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Bern - die Hauptstadt mit Charme

Die Stadt Bern von 1870-1920

Politische Stellung

Aus der Stadt, die von der ummauerten Aarehalbinsel aus uneingeschränkt über Land und Leute im alten Staate Bern herrschte, entwickelte sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts ein schweizerisches Zentrum mit Öffnung zur Welt. Die kleine Schar bevorrechteter Patrizierfamilien musste zunächst die Staatsgeschäfte an den liberalen Kanton abtreten; später lösten auch in der Stadt die fortschrittlichen Kräfte die konservativen Stadtväter ab.

Bern wurde 1831 zum Kantonshauptort und 1848 zum Bundessitz. Nach der Jahrhundertmitte gewann die Stadt zusätzlich an Attraktivität als Sitz für internationale Organisationen. 1865 liess sich hier die internationale Union der Telegrafenverwaltungen nieder, 1874 der Weltpostverein, 1886 ein Büro für das geistige Eigentum und 1890 das Zentralbüro der internationalen Eisenbahntransporte. Das Internationale Friedensbüro am Kanonenweg erhielt 1910 den Friedensnobelpreis.

Wirtschaftliche Entwicklung

Kurz nach der Mitte des 19. Jahrhunderts setzte in Bern eine stürmische wirtschaftliche Entwicklung mit all ihren Nebeneffekten ein. Getragen wurde dieses Wachstum von der Industrialisierung und dem Eisenbahnbau. Der damit verbundene Zuwachs an Arbeitsplätzen und zentralörtlichen Funktionen liess Bern zu einem Anziehungspunkt für das Umland und die ländliche Bevölkerung werden.

Die Wirtschaft der Stadt war bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt von Handel und Kleingewerbe. Mit der Industrialisierung entstanden neue Arbeitsplätze in Fabriken und die Bedeutung des Dienstleistungssektors nahm zu. Stark wuchsen das Bau- und Metallgewerbe und in der Anfangsphase die Textilindustrie. Dienstboten machten 1888 17% der Erwerbstätigen aus, etwa gleichviel wie die in Handel, Bank- und Versicherungswesen Beschäftigten. Die Zahl der Beamten - weniger als 4% der arbeitenden Bevölkerung - fiel dagegen damals noch kaum ins Gewicht.

Wandel des Stadtbildes

1858 brach der technische Fortschritt und die moderne Mobilität augenfällig in die Stadt ein: Bern bekam, wenn auch im Vergleich zu anderen Schweizerstädten etwas spät, einen Eisenbahnanschluss. Die «Rote Brücke», die mit einem Steg für Fuhrwerke und Fussgänger kombiniert war, führte die Eisenbahn von der Lorraine zum Bahnhofgebäude, das 1860 zwischen Burgerspital und Heiliggeistkirche eingeklemmt zu liegen kam.

Nachdem bereits 1844 die Nydeggbrücke die Erreichbarkeit der Stadt verbessert hatte, folgten als weitere Aareübergänge 1883 die Kirchenfeldbrücke und 1898 die Kornhausbrücke. Der Eisenbahnbau zog die innerstädtische Verkehrserschliessung nach sich, wodurch die Verbindung zu den Quartieren sichergestellt wurde, zuerst mit privaten Droschkenbetrieben, ab 1890 mit der ersten Tramlinie.

Das Zentrum verlagerte sich in die obere Altstadt, die eine rege Bautätigkeit erlebte. Bereits um 1834 waren die Befestigungsanlagen teilweise abgebrochen worden. In den 1860er und 1870er Jahren setzte ein weiterer Ausdehnungsschub ein. Die hinderliche Schanzenanlage wurde bis auf die Kleine Schanze, die als Park überlebt hat, abgebrochen. Der Christoffelturm musste 1865 als Verkehrshindernis und Zeuge vergangener Herrschaft weichen. Die bisher beim Aarbergertor untergebrachten Bären wurden wegen des Eisenbahnbaus in die Unterstadt ans jenseitige Ende der Nydeggbrücke verlegt, wo sie 1857 in die heutige burgartige Grabenanlage einzogen. Zwischen Bahnhof und Bundeshaus entstand eine repräsentative Überbauung, die sich mit ihren klassizistischen Formen und ihrer symmetrischen Ausrichtung an das 1852-1857 erstellte Bundeshaus-West anlehnt. Letzteres genügte schon bald den Anforderungen der Bundesverwaltung und dem sich proportional zum Bevölkerungswachstum vergrössernden Nationalrat nicht mehr. 1888-1892 wurde das Bundeshaus-Ost errichtet, 1894-1902 das Parlamentsgebäude, dessen markanter Kuppelbau die südliche Altstadtsilhouette schliesst. Die Eidgenossenschaft schuf noch weitere Bundesbauten, die das Stadtbild prägen, u. a. das Bundesarchiv (1896-1899) und die Bollwerkpost (1903-1905).

