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Bern die Hauptstadt mit Charme Gewerbeschule und Lehrwerkstätten Bern Gewerbeschule Lorrainestrasse 1. Die 1826 gegründete private Handwerkerschule musste im 19. Jh. zeitweise alljährlich ein neues Schulhaus suchen. Nur in den Sechziger- und Siebzigerjahren befand sie sich längere Zeit im Kornhaus beziehen (Zeughausgasse 2). 1899 wurde die Handwerkerschule mit der dreissig Jahre zuvor eröffneten Kunstschule zur Handwerker- und Kunstgewerbeschule verschmolzen. 1910 ging diese als G. an die Stadt über. Den heutigen Bau bezog sie zu Beginn des Zweiten Weltkrieges. Historisch-topographisches Lexikon der Stadt Bern Gewerbeschule und Lehrwerkstätten Bern Entstehungsgeschichte Mitte November 1934 schrieb die Baudirektion der Stadt Bern einen Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen für den Neubau eines Gewerbeschulhauses und die Erweiterung der Lehrwerkstätten aus. Die akute Raumnot und das neue Bundesgesetz über die Berufsausbildung, das 1930 zum ersten Mal gesamtschweizerische Richtlinien für die kantonalen Ausbildungsstätten festlegte, veranlassten die Behörden zur Ausschreibung dieses Wettbewerbs. Mitte 1935 fiel der Entscheid: Hans Brechbühlers Projekt wurde mit dem 1. Rang, drei weitere Projekte mit einem 2. Rang ausgezeichnet, darunter dasjenige von Dubach & Gloor, die später mit der Bauleitung betraut wurden. Es war ein sensationeller Entscheid zugunsten der Moderne, der von den prominenten Architekten Karl Egender, Armin Meili und Hans Hofmann gegen den Widerstand der Behördenvertreter durchgesetzt worden war.44 Das Projekt von Hans Brechbühler hatte keine leichte Ausgangslage. Belastend war seine offensichtliche Verwandtschaft mit dem 1933 in der Cité Universitaire in Paris eingeweihten Pavillon Suisse von Le Corbusier, der aus Kreisen der politischen Rechten der Schweiz als unschweizerisch und materialistisch verunglimpft worden war. Der Wettbewerbsentwurf Hans Brechbühlers entstand gut vier Jahre nach seinem Pariser Aufenthalt, und gewisse Analogien zu Le Corbusiers fünf Punkten einer neuen Architektur sind unverkennbar. Sie zeugen von der ungebrochenen Faszination, die Le Corbusier auf ihn ausübte. Aber auch die exponierte Lage des Areals, das für die neue Schule gewählt worden war, stellte ein Problem dar, steht doch ein Neubau am nördlichen Brückenkopf der Lorrainebrücke frontal der Berner Altstadt gegenüber. Und gerade diesen Sachverhalt machte Hans Brechbühler zum provokativ formulierten Thema, indem er dem Monument Altstadt ein Monument der Moderne gegenüberstellte.45 - Wie aber sollte ein solches Projekt in einer Volksabstimmung vor dem Stimmbürger bestehen? Die Fachrichter, die sich für das Projekt Hans Brechbühlers eingesetzt hatten, mussten von ihrem Vorteil überzeugt gewesen sein. Meili hatte später Hans Brechbühler gegenüber dieses Preisgericht als das schönste seines Lebens bezeichnet. Die Fachrichter seien sich schon am ersten Tag einig gewesen, dass das Projekt «Kristall» mit dem 1. Preis ausgezeichnet werden sollte. Als die Vertreter der Behörden dagegen opponierten, hatten die drei Architekten mit ihrem Rücktritt aus dem Preisgericht gedroht. Die Jurierung endete schliesslich mit einem Kompromiss; es wurden nicht Preise, sondern Ränge verteilt, und das Preisgericht empfahl, die vier Architekten in den ersten beiden Rängen zu einer