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Bern - die Hauptstadt mit Charme Bern 1910-1920: Chronologie künstlerischer und historischer Ereignisse 1910 1911 1912 1913 1914 1915 1916 1917 1918 1919 1920 1910 Albert Anker, einer der populärsten Schweizer Künstler schon zu Lebzeiten, stirbt am 16. Juli 1910 in Ins. Im Kunstmuseum Bern findet im folgenden Jahr eine grosse Gedächtnisausstellung statt. Im April wird das Zürcher Kunsthaus eröffnet. Leiter ist der junge, neuen Kunsttendenzen gegenüber besonders aufgeschlossene Wilhelm Wartmann, dessen Ziel es ist, «vor allem die damals in vollem Glanz stehende Schweizer Schule der unmittelbaren Gegenwart, unter Berner Führung», die Maler um Hodler, Amiet, Buri und Rodo de Niederhäusern zu möglichst «weit reichender Geltung zu bringen». Zu den eingeladenen Künstlern der Eröffnungsausstellung (17.April bis 3. Juli) gehören Amiet, Boss, Buri, Cardinaux, Haller, Hodler, Kreidolf, Karl Walser und Welti. Louis Moilliet kehrt Ende April von einem längeren Aufenthalt in Tunis wieder in die Schweiz zurück. Im Sommer besucht er August Macke, den er 1909 in Bern kennengelernt hat und mit dem er seither befreundet ist, in Tegernsee. Moilliet heiratet im Herbst die Pianistin Hélène Gobat. Sie übersiedeln für mehrere Jahre an den Thunersee, wo sie abwechselnd in Gunten und in Oberhofen wohnen. Paul Klee hält sich vom 16. Juli bis Ende November in Bern auf. Hier findet im August im Kunstmuseum Bern die erste grössere Ausstellung Klees (56 Aquarelle und Zeichnungen) statt (anschliessend im Kunsthaus Zürich, in Winterthur und in der Kunsthalle Basel). Klee schreibt im Tagebuch: «Ich mache meine erste Kollektivausstellung in der Schweiz, weil ich dort mehr auf Absatz hoffe und durch die Verhältnisse schon etwas bekannt bin.» (Tagebuch, 880.) Ferdinand Hodler wird zum Ehrendoktor der Universität Basel ernannt. Einer intensiven Nachfrage folgend, malt Hodler den «Mäher» und den «Holzfäller» in mehreren Fassungen (Monumentalfassung Farbabb. 5.24), die zu den eindrücklichsten Darstellungen von Bauer und Arbeiter in der europäischen Malerei gehören. Die Bilder werden im folgenden zu Identifikationsträgern des ganzen Schweizervolkes, nicht zuletzt, weil sie ab 1912 in Form von neuen Banknoten (50 Franken mit dem «Holzfäller», 100 Franken mit dem «Mäher») in Umlauf kommen. Im Sommer weilt Hodler verschiedentlich im Berner Oberland, wo er unter anderem den Niesen und das Stockhorn malt. Die Zürcher Kunstgesellschaft beauftragt Hodler mit einem Wandbild im neu erbauten Kunsthaus («Blick in die Unendlichkeit»). Der Bund vergibt zum ersten Mal Stipendien zur Förderung von Studien an Schweizer Künstler. Im Herbst kauft der Bund auf Vorschlag der eidgenössischen Kunstkommission ein «Holzfäller»-Bild von Hodler und eine Skulptur von Rodo de Niederhäusern. Im Sommer findet in Interlaken die «zweite Internationale Kunstausstellung der Schweiz» statt. Treibende Kräfte für das Zustandekommen dieser Ausstellung (erstmals 1909 in Interlaken) sind die Malerfreunde Buri, Hodler und Rodo de Niederhäusern. C. A. Loosli, der Zentralsekretär der GSMBA, ist Ausstellungskommissär. Die Ausstellung wird vor allem durch die Teilnahme von Hodler, Buri, Amiet und Auberjonois bedeutsam, im übrigen aber von einheimischen Malern dominiert. Cuno Amiet beteiligt sich an Ausstellungen der Berliner Sezession und der Leipziger Sezession (als «Brücke»-Mitglied). Er stellt mit der «Brücke» in der Galerie Arnold in Dresden aus. Amiet erhält den Auftrag zur Ausschmückung der Loggia des neuen Kunsthauses in Zürich («Jungbrunnen», September 1910 bis Mai 1917). Die Genfer Künstlerin Alice Bailly malt 1909/10 mehrmals auf der Oschwand und in Ursenbach mit Amiet zusammen. Sie besucht Amiet wiederholt auch später während der Kriegsjahre. Eugen Jordi, dessen frühestes, noch erhaltenes Bild 1908 datiert ist («Selbstbildnis», Abb.3), hört 1910 unter dem Einfluss sozialistischen Gedankenguts brüsk mit der Malerei auf. Zusammen mit seinem älteren Bruder, der die Kunst ebenfalls aufgibt, verkörpert der erst 1 6jährige, begabte Maler mit diesem Entschluss eine in Bern einmalige radikale künstlerische Position, derzufolge die bourgeoise Kunst für einen überzeugten, fortschrittlich denkenden Sozialisten nicht mehr möglich sei. Eugen Jordi fängt erst Ende der dreissiger Jahre wieder regelmässig zu malen an. Adolf Wölfli, der 1895 in die Irrenanstalt Waldau bei Bern eingewiesen wurde und dort bis zu seinem Tod 1930 lebt, arbeitet seit 1908 am ersten Teil seines erzählerischen Werkes, an der fiktiven Lebensgeschichte «Von der Wiege bis zum Graab» (bis 1912). Wölfli beschreibt die fiktiven Reisen eines Kindes von zwei bis acht Jahren, das von einer immer grösser werdenden Gruppe von Verwandten und Freunden, einer eigentlichen «Avantt-Gaarde», begleitet wird. Diese autobiographische Lebensgeschichte mit den dazu gehörenden Illustrationen ist Teil eines zeichnerischen, dichterischen und musikalischen Werkes von gigantischem Umfang. Ab 1911 lebt und arbeitet Wölfli meist in einer Zelle, da er im Umgang mit den anderen Patienten zu Gewalttätigkeit neigt. 1911 Auf Bundesratsbeschluss wird am 17. März ein Gemälde der Berner Malerin Bertha Züricher, die der «Sezession» nahesteht, vom Bund angekauft. In Bern findet in der Städtischen Reithalle der Basar «Pompeij», ein vier Tage dauerndes Fest zugunsten des Baues einer bernischen Kunsthalle statt (29. Mai bis 1. Juni). Die in diesem Zusammenhang gezeigte Ausstellung gestifteter Werke im Kunstmuseum Bern (21. Mai bis 11. Juni) und das Fest erbringen einen Reingewinn von über 50000 Franken. An der Ausstellung nehmen 154 Künstler teil, darunter Amiet, Buri, A. und G. Giacometti, Hodler, Klee, M. Lauterburg, Moilliet und Rodo de Niederhäusern. 84 Autoren, darunter auch Hermann Hesse, Thomas Mann, Carl Spitteler und Frank Wedekind, verfassen Beiträge zugunsten der Berner Kunsthalle, die in der Publikation «Steine gespendet zum Bau der Berner Kunsthalle» gesammelt werden. Max Buri wird an der Internationalen Kunstausstellung in Rom für das Bild «Die Alten» (1910) mit dem Staatspreis, der seit 1908 in Bern lebende Albert Welti mit einem weiteren Preis ausgezeichnet. Ferdinand Hodler erhält den Auftrag für ein Wandbild im Rathaus von Hannover («Einmütigkeit», 1913). Im Juni wird er in Berlin zum Ehrenmitglied der Sezession gewählt. Im Sommer malt Hodler während zwei Wochen im Berner Oberland. Die Ansicht der «Jungfrau» inspiriert Hodler zu einer Reihe von Gipfelbildern, die zu den dramatischsten innerhalb seiner Landschaftsmalerei gehören (vgl. Farbabb. S. 111). Cuno Amiet trifft in München Kandinsky, Klee (den er bereits kennt), Macke und Campendonck. Er nimmt an der Ausstellung «Kunst unserer Zeit» in Köln teil. Kandinsky und Franz Marc arbeiten in München am Almanach «Der Blaue Reiter», die erste Ausstellung findet in der Galerie Thannhauser statt. August Macke hält sich im September zusammen mit seiner Familie in Kandern auf. Von dort reist er mit seiner Frau weiter an den Thunersee. Er besucht die mit ihm befreundeten Louis und Hélène Moilliet in Gunten. Paul Klee verbringt den Sommer in Bern und auf Beatenberg. Im September lernt er bei Louis Moilliet August Macke kennen. Nach München zurückgekehrt, lernt Klee durch Moilliets Vermittlung Wassily Kandinsky kennen und wird mit den Zielen des «Blauen Reiters» bekannt. Moilliet besucht Klee Mitte Oktober für ein paar Tage in München. August und Elisabeth Macke sind gleichzeitig in dem ganz in der Nähe gelegenen Sindelsdorf bei Franz Marc zu Besuch. Klee schreibt ab November (bis Dezember 1912) über Ausstellungen und kulturelle Anlässe in München in der von Hans Bloesch redigierten schweizerischen Monatsschrift «Die Alpen». Johannes Itten, der nach einem abgebrochenen Kunststudium in Genf seit 1910 an der Universität Bern studiert (bis 1912), lernt 1911 die Maler Arnold Brügger und Otto Morach kennen, die von ihrem ersten gemeinsamen Paris-Aufenthalt (Kubismus, Entdeckung der Negerkunst) berichten. Für Brügger, Itten und Morach ist die Freundschaft mit Hermann Röthlisberger, damals Lehrer am Berner Oberseminar und ab 1914 erster Redaktor der Zeitschrift «Das Werk», von entscheidender Bedeutung für die künstlerische Entwicklung in jenen Jahren. Alt-Bundesrichter Johann Winkler veröffentlicht eine Broschüre mit dem Titel «Missstände in der Schweizerischen Kunstpflege» (Luzern 1911), die er den eidgenössischen Räten zustellt. Winkler macht sich mit seiner Broschüre, in vielen Punkten unzutreffend und ohne die Verhältnisse näher zu kennen, zum Sprachrohr Unzufriedener und «Verkannter», die vor allem der Künstlergemeinschaft «Sezession» nahestehen. Die Streitschrift verdeutlicht nicht nur den konservativen vaterländischen Gesichtspunkt des Autors, sondern eines zahlenmässig bedeutenden Teils des Publikums und richtet sich gegen alle progressiven künstlerischen Tendenzen. Winklers Polemik gegen die eidgenössische Kunstpolitik und die GSMBA verbindet sich mit derjenigen gegen Hodler, den Schöpfer und Inbegriff eines offiziellen und zunehmend geförderten Nationalstils, sowie die Angehörigen der Generation nach Hodler wie Amiet, Giacometti und andere. Am 9. November nimmt der Zentralvorstand der GSMBA mit einem Schreiben an das eidgenössische Parlament Stellung zu den Angriffen der Winklerschen Broschüre und widerlegt diese in allen wichtigen Punkten. Oscar Lüthy, Hans Arp und Walter Helbig gründen in Weggis die Künstlervereinigung «Moderner Bund». Die erste Ausstellung des Modernen Bundes findet im Speisesaal des Grand Hotel «Du Lac» in Luzern (3.-17. Dezember 1911) statt. Darin sind auch Cuno Amiet, Werner Feuz und Ferdinand Hodler vertreten. Die wichtigsten Teilnehmer internationalen Formats sind Picasso, O. Friesz, Herbin und Matisse. Neben vernichtenden Kritiken setzt sich einzig Hans Trog in der «Neuen Zürcher Zeitung» für den «Modernen Bund» ein. Lenin reist im Herbst aus seinem damaligen Aufenthaltsort Paris nach Zürich, um an einer Sitzung des Internationalen Sozialistischen Büros (23./24. September) teilzunehmen. Im Anschluss an die Zürcher Tagung hält er am 28. September ein Referat in Bern. 1912 Im Februar veröffentlicht Carl Albert Loosli, von 1908 bis Ende 1911 Zentralsekretär der GSMBA, die Broschüre «Die schweizerische Kunsthetze». Er nimmt darin abschliessend Bezug auf die verunglimpfenden Broschüren von Winkler und von Hodel, einem der bekanntesten Künstler der «Sezession», verteidigt den wegen der neuen Banknoten angefeindeten Hodler und äussert sich allgemein zu Reformen in der schweizerischen Kunstpolitik. Der Emmentaler Loosli gehört zusammen mit Hermann Röthlisberger und Hans Bloesch zu den engagiertesten Verfechtern der modernen Kunst in der Schweiz. Im Frühjahr kommen die nach Hodlers Entwürfen hergestellten und ohne sein Einverständnis veränderten neuen Banknoten von 50 Franken mit dem «Holzfäller» und von 100 Franken mit dem «Mäher» in Umlauf. Hodler lässt daraufhin im Zentralorgan der GSMBA, deren Präsident er ist, von C. A. Loosli eine Erklärung veröffentlichen, wonach «er die neuen Banknoten nicht als sein, sondern nur als das Werk der dazu bestellten Organe der Schweizerischen Nationalbank anerkennen könne» («Schweizer Kunst», März 1912). Im April 1908 hatte die Schweizer Nationalbank beschlossen, neue Banknoten herzustellen und die Entwürfe Hodler anzuvertrauen. Schon 1909 fordert die Eidgenössische Banknotenkommission, der ein Bundesrat und Bankdirektoren als Experten angehören, verschiedene Änderungen an Hodlers Vorlagen. 