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Bern - die Hauptstadt mit Charme Bern - Die Bundesstadt Schönheitsbegriffe ändern sich; bevor Haller und Rousseau den Glanz der Alpen entdeckten, schienen unsern Vorfahren im 18. Jahrhundert die heute bewunderten Schneeberge ein schreckhaftes Eisgebirge, und der junge Patrizier, der sich gesellschaftlich vergangen hatte, wurde mit einer mehrmonatigen Verbannung nach Grindelwald oder Adelboden bestraft. Die Stadt Bern galt jedoch schon damals als schön, und viele Reiseberichte des 18. Jahrhunderts rühmen ihre vornehmen Gassen. «Sie ist die Schönste, die wir bisher gesehen haben», urteilte Goethe, und die vornehmen Sandsteinhäuser Berns liessen ihn einen gesunden Wohlstand ahnen. Ihr Ruhm ist unserer Stadt geblieben bis heute, und die hohe Aarehalbinsel muss eine besonders bevorzugte Örtlichkeit sein, dass gerade hier alle Vorbedingungen zusammentreffen konnten, um eine ungewöhnliche Stadt entstehen zu lassen; landschaftliche Schönheit und eine bedeutende Geschichte trugen dazu bei, und Natur und Kunst schufen ein Stadtbild, das zum einzigartigen Denkmal wurde. Aus Berns politischer Geschichte Nach der zwischen 1323 und 1340 geschriebenen «Cronica de Berno» soll die Stadt 1191 von Herzog Berchtold V. von Zähringen gegründet worden sein, und ihren Namen habe sie, wie der Stadtschreiber Justinger in seiner 1421 abgeschlossenen Chronik berichtet, nach dem ersten Jagdtier, einem Bären, erhalten, der auf der bewaldeten Aarehalbinsel vom Herzog erlegt worden sei. Die heutige Geschichtsforschung nimmt jedoch mit zwingenden Gründen an, dass der Zähringerherzog 1191 nur eine schon in fränkisch-merowingische Zeiten zurückreichende Siedlung vergrössert habe, eine Örtlichkeit mit einem alten Bärenkult. Im Jahre 1218 starb das Zähringerhaus aus, die Stadt wurde reichsfrei, und es gelang ihr, zu beiden Seiten der Aare, in Belp wie in Muri, Bolligen, Stettlen und Vechigen ihr Gebiet zu erweitern. Durch sein Ausdehnungsbestreben kam Bern in wachsenden Gegensatz zum burgundischen Adel und zum österreichischen Freiburg. Die Entladung erfolgte im Laupenkrieg, am 21. Juni 1339 schlug Bern das feindliche Adelsheer mit Hilfe seiner Freunde aus den Waldstätten, dem Simmental und Oberhasli bei Laupen. Die Stadt wurde erweitert bis zum Christoffelturm, sie umfasste also schon damals die heutige Altstadt, sie wurde die Hauptmacht in Burgund, und «Gott selber war in Bern Burger geworden». Als Folge des Laupenkrieges trat Bern 1353 mit den Waldstätten und deren Verbündeten in ein ewiges Bündnis; damit war die Eidgenossenschaft der acht Orte zusammengeschlossen. Das 15. Jahrhundert brachte 1415 die Eroberung des österreichischen Aargaus und die Teilnahme am alten Zürichkrieg; Berns Mannschaften waren dabei in Greifensee und hielten bei St. Jakob an der Birs mit ihren Freunden den feindlichen Einfall in die Schweiz ab. Wenig später traten Frankreich und das Burgund Karls des Kühnen in den bernischen Horizont, und die Entfremdung von dem Deutschen Reich begann. Unter Berns diplomatischer Führung trat die Eidgenossenschaft zur Sicherung ihrer Lage mit dem mächtigen Burgunderherzog in den Kampf, und in Grandson, Murten und Nancy wurde 1476/77 die schweizerische Grossmachtstellung errungen. Der Schwabenkrieg brachte 1499 die tatsächliche Trennung vom Deutschen Reich. Die Grossmachtpolitik wurde jedoch schon nach der verlorenen Schlacht von Marignano 1515 in den italienischen Feldzügen aufgegeben, da Bern nicht mit einer ungesicherten Westgrenze einer Erweiterung der Eidgenossenschaft nach Süden zustimmen konnte. Als die Reformation erwachte, neigte sich Bern, den politischen Vorteil erkennend, 1528 der neuen Lehre zu. Fremde Kriegsdienste wurden verboten, und eine Innenkolonisation nahm Tausende auf, die sonst in fremden Ländern als Reisläufer verblutet wären. Ein ernster Zug zur Arbeitsamkeit und Nüchternheit ist seit jenen Tagen in Bern zu Stadt und Land geblieben. Eine Folge der Reformation war auch die Eroberung der Waadt 1536 und die dauernde Verbindung mit Genf. Das Gebiet der Republik Bern reichte jetzt vom Genfersee bis beinahe an den Rhein, und Bern war zum bedeutendsten eidgenössischen Orte herangewachsen. Im Dreissigjährigen Krieg verhielt sich Bern wie die übrige Schweiz neutral und erreichte mit dieser im Westfälischen Frieden 1648 die rechtliche Anerkennung der seit dem Schwabenkrieg tatsächlich bestehenden Unabhängigkeit. Nicht zu meistern verstand jedoch die damalige bernische Regierung die wirtschaftlichen Schwierigkeiten nach dem Friedensschluss von 1648, so dass es 1653 zum ersten und einzigen grösseren bernischen Aufstand, der Erhebung der Emmentaler und Oberaargauer unter Niklaus Leuenberger, gegen die Stadt kam. Leider überschritt die siegreiche Stadt mit den erteilten Strafen das vernünftige Mass, so dass die eintretende Entfremdung zwischen Stadt und Land den ungünstigen Ausgang des Ersten Villmergenkrieges von 1656 mitverschuldete. Im Spanischen Erbfolgekrieg (1701-1714) war Bern nicht kriegführend, verliess aber seine gewohnte Neutralität und verstand es, die Wahl des Königs von Preussen zum Fürsten von Neuenburg durchzusetzen. Der gleiche Schultheiss Willading, dem dies glückte, gewann mit Zürich dann den Zweiten Villmergenkrieg des Jahres 1712 gegen die katholische Schweiz, der den reformierten Ständen Zürich und Bern das Übergewicht innerhalb der Eidgenossenschaft eintrug. Das 18. Jahrhundert war die goldene Zeit für Bern. Sein Gebiet war grösser als dasjenige manchen Fürstentums, seine Gesandten wurden an den europäischen Höfen ehrenvoll empfangen, der König Friedrich I. von Preussen bat die Tagsatzung, die Patenschaft für seinen Enkel zu übernehmen. Das bernische Volk lebte in wachsendem Wohlstand, in den zahlreichen Schlössern und Landhäusern des bernischen Patriziates blühte eine vornehme Wohnkultur. Die patrizische Regierung war gut, nur erkannte sie trotz dem Aufstandsversuch des Majors Davel 1723 in Lausanne und trotz dem Henzihandel 1749 in Bern nicht, dass ihre Untertanen mündig geworden waren. Die entstehende Spannung reizte das revolutionäre Frankreich, in der Schweiz einzugreifen und nach dem bernischen Staatsschatz zu langen. Nach langem Zaudern und kurzem tapferem Kampf bei Neuenegg und im Grauholz fiel Bern, von den eidgenössischen Verbündeten im Stiche gelassen, am 5. März 1798. Nach dem Ende von Napoleons Herrschaft übergab der Wiener Kongress 1815 dem wiedererstandenen Bern das Fürstbistum Basel (den Berner Jura) als Ersatz für die selbständig gewordenen Kantone Waadt und Aargau. Dadurch wurde Bern wieder die Hauptstadt eines zweisprachigen Gebietes, das sich von den Alpen durch das Mittelland bis hinter den Jura erstreckt. Nachdem das bernische Patriziat am 13. Januar 1831 endgültig auf die Regierung verzichtete, wurde die Führung der Politik von den liberalen Brüdern Schnell in Burgdorf und dann von den radikalen Seeländern Stämpfli und Ochsenbein übernommen, die sich an der Gründung des neuen schweizerischen Bundesstaates von 1848 massgebend beteiligten. Deshalb erntete Bern, das schon in den Burgunderkriegen die Leitung der Eidgenossenschaft übernommen hatte, im 18. Jahrhundert von allen Orten am leuchtendsten dastand und sich der französischen Fremdherrschaft nicht kampflos beugte, endlich die Früchte seines Verhaltens: es wurde am 28. November 1848 als Schweizerische Bundesstadt gewählt. Es erhielt im Nationalrat 58 Stimmen (Zürich 35, Luzern 