so deutlich ablesen lässt, verleiht diesem eine fast epische Anschaulichkeit. Als schliesslich das neunzehnte Jahrhundert mit seinen gewandelten Ansprüchen das topographische Bild zu ändern unternahm, war das Wachstum innerhalb der Halbinsel bereits abgeschlossen. Es vollzog sich nun die Scheidung in die infolge ihrer Lage zum «Stillstehen im Plan» verhaltene Altstadt und in das in den Siedlungsraum jenseits der Aare hineinwachsende grössere Bern. Dieses «Stillstehen im Plan» war aber die Voraussetzung zur Erhaltung des Stadtbildes, wie sie anderswo so selten anzutreffen ist. Die Möglichkeiten der Entwicklung in die Breite anderseits waren kurz vor der Wahl Berns zur Bundesstadt mit der Schleifung der Schanzen geschaffen worden - leider gab man auch ohne Not die äusseren Tore preis, so dass die Stadt fast ohne Erinnerung an ihre alten Befestigungen lebt, - im weitern mit der Errichtung der Aarebrücken, die sich über ein Jahrhundert hin erstreckte: die Nydeggbrücke konnte 1844, die letzte, die neue Eisenbahnbrücke, 1941 dem Verkehr übergeben werden. Es liegt also an den landschaftlichen Gegebenheiten und, daraus hervorgehend, am organischen Wachstum der Stadt, dass die Betrachtung ihrer Grundrissfigur in den Stadtplänen seit Johann Adam Riediger und Herport (1717), Brenner und Sinner und in den älteren Planveduten seit Johannes Stumpf (1548), Hans Rudolf Manuel, Gregorius Sickinger und Matthäus Merian ein so hohes künstlerisches Vergnügen gewährt. Wenn irgendwo, so wirkt sich hier der Umstand, dass Bern ein Ganzes ist, augenfällig aus. Es ist verlockend, aus den frühen Stadtveduten und -plänen die abstrakte Figur herauszugreifen. Am besten eignet sich dazu der Stich von Bern mit dem westlich abschliessenden Schanzenstern in Merians Helvetischer Topographie. Er fusst auf einer um 1636 entstandenen Zeichnung von Joseph Plepp, dem Architekten, Feldmesser, Kunstmaler und Ratsherrn: all dieser Eigenschaften, künstlerischer, baumeisterlicher, rechnerischer und ratsherrlicher, bedurfte es vielleicht und des reinlich genauen Stechers dazu, um das noch im gotischen Gewand steckende Stadtbild in dieser gültigen Umsetzung überliefern zu können. Einfach und klar ist die zugrunde liegende Figur. Unmittelbar begreift man aus ihr die Funktion der Aare, ihren Primat am Zustandekommen von Bern - der Aare, die durch ihre Umarmung, wie Hans Bloesch es schön gesagt hat, die Bewahrerin des Altstadtbildes ist. In sanftem Schwung dem Molassehügel folgend, von Osten her sich ausfächernd, durchziehen die Gassen die Halbinsel. Wie Strophen eines Gedichtes werden sie unterbrochen von den Quergürteln der ehemaligen Gräben vor den Toren, die zu Plätzen aufgefüllt worden sind. Aus der klaren Ordnung der Gassen hebt sich das Kreuz der Haupt- und der Quergasse heraus, an dessen Enden Zeitglockenturm und Untertorbrücke, Münster und Rathaus liegen. Die Pole von Kirche und Staat sind dem Gewimmel des Marktes entrückt, doch nicht fern; ihre Lage am südlichen und am nördlichen Aarehang verschafft ihnen Raum zum Atmen. Die Kreuzgasse verbindet sie auf dem kürzesten Weg, den am Ostermontag der feierliche Zug der Magistraten beschritt. Der Kreuzpunkt hält auch geistig die Mitte: bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein stand an dieser Stelle der steinerne Gerichtsstuhl, auf dem einstmals der regierende Schultheiss an öffentlichen Landtagen zum Blutgericht sass. Und wie das Volk sich neugierig um den hier gleichfalls aufgestellten Schandpfahl und Pranger sammelte, hat es sich um Niklaus Manuels Fastnachtsspiele geschart, die Vorboten der Reformation. Die Aare mit Stadtbach, Brunnen und Brücken, die Gassen längs, die aufgefüllten Gräben quer, die Häuserreihen mit Lauben, Rathaus und Münster, die Türme, Marksteine der Stadterweiterung, bestimmen so das Stadtbild wie Gesichtszüge ein menschliches Antlitz. Diesem Antlitz wenden wir uns nun zu, vom Stadtplan weg zur dritten Dimension. Die Aare ist auch im Innern der Stadt, auch wo man sie nicht sieht, unsichtbar gegenwärtig. Noch die Gassen haben etwas vom Fluss, der sich ein tiefes Bett in die Moränenlandschaft gräbt. Das Wasser des Stadtbaches durchfliesst - seit einigen Jahren nicht mehr offen und auch nicht durch Deckplatten mehr wahrnehmbar - die Hauptader der Stadt, unter den in Gassenmitte farbig aufragenden Brunnen durch, deren Wasser, wie durch heilsame kleine Aderlässe hervorgetrieben, aus der Gasse sprudeln; jeder nimmt das Spiel des obern auf und gibt es dem untern weiter. Ein pantomimischer Reigen sind, Akzente setzend, die steinernen bemalten Figuren auf den Brunnenstöcken, im Gassentrubel Säulenheilige besonderer Art: Pfeifer, Läufer, Schütz und Venner, Zähringer Leu, Simson und Kindlifresser und allegorische Frauen und das Gefolge Hoher und Niedriger, Menschen und Tiere, Putten, Delphine, Fabelköpfe auf Schäften und Kapitellen, Werke guter Meister, viele von Hans Gieng kurz nach 1540 gefertigt, da die hölzernen durch steinerne Brunnen ersetzt worden sind. Der Moses am Münsterplatz in seiner heutigen Gestalt oder die nichtfigürlichen Brunnen mit Obelisken, Säulen, Urnen an Kreuz-, Post-, Brunn- und Herrengasse, auf dem Waisenhausplatz und im Hof des Burgerspitals, entstammen dem achtzehnten Jahrhundert, wie auch die Becken, je nach ihrer Erneuerungsbedürftigkeit, verschiedensten Zeiten angehören. Die Stadt der Lauben ist gewiss auch - und noch immer! - die brunnenfreudigste in unserem Land. Ursprünglich war die Stadt aus Holz und Schindeln errichtet. Nach dem grossen Brand von 1405 wurde sie in Sandstein und Ziegeln frisch aufgebaut. Im 17. und 18. Jahrhundert machte sie eine dritte Erneuerung durch: eine durch die Obrigkeit weise geleitete Bautätigkeit verhalf ihr allmählich zu einem neuen Gewand. Unter den Händen einheimischer Baumeister gestalteten sich die französischen Vorbilder um zum Berner Barock, der in aller Mannigfalt einfach bleibt und nicht ins Wesenlose verflattert. Gleichzeitig entstanden die monumentalen Bauten des Staates und die Wohnhäuser der Burger; die vertikale gotische Struktur der Stadt blieb erhalten. So wandelte sich das Stadtbild organisch aus sich selbst, ohne je seinem Wesen untreu zu werden. Durch