1910 malt Hodler vom «Holzfäller» und vom «Mäher» mehrere Varianten und Fassungen verschiedenen Formats (vgl. Abb. 5.24 u. 25). Diese Serienproduktion ist auch eine Reaktion darauf, dass seine Banknoten-Entwürfe durch Verschulden der «Experten-Kommission» und durch fremde Eingriffe verunstaltet worden sind. Klee hält sich vom 2. bis 18. April in Paris auf. Er besucht unter anderem Robert Delaunay (11. April) und trifft sich mit den Berner Künstlern Hermann Haller, Karl Hofer und Victor Surbek. Johannes Itten unternimmt im Frühjahr nach dem Abschluss des Sekundarlehrerstudiums in Bern mit einer Seminaristengruppe und Otto Morach seine erste Reise nach Paris. Im Sommer fährt er mit Röthlisberger nach Holland und hält sich in Köln auf. Der Besuch der Kölner Sonderbundausstellung wird für Itten zum entscheidenden Erlebnis und bewirkt seinen endgültigen Entschluss, Maler zu werden. Im Sommer (25. Mai bis 30. September) findet in Köln die Internationale Ausstellung des Sonderbundes, die erste Ausstellung, die einen Überblick über die expressionistischen Tendenzen in der zeitgenössischen Kunst und vor allem über die Entwicklung der französischen Malerei von Cézanne bis Picasso bietet, statt. Die Ausstellung wird von aussergewöhnlich vielen Künstlern aufgesucht. Klee ist in der Ausstellung mit vier Zeichnungen vertreten. Amiet, der in der Ausstellung mit sieben Bildern vertreten ist, trifft in Köln zum ersten Mal die «Brücke»-Mitglieder Heckel und Kirchner sowie Edvard Munch. Auch Moilliet stellt in der Sonderbundausstellung zwei Stilleben aus. Amiet hat eine Einzelausstellung in der Modernen Galerie (Galerie Thannhauser) in München, die Klee in den «Alpen» in einer längeren Rezension bespricht. Zusätzlich stellt Amiet mit Macke im Kunstverein Jena und mit der «Brücke» in Galerien in Berlin, Hamburg und Frankfurt am Main aus. Albert Welti, der wegen des Staatsauftrages für ein Wandbild im Ständeratssaal des Bundeshauses seit 1908 in Bern lebt, stirbt am 7. Juni. Wilhelm Balmer, dessen Mitwirkung sich Welti ausbedungen hatte, führt die Arbeiten am Landsgemeinde-Bild weiter und überträgt es als Fresko auf die Wand im Ständeratssaal. Weltis Haus am Melchenbühlweg war ein bedeutsamer Treffpunkt von befreundeten Künstlern, Schriftstellern und Musikern gewesen, zu denen Fritz Pauli, Ernst Kreidolf, Hermann Hesse, Leopold Weber und Othmar Schoeck gehörten. Auch Klee besuchte während seiner Sommeraufenthalte in Bern Albert Welti, den er, wie auch Kreidolf, von München her kannte. Vom 7. bis 31.Juli stellen die Mitglieder des «Modernen Bundes» im Kunsthaus Zürich aus. Die an der Ausstellung beteiligten Berner Künstler sind Amiet, Eduard Boss, Werner Feuz, Klee und Emil Sprenger. Aus dem Ausland nehmen Kandinsky, Marc, Gabriele Münter und Robert Delaunay teil. Klee, der den Sommer in Bern verbringt, macht die Bekanntschaft mit Hans Arp. Er besucht Arp, Lüthy, Helbig und Sprenger in Weggis. Er bespricht die Ausstellung des «Modernen Bundes» eingehend in der Zeitschrift «Die Alpen» (Heft 12, August). Klee unternimmt dabei den Versuch, der Öffentlichkeit die Absichten des «Modernen Bundes» darzulegen wie auch sein eigenes Kunstverständnis vorzutragen. Klee besucht Louis Moilliet in Gunten. Vom 3. bis 6. September besucht der deutsche Kaiser Wilhelm II. die Schweiz. Er wird vom Generalstabschef des deutschen Heeres und verantwortlichen Leiter künftiger Operationen, Generaloberst von Moltke, begleitet. Im Mittelpunkt der Kaiservisite steht der Besuch bei den Manövern in der Ostschweiz, die von den Oberstkorpskommandanten Ulrich Wille und Theophil Sprecher von Bernegg geleitet werden. Anschliessend reist der Kaiser nach Bern. Der Kaiserbesuch und die «Kaisermanöver» werden zu einem politischen und gesellschaftlichen Höhepunkt, an dem die ganze Bevölkerung in aussergewöhnlicher Weise Anteil nimmt. Der Besuch Wilhelms II. hatte, wie später erkannt wird, in erster Linie militärpolitische Gründe und steht im Zusammenhang mit der deutschen Lagebeurteilung im Falle eines künftigen Krieges gegen Frankreich. Im September übersiedelt Hermann Hesse mit seiner Frau und den drei Kindern in das Haus seines kurz zuvor verstorbenen Malerfreundes Albert Welti am Melchenbühlweg in Wittigkofen bei Bern. Hesse schreibt während seines Berner Aufenthalts die Erzählungen «Rosshalde» (zuerst 1913, als Buch 1914 erschienen), «Knulp» (1915) und «Demian» (1917 geschrieben, 1919 unter dem Pseudonym Emil Sinclair erschienen). Hesse schreibt später zu seiner Übersiedlung nach Bern: «Ausser privaten Sorgen empfand ich auch mit wachsender Stärke das politische Unbehagen in der überheblichen, protzigen Gesellschaft des wilhelminischen Deutschland (...).» In Neuenburg findet im Sommer die «XI. Nationale Kunstausstellung» statt. Am 12. September kauft der Bund die von der eidg. Kunstkommission empfohlenen Werke an, darunter Bilder von Max Buri und von Traugott Senn. Im Oktober reist der seit 1907 in Stuttgart lebende Otto Meyer auf Einladung seiner Freunde Willi Baumeister und Hermann Huber nach Amden über dem Walensee. Der Ort ist damals, ähnlich wie Ascona, ein Refugium von Künstlern und Schwärmern. Ab Ende 1913 lebt Meyer-Amden meist allein und in oft prekären finanziellen Verhältnissen dort. Bis 1915 wissen nur die engsten Freunde, dass er sich in Amden aufhält. Kontakte zu Bern hat Meyer-Amden nur noch sporadisch. 1915 beteiligt er sich an der Berner Weihnachtsausstellung. In Basel findet vom 24. bis 26. November der Kongress der II. Sozialistischen Internationale mit zahlreichen Friedenskundgebungen statt. Arnold Brügger, Otto Morach und der mit ihnen befreundete Basler Fritz Baumann arbeiten im Winter 1912/13 in Paris, wo sie sich intensiv mit dem Kubismus auseinandersetzen. Der Pariser Aufenthalt wird entscheidend für die weitere künstlerische Entwicklung von Brügger und Morach. Oscar Lüthy verbringt von 1912 bis 1914 jeden Winter in Paris, wo er starke Anregungen von Cézanne, Picasso und Braque verarbeitet. 1913 malt er sein «kubistisches» Hauptwerk, die «Variation zur Pietà d'Avignon» (Abb. 12). Ab 1915 lebt er in der Nähe von Zürich. Adolf Wölfli beschreibt in den «Geographischen Heften» die Errichtung der «Skt.Adolf=Riesen=Schöpfung» (1912-1916). Es handelt sich dabei, als Fortsetzung der Lebensgeschichte «Von der Wiege bis zum Graab» (1908-1912), um den zweiten Teil des erzählerischen Werks, in dem Wölfli die imaginären Reisen bis in den Kosmos fortsetzt. Für die Beschreibung der Grösse dieser Schöpfung reichen ihm die konventionellen Zahleneinheiten nicht mehr aus, und er erfindet ein eigenes Zahlensystem. Das Blatt «Land-Kahrte der Schweiz» (Abb. 121, 1916) gehört zum Erzählzyklus der «Geographischen Hefte». 1913 Im Januar wird Ferdinand Hodler vom Präsidenten der Französischen Republik auf Vorschlag von Aussenminister Raymond Poincaré zum Offizier der Ehrenlegion ernannt. Von Februar bis Mai hält sich Valentine Godet-Darel in Hilterfingen am Thunersee auf, wo Hodler sie besucht. Robert Walser kehrt nach einem mehrjährigen Aufenthalt in Berlin im März in die Schweiz zurück. Er wohnt zunächst bei seiner Schwester in Bellelay, dann kurz bei seinem Vater in Biel. Im Juli bezieht er eine Mansarde im Hotel «Blaues Kreuz» in Biel, wo er während der nächsten sieben Jahre (bis zu seiner Übersiedlung nach Bern, Januar 1921) bleiben wird. Itten entschliesst sich, als Schüler zu Adolf Hölzel an die Akademie nach Stuttgart zu gehen. Er ist nach Moilliet und Meyer-Amden der dritte Berner Künstler, der von Hölzel entscheidende Impulse erfährt. Vorher verbringt Itten zusammen mit Brügger, Morach und Röthlisberger noch zwei Wochen im kleinen Bergdorf Zaun bei Meiringen. Die Zeichnungen und Bilder von Brügger und Morach, die den Winter 1912/13 gemeinsam in Paris verbracht hatten, vermitteln Itten einen anregenden Eindruck von der Wirkung der Kubisten und Futuristen auf die junge Malergeneration. Die neuen Bilder von Brügger und Morach werden in der Berner Weihnachtsausstellung im Dezember in der Presse positiv besprochen. Das «Berliner Variété» (Abb. 99) von Moilliet wird in dieser Ausstellung für das Kunstmuseum Bern angekauft. Im April planen Klee und Moilliet eine gemeinsame Studienreise nach Tunesien, die Reise muss auf das folgende Jahr verschoben werden. Ab Juli hält sich Klee den Sommer über in Bern auf. Er besucht zum ersten Mal die bedeutende Sammlung kubistischer Werke des Berner Kaufmanns Hermann Rupf. Die Weihnachtszeit verbringt Klee mit seiner Familie im Berner Elternhaus. Die Künstlergruppe «Der Moderne Bund» stellt vom 16. März bis 4. April unter Verzicht durch die Unterstützung ausländischer Künstler in der Galerie Hans Goltz in München aus. Vertreten sind Arp, Klee, Lüthy, Helbig, Gimmi, Huber und A. Pfister. Die Ausstellung wird anschliessend in der Galerie «Sturm» in Berlin (26. April bis 31. Mai) gezeigt. Moilliet verlegt 1913 seinen Wohnsitz für einige Zeit nach Vully-le-Bas am Murtensee. Er malt dort das «Bildnis Cécile» (Abb. 11). Wie Klee und Macke beteiligt sich Moilliet am «Ersten deutschen Herbstsalon» der Galerie «Der Sturm» in Berlin (20. September bis 1. Dezember). Er begegnet dort den Werken Robert Delaunays, die durch Mackes Vermittlung für seine Arbeit wichtig werden. Angesichts der gespannten weltpolitischen Lage treffen am 11. Mai auf Einladung von Schweizer Parlamentariern Abgeordnete aus Frankreich und dem Deutschen Reich in Bern zu einer «Verständigungskonferenz» zusammen. Daran nimmt unter anderen auch der bekannte Führer der deutschen Sozialdemokraten, August Bebel, teil. Bebel stirbt im Sommer in Passugg und wird in Zürich unter