Imposante Neubauten, die zu einem beträchtlichen Teil von der Burgergemeinde finanziert wurden, förderten das städtische Kulturleben. 1894 wandelte man das geplante Schweizerische Nationalmuseum am Helvetiaplatz - drei Jahre zuvor hatten sich die eidgenössischen Räte für Zürich als Sitz des künftigen Landesmuseums entschieden - in das Bernische Historische Museum um. Das Stadttheater und der Kursaal Schänzli öffneten ihre Pforten 1903; 1909 folgte das Kasino, welches den Standort der alten Hochschule einnimmt. Die Universität bezog 1903 ihren neuen Sitz auf der Grossen Schanze. Der Münsterturm hatte bereits zehn Jahre vorher mit der Aufstockung auf 100 Meter seine 1588 unterbrochene Vollendung erfahren.

Bevölkerungswachstum und soziale Frage

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts verlief die Bevölkerungsentwicklung Berns relativ gleichmässig. Danach setzte ein rasches Wachstum ein, das sich um die Jahrhundertwende nochmals beschleunigte, so dass 1910 dreimal soviel Menschen in der Stadt lebten wie 1850. Dieser Anstieg ist auf grosse Wanderungs- und auf steigende Geburtenüberschüsse zurückzuführen.

Die Stadt als attraktiver Wohn- und Arbeitsplatz lockte verschiedenste Bevölkerungsschichten an. Das Leben unter den Lauben - bis anhin gemächlich nach Berner Art - wurde lebhafter, die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt mussten sich, wie die Bevölkerung in anderen Grossstädten auch, mit negativen Folgen auseinandersetzen: Zum Beispiel wurde der Wohnraum zusehends knapper. Bis 1860 verdichtete sich die Bevölkerung innerhalb der Altstadt; danach bildeten sich Aussenquartiere, die gegen das Ende des Jahrhunderts hin dank Brückenbau und Strassenbahn besser erreichbar wurden. Ab 1890 begann langsam die Entvölkerung der Altstadt. Die wohlhabenden Einwohner konnten sich bessere Wohnlagen aussuchen. Bevorzugte Viertel waren Stadtbach, Altenberg und Villette, später besonders das Kirchenfeld. Ärmere Bevölkerungsschichten mussten dort wohnen, wo sie es sich leisten konnten. Billiger Wohnraum war häufig nur in schattiger, feuchter und peripherer Lage zu finden. So entstanden Arbeitersiedlungen am Nydeggstalden, in der Matte, in der Lorraine und in der Länggasse.

Konjunktureinbrüche wie die grosse Depression nach 1373, von der sich Bern erst Jahre später erholte, trafen in erster Linie Arbeiter und Arbeiterinnen. Gemäss dem kantonalen Armengesetz von 1857 war die Stadt für Verarmte unterstützungspflichtig. 1877 waren 8,3% der Einwohner armengenössig.

Politische Unruhen

Mit der fortschreitenden Industrialisierung und dem Wachstum der Stadt traten verstärkt soziale Gegensätze auf. Kämpften der Freisinn und die Arbeiterschaft bis 1888 noch gemeinsam gegen die konservative Vorherrschaft in der Stadtregierung, standen sie sich einige Jahre später feindlich gegenüber. Der wirtschaftliche Wachstumsschub zeigte den Armen die Zähne: steigende Mieten, Wohnungsnot, Obdachlosigkeit und zunehmende Arbeitslosigkeit.

Alle diese Entwicklungen radikalisierten die Arbeiterschaft. In Bern entlud sich die Spannung im Käfigturmkrawall 1893. Im Anschluss an eine spontan einberufene Versammlung von arbeitslosen einheimischen Bauhandlangern, die dagegen protestierten, dass die Bauunternehmer ihnen billige und flinke Italiener vorzogen, marschierte eine Gruppe von 50 Männern auf verschiedene Bauplätze der Stadt. Es kam zu Sachbeschädigungen und Raufereien, die Polizei verhaftete 14 Randalierer und sperrte sie in den Käfigturm. Die gut organisierten Arbeiter erfuhren davon, forderten die Freilassung ihrer Kollegen und drohte mit der Erstürmung des Gefängnisses. Der Aufruhr tobte bis Mitternacht, als eidgenössische Truppen eintrafen und die Ruhe in der Stadt wieder herstellten. Das harte Eingreifen zementierte die Gegnerschaft zwischen dem Bürgertum und der Arbeiterschaft, förderte aber gleichzeitig den Zusammenhalt unter den Arbeitern. Eine Folge davon war 1895 die Wahl von Gustav Müller (1860-1921) zum ersten sozialdemokratischen Gemeinderat.