die Topographie bedingt, wurde es selber ein Stück Topographie. Mehr als von der baukünstlerischen Qualität der Fassaden hängt der geschlossene Eindruck des bernischen Stadtinnenraums von der Beziehung ab, in der das einzelne Haus nicht nur zu seinen Nachbarn, sondern zum zugehörigen Gassen- oder Platzraum steht: zur architektonischen Umwelt, die es mitbestimmt. Der Verlust, das Verschwinden jedes einzelnen Hauses betrifft daher nicht nur dieses allein, es schneidet jedesmal ins Ganze. In der leicht aus- oder einschwingenden Häuserreihe, in ihrem Vor und Zurück, dem Spiel der immer wieder neugeformten Laubenpfeiler, -bogen und Gesimse, in den wechselnden Fassadenbreiten und Geschossen mit und ohne Fensterläden,den gestaffelten Firsthöhen, den mehr oder minder vorspringenden Dachvorschermen, den Lukarnen und Schornsteinen liegt - vor ihrer Einzelschönheit - der Reiz der Häuser, ihr Auftrag innerhalb der Gasse, dem auch das schlichteste gerecht zu werden vermag. Es ist der Massstab, nach dem das Einzelne sich ins Ganze schickt, und wer auf der Suche ist nach dem architektonischen Sinnbild einer echten Gemeinschaft, wird im Stadtbild von Bern eines finden. Im Durchschreiten der Gassen bleibt, ohne dass es an den barocken Fassaden abzulesen wäre, doch ständig fühlbar, dass wir in einer mittelalterlichen Stadt wandern. Am deutlichsten in der schönsten der Gassen, der Hauptgasse unterhalb des Zeitglockenturms, der früheren Märitgasse, die heute in ihrer oberen Hälfte Kramgasse, unterhalb der Kreuzgasse aber Gerechtigkeitsgasse heisst. Sie ist das Rückgrat der Altstadt, biegsam und fest zugleich, das in unvergleichlich sanfter Schwingung und Senkung hinunter zur Nydegg führt. In ansteigender Richtung hat Anker sie liebevoll dargestellt. Ihre Breite macht sie zu Berns eigenstem Stadtinnenraum. Kaum fasslich erscheint der Weitblick des ersten Stadtplaners, der zum Schutz vor Feuersbrunst die beiden Häuserfronten auseinanderrückte und Platz schuf für Markt und Durchgang im Frieden, für Aufbruch und Etappe im Krieg. Zur Anlage von eigentlichen Plätzen reichte die Enge der Halbinsel nicht. Münsterund Rathausplatz gewannen erst durch die Niederlegung von Häusern ihr heutiges Ausmass, und was sonst noch an Plätzen vorhanden ist, sind aufgefüllte Gräben. Die Gasse also war der Platz; sie ist es bis heute geblieben. Einladend die Lauben, das unverwechselbare Hauptmerkmal Berns. Die Häuser, ungleich breit, stehen fest ineinander verschränkt, Schulter an Schulter, stemmen sich mit ihren Laubenpfeilern - auch sie in wechselndem Abstand - fest in den Boden, wie leicht nach rückwärts gelehnt, eine wohlverwurzelte Mauer, in der Einheit von lebendiger Vielfalt, keins kann versinken, keins in den Himmel wachsen, dafür sorgt der Nachbar; alle - wenn auch einige überstrichen - aus Sandstein gebaut, in ihrem warmen Grundton nur wenig wechselnd von grünem zu gelbem, braunem und blauem Grau, je nach den Brüchen rings um die Stadt, aus denen der Stein gewonnen ist, vom Gurten, von Ostermundigen, aus den Stockern und aus dem Krauchtal oder auch über der Aare in nächster Nähe der Stadt. Der Raum wird bestimmt durch das Verhältnis der Gassenbreite zur Häuserhöhe; Fensterbänke und Dachvorscherme wiederum springen im Rhythmus der Häuserbreiten auf und ab, indem die Senkrechte die hüpfende Waagrechte gewähren lässt und gleichzeitig bändigt. Darüber der Himmel, an vielen Tagen von herbem, kräftigem Blau, das die Nähe der Alpen so gut wie den Süden verspüren lässt. In der Luft aber hallt es noch immer vom heimlichen Erdröhnen der Schritte derer, die im Lauf der Geschichte hier durchgeschritten sind und das Gesicht der Stadt bestimmten für die Jahrhunderte. Kram- und Gerechtigkeitsgasse unterhalb des Zeitglockenturms: das ist der stattlichste Zug, da wird man die reichsten Fassaden finden. Einzelne wagen Ausnahmen von der Regel: etwa die, dass die Dachtraufe von klassischen Dreieckgiebeln über Mittelrisaliten unterbrochen wird; ein anderes Haus trägt ein Mansarddach und führt die Lauben um die Ecke, während sonst die Kopfhäuser der Quergasse einen Giebel zukehren und an der Stirnseite ohne Lauben sind. Kühn nimmt sich das klassizistisch umgebaute ehemalige Kaufhaus (Kramgasse 24) heraus, als einziges in der Gasse auf die altüberlieferte breite Dachvorkragung zu verzichten, als ob es ohne Augenlider wäre. Die Bauten des 18. Jahrhunderts herrschen vor. Heutige Umbauten solcher Häuser lehren, wie diese Fassaden oftmals reichlich lose vor das viel ältere Innenmauerwerk gestellt worden sind. Die spätgotischen Häuser, wie sie etwa die Zeichnung von Wilhelm Stettler nach der Spitalgasse um 1680 wiedergibt: dreigeschossig mit Reihenfenstern im ersten, einzelnen Fenstern im zweiten Stock, darüber das auf offene Büge abgestützte, weit vorkragende Dach, unterbrochen von einem Kreuzgiebel über einer Aufzugöffnung mit Drehgalgen - dieser spätgotische Haustypus hat sich nur vereinzelt, und mehr in den bescheideneren Nebengassen, bis heute halten können. Im untern Hauptgassenzug kehrt manche Fassade die ernste, gemessene Miene des frühen Barocks hervor, so das Gesellschaftshaus zum Distelzwang: gotisch muten hier das durchgezogene Fensterbankgesims, die zweigeteilten Fensteröffnungen und - wie an vielen Häusern - die Bogenpfeiler an; einer späteren Stilstufe gehören die senkrechte Gliederung und der aus der Wand brechende barocke Einzelprunk der skulptierten Wappentrophäe. Ein Bauwerk des Übergangs, wobei die Renaissance in einer für Bern bezeichnenden Weise übersprungen ist. Andere Bauten tragen die vornehme Gravität des späten Louis XIV, wie sie den Werken von Hans Jakob Dünz, dem Architekten des grossen Berner Kornhauses, eignet. Auflockerungen ins Gassenbild bringen die Schöpfungen des «Kavaliersarchitekten» Albrecht Stürler, dem durch einen glücklichen Planfund Paul Hofers in der Berner Burgerbibliothek eine ganze Anzahl von Bürgerhäusern zugeschrieben werden kann: Stürler, dem neben den Plänen zum Erlacherhof-Umbau die nach aussen als Neubau erscheinende Umgestaltung des Stiftsgebäudes am Münsterplatz zu verdanken ist. Die geraden Fensterstürze mit bekrönenden Gesimsen weichen, dem Geschmack der Zeit