grosser Anteilnahme der Bevölkerung begraben. Im Sommer reist Lenin aus seinem Aufenthaltsort Poronin bei Krakau (damals Österreich, Galizien) in die Schweiz, um seine Frau beim Berner Nobelpreisträger Theodor Kocher, dem berühmtesten Chirurgen seiner Zeit, operieren zu lassen. Lenin und seine Frau Krupskaja treffen am 24./25. Juni in Bern ein. Die Operation findet am 22. Juli statt. Während des Spitalaufenthalts seiner Frau ist Lenin politisch rastlos tätig. Er hält Vorträge in Bern, Zürich, Lausanne und Genf. Lenin macht die Bekanntschaft von Robert Grimm, dem Nationalrat und Redaktor der «Berner Tagwacht». Am 4. August verlassen Lenin und seine Frau Bern. Der Berner Sammler Hermann Rupf kauft die ersten Werke von Schweizer Künstlern, zwei Aquarelle von Oscar Lüthy und Zeichnungen von Paul Klee, den er im Sommer kennenlernt. Klee begegnet in den nächsten Jahren im Hause Rupf wiederholt der zeitgenössischen Pariser Kunst. Hermann Rupf ist mit Robert Grimm befreundet, der in den folgenden Jahren zum Führer der schweizerischen Arbeiterbewegung wird. Rupf schreibt seit 1909 als politisch engagierter Kunstkritiker in der sozialistischen «Berner Tagwacht». Am 30. September reist August Macke mit seiner Familie von Bonn zu einem längeren Aufenthalt (8 Monate) nach Hilterfingen. Sie wohnen im Haus «Rosengarten». In dieser Zeit stehen sie in engem Kontakt mit Louis und Hélène Moilliet, die ganz in der Nähe in Gunten wohnen. Macke arbeitet intensiv. Er malt mehrere Hauptwerke, darunter «Dame in grüner Jacke», «Sonniger Weg», «Leute am blauen See», «Modegeschäft», «Seiltänzer». Macke besucht auch einmal Arnold Brügger in Meiringen. 1914 Ende 1913 und Anfang 1914 löst die Motion Heer eine Debatte im Ständerat aus (18. Dezember 1913 und 29. Januar 1914). Im Zuge einer konservativen «Kunsthetze» (C. A. Loosli) wird im Parlament der Vorwurf gemacht, die für die Kunst bereitgestellten Bundesmittel würden einseitig zugunsten der vom Volk nicht verstandenen, aber von der eidgenössischen Kunstkommission unterstützten «neuen Kunst» verteilt. Ständerat Heer schlägt eine gleichmässigere Unterstützung der verschiedenen Kunstrichtungen vor. Falls die Kunstkommission nicht dem «Volksempfinden» gemässer urteile, solle der (ohnehin geringe) Kunstkredit herabgesetzt werden. Die Motion Heer wird angenommen. Das Abstimmungsergebnis bedeutet somit einen Sieg für die konservativen Kreise. Die Auseinandersetzung im Parlament findet vor dem Hintergrund einer Welle öffentlicher Empörung statt, welche die Prämierung des von der Mehrheit als zu modern empfundenen Plakates von Cardinaux zur Landesausstellung 1914 (vgl. Farbabb. S. 37) begleitet. Vor allem die grüne Farbe des Pferdes hatte Anlass zu Protest und Spott in der Bevölkerung gegeben. 1914 wird der Schweizerische Werkbund gegründet als ein Zusammenschluss von Künstlern, Kunstgewerbetreibenden, Industriellen und Förderern. Hermann Röthlisberger wird der erste Redaktor der im gleichen Jahr gegründeten Zeitschrift «Das Werk». Der «Kunstsalon Ferd. Wyss» zeigt im Januar als erste Avantgarde-Veranstaltung in Bern eine Ausstellung des «Modernen Bundes». In der Ausstellung sind Werke von Arp, Gimmi, Helbig, Huber, Klee, Lüthy und Pfister zu sehen. Es ist die letzte Ausstellung, in der sich der «Moderne Bund» als Gruppe manifestiert. Im Frühling kommt Ernst Morgenthaler als Schüler zu Cuno Amiet auf die Oschwand. Morgenthaler hatte sich vorher als Karikaturist mit Zeichnungen von oft gesellschaftskritischem Inhalt im «Nebelspalter» einen Namen gemacht. Der Aufenthalt bei Amiet wird entscheidend für Morgenthalers Zugang zur Malerei und seine weitere künstlerische Entwicklung. Auf der Oschwand begegnet Morgenthaler zum ersten Mal Paul Klee. August Macke erhält am 8. Januar in Hilterfingen Besuch von Paul und Lily Klee. Klee spricht mit Macke zum ersten Mal über seinen Plan, eine Reise nach Tunis zu machen. Mackes wichtigster Kunsthändler Bernhard Koehler verspricht anfangs Februar, die Tunis-Reise Mackes mit 500 Mark zu unterstützen. Koehler hält sich vom 24. Februar bis 16. März in Hilterfingen auf. Klee sichert sich die finanziellen Mittel für die Reise mit dem Verkauf von acht Zeichnungen und Aquarellen für 500 Franken an den Berner Apotheker Charles Bornand. Anfang April bricht Macke nach Tunesien auf. Er trifft am 5. April in Marseille Klee und Moilliet. Die gemeinsame Reise dauert bis zum 19. April. Am 20. April kehrt Klee über Palermo, Neapel und Rom allein nach Bern zurück. Macke und Moilliet folgen am 22. April. Ende April ist Macke wieder in Hilterfingen. Er malt dort Bilder nach Motiven der Tunisreise. Am 10. Mai nimmt Moilliet als Pate an der Taufe von Mackes Sohn teil. Kurze Zeit später übersiedelt er nach Praz an den Murtensee. Anfangs Juni verlassen Elisabeth und August Macke Hilterfingen. Sie besuchen zum Abschied noch Louis und Hélène Moilliet am Murtensee und kehren anschliessend nach Bonn zurück. Wilhelm Worringer, dessen Dissertation «Abstraktion und Einfühlung. Ein Beitrag zur Stilpsychologie» (Promotion 1907 an der Universität Bern) die Künstler der Avantgarde direkt beeinflusst hatte, unterrichtet seit 1909 bis 1914 als Privatdozent an der Universität Bern. Worringer ist mit August Macke befreundet, der im Herbst 1913 zuerst Worringers Wohnung in Bern übernehmen will, sich dann aber in Hilterfingen niederlässt. Worringer habilitiert sich im Sommer 1914 an der Universität Bonn und verlässt Bern. Im Kunstsalon Wolfsberg in Zürich stellen im April Arnold Brügger, Otto Morach und Fritz Baumann aus, anschliessend der Berner Leo Steck, der sich ebenfalls mit dem Kubismus auseinandersetzt. Im Mai liefert der Bildhauer James Vibert aus Genf die 1910 durch Vertrag bestellte monumentale Rütli-Gruppe ab, die in der Kuppelhalle des Bundeshauses aufgestellt wird. Am 15. Mai wird die Schweizerische Landesausstellung in Bern eröffnet. Sie dauert trotz Kriegsausbruch und Aktivdienst wie vorgesehen bis zum 15. Oktober. Im Unterschied zu den früheren Landesausstellungen, die vor allem der expandierenden Industrie ein Forum zur Selbstdarstellung boten, bemüht man sich in Bern 1914 um ein möglichst umfassendes Bild des wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Lebens. An der anlässlich der Landesausstellung stattfindenden «XII. Nationalen Kunstausstellung» sind unter anderem Amiet, Bangerter, Boss, Brügger («Im Theater», Abb. 79), Buri («Bildnis der Tochter Hedwig», Kat. 54), Eggimann («In memoriam E.T.A. Hoffmann», Kat.73), Feuz, Hänny («Brutus», Abb. 14), Hodler, M. Lauterburg, Lüthy («Pieta d'Avignon», Abb. 12), Morach, Morgenthaler («Sic transit...», Abb. 104) und Pauli («Selbstbildnis», Abb. 57) vertreten. Die 1. Fassung von Moilliets wichtigem Bild «Im Zirkus» (3. Fassung vgl. Abb. 88) wird, nachdem es von der Jury der Kunstausstellung abgelehnt worden ist, in der Abteilung «Dekorative Kunst» der Landesausstellung gezeigt. Der Bund kauft aus der «XII. Nationalen Kunstausstellung» unter anderem zwei Skulpturen des 1913 verstorbenen Rodo de Niederhäusern an. Hermann Rupf verfasst in der «Berner Tagwacht» vier Berichte über die «XII. Nationale Kunstausstellung», die er engagiert gegen die zahlreichen Kritiken verteidigt. Rupf kritisiert auch die Kulturpolitik der Schweizer Behörden und «die lächerliche Anmassung des Parlaments, den Künstlern Vorschriften machen zu wollen». Loosli nimmt in einem «Offenen Brief an die eidgenössischen Räte» vom 5. Juni engagiert Stellung zu den Verunglimpfungen der Kunstausstellung in Parlament und Presse. Die Künstler der GSMBA protestieren ihrerseits am 21. Juni (Generalversammlung in Aarau) mit einer Mitteilung in mehreren Zeitungen und Zeitschriften «gegen die unsachlichen und tendenziösen Angriffe auf die schweizerische Kunst von Seiten eines Teiles des Parlamentes, der Presse und der Bevölkerung der seit Jahren die Entwicklung der Kunst, im besondern den Bestrebungen unserer Schweizerkünstler, völlig ferngestanden hat». Am 28. Juli erklärt Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Aufgrund der vielfältigen europäischen Bündnissysteme treten auf seiten Serbiens auch Russland, Frankreich und später Grossbritannien sowie auf seiten Österreich-Ungarns das Deutsche Reich in den Krieg ein. Das internationale Friedensbüro in Bern, das durch die unterschiedlichen nationalen Interessen seiner Vertreter funktionsunfähig wird, sendet noch am 31. Juli vergebliche Depeschen nach Berlin, Petrograd, London und an den Vatikan mit der Bitte, den Krieg zu verhindern. Der Bundesrat stellt die gesamte Armee auf Pikett und befiehlt am 1.August die Mobilmachung. Am 3. August wird Ulrich Wille vom Parlament zum General gewählt. Dem Bundesrat gelingt es erst nach Stunden grosser Spannung und wiederholtem Druck auf die Fraktionen, seinen Kandidaten Wille durchzusetzen. Willes vom Parlament zunächst bevorzugter Gegenkandidat, Theophil Sprecher von Bernegg, wird vom Bundesrat zum Generalstabschef ernannt. General Wille residiert im Hotel «Bellevue-Palace» in der Nähe des Bundeshauses. Die Schweizer Bevölkerung reagiert auf die Nachricht vom Kriegsausbruch mit einem Sturm auf Kaufläden und Banken. Viele Auslandsschweizer kehren zurück. Von den über 200'000 Deutschen, die zu Beginn des Ersten Weltkriegs in der Schweiz leben, ziehen die meisten in den ersten Augusttagen «heim ins Reich», um sich als Kriegsfreiwillige zu melden. Gleich nach Kriegsbeginn verstärken kriegführende und neutrale Länder ihre Niederlassungen in der Schweiz, um im «Schaufenster der Welt» propagandistisch zu wirken und die Unschuld des eigenen Landes am Krieg zu verkünden. Besonders aktiv wird die deutsche Gesandtschaft in Bern, die ihren Mitarbeiterstab wesentlich erweitert und zeitweise 13 Gebäude in Bern ganz oder teilweise mit Büros belegt hat. Eugen Jordi zieht sich aus Enttäuschung darüber, dass die deutschen Sozialisten den Kriegskrediten zugestimmt haben, aus der Politik zurück. Hermann Hesse, der seit zwei Jahren in der Schweiz lebt, bietet sich bei Kriegsausbruch als deutscher Staatsbürger auf dem Konsulat in Bern als Freiwilliger an. Er wird zurückgestellt, doch später der deutschen Botschaft in Bern zum Dienst in der Kriegsgefangenenfürsorge zugewiesen. Am 3. November veröffentlicht Hesse in der «Neuen Zürcher Zeitung» den berühmt gewordenen Aufsatz «O Freunde, nicht diese Töne!», in dem er sich gegen die nationalistische Kriegstreiberei wendet und vor allem die Künstler und Denker Europas zu Humanität und Vernunft auffordert. Hesse gehört zu der kleinen Zahl deutscher Dichter, die sich von Anfang an entschieden gegen Chauvinismus und Barbarei wenden und für den Frieden eintreten. Hesse veröffentlicht ab 1914 in der Zeitschrift «O mein Heimatland» (Verlag Grunau, Bern) Erzählungen und Gedichte. Im Sommer erholt sich Hodler in Mürren. Er malt unter anderem den «Mönch» (Kat. 112) und die «Jungfrau» (Abb.61). Hodler erreicht in diesen Gipfelbildern, mit denen er die künstlerische Auseinandersetzung seines Mürren-Aufenthalts von 1911 fortsetzt (vgl. Farbabb. S. 111 ), die letzte Steigerung seiner Landschaftskunst. