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Bern - die Hauptstadt mit Charme

Bern - Bildnis einer Stadt

Herzog Berchtold V. von Zähringen, Rektor von Burgund, gründete um 1190 (traditionell wird 1191 angenommen) Bern und sicherte den östlich davon gelegenen Aareübergang mit der Burg Nydegg. Bern gehörte territorial zum Reichshof Bümpliz und kirchlich zur Augustinerpropstei Köniz. Von 1276 an trennte der Graben östlich des Heiliggeistspitals die Kirchgemeinden Bern und Köniz. Die Gründungsstadt reichte vom untern Ende der Gerechtigkeitsgasse bis zum Zytglogge (Zähringerstadt). 1256 erfolgte eine erste Erweiterung bis zum Käfigturm unter der Herrschaft Peters von Savoyen (Savoyerstadt, innere Neuenstadt). Die bis zur Schleifung der Schanzen im 19. Jh. letzte Stadterweiterung bezog 1344/46 auch das Heiliggeistspital ein (äussere Neuenstadt). Der Name Bern scheint keltischen Ursprungs zu sein. Er ist 1208 erstmals belegt.

Berchtold Weber: Historisch-topographisches Lexikon der Stadt Bern



  • Baugrund und Baugeschichte
  • Gründung und Vorgeschichte
  • Das Burgstädtchen Nydegg
  • Die Zähringerstadt
  • Bern vor den Zähringern
  • Der Name
  • Die Savoyerstadt
  • Die Reichsstadt und der Stadtstaat
  • Regieungsformen
  • Handel, Gewerbe und Verkehr
  • Bundesstadt und Grosstadt
  • Sport
  • Der Lebensstil des Alten Bern
  • Der Lebensstil des Neuen Bern
  • Theater und Musik
  • Geistiges Leben
  • Anfänge des Schrifttums
  • Geschichtsschreibung
  • Humanismus
  • Reformation
  • Abildung und Kunst
  • Albrecht von Haller
  • Die Kleinmeister
  • Die Universitätsstadt
  • Literatur und Kunst
  • Die bernische Staatskunst
  • Bern und Bund
  • Der Leitspruch



  • Baugrund und Baugeschichte

    Der Aaregletscher hat die Landschaft modelliert, sein Kind, die Aare, zeichnete die Linien und Schleifen hinein, formte die Halbinseln, auf deren einer die Stadt Bern sich erhebt. Wohl ist ihr Untergrund kein Felsenkern, wie es die Poesie des Reimwortes auf ihren Namen wegen gerne haben möchte, ist nur Gletscherschutt und Geschiebe, ragt aber deswegen nicht minder steil und beherrschend aus dem Flusstal auf, vierzig und mehr Meter über den Spiegel der Aare, ein stolzer Sitz für eine Stadt, wie ihn sonst nur Burgen haben, und der in der Schweiz nur demjenigen von Freiburg, der zähringischen Schwesterstadt im Uechtland, zu vergleichen ist.

    In ihrem Untergrund lag ihr Wachstum vorgezeichnet. Keine Burg und kein Bischofssitz bot sich ihr als Kern an, um den herum sie sich hätte zusammenschliessen können; die Burg Nydegg, an die sie sich anlehnte, lag, wie ihr Name sagt, an der niedersten Ecke, am äussersten Ostrand der Landzunge und wurde früh schon zerstört, als symbolische Handlung gleichsam kein weltlicher Herr sollte in der jungen, damals noch aus Holz gebauten Stadt eine steinerne Burg vorfinden, von der aus er sie hätte beherrschen können.

    Von der Nydegg aus schob sie sich im Lauf der Jahrhunderte, sprungweise vorrückend, die sanft ansteigende Halbinsel hinauf. Natürliche Einschnitte in der Landzunge bestimmten jeweilen, wo das neue Wachstum haltmachen sollte, und bildeten von der Natur schon vorgearbeitete Wallgräben, an deren Rand sich die Mauern und Türme der neuen Stadtabschlüsse aufbauten. Wurden die überflüssig gewordenen Stadtgräben zugeschüttet, so erhielt die Stadt an ihrer Stelle die schönen, ausladenden Plätze, die, senkrecht zur Mittelachse liegend, sich von einem Stadtrand zum andern ausbreiten.

    Bern wurde von Anfang an als helle, sonnige, ungewöhnlich grosszügige Stadt angelegt, nirgends bildete sich ein Gewirr von engen, düstern oder gar winkligen Gässchen. Wenn wir heute durch die breiten, von Strassenbahnen und Bussen durchfahrenen Geschäftsstrassen gehen, dann gehen wir durch mittelalterliche Gassenzüge; sie haben noch die alten Ausmasse, die ihnen vor Jahrhunderten ihre Erbauer gaben, das Strassensystem ist das gleiche geblieben, das jene ihr absteckten. Bern hatte, als es zur modernen Geschäftsstadt wurde, nicht nötig, sich ausserhalb des alten Stadtkerns neue Geschäftsviertel anzulegen, es konnte sein altes Weichbild unmittelbar, ohne Häuserreihen niederzureissen, zur modernen «City» machen. Bern hat keine «Altstadt», es ist sie selber.

    Ihren Grundriss also hat die Stadt durch die Jahrhunderte beibehalten, ihr Gesicht aber hat sie vielfach verändert. Türme und Ringmauern mussten dem zunehmenden Verkehr weichen, nur der Zeitglockenturm markiert noch die Stelle, wo einst die «Zähringerstadt» ihren Abschluss fand, der Käfigturm, bis wo die «Savoyerstadt» reichte. Die Türme der äussersten westlichen Befestigung wurden alle im 19. Jahrhundert niedergelegt, manche ohne Not, einfach der vermeintlichen Modernisierung wegen. Die Häuser in den Gassen wurden mit der Zeit stattlicher und grösser; verheerende Stadtbrände im Mittelalter zwangen, vom anfänglichen Holzbau zum Steinbau überzugehen. Das Material dazu, grauen Sandstein, lieferten die Hügel der nächsten Umgebung. Sandsteingrau ist die Farbe der Stadt, nur in den Aussenquartieren lässt sie Backsteinbauten und andersfarbiges Material zu. Ein farbiges Element bringen im Sommer die sorgfältig gepflegten Geranien und die roten Kissen auf den Fenstersimsen in die grauen Fronten, und dann die bunten Brunnenstöcke. Die meisten stammen aus dem 16. Jahrhundert; von ihren Künstlern sind die wenigsten bekannt, und die Symbolik ihrer Standbilder ist vieldeutig und umstritten.

    Das Alte Bern (man versteht unter dem «Alten Bern» das aristokratisch regierte Bern bis 1798, das mit dem Einmarsch der Franzosen unterging) stellte keine andern Standbilder auf. Was heute in Bern an Denkmälern herumsteht, stammt alles aus dem denkmalsüchtigen 19. Jahrhundert, einiges auch aus dem Beginn des zwanzigsten. Ein einziges von ihnen sei erwähnt das Denkmal der ersten Überfliegung der Alpen auf der Kleinen Schanze. In Bern stieg in der Morgenfrühe des 13. Juli 1913 der Flieger Oskar Bider auf zur ersten Grosstat der jungen Aviatik, zum Flug nach Mailand.

    Im Alten Bern aber waren Denkmäler verpönt, auch der verdienteste Staatsmann bekam keines. Das einzige Grabmal, das je einem von ihnen errichtet wurde, ist dasjenige des letzten Schultheissen des Alten Bern, Niklaus v. Steiger, in einer Seitenkapelle des Münsters. Alle seine Vorläufer im Schultheissenamt mussten sich wie jeder andere Bürger mit einem schlichten Holzkreuz auf dem Grab begnügen. Ein Stücklein Papier daran mit dem Namen des Verstorbenen war das einzige Kennzeichen. War das Papier vom Winde verweht und das Kreuz verwittert, blieb keine Spur zurück. Sinnvoll wurde die Ungleichheit des Standes und der Rechte im Leben auf diese Weise im Tode ausgeglichen.

    Baugeschichtlich war das letzte Jahrhundert des Alten Bern das beste Jahrhundert der Stadt. Es vor allen hat ihr mit seinem ins Bernische übersetzten Barock den Stempel aufgeprägt, und spätere Bauten haben sich am glücklichsten in das Gesamtbild eingefügt, wenn sie sich an sein Vorbild hielten. Weniger gelungen ist die Nachahmung von Renaissanceformen, wie sie in den Bundeshäusern, der Universität und andern neueren Zutaten versucht wurden. Gotik und Renaissance haben sich in mehreren Bauwerken der unteren Stadt erhalten.

    Die in den Hauptgassen und in den meisten Nebengassen durchgehenden Lauben waren von Anfang an da; in ihren Wölbungen und Pfeilern finden sich die Stile aller Epochen friedlich nebeneinander. Die Lauben sichern der Stadt bei allen Modernisierungen der Geschäftslokale und ihrer Auslagen das alte einheitliche Bild. Sie wahren die Fassade; sie sind konservativ, ohne den Fortschritt zu hemmen.

    Das alte einheitliche Bild - es sind nicht Einzelheiten, es ist dieses Gesamtbild, das den starken, bleibenden Eindruck hervorruft, das auf den dreissigjährigen Goethe, als er am 8. Oktober 1779 die Stadt durchstrich, derart wirkte, dass er anderntags an Frau von Stein schrieb: «Sie ist die schönste, die wir gesehen haben, in bürgerlicher Gleichheit eins wie das andere gebaut ... die Egalität und Reinlichkeit darin tut einem sehr wohl, besonders da man merkt, dass nichts leere Decoration ist.»

    Und dann ihre Lage! Als lebendiger Rahmen hebt der Fluss im tief eingeschnittenen, 150 Meter breiten Tal auf drei Seiten sie aus ihren Vorstädten heraus; wie ein Blumenstrauss aus einem Füllhorn entfaltet sie sich gegen Westen über das Hügelland bis an den Rand des Bremgarten- und des Könizbergwaldes. Von allen Seiten ist ihr Anblick von gleicher Eindrücklichkeit. Hügel und Wälder umschliessen sie in der Nähe, die weisse Kette der Alpen und die blaue der Freiburgerberge und des Jura bilden ihren weiten Horizont. Siebzig, achtzig Kilometer weit schweift der Blick über die Vorberge hinweg zu den Alpengipfeln hin - welche andere Stadt blickt von ihrer Strassenhöhe aus so weit wie sie! Jagt der Föhn über die Alpen weg, dann scheinen sie in greifbarster Nähe zu sein; dunstige Sonnentage rücken sie in kaum mehr erkennbare Ferne; senkt sich an klaren Abenden die Dunkelheit auf das Land, dann leuchten sie auf im Feuer des Abendrots - welche andere Stadt bekommt einen so weithin leuchtenden Abendgruss wie sie! Mitten im Hügelland macht ihre Sicht sie zur Alpenstadt, zu einer «Stätte des Schauens».



    Gründung und Vorgeschichte

    Eine weitblickende Stadt war sie auch in anderer Hinsicht. Sie sei, erzählen die alten Chroniken, im Jahre 1191 gegründet worden, hundert Jahre vor der Eidgenossenschaft, deren Bundesstadt sie heute ist.