6, Zofingen i), im Ständerat 21 (Zürich 13, Luzern 3). Als Hauptstadt eines neutralen Staates greift Bern nicht mehr aktiv ein in die Welthändel; aber ein Hauch ihrer grossen Vergangenheit liegt spürbar über der alten Stadt. Aus Berns Baugeschichte Wenn der Reisende auf der alten Landstrasse die Höhe vom Grauholz erreicht hat und in der Tiefe die Stadt Bern erblickt oder herwärts Belp über dem Dählhölzli den Münsterturm emporragen sieht, dann weiss er, dass er einem bedeutenden Gemeindewesen entgegenzieht; denn nur wenige Städte gibt es, die mit einem solchen Turm den Wanderer von ferne grüssen. Als die Stadt den Aargau erobert hatte und unter dem Schultheissen Rudolf Hofmeister das Gefühl ihres Wertes bekam, reifte der Plan heran, ein Gotteshaus zu bauen, das Berns würdig war; am 21. März 1421 wurde der Grundstein gelegt. Die Stadt Bern, die damals mit ihren 6'000 Einwohnern zu den grossen Städten zählte (Basel hatte 10'000, Frankfurt 7'500, Zürich und Heidelberg je 5'000 Einwohner), liess den Baumeister Matthäus Ensinger kommen, der den berühmten Münsterbau von Ulm erfolgreich geleitet hatte, und wünschte von diesem ein Bauwerk, das unter den Kirchenbauten in deutschen und welschen Landen sich sehen lassen dürfe. Und nun entstand unter der Mithilfe aller Berner ein Werk, das während manchem Kriegszug unterbrochen aber immer wieder fortgesetzt und schliesslich zum glücklichen Ende geführt wurde. Das Langhaus des Münsters ist dreischiffig, von einem kunstvollen Netzgewölbe überwölbt; die Seitenschiffe sind von Kapellen begleitet, die von mancher Stelle aus den Eindruck hervorrufen, dass man sich in einem fünfschiffigen Dom befinde. Kurz vor dem Schwabenkriege war 1498 das Mittelschiff vollendet worden, 1517 erreichte das prachtvolle Chorgewölbe, dessen Felder von Niklaus Manuel ausgemalt wurden, den Abschluss. Damals muss das Chor mit seinen grossen bemalten Fenstern von einer zauberhaften Schönheit gewesen sein. Es gab im 15. Jahrhundert, und es gibt noch heute keine schöneren Glasmalereien in der Schweiz. Leider hat ein Hagelwetter zu Anfang des 16. Jahrhunderts grosse Zerstörungen angerichtet, und nur das Armenbibelfenster, das Dreikönigsfenster und das Hostienmühlefenster sind gut erhalten, die neuen Glasmalereien aus dem 19. Jahrhundert aber können nicht befriedigen, erfreulicher ist das Jesajasfenster von 1947. Auf der Westseite des Münsters erhebt sich der Frontturm über einer quadratischen Halle. Über dem Hauptportal bestaunen wir die naive Darstellung des Jüngsten Gerichts von Erhard Küng aus dem Ende des 15. Jahrhunderts, darunter zu beiden Seiten die spätgotischen Klugen und Törichten Jungfrauen. Der Turm wurde 1622 über seinem dritten Geschoss mit einem niederen Zeltdache gedeckt und wachte mit diesem trotzigen Abschluss mehr als ein Vierteljahrtausend über der Stadt, bis er von 1889 bis 1893 wieder durch einen Ulmer Baumeister, August Beyer, mit zwei achteckigen Geschossen und einem durchbrochenen Helm gekrönt wurde. Es fehlt diesem Ausbau aber die alte Harmonie, die der damalige Baumeister nicht geben konnte, weil sie seiner ganzen Zeit fehlte. Der Münsterturm von Bern ist indes trotz seiner Mängel mit seinen hundert Metern der höchste und eindrucksvollste Turm der Schweiz und zählt unter seinen elf Glocken auch die grösste des Landes. Seine Wirkung wird noch vergrössert, wenn man ihn von der Südseite der Stadt betrachtet, weil man dann die im 14. Jahrhundert aufgebaute Münsterterasse, die Plattform, vor sich hat. Diesen Unterbau eingerechnet, erhebt sich der Münsterturm 140 m über den Spiegel der Aare, deren Wellenrauschen beruhigend bis zu den Glockenstuben und der Turmwärterwohnung hinaufdringt. Vergessen wir nicht, vom Mosesbrunnen aus einen Blick auf den schönen gotischen Münsterplatz zu werfen, vielleicht den schönsten Platz in irgendeiner schweizerischen Altstadt. Noch ein zweites monumentales Bauwerk aus der gotischen Zeit steht in Bern: das 1406 nach dem grossen Stadtbrande von den süddeutschen Baumeistern Gengenbach und Hetzelerbaute Rathaus, das 1868 in unglücklichen neugotischen Formen verunstaltet, aber 1940 bis 1942 in seiner alten, überwältigenden, ruhigen Pracht wiederhergestellt wurde. Mit seiner Freitreppe, seiner Säulenhalle, seinen Innenhöfen und seinen Ratsälen ist es wieder ein Bauwerk, das Zeugnis ablegt von der Macht und Grösse des Alten Bern. Es gibt kein schweizerisches Rathaus, das sich ihm zur Seite stellen könnte. Bern ist keine gotische Stadt, hat aber trotzdem ausser Münster und Rathaus noch einige andere Bauwerke aus der gotischen Zeit. Das älteste ist die Französische Kirche, die Kirche des einstigen Dominikanerklosters mit ihrem dreischiffigen Langhaus und einem Chor aus dem frühen 14. Jahrhundert. Gotisch sind auch die Antonierkapelle mit ihren schönen Arkader, an der Postgasse und die Nydeckkirche auf den Fundamenten des alten Reichsschlosses Nydeck. An der Junkerngasse, der Kesslergasse und der Metzgergasse sind noch vereinzelte spätgotische Häuser und gotische Arkaden, bemerkenswerte gotische Erker beim Zeitglocken und an der Kesslergasse. Die Zeit der Renaissance hat nördlich der Alpen in unserem Lande wenige Bauwerke hinterlassen. Die Theologen mit ihren Kämpfen und nicht die Baumeister standen damals im Vordergrund. So finden sich auch in Bern nur wenige Bauten aus jenen Jahren; am wertvollsten ist wohl die Renaissance-Fassade des Hauses Nr. 6 an der Kirchgasse. Aber noch etwas ist in jener Zeit entstanden, das die Stadt auf besondere Art bereichert: beinahe ein Dutzend öffentlicher Brunnen, von denen drei mit Sicherheit (der Dudelsackpfeifer-, der Kindlifresser- und der Simsonbrunnen), die andern mit Wahrscheinlichkeit von dem Freiburger Künstler Hans Gierig geschaffen wurden. Am volkstümlichsten und interessantesten von allen ist wohl der Kindlifresserbrunnen, dessen Menschenfresser vielleicht an einen angeblichen Ritualmord des Jahres 1288 erinnert und der seit vier Jahrhunderten der Schrecken der vorschulpflichtigen Berner Jugend ist und das kleine Volk hindert, auf eigene Faust in den Gassen herumzustreifen. Im Gegensatz zur Renaissance hat die Barockzeit der Stadt ihren Stempel wie kaum einer zweiten Schweizer Stadt aufgedrückt. Das ausgehende 17. und das 18. Jahrhundert waren eine glückliche Zeit für Bern: ihre Bewohner erfreuten sich eines bescheidenen Wohlstandes, der zum Teil durch Pensionen von fremden Fürstenhöfen und zum andern durch die sehr bedeutenden Einnahmen der regierenden Familien aus den 55 Landvogteien, auch durch die blühende Landwirtschaft der bernischen Patrizier auf ihren Landgütern erworben wurde, nicht aber durch Handel oder Fabrikation irgendeiner Art. Ausser dem Weinhandel galt jeglicher Handel als nicht standesgemäss für einen regimentsfähigen bernischen Burger. In den von jeher breiten Gassen Berns, die sich in sanft geschwungenen Linien verständnisvoll dem Gelände einfügen, entstanden in jenen Jahren die herrlichsten Häuserreihen. Meist sind die Fassaden nur bescheiden; durch ihre Einheitlichkeit und durch ihre Fügung unter einen strengen Bauwillen erreichen sie jedoch eine Wirkung, die kaum zu übertreffen wäre. Besonders bemerkenswert unter diesen Barockhäusern sind etwa das Diessbach-Haus, Kirchgasse 2, das Schultheiss von Steiger-Haus, Kramgasse 61, das Tscharner-Haus, Herrengasse 8, das Wattenwyl-Haus, Gerechtigkeitsgasse 40, das Lerber-Haus, Gerechtigkeitsgasse 52, und das Marcuard-Haus, Amthausgasse 5. Ein einziger