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Bern - die Hauptstadt mit Charme

Die Stadt Bern im 19. Jahrhundert

Noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts war die spätmittelalterliche Grundstruktur der Stadt Bern intakt. Zwischen 1500 und 1800 hatte sich zwar die Bevölkerung der Stadt verdoppelt, so dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit einer Einwohnerzahl von 12000 gerechnet werden kann, die Zahl der Häuser aber war nur geringfügig gestiegen. Im ausgehenden 18. Jahrhundert wird die Zahl der Häuser in der Stadt Bern mit 1100 angegeben.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts kam es auch in Bern zum rapiden Ausbau der Stadt. In einem Jahrhundert versiebenfachte sich die Einwohnerzahl und verfünffachte sich die Zahl der Häuser. Beide Entwicklungen verliefen aber nicht parallel. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts nahm die Bevölkerung rasch zu, nicht aber die Zahl der Häuser. So finden wir um die Mitte des Jahrhunderts eine sehr dicht besiedelte Stadt, deren Äusseres aber noch immer den althergebrachten Charakter hatte bewahren können. Der Bau der Nydeggbrücke (eröffnet 1844) hatte zwar den Zugang zur Stadt erleichtert, nicht aber deren Grundstrukturen verändert. Wie bisher bildete die Stadt unterhalb des Zeitglockenturmes das administrative und kommerzielle Zentrum.

Viel tiefgreifender wirkten sich in den fünfziger Jahren der Bau der Eisenbahn und die Plazierung des Bahnhofes bei der Heiliggeistkirche aus. Innerhalb von wenigen Jahren verlagerte sich das Geschäftszentrum von der unteren in die obere Stadt. Anhand der Bodenpreise lässt sich deutlich zeigen, dass nun die Spitalgasse und die Marktgasse der altehrwürdigen Kramgasse den Rang abgelaufen hatten. Die begehrtesten Grundstücke standen in der Nähe des neuen Bahnhofes, der die Geschäftswelt anzog. In diesem Zusammenhang bekommt der Umzug der Hauptpost von der Kramgasse an das Bollwerk im Jahre 1861 geradezu symbolischen Charakter.

Diese Gewichtsverschiebung innerhalb der alten Stadtanlage stand am Anfang der völligen Umgestaltung Berns, die sich in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg vollzog. Nun begann die Stadt auch ihre bisherigen Rahmen zu sprengen. Neue Häuser entlang den Ausfallstrassen waren zwar schon in der ersten Hälfte des Jahrhunderts entstanden, doch nun nahm der Ausbau der Stadt ganz neue Dimensionen an. Die Baudaten einiger Schulhäuser mögen die Expansion illustrieren.

Das Länggassschulhaus wurde 1860, das Breitenrainschulhaus 1867, das Sulgenbachschulhaus 1870, das Lorraineschulhaus 1880 fertiggestellt. Diese Auswahl mag veranschaulichen, wie in wenigen Jahrzehnten nach allen Himmelsrichtungen hin neue Quartiere entstanden. Dadurch entstanden ganz neue Phänomene im städtischen Leben. Bisher war in Bern alles auf relativ kleinem Raum vereint gewesen; Wohnorte, Arbeitsorte und Vergnügungsorte lagen dicht beieinander. Die Erweiterung der Siedlungsfläche brachte nun eine teilweise Trennung der verschiedenen städtischen Funktionen. Die Trennung in verschiedene Zonen wurde in Bern nie vollständig erreicht; die untere Altstadt blieb bis in die Zwischenkriegszeit dicht besiedelt, und auch in den Aussenquartieren finden wir vereinzelt zentrale Verwaltungen, so die Eidgenössische Alkoholverwaltung in der Länggasse oder das Bundesarchiv im Kirchenfeld. Die Tendenz aber, die verschiedenen Funktionen einer Stadt auch räumlich zu trennen, wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer deutlicher. Die Innenstadt blieb Geschäfts- und Verwaltungszentrum; ebenso drängten sich hier die meisten kulturellen und geselligen Institutionen der Stadt. Neue Wohnungen aber und Industrieanlagen entstanden davon entfernt in den Aussenquartieren.

Als erstes fällt in diesem Zusammenhang die Erweiterung der Verkehrswege und die Einführung neuer Verkehrsmittel ins Auge. Zwischen 1850 und 1900 verdoppelte sich die Strassenfläche der Stadt Bern von 77 auf über 155 Hektaren.