    Kelten hatten vorzeiten das Land bewohnt, Helvetier und Römer. Keine Urkunde gibt Orte und Daten ihres Daseins an, nur Steine, Scherben, Schmuck und Waffen belegen es. Und sie allein berichten uns, dass auf der Engehalbinsel nordwestlich der heutigen Stadt einst eine der zwölf Städte stand, die die Helvetier verbrannten, als sie 58 v. Chr. das Land verliessen, in das sie dann nach der unglücklichen Schlacht bei Bibrakte von Caesar zurückgeschickt wurden. Mit dem späteren Bern hat diese Helvetierstadt keinen Zusammenhang. Ob auf der Halbinsel, aus der Bern herauswuchs, in einer «vorstädtischen Epoche» schon eine Siedlung lag, ist ungewiss. Sie sei, sagen die Chroniken, vor dem Bau der Stadt mit einem dichten Eichwald bedeckt gewesen und habe den Namen «im Sack» getragen.

    Die erste Datierung der Stadt steht in der «Cronica de Berno», die die letzten fünf Seiten des in den Jahren 1323 bis 1340 geschriebenen oder vielmehr in der sorgfältigen und kunstvollen Art jener Zeit auf Pergament gemalten Jahrzeitenbuchs des St. Vinzenzstiftes füllen. Der Chronist beruft sich für das Gründungsjahr auf den Vers «Anno milleno centeno cum primo nonageno Bernam fundasse dux Berchtoldus recitatur». Recitatur - das heisst: wird berichtet; wurde von Mund zu Mund weiterberichtet, war nur in einem Vers, einem lateinischen Gedicht vielleicht, das verloren ist oder gar nie aufgeschrieben worden war, festgehalten, bis es dann ein Mönch, der Deutschordensbruder Ulrich Pfund, in dem frommen Buche eintrug. Was aber durch Generationen hindurch ein Geschlecht dem andern weitererzählt, das ist beim letzten Erzähler nicht mehr das gleiche Wissen, das es beim ersten war.

    Die Tatsachen geraten im Weitererzählen unmerklich durcheinander, die Zeitangaben verschieben sich, und auf eine Person häuft sich, was zwei oder mehrere zu verschiedenen Zeiten geschaffen haben. Den Chroniken, die nach jener ersten knappen des Jahrzeitenbuches die Gründungsgeschichte einlässlicher erzählen, ist leicht anzumerken, dass Verschiedenes durcheinandergemengt worden ist. Wenn sie berichten, Berchtold V., Herzog von Zähringen und Rektor von Burgund, habe den Befehl zum Bau der Stadt gegeben, aber dieser Befehl sei von den mit der Ausführung Betrauten verschieden ausgelegt worden, einige hätten geglaubt, der Herzog beabsichtige nur von der Aare aufwärts bis wenig über die Burg Nydegg hinaus zu bauen, andere hätten verstanden: bis an die «Crützgass», und ein Bubenberg schliesslich habe in bewusster Übertretung des herzoglichen Gebotes die Stadt dann gleich bis zum «Zitgloggenturn» gebaut, so wirkt hier unverkennbar die richtige Erinnerung nach, dass die Stadt in drei Etappen entstanden ist, nicht alles auf einmal im Jahre 1191.



    Das Burgstädtchen Nydegg

    Mit dem Burgstädtchen Nydegg hat es begonnen. Es bildete den ursprünglichen Siedlungskern, und Ausgrabungen haben ergeben, dass es landwärts durch einen Graben begrenzt war. Der Bautypus seiner Häuser weicht von dem späteren wesentlich ab, insbesondere fehlen die Lauben. Es war «wild gewachsen», ohne bestimmte Planung entstanden, hat sich allmählich um die Burg herumgelagert und geht in eine Zeit zurück, über die keine zuverlässige Angabe zu machen ist.



    Die Zähringerstadt

    Dann folgte, auch noch nicht datierbar, jener älteste Teil der planmässig angelegten zähringischen Gründungsstadt, der vom Burgstädtchen bis zur Kreuzgasse reichte. Sein Baugrund war in eine Anzahl gleich grosser Hofstätten abgeteilt, eine Grundrissgestaltung, die in der heutigen Bebauung noch deutlich ersichtlich ist. Nachweisbar sind ebenfalls Spuren des einstigen Stadtabschlusses an der Kreuzgasse. Nach gleicher Planung und gleichem Grundriss schloss sich daran später der letzte Teil der Zähringerstadt an, der Teil, der die heutige Kramgasse und ihre Nebengassen umfasst und mit dem Zeitglockenturm und der dortigen Ringmauer mit Graben davor einen wehrhaften Abschluss nach der Landseite hin hatte. Und nur diese letzte Erweiterung datiert aus dem Jahre 1191 und mag wirklich einen Bubenberg zum Erbauer gehabt haben. Das ist der historische Hintergrund jener «Missverständnisse», die nach den Chroniken angeblich beim Bau der Stadt gewaltet haben sollen.



    Bern vor den Zähringern

    Für eine noch frühere, in die fränkisch-merowingische Zeit zurückreichende Existenz von Bern lassen sich verschiedene Anzeichen ins Feld führen: einmal der Schutzheilige der Stadt, der heilige Vinzenz; er ist ein ausgesprochen fränkisch-merowingischer Heiliger, hat seine meisten Kirchen in Frankreich und kommt in der Schweiz nirgends sonst als Schutzpatron einer erst im 12. Jahrhundert gegründeten Kirche vor. Es ist also wenig wahrscheinlich, dass am Ende des 12. Jahrhunderts in Bern diesem längst aus der Mode gekommenen Heiligen noch ein neues Schutzamt übertragen wurde. Dann die Lage der Stadt: als «Bollwerk gegen den burgundischen Adel», als das sie Berchtold V. erbaut haben soll, liegt sie auf dem falschen Flussufer, ist sie doch just gegen den «burgundischen Feind» offen und hat ihren stärksten Wall, den Fluss, gegen Nordosten, in einer Richtung also, in der die Zähringer am wenigsten Schutz benötigten, wohl aber frühere, fränkische Kolonisatoren.

    Mehr als die Merkmale eines Bollwerks zeigt sie diejenigen eines burgum, einer Neumarktsiedlung: breite Gassen, die Platz boten zum Aufschlagen von Marktbuden, und Lauben, die ursprünglich ebenfalls als Verkaufsstände dienten. Als burgum wird Bern denn auch ausdrücklich in den Urkunden bezeichnet, und «burguni» bedeutet nicht «Burg», sondern wie das französische «bourg» und das italienische «borgo» einen Handelsplatz. Der Handelsverkehr im 12. Jahrhundert darf nicht unterschätzt werden. Vor der Eröffnung der Gotthardstrasse und bevor die Habsburger nach dem Interregnum (1256-1273) ihre Hausmachtspolitik über die Reichspolitik stellten, habe man auf westschweizerischen Strassen im Tag an die dreihundert vorüberziehende Tragtiere gezählt, jetzt seien es kaum mehr ein Dutzend, klagt eine Aufzeichnung aus späterer Zeit, die schon damals Anlass fand, der «guten alten Zeit» nachzuweinen. Die Aare war ein schiffbarer Fluss, der Handel bevorzugte die Wasserwege, Bern lag nicht hoffnungslos abseits von jedem Verkehr.

    Es lag vielmehr am Kreuzungspunkt zweier grosser Strassen, der Strasse von Norden zum Grossen St. Bernhard und der Strasse von Westen über die Grimsel und den Griespass nach Italien, und war einbezogen in die burgundisch-italienische Politik der Stauferkaiser, war zum Fourage- und Etappeplatz für ein kaiserliches Heer bestimmt und wurde als solcher denn auch schon 1154 in die im Auftrag der Staufer in Sizilien von dem arabischen Geographen Idrisi hergestellte Weltkarte eingezeichnet, ein halbes Jahrhundert vor seiner angeblichen Gründung und schon mit seinem richtigen Namen in arabischen Lettern, die Barna, Berna oder Berne zu lesen sind, was als eine Verdeutschung von «Verona» gehalten wird, heisst doch Theodorich von Verona in der deutschen Heldensage Dietrich von Bern.



    Der Name

    Die Überlieferung freilich leitet den Namen der Stadt von ihrem Wappentier ab: Herzog Berchtold habe bestimmt, dass das erste in den Wäldern um die Stadt herum erlegte Tier dieser den Namen gebe, und diese erste Jagdbeute sei ein Bär gewesen. Aber der Bär war in unserer Gegend von jeher ein Tier, dem ein besonderer Kult entgegengebracht wurde; in Muri bei Bern fand man sechs kleine Bronzestatuetten aus römisch-keltischer Zeit, von denen die eine die Dea artio, die Bärengöttin, darstellt. Ein undatierbarer Stein, den man an der Schosshalde fand und der heute in die Umfassungsmauer des Bärengrabens eingelassen ist, meldet in lapidarer Schrift: «erst bär hie fam» - hier fingen wir den ersten Bären - kaum jenen herzoglichen Namenspaten der Stadt, wohl eher den «Stammvater» der Bären, die 1480 ihren ersten Bärengraben beim Käfigturm erhielten; wenigstens wird er 1480 zum erstenmal erwähnt.



    Die Savoyerstadt, innere und äusseren Neustadt

    Mit dem Ausbau bis zum Zeitglockenturm war die «Zähringerstadt» 1191 vollendet. Nicht mehr ein Zähringer, sondern ein Graf von Savoyen, Peter II., baute die Stadt in der Mitte des 13. Jahrhunderts bis zum Käfigturm weiter. Er wollte, schreiben die Chroniken, auch «Stifter und ort frümer sin der Statt von Bernn», und er baute der Stadt auch ihren ersten Aareübergang, die Untertorbrücke an der Nydegg. Er habe eigenhändig den ersten Balken gelegt. Das war nach Justinger 1230. Damals gehörte das Land auf dem rechten Aareufer den Grafen von Kiburg; damit der Brükkenkopf nicht ins «Ausland» zu liegen komme, kauften die Berner den Baumgarten beim heutigen Klösterli, und das war der erste Schritt der jungen Stadt zum eigenen Landbesitz. Die neue Stadtmauer, die die «Savoyerstadt» oder «Innere Neustadt» mit dem Käfigturm als Torturm nach Westen abschloss, wird 1269 zum ersten mal urkundlich erwähnt, vollendet war sie wohl schon in den fünfziger Jahren. In diesem neuen Stadtteil fand die zähringische Grundrissgestaltung keine Anwendung mehr; der Platz wurde in beliebig grossen Parzellen über baut, nur der Bautypus - breite Gassen, Lauben vor den Häusern - wurde beibehalten. Und beibehalten wurde dieser Typus auch in der sogenannten Die Äussere «Ausseren Neustadt», die in den Jahren 1345/46 auf der Höhe der heutigen Neustadt Christoffelgasse und des Bollwerks abschliessend ummauert wurde. Ein halbes Jahrtausend behielt Bern danach diese seine grösste mittelalterliche Ausdehnung, und diese alte Stadt ist es, was noch heute kurzweg «die Stadt» genannt wird.

    Die Lauben waren ursprünglich den Häusern vorgebaut und ragten in die Gassen hinein; Gassen und Strassen aber waren Reichsboden, Regalien, die nicht an Private veräussert werden konnten, daher noch heute der eigentümliche Rechtszustand, dass die Laube zwar dem Hausbesitzer gehört und von ihm unterhalten werden muss, zugleich aber öffentlicher Durchgangsweg ist, der von keinem Besitzer unterbunden oder beeinträchtigt werden darf. In dieser Freihaltung des Teiles des Stadthauses, den die Laube bildet, wirkt altes Königsrecht nach, wenn auch die heutige Bestimmung nur mehr mit dem Verkehrsinteresse motiviert wird.