Bauherr wollte sich nicht fügen, der nachmalige Schultheiss von Erlach, der Erbauer des Erlacherhofes an der Junkerngasse, der mit seiner Hufeisenanlage den Rhythmus der Gasse unterbricht und an französische Vorbilder erinnert. Aber gerade dieses Haus blieb nicht lange im Besitz der Familie; es dient schon seit 1821 der städtischen Verwaltung und gehört heute der Gemeinde. Im Besitz der Eidgenossenschaft ist das an der gleichen Gasse stehende Frisching- oder Wattenwyl-Haus, das 1710 für den Schultheissen Samuel Frisching, den General im Zweiten Villmergenkriege, erbaut wurde und mit seinem Südflügel über terrassierten Gärten die Südfront der Altstadt bereichert. Im 18. Jahrhundert entstanden auch die zahlreichen öffentlichen Gebäude, die Bern das Aussehen geben, als ob es die Residenz eines baufreudigen Fürsten gewesen wäre. Hans Jakob Dünz erbaut von 1711 bis 1716 das dreigeschossige, einst über einer offenen Halle stehende Kornhaus, dessen Keller mit den grossen Fässern den welschen Stadtwein aufnahm und noch heute dem Heidelberger Schlosskeller den Ruf streitig macht. Das Rathaus des Äussern Standes von Schildknecht, dem Erbauer der Heiliggeistkirche, war einst das Gesellschaftshaus der jungen Patrizier; es ist bekannt geworden, da 1874 hier der Weltpostverein gegründet wurde. Zwischen 1734 und 1742 wurde das Burgerspital erbaut; auch hier war Niklaus Schildknecht beteiligt. Der Brunnenhof, der stille Innenhof des Spitals, ist jetzt mitten in der gross gewordenen Stadt ein Ort, der Ruhe und verhaltene französische Schönheit atmet. Aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts stammen die harmonische Hauptwache Sprünglis und das Hôtel de Musique des gleichen Baumeisters. Noch reizvoller war die Bibliothekgalerie, deren Fassade als Rokokobrunnen auf dem Thunplatz erhalten ist. Die Polizeikaserne (das ehemalige Knabenwaisenhaus) und die Stadtbibliothek entstanden in den gleichen Jahren. Noch sichtbarer als diese Häuser zeigen aber einige Turmbauten den Geist des Barocks. In kraftvollem Frühbarock von 1641 steht der Käfigturm da, der 1893 dem Krawall der aufständischen Bauarbeiter standhielt und jetzt Archivräume enthält, während der ältere Zeitglocken mit der kunstvollen astronomischen Uhr von 1530 des Berners Caspar Brunner in seiner heutigen Form aus dem Jahre 1714 stammt. Die schönste reformierte schweizerische Barockkirche, die Heiliggeistkirche, von Niklaus Schildknecht, mit ihrem wohl abgemessenen Uhrturm, der einst der zierliche Gefährte des Christoffelturms war, sah in ihrem vornehmen Innenraum die Tagsatzung, die 1847 die Auflösung des Sonderbundes beschloss. Das 19. Jahrhundert fand in Bern so wenig wie anderswo einen eigenen Stil; die Christkatholische Kirche weist neuromanisch-frühgotische Formen auf, das historische Museum kopiert romantische Burgen aus der Renaissance, die Dreifaltigkeitskirche ist lombardischromanisch. Die grössten Bauwerke des 19. Jahrhunderts, die dem Stadtbild Berns geradezu ein neues Aussehen gaben, sind jedoch die beiden Bundeshäuser, die florentinische Paläste nachahmen, und in ihrer Mitte der Kuppelbau des Parlamentsgebäudes, das 1894 bis 1902 von dem vorher in Wien wirkenden St. Galler und nachmaligen Berner Ehrenbürger Hans Auer in Neurenaissance geschaffen wurde. Man kann sich streiten, ob durch diese neuen, grossdimensionierten Bauwerke das Stadtbild verloren oder gewonnen habe; unbestritten wird bleiben müssen, dass das eidgenössische Parlament und der Bundesrat in ihnen einen würdigen und vornehmen Sitz gefunden haben und dass von hier aus unser Land seit einem vollen Jahrhundert so regiert worden ist, dass es geachtet dasteht. Es fand auf politischem Gebiet seine klare Linie; das mag entschuldigen, dass es sie im Baustile nicht gefunden hat. Auch das 20. Jahrhundert vermochte den einheitlichen Gedanken in der Baukunst noch nicht wieder zu finden. Die Universität, das Theater und das Kasino sind beeinflusst von der Renaissance, das Obergerichtsgebäude, die Nationalbank und das Volkshaus atmen Barock, die Pauluskirche zeigt die Formen des Jugendstils. Das neue Gymnasium ist neu-klassizistisch, das Loryspital und die Neubauten der Universität sind moderne Zweckbauten; am ausgesprochensten sind dies wohl die Landesbibliothek und die Lehrwerkstätten. Das 19. und 20. Jahrhundert brachten Bern, das durch Jahrhunderte nur die alte Untertorbrücke besessen hatte, auch die neuen Brückenbauten. Zuerst kam von 1841 bis 1844 die Nydeckbrücke, eine Steinbogenbrücke mit vier Zöllnerhäuschen, die heute noch als Privatwohnungen dienen. Dann folgte 1846 bis 1850 die Tiefenaubrücke, die den Verkehr der alten Bern-Zürich-Strasse nicht wie früher über das Grauholz zur Nydeck, sondern über Zollikofen in die obere Stadt leitete und damit der Unterstadt eine Lebensader abschnitt. Im. Jahre 1858 kam die Eisenbahnbrücke, eine Eisengitterkonstruktion, die während des Zweiten Weltkrieges durch die heutige grosse Eisenbetonbogenbrücke mit vier Schienensträngen ersetzt wurde. Die Kirchenfeldbrücke entstand 1883, die Kornhausbrücke 1898, beides Eisenbogenbrücken; die Spannweite der letzteren beträgt 116 m. Die Lorrainebrücke folgte 1930; auch diese weiteren Brückenbauten lenkten den Verkehr völlig von der Unterstadt weg. Die Beamten der zahlreichen Verwaltungsgebäude in den alten Gassen sind darüber nicht unglücklich; bedenklicher war diese Entwicklung für die dortigen Handwerker und Geschäftsleute. Das 19. und 20. Jahrhundert liessen in Bern auch eine ganze Reihe von Denkmälern entstehen, was vorher nicht üblich gewesen war. Wenn die alten Renaissance-Brunnen, der barocke Burgerspitalbrunnen und die klassizistischen Kramgass- und Waisenhausplatzbrunnen sich glücklich dem Stadtbild einfügen, so lässt sich dies von den neuen Denkmälern nicht sagen, weder vom Erlach- noch vom Bubenbergdenkmal, noch weniger von dem massigen Welttelegraphendenkmal vor dem Historischen Museum. Zudem sind sie auch künstlerisch nicht überzeugend, weder die Statue Hallers vor der Universität noch der Herzog von Zähringen auf der Plattform. Besser ist das Reiterstandbild Rudolfs von Erlach von Joseph Volmar (1848), am interessantesten ist wohl das Denkmal des Weltpostvereins des Franzosen Saint-Marceaux aus dem Jahre 1904, und bemerkenswert ist das Bider-Denkmal von Hermann Haller von 1924. Ein Rundgang zeigt mit aller Deutlichkeit, dass schöner noch als die einzelnen Bauwerke das Gesamtbild der bernischen Altstadt ist. Wie ein aus einem Gedanken und in einem Guss entstandenes Denkmal thront sie auf ihrem «Felsenkern» (der zwar den Augen eines Geologen als etwas weniger Einheitliches erscheint), in der untern Stadt überragt von Münster und Stift auf der Südfront, vom Rathaus auf der Nordseite. Dies sind die Bauwerke, die der Gemeinde oder dem Kanton gehören, die also das «bernische Bern» darstellen, während die Oberstadt völlig beherrscht wird von der gewaltigen Front der Bundespaläste, die das «eidgenössische Bern» betonen. Wie wundervoll dominierend ist das Münster eingefügt, wenn man die Südfront der Stadt vor sich hat; wie vornehm verborgen ist es aber, wie muss es der Fremde suchen, wenn er sich in den alten Gassen befindet. Und welch wundervoller Dreiklang entsteht, wenn dieser hohe Turm der deutschen Gotik hinabschaut in die breiten Gassen mit den vornehmen Wohnhäusern in französischem Barock, die alle miteinander durch die italienischen Arkaden oder Lauben verbunden sind. In keiner andern Schweizer Stadt