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Bern - die Hauptstadt mit Charme Wandel im Detailhandel seit 1945 Parallel zum Wachstum der Grossverteiler fand nach 1945 ein Ladensterben in den Quartieren statt. Die Zahl der Lebensmittelgeschäfte ging stark zurück, doch die gesamte Verkaufsfläche blieb vermutlich stabil, da mit der Verbreitung des Autos als Verkehrsmittel Einkaufszentren die Läden an der Ecke ablösten. In der Innenstadt fand in den letzten Jahrzehnten ebenfalls ein grosser Strukturwandel statt. Ein wichtiges Merkmal dafür ist seit den 1970er Jahren die «Textilisierung» in der oberen Altstadt, indem sich hier immer mehr Kleidergeschäfte ansiedelten. Gleichzeitig wurde die Einkaufsmeile in der Altstadt internationaler, weil Filialen von Konzernen zunehmend alteingesessene Firmen verdrängten. Schliesslich fand eine Polarisierung statt: Die grossen Kaufhäuser und kleinen Spezialgeschäfte dehnten sich aus; das Nachsehen hatten Läden mit einem mittleren Flächenbedarf. In der unteren Altstadt schlossen die meisten Lebensmittelläden, dafür machten sich der Antiquitätenhandel und kleine Spezialgeschäfte breit. Zwischen 1975 und 1990 verschwanden über 40 Prozent der Läden aus dem Stadtbild, neue Geschäfte ersetzten sie. Diese grosse Fluktuation im Detailhandel ist jedoch nichts Neues, sondern mindestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine Konstante dieser Branche.131 Eine der bedeutendsten Firmen mit Geschäftssitz in der Stadt Bern ist die Valora, die bis 1986 Merkur hiess. 1905 gründete der Berner Kaufmann Hans Rooschüz (1865-1919) mit Partnern in Olten die Aktiengesellschaft Merkur, um Schokolade, Kaffee und Tee zu verkaufen. Bereits ein Jahr später zählte das Unternehmen über 80 Verkaufsstellen in der ganzen Schweiz. 1908 verlegte die Firma ihren Sitz nach Bern. 1959 eröffnete sie in der Zeitglockenlaube das erste Merkur-Restaurant der Schweiz. 1961 erreichte die Zahl der Merkur-Läden mit knapp 200 Filialen ihren Höhepunkt. 1974-1999, unter der Führung ihres Verwaltungsratspräsidenten Georg Krneta (geboren 1932) expandierte Merkur stark. 1980 besass die Firma 37 Supermärkte, 110 Läden und 14 Restaurants. Das Wachstum der Valora in den letzen 20 Jahren basierte darauf, dass sie andere Firmen übernahm und ins Ausland expandierte. Heute erzielt sie über einen Viertel des Umsatzes in verschiedenen europäischen Ländern. Der Konzern verfügt über eine starke Marktposition im Bereich Kioskwaren und im Grosshandel. Mit knapp 9000 Beschäftigten gehört er zu den Grossen der Schweizer Wirtschaft. 132 Der Handel spielte in beiden Jahrhunderten eine wichtige Rolle auf dem Arbeitsmarkt der Stadt Bern. 1856 arbeiteten sechs Prozent der Erwerbstätigen in Handelsberufen. Darin nicht eingerechnet waren die zahlreichen Dienstbotinnen, die im bernischen Detailhandel als Ladentöchter wirkten. Vor dem Ersten Weltkrieg waren rund elf Prozent der Berufstätigen Berns im Handelssektor tätig. Dieser Wert war typisch für eine Stadt von der Grösse Berns.133 Im Verlauf des 20. Jahrhunderts nahmen die Arbeitsplätze im Handel stark zu und erreichten 1970 ihren Höhepunkt mit 15 Prozent der Beschäftigten. Danach ging dieser Wert wieder auf rund zwölf Prozent zurück, da die Stadtbevölkerung zunehmend in die Vororte abwanderte, wo auch grosse Einkaufszentren entstanden.134 131 Lüthi/Meier (Hg.) 1998, 92-96; NZZ, 31.1./1.2.1981, 35; Berner Nachrichten, 13.12.1977, 11; eigene Auswertung der Adressbücher der Stadt Bern, 1859, 1875, 1888, 1910; siehe S. 54. Zum Ladensterben: Fritzsche et al. 1994, 378-380. 132 Merkur 1955; Baur/Amrein 1990; Handelszeitung 2001, 19. 133 Spiekermann 1999, 713. 134 Zahlen gemäss Volkszählungen 1856, 1888-1990, Eidg. Betriebszählung 1998. Christian Lüthi Bern - die Geschichte der Stadt im 19. Und 20. Jahrhundert Stämpfli Verlag AG Bern 2003 ISBN 3-7272-1271-3 Nachstehend weitere Artikel aus obengenanntem Buch in diesem Zusammenhang (übrigens sehr empfehlenswert, viele interessante Bereiche und tollo Fotos - ein Muss für Berner und Heimwehberner) Vielfältige Dienstleistungen - eine Stärke der Stadt Dienstbotinnen: fleissige Frauen in bürgerlichen Haushalten Märkte, Messen, Läden Warenhäuser: Das Einkaufen wird zum Erlebnis Wandel im Detailhandel seit 1945 Der Bankenplatz Bern gerät in den Schatten Zürichs Versicherungen etablieren sich Gesundheitswesen: Bern wird zur Spitalstadt Öffentliche Verwaltung: Das Klischee von der Beamtenstadt Die Verwaltung im Stadtbild ![]() |