    Die Reichsstadt

    Mit dem Tode des letzten Zähringers 1218 wurde Bern reichsunmittelbar, d.h. es hatte keinen andern Landesherren mehr über sich als den Kaiser. Es wurde Reichsstadt. Damit begann seine Entwicklung zum unabhängigen Stadtstaat. Zunächst aber musste es seine Selbständigkeit gegen die mächtigen Grafenhäuser des Landes, die danach strebten, das Erbe der Zähringer, vor allem die Handelswege von Deutschland nach Italien, in ihre Hand zu bekommen, erkämpfen und behaupten. Es fasste Schritt für Schritt in der Der Stadtstaat umliegenden Landschaft Fuss, erwarb sich durch Kauf, Krieg und Eroberung den Landbesitz, dessen es als Nährboden und zu seiner Sicherheit bedurfte. Geschick und Erfolg in seiner Bündnispolitik ergänzten das Glück, das ihm bei seinen kriegerischen Unternehmungen fast ausnahmslos beschieden war. Die entscheidendste Schlacht jener Frühzeit war die bei Laupen, 1339, die Bern endgültig die Führung der «westlichen Eidgenossenschaft» sicherte, und in der es zum erstenmal Seite an Seite mit der alten Eidgenossenschaft der Urkantone kämpfte, der es dann am 6. März 1353 als achter Ort beitrat. Von 1415 bis 1536 rundete es sein Gebiet durch die Eroberung des Aargaus, die Burgunderkriege und den Einmarsch in die Waadt vollends ab und stand, nachdem es 1528 zur Reformation übergetreten war, am Ende dieser Epoche als ein nach aussen und innen festgefügtes und gesichertes republikanisches Staatswesen da, «die Erbin der ehemaligen königlichen, landgräflichen und feudalen Gewalten im einstigen Herzogtum Burgund diesseits des Juras».



    Regierungsformen

    Seine Festigkeit im Innern sicherte ihm ein von Anfang an bis 1798 stets gleich gebliebenes, sorgfältig ausgebautes Regierungssystem: sein Landbesitz war in 50 Landvogteien eingeteilt, die Regierungsgeschäfte besorgten der Kleine Rat und der Grosse Rat oder «Rat der Zweihundert», die Verwaltungsgeschäfte zehn Direktionen und annähernd 40 Kommissionen oder «Kammern». Und so selbstbewusst war dieser bernische Stadtstaat, dass er den drei Weltherrschern, dem Papst, dem Kaiser und dem Sultan, deren Büsten er im 16. Jahrhundert auf dem Gerechtigkeitsbrunnen zu Füssen der Gerechtigkeit modellieren liess, als vierten seinen eigenen Schultheissen beifügte. Der Staatshaushalt war sprichwörtlich sparsam, die meisten Staatsstellen waren ehrenamtlich oder nur sehr gering besoldet; einträglich und daher auch sehr begehrt war allein das Amt eines Landvogts. Wahlfähig zu allen Staatsämtern waren nur die alten burgerlichen, sogenannten regimentsfähigen Geschlechter - ein System, das dann im Zeitalter des Absolutismus zu einer Familienherrschaft erstarrte, die zwar alle Vorteile der ungebrochenen Tradition in der Staatsführung, aber auch alle Nachteile der Verwandtenversorgungspolitik, der Erstarrung im Schema in sich schloss. 1798 brach unter dem Ansturm der französischen Revolutionsheere dieses Alte Bern zusammen.

    Nach verschiedenen Versuchen in der Helvetik und der Restaurationszeit, eine neue Staatsform zu konsolidieren, siegte schliesslich in der Verfassung von 1831 das demokratische Prinzip der Volkssouveränität: die Landschaft, die vordem von der Stadt beherrscht worden war, wurde zum gleichberechtigten, mitbestimmenden Glied des Staatswesens. In Revisionen wurden 1846 und 1893 die Volksrechte erweitert und ausgebaut bis zu der heute gültigen Form.



    Handel, Gewerbe und Verkehr

    Als Mittelpunkt und Sammelpunkt für ein im 12. Jahrhundert schon stark besiedeltes, nicht nur Landwirtschaft sondern schon bedeutend Gewerbe treibendes Land war Bern gebaut worden. Das Geschäftsleben, das sich unter den Lauben abspielte, war von Anfang an ein reges. Mangel an Menschen, die gewillt waren, die Häuser und Hofstätten in den Mauern der jungen Stadt zu übernehmen, bestand keiner. Es waren Handwerker, Gewerbetreibende, die hier für die Ausübung ihres Berufes grössere Sicherheit als auf dem offenen Lande fanden und dazu den Markt, der ihrer Arbeit den Lohn sicherte. Sie schlossen sich hier wie überall zu Zunftgesellschaften zusammen, die aber in Bern nie zu einem massgebenden politischen Faktor wurden. Die Zünfte waren zwar im Rat vertreten, bekamen Anspruch auf die Besetzung gewisser Ämter, aber zu einem eigentlichen Zunftregiment kam es in Bern nicht. Dagegen spielten sie im Militärwesen eine bedeutende Rolle. Die wehrfähige städtische Mannschaft war vom 15. Jahrhundert an in Zunftkontingente eingeteilt. Die Zünfte hatten die Militärrödel zu führen und Verzeichnisse der vorhandenen Bewaffnung und Ausrüstung anzulegen; sie hatten eine Anzahl Kriegsfuhrwerke zu stellen und ihre Stubengenossen aus eigenen Mitteln zu besolden; von 1586 an mussten sie den Sold für drei Monate immer verfügbar halten. Auch die Stadtwache lag ihnen ob, bis dann in der Mitte des 17. Jahrhunderts eine ständige Stadtwacht organisiert wurde und auch ihre übrigen militärischen und polizeilichen Verpflichtungen wegfielen.

    Ihre Hauptaufgabe aber lag bis ins 19. Jahrhundert auf dem wirtschaftlichen und gewerkschaftlichen Gebiet. Sie stellten die Vorschriften für Lehrlingswesen, Gesellen- und Meistertum auf. Zu den wichtigsten Gewerben gehörte die Gerberei und die Verarbeitung von Leder, die Herstellung von Leinwand und Wolltüchern, für die freilich die Stadt selber hauptsächlich nur Sammel- und Umschlagsplatz war, da sie grösstenteils auf dem Land in Hausindustrie erzeugt wurden. Ein ausgedehnterer Handel der Stadt entwikkelte sich im 15. Jahrhundert. Bernische Häute und Leder gingen damals bis Lyon und Frankfurt; Wolle und Leinwand nach Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien und ostwärts nach Prag und nach Polen hinein. Auch der Transithandel brachte Geld ins Land; die Grimsel war eine wichtige Verbindungsstrasse zwischen Nord und Süd, die Wege an den Genfersee führten gleichfalls über bernisches Gebiet. Dadurch bekam auch das Gastgewerbe seinen ersten Auftrieb und sein erstes internationales Renomee; der Besitzer der «Roten Glocke» an der Kramgasse in Bern soll im 15. Jahrhundert der berühmteste und reichste Wirt zwischen Lyon und Nürnberg gewesen sein. Das 15. Jahrhundert war bis zu den Burgunderkriegen eine Blütezeit für die bernische Volkswirtschaft, und diese verschaffte der Stadt die Stärke, die sie befähigte, die Bedrohung durch das mächtige Burgund (1474-1477) siegreich abzuwehren.

    Dann aber trat das ein, was nach gewonnenen Kriegen offenbar unvermeidlich ist: die Demoralisation des Siegers. Verlockender als hinter dem Pflug zu gehen oder in der Werkstatt zu stehen, schien jetzt Tausenden die Reisläuferei um fremden Sold. In der Stadt begann der Zudrang zu den Staatsämtern und das Fahnden nach königlichen Pensionen und einträglichen Offiziersstellen in Ausnutzung der Kriegs- und Beutelust der arbeitsscheu gewordenen Jungmannschaft. Circulus vitiosus: die fremden Kriegsdienste brachten die Wirtschaft herunter, und die heruntergekommene Wirtschaft machte ihrerseits den fremden Kriegsdienst zur Notwendigkeit; er ersetzte damals die spätere Auswanderung der Erwerbslosen nach Amerika.

    Pest, Missernten, die Erschütterung der gesamten Wirtschaft der Alten Welt durch die Entdeckung der Neuen, die Wirren der Reformation, der Dreissigjährige Krieg, dann der Bauernkrieg, brachten Krise um Krise ins bernische Wirtschaftsleben. Man nahm Zuflucht zur staatlichen Lenkung, aber umsonst suchten Preisvorschriften und Erlasse aller Art regulierend einzugreifen, auch die 1687 eingesetzte Kommerzienkammer, die 1695 in einen Kornmerzienrat umgewandelt wurde und nach Grundsätzen des Merkantilsystems die Industrie heben sollte, erreichte bei dem im Grunde von den regierenden Herren geringgeschätzten, von den übrigen Burgern missgünstig betrachteten Handwerk wenig. So wurde zum Beispiel der Versuch französischer Flüchtlinge, die Seidenmanufaktur einzuführen, von der bernischen Burgerschaft hintertrieben. Die grosszügige Bautätigkeit des 18. Jahrhunderts, von der die Stadt ihr heutiges Gepräge erhielt, wurde nicht von einheimischen Unternehmern und Handwerkern ausgeführt, sondern zum grössten Teil von Italienern und Tirolern, die denn auch allein den Gewinn davontrugen. Italiener kamen schon seit dem 16. Jahrhundert als Maurer und Wegebauer ins Land.

    Segensreicher als alle staatlichen Versuche erwies sich die Tätigkeit der 1759 von Privaten ins Leben gerufenen Oekonomischen Gesellschaft, die besonders in der Landwirtschaft vortreffliche Neuerungen einführte. Dem Handwerk, d. h. der Stadt, eröffnete erst das 19. Jahrhundert neue Chancen. Der Untergang des Alten Bern machte der Beschränkung und Lenkung des Wirtschaftslebens ein Ende und brachte die uneingeschränkte Handels- und Gewerbefreiheit. Da aber damit Zunftzwang und Befähigungsnachweis wegfielen, sank zunächst das Niveau des Handwerks bedenklich herunter, bis 1849 das bernische Gewerbegesetz wieder Ordnung zu schaffen begann; die darin aufgestellten Bestimmungen über Gewerbepatente haben noch heute Geltung. Um die Jahrhundertmitte begann allenthalben der Aufstieg. Bern wurde 1848 Bundesstadt. Die Eisenbahnen erschlossen den Verkehr. 1857 wurde die Linie nach Olten, 1859 die nach Thun, 1860 die nach Lausanne, 1864 die Linien nach Biel und Langnau eröffnet. In raschem Tempo holte Bern auf, was ihm andere Kantone an industriellen Unternehmen voraus hatten. 1860 wurde der Bernische Verein für Handel und Industrie gegründet. Das Gewerbe schloss sich in Berufsverbänden zusammen, die Zünfte hatten in dieser Beziehung ihre Rolle längst ausgespielt und haben heute nur noch fürsorgerische und gesellschaftliche Funktionen. Da sich das Gewerbe den individuellen Ansprüchen der Abnehmer anzupassen verstand, vermochte es sich auf den meisten Gebieten gegenüber der industriellen Grossproduktion zu behaupten. Noch heute überwiegen die kleinen und mittleren Betriebe stark, auch im Handel. Die grössten Unternehmen weisen Textilindustrie, chemische Industrie, Kraft-, Gas- und Wasserwerke auf. Die wichtigste Erwerbsquelle für die Bevölkerung ist die Metall-, Maschinenund Apparateindustrie, dann folgt das Baugewerbe, das Bekleidungsgewerbe, das graphische Gewerbe und die Nahrungsmittelindustrie. Bernische Firmennamen wie Wander, Tobler, Hasler, Winkler-Fallert sind weltbekannt.