vereinigen sich deutsche, französische und italienische Einflüsse so glücklich wie hier in Bern. Schaffhausen atmet schwäbische Luft, Lugano ist lombardisch, Neuenburg burgundisch; Bern aber verschmolz alles Fremde zu einer neuen Einheit und wurde dadurch bernisch, schweizerisch. Das lässt sich freilich nur von der Altstadt sagen; die neuen Quartiere lassen die Einheitlichkeit des Baugedankens schmerzlich vermissen und unterscheiden sich nicht von andern Vorstädten in der übrigen Welt. Die ältesten Aussenquartiere, die sich im Kreis um die Altstadt legen, sind die Länggasse (das bernische Quartier Latin) mit der Universität und vielen dazu gehörenden Instituten, dem Staatsarchiv und dem Oberseminar, auch mit vielen Industriebetrieben, und das Mattenhof-Weissenbühlquartier, in dem die Industrie noch bemerkbarer hervortritt. Dem Nordquartier gibt die Kaserne einen besonderen Charakter. Das Kirchenfeld im Süden und die Schosshalde im Osten sind die vornehmen Wohnquartiere, das erstere mit dem Historischen und dem Naturhistorischen Museum, der Landesbibliothek, dem Bundesarchiv, dem neuen Gymnasium und der eidgenössischen Münze in seinem untern Teile, im obern mit zahlreichen fremden Gesandtschaften und Botschaften. Immer weiter legt sich der Kranz neuer Wohnquartiere um die Stadt herum; die alten Dörfer Ostermundigen und Muri, vor allem aber Wabern, Liebefeld und Köniz, erscheinen heute der Stadt angegliedert, und der zweihundertjährige Stein bei Gümligen an der Landstrasse nach Luzern, der die Entfernung nach der Stadtmitte mit einer Stunde angibt, ist heute von neuen Wohnquartieren erreicht, der Stundenstein an der Freiburgstrasse ausserhalb von Bümpliz vom wachsenden Stadtrand schon überschritten. Aus Berns Kulturgeschichte Bern ist durch seine Politik und durch seine von der Ökonomischen Gesellschaft geförderte Landwirtschaft gross geworden, nicht durch Leistungen auf künstlerischem oder literarischem Gebiet. Man darf freilich von der Stadt, die sich in schweren Kämpfen gegen ungezählte Gegner durchsetzte, nicht in erster Linie bedeutende Künstler erwarten; dagegen wurde die Reihe ihrer kriegerischen und politischen Erfolge von den Chronikschreibern in nicht unbedeutenden Werken niedergeschrieben. Der Deutschordensbruder Ulrich Pfund begann wenige Jahre nach der Schlacht am Morgarten im Jahrzeitenbuch des Münsters mit seinen Eintragungen, die von weiteren Geistlichen fortgesetzt und nachher unter dem Namen Cronica de Berno bekannt wurden. Als aber die Stadt ein Gebiet besass wie keine andere nördlich der Alpen, fand der Schultheiss Rudolf Hofmeister, dass die Zeit gekommen sei, eine amtliche Chronik abzufassen. Räte und Burger beauftragten damit den Stadtschreiber Konrad Justinger aus Rottweil. Der schuf ein Werk, das mit der Kaiserwahl Barbarossas im Jahre 1152 beginnt und bis zum Münsterbau reicht und mit seiner Natürlichkeit und Einfachheit und seiner Freude am Erzählen noch heute die Begeisterung des unbefangenen Lesers hervorruft und zum bleibenden Denkmal der Stadt wie ihres Schreibers wurde. Der älteste Humanist der Schweiz, der bernische Stadtschreiber Thüring Fricker, der Grossvater Niklaus Manuels, beschrieb fünfzig Jahre später in einer Monographie, wie in dieser Ausführlichkeit sonst noch keine bestand, den «Twingherrenstreit» von 1470, die Auseinandersetzung der Stadt mit den Besitzern der Hoheitsrechte in ihrem Gebiete. Durch einen Ratsbeschluss des Jahres 1474 entstand die zweite amtliche Chronik von Bern durch Diebold Schilling, den bernischen Gerichtsschreiber und Ratsherrn. Sie umfasst die Jahre 1424 bis 1484 und ist eine der besten Quellen für die Geschichte des Burgunderkrieges. Berühmt geworden ist dieses Werk besonders durch seine prächtigen Illustrationen; der Gemeinderat von Bern verschenkte es in einem Faksimiledruck gelegentlich als Ehrengabe, zum Beispiel der Stadt Moskau zu ihrer Achthundertjahrfeier 1947. Von überragender Bedeutung ist die dritte amtliche Chronik, die zu schreiben am 29. Januar 1529 der bernische Stadtarzt Valerius Anshelm beauftragt wurde, der in Krakau, Tübingen und Lyon studiert hatte. Dieses Werk wurde 154o abgeschlossen, reicht bis 1536 und ist weit mehr als eine Stadtchronik; es wird zur schweizerischen, deutschen, französischen und italienischen Geschichte; mit ihm beginnt in der Schweiz die wissenschaftliche Geschichtsschreibung, für die Kenntnis der Reformation ist es eine Quelle allererster Ordnung. Der Landvogt von Oron, Michael Stettler, erhielt den Auftrag, die Anshelmsche Arbeit fortzusetzen. Er konnte jedoch, durch die aufkommende Zensur behindert, sein Vorbild bei weitem nicht erreichen. Das Geschichtswerk des Zofingers Joh. Jak. Lauffer, des Professors der Geschichte an der bernischen Akademie, der 1724 vom Rate mit der Fortsetzung der «vaterländischen Historie» betraut wurde, blieb Fragment, und das 19. Jahrhundert erteilte keine offiziellen Aufträge mehr, die bernische Geschichte zu schreiben. Zu nennen sind jedoch die Arbeiten dreier Angehöriger des bernischen Patriziates: Anton von Tillier gab 1839 eine fünfbändige Geschichte des Freistaates Bern heraus, von J. L. von Wurstemberger erschien 1862 die «Geschichte der alten Landschaft Bern», von den Pfahlbauern bis zu den Zähringern, und von Ed. von Wattenwyl-von Diessbach 1867/1872 die «Geschichte der Stadt und Landschaft Bern», die leider nur das 13. und 14. Jahrhundert umfasst. Erst unsere Zeit brachte die Krönung der bernischen Geschichtsschreibung mit Richard Fellers vierbändiger «Geschichte Berns» (1946 bis 1960; der 4. Band nach Feuers Tod, 1958, von Staatsarchivar Rudolf von Fischer herausgegeben), einem Werk, das historisch und literarisch höchste Ansprüche befriedigt und seinem Verfasser das bernische Ehrenbürgerrecht eintrug. Ausser diesen geschichtlichen Werken entstanden aber in Bern auch eine Reihe von literarischen Arbeiten, die in die Literaturgeschichte eingegangen sind. Das erste in Bern geschriebene Buch ist der «Edelstein» des Predigermönchs Ulrich Boner, eine Sammlung von Fabeln, die um 1350 entstand und 1461 zu Bamberg gedruckt wurde. Zur Zeit der Burgunderkriege entstanden einige volkstümliche Lieder, und Veit Weber aus Freiburg erhielt den amtlichen Auftrag, mit seinen naturfrohen und derben Kriegsliedern die öffentliche Meinung zu beeinflussen. Die Schlacht von Bicocca in den Italienischen Feldzügen wurde von Niklaus Manuel besungen, dem bernischen Maler, der zum Dichter wurde und mit seinen Spielen «von Papsts und Christi Gegensatz», dem «Ablasskrämer» und anderen «ein gross Volk bewegt, christliche Freyheit und babstliche Knechtschaft zu bedenken und ze underscheiden». Nach der Reformation aber unterdrückten die glaubensstrengen Dekane am Münster zwei Jahrhunderte lang jede freie literarische Äusserung; nur einige kaum bekannte Täuferlieder, das Haslebacher- und das Dürsrüttilied, entstanden in jenen Jahren; sie wurden polizeilich gesucht und streng verboten wie jede andere für Bern unbequeme Literatur. Einen neuen in die Zukunft weisenden Ton, einen ersten literarischen Höhepunkt brachte Albrecht Haller. Im Jahre 1732 erschien sein «Versuch schweizerischer Gedichte», beginnend mit dem grossen Epos «Die Alpen». Die philosophischen Fragen, die der junge Haller in seinen Gedichten behandelt, kehren in seinen Staatsromanen wieder. Die nächste literarische Erscheinung in der Schweiz, Pestalozzi, steht mit Bern wenigstens insoweit in Beziehung, als dieser seine bedeutendsten