Überarbeitung ihrer Projekte einzuladen. Der städtische Baudirektor schrieb in seinem an den Gemeinderat gerichteten Antrag zur Durchführung des zweiten Wettbewerbs: «Leider verfügen die Herren Brechbühler, Hänny und Küry nur über eine kurze Baupraxis, was zu einigen Bedenken hinsichtlich einer allfälligen Erteilung eines Bauauftrages Anlass gibt. Das Preisgericht wird sich nach Durchführung des vorgesehenen 2. Wettbewerbes auch über diesen Punkt auszusprechen haben.» Diese lakonische Bemerkung muss als Schachzug gegen die drei jungen Architekten gesehen werden, speziell natürlich gegen den erst 28jährigen Hans Brechbühler, der wohl wenig Chancen gehabt hätte, wäre dieser zweite Wettbewerb tatsächlich durchgeführt worden. Dazu kam es jedoch dank günstiger politischer Umstände nicht. Die Sozialdemokratische Partei hatte ihren politischen Erfolg nicht vergessen, den sie in Zürich 1930 mit ihrem Einsatz für das von den Architekten Adolf Steger und Karl Egender ausgearbeitete Projekt für die Gewerbeschule mit Kunstgewerbemuseum errungen hatte. Sie war damals mit der ideellen Verbindung einer fortschrittlichen Architektur für eine fortschrittliche Ausbildung im Abstimmungskampf beim Volk gut angekommen, und die Anwürfe seitens des Gewerbeverbandes, das Projekt sei kollektivistisch und bolschewistisch, hatten wenig Echo gefunden. In Bern nun setzte sich einer der profiliertesten SP-Politiker für eine direkte Auftragserteilung an den jungen Hans Brechbühler ein, nämlich Robert Grimm, Verfasser der «Geschichte der Schweiz in ihren Klassenkämpfen», der seinerzeit an der Organisation des Generalstreiks von 1918 mitbeteiligt gewesen war. Er war als Direktor der industriellen Betriebe Mitglied der städtischen Exekutive von Bern und legte Hans Brechbühler nahe, den Auftrag für die Bauausführung mit den Architekten Dubach und Gloor, welche der konservativen Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei nahestanden, zu teilen und ihnen die Bauführung zu überlassen, in der Hoffnung, damit die Gegner des Projekts aus den Gewerbekreisen neutralisieren zu können. Hans Brechbühler akzeptierte, und mit der Neubesetzung des Postens des städtischen Baudirektors durch den SPS-Präsidenten Ernst Reinhard verbesserten sich die Realisierungschancen seines Projektes weiter. Neben der unbestrittenen Raumnot in der alten Gewerbeschule beschleunigte schliesslich auch die sich rapid verschlechternde Lage im Baugewerbe die Verwirklichung des Projekts. Denn nach der Exportindustrie wurde nun, etwas nachhinkend, auch die Binnenindustrie von der Krise erfasst. Waren 1934 in Bern insgesamt knapp 1200 Wohnungen erstellt worden, so waren es ein Jahr später nur noch 700. Während Arbeitslosigkeit und Konkurse die Situation im Baugewerbe prägten, konnten es sich auch die Konservativen nicht mehr leisten, der raschen Verwirklichung der Gewerbeschule im Wege zu stehen, denn allzu deutlich wurde die Forderung nach Arbeitsbeschaffung mittels Investitionen durch die öffentliche Hand erhoben. So wurde die ideologische Auseinandersetzung über die Architektur, die da und dort aufkommen wollte, bereits im Keime erstickt. Eine Polemik, wie sie 1930 in einer Zeit expansiver Bautätigkeit im Vorfeld der Abstimmung über den Bau der Zürcher Gewerbeschule mit Kunstgewerbemuseum mit Schlagworten wie «kulturbolschewistisch-materialistisch» kontra «Neue Sachlichkeit und Fortschritt» noch