    Das Baugewerbe hat im letzten Jahrzehnt jährlich durchschnittlich rund 1000 neue Wohnungen erstellt. Die erste Volkszählung in Bern fand im Jahre 1765 statt und ergab 13'681 Einwohner. 1830 war die Einwohnerzahl auf 20'137 angewachsen, 1917 überschritt sie 200'000 und 1952 hat sie 150'000 erreicht. Wohnten 1830 noch vier Fünftel in der Stadt selber, so entfiel 200 Jahre später auf diese nur mehr ein Achtel der Gesamteinwohnerzahl. Rund um den Stadtkern auf der Aarehalbinsel hatte sich ein Kranz von Vorstädten entwickelt, wild gewachsen wie einst der allererste Keim der Stadt an der Nydegg. Hier tobte sich die sogenannte Gründerzeit der zweiten Jahrhunderthälfte aus. Eine richtige Stadtplanung setzte erst im 20. Jahrhundert ein. Die alten Sünden konnte sie zwar nicht mehr ungeschehen machen, aber der weiteren Entwicklung wies sie die Richtung. Und so entstanden denn in den letzten Jahren Siedlungen und Wohnblöcke, die in Lage, Orientierung und Bauweise an Aufgeschlossenheit für Licht und Luft und an Wohnlichkeit das erreichen, was moderne Baukunst heute überhaupt zu erreichen vermag.

    Die Überbrückung der Aare mit Hochbrücken begann 1844 nach Osten zu mit der Nydeggbrücke, die mit einem gewaltigen, vielbestaunten Steinbogen die Aare überspannt; nach Süden folgte 1883 die Kirchenfeldbrücke - «Schwefelhölzchenbrücke» nannte sie der Volksmund des dünnen Eisengestänges ihrer Bogen wegen -, 1898 nach Norden die Kornhausbrücke; das nordwestliche Aussenquartier war schon 1858 mit der alten Eisenbahnbrücke, die unter dem Bahntrassee einen Durchgang für Fuhrwerke und Fussgänger besass, an die Stadt angeschlossen worden. Die nur mehr der Bahn dienende neue Eisenbahnbrücke, deren Betonbogen von 150 Metern Spannweite nicht minder bestaunt werden darf als einst der Steinbogen der Nydeggbrücke, datiert aus dem Jahr 1941, die neben ihr die Aare überquerende Lorrainebrücke von 1930. Das Wachstum der Stadt nach Westen war durch die Niederlegung der Mauern und Bollwerke auf der Höhe des heutigen Bahnhofplatzes schon um die Mitte des vorigen Jahrhunderts angeregt worden.

    In den neunziger Jahren wurden die ersten Strassenbahn-Verbindungen hergestellt, denen in den Jahren 1898, 1912 und 1915 mit den Schmalspurbahnen nach Worb, Zollikofen (ab 1916 direkt nach Solothurn) und durch das Worblental die Verbindung mit der weiteren Landschaft folgte. Den schon bestehenden Normalbahnen wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Neuenburg-, Gürbetal- und Schwarzenburgbahn angegliedert. Die Alpenbahn durch den Lötschberg, die direkteste Verbindung Berns mit Italien, war 1914 vollendet. Seit 1929 ist Bern auch dem Luftverkehr angeschlossen.

    Die Entwicklung des Wirtschaftslebens im 19. Jahrhundert wurde unterstützt durch eine Reihe von Bankgründungen. Im 18. Jahrhundert war Bern gleichsam der Hofbankier Europas gewesen. Bernische Bankhäuser, alle in privatem, die meisten in patrizischem Besitz, liehen Geld an die höchsten Fürstenhäuser, an die englische und dänische Krone so gut wie an den Kaiserhof in Wien. Mit Napoleons Methode, sich den bernischen Reichtum auf dem Wege des zinslosen Daueranleihens à fonds perdu anzueignen, fand das fürstliche Bankiergeschäft ein Ende. Im 19. Jahrhundert musste das Bankwesen auf neuer Basis neu aufgebaut werden. Die bürgerlichen Sparkassen kamen auf, als erste 182o die burgerliche Ersparniskasse, ein Jahr später die Einwohnerersparniskasse. Das Bestreben des Staates, die Kassenüberschüsse für sich nutzbar zu machen, führte 1834 zur Gründung der Kantonalbank von Bern; 1846 folgte dieser ersten Staatsbank, der ersten in der Schweiz überhaupt, als zweite die Hypothekarkasse des Kantons Bern. Als private Unternehmen entstanden 1857 die Spar- und Leihkasse, 1863 die Berner Handelsbank und 1869 die Schweizerische Volksbank. Heute zählt Bern 18 Bankinstitute, zum Teil eigene Gründungen, zum Teil Firmen, die von ihrem auswärtigen Stammsitz aus Niederlassungen in Bern eröffneten. Unter letzteren nahm 1919 die Schweizerische Kreditanstalt das einzige noch aus der Zeit der «fürstlichen» Geldgeber übriggebliebene Bankhaus, die 1740 gegründete Bank Marcuard, in sich auf.



    Bundesstadt und Grosstadt

    So ist Bern denn eine Grossstadt geworden, aber keine Industrie- und Handelsstadt wie Basel und Zürich. Wohl ernähren Industrie, Gewerbe und Handel gegen 60% seiner Bevölkerung, aber keine nüchternen Fabrikanlagen mit rauchenden Schloten verunstalten irgendwo seine Quartiere; die Fabriken halten sich diskret im Hintergrund. Die Verwaltungen haben sich vielfach in den alten Stadthäusern niedergelassen ohne deren äusseres Aussehen zu verändern - Bern scheint aus lauter Wohnvierteln zu bestehen.

    Es ist seit 1848 Bundesstadt. Die Bundeshäuser verschafften seinem Aussehen neue Aspekte, gaben ihm die imposante Front gegen Süden. Aber sein übriges Wesen veränderte die neue, eidgenössische Komponente wenig. Die bei der Eidgenossenschaft beglaubigten Gesandten haben ihren Sitz in Bern, eine Reihe internationaler Ämter ist hier konzentriert, und trotzdem ist es heute eine weniger «internationale» Stadt als es das Alte Bern war, dessen viele in fremden Diensten stehenden Offiziere auf ihren Urlauben oder nach der Heimkehr, nach welcher sie meistens irgend einen Posten in der Regierung übernahmen, Luft aus der «grossen Welt» in seine Mauern bliesen. Es formte sich in der Bundesstadt keine neue tonangebende Oberschicht, die an die Stelle der alten zurückgetretenen Aristokratie trat. Auch dass Bern eine Universitätsstadt geworden ist und heute eine wirklich bedeutende Universität besitzt, ist in seinem Lebensstil kaum merkbar. Und dass es schliesslich noch seit 1876 Residenz eines Bischofs ist, nämlich des Bischofs der christkatholischen Kirche, für die an der Universität eine eigene Fakultät besteht, ist wohl nur Wenigen bekannt.

    In allen seinen Bureaux und Verwaltungen, internationalen und eidgenössischen, kantonalen und städtischen, sind kaum 14% der Einwohner beschäftigt, und trotzdem hat es unverkennbar den Charakter einer ruhigen und ausgeglichenen Verwaltungsstadt. Sonderbarerweise vermag auch das stark vertretene welsche Element das Temperament der Stadt nicht zu beeinflussen.

    Theater, Konzerte, Vorträge, Ausstellungen, Bälle, Vereinsanlässe - das gibt es hier alles wie anderswo, aber keine aussergewöhnlichen oder gar extravaganten Veranstaltungen. Die Jahrmärkte und Volksfeste sind heiter und gemütlich; am «Zibelemärit», dem grossen Jahrmarkt im Spätherbst, herrscht sogar eine gewisse, von der Polizei indes sorgsam in geziemenden Schranken gehaltene Ausgelassenheit. Fasnachtstreiben kennt Bern nicht. Es hat neben heimeligen alten viele neue moderne Lokale. Kleine Cafés, die sich mit der Bezeichnung «Bar» und exotischen Namen einen mondänen Anstrich zu geben suchen, sind in den letzten Jahren üppig aus dem Asphalt geschossen, aber Grossstadt-Mondänität herrscht nirgends. Es gibt nicht einmal ein Variété; das einzige ständige, das Bern je besass, ging vor einigen Jahren an mangelnder Frequenz ein und wurde in ein Geschäftshaus umgebaut. Cabarets, wie sie in andern Schweizerstädten gedeihen, vermögen sich hier nur in kurzen Gastspielen zu halten. Eigentliche Nachtlokale gibt es nicht; die paar Dancings, die die Mitternachtsstunde übermarchen, sind einstweilen noch blosse Ansätze dazu. Das Abendleben - «Nachtleben» wäre wirklich zu viel gesagt! - nimmt offiziell um 23 Uhr ein Ende; die stimmfähigen Bürger haben sich das selber in freier Abstimmung vorgeschrieben.



    Der Lebensstil des Alten Bern

    Da war der Lebensstil des Alten Bern - relativ zu seiner Zeit natürlich! - in Manchem entschieden grossstädtischer gewesen. Die Aristokratie verstand zu leben, trotz vielen und strengen Sittenmandaten. Mit ihren Amüsements, mit den Auffahrten zu ihren Festen in den farbenprächtigen Kostümen jener Zeit befriedigte sie dem Bürgertum die gleiche Lust am Zuschauen, der es heute an den verschiedenen Sportveranstaltungen Genüge tut. 1768 liess eine Aktiengesellschaft durch den Baumeister Niklaus Sprüngli für festliche Anlässe, wie grosse Empfänge, Bälle und Konzerte, das Hôtel de Musique (das heutige Café du Théâtre) erstellen. Dass auch schon eine richtige Theaterbühne eingebaut wurde, war sehr gegen den Willen der Stadtväter, die noch auf lange hinaus kein festes Theater in Bern zuzulassen gedachten. Die Erbauer mussten sich deswegen denn auch in einer ausführlichen Schrift vor der Regierung rechtfertigen. Hier hatte der exklusive Cercle der «Grande Société» seinen Sitz, hier veranstaltete das Patriziat jeden Donnerstag einen Ball, dem die übrige Burgerschaft nur als Zuschauer in den Logen und Rängen beiwohnen durfte. Der Ball begann um zwei Uhr nachmittags und musste um acht Uhr beendet sein. Bis neun Uhr zu tanzen, erforderte eine nur selten erteilte Spezialbewilligung, und nur wenn ein Ball zu Ehren einer ganz hohen ausländischen Persönlichkeit stattfand, durfte er bis elf Uhr nachts dauern. Man war eben in der glücklichen Lage, die Stunden des Vergnügens nicht der Nacht abstehlen zu müssen. Dass sich das nach 1830 mit der allgemeinen Demokratisierung, auch der des Vergnügungsbetriebes, mehr und mehr änderte, wurde als eine Wendung zum Plebeiischen empfunden.

    Im Sommer gab es eine «espèce de Vauxhall» in der Enge, dem beliebten Vergnügungslokal ausserhalb der Stadtmauern, wo die Aristokratie jeden Donnerstag von vier bis achteinhalb Uhr unter einem grossen Zelt tanzte. Um neun Uhr abends wurden die Stadttore geschlossen; wer sich verspätete, konnte sehen, wo er die Nacht zubrachte. An den frühen Herbstabenden wurde der Weg von der Enge bis zum Aarbergertor jeweilen mit aufgestellten Fackeln erleuchtet, «ce qui produisait un joli effet», berichtet ein Zeitgenosse, der sich auch am Zuschauen vergnügte.