Arbeiten auf bernischem Gebiet, im Neuhof und in Burgdorf, geschrieben hat und für seinen Roman «Lienhard und Gertrud» von der Bernischen Ökonomischen Gesellschaft durch eine Medaille im Wert von 50 Dukaten und mit weiteren 50 Dukaten in Bargeld ausgezeichnet wurde. Mit Pestalozzi in mancher Beziehung verbunden ist Berns grösster Dichter, Albert Bitzius, der unter dem Namen Jeremias Gotthelf bernische Dichtung in die Weltliteratur emporhob. Bitzius, Bernburger, wurde 1797 in Murten geboren und starb 1854 in Lützelflüh, wo er seit 1831 Pfarrer war. Um die letzte Jahrhundertwende besass Bern das Glück, in seinen Mauern noch einmal einen Dichter und Kritiker von Rang zu beherbergen: Joseph Viktor Widmann, dessen Gedichte und Dramen in der Tragödie des Tieres «Der Heilige und die Tiere» gipfeln und der Carl Spittelers Freund und unbeirrbarer Förderer war. Carl Albert Loosli trat damals auf mit guten berndeutschen Versen. Das Berndeutsch führte er freilich nicht als erster ein; schon hundert Jahre früher hatte der Sigriswiler Vikar und nachmalige Pfarrer von Burgdorf, Jakob Kuhn, berndeutsche Gedichte geschrieben; «Ha amene Ort es Blüemli gseh» ist zum unvergänglichen Volkslied geworden; das Guggisberger Lied «'s isch äben e Mönsch uf Ärde» ist hundertsechzig Jahre älter. Die eigentlichen Begründer der berndeutschen Literatur sind jedoch zwei Stadtberner aus alten Familien, Rudolf von Tavel und Otto von Greyerz. Wie eine Gartenlampe an einem Herbstabend vor der ersten Reif nacht noch einmal die bunten Farben des herbstlichen Schlossgartens aufleuchten lässt, so liess von Tavel in einer Reihe von etwa zwanzig Novellen und Romanen die schönsten Zeiten des bernischen Patriziates im versöhnlichen Lichte seiner Erzählungskunst ein letztes Mal aufleuchten, und im versöhnenden Licht, das er auf eine untergegangene Zeit warf, liegt das Geheimnis seines Erfolges. Otto von Greyerz dagegen, der Philologe, der für die Reinheit der bernischen Sprache kämpfte, schuf fröhliche berndeutsche Lustspiele und wurde dadurch der Begründer des bernischen Heimatschutztheaters. Ebenso wertvoll ist seine Arbeit als Herausgeber des schweizerischen Volksliedes im «Röseligarte». Sein Freund Simon Gfeller war es, der seine Gedanken aus der Stadt hinaus ins Emmental trug, die emmentalische Mundart in seinen volkstümlichen Darstellungen und Erzählungen, vor allem in «Heimisbach», anwandte und für das Heimatschutztheater die erfolgreichsten Stücke schrieb. «Hansjoggeli der Erbvetter» nach einer Erzählung Gotthelfs, ist das Werk, das die meisten Aufführungen erlebt. Die Saat von Rudolf von Tavel, Otto von Greyerz und Simon Gfeller fiel auf einen empfänglichen Boden; in Schriftsprache wie in Mundart hat das bernische Schrifttum seither kräftig Wurzel gefasst. Die Stadt fördert es durch alljährlich zur Verteilung gelangende Literaturpreise. Mit Haller und Gotthelf hat die bernische Literatur zweimal Höhepunkte erreicht, die ausserhalb der Schweizer Grenze Beachtung fanden; die bernische Malerei hat ebenso Bedeutendes geleistet. Der erste hervorragende Künstler, der in Bern wirkte, war der gotische «Meister mit der Nelke», dessen Name sich nicht eindeutig festlegen lässt; vielleicht ist es der Meister Paulus aus Strassburg, der «kunstriche» Maler Paulus Löwensprung, «nit ein Krieger», der nach Anshelms Chronik mit zweihundert andern Bernern 1499 in der Schlacht bei Dornach fiel und dessen Altartafeln noch heute unsere Bewunderung hervorrufen. Bedeutender wurde Niklaus Manuel, der Maler, Dichter, Krieger und Staatsmann. Er lernte die oberrheinische Kunst kennen, besass Dürers Kupferstiche und Holzschnitte, kam als bernischer Feldschreiber zweimal nach Italien und steht deshalb zwischen Gotik und Renaissance. Die Reformation liess in Bern wie anderwärts die Kunst darben. Im 17. Jahrhundert sind deshalb nur wenige Maler bekannt geworden. Johann Dünz malte die Porträts bernischer Schultheissen, von Albrecht Kauw stammen die Ansichten bernischer Schlösser, und der Hauptmeister des Jahrhunderts, Joseph Werner, wurde berühmt durch seine Allegorien im Stile der damaligen Zeit. Das 18. Jahrhundert, das Jahrhundert des bernischen Wohlstandes, brachte für Bern eine hochentwickelte Wohnkultur nach dem Vorbild von Versailles. Nicht nur wurden zahlreiche Landsitze neu gebaut, sondern auch die alten Schlösser modisch eingerichtet und überdies zu Stadt und Land die Wohnungen mit Rokokoteppichen, Wandspiegeln, Funkkommoden und den entsprechenden Stühlen und Tischen neu ausgestattet. Schliesslich entstand das Bedürfnis, die neugeschaffenen Räume mit Porträts und Bildern auszuschmücken, so dass zahlreiche Künstler in Bern dankbarste Beschäftigung fanden. Der Landschafter Aberli wurde der Begründer der Schule der «Berner Kleinmeister», die diesen Namen nicht etwa eines geringeren Könnens wegen erhalten, sondern weil die Formate ihrer Bilder für Reisende berechnet sind, die Bern besuchen. Sigmund Freudenberger ist der berühmte Porträtist und Genremaler, der letzte, der noch vom Versailler Königshof beeinflusst ist. Niklaus Friedrich König und Gabriel Lory sind schon vom Empire abhängig. B. A. Dunker, Heinrich Rieter, Gottfried Mind gehören auch in die Reihe der Meister, die um 1800 Bern zu einem künstlerischen Mittelpunkt erhoben. Das 19. Jahrhundert bringt den liebenswürdigen Porträtisten Johann Friedrich Dietler und den Landschafter August von Bonstetten, beides schon Zeitgenossen Albert Ankers, mit dem die bernische Kunst von neuem einen Höhepunkt erreicht. Seine überragende, in Paris geschulte Begabung macht aus ihm den einmaligen Darsteller bernischen Wesens, der seine Motive im Bauernhaus, im Schulhaus und im Gemeindehaus mit gleicher Treffsicherheit holt. Neben Anker leuchtet für kurze Zeit wie ein Komet die tragische Gestalt Karl Stauffers auf, alle andern überstrahlend. Seine Porträts sind unübertrefflich, und seine Graphik reicht in die höchsten Höhen der europäischen Kunst. Das Ende des 19. Jahrhunderts bringt das Auftreten Hodlers, des grössten schweizerischen Malers. Ferdinand Hodler wurde 1853 in Bern geboren, lebte in Genf, wandte sich vom Naturalismus ab und bekannte sich zur Ideenmalerei. Im Freskenstreit um sein Wandgemälde «Marignano» für das Landesmuseum in Zürich wurde ihm jahrelang das Leben verbittert, bis er nach 1900 europäische Anerkennung fand und die schweizerische Malerei während eines Vierteljahrhunderts beherrschte. Gross ist die Zahl der bernischen Künstler seit Hodler; die jährlichen Weihnachtsausstellungen beweisen, dass Bern wieder der Mittelpunkt einer reichen künstlerischen Betätigung geworden ist. Man kann einen kurzen Überblick über die bernische Malerei nicht beenden, ohne sich der Glasmalerei zu erinnern. Schon im 9. und 10. Jahrhundert lassen sich auf schweizerischem Boden farbige Fenster nachweisen, um 1300 erscheinen die ersten auf bernischem Gebiet, nämlich in den Kirchen von Blumenstein, Köniz und Münchenbuchsee. Seit 1441 leuchten die allerschönsten der ganzen Schweiz im Berner Münster, und damit findet sich auch ein Kreis von Glasmalern in Bern, und ausser dem Münster erhalten zahlreiche Landkirchen einen herrlichen Schmuck; es seien hier nur die wundervollen Glasmalereien von Lauperswil, Sumiswald und Jegenstorf genannt. Aber auch für die Glasmalerei bedeutete die Reformation den Untergang. Die reformierte Kirche erteilte keine Aufträge mehr, und die bürgerlichen Besteller von Kabinettscheiben konnten die Künstler nicht mehr