gehorchend, flachen Stich- und Korbbögen mit steinernen Girlanden, Masken, Blumen, von Brüstungsgittern graziös sekundiert; Pilaster, Pfeiler und Lisenen werden durch Fugenteilungen aufgelockert; Konsolen und Kapitelle tragen die Gesimse, Mittelmotive schaffen Akzente; Vertikalen werden betont, Horizontalen unterbrochen, preisgegeben, elegant überspielt - alles dieses jedoch mit Mass, wie es Naturell, magistrale Würde und Sparsinn der Bauherren geboten haben mögen. Wer sich in diesen Dingen den bemessenen Anforderungen entzog, sich ausserhalb der Reihe stellte, hat es teuer, mit seiner beruflichen Existenz, bezahlt: so Niklaus Sprüngli, der festlichste und begabteste, ja der begnadete unter den bernischen Baukünstlern des 18. Jahrhunderts. Es entbehrt nicht tiefem Sinnes, dass der Mann bei Ausführung seiner Bauten mit der Obrigkeit, die die Ausbildung des Jünglings im Ausland gefördert und ihm nach seiner Rückkehr in Ermangelung einer freien Stelle ein besonderes Amt des «Werkmeisters auf dem Lande» geschaffen hat, in Konflikt geriet. Der Unstern über Sprünglis Schöpfungen, der sein Leben zum bernischen Künstlerschicksal stempelte, hat fortgewaltet: keins seiner Hauptwerke - weder Hôtel de Musique noch Hauptwache und Bibliotheksgalerie (heute als Kulisse auf dem Thunplatz aufgestellt) - hat unverändert in die Zukunft dauern dürfen, keins wurde in Ruhe gelassen, keins erfuhr gebührenden Respekt. Sie wurden umgebaut, versetzt, verhandelt mit einer Pietätlosigkeit, die die zaudernde Zurückhaltung der Obrigkeit gegenüber dem Genie - und wohl nur bei Sprüngli kann, wenn von bernischen Baumeistern die Rede ist, von einem solchen gesprochen werden - bei weitem übertrifft. Nur dort, wo er anonym geblieben ist, in einigen Bürgerhäusern mit kaum überhörbarem Wohllaut der Fassaden, ist sein Werk unangetastet. Dass auch Sprüngli den «Stadtinnenraum» gesehen und empfunden hat, bezeugt sein Aufriss des Käfigturms, in dessen Torbogen er die Perspektive der Marktgasse - ihre leichte Kurve, ihre Brunnen, die beidseitigen Häuserfronten-mit Stift und Pinsel eingefangen hat. Ein Vergleich der «Spitalgasse»von Wilhelm Stettler (um 1680) mit der «Marktgasse» von Niklaus Sprüngli (um 1770) macht die Verwandlung im Gesicht der Gasse innerhalb eines Jahrhunderts unmittelbar anschaulich. Mit dem neuerdings mit Gründen Sprüngli zugeschriebenen Kreuzgassbrunnenvon 1778, dessen obeliskförmiger Stockmit den gekreuzten bronzenen Delphinen sich schlank aus grossgeformtem Muschelbecken hebt, hat er zum plastischen Schmuck dieses Stadtinnenraums das Seine beigetragen. Es fällt auf, dass an der Hauptgasse fast ausschliesslich Bürgerhäuser liegen und dass die öffentlichen Bauten an den Rand gerückt sind. Zu diesen gehören Rathaus und Münster, aber auch Stift, Kornhaus und Inselspital (anstelle des heutigen Bundeshaus-Ostflügels), die alte Hochschule im ehemaligen Barfüsserkloster (anstelle des Casinos), Stadtbibliothek, Waisenhaus (heute Polizeikaserne) und Burgerspital, um nur die wichtigsten zu nennen. Dies mag zum Teil damit zusammenhängen, dass der Boden seit alters fest in den Händen der Burger lag. Die Schwierigkeiten, die sich dem Staat als Bauherrn bei der Beschaffung von Grundstücken entgegenstellten, verraten sich in seltener Anschaulichkeit schon beim Rathausbau 1406; der Rat griff damals «in buosse wise» auf das drei Häuser breite Sässhaus des Conrad von Burgistein, das nach dem kurz zuvor erfolgten Tod des Ritters an dessen Schwester, Elisabeth von Schüpfen, gekommen war. Die Beschlagnahme erfolgte angeblich, weil die Frau sich an Schuldbriefen, die darauf lagen, vergangen hatte; ob ihr aber recht geschehen sei oder nicht - der obrigkeitliche Chronist Justinger wirft nur wenige Jahre später mit unmissverständlicher Offenheit die Frage auf - «das weis got wol». An den Bürgerhäusern des grossen Gassenzuges, der sich von dem heut gefällten Christoffelturm hinab zum Stalden zieht, bestrickt die Mannigfaltigkeit vom schmalsten, nur zwei Fenster fassenden Haus bis zu dem anstelle von sechs Häusern errichteten breiten Palais (Spitalgasse Nr. 17, Rüfenacht und Heuberger), vom aufwendigen Sitz einer Schultheissenfamilie zur beinahe dürftigen Behausung, wobei selbst diese vielfach nicht eines wenn auch noch so bescheidenen Schmuckes, an der Haustür etwa oder an einem Fenster, entbehrt. Ausserdem finden sich hier fast alle Gesellschaftshäuser der Zünfte, deren enge Bindung an das Bürgertum in dieser Nachbarschaft sinnfällig zum Ausdruck kommt. Den untersten Verlauf des Hauptgassenzuges während der früheren Jahrhunderte geben die alten Stadtdarstellungen und einige Ansichten wieder: wo heute die Gerechtigkeitsgasse, in die Nydeggbrücke biegend, zur Stadt hinausstrebt, vollzog sich vor dem Brückenbau 1844 ein fast behutsamer Übergang aus der Zähringerstadt ins älteste Burgum. Massstab und Rhythmus wurden dabei anders; aus der grossgeführten, sanft fallenden Gassenkurve ging es, an den Schaffnerhäusern der Klöster Interlaken und Frienisberg, an Klapperläubli und Nydegghöfli vorbei, in steiler Krümmung hinab zur Untertorbrücke und in die Matte, aus der Stadt ins Städtchen, aus der Höhe in die Uferniederung, aus der Urbanität ins Unverblümte von Schiffer-, Fischer- und Müllervolk. Unsere Zeit hat auch hier die Unterschiede zwar gemindert, aber noch nicht völlig verwischt. Wer früher aus der Mattenenge und vom Ramseyerloch stammte, bejahte den eigenen Stand, die eigene Sprache, das Mattenenglisch, mochten die Städter auch die Nase rümpfen, und die von den Buben von oben und unten auf Schleichwegen gegenseitig unternommenen Straf- und Sühneexpeditionen hatten den Klang von echten Abenteuern. Der Maler Ferdinand Hodler ist als Schüler jahrelang ein Mätteler gewesen. Unmittelbar überragten die Matte, aus der das Rauschen der Aareschwelle stieg, die Häuser an der Junkerngasse. Der Name, zwar erst aus dem 17. Jahrhundert stammend, verrät die Bevorzugung dieser Gasse durch die regierenden Geschlechter: hier sassen die Bubenberg, Scharnachthal, Erlach, die Frisching, Wattenwyl, Graffenried. Ihre Vorliebe galt der sonnigen Lage über dem Aarebogen, die abfallenden Halden - ehemals Weinberge - sind zu hängenden