    Öffentliche Caféhäuser waren im Alten Bern nicht gestattet. Erst 1798, nach dem Einmarsch der Franzosen, wurden die im Erdgeschoss des Hôtel de Musique gelegenen Räume der Grande Société in ein solches umgewandelt - öffentlich natürlich nur für die besseren Stände. Heimlich servierte freilich der Hauswart schon früher an Dritte einen Nachmittagskaffee, aber nur an Vertraute und verstohlen im Dunkel der Logen oder der Bühne des Ballsaales. Das Hôtel de Musique blieb das vornehmste und immer modernste Café-Restaurant der Stadt, der tägliche Rendezvous-Ort der Behördenmitglieder und der reichen Geschäftswelt. Am 10. Mai 184.3 erstrahlte es als erstes Haus der Stadt zum erstenmal im Glanz der neuen Gasbeleuchtung, für die man zehn Kandelaber eigens in Paris bestellt hatte. Die Grande Société zog sich mit der Zeit in die oberen Etagen zurück, wo sich noch heute ihre in altbernischem Stil eingerichteten vornehmen Gesellschaftsräume befinden.

    Vergnügungsstätten anderer Art waren für die Herren die Badhäuser an der Matte, wo jeder Stand seinen streng von den andern getrennten Stammtisch hatte, und wo man unter «baden» allerlei verstand, was heute in unseren Aarebädern beileibe nicht mehr dazu gehört. Die Badgasse an der Matte erinnert noch an diese einstigen Vergnügungsstätten, denen auch Casanova ein Kapitel seiner Memoiren widmete. Einrichtungen dieser Art galten der Obrigkeit als notwendige Ventile zum Abreagieren jugendlicher oder jugendlich gebliebener Vitalität, die sich sonst leicht auf andere, namentlich politische Gebiete werfen könnte. In früheren Zeiten figurierten die Kosten solcher Etablissemente bei fürstlichen Besuchen in Bern, wie beim Besuch König Sigismunds 1414, sogar in der Stadtrechnung. «Den schönen frowen im geslin» ist der Posten überschrieben. Und in der üppigen Zeit nach den Burgunderkriegen warf der Basler Theologieprofessor Johannes a Lapide den Bernern von ihrer Münsterkanzel herab vor, für Schulen habe die Stadt kein Geld, aber zum Unterhalt solcher Orte brächte sie jede Summe auf. 1828 wurden die «Badhäuser» anlässlich des Reformationsjubiläums von der Regierung verboten. «Une cafarderie», nennt unser Gewährsmann, der Wechselsensal Samuel Rudolf Walthard (1771-1855), diesen Ratsbeschluss.

    Seinen Höhepunkt erlebte der Lebensgenuss in Bern während der französischen Besetzung um 1800. Die finanziell dafür begabte Herrenwelt verband sich mit den französischen Offizieren und Militärbeamten zu Vergnügungspartien, bei denen Glücksspiel, Frauen und Champagner die erste Rolle spielten. Im Hôtel de Musique spielten ausländische Theaterensembles in Permanenz, natürlich nur französische Truppen, deren Primadonnen und Ballerinen willkommene Partnerinnen für diese Vergnügungspartien waren. Die Beliebtheit eines Ensembles hing weniger von seiner Bühnenkunst als von der Eleganz und Liebenswürdigkeit seiner weiblichen Mitglieder ab, an deren schönen Hälsen, wenn sie die Stadt verliessen, die wertvollen Geschenke prangten, in denen sich die Dankbarkeit der Berner Lebewelt materialisierte. Noch 1824 überreichte der Polizeidirektor einer dieser Damen bei ihrem Abschied von Bern im Namen der Grande Société eine lange und schwere goldene Kette - für ihre Leistungen auf der Bühne selbstverständlich nur! Sonderbar, wie wenig die Brandschatzung, die sie doch von den französischen Eroberern erdulden musste, bei der vornehmen Berner Gesellschaft die Sympathie für alles Französische beeinträchtigte; über Kollaboration machte man sich damals wirklich noch keine Gedanken! «je n'ai aucun regret», schreibt Walthard, als er sich 1840 als Siebzigjähriger an jene Zeiten erinnert. Und er findet die gegenwärtige Jugend «des pattes mouillées», verraucht und verpolitisiert, die Stadt monoton und die Lebensart der Männer, die sie jetzt regierten, spiessig. Deren Leibgetränk war freilich nicht der Champagner sondern das gut demokratische Bier.



    Der Lebensstil des neuen Bern

    In der Demokratisierung und der Hand in Hand mit ihr gehenden Germanisierung, die sich beide um die Jahrhundertmitte, als Bern Bundesstadt wurde, endgültig durchgesetzt hatten, stecken die Wurzeln der heutigen soliden Lebensführung der Stadt. Die ständig anwachsende Beamtenschaft legte sich dämpfend auf ihr Temperament, Handel, Handwerk und Gewerbe wahrten ein bürgerliches Mittelmass, und diese Kreise sind entweder nicht in der Lage oder nicht gewillt, grosse Sprünge zu machen, und keine ihre Kreditwürdigkeit durch grosszügige Lebensweise zur Schau tragende Schicht von Grossindustriellen und Grosskaufherren führt sie in Versuchung, es ihr gleich zu tun, ganz im Gegenteil: sie erhalten von höchster Stelle das Beispiel der Genügsamkeit. Keine Palais oder Prunkvillen stehen den Bundesräten zur Verfügung, selbst dem Bundespräsidenten nicht, der ja nur primus inter pares ist. Die meisten dieser hohen Magistraten wohnen in Mietwohnungen und benützen auf dein Weg ins Bureau und zurück die Autobusse und Strassenbahnen wie einfache Bürger, führen überhaupt das Leben des einfachen Bürgers. Als im Jahre 1903 eine Aktiengesellschaft das neue Stadttheater baute, sprach sie die Hoffnung aus, dass die hohen Bundesbehörden, die in Bern weilenden National- und Ständeräte und vorab die vielen Diplomaten allabendlich mit ihren Damen die Logen des nicht zuletzt im Hinblick auf sie vornehm ausgestatteten Raumes füllen würden - die Hoffnung erfüllte sich nicht, nichts vom einstigen Glanz der alten aristokratischen Kapitale der Republik Bern lebte in der demokratischen Bundesstadt der Eidgenossenschaft wieder auf, weder im Theater noch in der Stadt überhaupt.

    Die Stadt wünscht es nicht anders. Dass ihre Einwohnerzahl in die Grossstadtziffern hineinwuchs, konnte und wollte sie nicht verhindern, förderte es aber auch nicht durch Eingemeindung von Vororten. Die einzige Gemeinde, die sie in das Stadtgebiet aufnahm, war 1919 Bümpliz mit seinen 6000 Einwohnern. Ausgehend von der Überlegung, «dass in unserer schweizerischen Demokratie die selbständigen und selbstverantwortlichen Gemeinden die Grundlagen des ganzen Staatsaufbaues bilden», lehnte der Stadtrat 1952 in einer Botschaft an die Gemeinde das Weitergehen in dieser Richtung ab; ja er sucht sogar, ein weiteres Zusammenwachsen der Stadt mit ihren Aussenbezirken möglichst zu verhüten. Sie sollen räumlich wie politisch selbständige Gebilde bleiben, was nicht hindert, dass sie in wirtschaftlicher Hinsicht mit der Stadt eine Einheit bilden, sich mit ihr zu einem Gemeindeverband zusammenschliessen, der jedem Partner sein politisches Eigenleben belässt. Etwas anderes, so heisst es in dieser Botschaft, «wünschen wir der Stadt Bern, die zwar ihrer Einwohnerzahl nach Grossstadt ist, sich jedoch dagegen sträubt, Grossstadtcharakter anzunehmen, auch für die Zukunft nicht».

    Die Ablehnung des Grossstadtgehabens im Innern wie im Äussern ist ein gesunder Zug. Denn fehlt auch die imponierende Grösse und die farbige Lebendigkeit der Grossstadt, so fehlen andererseits auch ihre Schattenseiten es gibt in Bern auch keine Armenviertel, keine grauen Mietskasernen mit lichtlosen Hinterhöfen. In den Siedlungen und Gartenstädten der Peripherie dominiert das gefällige kleine Einfamilienhaus, das Eigenheim. Und diese Eigenheime sind zu einem beträchtlichen Teil Arbeiterwohnungen. Die sozialen Zustände und Einrichtungen der Stadt sind vorbildlich; es kommt vor, dass man nach einem Stadtrundgang mit Ausländern, der auch in die hintersten Gassen führte, die erstaunte Frage hört: «Wo habt ihr denn eure Bettler?» Und Goethe fand schon 1779 in diesen selben Gassen «allgemeines Wohlbefinden, nirgends Elend».



    Sport

    An der Peripherie der Stadt liegen auch die Sportanlagen und Stadien, liegt der Gurten mit seinen idealen Skihängen und dem Golfplatz auf seinem breiten Rücken. Am Dählhölzliwald, angelehnt an den reichhaltigen Tierpark, lädt die KaWeDe (abgekürzt aus Kunsteisbahn-Wellenbad Dählhölzli) vom Herbst bis in den Frühling zum Eislauf, vom Frühling bis in den Herbst in zwei grossen Bassins zum Schwimmen ein. Der beliebteste Sommersport aber, an dem sich alle aktiv beteiligen und nicht nur passiv als Zuschauer, wie grösstenteils in den übrigen Sportanlagen, ist das Baden in der offenen Aare. Welche Stadt hat aber auch einen Badestrand, wie Bern ihn besitzt! Er beginnt schon in der Stadt selber, die Badanstalten liegen zu Füssen des Bundeshauses. Von dort aus erstreckt er sich kilometerweit durch das tiefeingeschnittene, bewaldete und von menschlichen Wohnungen freie Aaretal hinauf bis ins Belpmoos, ja bis zu der zwei Stunden entfernten Hunzikenbrücke. Und mühelos und rascher als er zu Fuss hinaufging, wird der Schwimmer vom Fluss in die Stadt zurückgetragen. Freilich braucht es geübte Schwimmer dazu; aber deren sind in Bern ja unzählige. Die andern allerdings bleiben besser in den eingehegten und bewachten Badanstalten. Ein Hallenbad ermöglicht den Badebetrieb auch im Winter.



    Theater und Musik

    Theater und Musik, die vornehmsten Vergnügungen des heutigen Bern - besonders die Musik! - blicken auf eine Tradition zurück, die sich weit in die Jahrhunderte hinab verfolgen lässt. Fahrende Spielleute, die alles zugleich waren, Musikanten, Akrobaten, Tänzer, Sänger und Possenreisser, produzierten sich vor den Mauern der mittelalterlichen Stadt auf einem Platz, an den noch heute die Schauplatzgasse erinnert. Der Dudelsackpfeiferbrunnen an der Spitalgasse erinnert seinerseits daran, dass hier an Stelle des Hotel «Bristol», das bis 1913 noch «Storchen» hiess, die Herberge jener Fahrenden stand. Vom 15. Jahrhundert an hielt sich die Stadt ihre eigenen Pfeifer und Trompeter, die bei kirchlichen und weltlichen Anlässen zu musizieren hatten und auch den Musikpart bei den Theateraufführungen bestritten. Die Bürgerschaft selber war Trägerin der Theaterkunst, spielte auf dem Münsterplatz, auf der Plattform, meistens aber an der Kreuzgasse, spielte was die ganze christliche Welt im Mittelalter spielte: Misterien, Moralitäten und Fasnachtsspiele. Die ganze Stadt nahm mitwirkend oder zuschauend daran teil, die Arbeit ruhte, das Landvolk aus der Umgebung strömte herbei. Die Aufführungen fanden ein oder zweimal im Jahr statt, dauerten aber zuweilen mehrere Tage nacheinander. Der Rat trug zu den Kosten bei, übernahm etwa die Aufrichtung der Bühne, stellte Kostüme und Rüstungen zur Verfügung und zahlte auch wohl dem Spielleiter ein Extrahonorar aus. Freilich hatte er nicht immer ein ungetrübtes Vergnügen daran; an den Fasnachtsspielen, an denen es meistens sehr derb und saftig zuging, wurden vielfach, wie noch heute an den Basler Fasnachtsumzügen, lebende Persönlichkeiten aufs Korn genommen, auch hoch- und höchstgestellte, wie 1521 der Kaiser und der Kardinal von Sitten, die beide ihren Unwillen darüber dem Rat von Bern unmissverständlich zum Ausdruck brachten. Einige Jahre vorher hatte ein Spiel, in dem der Bauernstand lächerlich gemacht wurde, einen Volksauflauf zur Folge. Die Obrigkeit sah sich denn gelegentlich zum Einschreiten veranlasst und verkehrte ihre Subvention ins Çegenteil. Um den Zwischenfällen vorzubeugen, führte sie nach der Reformation eine Vorzensur ein.