erhalten. Der Glasmaler Hans Jakob Dünz in Bern wurde 1617 im Nebenberuf Chorweibel, Polizeidiener des Sittengerichts; und als nach dem Dreissigjährigen Krieg der Brauch des Scheibenschenkens wieder aufkam, begnügte man sich an Stelle der farbigen und bemalten mit gewöhnlichen geschliffenen Gläsern. Erst die neueste Zeit sah die Wiederbelebung der alten Kunst, und heutige Meister, vor allem Leo Steck und Paul Zehnder, im Verein mit tüchtigen Handwerksmeistern, haben auf bernischem Boden wieder Werke geschaffen, die sich würdig an die vor der Reformation entstandenen Fenster anschliessen. Wie die Malerei, so erhielt auch das musikalische Leben in Bern durch die Reformation einen tödlichen Stoss. Die Königin der Instrumente, die Orgel, wurde 1528 abgebrochen und gänzlich aus den Kirchen verbannt, der Gottesdienst sollte nur noch aus Gebet und Predigt bestehen, und Cosmas Alder, der Kantor des Chorherrenstiftes und Komponist, übernahm das Amt eines Bauherrenschreibers. Nur vier Spielleute standen noch im Dienst der Stadt und hatten Toröffnung und Torschluss vom Zeitglockenturme aus mit Trompetenklängen zu begleiten, sonntags nach der Predigt auch vom Münsterturm «music zu celebrieren». Vom Jahre 1581 an hatten solche Bläser auf Zinken und Posaunen den Psalmengesang, der 1534 wieder eingeführt worden war, in den Kirchen zu begleiten; aber um 1640 stand es mit ihrer Kunst so schlecht, dass man befürchtete, dass die Musik bei dem Mangel an guten Spielern «gar abstahn möchte». Der Stadttrompeter j. U. Sulzberger wurde jedoch am Ende des Jahrhunderts zum Förderer der Musik; aber erst 1815 kam es zur Gründung der Bernfischen Musikgesellschaft, deren Dirigent eine Zeitlang Edmund von Weber, der Bruder Carl Maria von Webers, war. Im Jahre 1845 wurde die Liedertafel gegründet, und die Stadt hatte das Glück, eine bedeutende Zahl hervorragender ausübender Künstler in ihren Mauern zu beherbergen, und seit hundert Jahren ist keine Kunst so tief in Bern verankert wie gerade die Musik. Um so seltsamer ist es, dass Bern wohl im 16. Jahrhundert mit Manuel einen bedeutenden Maler, im 18. Jahrhundert mit Haller einen bedeutenden Dichter, im 19. Jahrhundert mit Gotthelf und Hodler einen Dichter und einen Maler von europäischer Bedeutung, aber bis ins 20. Jahrhundert keinen Komponisten heranwachsen sah. Unsere Zeit beginnt jedoch aufzuhorchen bei den Werken Willi Burkhards. Von Bernischer Arbeit und Bernischem Wesen Bern ist reicher an Ratsherren als jede andere Stadt; denn drei gesetzgebende und drei vollziehende Behörden haben hier ihren Sitz: die städtischen, die kantonalen und die eidgenössischen. Im Erlacherhof an der Junkerngasse ist die Ratsstube des Gemeinderates; der frühere Stadtpräsident residierte an der Bundesgasse im ehemaligen «Einwohner-Mädchenschulhaus», wo vor 80 Jahren Carl Spitteler und Josef Viktor Widmann unterrichteten; die Amtsräume des gegenwärtigen Präsidenten befinden sich im Polizeigebäude an der Predigergasse, und die städtischen Verwaltungen sind im Erlacherhof, im ehemaligen Waisenhaus und anderswo untergebracht; denn ein städtisches Rathaus gibt es nicht. Die kantonalen Behörden, der Regierungsrat und der Grosse Rat, sind im kantonalen Rathaus daheim, ihre Verwaltungen zur Hauptsache im Stiftsgebäude und im TscharnerHaus am Münsterplatz. Städtische und kantonale Verwaltungen halten sich also besonders an die Münsternähe in der unteren Stadt; hier ist «das bernische Bern» daheim. Die eidgenössischen Behörden dagegen, der Bundesrat, der National- und Ständerat, tagen im Bundeshaus Westbau und im Parlamentsgebäude und haben in den Bundespalästen ihre Verwaltungsbüros. Die heutigen Ratsherren treten nicht mehr so stark hervor wie einst die alten bernischen, die vor der Franzosenzeit jeden Morgen im Münster zur Predigt antraten und dann in feierlichem Zuge zu ihrer Sitzung ins Rathaus hinüber gingen; doch wenn die Räte heute tagen, flattern die Berner Fahne über dem Rathaus und die Schweizer Fahne auf den Kuppeln des Bundespalastes. Einmal im Jahr, am Neujahrsmorgen, werden die Ratsherren aber doch wieder auf der Strasse sichtbar, wenn vor Tausenden von Neugierigen der Gemeinderat und der Regierungsrat, «das bernische Bern», vor allen fremden Botschaften und Gesandtschaften bei dem Parlamentsgebäude vorfahren, um dem Bundesrat, «dem eidgenössischen Bern», ein glückliches neues Jahr zu wünschen. Dann aber weht internationale Luft in der Stadt, wenn nach den bernischen Ratsherren der päpstliche Nuntius und die fünf Dutzend Botschafter und Gesandten aus allen Weltteilen in goldbestickten Diplomatenfräcken auf dem Bundesplatz aussteigen, und der zuschauende Berner merkt plötzlich, dass seine alte Stadt weltweite Beziehungen hat. In gewissem Sinne ist sie sogar zu einer kleinen Welthauptstadt geworden, denn einige internationale Organisationen haben hier ihren Sitz, zum Beispiel der Weltpostverein, das Amt für geistiges Eigentum, die internationale Strafrechts- und Gefängniskommission und das Amt für den internationalen Eisenbahnverkehr. Jeremias Gotthelf hat seinerzeit bedauert, dass Bern zur Bundesstadt aufrückte; er befürchtete, die gute alte Stadt könnte ihren Charakter verlieren. Wirklich ist Bern nicht die stille Stadt geblieben, in der alle einander kannten, wo man wusste, wer im Münster die Predigt besuchte und wer schon in den Ferien war; aber wer wagte zu behaupten, dass es etwas verloren habe? Noch fällt in seine Gassen der Schatten des Münsters, und immer noch rauscht die Aare; noch gibt es alte Patrizierfamilien, die Französisch, und andere alte Berner Familien, die das vornehme Stadtberndeutsch sprechen; nur das Mattenenglisch, die seltsame Sprache aus dem Mattenquartier, verstummt mehr und mehr. Daneben aber wuchs freilich ein neues, grösseres Bern heran; Schweizer aus allen Kantonen sind zugezogen und finden sich in landsmännischen Vereinigungen aller Art; Französisch sprechende Stadtberner gibt es heute so viele wie vor der Franzosenzeit die ganze Stadt Einwohner hatte; begreiflich, dass sie eine französische Schule gründeten. Auch Italienisch sprechende Einwohner sind einige tausend zugewandert;; und neben den drei alten reformierten Kirchen gibt es jetzt mehr als doppelt so viele neue, dazu eine französische, eine englische, eine altkatholische und vier römischkatholische, von deren Mehrzahl man freilich nicht behaupten kann, dass sie das Stadtbild baulich bereicherten. Wenn die Bundesstadt politisch und militärisch im letzten Jahrhundert nicht mehr gleichermassen führend war wie vordem, so hat sie sich auf einem andern Gebiet ins erste Glied gestellt, nämlich mit ihrer Hochschule. Diese Gründung der liberalen Demokratie aus dem Jahre 1834. wuchs unter grossen Schwierigkeiten heran, bis sie um die letzte Jahrhundertwende Weltruhm erlangte. Die Vorlesungen des berühmten Mediziners Theodor Kocher, des Verfassers einer Operationslehre, die in fünf Hauptsprachen übersetzt wurde, sahen unter ihren Hörern Studenten aus der ganzen Welt. An Kochers Seite unterrichtete Hermann Sahli, dessen Lehrbuch der klinischen Untersuchungsmethoden kaum weniger bekannt geworden ist. Gleichzeitig lehrten an der juristischen Fakultät Eugen Huber, der Schöpfer des Schweizerischen Zivilgesetzbuches, das von der Türkei übernommen wurde, und Karl Hilty, der bedeutende Staatsrechtslehrer und Moralphilosoph. Eduard Herzog an der altkatholischen Fakultät, Begründer des schweizerischen Altkatholizismus und erster altkatholischer