Gärten ausgebaut, die vorderen Stuben sehen, pflegt man zu sagen, «aufs Land hinaus». In den Bogengängen zwischen Vorder- und Hinterhaus sind, da und dort besonders wohlgeraten, schmiedeiserne Brüstungsgitter zu finden, in den Höfen selbst die alten, Schneggen genannten Treppentürme, die mehr und mehr den Umbauten der Neuzeit zum Opfer fallen. Der Gasse zeigen die Häuser meist eine schlichte, ja ernste Fassade, die wenig aussagt über die zuweilen reich getäferten und vordem auch oftmals an Wänden und Decken dekorativ und gar figürlich bemalten Innenräume. Das Beatrice von Wattenwyl-Haus, heute eidgenössischer Besitz, kehrt der Gasse Lauben des 15. und 16. Jahrhunderts, darüber strenge Fronten des 17. Jahrhunderts zu, der Gartenseite dagegen eine anmutige Barockfassade, deren Bauherr Schultheiss Samuel Frisching war, der nachmalige Sieger von Villmergen. Einzig das Palais des Schultheissen Albrecht Friedrich von Erlach erkühnt sich, unter Verzicht auf ein Hinterhaus, der Gasse einen Ehrenhof zu weisen, den zwei schmale Seitenflügel und, in Fortsetzung der Laube, ein offener eingeschossiger Arkadenbau umschliessen. Der Umbau setzte, unter teilweiser Belassung von Innenmauern, dem ehemaligen Sässhaus der Familie von Bubenberg das neue Äussere vor, das, in etwas veränderter Form, auf einen Entwurf Albrecht Stürlers zurückgeht. An der hinteren Gassenseite lagen die Dependenzen, Ställe und Remisen der Junkerhäuser, noch heute an manchen Stellen wahrnehmbar. Hier war das Reich der Kutscher, Rossknechte und Mägde, des Köbi, Benz und Eisi, die Welt des Anderen auch, in die sich die Herrschaftskinder aufgesperrten Augs und Ohrs zu stehlen wussten und die heute noch im Gespensterhaus fortspukend die nüchternen Nachfahren fesselt. Häuser halten die Namen der Bauherren lebendig, zumal da, wo sie, wie der Erlacherhof, innerhalb der kleinen Stadtgemeinschaft etwas Eigenes wagen. Dazu möchten auch die beiden weiter aufwärts im gleichen Gas senzug liegenden Mayhäuser zählen. Dem einen, an der Kirchgasse gegenüber dem Münster, liess ein Junker von May 1609 eine Fassade geben, die über gotischer Fensterverteilung Reliefdekor im Stil der in Bern sonst kaum auffindbaren Renaissance trägt. Das andere Mayhaus, noch weiter aufwärts an der Kesslergasse, ist das einzige mit mehrgeschossigem Erkerturm. Der reichste Berner seiner Zeit, der Staats-, Kriegs- und Handelsmann Bartlome May, liess ihn 1515 seinem Doppelhaus als schmuckhaftes Bindeglied vorsetzen; die plastische Figur eines Narren trägt das mit Masswerkbrüstungen verzierte Gebilde, das dem von Westen Kommenden als Auftakt zum Münster erscheint. Der Zug von Kessler-, Kirch- und Junkerngasse geht parallel zur Hauptgasse dem Münster entlang; ihm entspricht auf der nördlichen Gegenhälfte der Halbinsel, am Rathaus vorbeiführend, der Zug von Metzger- und Postgasse, die früher Hormannsgasse hiess. In fächerförmiger Ausweitung laufen oberhalb von Rathaus und Münster nochmals zwei äussere, etwas später entstandene Gassen an; nordseitig die Brunngasse, die ihren handwerklich-kleinbürgerlichen Charakter vielleicht am längsten von allen bewahrt, südseitig die Herrengasse mit den Münsterpfarrhäusern. Das Wohnhaus, das die Aareseite der Gasse oben abschliesst, mag Anlass bieten, einen weitern Berner Architekten vorzustellen: nach Erasmus Ritters Plänen wurde 1760 das Haus für David Salomon von Wattenwyl erbaut. Bis zum Abbruch der alten Lateinschule 1906 stand es an dem kleinen dreiseitig umschlossenen trapezförmigen Platz, in den die Herrengasse nach Westen ausmündete; auch der Brunnenstock mit Säule und Vase wird von Ritter komponiert worden sein. Die Pilastergliederung der Fassade unter ihrem Mansarddach, das ein Segmentgiebel unterbricht, muss einstmals, als im Winkel dazu die Lateinschule mit ihrem kantig vorstehenden Treppenturm den Platz abschloss, zu ganz anderer Wirkung gekommen sein als heute neben dem überdimensionierten Casino. Ritter, fast aufs Jahr genauer Zeitgenosse Sprünglis, ist der weitestgereiste unter den bernischen Baumeistern, für dessen zeitlebens über die Stadtmauern hinausdrängenden Geist ein pionierhafter Anteil an der Erforschung von Aventicum und die Mitgliedschaft ausländischer Akademien sprechen. Noch mehr als Sprüngli blieb es ihm versagt, ein Werk zu hinterlassen, das von dem Umfang seines künstlerischen Wissens und Vermögens aussagen würde. Das bezeugen die beiden Bände der Burgerbibliothek mit Ritters Skizzen und Entwürfen. Den seitlichen Gassen fehlt im ganzen das Festlich-Freudige der Kram- und Gerechtigkeitsgasse; es sind, wie es ihnen auf Grund ihrer Lage im Stadtgebilde zukommt, deutlich Nebengassen, durch bestimmte Standesunterschiede geprägt. Das heisst nicht, dass sie im einzelnen überraschender Schönheiten und Wirkungen ermangeln, seien es Besonderheiten wie Putzfassaden oder Fachwerkhäuser mit Holzlauben, Bauwerke wie das ehemalige Gasthaus «Zur Krone» an der Postgasse, in dem königliche Passanten abgestiegen sind und das ein echt bernisches Gemisch aus Stilformen von der Gotik bis zum Barock zur Schau trägt, oder auch Unregelmässigkeiten wie das streckenweise Zurückspringen des Alignements, das ein Aussetzen der Lauben zur Folge hat. Unterhalb des Quergürtels am Zeitglocken sind die Gassen wunderbarerweise noch kaum versehrt. Erst von hier ab, wo die «City» der Bundesstadt beginnt, die den Menschen nicht mehr zur Wohnung, sondern allein zu ihren Geschäften dient, haben seit mehr als einem Jahrhundert Haupt- und Nebengassen der Neuzeit übermässig Zoll entrichten müssen; sie tun es noch immer Jahr für Jahr. Dadurch schwindet ihr individueller Charakter, ihr Gesicht wird gleichförmiger, die Miene ausdrucksärmer, wofür Zeughaus- und Amthausgasse augenfällige Beispiele sind: auch sie nicht ohne einzelne Schmuckstücke, wie das heute der Verwaltung der Burgergemeinde dienende Fischer-, spätere Marcuardhaus oder das zwar durch Ladeneinbauten versehrte ehemalige Rathaus des Äusseren Standes. Streckenweise ausgenommen ist vorderhand die Aarbergergasse, die von den oberen Gassen - wie lange noch? - die stärkste Eigenart hat, eine frühere Ausfallstrasse mit längst verschwundenem Tor. Hier kommt-das Land in die