    Die Reformation stellte das Theater unmittelbar in den Dienst ihrer Lehren. Niklaus Manuels «Totenfresser» und «Von Papsts und Christi Gegensatz», die beide an der Kreuzgasse aufgeführt wurden, übten einen entscheidenden Einfluss auf das Zustandekommen der bernischen Reformation aus. Das 16. Jahrhundert war dem Theater ganz besonders gewogen. Der Humanismus belebte die Geister, das Theater galt als ein probates Bildungs- und Erziehungsmittel, das, wie schon «bei den alten Heiden», auch bei den Christen «zu Gutem und Pflanzung der Tugenden führt». Bei der Jugend wurde denn auch das Spielen eifrigst gepflegt.

    Weniger gewogen war die Reformation der Musik. Aus den Kirchen wurde sie verbannt, 1528 wurde die Orgel im Münster abgebrochen, erst nach Jahrzehnten wurde der Choralgesang im Gottesdienst wieder einee-' führt und durften sich Zinken- und Posaunenbläser im Münster wieder hören lassen. In den folgenden Jahrhunderten gesellten sich zu den Stadtmusikanten Musikliebhaber aus der Bürgerschaft, Collegia musica bildeten sich, nach Ständen getrennt in aristokratische, bürgerliche und studentische. Sie pflegten Gesang und Instrumentalmusik. In den Schulen gehörte Musik in den Lehrplan. Der Rat gab 1633 zur «Fortpflanzung der Musik» ein Reglement mit Richtlinien für die städtische Musikpflege heraus.

    Dafür ging es dem Theater jetzt wieder schlechter. Die nach der Reformation eingeführte Zensur war anfänglich einem weltlichen Kanzleibeamten anvertraut, ging dann aber in die Hände der Geistlichkeit über, und diese vergass schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts, was just die bernische Staatskirche den Reformationsspielen Manuels zu verdanken hatte. Sie erklärte, dass Theaterspielen «der christlichen Sitte unanständig» sei, und suchte diesen aus dem alten Heidentum stammenden «papistischen sündhaften Greuel» tunlichst zu verhindern. Die Aufführungen kamen in Abgang, nur ab und zu durften noch Studenten und Schüler «weil sie sich dabei façonieren» ein Spiel zum besten geben, und bei freundeidgenössischen Besuchen, Erneuerungen des Bundesschwurs und öffentlichen Empfängen durfte zuweilen noch ein vaterländisches Spiel «zu Lob, Ehr und Preis des Vaterlandes und der väterlichen Regierung» aufgeführt werden, meist von Studenten, denen dafür 1708 sogar das Münster zur Verfügung gestellt wurde. Mit dem 18. Jahrhundert begann überhaupt eine Wandlung in der Einstellung dem Theater gegenüber, und sonderbarerweise war es wieder eine kirchliche Rücksicht, die sie bewirkte: der allen weltlichen Vergnügungen und insbesondere dem Theater feindlich gesinnte Pietismus drang von England her in Bern ein, und in Opposition zu ihm gestattete nun plötzlich die Obrigkeit, dass 1700 eine ausländische Theatertruppe zwei Wochen lang während der Martinimesse in Bern gastierte. Später durfte eine solche Truppe sogar einen ganzen Winter über hier bleiben, in der Regel aber wurde nur zur Messezeit im Frühjahr und Herbst gespielt. Deutsche und französische Gesellschaften besuchten die Stadt, seltener italienische, die die ersten Opern nach Bern brachten. Als die Opernaufführungen häufiger wurden - die weitaus beliebteste war der «Freischütz» - verstärkten oft Musikliebhaber der Stadt das Orchester. Gespielt wurde im «Ballenhaus», das, 1666 gebaut, am Platz des heutigen Bundeshauses stand und eigentlich dem bei der jeunesse dorée sehr beliebten Ballspiel diente, daneben auch in Zunftsälen oder einfach in Bretterbuden auf dem Waisenhausplatz und auf der Matte vor dem Burgerspital. Die Bühne im Ballsaal des Hôtel de Musique wurde 1798 nach dem Einmarsch der Franzosen für Theatervorstellungen frei gegeben.

    Da man damals weder Vorverkauf noch numerierte Plätze kannte, gingen die vornehmen Damen schon um zwei Uhr nachmittags hin, belegten ihre Plätze, vertieben sich die Zeit mit Konversation und Handarbeiten und liessen sich um fünf Uhr den Tee servieren. Die Vorstellungen begannen um sechs Uhr und mussten spätestens um neun Uhr beendet sein. Sonntags herrschte Spielverbot, die allererste Sonntagsvorstellung fand in Bern am 8. Dezember 1833 statt. Die neuen demokratischen Herren, die das Verbot aufhoben, hielten den alten aristokratischen vor, sie hätten es nicht nur aus religiösen Gründen so rigoros gehandhabt, sondern ebensosehr um ihren Kellerpinten, in denen sie den Wein ihrer waadtländer Rebgüter ausschenkten, das Sonntagsgeschäft nicht zu beeinträchtigen.

    Patriziat und vornehmes Bürgertum bevorzugten das französische Theater, der Mittelstand das deutsche. Gegen das deutsche wandte man ein, es sei für die mittleren Klassen ein schädliches Vergnügen, da es sie allzusehr zum Geldausgeben verlocke. Keine der beiden Parteien war stark genug, das von ihr bevorzugte Theater zu halten, beide Gattungen machten in der Regel schlechte Geschäfte in Bern; die Franzosen kamen immerhin noch besser weg. Aber auch für sie verschlechterte sich die Situation, als sich nach 1830 das Patriziat aus dem öffentlichen Leben der Stadt zurückzuziehen begann, die vornehmen Damen es ablehnten, ihre Logen und Erstrangplätze mit den sich nun auch vornehm gebärdenden Frauen der neuen demokratischen Regierungsmänner zu teilen. Es kam mehrmals vor, dass einer Truppe (freilich immer nur deutschen) ihr ganzer Fundus gepfändet wurde und sie völlig mittellos abziehen musste.

    Im Lauf des 19. Jahrhunderts wurde das Hôtel de Musique mehr und mehr für Theaterzwecke ausgebaut. Als 1849 die Bundesversammlung nach Bern kam, äusserte sie den Wunsch, die Bundesstadt möchte «den Abgesandten des Volkes ein würdiges Theater zur Verfügung stellen». Von da an sorgte die Stadt denn dauernd für einen ständigen Theaterbetrieb im Winterhalbjahr, aber es dauerte noch bis in den Anfang des 20. Jahrhunderts, bis Bern endlich ein richtiges Stadttheater erhielt. 1903 wurde es mit einem grossen Festakt von Josef Viktor Widmann und anschliessender Tannhäuser-Aufführung eingeweiht.

    Im 19. Jahrhundert lebte auch das lange vergessene Theaterspielen durch das Volk selber wieder auf. Liebhaberbühnen entstanden, die ersten Theaterstücke in der Mundart wurden geschrieben, von dem in Zürich als Redaktor lebenden Berner Fritz Ebersold 1889 das Lustspiel «E strubi Wuche», gefolgt von dem Historiker Karl Geiser mit seinem «Regiments-Chüjer», und 1895 trat der Mann auf den Plan, der dem berndeutschen Theater den endgültigen Sieg sicherte, Otto v. Greyerz. Unter seiner Leitung ging aus dem Dörfli-Theater der Schweizerischen Landesausstellung 1914 das Berner Heimatschutztheater hervor, das in der Folgezeit zum berufensten Interpreten der zahlreichen Stücke seines Gründers und derjenigen seiner vielen Nachfolger wurde.

    Das Heimatschutztheater, zwar an sich eine Liebhaberbühne, aber durch sorgfältig gepflegte Tradition längstens über den Dilettantismus hinausgewachsen, spielt in der Regel im Schänzli, wo ihm seit 1933 eine moderne Bühne zur Verfügung steht. An anderen geeigneten Theaterlokalen ist Bern nicht reich. Das 1951 erbaute schöne und stilvolle «Ateliertheater» besitzt ein eigenes Ensemble, das hauptsächlich das moderne Kammerspiel pflegt. Das «Theater der unteren Stadt», ein kleines, von unternehmendem jungem Theaternachwuchs betreutes Theaterchen, begnügt sich mit einem Kellerlokal an der Kramgasse. Für Monstre-Vorstellungen theatralischer wie sportlicher Art steht seit 1948 eine Festhalle auf dem Beundenfeld.

    Für Freilichtspiele eignen sich die Anlagen des Rosengartens und des Theodor-Kocher-Parks so gut wie der barocke Innenhof des Burgerspitals; den würdigsten Rahmen aber bildet für sie der Münsterplatz, wo nur das Erlachdenkmal hindernd im Wege steht. Von Liebhabern wie Berufsschauspielern wurden seit dem eindrucksvollen Festspiel zur Gründungsfeier 1891 schon öfters Ansätze dazu gemacht, -zur dauernden Einrichtung aber vermochten sie nicht zu werden. Neue Theaterunternehmungen finden offensichtlich neben dem dominierenden und von der Stadt sehr reich subventionierten Stadttheater keinen so günstigen Boden wie musikalische Veranstaltungen. Diese finden ihr Publikum leichter, und ihnen stehen auch verschiedene schöne und würdige Säle zur Verfügung, vorab der grosse Saal und der Burgerratssaal in dem 1909 erbauten neuen Kasino. Grosse Werke kirchlichen Charakters werden im Münster aufgeführt, und in der französischen Kirche, in der schon seit der Mitte des 18. Jahrhunderts die Studenten öffentliche Konzerte gaben, finden allwinterlich die Volkssymphoniekonzerte statt. Für volkstümliche Musik sorgen eine Anzahl Blechmusiken, deren grösste, die Stadtmusik, seit 1816 besteht. Das 19. Jahrhundert belebte das Musikleben ungemein. 1803 bildete sich die Musikalische Akademie, eine Gesellschaft, die alle 14 Tage Konzerte veranstaltete. Drei Jahre später schloss sich ihr die Ballenhausgesellschaft an. Verschiedene Zünfte gründeten ihrerseits Musikgesellschaften, die sich an die grossen klassischen Werke heranwagten. Das eidgenössische Musikfest von 1813 gab den Anstoss, die verschiedenen Gesellschaften zu einer einzigen, der Bernischen Musikgesellschaft, zusammenzufassen. Diese rief 1858 die Bernische Musikschule ins Leben, für die 1940 das neue Konservatorium an der Kramgasse gebaut wurde. Der Bernische Orchesterverein wurde 1876 gegründet; er besteht zum grössten Teil aus Berufsmusikern, die zugleich das Orchester des Stadttheaters bilden, und führt mit den beiden grossen Gesangvereinen, Liedertafel (gegr. 1845) und Cäcilienverein (gegr. 1862) jährlich eine Reihe von Symphoniekonzerten und Chorwerken auf. So stehen denn Musik und Theater heute künstlerisch auf einer Höhe und erfahren von der Stadt eine Pflege, die ihrer Stellung als Bundesstadt angemessen ist.