Bischof, durch den Bern zum Bischofssitz wurde, trug auch dazu bei, die Universität bekannt zu machen. Selbstverständlich gehört zu der von über 3000 Studenten besuchten Universität mit sieben Fakultäten auch der entsprechende Unterbau. Ein städtisches Gymnasium mit über tausend Schülern, ein kantonales Lehrerseminar und ein städtisches Lehrerinnenseminar sind vorhanden, überdies Sekundarschulen für Knaben und Mädchen und zahlreiche Primarschulen in über vierzig Schulhäusern. Es finden sich in Bern auch drei grössere private Schulanstalten, das Freie Gymnasium, das Seminar Muristalden und die Neue Mädchenschule. Diese drei Schulen mit über tausend Schülern aller Stufen wurden vor etwa hundert Jahren von pietistischen Kreisen gegründet, die auch die Träger des grossen bernischen Diakonissenhauses sind, dessen tausend Diakonissen sich der öffentlichen Krankenpflege zur Verfügung stellen. Die bernische Schulpflicht dauert im Gegensatz zu den andern Kantonen, die einen sechs- bis achtjährigen Schulbesuch verlangen, neun Jahre. Man wird nicht behaupten, dass der Berner besser geschult sei als die übrigen Schweizer; boshafte Zungen werden im Gegenteil finden, bei seiner Langsamkeit sei es nötig, dass er neun Jahre zur Schule gehe und dass seine Sekundarschule fünf Klassen statt zweier oder dreier wie anderswo umfasse. Was sich jedoch nicht bestreiten lässt, ist, dass der Berner Bauer im wohlhabendsten Bauernhause der Welt wohnt, dass der Berner Gasthof vor allen andern berühmt geworden ist und dass die gute bernische Wirtschaftslage vielleicht doch irgendwie von der Schule abhängt. Der Erziehungsdirektor und grosse Förderer des bernischen Schulwesens, der jurassische Regierungsrat Gobat, zugleich ein Pionier der Friedensbewegung, erhielt 1902 mit seinem Freunde Ducommun, dem Sekretär des internationalen Friedensbüros, den Nobelpreis. Die Erteilung des Nobelpreises für Medizin im Jahre 1910 an Theodor Kocher war ebenfalls eine Ehrung Berns und seines Unterrichtswesens. Eine Bildungsgelegenheit ungewöhnlichen Ranges sind für Bern seine vielgestaltigen Museen. Man ist in der Schweiz nicht mehr überrascht, in kleinen Städten bedeutende Museen zu finden; das grossartigste Beispiel hierzu bietet Schaffhausen, dessen Sammlungen im Kloster zu Allerheiligen nicht nur im Verhältnis zur Grösse der Stadt ganz ungewöhnlich sind. Das Historische Museum in Bern aber birgt Schätze, die den Vergleich mit den grossen Sammlungen der Weltstädte aufnehmen dürfen. Wegweisend im bernischen Naturhistorischen Museum ist die Aufstellung der schweizerischen und der afrikanischen Tierwelt. Es wird kaum ein anderes Museum geben, das Eindrücke von solcher überwältigender Schönheit zu bieten hat. Im Museumsviertel am Südende der Kirchenfeldbrücke finden sich ausser diesen beiden grossen Museen noch das Alpine Museum, das Postmuseum, die Schulwarte und die Kunsthalle. Das Kunstmuseum, das dritte grosse bernische Museum, mit einem reichen Besitz an neuerer Schweizer Kunst (Karl Stauffer, Albert Anker, Ferdinand Hodler) liegt in der Altstadt. An dieser Stelle ist auch an die beiden grossen bernischen Bibliotheken zu erinnern, an die Stadt- und Hochschulbibliothek, mit den Schätzen der berühmten Handschriften- und Inkunabelnsammlung des französischen Humanisten Jacob Bongars (1554-1612), und an die rasch anwachsende Schweizerische Landesbibliothek. Eine Bildungs- und Vergnügungsstätte eigener Art, das Ziel unzähliger Schulreisen, besitzt Bern in seinem Bärengraben. Schon zur Zeit der Burgunderkriege wurden Bären in Bern gehalten; erstmals im Jahre 1549 wird ein Bärengraben vor dem Käfigturm genannt. Die Bären stammten meist aus den waldreichen waadtländischen Vogteien, besonders aus Romainmôtier. Im Jahre 1798 liess General Brune, der eindringende Sieger, die drei vorhandenen Bären nach Paris wegführen, und der Graben blieb zum Leidwesen der Berner zwölf Jahre leer. Dann aber schenkte ein bernischer Burger der Stadt zwei savoyische Bären, und kurz bevor die Eisenbahn nach Bern kam und der Graben nach der Landseite der Nydeckbrücke verlegt werden musste, lieferte der Jardin des Plantes in Paris ein weiteres Paar. Zu verschiedenen Malen gab es neuen Zuwachs, meist aus dem Osten, von Livland, Siebenbürgen, Russland und Kamtschatka, so dass der heutige Bärenbestand einen sehr östlichen Einschlag hat. Wie in früheren Jahrhunderten werden die Bären auch jetzt noch vegetarisch mit Brot und Rübli gefüttert. Der dreiteilige, mit Klettertannen versehene Graben weist meist gegen ein Dutzend der drolligen Wappentiere auf, einmal, vor dem Ersten Weltkriege, waren gar 24 Bären gleichzeitig vorhanden. Der Graben ist das Stelldichein von Tausenden geworden. Schon Felix Platter erzählt von seinem Besuche des Bärengrabens, James Fenimore Cooper wie Alexander Dumas besuchten ihn, Albert Einstein und Lenin sahen sich in ihrer Bernerzeit den Bärengraben an, und königliche Hoheiten aus aller Welt beehrten ihn mit ihrem Erscheinen, der König von Siam wie der deutsche Kaiser. Dann und wann ereignete sich auch ein Unglück, wenn ein Unvorsichtiger in den Graben stürzte, aber das erhöht nur den geheimnisvollen Zauber dieses Ortes, und der Bärengraben mit seinen Wappentieren ist nicht mehr von Bern wegzudenken. Eine wundervolle Ergänzung dazu ist der neue Tierpark im Dählhölzli, der hauptsächlich schweizerische Wildtiere in schönen Gehegen aufweist; aber auch Elch und Bison werden hier gezogen, und in reichen Aquarien und Vivarien werden seltene Tiere fremder Länder und Meere vorgezeigt. Dieser Tiergarten im Stadtwald am rauschenden, kühlen Fluss ist eine wirkliche Erholungsstätte geworden für alle Naturfreunde in der grossen Stadt. Jedem Besucher Berns müssen die zahlreichen Verwaltungs- und Schulgebäude auffallen, deshalb ist es begreiflich, dass die Meinung aufkam, Bern sei eine richtige Beamten- und Schulstadt, krisenfest, aber ein wenig vornehm und verschlafen. Die Wahrheit aber lautet anders: In den öffentlichen Verwaltungen und den gelehrten Berufen arbeitet nur ein Achtel aller Erwerbstätigen, in den Verkehrseinrichtungen ein weiteres Achtel. Banken, Handel und Gastwirtschaft geben zwei Achteln Beschäftigung, drei Achtel dagegen sind in Industrie und Handwerk beschäftigt, der Rest verteilt sich auf verschiedene Berufe. Dass aber Bern ganz und gar nicht den Eindruck einer Industriestadt macht, trotzdem es so viele Fabrikarbeiter zählt wie etwa Genf, rührt daher, dass wenig Grossbetriebe vorhanden sind und sich die zahlreichen Klein- und Mittelbetriebe auf alle Quartiere verteilen; selbst das vornehme Kirchenfeld ist nicht ganz ohne Gewerbe. Daneben entwickelte sich auch ein blühendes Verlagswesen. Diese Aufteilung der Industrie in die Wohnquartiere mag mit der sprichwörtlichen bernischen Ruhe mitgeholfen haben, dass sich in Bern nicht Arbeiterquartiere und Bürgerviertel feindlich gegenüberstehen und dass nur ein einziges Mal von Aufständischen das Strassenpflaster aufgerissen wurde; das war im Käfigturmkrawall des Jahres 1893, als die «Gründerzeit» noch nicht begriffen hatte, dass man mit billigen ausländischen Arbeitskräften die eigenen Landeskinder nicht zurückstellen und sie nicht hungern lassen darf. Sonst aber haben sich hier die Parteien besser verstanden als anderswo, so dass in Bern die erste Arbeitslosenversicherung gegründet wurde und dass der bernische Arbeitersekretär Dr. h. c. Konrad Ilg mit Dr. h. c. Ernst Dübi, dem Generaldirektor der von Rollschen