Stadt; man muss sie an Markttagen aufsuchen, wo die an den Rand gestellten Fahrzeuge sich aneinanderdrängen wie Kühe im Stall, wo die Bauern in der gehobenen Stimmung eines Vieh- und Festtages aus dem verrauchten Brodem der Wirtsstuben treten. Ganz dem 19. Jahrhundert verdankt eine Gasse ihre Prägung: in ihrer Breite, mit Bäumen und flankierendem Park hat die Bundesgasse etwas von den Ringstrassen der Weltstädte nach ihrer Befreiung aus fortifikatorischen Fesseln; bei grösseren Ausmassen könnte sie etwa in Brüssel liegen. Zu ihrem Einzugsgebiet gehören Christoffel-, Schauplatz- und Gurtengasse: alles Häuser über ausgedehnten Grundstücken, von steinerner Einförmigkeit, historisierend, nicht mehr aus künstlerischer Schöpferkraft erwachsen, aber «anständig», dem Zeitpunkt ihrer Entstehung in den sechziger Jahren gemäss; westlich folgen die etwas später erbauten Blöcke zwischen Schwanengasse und Hirschengraben. Gemeinsam ist ihnen der Verzicht auf Lauben und Dachvorscherm, wodurch die Sonderung vom mittelalterlichen Bern deutlich vollzogen ist. Liegen die meisten Gassen in der Längsrichtung der Halbinsel, so die meisten Plätze quer. Die Plätze in Bern, das sind vor allem die aufgefüllten Gräben vor den Tortürmen, deren Gürtel Etappen des Wachstums sind. In unserem Auf- und Abwärtsgehen geben sie willkommene Atempausen; den Blick nach den Seiten freilassend, zeigen sie an, wo man steht. Der unterste Quergürtel, der älteste, die Kreuzgasse, blieb schmal; der erste eigentliche Platz ist der aufgefüllte Graben vor dem Zeitglockenturm. Dieser Turm unter breitgeschweiftem Helm ist den Bernern der liebste, vertrauteste, nicht nur wegen des täglich von Fremden ohne Zahl bestaunten kunstreichen Uhrwerks des Caspar Brunner von 1527 mit Kalenderuhr und Schlagwerk, mit Sanduhrmann und flügelschlagendem krähendem Hahn, später um Zähringer Leu, Narr und Bärenreigen vermehrt, während oben im offenen Glockenturm der Mann im Harnisch die Stunde schlägt. Der Turm wurde in den Jahrzehnten nach dem grossen Brand von 1405 instandgestellt; die vier Ecktürmchen, die ihn seitdem zierten, sind nur in ihren Ansätzen unter dem weit vorkragenden Dach noch sichtbar. Umgestaltungen fanden bis in die Neuzeit immer wieder statt. Der langgestreckte Platz vor dem Turm hat zwei Hälften: die südliche wird nach dem einst hier untergebrachten Theater benannt, die nördliche nach dem ehemaligen Kornhaus. Den Theaterplatz bestimmt an seinen Längsseiten die mozartische Fassade des Hôtel de Musique und der schräg gegenüber vorstehende, heute des Spitzhelms bare Treppenturm am alten Gerbernzunfthaus. An der Stirnseite fängt den Blick die Hauptwache mit Säulen und Mansarddach, über dessen niedrigen First bis vor wenigen Jahren Luft und Süden herein drang, ehe die Silhouette dieses Wachthauses im Umriss eines aus Renditegründen höhergeführten Neubaues unrettbar ertrank. Der Kornhausplatz dankt sein Gesicht wie seinen Namen dem heute nicht mehr intakten Staatsgebäude von Hans Jakob Dünz; auch ist der Platz, der ehemals gegen die Aarehalde mit einer Grünanlage schloss, mit der Errichtung der Brücke (1898) zur blossen Durchgangsstätte geworden. Drei Plätze vollends reichen sich im nächsten Gürtel die Hand. Den Bundesplatz dominiert der Parlamentspalast, der mit den florentinisch-münchnerisch geprägten Flügelbauten der Bundesverwaltung das Bild der Oberstadt nach aussen und innen bestimmt. Der Platz, im übrigen von Bankinstituten umsäumt, eine steinerne quadratische Wanne, ist, wenn seine architektonischen Vorzüge auch nicht gar hoch zu werten sind und er vom Geiste Berns am wenigsten von allen eingefangen hat, an Markttagen heiter belebt, an Festtagen als Forum patriotischer und politischer Versammlungen nicht ohne Würde. Der Bärenplatz, in halber Breite angeschlossen, lebt von seinem Obstmarkt, und vom Käfigturm, der am Rand herüberragt: in seiner heutigen Gestalt das Werk von Joseph Plepp, der, damals Werkmeister an der Grossen Kilchen, also Münsterbaumeister, 1640 die Visierung für den Umbau des Käfigturms vornahm. Merkmal dieses Umbaues ist die Verschmelzung einer barock-antikisierenden Stadttor-Gestaltung mit gotisch-mittelalterlicher Turmarchitektur. Die ganze nördliche Hälfte des Quergürtels nimmt der Waisenhausplatz ein, der wie kein anderer die Verbundenheit der Stadt mit dem Land offenbarte und an Markttagen bis vor kurzem das Erlebnis eines landstädtischen Idylls vermittelte wie vielleicht der Stadtplatz in Aarberg, Sursee oder Le Landeron. Wählt man seinen Standort vor dem Käfigturm und blickt den Platz hinab, so schliesst das Bild am untern Ende die von Pappeln umrahmte Fassade des ehemaligen Waisenhauses. Die Giebelründe zur Linken schlägt den Ton an, der vorläufig auch die kleinstädtisch belebte Aarbergergasse noch bestimmt; sie leitet über zu der Häuserreihe, die vor Jahren unter annähernder Wahrung des Massstabs gänzlich erneuert worden ist. Die rechte Seite begrenzt die Häuserzeile zwischen Platz und Waaghausgasse, aus ihr ragt der Holländerturm, vor dem die Reihe sich hinabtreppt, noch vor kurzem bis zum nunmehr abgebrochenen eingeschossigen Waaghaus. Vom untern Waisenhausplatz her, in umgekehrter Richtung, ist die kubische Gruppierung der Reihe noch bedeutender. In wohlabgemessener Stufung springt der Blick des Betrachters auf den First des Kopfhauses, dann auf das flachgeneigte Zeltdach des Holländerturms, um sich schliesslich dem schlanken Dachreiter des Käfigturms entlang in den Himmel zu schwingen. Auch wer die Staffelung nicht wissentlich erlebt, empfindet das Pittoreske dieser Häusergruppe, das durch das Gedränge des Markttreibens zu ihren Füssen noch gesteigert wird. Dazu kommt das Spiel von Licht- und Schattenflächen. Es ist kein Zufall, dass das Motiv von Malern, Zeichnern und Photographen immer wieder festgehalten worden ist. Die Blöcke an der untern Hälfte, zwischen Zeughaus- und Nägeligasse, in einer für Schönheiten solcher Art verständnislosen Zeit erbaut, beeinträchtigen wohl die Dichte des Eindrucks, ohne ihn gross umzustimmen. Dem obersten Quergürtel fehlt, im Gegensatz zu den untern, seit 1864 der Turm. Heute wird der Abbruch dieses Wahrzeichens und eigentlichen Stadteingangs, der