    Geistiges Leben

    Mit der Betrachtung von Musik und Theater wurde das geistige Leben der Stadt bereits berührt. Es lässt sich nicht verhehlen, dass Bern jahrhundertelang wenig bestrebt war, seiner politischen eine gleichwertige kulturelle Bedeutung an die Seite zu stellen. Aber geistige Regsamkeit war doch von jeher vorhanden und wirksam, wurde nur nicht an die grosse Glocke gehängt, wie das in Basel und Zürich etwa geschah. Die Reden der bernischen Staatsmänner, die der Stadtschreiber Thüring Frickart in seinem «Twingherrenstreit» 1470 ausführlich wiedergibt, haben ein sehr beachtliches Niveau, verraten sogar eine gewisse klassische Bildung, selbst bei Angehörigen des Handwerkerstands. Und sicher stand es mit dem geistigen Leben in Bern nie so schlimm, wie das Bonmot des Stadtbibliothekars Sinner von Ballaigues wahrhaben wollte, der, als er den Auftrag erhielt, nach dem Buch des Helvetius «De l'Esprit» und Voltaires Dichtung «La Pucelle d'Orléans» zu fahnden, den Zensurbehörde meldete: «Je n'ai trouvé dans toute la ville ni ésprit ni pucelle.» Wie alle absolutistischen Regierungen machte eben auch die bernische auf alles Jagd, was auch nur von ferne die sture Orthodoxie der Geistlichkeit oder das Gottesgnadentum der Regenten anzutasten schien, und das noch zu einer Zeit, wo immerhin in Bern schon das erste Lesecafé existierte, die Grande Société über eine Bibliothek verfügte, die sich sehen lassen durfte, und patrizische Familien wie die Steiger von Tschugg, die Mülinen, Haller, Mutach und andere sich Privatbibliotheken anlegten von einer Universalität und Gewähltheit, wie man sie heute in Bern nirgends mehr in Privatbesitz findet.



    Anfänge des Schrifttums

    Am Anfang des bernischen Schrifttums stand der Minnesang. Der Adel, der der Stadt ihre ersten Staatsmänner und Heerführer stellte, stellte ihr auch die ersten Dichter: Heinrich von Stretlingen und Johann von Rinkenberg, deren Minnelieder in die berühmte Manessesche Liedersammlung aufgenommen wurden. Aus adliger Umwelt gingen die frühesten Lieder hervor, die kriegerische und politische Ereignisse besangen oder vielmehr: in Versen berichteten, galten sie doch durchaus als dokumentarische Belege und wurden von späteren Chronisten wörtlich in die Chroniken übernommen. Zum Adel als Kulturträger gesellte sich die Geistlichkeit. Zwar hat sich von ihrem Schrifttum wenig erhalten, vieles mag in der Reformationszeit verloren gegangen sein. Der Berner Predigermönch Ulrich Boner gelangte mit seiner um 1340 geschriebenen Fabelsammlung «Der Edelstein» zu europäischer Berühmtheit. Sie war in unzähligen Handschriften verbreitet und wurde als eines der ersten Bücher, und als das überhaupt erste mit Holzschnitten verzierte Buch, 1461 in Bamberg gedruckt. Ein Deutschordensbruder schrieb die schon erwähnte erste Chronik der Stadt, und dem gleichen Orden gehörte der Verfasser des «Conflictus Laupensis» an, einer dreissig Jahre nach den Ereignissen niedergeschriebenen Darstellung des Laupenkriegs von erstaunlicher Meisterschaft.



    Geschichtsschreibung

    Die Geschichtsschreibung wurde von der Stadt offiziell angeregt und je und je gefördert. Die Chroniken Konrad Justingers am Anfang und Diebold Schillings gegen Ende des 15. Jahrhunderts, Anshelms in der Reformationszeit, Stettlers um 1600 und Lauffers im 18. Jahrhundert wurden alle in obrigkeitlichem Auftrag verfasst. Von Anshelm, der zugleich Stadtarzt und Schulmeister war, rühmt die Literaturgeschichte, dass er als erster unter den deutschen Historikern Geschichte als Kunst geschrieben habe. Ohne amtlichen Auftrag erschien eine Anzahl weiterer Chroniken, teils umfassende Geschichtsdarstellungen, teils einzelne Ereignisse behandelnd, wie der erwähnte «Twingherrenstreit» Frickarts. Im 18. Jahrhundert trat langsam an Stelle des lediglich auf der lebendigen Tradition fussenden Chronikschreibens die Geschichtsforschung auf Grund von Urkunden und Archiven. Es waren im 19. Jahrhundert auffallend viele Angehörige des Patriziats, die nun auf diese Weise Geschichte schrieben, gleichsam als Ersatz dafür, dass sie nicht mehr selber Geschichte machen konnten. Die v. Wattenwyl, v. Wurstemberger, v. Tillier, v. Mülinen, v. Rodt, v. Stürler leisteten Hervorragendes darin. Im emeritierten Ordinarius für Geschichte, Richard Feiler, besitzt Bern heute wieder einen Darsteller seiner Vergangenheit von unübertrefflicher Prägnanz.



    Humanismus

    Mit der Lateinschule des Heinrich Wölflin hielt am Ende des 15. Jahrhunderts der Humanismus seinen Einzug in Bern. Sie zog Jünglinge aus der ganzen Eidgenossenschaft an; 1497 war Zwingli hier Wölflins Schüler. Humanismus und Reformation erweiterten das Feld der literarischen Betätigung, der Kunstübung überhaupt. Reisebücher entstanden (Wölflin beschrieb 1520 seine Pilgerfahrt nach Jerusalem), erste Beschreibungen der Landschaft und der Alpenwelt, medizinische und naturwissenschaftliche Abhandlungen. Die Reformation insbesondere brachte mit Niklaus Manuel, seinem Sohn Hans Rudolf Manuel und Hans von Rütte eine erste Blütezeit des Dramas und des Theaterwesens.



    Reformation

    Bern trat 1528 zur Reformation über; die bernische Landeskirche im Dienste der Obrigkeit entstand. Auf der Höhe ihrer politischen Macht erhielt die Stadt nun auch die uneingeschränkte Machtbefugnis in allen Glaubensund Geistesfragen; Papst und Bischof waren ausgeschaltet, keine auswärtige Instanz hatte der Stadt in irgendetwas mehr dreinzureden - die Reformation war eben für Bern nicht nur eine Glaubensangelegenheit!

    Niklaus Manuel war ein homo universalis; der erste in Bern. Der Spruch, den er unter das Porträt seines Sohnes malte, «Glück uff myn syten - ich hab rächt oder lätz! » verrät das kraftstrotzende Lebensgefühl des Renaissancemenschen. Er war ein hervorragender Staatsmann und ebenso bedeutend als Maler wie als Dichter. Die Malerei, die bisher fast ausschliesslich Kirchenmalerei gewesen, griff auf weltliche Motive über. Die Landschaft wurde zum malerischen Objekt, die ersten wirklichkeitsgetreuen Bilder der Stadt stammen aus dieser Zeit; die Kunst des Porträtierens entwickelte sich, die Bildhauerei schuf sich mit den vielen Brunnenfiguren in den Gassen bleibende Denkmäler.



    Bildung und Kultur

    1537 eröffnete der erste Buchdrucker in Bern, Matthias Apiarius aus Strassburg, seine Offizin. Leider erhielt damals die erwachende Beschäftigung mit den Wissenschaften keinen festen Mittelpunkt in einer Universität, wie die Reformation sie in andern Städten hervorrief. Das Bildungswesen blieb ausschliesslich den Händen der Geistlichkeit anvertraut, wie zuvor der katholischen so jetzt der reformierten. Freilich wurden in das Pensum der Predigerschule im 16. Jahrhundert auch Naturwissenschaften, fremde Sprachen und sogar medizinische Vorlesungen einbezogen, aber im 17. Jahrhundert verdrängte die Geistlichkeit als Antwort auf den schwachen Versuch der Obrigkeit, die Schulaufsicht einem weltlichen Schulrat zu übertragen, alle diese Fächer wieder aus ihrer Schule. Erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts hielten sie von neuem Einzug im Collegium, zuerst Jurisprudenz und Geschichte, dann auch Mathematik, Physik und Naturwissenschaften. Seine künftigen Staatsmänner bereitete Bern im sogenannten Äussern Stand auf ihre Aufgabe vor; viele bildeten sich auch als Pagen an den Fürstenhöfen, wurden als Schüler in ausländische Adelsschulen geschickt oder besuchten fremde Universitäten, wofür die Stadt an besonders Begabte Stipendien ausrichtete. Der Äussere Stand war eine praktische Schule der Staatskunst, wo sich die jungen Patrizier in Scheinämtern, die den wirklichen nachgebildet waren, im Regieren und Verwalten übten. Im heutigen Jugendparlament lebt in gewissem Sinn diese altbernische Staatsunterrichtsmethode wieder auf. Begüterte Familien hielten sich Hauslehrer; der grosse Philosoph Hegel lebte in seiner Jugend als solcher in der Familie der Steiger von Tschugg.

    Das 17. Jahrhundert, das Jahrhundert des Dreissigjährigen Krieges, war allen geistigen und kulturellen Bestrebungen abhold. In Bern sind aus jener Zeit nur einige Maler zu nennen, die Kauw, Werner und Düntz, während alle andern Kunstübungen darniederlagen. Bern verwelschte, das Patriziat sprach nur mehr französisch. Der französische Einfluss, der übrigens schon im 16. Jahrhundert bemerkbar wurde, verfeinerte zwar das Leben im allgemeinen, bildete den Geschmack, formte die späteren, im Innern wie im Äussern gleich kultivierten bernischen Bauten und schuf die gediegene Wohnkultur des bernischen Patriziats, vermochte aber im 17. Jahrhundert das geistige Leben nicht zu befruchten. Erst das 18. Jahrhundert brachte auf allen kulturellen Gebieten ein neues Aufleben. Mit Beat Ludwig v. Murait gewann Bern Einfluss auf das gesamte deutsche Geistesleben. Seine «Lettres sur les Anglais et les Français» (gedruckt 1725) gaben den Anstoss zur Wendung vom französischen Kultureinfluss zum englischen. Zeitungen und Zeitschriften begannen zu erscheinen, wie zum Beispiel der dem englischen Spectator nachgebildete «Spectateur», die «Gazette de Berne», die «Nouvelles politiques», das «Schweizer Journal». Lesezirkel schlossen sich zusammen, wissenschaftliche Gesellschaften bildeten sich: die deutsche Gesellschaft, die ökonomische Gesellschaft, die Bernische und die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft. Ein weltoffenes Wesen, philosophische Dichtung, auf Naturkenntnis gegründete Weltanschauung belebten die Stadt.