möglich gewesen war, kam 1936 auf dem Höhepunkt der Krise im Baugewerbe schon gar nicht mehr auf. Zwangsläufig musste auch mit dem Neuen Bauen eine Art «Arbeitsfriede» geschlossen werden. Die Gewerbeschulvorlage wurde in der Volksabstimmung vom 20. Juli denn auch klar angenommen. Im Anschluss an die Volksabstimmung wurde auf Anregung Hans Brechbühlers ein Ingenieurwettbewerb für die Konstruktion des Schultrakts und der Shedhalle der Lehrwerkstätten ausgeschrieben. Auf sein Betreiben hin wurde Robert Maillart in die Jury berufen, der zusammen mit dem ETH-Statiker Professor Ritter die eingereichten Ingenieurprojekte beurteilte. Hans Brechbühler selber besass die notwendigen Kenntnisse, um bei der Jurierung massgeblich mitwirken zu können, denn seit seiner Studienzeit hatte er sich intensiv mit Statik beschäftigt. Das Wettbewerbsprojekt wurde in der Überarbeitung nur geringfügig verändert: das Stahlskelett über dem Erdgeschoss wurde durch ein Betonskelett ersetzt. Die einseitig ausgerichteten Sheds der Lehrwerkstätten wurden zugunsten einer bereits von Hubacher und Steiger für die Montagehalle der General Motors in Biel verwendeten Shedlösung mit beidseitigem Lichteinfall aufgegeben, und durch das Weglassen der Trennwände wurde eine grosszügige Halle geschaffen. Der Zeichensaal wurde aufs Dach verlegt und erhielt einen fünfeckigen Grundriss. Nach zweijähriger Bauzeit konnte die Gewerbeschule mit Lehrwerkstätten im April 1939 bezogen werden. Die Gewerbeschule, die in der Schweiz zu den bedeutendsten öffentlichen Bauten der dreissiger Jahre gehört, bezog ihre Legitimation aus zwei Argumenten: der Okonomie und der bildlichen Umsetzung von Ehrlichkeit und Demokratie, aus «Geld und Geist» in zeitgenössischer Interpretation. Besonders eines der grundlegenden Argumente des Neuen Bauens, nämlich rationell und kostensparend zu bauen, spielte in jenen Krisenjahren eine wesentliche Rolle, denn die Öffentlichkeit verlangte einen sparsamen Umgang mit den vorhandenen Mitteln. Die Avantgarde-Zeitschrift ABC - Beiträge zum Bauen hatte sich diese Devise schon in den zwanziger Jahren auf die Fahne geschrieben, in die Praxis umgesetzt wurde sie im Wohnungsbau und bei einigen öffentlichen Bauten, darunter der Gewerbeschule mit Kunstgewerbemuseum in Zürich. Hans Brechbühler verwies in diesem Zusammenhang auf die Wirtschaftlichkeit der Skelettbauweise, auf die Möglichkeit, durch die Lastenkonzentration auf nur 16 Pfeilern die Probleme des schlechten Baugrundes mit einer Pfahlfundation optimal zu lösen.46 Zur Skelettbauweise gehörten ferner die rationelle Fertigung und Montage der Vorhangfassade.47 Optimale Funktionstüchtigkeit, intelligente, kostengünstige Konstruktionen und eine ausgeklügelte Installationstechnik wurden somit anerkannte Merkmale der Gewerbeschulbauten, und nicht ohne Stolz konnte Hans Brechbühler eine Schlussabrechnung mit einer zehnprozentigen Kostenunterschreitung gegenüber dem Kostenvoranschlag vorlegen. Der Beweis war einmal mehr erbracht: moderne Architektur war auch ökonomisch überlegen. Hans Brechbühler hatte sein Wettbewerbsprojekt «Kristall» genannt, als Sinnbild für Konzentration, Ökonomie, Klarheit.48 Die Jury hob ihrerseits im Schlusskommentar den «lapidaren Ausdruck der Bauidee» als besondere Qualität hervor. Zu den wesentlichen Eigenschaften der Gewerbeschule gehört auch, dass sie als Bild wirkt und sich deshalb