Die Stadt reagierte nun aber auf die angespannte soziale Lage - bereits ab 1889 versuchte sie als erste Schweizer Stadt, mit dem gemeinnützigen kommunalen Wohnungsbau die akute Wohnungsnot zu lindern. Der Siedlung im Wylerfeld folgten weitere Projekte. Auch eine Arbeitslosenvermittlung (1888) und eine Arbeitslosenversicherung (1893) wurden von der Gemeinde aufgebaut.

Kulturelle Höhepunkte

Beweise für das aktive kulturelle Leben in Bern sind die zahlreichen nationalen Feiern und Feste, die hier zwischen 1880 und 1920 stattfanden. Nach 1830 und 1857 beherbergte die Bundesstadt 1885 zum dritten Mal das Eidgenössische Schützenfest auf dem noch nicht überbauten Kirchenfeld. Der Grossanlass begann mit einem Festzug der Schützengesellschaften sowie der städtischen, kantonalen und eidgenössischen Behördendelegationen. Im Schiessstand wurden rund 1,5 Mio. Schüsse auf 150 Scheiben abgefeuert.

1890 zeigte das Berner Kunstmuseum in seinen Räumen die erste nationale Kunstausstellung der Schweiz. 1891 feierte die Stadt ihr 700-Jahr-Jubiläum mit einem viertägigen Fest ebenfalls auf dem Kirchenfeld. Auf der 100 Meter langen Bühne, die eine zinnenbewehrte Burgfassade mit zwei 24 Meter hohen Ecktürmen darstellte, führten über tausend Mitwirkende im «Dramatischen Festspiel» des Höngger Pfarrers Heinrich Weber sechs Szenen aus der Geschichte Berns auf. Jugendfest, Festgottesdienst, Volksfest, Feuerwerk und als Abschluss ein historischer Umzug gehörten auch zum Festprogramm.

Auch das Eidgenössische Sängerfest von 1899 wurde noch auf dem Kirchenfeld abgehalten. Doch nach dessen Überbauung musste sich die Stadt nach einem neuen Festgelände umsehen. In der Folge wechselten die Veranstaltungsorte: 1906 versammelten sich die Turnvereine zum Schweizerischen Turnfest auf dem Spitalacker, 1910 wurde das Eidgenössische Schützenfest auf dem Wankdorffeld durchgeführt, und 1914 befand sich die Landesausstellung - nach Zürich (1883) und Genf (1896) erstmals in Bern - auf dem Neufeld und dem Viererfeld.

Quelle:
Eine Stadt vor 100 Jahren
Bern - Bilder und Berichte
Peter Leuenberger *) und Emil Erne
Sonderausgabe für Buchhandlung Stauffacher Bern

Vorwort
Die Stadt Bern vor hundert Jahren: das ist die Geschichte eines dramatischen Wandels: Der Übergang von der kleinstädtischen Behaglichkeit der Biedermeierzeit zum Verkehrs- und Verwaltungszentrum des industriellen Zeitalters. Seit 1848 ist «Bern» ein ganz besonderes Gebilde: die selbständige Stadtgemeinde, der Hauptort des gleichnamigen Kantons und die Bundesstadt, d. h. der Sitz der Behörden des schweizerischen Bundesstaates. Die äussere Erscheinung der Stadt und die Zusammensetzung der Bevölkerung veränderten sich.
Der Historiker Peter Leuenberger verbindet Texte und Bilder zu einer anschaulichen Darstellung des Lebens in der Stadt Bern zwischen 1870 und 1920. So wie die Illustrationen beredte Zeugen ihrer Zeit sind, so sind die zahlreich eingestreuten Zitate originale Stimmen von Beobachtern der damaligen Zustände. Daraus entsteht ein facettenreiches Panorama der stadtbernischen Realität um die letzte Jahrhundertwende. Politische, bauliche und soziale Entwicklungen werden ebenso geschildert wie die Massnahmen zur Lösung der wachsenden Probleme. Berichte von ausserordentlichen und alltäglichen Ereignissen runden das Bild ab.
Bern, im August 1997 Dr. Emil Erne, Stadtarchivar von Bern


*) Peter Leuenberger, Historiker ist nicht identisch mit dem Inhaber dieser Homepage

Literaturverzeichnis
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