    Albrecht von Haller

    Die hervorragendste Gestalt in dieser kulturellen Hochblüte des 18. Jahrhunderts ist Albrecht von Haller, universeller Gelehrter, Hochschullehrer in Göttingen, Dichter, Denker, Arzt, Anatom, Staatsbeamter, Bibliothekar, Literaturkritiker, alles in tiefster Gründlichkeit und höchster Vollendung. Die gesamte Bildungsgeschichte seines Jahrhunderts ist ihm verpflichtet, alle gelehrten Gesellschaften huldigten ihm, unzählige Bände füllt seine Korrespondenz mit der ganzen gelehrten Welt seiner Zeit, Könige standen mit ihm in dauernder Verbindung, der deutsche Kaiser besuchte ihn in Bern. Kurz vor dem Untergang des Alten Bern nahm das Unterrichtswesen einen vielversprechenden Aufschwung. Das politische Institut wurde gegründet, der Unterricht in den Naturwissenschaften erweitert, die Nationalökonomie in den Lehrplan aufgenommen. Die Mediziner erhielten 1798 ihre eigene Schule, in Hofwil eröffnete ein Jahr später Fellenberg seine weithinwirkende Pflanzstätte schweizerischer Bildung.



    Die Kleinmeister

    Die bernische Malerei erreichte um 1800 in ihren Kleinmeistern Freudenberg, König, Lory, Aberli, Duncker einen Höhepunkt. Ihre Schweizerlandschaften und Bildchen aus dem Volksleben fanden in ganz Europa weiteste Verbreitung und zogen zuerst die vornehmen Reisegäste, dann mit der zunehmenden Verkehrserleichterung den grossen Fremdenstrom ins Land. Sie machten die Schweiz zum weltberühmten Reiseland. Schon im Verlauf des 18. Jahrhunderts hatte ihnen darin eine reiche, zum Teil schon prachtvoll illustrierte Reiseliteratur und die Alpendichtung, die sich an Hallers «Alpen» anschloss, vorgearbeitet. Aber die berühmten Reisenden jener ersten Reisezeit, wie Goethe und Klopstock, waren nicht nur der Grösse der Landschaft wegen gekommen, sondern ebenso sehr der schweizerischen Geistesgrössen wegen. Die Entstehung der Fremdenindustrie verdankt die Schweiz keinem Reisebureau und keinem Verkehrsdirektor, sondern ihren Malern und Dichtern.



    Die Universitätsstadt

    Das demokratische 19. Jahrhundert machte Bern endlich zur Universitätsstadt (1834). Männer wie der Geologe Bernhard Studer, der Staatsrechslehrer Carl Hilty, der Chirurg Theodor Kocher, der Internist Hermann Sahli, der Jurist Eugen Huber wirkten hier und verschafften ihr internationalen Ruf. Mit der Demokratisierung wurden Kunst, Dichtung und Bildung breiter und volkstümlicher, Museen wurden eingerichtet, Kunst- und Musikgesellschaften bildeten sich. Am Ende des Jahrhunderts wurde Bern Sitz der Schweizerischen Landesbibliothek. Sie sammelt das gesamte in der Schweiz hervorgebrachte oder auf die Schweiz bezügliche Schrifttum und führt einen Zentralkatalog der Bestände aller wichtigeren Bibliotheken des Landes. Die Stadtbibliothek wurde 1903 zur Stadt- und Universitätsbibliothek und vereinigte eine Reihe kleinerer, bisher verstreuter Büchersammlungen in sich. Ihre Anfänge gehen in die Reformationszeit zurück. Die sehr geringfügigen Bücherbestände der aufgehobenen Klöster bildeten den Grundstock. Durch Käufe, vor allem aber durch Schenkungen, deren bedeutendste die Bibliothek des Humanisten Jacques Bongars war (1632), äufnete sich ihre Sammlung, die neben den Büchern auch Naturalien und Museumsstücke umschloss, wie zum Beispiel einen Schuh des Ewigen Juden. Die wesensfremden Beigaben trat sie mit der Zeit an die entsprechenden Museen ab, von denen die meisten ihre ausreichenden Heimstätten freilich erst im 20. Jahrhundert erhielten.



    Literatur und Kunst im 19. Jahrhundert

    In Johann Rudolf Wyss des jüngeren «Schweizerischem Robinson» brachte Bern wieder ein Werk hervor, das der Weltliteratur angehört. Der gleiche Berner schrieb der Schweiz ihre Nationalhymne. In weit grösserem Ausmass noch als er gehört der Volksschriftsteller Jeremias Gotthelf der Weltliteratur an, wie nach ihm der Berner Ferdinand Hodler als Maler universelle Wirkung erzielte und Karl Stauffer für den Namen Bern in der Welt Ehre einlegte. Der Dichter Ferdinand Schmid (Dranmor) ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten; seine Lyrik steht derjenigen des viel bekannteren Zürchers Leuthold in nichts nach.

    Am intensivsten wirkte und wirkt noch heute Gotthelf. Wyss und der andere Bernerpfarrerssohn, Gottlieb Jakob Kuhn, waren ihm in manchem vorangegangen; was aber nach ihm an echter, volkstümlicher Bernerdichtung entstanden ist, hat das Meiste ihm zu verdanken, bis zum Berner Heimatschutztheater und der Mundartdichtung, die sich um diese Volkskunstbewegung zusammenschliesst. In Otto v.Greyerz und Rudolf v.Tavel fand schliesslich der Bernergeist, so weit er sich in der Dichtung kundtat, seinen ureigensten Ausdruck.

    Zum Berner Dichter wurde in den 43 Jahren, die er hier verlebte, auch der in Liestal aufgewachsene Feuilletonredaktor des «Bund», Josef Viktor Widmann. Er war Lyriker, Dramatiker, Erzähler und Meister auf einem Gebiet, auf dem seit Haller in Bern keiner mehr etwas Nennenswertes geleistet hatte, auf dem des Versepos. Seine Literaturkritiken im «Bund» waren massgebend im ganzen deutschen Sprachgebiet. In dem hochbegabten Hugo Marti hatte er einen Nachfolger, den nur der frühe Tod daran hinderte, zu gleicher Bedeutung emporzusteigen. Eigene Komponisten von gleichem Rang wie Dichter und Maler hat Bern keine hervorgebracht, so sehr es der Musik auch immer zugetan war. Erst in jüngster Zeit beginnt der Name Willy Burkhardt Klang über die Landesgrenzen hinaus zu bekommen. So stehen denn Berns schöne Künste seiner viel bewunderten und gerühmten Staatskunst um nichts nach, sie hielten sich nur bescheidener im Hintergrund.



    Die bernische Staatskunst

    Die bernische Staatskunst war wirklich bewundernswert. Mit seiner klugen, bedächtigen und weitblickenden Politik hatte sich Bern von allen Städten und Ständen der alten Eidgenossenschaft das ausgedehnteste Hoheitsgebiet erworben, seine Staatseinrichtungen galten den besten europäischen Staatsrechtslehrern als mustergültig; Friedrich der Grosse zählte zu seinen Bewunderern, und Napoleon, der einzige, der sich rühmen konnte, diese Stadt, die nie einen Eroberer in ihren Mauern gesehen, besiegt zu haben, empfahl seiner Frau, wenn sie einmal in Bedrängnis geraten sollte, das bernische Burgerrecht zu erwerben, weil sie nirgends so geborgen sein würde wie im Schutze Bern. Und diese allgemeine Anerkennung verdankte die Stadt nie dem Führertum eines Einzelnen, ihre Leistungen waren immer das Werk der Gesamtheit. Alle ihre Schultheissen und Staatsmänner fühlten sich lediglich als «Ring i dr Chetti», wie Rudolf v. Tavel seinen Roman, in dessen Mittelpunkt Bubenberg steht, betitelt hat.



    Bern und Bund

    Unter den sieben Bundesräten der heutigen Eidgenossenschaft ist immer einer ein Berner; in die eidgenössischen Räte wählt Bern die verfassungsmässige Zahl von Abgeordneten, keine Vorzugsstellung irgendwelcher Art steht ihm innerhalb der Eidgenossenschaft zu - und trotzdem wird die Politik des Bundes in den andern Kantonen oft und gern, besonders wenn man an ihr etwas auszusetzen hat, kurzweg die Politik von Bern genannt. Wirklich nur der Kürze halber? Oder wirkt da am Ende bei den einen noch alter Untertanengeist, bei den andern noch alter, oft genug mit Neid gemischt gewesener Respekt nach? Die Frage ist berechtigt. Die, die so leichthin «Bund» und «Bern» in einen Topf werfen, sollten sich einmal fragen, aus welchen Tiefen ihres Unterbewusstseins herauf diese Vermengung der Begriffe auf ihre Zunge springt! An der Bundespolitik hat Bern so viel und so wenig Anteil wie die andern, ist nicht schuldiger an ihr als alle andern, und seiner eigenen Politik hat es sich wahrlich nicht zu schämen.



    Der Leitspruch

    In einer der handgeschriebenen Chroniken in der Stadtbibliothek stehen als Leitspruch die Worte «moderata durant». Auch auf der Höhe seiner Macht, wo nichts von aussen es daran gehindert hätte, griff Bern nie über seine natürlichen Grenzen und seine wirklichen Möglichkeiten hinaus. Es besass die seltene Staatsklugheit, sich richtig einzuschätzen. So blieben ihm Rückschläge von aussen und lähmende Spannungen im Innern erspart. Seine ganze Geschichte bis auf den heutigen Tag liefert den Beweis für die Gültigkeit jenes lateinischen Leitspruchs, der zu deutsch heisst: Mässigung verbürgt Bestand.

    Dr. Werner Juker
    Bern - Bildnis einer Stadt
    Verlag Paul Haupt Bern 1953


    Literatur Bloesch Hans, Siebenhundert Jahre Bern, Lebensbild einer Stadt. Bern 1931./ Bloesch Hans und Steinmann Marga, Das Berner Münster. Bern 1938./ Das Bürgerhaus in der Schweiz, XI. Band: Das Bürgerhaus im Kanton Bern, II. Teil. Zürich 1922./ Feiler Richard, Die Universität Bern 1834-1934. Bern 1935./ Feiler Richard, Geschichte Berns. Bern 1946./ Hofer Paul, Die Kunstdenkmäler des Kantons Bern, Band I: Die Stadt Bern. Basel 1952. (Darin die neusten Ergebnisse der Gründungsgeschichte, der Entstehung und Bedeutung der Brunnenbilder usw.)/ Hofer Paul, Bern, die Stadt als Monument. Bern 1951./ Hofer Paul, Führer durch die Berner Unterstadt. Bern 1952./ Laedrach Walter, Bern, die Bundesstadt, Berner Heimatbücher Nr. 33 a. Bern 1948./ Markwalder Hans, 750 Jahre Bern, Festschrift zur Gründungsfeier 1941. Bern 1941./ Schenk Paul, Berner Brunnen-Chronik. Bern 1945/ Stalder E. und Nef A., Zweihundertfünfzig Jahre Berner Theater. Bern (erscheint im Herbst 1953)./ Strahm Hans, Studien zur Gründungsgeschichte Berns, Neujahrsblatt der Literarischen Gesellschaft. Bern 1935. (Erster Hinweis auf das vorzähringische Bern.)/ Strahm Hans, Der zähringische Gründungsplan der Stadt Bern. Aus: Archiv des Historischen Vereins des Kantons Bern, Band 39, 1948./ Strahm Hans, Zur Verfassungstopographie der mittelalterlichen Stadt mit besonderer Berücksichtigung des Gründungsplanes der Stadt Bern. (Separatum aus: Zeitschrift für Schweizerische Geschichte, Jahrgang 30, Heft 3, 1950.)/ Wyss Fritz, Bern, Eine kleine Stadtgeographie. Bern 1943. (Mit umfassender Literaturangabe.)/ Nur als Manuskript vorhanden: Walthard, Samuel Rudolf, Album de 1817-1855. (Ausführlich geführte, französisch geschriebene Tagebücher über die persönlichen und allgemeinen Ereignisse des Tages, von 1817-1855.) Stadtbibliothek Bern, Mss. Hist. Heiv. XIV. 38-46.


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