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges unterzeichnet Hodler zusammen mit 120 Genfer Künstlern, Musikern, Wissenschaftlern und Intellektuellen einen Protest gegen die Bombardierung der Kathedrale von Reims durch die deutsche Artillerie. Die Beschädigung dieses Kunstwerkes wird als «barbarische Untat» verurteilt. Hodler wird unmittelbar aus sämtlichen deutschen Künstlervereinen, denen er - oft als Ehrenmitglied - angehört, ausgeschlossen und in der deutschen Presse heftig angegriffen. Jawlensky, der seit Kriegsausbruch in St-Prex am Genfersee lebt, besucht Amiet auf der Oschwand und Hodler in Genf. Daniel-Henry Kahnweiler, erfolgreicher Kunsthändler und Freund der Kubisten in Paris, wird auf einer Ferienreise vom Kriegsausbruch überrascht. Er bleibt bis Dezember in Italien. Sein Freund Hermann Rupf, der seit der Eröffnung der Galerie 1907 zu den ersten regelmässigen Kunden Kahnweilers gehört, schlägt ihm vor, nach Bern zu kommen, und bietet finanzielle Hilfe an. Angesichts seiner prekären Situation lässt sich Kahnweiler Mitte Dezember in Bern nieder. Sein Kunstbesitz in Paris, an die 800 Gemälde der Kubisten und der Fauves, wird als deutsches Eigentum beschlagnahmt. Das Ehepaar Rupf besitzt bei Ausbruch des Krieges schon eine bedeutende Sammlung vor allem kubistischer Werke. Rupf hat die Werke, mit wenigen Ausnahmen, im Entstehungsjahr selbst über die Galerie seines Freundes Kahnweiler erworben. Auf seiner Flucht aus Österreich trifft Lenin am 5. September in Bern ein. Am 12. September 1914 meldet er sich unter seinem bürgerlichen Namen Wladimir Ilijtsch Uljanov mit seiner Frau und deren Mutter auf dem städtischen Fremdenbureau in Bern an. Robert Grimm und der Berner Grossrat Carl Moor leisten für Lenin Bürgschaft. Lenin wechselt während des 17monatigen Aufenthaltes in Bern viermal die Wohnung. Er und seine Frau leben sehr zurückgezogen und arbeiten unermüdlich. Lenins Schwiegermutter besorgt bis zu ihrem Tod (am 20. März 1915 in Bern) den Haushalt des Ehepaares. Die Mittel, die ihnen zur Verfügung stehen, sind so bescheiden, dass trotz strenger Winterkälte das Zimmer nur alle zwei Tage geheizt werden kann. Lenin, der in der sozialistischen Internationale eher isoliert ist, beginnt von Bern aus eine rastlose Tätigkeit zu entfalten, um die bolschewistischen Emigranten in der Schweiz und im Ausland unter seinem Programm zu einigen und enger zusammenzuschliessen. Neben der politischen Tätigkeit treibt Lenin in Bern ausgedehnte Studien in den Bibliotheken und entfaltet eine vielfältige schriftstellerische Tätigkeit. August Macke stirbt am 26. September an der Front in der Champagne. Am 31. Oktober überreicht die sozialdemokratische Fraktion der Bundesversammlung dem Politischen Departement eine Eingabe, die anregt, der Bundesrat möge, zusammen mit anderen neutralen Staaten, an die kriegführenden Mächte mit Friedensvorschlägen herantreten. Gleiche Eingaben werden von sozialdemokratischen Gruppen in Holland, Schweden, Norwegen, Dänemark und den USA gleichentags an ihre Regierungen gerichtet. Am 1. November gibt der Verband für Frauenstimmrecht und der Bund der schweizerischen Frauenvereine eine Petition ein: der Bundesrat solle an den Präsidenten der USA gelangen, um eine Konferenz von Vertretern neutraler Regierungen zusammenzurufen. Wilson reagiert Mitte November abwehrend. 1914 und in den folgenden Jahren richtet der Arzt Walter Morgenthaler in der Irrenanstalt Waldau das «Museum» ein. Anlass dazu gibt die Landesausstellung 1914 in Bern. In zwei Räumen werden die Zeichnungen, Schriften und Kompositionen Wölflis und anderer Patienten, auch aus anderen Anstalten, zusammen mit Modellen früherer Behandlungsmethoden und historisch gewordenen Gegenständen der Irrenpflege gezeigt. Walter Morgenthaler, der Bruder des Malers Ernst Morgenthaler, erkennt als erster die Bedeutung von Wölflis Kunst. Morgenthaler, seit 1908 Assistenzarzt, wird 1913 Oberarzt in der Waldau und unterstützt Wölfli ohne Bevormundung in seiner künstlerischen Arbeit. Er veröffentlicht 1921 die erste Monographie über Wölfli mit dem mutigen Titel «Ein Geisteskranker als Künstler», worin der Künstler-Patient namentlich genannt wird. Morgenthalers Buch findet vor allem bei Künstlern und Intellektuellen grosses Interesse. Der 1865 in Boltigen geborene Heinrich Anton Müller, der neben Wölfli heute bekannteste Outsider bernischer Herkunft, lebt von 1906 bis zu seinem Tod 1930 in der Heilanstalt Münsingen bei Bern. Ab 1912 konstruiert er Maschinen und beschäftigt sich insbesondere mit der Erfindung des Perpetuum mobile. Um 1914 führt er einige seiner Maschinen, die sich dem Prinzip der nutzbringenden Verwendung und der Produktivität widersetzen, in grossen Dimensionen aus. Die Maschinen werden später alle zerstört. Ab 1914 arbeitet Müller auch an Zeichnungen auf grobem Packpapier, das er manchmal zu grossen Formaten zusammennäht. Diese erste zeichnerisch produktive Phase dauert bis 1919, die zweite von 1920 bis um 1923. Müllers Werk wird in seiner ausserordentlichen künstlerischen Qualität erst später unter anderem von den Surrealisten entdeckt. 1914 erscheint der Prosaband «Geschichten» von Robert Walser bei Kurt Wolff in Leipzig. Robert Musil lobt das Buch in einer gewichtigen Rezension («Die neue Rundschau», Berlin). 1915 Mehrere Berner Künstler, darunter Eduard Boss, Max Brack, Emil Cardinaux, Ernst Linck, Traugott Senn, Leo Steck und Victor Surbek, beteiligen sich 1914/15 mit Wand- und Glasmalereien an der Neuausstattung des Volkshauses in Bern. Architekt dieses Baues, «der der Hebung und Bildung der ärmeren Volksklassen gewidmet ist» («Das Werk», 1915), ist Otto Ingold. Im Frühjahr finden im Volkshaus in Bern drei verschiedene Konferenzen statt, an denen Lenin, wenn auch an zweien nur im Hintergrund, massgeblich beteiligt ist. Auf seine Initiative versammeln sich in Bern Delegierte der bolschewistischen Auslandssektionen zu einer Konferenz, die vom 27. Februar bis zum 4. März dauert. Trotz einer im gesamten wenig repräsentativen Vertretung erhält die Konferenz für die Geschichte der bolschewistischen Bewegung eine besondere Bedeutung: Lenin gelingt es, seine Position zu festigen und seine Auffassungen als verbindliche Richtschnur für die Parteiarbeit durchzusetzen. Vom 26. bis 28. März findet in Bern eine internationale sozialistische Frauenkonferenz unter dem Vorsitz der bekannten deutschen Sozialdemokratin Clara Zetkin statt. Das Manifest, das von den etwa 30 Vertreterinnen aus acht Ländern verfasst wird, bedeutet den ersten internationalen Protest gegen den Krieg. Kurz darauf, vom 5. bis 7. April, findet gleichenorts die internationale sozialistische Jugendkonferenz unter der Leitung von Willy Münzenberg statt. Lenin, der sich wie schon bei der Frauenkonferenz persönlich nicht an den Beratungen beteiligen kann, lenkt seine bolschewistische Delegation, die in der Minderheit ist, aus dem Café des Volkshauses und versucht den Ausgang der Konferenz zu beeinflussen. Er hat nur teilweise Erfolg. Kahnweiler beschliesst in Bern, wo er seinen Beruf als Kunsthändler nicht mehr ausüben kann, seine philosophische und künstlerische Bildung systematisch zu vertiefen. In der Folge verfasst er mehrere, zum Teil unveröffentlicht gebliebene Essays und beginnt mit der Abfassung eines längeren theoretischen Aufsatzes über den Kubismus. Im November lernt Kahnweiler in Zürich Hans Arp und Tristan Tzara kennen. Es entwickeln sich freundschaftliche Beziehungen zwischen ihnen. Ernst Morgenthaler hält sich 1915 in München auf. Er besucht dort die Malschule Professor Knirr und nimmt bei Paul Klee, den er während seines Aufenthalts bei Amiet kennengelernt hat, stundenweise Unterricht. Im Mai malt Hodler die erste Fassung des «Bildnis General Ulrich Wille». Vorher benötigt Hodler zwischen Ende Februar und Anfang Mai 30 Sitzstunden im Hotel «Bellevue-Palace», wo der General seit Kriegsausbruch Quartier bezogen hat. Zwischen Juli und September malt er drei weitere Fassungen dieses Porträts (vgl. Abb. 65). General Wille wird gleichzeitig vom Bildhauer August Heer porträtiert (Abb. 66). Am 13. September teilt Hodler dem Auftraggeber Willy Russ brieflich die Fertigstellung der beiden En-face-Bildnisse General Willes (heute Kunsthaus Zürich und Musée d'art et d'histoire, Genf) mit. Hodlers Wille-Porträts gehen auf die Initiative des Neuenburger Schokoladefabrikanten Willy Russ, dem seit 1910 wichtigsten Hodler-Sammler in der Schweiz, zurück. Ihm gelingt es 1915, den Oberbefehlshaber der schweizerischen Armee «von unserem grossen Nationalmaler Ferdinand Hodler» porträtieren zu lassen. Wille zögert zuerst mit seiner Zustimmung, da er noch keine Gelegenheit gehabt habe, zu beweisen, dass er seiner Aufgabe als Heerführer gewachsen sei. Hodler malt zusätzlich das «Bildnis Frau Welti» (Abb. 58) im Schloss Lohn bei Bern. Am 21. Mai stirbt Hodlers Malerfreund Max Buri, nach Anker der populärste Schweizer Maler seiner Zeit, bei einem Unfall in Interlaken auf der Höhe seines Schaffens. Die Schweizer Malerei verliert damit «ihren für die weitesten Volksschichten typischen Vertreter» (Hans Bloesch, «Das Werk»). Im September 1915 findet im Kunsthaus Zürich eine vielbesuchte Gedächtnisausstellung statt. Klee hält sich während des Sommers in Bern auf. Er trifft sich unter anderem mit Alexej von Jawlensky, Marianne von Werefkin und Louis Moilliet. Im Tagebuch notiert Klee: «Mir ist der Krieg innerlich gleichgültig, aber auch der sanfte Trug des Berner Milieus taugt mir gar nichts.» (Tagebuch, 963.) Jawlensky und Werefkin besuchen Cuno Amiet auf der Oschwand. Am 23. Mai erklärt Italien Österreich-Ungarn und am 26. August dem Deutschen Reich den Krieg. Die Schweiz ist damit gänzlich von kriegführenden Nationen eingeschlossen. Am 6. Juni billigt das Schweizervolk in einer Abstimmung eine einmalige Kriegssteuer. Am 2. Juli erlässt der Bundesrat Strafbestimmungen gegen die Beschimpfung fremder Völker, Staatsoberhäupter oder Regierungen. Die Massnahme ist zum Schutz der staatlichen Neutralität gedacht und soll verhindern, dass der bedrohlich gewordene