Eisenwerke in Gerlafingen, den ersten Gesamtarbeitsvertrag ausarbeiten konnte. Dieser wurde richtunggebend für die gesamte schweizerische Industrie. Die bernische Verkehrslage ist von Natur aus eigentlich nicht besonders günstig. Die Aare ist kein Verkehrsweg, eher ein Hindernis. Die grosse Verkehrsader von Genf nach dem Rhein ging schon zur römischen Zeit dem Jurafuss entlang, und als die Eisenbahnen kamen, sollte die grosse Linie von Zürich nach Genf der schwierigen Aare- und Saaneübergänge wegen über Solothurn, Lyss, Murten und Payerne den Genfersee erreichen, und noch schlimmer stand es um die Nord-Süd-Richtung. Die Berner Alpen boten keinen Übergang, und hätten sie einen gehabt, so wäre dahinter erst noch ein Durchstich durch die Walliser Alpen nötig gewesen. Die Stadt hat aber den Verkehr mit starker Hand an sich gezogen. Im 18. Jahrhundert baute sich Bern ein vorbildliches Strassennetz, dessen teilweise noch erhaltenen Stundensteine die Entfernung von der Hauptstadt anzeigten. Die von Bern ausgehenden Strassen wurden zu prächtigen Ulmen- und Eschenalleen ausgebaut, freilich nicht nur, um die Zufahrt zur Stadt auszuzeichnen, sondern, um das Holz der angepflanzten Bäume zu militärischen Zwecken zu verwenden; das Eschenholz gab Geschützlafetten, und die Ulmenholzkohle diente zur Herstellung des Pulvers. Im Jahre 1857 bekam Bern die erste Eisenbahn, die vorläufig nur bis ins Wylerfeld fuhr. Statt einer gehen heute acht Normal- und drei Schmalspurbahnlinien von Bern aus, und statt der zwanzig Züge vor neunzig Jahren sind es heute über 500, die täglich aus- und einfahren, und Lötschberg und Simplon sind durchstochen. Der Bahnhof Bern wird im Personenverkehr nur von Zürich übertroffen; die längst nicht mehr genügende Bahnhofanlage wird jetzt endlich grosszügig umgebaut. Die Stadt zählt heute rund 170'000, mit den Vororten über 200'000 Einwohner und steht damit nach Zürich und Basel und vor Genf und Lausanne an dritter Stelle unter den schweizerischen Grossstädten. Der Berner wird von seinen Miteidgenossen seiner Bedächtigkeit wegen oft geneckt, an ihm wird der Unmut über alle von Bern kommenden Verfügungen ausgelassen. Er erträgt dies mit Ruhe und kann es um so eher, als ungefähr jeder fünfte Schweizer immer ein Berner ist. Bern ist so etwas wie eine Brücke zwischen germanischer und romanischer Schweiz. Als Brückenstadt zur Bezwingung welschen Gebietes wurde es einst gebaut; als Brücke und Vermittlerin deutschen und französischen Wesens hat es sich heute entwickelt. Es hat zielbewusst zur Erlangung natürlicher Grenzen auf die Angliederung der Westschweiz hin gearbeitet; es hat in der Südwestecke des deutschen Sprachgebietes die französische Sprache von jeher gepflegt und in seine Mundart viele französische Formen aufgenommen, seine Oberschicht sogar zweisprachig werden lassen, damit die Verbindung mit der Westschweiz gesichert sei. Der Schultheiss Thüring von Ringoltingen übersetzte «Die schöne Melusine» schon im 15. Jahrhundert aus dem Französischen ins Deutsche. Ein Vermittler deutscher Poesie im Welschland war auch der Landvogt von Aubonne, Vinzenz Bernhard von Tscharner, Hallers Treund. Bedeutender noch wurde der Landvogt Karl Viktor von Bonstetten in Nyon. Er trat in Verkehr mit Johannes von Müller und empfing in seinem Schloss die Madame de Staël. Im 19. Jahrhundert übernimmt die bernische Hochschule neben dem Berndeutsch und Französisch sprechenden Grossen Rat die Vermittlertätigkeit zwischen Deutsch und Welsch, und heute lernt die bernische Schuljugend der Mittelschulen vom fünften Schuljahre an die französische Sprache, die Schulentlassenen ziehen nach Ostern freudenvoll in ihr Welschlandjahr an den Neuenburger- oder Genfersee, und alle werden später zu kräftigen Trägern an der Brücke zwischen dem Osten und dem Westen. Heute noch trifft gelegentlich zu, was der bernische Redaktor Ernst Schürch erzählte: Als im Jahre 1848 ein waadtländischer Nationalrat von der ersten Session nach Hause zurückkehrte und ihn seine Frau fragte, wie es gegangen sei, habe er geantwortet: On peut causer avec les Bernois, mais pas avec les Orientaux! Eine nicht zu unterschätzende Rolle in dieser Völkerverbindung spielt selbst der bernische Markt. Ist der reichbeschickte Markt vor dem Parlamentsgebäude schon an sich ein bezeichnendes Bild aus dem Volksleben, so wird er noch interessanter durch die Tatsache, dass die welschen Bauern aus dem Wistenlach, dem Land zwischen Murten- und Neuenburgersee, den Markt mit ihren Produkten und ihrer französischen Sprache bereichern. Am grössten Markttag, dem Zibelemärit am letzten Montag im November, beherrschen sie mit ihren Zwiebeln und Wintergemüsen das Marktbild, ja sie bringen es dazu, dass an diesem halben Festtag die bedächtige Stadt aus sich heraustritt und welsche Lebhaftigkeit - man glaubt sich fast an die Genfer Escalade-Feier versetzt - durch die bernischen Gassen wogt. Das alte Bern war eine stille Stadt, die in allem Mass hielt. Nach der Reformation liebte das Patriziat nicht, dass Unruhe durch die Gassen brandete, nur am Ostermontag durften Metzger- und Küfergesellen nach altem handwerklichem Brauch ihre Spiele feiern; aber strenge Mandate verboten jeden Freudenüberschwall. Heute aber scheint es beinahe, die Stadt müsse sich schadlos halten für die zu ruhigen alten Zeiten. Wenn ein Fest gefeiert wird, ein eidgenössischer Gedenktag, ein eidgenössisches Turner-, Sänger- oder Schützenfest, dann flattern tausend Fahnen; es leuchten die Geranien von zehntausend Fenstern; es klingt die Marschmusik begeisternd durch die Gassen; es glänzen hunderttausend Augen. Aber noch bei einer andern Gelegenheit leuchten des Berners Augen auf, wird der sonst so zurückhaltende Bürger mitteilsamer und zugänglicher, nämlich dann, wenn er einem Freunde vom Gurten aus, seinem Berge, die schöne Stadt zeigt. Der Blick von dort oben ist zu allen Zeiten überwältigend: Im Frühling, wenn die Stadt die weissen und roten Kerzen der Kastanienbäume glühen lässt und der duftende Flieder über alle südseitigen Gartenmauern quillt, im Sommer, wenn die warme Stadt eingebettet liegt in das weite, von Wiesen und Getreidefeldern grün und gelb gemusterte Land, im Herbst, wenn der graue Sandstein des Münsters unter der blassen Sonne wie weisser Marmor leuchtet, oder im Winter, wenn der Nebel aus den Wäldern aufsteigt und das Land im Nebelmeer versinkt. Manche schwere Erinnerung haftet an der alten Stadt. Es ist hier auch nicht immer alles glücklich gewesen, was angeordnet worden ist; man hat vor mehr als einem halben Jahrtausend die Juden verfolgt und vor dreihundert Jahren Bauern und Täufer eingetürmt, und wenn sich in diesen Gassen eine ungewöhnliche Begabung zeigte, so ging es auch hier nach dem Sprichwort vom Propheten, der nichts gilt in seinem Vaterland. Haller und Gotthelf, Widmann und Stauffer wie auch Hodler mussten es schmerzlich erfahren. Aber wie der Münsterturm und der Bundespalast mächtig über das Häusermeer emporragen, so steigt auch ein Gedanke beim Anblick der schönen Stadt gewaltig über alle anderen empor und verdrängt sie: Da unten ist unser Regierungssitz, von hier aus wurde unser Land seit hundert Jahren von ebenso gewissenhaften wie auch glückhaften Ratsherren kraftvoll durch alle Gefahren hindurchgesteuert, und dankbar und vertrauend dürfen wir deshalb in die Zukunft schauen. Dr. Walter Laedrach Bern - Die Bundesstadt Vierte, von Dr. Werner Juker überarbeitete Auflage Verlag Paul Haupt Bern 1963 ![]() |