als einziger der drei Türme seine altertümlich gotische Form bewahrt hatte, als unheilvollster Eingriff ins Stadtbild einmütig erkannt und beklagt. Erst wer sich vor Augen hält, wie anders der Eintritt in die Stadt durch diesen Turm sich vollzöge, wie Zeitglocken-, Käfig-, Christoffelturm in ihrer Dreiheit die Folge steigerten, wie jeder als sonorer Einsatz einer neuen Strophe des gleichen balladesken Liedes getönt haben muss, wie verstümmelt das Stadtganze durch das Fehlen dieses Gliedes ist, wie unwiederbringlich der Verlust, wie nutzlos das Opfer, wie lieblos die Gründe, die - mit einem Mehr von vier Stimmen - zu seinem Untergang führten, erfasst, wessen eine Gruppe von Bürgern sich vermass, und trauert, dass dergleichen überhaupt möglich war. Mag sein, dass der Turm der Heiligkeistkirche im Schatten des grösseren Turmes stand: just die Gegensätzlichkeit des Paares hat sich Freunde zu schaffen gewusst. Ganz zu schweigen vom alten Schutzgeist, dem fast zehn Meter hohen, aus Lindenholz geschnitzten Reliefstandbild des Christoffels, der die Stadt hinunterschaute und dem auch der Raub des Christusknaben nach der Reformation, die Umkleidung zum Goliath den alten Namen nicht zu nehmen vermocht hat - wo gäbe es hierzulande eine ähnliche Kolossalfigur? Wie stattlich war der Platz «zwischen den Toren», der heutige Bubenbergplatz, als dessen östlicher Abschluss, genau in der Öffnung zur Spitalgasse stehend, der hoch aufragende Turm sich bot; doppelt ragend durch die Spiegelung, die sich im langen Rechteck der Rossschwemme auftat - wie festlich aber auch durch den Widerpart, der dem Turm in der Fassade des Burgerspitals an der nördlichen Langseite erwuchs. Das Burgerspital, wie das Waisenhaus in damaligen Zeitläufen eine soziale Leistung von Rang, ist als Bauwerk ein vierarmig um den weiten Innenhof gruppierter Palast mit zugehöriger hinterer Hofanlage. Als solcher ist er in Bern einzigartig, da ja die Halbinsellage der Stadt eine sonst weit intensivere Ausnützung der Grundstücke verlangte und auch die Bauaufgabe sich kaum ein zweites Mal ähnlich stellte. Man muss die Grenzen unseres Landes überschreiten, nach Dijon, Nancy, Paris fahren, um zu erkennen, was Bern, was die Schweiz an diesem Palais ducal, diesem Hôtel des Invalides besitzt. Die Fassaden sind durch Risalite senkrecht, durch Gurtgesimse waagrecht massvoll unterteilt. Die Dreieck- und Segmentgiebel, die Bogenreihen der Fensterzeilen nehmen dem Bau jegliche Härte. Wer den grossen, dann den kleinen Hof durchschreitet, empfindet bewusst oder unbewusst den rhythmischen Wechsel der. Öffnungen und Pfeiler, das Zusammenspiel von Wandfläche, Dachneigung und Himmel, von Luftraum und barocker Brunnenplastik. Er geniesst den Wohllaut des architektonischen Ausklingens im hinteren, im Bogen sich schliessenden Hof. Er spürt die Atmosphäre von Stille und Geborgenheit inmitten städtischer Unrast, wie sie - ein erhabeneres Beispiel - in Rom Michelangelos Klosterhof nah dem Hauptbahnhof vermittelt. Der Umstand, dass das Burgerspital, als Bau gemeinsam mit der ursprünglich zugehörigen Heiliggeistkirche beschlossen, im ganzen vom Pariser Architekten Abeille projektiert und seit 1734 durch die hiesigen Werkmeister Schiltknecht und Lutz erstellt worden ist, gibt ihm die unverwechselbare Verbindung französischer Eleganz mit heimischer Schlichtheit. Noch sind indessen die Plätze nicht alle genannt. Kehren wir zurück in die untere Stadt. Der Platz vor dem Münster, aus Raumbedarf der Bauhütte durch Abbruch von Häusern entstanden, ist das geschlossenste Geviert der Stadt, das in eindrucksvoller Verbindung durch architektonische Beiträge von Kirche, Staat und Burgern bestritten wird. Minder glücklich ist die spät erfolgte künstliche Zentrierung des Platzes durch Errichtung des Reiterstandbildes für den Laupensieger Rudolf von Erlach, um so deutlicher fühlbar, wenn man sich die abseitige Aufstellung des Mosesbrunnens auf dem gleichen Platz vor Augen hält. Die Südseite des Platzes, der ganz im Zeichen des Münsters steht, nimmt das Stiftsgebäude von Albrecht Stürler ein (1745-1748). Die Fassade unter behäbig konservativem Walmdach wird durch flach gehaltene Mittel- und Seitenrisalite auf- und abklingend rhythmisiert. Der spannungsreiche Gegensatz zwischen dem waagrechten Platz und dem mit einzigem machtvollem Turm - dem Turm der ganzen Stadt - aufragenden Münster ist im Stift zum Ausgleich gelangt, in dem jede Komponente ihr Recht findet. Dem Münster gegenüber steht, stärker in die Senkrechte gefasst, das barocke Tscharnerhaus; das schon genannte Mayhaus an der Seite, wo die Gasse dem Platz entlangführt, hält zwischen Gotik und Barock, die den Platz prägen, die Mitte. Das Fehlen der Renaissance in Bern mag tiefere Gründe haben, ein äusserer liegt gewiss in der überalterten Gotik des Jahrhunderte dauernden Münsterbaues. Mit der Grundsteinlegung zum Münster schliesst Conrad Justinger seine amtliche Berner Chronik. Am 11. März 1421 habe man in Gottes Namen den ersten Stein gelegt. Eine Handschrift fügte bei: «Maria, hilf dir selber zu dinem Buwe.» Die Chronik und das Münster, zwei Taten, die dem gleichen Boden entwachsen sind, erscheinen so in gegenseitiger Beziehung. Was den Münsterbau betrifft, so war seit der Gründung der Stadt nichts Ähnliches gewagt worden. Man ahnt es nicht mehr, welche Anstrengung das Vorhaben bedeutete in einem Gemeinwesen von nicht fünftausend Einwohnern, ermisst zu wenig, welche Last diese auf unabsehbare Zeit hinaus zu tragen sich erkühnten. Nach Jahrhunderten erst, nicht unter günstigerem Stern, erhielt der lang so stämmig unbehelmte Turm den aufragenden Abschluss, dessen er nunmehr, allein schon als Gegensatz zum Bundeshaus, nicht länger entraten zu können schien. Die Motive zum Entschluss des Münsterbaues sind oft erwogen worden. Nicht allein kirchliche haben mitgespielt, sondern - wie könnte es hier anders sein - ebensosehr auch politische. Es ging beim Wunsch nach der eigenen Landeskirche - ein Jahrhundert vor der Reformation - um die weithin sichtbare Selbstbehauptung der freien Stadt, die sich gegen den Feudaladel hatte durchsetzen können und in ihr wohl bedeutsamstes Jahrhundert eingetreten war. Mit