Graben zwischen deutschem und welschem Landesteil und die einseitige Parteinahme für die Kriegführenden weiter wächst. General Wille, der seit Kriegsbeginn von einem Sieg Deutschlands überzeugt ist, schreibt im Juli an Bundesrat Hoffmann, dass gegenüber der Entente «etwas mit dem Säbel Rasseln im gegenwärtigen Moment uns vorteilhaft sein könnte. Ich möchte beifügen, dass ich nach wie vor die Erhaltung des Friedens für eine unserer obersten Aufgaben erachte, aber dass ich, wenn die Erhaltung unserer Selbständigkeit und Unabhängigkeit dies erfordert, den gegenwärtigen Moment für das Eintreten in den Krieg als vorteilhaft erachte.» (Bern, 20. Juli 1915.) In Zimmerwald oberhalb von Belp findet vom 5. bis 8. September eine geheime Tagung europäischer Linkssozialisten statt. Die Konferenz ist der erste Versuch der Sozialisten Europas, sich nach dem Kriegsausbruch neu zu formieren. Treffpunkt am 5. September ist Bern. Am Schluss der Tagung verabschieden 38 Teilnehmer aus 11 Ländern ein Manifest, das hauptsächlich von Leo Trotzki und Robert Grimm verfasst wird, gegen die kriegsunterstützende Politik der sozialdemokratischen Parteien in den kriegführenden Ländern. Massgeblichen Anteil am Zustandekommen der Konferenz hat Robert Grimm, der seit Kriegsbeginn mit oppositionellen Sozialisten der kriegführenden Mächte in Verbindung steht. Auf der Konferenz wird Lenins Resolutionsentwurf, in dem die Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg gefordert wird, mit 19 gegen 12 Stimmen abgelehnt. Die von Lenin und Sinowjew gemeinsam verfasste Broschüre «Sozialismus und Krieg», im Benteli-Verlag herausgegeben, erscheint rechtzeitig zum Beginn der Konferenz. Die Zimmerwalder Konferenz ruft die internationale Sozialistische Kommission, die ihren Sitz in Bern hat, ins Leben. An ihre Spitze werden die Schweizer Sozialdemokraten Robert Grimm und Fritz Platten gewählt. Karl Walser kehrt nach einem langen Aufenthalt in Berlin (seit 1899) als erfolgreicher Künstler in die Schweiz zurück. Er wohnt zuerst kurz in Zürich, dann bis 1920 in Twann am Bielersee. Nach dem Erscheinen seines Aufsatzes «Wieder in Deutschland» im Oktober («Neue Zürcher Zeitung»), in dem Hesse zurückhaltend Kritik an der Verherrlichung des Krieges übt, wird Hesse in der deutschen Presse als «Verräter», «Drückeberger» und «Gesinnungslump» beschimpft. Die ungewöhnlich heftige Pressekampagne ist von nachhaltigem Einfluss auf das Hesse-Bild der folgenden Jahrzehnte in Deutschland. Romain Rolland, erklärter Pazifist wie Hesse, solidarisiert sich als einer der wenigen mit ihm und besucht ihn im August in Bern. Während des Krieges arbeitet Hesse für die Kriegsgefangenenfürsorge. Von 1915 bis 1919 leitet er die «Bücherzentrale für deutsche Kriegsgefangene Bern», deren Aufgabe es ist, den deutschen Gefangenen im Ausland und den in der Schweiz Internierten Bücher und Bibliotheken zu beschaffen. Hesse gründet ein Kriegsgefangenenblatt («Sonntagsblatt für deutsche Kriegsgefangene»), das von Bern aus nach Frankreich, England, Italien und Russland verschickt wird. Am 25. Dezember 1916 schreibt Hesse an den Maler Hans Sturzenegger: «Es ist nichts mit dieser Im November 1915 veröffentlicht Hesse einen Aufsatz über den Maler Ernst Kreidolf in der Zeitschrift «Werk». Während des Krieges beginnt er selbst zu malen. 1916 Am 27. Januar kommt es vor dem deutschen Konsulat in Lausanne zu Protestkundgebungen. Die aus Anlass des Geburtstages von Kaiser Wilhelm II. gehisste deutsche Flagge wird heruntergerissen. In der ganzen welschen Schweiz herrscht eine tiefgehende Verstimmung gegenüber der Schweizer Generalität, der Deutschfreundlichkeit vorgeworfen wird. Die gespannte innenpolitische Lage erreicht ihren Höhepunkt mit der «Oberstenaffäre». In deren Verlauf werden Ende Februar zwei hohe Schweizer Offiziere wegen nachrichtendienstlicher Tätigkeit zugunsten Deutschlands und Österreichs angeklagt. Ende Januar stirbt Moilliets Frau an der Geburt des ersten Kindes. Moilliet beginnt ein unstetes, einsames Wanderleben mit Aufenthalten vor allem in der Gegend des Genfersees. Er malt dort eines seiner letzten wichtigen Bilder, «Das grosse Karussell» (Farbabb. S. 165). Im folgenden beschränkt er sich immer stärker auf das Mittel des Aquarells. Am 5. Februar wird in Zürich das von Hugo Ball gegründete Cabaret Voltaire eröffnet. Es wird Zentrum der dadaistischen Bewegung in Zürich. Vom 5. bis 9. Februar findet in Bern unter dem Vorsitz von Robert Grimm eine Tagung der erweiterten Internationalen Sozialistischen Kommission statt, an der sich auch Lenin beteiligt. Im Rahmen dieser Tagung findet am 8. Februar im Volkshaus eine öffentliche Kundgebung gegen den Krieg und gegen den Sozialchauvinismus statt. Lenin hält seine erste Rede an einer öffentlichen Veranstaltung in der Schweiz. Kurz danach, um den 11. Februar, übersiedelt Lenin nach Zürich. Die offizielle Abmeldung in Bern erfolgt am 11. Mai. Für den Umzug sind einerseits die Bibliotheksarbeit, andererseits politische Überlegungen ausschlaggebend. In Bern, wo der Einfluss Robert Grimms dominierte, war es Lenin nicht gelungen, sich einen Kreis enger Gefolgsleute zu verschaffen. Am 8. März stirbt Hesses Vater. Sein Tod und der äussere Druck des Krieges lösen bei Hesse eine tiefgreifende Krise und Neuorientierung aus. Hesse begibt sich in eine psychoanalytische Behandlung in Luzern. Vom 24. bis 30. April tagt in Kiental die zweite «Zimmerwalder» Konferenz der linken Sozialdemokraten unter dem Vorsitz von Robert Grimm. Die Konferenz mit 37 Teilnehmern aus neun europäischen Ländern wird mit einer Sitzung im Berner Volkshaus eröffnet. Die eigentliche Tagung findet, getarnt als touristische Veranstaltung, vom 25. bis 30. April im Bergdorf Kiental statt (45 Teilnehmer). Trotzki kann an der Konferenz nicht teilnehmen, weil die Behörden die Einreise in die Schweiz verweigern. Ähnlich wie auf der Konferenz von Zimmerwald (1915) kann Lenin nur einen halben Erfolg verbuchen. Zwar wird ein Entschluss gebilligt, in dem zum Kampf um den Frieden durch die Eroberung der politischen Macht aufgerufen wird, doch die Mehrheit ist nicht bereit, sich von ihren Parteien loszusagen. Der in Bern lebende Kahnweiler schickt Arp im Frühjahr das Manuskript seines Essays «Der Kubismus» in der Erwartung, dass Arp ihn bei René Schickele, dem in Zürich ansässigen Herausgeber der Zeitschrift «Weisse Blätter», einführt. Der Essay wird, allerdings gekürzt, ab September in den «Weissen Blättern» veröffentlicht. Er erscheint erst 1920 in einer vollständigen Ausgabe unter dem endgültigen Titel «Der Weg zum Kubismus» in München. Klee wird am 11. März zur Infanterie-Reserve der deutschen Armee in Landshut eingezogen. Am 20. Juli wird er nach München versetzt, im August nach Schleissheim zur Werftkompanie der Flieger-Ersatzabteilung. Im Mai malt Hodler die fünfte und grösste Fassung des «Bildnis General Wille» (Kunstmuseum Bern, Abb. 67). Die Berner Fassung entsteht auf der Grundlage von Zeichnungen, die sich damals noch im Besitz Hodlers befinden. Hodler malt diese letzte Fassung, weil er sich von keiner der beiden Fassungen aus dem Jahr 1915, die an den General und an den Auftraggeber Willy Russ gehen, befriedigt erklärt, wohl aber auch aus Verkaufsgründen. Das Bild gilt als unvollendet. Zu verschiedenen Korrekturen, die Hodler an dem Bild noch vornehmen wollte, ist es nicht mehr gekommen. Der Kunstsalon Ferdinand Wyss organisiert im Juli und August 1916 eine Ausstellung mit Kriegsbildern. Es werden 400 Werke von Mitgliedern des k. u. k. österreichisch-ungarischen Kriegspressequartiers und der polnischen Legionen, die auf der Seite Österreich-Ungarns und Deutschlands gegen Russland kämpfen, gezeigt. Die im grossen Saal-Foyer des Casinos stattfindende Ausstellung stellt sich damit eindeutig hinter die kriegführenden Mittelmächte. Ernst Morgenthaler heiratet 1916 die Berner Aristokratin und Künstlerin Sasha von Sinner, die später durch ihre Puppen bekannt wird. 1916/17 arbeitet er als Schüler bei Hodler in Genf. Itten reist im Sommer über München, wo er Paul Klee trifft, nach Wien. Die definitive Übersiedlung Ittens nach Wien (auf Einladung einer seiner Schülerinnen in Stuttgart) erfolgt im Oktober. Itten bestreitet seinen Lebensunterhalt durch Unterricht in einer eigenen privaten Kunstschule. Im folgenden kommt er, vor allem durch seine Bekanntschaft mit Alma Mahler, in einen anregenden Kreis von Künstlern, Musikern und Intellektuellen, darunter Alban Berg, Arnold Schönberg, Joseph Matthias Hauer, WalterGropius und Adolf Loos. Am 25. November findet im Kursaal in Bern das zweite Fest (nach 1911) zugunsten des seit langem geplanten Baus der Kunsthalle statt. In diesem Zusammenhang zeigt das Kunstmuseum die «Humoristische Kunstausstellung 1916 wird die Versorgungslage in der Schweiz kritisch. Die wirtschaftliche Situation verschlechtert sich zusehends wegen der Abhängigkeit vom Ausland. Ähnlich wie die anderen Staaten Europas war die Schweiz auf einen Wirtschaftskrieg nicht vorbereitet. Nach dem Kriegseintritt Italiens im Mai 1915 ist die Schweiz isoliert. Ein Vertrag mit dem Deutschen Reich am 2. September 1916 sichert der Schweiz Kohlelieferungen. Am 22. Dezember, kurz nach einem überraschenden Friedensangebot der Zentralmächte und einer Vermittlungsnote des amerikanischen Präsidenten Wilson (12. Dezember), richtet sich der Bundesrat, vor allem auf Impuls Hoffmanns, mit einer Friedensbotschaft an die Kriegführenden. Sowohl die Zentralmächte wie auch die Alliierten antworten auf die Botschaft, die auch auf Druck der öffentlichen Meinung in der Schweiz erfolgt, ablehnend. Ernst Walser, der an Schizophrenie erkrankte Bruder von Robert und Karl Walser, stirbt am 17. November in der Heilanstalt Waldau. Der Anstaltsinsasse Adolf Wölfli zeichnet ab 1916 unter anderem «Porträts», die grossen Absatz unter Ärzten, Pflegern und anderen Interessierten finden. Im Krankenbericht wird erstmals erwähnt, dass seine Zeichnungen auch von Künstlern als künstlerisch eingestuft werden. Ab 1916 signiert Wölfli seine Werke in selbsternannter Heiligsprechung mit «Skt.Adolf II.». 