Neue Brücken erschlossen die Quartiere im Norden und Süden. Die Eisenbahnbrücke (eröffnet 1858) erleichterte die dichte Besiedelung der Lorraine, die Kirchenfeldbrücke (eröffnet 1883) und die Kornhausbrücke (eröffnet 1898) führten von Norden und Süden direkt ins Herz der Altstadt. Hatte die Nydeggbrücke nur die schon bestehenden Verkehrsachsen verstärkt, so setzten die neuen Brücken der zweiten Jahrhunderthälfte völlig neue Schwerpunkte der Verkehrsentwicklung. In dieser erweiterten Stadt entstand natürlich das Bedürfnis nach öffentlichen Verkehrsmitteln. Droschken standen seit 1858 zur Verfügung des Publikums; ein Pferdeomnibus verband 1885 den Bärengraben mit dem Bahnhof, und im gleichen Jahr wurde die Marzilibahn eröffnet. Ab 1890 begann der Ausbau des Strassenbahnnetzes, zuerst mit Druckluft- und Dampfantrieb, ab 1901 mit elektrischem Antrieb.

Immer mehr wurde die Altstadt zum Geschäfts-, Verwaltungs- und Vergnügungszentrum. Die intensive Nutzung des knappen Platzes in der Innenstadt begann. Öffentliche Komplexe mit grossem Platzbedarf, die nicht unbedingt im Stadtzentrum stehen mussten, wurden an die Peripherie verlegt. Der Friedhof wurde 1865 vom Monbijou an den Bremgartenwald verlegt, die Kaserne, das Zeughaus und ein Teil der Militärverwaltung 1878 auf das Breitfeld und 1884 das Inselspital auf die Kreuzmatte, den heutigen Standort.

Die zentralen Funktionen, die sich nun in der Innenstadt konzentriert sahen, verlangten entsprechende bauliche Veränderungen. Geschäftshäuser, Banken, Theater und Museen entstanden in der Innenstadt und prägten ihren Charakter. Hans Bloesch hat diesen Wandel in knappen Worten folgendermassen umschrieben: «Fast unmerklich verschwand das alte Bern, Stück um Stück wurden die alten Bausteine abgetragen und andere eingefügt an ihrer Stelle, so dass wohl der Grundplan und der Gesamteindruck blieben, das einzelne aber sich wandelte, um den Forderungen zu entsprechen, die ein neues Menschengeschlecht an seine Umgebung stellte.»

Für den Touristen blieb die Stadt mehr oder weniger unverändert. Die Altstadt, die Sehenswürdigkeiten waren die gleichen wie hundert Jahre zuvor. Einige wenige neue waren hinzugekommen: das Bundeshaus, die Schanzen als öffentliche Pärke, die Museen.

Wer aber in Bern wohnte, sah sich mit ganz anderen Verhältnissen konfrontiert. Die Altstadt war für ihn in erster Linie der Ort der Geschäfte, der Verwaltung und der kulturellen Institutionen. Seinen Wohnraum aber bildete nun vermehrt das Quartier. In allen Teilen der Stadt entstanden in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts Quartierleiste, die sich den spezifischen Fragen der Quartiere zuwandten. Die markanten Gebäude in den Quartieren - zum Beispiel Schulen oder Kirchen - wurden zu Bezugspunkten des täglichen Lebens. Kein fremder Tourist versandte Ansichtskarten von Schulen oder Mietshäusern in den Quartieren; für den Quartierbewohner aber waren diese Ansichten eine Möglichkeit der Identifikation mit seinem Lebensraum.

Die Stadt - und im besonderen die Innenstadt - musste gewappnet sein, grosse Menschenmengen auf relativ kleinem Raum versammeln zu können. Die grossen Festumzüge waren Schauspiele für Zehntausende von Zuschauern. Das Fest zum 700-jährigen Bestehen der Stadt 1891 sprengte das bisher Erlebte. Im Kirchenfeld entstand ein Festspielgelände, auf dem jeweils 20000 Personen einer Aufführung beiwohnen konnten. Die Festhütte fasste über 10000 Personen, und in drei Tagen beförderten die Eisenbahnen über 200000 Personen von und nach Bern.

Noch gigantischer waren die Menschenmassen, die 1914 an die Landesausstellung strömten. In den Sommermonaten vor dem Kriegsausbruch wurden pro Monat um die 800000 Besucher gezählt. An Spitzentagen zogen über 60000 Personen auf das Berner Ausstellungsgelände.