dem verheerenden Stadtbrand von 1405 hatte es sich ereignisträchtig angekündigt, der unbändige Lebenswille hatte sich dem Unheil gewachsen gezeigt, die Häuserreihen wurden währschafter, stattlicher, aus Stein statt aus Holz wieder aufgebaut. Dann ging man auch gleich daran, ein Rathaus zu errichten, in dessen heute wieder von Einbauten befreitem Erdgeschoss die gedrungenen Säulenkolosse den Anspruch auf Dauer verkörperten. Und kaum war der Rat aus dem unscheinbaren schmalen Haus am Chor der alten Leutkirche in den neuen würdigeren Bau gezogen, gerüstet, Krieg und Frieden von hier aus zu verwalten, reifte auch schon der Entschluss, «dass man ein Münster anheben und buwen wolt». Es ist, als ob der Gedanke an Ewiges das neue Rathaus im Zeitlichen habe festigen sollen, oder auch, wie wenn die Kräfte, einmal geweckt, sich nicht mehr schlafen legen wollten; so ward man schlüssig, sie an einen Gegenstand zu binden, von dem so schnell nicht loszukommen war: an den Münsterbau, der bald auch schwer auf Stadt und Umgemeinden drückte, die immer wieder Fron und Fuhrung, wie vordem für den Unterbau der «Plattform», zu leisten hatten. Mit der Mahnung: «Mach wyter !» schien der vom Schwaben Matthäus Ensinger begonnene Bau - das letzte gotische Münster, das zu bauen unternommen wurde - den Bernern beständig in den Ohren zu liegen, bis sie endlich, nach dem Standbild des Werkmeisters über der Kirchgasse, den Wortlaut setzen durften: «Machs na !» Wer vom Münsterchor nordwärts in die Kreuzgasse biegt, gewahrt am andern Ende das profan-gotische Gegenstück: den wuchtigen Körper des Rathauses. Er sieht eine doppelläufige Freitreppe und ein Dach, noch einmal so hoch wie das Mauerwerk. Tritt der Betrachter aus dem Häuserschatten auf den hellen Platz mit dem landstädtischen Rundgiebel und dem Vennerbrunnen zur Rechten, verringert sich im Auge die Höhe des Daches, dafür erscheint der Bau in ganzer Breite und Standfestigkeit. Viele Umwandlungen haben aussen und innen das Gesicht des Rathauses zu ändern versucht, es trug sie wie ein vergängliches zeitbedingtes Gewand. Zum alten Bestand gehören die Ämterschilde am Hauptgesims und der Baldachinvorbau des zweigeschossigen Eingangs; auf die allen Bernern liebgewordene Treppenüberdachung hat die in vielem so verdienstvolle Erneuerung von 1942 verzichten zu dürfen geglaubt. Über die Schwelle sind sie alle geschritten: der mannhafte Bubenberg, der freimütige Manuel, der umfassende Haller, der würdige Steiger; ihnen allen haben es die Gnädigen Herren, zu denen sie ja selber gehörten, nicht leicht gemacht. In diesen Mauern ist regiert worden bis heut, es gab Tage siegesgewissen Auszugs und Tage des Niedergangs. Dem Fortbestehen des Hauses entspricht die Kontinuität der Verfassung: das Ende - 1798 - traf die Obrigkeit in derselben Gliederung an, wie sie um 1416 das neue Rathaus bezogen hatte: Schultheiss, Kleiner und Grosser Rat oder Rät und Burger, wie es später hiess. Die Regierung bildete der Kleine Rat, in dem sich die eigentlichen Kämpfe und Entscheidungen abspielten, nominell hatte indessen die oberste Gewalt der Grosse Rat der Zweihundert, der nach der Verfassung allein das Recht hatte, Bündnisse abzuschliessen und über Krieg und Frieden zu bestimmen. Aus seinen Reihen wurden die Landvögte und die Mitglieder des Kleinen Rates gewählt. Um Ostern erfolgten die Bestätigungen von Rät und Burgern; die Ergänzung in den Grossen Rat, erst gleichfalls jährlich, dann alle vier bis fünf Jahre, liess man schliesslich anstehen, bis die Zahl der zu wählenden Burger etwa 80 betrug; die Burgerbesatzung fand somit nurmehr alle acht bis zehn Jahre statt. Aus der «verwickelten, beinahe venetianischen Wahlart» spricht «der eigentümliche Geist der Zeit und des Orts» (Tillier). Eine aus den Zünften bestellte Wahlbehörde von sechzehn Mitgliedern nahm mit dem Kleinen Rat zusammen die Wahlen vor. Die Ergänzung des Kleinen Rates war eine besonders verschränkte Mischung von Wahl und Los, die zum Beispiel dem sich neunmal bewerbenden Haller niemals gewogen war. Wie das Äussere des Rathauses wandelt sich das Gesicht der Ratstuben im Lauf der Zeit. Es wandelt sich auch das Gesicht der Regierenden. Aus der Ritterschaft und den Zünften hatte sich die Burgerschaft gebildet, deren Kreis sich allmählich enger schloss. Gleichviel, ob die Handwerker, die Bauern, die Burger selber zuzeiten an den Pforten, ja den Grundmauern des Rathauses rüttelten - die Entwicklung zum oligarchischen Regiment erfolgt mit eigenartiger Konsequenz. Es ist, als ob Widerstand sie noch förderte. Der «Frondeur» in den eigenen Reihen, wie ihn Rudolf von Tavel gezeichnet hat, gehört als Erscheinung mit ins Bild. Die Ratsherren, die den Krieg gegen Karl den Kühnen beschlossen, waren nicht die gleichen, die die bittern Stunden von 1798 miterlebten. Gewisse Eigenschaften gehen trotzdem durch und werden durch Ausnahmen wie die eines Niklaus von Diesbach oder Hieronymus von Erlach bestätigt. Dazu gehört die Fähigkeit, persönlicheAnspruchslosigkeit mit dem Sinn für staatliche Repräsentation zu verbinden. Dies wird bei einem Vergleich bernischer Bildnisse mit solchen aus Basel und Zürich besonders augenfällig: in keiner andern Stadt wird so viel prunkvolle Würde aufgewendet, und in keiner andern gilt dieser Prunk so ausschliesslich einem höheren Ganzen, das der Dargestellte lediglich vertritt, und nicht ihm selbst. Immer wieder war es denn gerade dieser römisch republikanische Zug, den gekrönte Häupter wie Friedrich und Napoleon an den Bernern zu bemerken liebten. Damit der Staat als Leistung in die Höhe schiessen konnte, mussten freilich viele Schosse abgebunden werden, und wohl just die feineren haben darob darben müssen. Auch wo die Gnädigen Herren sich für Kunst erwärmten, hatte dies, wie bei den alten Römern, einen politischen Grund: daher ihr Sinn für die Baukunst und das Porträt. Einzig Staats- und Kriegsdienst waren standesgemäss, und nur mit dem Wein ihrer waadtländischen Güter geruhten sie Handel zu treiben. Humanisten oder gar Dichter waren eher verdächtig, und ein Magistrat wie der Schultheiss Sinner, der Wieland als Präzeptor seiner Söhne nach Bern berief, gehört der Endzeit des Staates an, ebenso