1917 Klee wird am 16. Januar zur Fliegerschule nach Gersthofen versetzt. Am 1. Februar erklärt Deutschland den uneingeschränkten U-Boot-Krieg. Die USA erklären daraufhin am 4. April Deutschland den Krieg. Moilliet verbringt das Jahr 1917 noch bis in den Sommer am Genfersee. Im Juli übersiedelt er nach Münchenbuchsee. Gleichzeitig mietet er für zwei Jahre ein Atelier in Lausanne und malt am Genfersee, vereinzelt auch in Oberhofen am Thunersee. Im März wird in Zürich die Galerie Dada eröffnet. Auch Oscar Lüthy, der 1920 in Berlin das «Dadaistische Manifest» unterzeichnen wird, ist in der Eröffnungsausstellung vertreten. Im April werden in der Galerie Dada Werke von Itten und Baumann innerhalb einer Gruppe des Berliner «Sturm», im Mai Werke von Baumann, Klee und Lüthy ausgestellt. Am 8. März (nach dem Julianischen Kalender am 23. Februar) bricht in Petrograd die russische (bürgerliche) «Februar-Revolution» aus. Sobald sich die Nachricht vom Ausbruch der Revolution bestätigt hat, versammeln sich in Bern russische Vertreter der sozialistischen Zimmerwalder Bewegung, um über die Möglichkeiten der Heimkehr zu diskutieren. Grimm wird gebeten, mit dem deutschen Gesandten in Bern Kontakt zu suchen, um die Möglichkeiten einer Rückkehr durch Deutschland abzuklären. Am 9. April verlassen Lenin und andere russische Sozialisten in Begleitung des Schweizer Sozialdemokraten Fritz Platten Zürich. Ihr Ziel ist - via Deutschland, Schweden und Finnland - Petrograd. Platten hatte im Auftrag Lenins die Verhandlungen mit dem deutschen Botschafter in Bern, Gisbert Freiherr von Romberg, geführt. Die deutsche Heeresleitung stimmte der Heimreise Lenins zu, um die revolutionäre Situation in Russland zu schüren und an der Ostfront einen Frieden herbeizuführen. Im Mai befreien aufgebrachte Arbeiter den sozialdemokratischen Nationalrat Paul Graber aus dem Gefängnis von La Chaux-de-Fonds, wo er wegen «Beleidigung der Armee» in Haft ist. General Wille lässt die Stadt militärisch besetzen. Auf ihrem ausserordentlichen Parteitag vom 9./10. Juni in Bern sprechen sich die Sozialdemokraten auf Antrag der Zimmerwalder Linken scharf gegen die Landesverteidigung und eine etwaige Beteiligung am Krieg aus. Die Affäre um Bundesrat Arthur Hoffmann und Robert Grimm führt am 19. Juni zum Rücktritt von Hoffmann. Hoffmann war General Willes beste Stütze in der Landesregierung. Der Anlass von Hoffmanns Rücktritt ist eine - mit den übrigen Bundesratsmitgliedern nicht abgesprochene - gemeinsam mit dem sozialdemokratischen Nationalrat Robert Grimm unternommene Initiative zur Herbeiführung eines Friedens zwischen Russland und dem Deutschen Reich. Hoffmann erwartete von der russischen Revolution eine raschere Herbeiführung des Friedens und damit eine Erleichterung der wirtschaftlich zunehmend kritischen Lage in der Schweiz. Das Bekanntwerden der geheimen diplomatischen Initiative löst Überraschung und - vor allem bei den Alliierten - Empörung aus. In der Schweiz kommt es zu Massenpetitionen, Demonstrationen und Ausschreitungen. In Genf demonstriert eine wütende Menge vor dem deutschen Konsulat und versucht, das Konsulatsschild wegzureissen. Hinter der weit verbreiteten Entrüstung steckt die Furcht, der Vorfall könnte die Alliierten zu Repressalien in der ohnehin knappen Lebensmittelzufuhr veranlassen. Um den Schaden für die Schweiz in Grenzen zu halten, verlässt Hoffmann sein Amt. Am 16./17. Juli scheitert der von Lenin organisierte Petrograder Putsch der Bolschewiki durch das Eingreifen der Militärs. Lenin flieht nach Finnland. Nach dem Putsch des Generals Kornilow im September wird ein politisches Büro gegründet, dem unter anderen Lenin, Trotzki und Stalin angehören. Als Folge der durch den Krieg bedingten wirtschaftlichen Misslage radikalisieren sich Stimmung, Denken und Haltung der Arbeiterschaft und zunehmend auch von Teilen des Mittelstandes. Im Sommer kommt es in verschiedenen Schweizer Städten zu Kundgebungen gegen den Hunger. Angesichts der Verarmung weiter Teile der Bevölkerung ruft die sozialdemokratische Partei der Schweiz und der Gewerkschaftsbund am 30. August zu einem Warnungsstreik auf. An diesem Tag finden in Bern und Zürich Demonstrationen von Arbeiterfrauen statt. Es handelt sich dabei um die ersten Frauendemonstrationen in der Schweiz. Am 21. August verfügt der Bundesrat die Beschlagnahme der inländischen Getreideernte. Am 1.Oktober folgt die Rationierung von Mehl und Brot. Vom 15. Mai bis 31. Juli findet in Zürich die «XIII. Schweizerische Kunstausstellung» statt. Der Bund kauft zum ersten Mal seit 1914 wieder Kunstwerke an, darunter die Radierung «Bild eines Pessimisten» (Kat. 243) von Fritz Pauli. Im Sommer (14. Juni bis 5. August) zeigt das Kunsthaus Zürich eine Ausstellung von Hodler mit 606 Werken und damit die bisher umfassendste Übersicht über sein Schaffen. Die Ausstellung wird zu einem ausserordentlichen Besucher- und Presseerfolg. Hodler erfährt zum ersten Mal die einstimmige Anerkennung in seiner Heimat. Im November meldet er seinem Sohn, er habe für 400'000 Franken Bilder verkauft. Vom 18. August bis 30. September findet auf dem Kirchenfeld in Bern, drei Jahre nach der berühmten Veranstaltung in Köln, die zweite Ausstellung des Deutschen Werkbundes statt. Die kurz nach Kriegsausbruch in München begründete Zeitschrift «Zeit-Echo» mit dem Untertitel «Ein Kriegstagebuch der Künstler» wird 1917 vom Redaktor Ludwig Rubiner, einem engagierten Pazifisten aus dem Kreis um Franz Pfemferts «Aktion», nach Bern überführt. Der Herausgeber flüchtete, ähnlich wie vor ihm Schickele mit den «Weissen Blättern», vor dem zunehmenden Druck der deutschen Zensur in die Schweiz. Das «Zeit-Echo» bringt literarische Beiträge und Originalgraphik mit ab 1915 zunehmend kriegskritischem Inhalt. Zu den bekanntesten Mitarbeitern gehören Ernst Bloch, E. Lasker-Schüler, Schickele, Werfel, künstlerische Beiträge liefern u. a. Barlach, Feininger, Kubin, Picasso und H. Richter. Klee hatte 1914 im 3. Heft eine Lithographie mit dem Titel «Schlachtfeld» veröffentlicht, in der er seine Reaktion auf den Krieg zum Ausdruck brachte. Im August/September 1917 erscheint das letzte Heft des «Zeit-Echo» im Benteli-Verlag. Hugo Ball, der Begründer der Dada-Bewegung in Zürich, übersiedelt Anfang September nach Bern. Wichtig für Ball wird, wie zuvor in Zürich, der Kontakt zu René Schickele, der inzwischen in Bern die «Weissen Blätter» herausgibt und die Schriftenreihe «Europäische Bibliothek» vorbereitet. Entscheidend werden die Beziehungen zur politischen Emigration, die sich schon 1915 in Zürich anbahnten. Von September 1917 bis März 1920 schreibt Ball zahlreiche Beiträge für die «Freie Zeitung». Im April 1917 von dem demissionierten deutschen Diplomaten Hans Schlieben gegründet, entwickelt sich das Blatt zu einem wichtigen politischen Forum emigrierter Kriegsgegner und kämpferischer Republikaner. Im Laufe des Jahres 1918 wird Hugo Ball Mitglied der Redaktion und gilt als ihr intellektuell prägender Kopf. Zum Mitarbeiterkreis der «Freien Zeitung» gehören unter anderen Ernst Bloch, Kurt Eisner, Claire und Ivan Goll, Carl von Ossietzky und Franz Pfemfert. Die Kriegsschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg, erstmals von Hugo Ball im Artikel «Das wahre Gesicht» 1915 entwickelt, wird für ihn das wichtigste Thema seiner Berner Jahre. Die «Freie Zeitung» ist das erste Organ, das sich bereits während dem Krieg mit der in der Folge für die innerdeutsche Entwicklung entscheidenden Kriegsschuldfrage auseinandersetzt. Bis heute ist nicht geklärt, in welchem Masse die «Freie Zeitung» von der Entente finanziell unterstützt und als ihr Propagandaorgan eingesetzt wurde. Als Gegenorgan zur «Freien Zeitung» erscheint ab August 1917 mit amtlicher deutscher Unterstützung die Zeitung «Das Freie Wort» in Zürich. Das Blatt stösst aber, im Gegensatz zur auflagenstarken «Freien Zeitung», auf wenig Resonanz. Hugo Ball begegnet anfangs November Franz Werfel und Else Lasker-Schüler in Bern. Ernst Bloch kommt im Herbst 1917 nach dem Abschluss des Manuskriptes von «Geist der Utopie» (1918 erschienen) in die Schweiz. Anlass sind Studien über pazifistische Ideologien in der Schweiz. Bloch wird hier bald einer der wichtigsten Vertreter jener gezwungen oder freiwillig ins Exil verbannten Jugend, die von der Schweiz aus gegen den Krieg und das wilhelminische Deutschland kämpft. Bloch wohnt zuerst in Thun, ab Ende 1918 in Interlaken. Er wird dort von einheimischen Freunden unterstützt. Bloch lernt Hugo Ball kennen und gehört ab Oktober 1917 zu den Mitarbeitern der «Freien Zeitung». Ball regt Bloch zum Studium Bakunins und Thomas Münzers an. Walter Benjamin, dem es mit Hilfe seiner Frau gelingt, sich kriegsdienstuntauglich erklären zu lassen, übersiedelt im Herbst 1917 mit seiner Frau nach Bern. Er schreibt sich an der Universität ein, wo er im Fach Philosophie promovieren will. Die freiwillige Emigration in die Schweiz ist bei Benjamin wie bei den wenigen deutschen Intellektuellen, die einen ähnlichen Schritt vollziehen (Hermann Hesse, Hugo Ball oder Ernst Bloch) als Zeichen einer bewussten Abwendung von der herrschenden öffentlichen Meinung des kriegführenden Deutschland zu werten. Acht Monate nach der «bürgerlichen» Februar-Revolution, die die Zarenherrschaft in Russland beendete, führt Lenin am 7. November (nach dem Julianischen Kalender am 25.Oktober) die sozialistische Oktober-Revolution durch. Die Revolution beginnt mit dem Sturm der Bolschewiki auf das Winterpalais in Petrograd (heute Leningrad). Am 15. bis 17. November kommt es bei Pazifistendemonstrationen und Jungburschenkrawallen der sozialistischen Jugendbewegung in Zürich zu schweren Ausschreitungen mit vier Todesopfern. Vom 19. bis 22. November findet in Bern die «Zusammenkunft zur Besprechung der künftigen Völkerbeziehungen», eine Konferenz der kriegführenden Länder, statt. Im Frühjahr 1917 erscheint im Verlag A. Francke in Bern die Sammlung «Kleine Prosa» von Robert Walser. Der Band «Poetenleben» erscheint im November (mit Druckvermerk 1918). Hermann Hesse bespricht das Buch mit Bewunderung. Er schreibt: «Wenn solche Dichter wie Walser zu den 1917 wird Hesse von der deutschen Gesandtschaft nahegelegt, entweder auf seine zeitkritische Publizistik oder auf seine Mitarbeit bei der Kriegsgefangenenfürsorge zu verzichten. Hesse veröffentlicht ab sofort die engagiertesten politischen Artikel unter dem Decknamen Emil Sinclair, eine Anspielung auf den Hölderlin-Freund und Republikaner Isaak von Sinclair. 1917 beginnt Wölfli mit der umfangreichen Produktion von «Brotkunst» - Einblattzeichnungen, die er bis zu seinem Tod aufrechterhält. Wölfli hat selbst verschiedene Verzeichnisse über den Verkauf solcher Blätter (an das Anstaltspersonal, Ärzte, Studenten) aufgestellt. Ab 1917 arbeitet Wölfli an seinen musikalischen Kompositionen. 