Die Stadt erfüllte zentrale Funktionen für die Region, den Kanton und nicht zuletzt für die Eidgenossenschaft. Im Herzen der Stadt bedurfte es einer Infrastruktur, die es ermöglichte, jederzeit grosse Versammlungen und Manifestationen durchzuführen. So entstanden in der Zeit nach 1860 an verschiedenen Orten der Stadt grosse Säle, die für diese zentralen Aufgaben notwendig geworden waren.

Neben das Hôtel de Musique, das ab 1838 als Theater diente, und das 1820/21 erbaute alte Casino trat 1869 das Gesellschaftshaus Museum mit einem grossen Konzertsaal (heute der Sitz der Kantonalbank am Bundesplatz). Das Stadttheater wurde im Jahre 1903 eröffnet, das heutige Casino 1908. Weitere grosse Gesellschaftshäuser mit entsprechenden Theater- und Versammlungssälen folgten: 1912 wurden das Bürgerhaus und das Hotel National fertiggestellt, 1914 das Volkshaus und der Kursaal Schänzli. So entstand die notwendige Infrastruktur, um Tausende von Menschen zu empfangen und zu bewirten. Die Stadt wurde zur Kulisse von Demonstrationen und Festen, von Kongressen, Versammlungen und Umzügen.

Auch das Geschäftsleben passte sich den modernen Lebensgewohnheiten an. Während Jahrhunderten war die Messe, die zweimal jährlich stattfand, der kommerzielle Höhepunkt des städtischen Lebens gewesen.

Die ganze Stadt war in diesen wenigen Wochen ein einziger grosser Markt. Im ausgehenden 19. Jahrhundert ersetzten die Warenhäuser die Messe in immer stärkerem Ausmass. In den Warenhäusern fanden die Berner das ganze Jahr hindurch, was sie früher nur zur Messezeit hatten finden können. Der Gang in die Innenstadt, um seine Besorgungen zu erledigen, wurde zur alltäglichen Gewohnheit. Das erste grosse Warenhaus - das Warenhaus Loeb - wurde 1899 eröffnet. Es ist bezeichnend für die Verlagerung des kommerziellen Zentrums in die obere Altstadt, dass kein Warenhaus unterhalb des Zeitglockenturmes entstand. Die Messe verlor immer mehr Ihre ursprüngliche Bedeutung und lebt heute nur noch - unter völlig veränderten Bedingungen - im Zibelemärit weiter.

Um die Jahrhundertwende wurden jene Weichen gestellt, die zur uns heute vertrauten Situation geführt haben; Warenhäuser, Spezialgeschäfte, Büros, Gaststätten und kulturelle Institutionen drängen sich im Stadtzentrum und halten den unaufhörlichen Verkehrsstrom zwischen Altstadt und Peripherie im Gange.

Die entscheidenden Etappen auf dem Weg zur modernen Stadt mit klar unterschiedenen Lebensräumen, mit einem Zentrum und darum herum gruppierten Aussenquartieren, wurden in den Jahrzehnten zwischen dem ausgehenden 19. Jahrhundert und dem Ersten Weltkrieg zurückgelegt. Hatte die rasante Bevölkerungsentwicklung im frühen 19. Jahrhundert das äussere Erscheinungbild der Stadt und ihre Funktionsabläufe nur wenig tangiert, so veränderte sich Bern um die Jahrhundertwende für alle sichtbar. Die grosse Zahl von Memoiren, die sich mit diesem Wandel beschäftigen und welche die «gute alte Zeit» heraufbeschwören, weist darauf hin, dass der Strukturwandel der Stadt auch tiefgreifende Veränderungen im Bewusstsein der damaligen Menschen nach sich zog.

Die Frage nach der stadtbernischen Identität stellte sich nun unter völlig veränderten Gesichtspunkten. Für viele damalige Berner bedeutete der Wandel einen Verlust eines Teils der eigenen Identität; in den schriftlichen Memoiren, aber auch in den alten Fotografien sollte wenigstens die Erinnerung an die alte Stadt Bern erhalten bleiben.

Dr. François de Capitani
Vorwort zum Bildband Bern im Wandel
Die Stadt in alten Fotografien von Anne-Marie Biland
Grafino Verlag Bern
ISBN 3-7280-5379-1



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