jener Patrizier, der Hegel zum Hauslehrer erkor. Die Erziehung der Jugend, aus der Epoche heraus zu verstehen, entbehrte doch des angebornen Bon-sens nie. Die jungen kamen den Alten entgegen, wenn sie sich im Äussern Stand zusammenschlossen, um, Ernst mit Allotria mischend, sich in einem Scheinstaat auf ihre künftigen Ämter vorzubereiten. Zum Abschluss des Rundgangs mag es gegeben sein, auf der niedern alten Brücke mit den als Wellenbrechern übereck stehenden Sandsteinpfeilern den Fluss zu überschreiten. In ihrem Namen lebt allein das untere Tor noch fort, mit dem sie an dieser verletzlichen Stelle verbunden gewesen: die Brücke, die bis 1798 kein feindlicher Fuss je betreten, war einst wehrhaft mit Zinnen und Türmen über jedem Pfeiler versehen, ein Teil der Befestigung, die den von Natur verliehenen Schutz lückenlos ergänzte. Die Nydeggbrücke, von der wie vom grösseren Nachkommen der schlichte Ahn überragt wird, hat der alten Brücke, die darum nicht minder ehrwürdig bleibt, das meiste Leben weggenommen. Der Bau der neuen Brücke in den Jahren 1841 bis 1844 war der erste schwere Eingriff in das Stadtbild, die erste Verletzung des Massstabs; mit ihr brach an, was fortan nie mehr abbrechen sollte: zum erstenmal wurde die topographische Voraussetzung, der die alten Gassen- und Häuserzüge so unvergleichlich nachgekommen sind, auf Geheiss des neuen Zeitalters ausser Betracht gesetzt. Anstelle der vom Gelände gegebenen Gassenführung treten Damm und Hochbrücke, die die im Geviert der alten Reichsfeste Nydegg sich erhebende und bisher beherrschende Kirche zum Rang eines Zollhauses herabwürdigten. Die im Zusammenhang mit der Brücke errichtete Häuserreihe der Nydegglaube - an sich wie die Brücke als Bauwerk gewiss gediegen - verminderte durch ihr Grössenmass und ihre Einförmigkeit die Vielfalt der Altstadthäuser mit ihren bescheideneren Verhältnissen. Damit soll nicht, was wenig Sinn hätte, die Zweckmässigkeit des Eingriffs angezweifelt, nur das Zeitsymptom und seine Bedeutung in bezug auf die Wahrung des Stadtbildes hervorgehoben sein. Mit Sicherheit wäre ohne neue Brücke die Altstadt unterhalb des Zeitglockenturms vollends abgeschnürt worden - eine Gefahr, der es ohnehin auch heute dauernd zu wehren gilt. Vermeidbar wäre indessen die Verschacherung des äussern Brückentorturms durch die Stadtbehörde gewesen; der Käufer, ein Dachdecker, wandelte ihn unverzüglich zur Mietskaserne unter dem romantischen Namen Felsenburg um, in der die Erinnerung an die Befestigung des äussern Brückenkopfes ein fragwürdiges Dasein fristet. Die Folge dieser Preisgabe war, dass 1864 auch der äussere Torbogen fiel, nachdem man den innern schon 1819 abgebrochen hatte; da inzwischen die neue Brücke errichtet war, hätte dieser äussere Bogen ebensowohl stehenbleiben können, dafür aber hatte jene Zeit kein Verständnis. Das selbständige Gebilde des ehemaligen Burgstädtchens an der Nydegg ist zu erahnen, wenn man, vorüber am alten Klösterliwirtshaus - der Name erinnert an das dort zeitweilig untergebrachte «niedere Spital» - in einer Wendung die Rampe des Aargauerstaldens gewinnt, der, «Burgern und Fremden ein willkommenes Werk, neben dem alten Wege durch jähe Felsen, wo die Natur den Durchgang zu verwehren schien, als sichere Strasse gebaut wurde von 1750 bis 1758», wie die Gedenkschrift rühmt. Von hier, noch immer, welcher Blick, von aussen nun, auf das Bauwerk Bern! Waren es bisher die immerzu wechselnden und sich wandelnden Ausschnitte, die Ein- und Durchblicke, den Häuserreihen entlang durch schmale oder breite Gassenräume, sich wandelnd im Gleichmass der Schritte, Werke eines Geistes aus welcher Epoche auch immer, bernischer Stadtinnenraum, so ist es nunmehr die Stadt von aussen gesehen. Bern hat - das zeigt sich sogleich - durch die erhöhte Halbinsellage ausgesprochene Aussenaspekte, denen die umgürtende Schleife der Aare Distanz verleiht, so wie es mit Absicht die barocken Baumeister taten, wenn sie vor ihre Schlösser Wasser legten, so dass die Baukörper nur von ganz nah oder aus gebührendem Abstand zu betrachten waren. Wir sehen die Halbinselzunge von vorn, sehen von Westen her den Flusslauf sich im Bogen nähern, unter uns vorüberziehen, sich nach hinten entfernen, wobei das äussere Ufer sich amphitheatralisch herabsenkt. Die Stadtzunge inmitten steigt allmählich an, die «Matte» zu ihren Füssen bleibt in der Niederung, wird vom Bogen der Nydeggbrücke überwölbt. Auch ist sichtbar, wo die ehemalige Stadtmauer mit der Ufermauer zusammenhing. Wie sich aber nun die Stadt am Stalden empor und konzentrisch um die Nydeggbrücke gruppiert, hernach hundertfach sich schachtelnd und staffelnd die Höhe gewinnt, wobei sich unserm Standpunkt die ganze Siedelung in grösstmöglicher Verkürzung präsentiert; wie Giebel, Firste, Kamine die bunte Masse bilden, aus der alsbald die Türme der Nydeggkirche und des Münsters als Merkmale ragen, während andere Akzente sich erst bei deutlicherem Hinsehen lösen: das steile Rathausdach, der Zeitglockenturm, die kupfergrünen Kuppeln des Parlaments - das will von unsern Augen in betrachtender Musse, womöglich bei Sonnenuntergang gekostet sein. Wie vom lieben Gott in guter Laune hingebaut, zeigt sich dann das Bild der Stadt: ein plastisches, lebendiges, von Erde, Wasser, Luft und Feuer sich nährendes Gebilde, Enges und Weites beisammen, Flaches und Steiles über Dreieck, Viereck und Kreis. Vom Alten Bern Bern - von jeher Symbol der Kraft, des Mutes, der Ausdauer und Bedächtigkeit, gemeinhin Begriff eidgenössischer Politik und Verwaltung, Zentrum der Diplomatie! Vergisst man darob nicht gar zu leicht das Stadtgebilde selbst? Die Stadt Bern - Goethe nennt sie die schönste - ist in ihrer Geschlossenheit ein Kunstwerk. Das alte Bern der Lauben, breiten Gassen und Brunnen hat in Michael Stettler und Hermann von Fischer Söhne gefunden, die erfüllt von der Liebe zur Stadt ihrer Vorfahren, seine Schönheiten und Reize schauen, schildern und verteidigen. Dieses Buch, das dritte in der Reihe «Städte und Landschaften der Schweiz»,wird ohne Zweifel allen, denen nur der Name Bern Begriff war, eine Entdeckung bedeuten. Benjamin Laederer, Verleger 1957 by Éditions Générales S.A. Genève ![]() |