1918 Am 4. Februar konstituiert sich in Bern unter Führung von Robert Grimm das Oltener Aktionskomitee. Es versteht sich als Organ zur Vorbereitung von politischen Massenorganisationen und zur zielbewussteren Führung des Klassenkampfes. Das Komitee tagt im folgenden meist in Bern. Hodler wird am 2. März zum Ehrenbürger von Genf ernannt. Nach längerer Krankheit und vorübergehender Besserung stirbt er am 19. Mai in seiner Wohnung am Quai du Mont-Blanc in Genf. Im Frieden von Brest-Litowsk (3. März 1918) erzwingen die Mittelmächte von Russland den Verzicht auf Livland, Kurland, Litauen, Estland und Polen und die Anerkennung Finnlands und der Ukraine als selbständige Staaten. Im April findet in Bern eine Internationale Frauenkonferenz für die Verständigung unter den Völkern statt. Gershom Scholem, der Freund von Walter Benjamin und spätere Gelehrte der Judaistik, übersiedelt am 4. Mai nach Bern. Er studiert zunächst an der Universität Mathematik. Grund seines Aufenthaltes ist die Freundschaft mit Walter und Dora Benjamin. Bald nach Scholems Ankunft ziehen die Freunde nach Muri, wo sie bis August in einer Zeit intensiven geistigen Austauschs wohnen. Benjamin gelangt in Bern, trotz seines ausgesprochenen Interesses für die Literatur und Kunst von Geisteskranken, nicht zur Kenntnis von Wölflis Person, der gleichzeitig in der Irrenanstalt Waldau interniert ist. Am 19. Mai trifft der neue Botschafter Sowjet-Russlands mit seinem Stab in Bern ein. Die sowjetische Gesandtschaft in Bern wird für kurze Zeit zu einem der wichtigsten ausländischen Informationsträger der bolschewistischen Regierung und zu einem Zentrum der revolutionären Agitation: sie informiert von der Schweiz aus andere Länder über die Lage in Russland und über die bolschewistische Politik und funktioniert als Beobachtungsposten zur Nachrichtenbeschaffung über die Arbeiterbewegungen in ganz Westeuropa. Itten hält sich im Sommer auf der Zeig über Sigriswil am Thunersee auf. Er malt und schreibt Gedichte und widmet sich der Lektüre mystischer Schriften. Werefkin und Jawlensky übersiedeln von St-Prex am Genfersee nach Ascona und besuchen Amiet auf der Oschwand. 1918 lässt sich der Industrielle Max Wassmer im Schloss Bremgarten bei Bern nieder. Sein Haus wird in den folgenden Jahren zum Treffpunkt für Künstler, Musiker und Schriftsteller, darunter Amiet, Moilliet, Lüthy, Ernst Morgenthaler und Hesse. 1918 vergibt der Bund Stipendien zur Förderung besonders talentierter Künstler. Stipendien erhalten unter anderen die Berner Künstler Martin Lauterburg, Helene Roth, Hermann Hubacher, Alfred Gloor und Walo von May. Der Bildhauer Otto Fivian erhält einen «Aufmunterungspreis». Im Sommer übersiedelt Hugo Balls Freundin Emmy Hennings mit ihrer Tochter nach Bern. Im August wird in Bern der «Freie Verlag» gegründet. Hugo Ball ist literarischer Leiter, als Geschäftsführer fungiert der Schweizer Hans Huber, der auch verantwortlicher Redaktor der «Freien Zeitung» ist. Der Verlag veröffentlicht vor allem Bücher und Broschüren aus deren Mitarbeiterkreis, die der Sammlung und Verbreitung demokratischer Ideen dienen. Der «Freie Verlag» wirkt zuerst an der Adresse der «Freien Zeitung» an der Zieglerstrasse 8 und bezieht im Herbst Räume am Falkenplatz 22. Die Verlagsvignette entwirft Hans Richter. Der Sommer 1918 bringt eine weitere Verknappung der Lebensmittel und ein Ansteigen der Teuerung. Am 17. Juni kommt es in Zürich zu Hungerdemonstrationen von Arbeiterfrauen. In den folgenden Tagen finden auch in Bern, Basel, La Chaux-de-Fonds und Genf Teuerungsdemonstrationen statt. In Zürich und Basel kommt es erneut zu Jungburschenkrawallen. Ende Juni finden auch in Biel und Thun lokale Streiks statt. Im Verlauf des Krieges war die Zahl der Notstandsberechtigten ständig angestiegen und erreichte im Juni 1918 den Höchststand mit gegen 700000 Personen (ein Sechstel der Bevölkerung). In Bern sind schon 1917 27000 Personen oder rund 26 Prozent der Wohnbevölkerung notstandsberechtigt. Während die Rohstoffversorgung für die meisten Industriezweige dank dem Interesse der umliegenden Staaten am schweizerischen Industriepotential während des Krieges gesichert bleibt, verschlechtert sich die Lebensmittellage bedrohlich und führt zu einer starken Teuerung. Dem entgegen stehen die Profite durch Spekulation und Wucher und die glänzenden Gewinne von Industriellen, die von der Kriegswirtschaft profitieren. Zwar hatte der Bundesrat bereits am 10.August eine Verordnung gegen den Preiswucher erlassen, doch die Rationierung der wichtigsten Lebensmittel erfolgt erst ab Oktober 1917. Zusätzlich bricht im Juli 1918 in der ganzen Schweiz eine Grippe-Epidemie aus («Spanische Grippe»). Sie fordert im Winter 1918/19 allein in Bern zeitweise über 200 Todesopfer im Monat. Am 5. Oktober wird die Kunsthalle Bern eröffnet. An der Eröffnungsausstellung (5. Oktober bis 3. November), die einen beinahe lückenlosen Überblick über das Schaffen der zeitgenössischen Berner Künstler ermöglicht, sind unter anderen Amiet, Brügger (mit dem Bild «Abend», Kat.45), H. Haller, Klee (mit vier Aquarellen), Moilliet («Im Zirkus», Abb. 88) Morach, Morgenthaler, Pauli, Plattner und Steck («Trauer», Kat. 259) beteiligt. Gezeigt werden auch Werkgruppen der verstorbenen Künstler Anker, Buchser, Buri, Dietler, Hodler, Rodo de Niederhäusern und Stauffer-Bern. Hans Bloesch, der Jugendfreund von Paul Klee, schreibt im «Werk»: «Bern wird auch nach der Eröffnung der Kunsthalle nicht eine Kunststadt werden, aber es ist doch die Möglichkeit damit gegeben, dass die Stadt im schweizerischen Kunstleben die Stellung einnehmen kann, die ihr schon lange zugekommen wäre, wenn man die stolze Reihe tüchtiger (...) Kräfte überblickt, die sie durch ihre Lage und Umgebung mehr zu fesseln vermag als durch die Lebensbedingungen, die sie dem Künstler eng genug zumisst. Man könnte versucht sein, die lange Liste derjenigen aufzustellen, die in Bern geblieben oder nach Bern gekommen wären, wenn die Verhältnisse hier etwas erfreulicher wären.» Nach einem Aufenthalt in Hellsau lebt und arbeitet Ernst Morgenthaler 1918 bis 1920 in Oberhofen am Thunersee. Hermann Hesse, mit dem ihn später eine lange Freundschaft verbinden sollte, lernt er trotz teilweise gleichzeitigem Aufenthalt in Bern erst später kennen. Der Erste Weltkrieg endet am 11. November mit dem allgemeinen Waffenstillstand. Er hat acht Millionen Soldaten das Leben gekostet. Als für den 7. November eine grosse Kundgebung in Zürich aus Anlass des Jahrestages der russischen Revolution angekündigt wird, verfügt der Bundesrat auf wiederholten Antrag von General Ulrich Wille und auf Ersuchen der Zürcher Regierung ein Truppenaufgebot. Als Reaktion auf diese als Provokation angesehene Massnahme wird im Oltener Aktionskomitee unter der Führung von Robert Grimm nach längeren Debatten ein 24stündiger Proteststreik für 20 grössere Orte am 9. November beschlossen. Der Bundesrat verstärkt daraufhin das Truppenaufgebot in Zürich. Nun ruft das Aktionskomitee, unter erheblichem Druck der radikalen Entwicklung in Zürich, zum unbegrenzten Generalstreik auf und setzt seinen Beginn auf den 11. November 24 Uhr fest. Die Beurteilung der internationalen Lage spielt bei der Auslösung des Generalstreiks eine entscheidende Rolle. Am 9. November, dem Schicksalstag Deutschlands, dankt der deutsche Kaiser ab, in Bayern verkündet Eisner die Republik, in mehreren deutschen Städten versuchen Arbeiter- und Soldatenräte, an die Macht zu kommen. Der Streik, der zunächst erfolgreich anläuft, wird militärisch niedergeschlagen und muss nach drei Tagen, am 14. November, abgebrochen werden. Robert Grimm und andere Mitglieder des Aktionskomitees werden in einem Prozess vor Kriegsgericht (März/April 1919) wegen Anstiftung zur Meuterei und Widerhandlung gegen eine Verordnung des Bundesrates zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Grimm, der seine Gefängnisstrafe auf Schloss Blankenburg im Obersimmental verbüsst, schreibt während der Haft seine «Geschichte der Schweiz in ihren Klassenkämpfen» (Bern 1920). Am 9. November bricht der Bundesrat die diplomatischen Beziehungen zu Sowjet-Russland ab. Die Sowjet-Gesandtschaft wird aus Bern ausgewiesen. Die Ausweisung erfolgt unter anderem auf diplomatischen Druck der Entente-Regierungen. Die Reisegesellschaft wird vom zahlreich anwesenden Berner Publikum ausgejohlt und ausgepfiffen. Da der Zugsverkehr infolge des Generalstreiks unterbrochen ist, wird die Botschaft unter militärischer Begleitung in Automobilen an die Grenze gebracht. Die Ausweisung der Sowjetmission führt zu russischen Gegenmassnahmen, die schliesslich zum Abbruch aller Beziehungen zwischen den beiden Ländern führen. Am 12. November beschliesst der Bundesrat, wegen vermuteter «geplanter Verbrechen gegen die innere und äussere Sicherheit der Eidgenossenschaft» eine Untersuchung über revolutionäre bolschewistische Umtriebe in der Schweiz zu veranlassen. Das Verfahren wird durch Bundesratsbeschluss am 27. Februar 1920 wegen Mangel an Beweisen eingestellt. Klee, der am 20. März dieses Jahres noch zum Gefreiten befördert wurde, wird im Dezember vom Kriegsdienst beurlaubt bis zur endgültigen Entlassung im Februar 1919. Kahnweiler, der immer noch in Bern lebt, muss bei Kriegsende (11. November) noch über ein Jahr auf die Ratifizierung der Friedensverträge warten, um nach Frankreich zurückkehren zu können. Nach dem Waffenstillstand und dem Sturz der Monarchie in Deutschland beschliesst die Redaktion der «Freien Zeitung» am 21. November, ihre Arbeit weiterhin in Bern fortzusetzen. Über Vertriebsmöglichkeiten der «Freien Zeitung» und des «Freien Verlages» in Deutschland wird unter anderem mit Franz Pfemfert, dem Herausgeber der «Aktion», verhandelt. Die «Freie Zeitung» hat im folgenden durch mehrere Mitarbeiter direkte Kontakte zur Münchner Revolutionsregierung und zur demokratischen und sozialdemokratischen Opposition in Berlin. Im «Promachos-Verlag» in Belp, der von den Brüdern Jordi geleitet wird und der Druckerei Jordi angeschlossen ist, erscheinen in den Jahren 1917 und 1918 zahlreiche Bücher und Broschüren von bekannten Sozialisten. Lenin publiziert dort unter anderem «Die nächsten Aufgaben der Sowjet-Macht» und «Ein Brief an die amerikanischen Arbeiter» (beide 1918), Leo Trotzki die Broschüre «Von der Oktober-Revolution zum Brester Friedensvertrag» (1918), Robert Grimm den Bericht «Zimmerwald und Kiental» (1917). Nach dem Scheitern des Landesstreiks wird der Promachos-Verlag aufgelöst, und die Lagerbestände werden beschlagnahmt. Ab 1918 arbeitet Otto Meyer, der seit 1912 meist in grosser Einsamkeit im Dorf Amden lebt, an den Internats-Zyklen, mit denen er Bezug nimmt auf seinen jugendlichen Aufenthalt im Burgerlichen Waisenhaus in Bern (1892-1900). Dazu gehören die Bildthemen «Im Münster» (Abb.33), «Impfung» (Kat. 190), «Eintritt in Klasse» (Kat. 186) und «Schlafsaal im Waisenhaus» (Kat. 192). 1919 Hugo Balls Schrift «Zur Kritik der deutschen Intelligenz» erscheint am 17. Januar im «Freien Verlag» in Bern. Anfangs 1919 entwickelt sich ein reger nachbarschaftlicher Kontakt zwischen Hugo Ball, Emmy Hennings und Dora und Walter Benjamin, die damals ebenfalls im Marzili-Quartier wohnen. Benjamin gehört zu den ersten Lesern der «Kritik der deutschen Intelligenz» und gibt das Buch an seinen Freund Gershom Scholem weiter. Durch Hugo Ball lernt Benjamin im Frühjahr Ernst Bloch kennen, der damals in Interlaken wohnt. Benjamin wird in den Gesprächen mit Bloch und Ball mit der Frage politischer Aktivität konfrontiert, die er in dem Sinne, wie ihn seine Partner dazu auffordern, ablehnt. Ernst Bloch reist im Frühjahr nach dem Ausbruch der Revolution in verschiedenen deutschen Städten zusammen mit seiner kranken Frau Elsa zurück nach Deutschland. 1919 wird das, was Lenin während seines Aufenthalts in der Schweiz bei den sozialistischen Tagungen von Zimmerwald (1915) und Kiental (1916) nicht gelungen ist, Tatsache: im März wird in Moskau die III. Internationale («Komintern» oder Kommunistische Internationale) gegründet. Hermann Hesse verlässt nach beinahe sieben Jahren Aufenthalt im April Bern, nachdem seine Familie und sein Haushalt zusammengebrochen sind. Seine nervenkranke Frau befindet sich in der Anstalt. Hesse übersiedelt allein ins Tessin Hermann Hesses Erzählung «Demian», geschrieben im September/Oktober 1917, erscheint 1919 unter dem Pseudonym Emil Sinclair. Das Buch, von ausserordentlicher zeitgeschichtlicher Aktualität, übt auf die junge Generation nach dem Ersten Weltkrieg eine elektrisierende Wirkung aus. Cuno Amiet wird die Ehrendoktorwürde der Universität Bern verliehen. Vom 13. April bis 18. Mai findet eine stark besuchte, erfolgreiche Einzelausstellung Amiets in der Kunsthalle Bern statt. Hermann Hesse schreibt den Katalogtext. Hermann Walser, der Bruder von Robert und Karl Walser und seit 1909 Professor für Geographie an der Universität Bern, scheidet am 1. Mai freiwillig aus dem Leben. Der tragische Tod seiner Brüder Ernst (1916) und Hermann bedeutet eine Zäsur in Robert Walsers Leben und Werk in einer zudem wirtschaftlich fast unhaltbar gewordenen Situation. «Wenn ich dieses Jahr noch die Dichterexistenz aufrechterhalten kann, will ich froh sein, niemandem zürnen und hernach vom Schauplatz abtreten, d. h. in eine Stellung gehen und in der Masse verschwinden. Ich habe in den sechs Jahren meines hiesigen Aufenthaltes das Menschenmögliche an Sparsamkeit getan. Ich wünsche einem jeden, der mir das nachmachen will, viel Erfolg. Ich komme eben von Bern, wo mein Bruder beerdigt wurde.» (Brief vom B. Mai 1919.) Walter Gropius, der Gatte von Alma Mahler, lädt Itten im Februar in Wien ein, als Meister an das in Gründung begriffene Bauhaus nach Weimar zu kommen. Er nimmt am 1. Juni gastweise an der ersten Meisterrats-Sitzung des Bauhauses teil. Anfang Oktober übersiedelt Itten nach Weimar und nimmt den Unterricht am Bauhaus auf. 15 Wiener Schülerinnen und Schüler folgen ihm. Gleichzeitig wird in Zürich ein Dada-Manifest gegen das Bauhaus veröffentlicht. Klee wird am 12. April Mitglied im Rat bildender Künstler Münchens und im Aktionsausschuss Revolutionärer Künstler Münchens, den kunstpolitischen Gremien in der Bayrischen Räterepublik. Er flüchtet nach dem Sturz der Räteregierung am 11. Juni in die Schweiz. Im Juni und Juli versucht Oskar Schlemmer als Vorsitzender des Studentenausschusses der Stuttgarter Akademie, eine Berufung Klees als Nachfolger Adolf Hölzels zu erwirken. Die Berufung wird abgelehnt. Klee verbringt den Sommer in Bern. Am 21. Juni knüpft er in Zürich Kontakte mit dem Dada-Kreis. Er trifft Hans Arp, Hans Richter und Tristan Tzara. Moilliet arbeitet in diesem Jahr viel mit dem Bildhauer Hermann Hubacher, bei dem er während einiger Monate in Faulensee wohnt. Im Juni und Juli wohnt Moilliet in Luzern. Ende Mai findet in Biel ein schweizerischer Kommunistenkongress statt, an dem die Gründung einer schweizerischen kommunistischen Partei beschlossen und Statuten aufgestellt werden. Ende Juni promoviert Walter Benjamin «summa cum laude» an der Universität Bern mit der Dissertation «Der Begriff der Kunstkritik in der deutschen Romantik». Gerhard Scholem verlässt Bern im Sommer 1919, Walter Benjamin anfangs November 1919. Scholem studiert in München, Dora und Walter Benjamin lassen sich in Berlin nieder. Am 7. Juli 1919 veranlasst der Eidgenössische Untersuchungsrichter in Bern eine Erhebung gegen Hugo Ball und Emmy Hennings wegen Verdachts, dass die beiden revolutionäre Ideen propagieren. Die Untersuchung verläuft ohne Ergebnis. Am 31. Juli kommt es in Basel erneut zu einem Generalstreik. In Zürich wird am 1. August die Arbeit ebenfalls niedergelegt. Vom 10. August bis 15.Oktober findet in Basel die «XIV. schweizerische Kunstausstellung» statt. Der Bund kauft unter anderem Bilder von Alice Bailly und Ernst Kreidolf und eine Büste von Cuno Amiet. In einer Volksabstimmung wird am 4. September die Erhebung einer zweiten Kriegssteuer (erste 1915) angenommen. Der im Dezember 1918 in seiner Funktion als General entlassene Ulrich Wille besucht im September General Ludendorff in Deutschland, den er bewundert und mit dem er schon während des Krieges auf diplomatischem Weg freundschaftlich verkehrt hatte. Otto von Greyerz, Schriftsteller und Deutschlehrer am Gymnasium, unter anderem von Paul Klee, veröffentlicht im September im «Bund» eine Besprechung von Robert Walsers Band «Gedichte». Er kommt in der Rezension zu einem vernichtenden Urteil: «So abgeklappt und schachmatt hat noch selten einer gedichtet. Ruhe, Zufriedenheit, Schlaf ist alles, was er begehrt, aufgelöstes Wollen, erloschene Sehnsucht...» Ende 1919 verschärfen sich die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des «Freien Verlages» in Bern und damit auch jene der «Freien Zeitung». Die Zeitung wird seit November 1918 wegen der Sympathie der Mitarbeiter mit der revolutionären Bewegung in Deutschland systematisch boykottiert. Alice Bailly hält sich im Herbst im Berner Oberland auf. Ein Unfall zwingt sie zu einem Spitalaufenthalt in Interlaken. Von Nov. 1919 bis März 1920 wohnt sie in Bern. Die Kunsthalle Bern zeigt von Alice Bailly 1921 eine Einzelausstellung. 1920 Erst zu Beginn des Jahres werden die als Folge des totalen Wirtschaftskrieges abgeschlossenen Kompensationsabkommen der Schweiz mit den kriegführenden Ländern, die eine starke Einschränkung der wirtschaftlichen Unabhängigkeit darstellten, aufgehoben. Vom 14. Januar bis 8. Februar findet in der Kunsthalle Bern die dritte Ausstellung der Künstlergruppe «Das Neue Leben» statt. Die Gruppe, 1918 in Basel gegründet, hat den Anspruch, alle revolutionären Strömungen der Zeit zu vereinen, und erhält wesentliche Impulse von der Zürcher Dada-Bewegung. Arnold Brügger zeigt in der Kunsthalle die grösste Zahl von Arbeiten, andere Schwerpunkte setzen Fritz Baumann, Marcel Janco, Otto Morach, Alice Bailly, Sophie Taeuber und Arthur Segal, der sich damals in Interlaken aufhält. Die neue Kunst stösst im Berner Publikum auf eine schlechte Aufnahme. Die Plakatwände am Eingang der Kunsthalle werden mit Spottnamen überklebt. Daniel-Henry Kahnweiler kehrt am 22. Februar nach Paris zurück. In den folgenden Jahren (1921-1923) finden in Paris vier Zwangsversteigerungen seiner als Kriegsgut beschlagnahmten aussergewöhnlichen Sammlung von moderner Kunst statt. Hugo Ball und Emmy Hennings heiraten am 21. Februar in Bern. Beide bleiben nur noch wenige Wochen. Die «Freie Zeitung» erscheint nur noch bis Ende März. Pläne für eine Fortführung als Zeitschrift mit Verlegung der Redaktion nach Deutschland zerschlagen sich später. Auch der «Freie Verlag» wird im Sommer aufgelöst. Hugo Ball kehrt im August nach einem längeren Deutschlandaufenthalt in die Schweiz zurück und lässt sich im Dorf Agnuzzo am Luganersee nieder. Aus der Begegnung mit Hermann Hesse, den Ball in Bern trotz gleichzeitigem Aufenthalt nie kennengelernt hat, entwickelt sich eine tragende Freundschaft. Im April bringt Hermann Hesse seinen ältesten Sohn Bruno zu Cuno Amiet auf die Oschwand. Amiet wird der Lehrer von Bruno Hesse. Hesse veröffentlicht den Band «Blick ins Chaos» (Seldwyla Verlag, Bern) mit zwei Essays über Dostojewski. Louis Moilliet hält sich von Dezember 1919 bis Frühjahr 1920 zum ersten Mal seit Kriegsausbruch wieder in Tunesien auf. Den Sommer verbringt er im Tessin, zum Teil mit Hermann Hesse in Montagnola. Die beiden Freunde malen verschiedentlich zusammen. Klee wird am 29. Oktober von Walter Gropius an das Staatliche Bauhaus in Weimar berufen. Ernst Morgenthaler übersiedelt 1920 von Oberhofen nach Zürich. Angezogen von der künstlerischen Aufbruchstimmung, begegnet er dort einer eigentlichen Exklave von «ausgewanderten» Bildhauern und Malern bernischer Herkunft, darunter Karl Walser, Hermann Haller, Hermann Hubacher, Fritz Pauli, Oscar Lüthy, Werner Feuz und Otto Meyer-Amden. Auf dem ausserordentlichen Parteitag der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz in Bern findet die Lösung des linken Flügels, der 1921 die Kommunistische Partei gründet, statt. 1920 veröffentlicht der Maler und Schriftsteller Ulrich Wilhelm Züricher eine polemische Streitschrift mit dem Titel «Kunst und Kunstpolitik in Bern. Eine Klarlegung». In vielen Teilen die bekannten Argumente konservativer Kulturkritik aufgreifend (vgl. Johannes Winkler, 1911 ), polemisiert Züricher gegen die alles verderbende «Kunstgrippe», die im Gefolge von Hodler auch die Berner Kunst und insbesondere Amiet erfasst habe. Als weitere Vertreter dieses «Kunstgrippegeschwaders» bezeichnet der Autor Brügger, Itten, Morach, Alice Bailly, Boss und Surbek. Er greift auch die engagierten Verfechter neuer Kunst an, darunter vor allem Loosli. Den Modernen werden die «Stillen im Lande», die «das grippefreie Kunstschaffen in unserem Bernerland» repräsentieren, als beispielhaft und verkannt entgegengestellt. Dazu gehören vor allem Rudolf Münger, Welti, Balmer, aber auch Hänny und Eggimann. Die Streitschrift Zürichers ist aufschlussreich für eine konservative Gegenströmung, welche, trotz dem Bau der Kunsthalle, nach zwei Jahrzehnten des künstlerischen Aufbruchs die Berner Szene gegen Ende dieses Jahrzehnts verstärkt zu bestimmen beginnt. Quelle: Josef Helfenstein Bern 1910-1920: Chronologie künstlerischer und historischer Ereignisse Der sanfte Trug des Berner Milieus Künstler und Emigranten 1910-1920 Kunstmuseum Bern Ausstellungs-Katalog ![]() |