als Sinnbild für kulturelle Inhalte anbietet und von kulturell interessierten Kreisen nicht nur in der Zeit ihrer Entstehung, sondern bis heute als prägnanter Ausdruck moderner Baukultur angesehen wird. Mit der im Bauprogramm angestrebten engen Verbindung von Schule und Werkstätten auch für die Metallberufe wurde eine Anpassung des Ausbildungsmodells an die Erfordernisse der modernen Metallindustrie vollzogen, eines Industriezweigs, der in den Vorkriegsjahren besonders gefördert und ausgebaut wurde. Leitbild für die Ausbildung war nicht mehr der kleine Handwerksbetrieb, sondern der moderne Grossbetrieb, und die Gewerbeschule wollte dieser Entwicklung auch in der formalen Ausgestaltung Ausdruck geben, wie das seinerzeit beim Bauhaus der Fall gewesen war. Der Schulzimmertrakt, eingespannt zwischen die beiden Treppentürme, erinnert an das zur präzisen Bearbeitung in die Drehbank eingespannte Werkstück. Die Lehrwerkstätten sind nicht mehr, wie noch bei der Zürcher Kunstgewerbeschule, im Schultrakt integriert, sondern in einer modernen, vorgelagerten Industriehalle untergebracht, die als Sinnbild der aufstrebenden Metallindustrie angesehen werden kann. Bereits in der Abstimmungsvorlage von 1936 wurde deutlich, dass die Behörde damals noch auf die überzeugende Wirkung der «Neuen Sachlichkeit» setzte. Die Perspektivzeichnungen des Projekts wurden nüchtern, ohne liebliches Beiwerk abgebildet, die Grundrisse aufgelistet, als wären es für jedermann lesbare Textzeilen. Zur Einweihung der Gewerbeschule im April 1939 erschien eine «Gedenkschrift»49, illustriert mit hervorragenden Aufnahmen des Berner Photographen Franz Henn. Aus den verschiedenen Beiträgen von Behördenmitgliedern geht hervor, wie stark die Versinnbildlichung kultureller Inhalte durch die Architektur der Gewerbeschule empfunden wurde: «... Mit dem Bezug des eindrucksvollen Gebäudes, das in neuartigen Formen, einfach, klar und ehrlich, seine Zweckbestimmung zum Ausdruck bringt ...»50 «... So konnte ein mutiger, starker Bau entstehen, durchaus einmalig, fern von der historischen und oft gefährlichen Bautradition der Stadt Bern. Wie alles Neue, mutet er zunächst fremd an; wie alles Gesunde wird er sich durchsetzen. Mut und soziales Gewissen der Gemeinde, Kraft und Selbstvertrauen der Architekten haben ein erfreuliches Werk geschaffen. Es dient dem jungen Geschlecht. Aber es legt auch ein klares Zeugnis ab für die unaufdringliche Tüchtigkeit eines freien Gemeinwesens und den ewigen Wert der Demokratie.»51 «...Die veränderte ästhetische Anschauung und die neue Baugesinnung wurden mit beharrlicher Eigenwilligkeit verwirklicht. Die Vereinfachung der Bauglieder, die kompromisslose Sichtbarkeit der Konstruktion und die unmittelbare Wirkung der Baustoffe treten an die Stelle historischer Bauformen. Auch das Handwerk löst sich von der historischen Gebundenheit und hebt und steigert die Wirkung des Materials durch sorgfältige Bearbeitung und Behandlung.»52 Die Botschaft von Ehrlichkeit und Durchschaubarkeit, welche die Architektur der Gewerbeschule so erfolgreich zu vermitteln vermochte, war Teil einer allgemeinen Legitimation, auf die sich das Neue Bauen im Verlauf der dreissiger Jahre abzustützen suchte53: Angesichts der wachsenden faschistischen Bedrohung auch auf kultureller Ebene und der damit einhergehenden Verpolitisierung der Architektur wollte die moderne Architektur nicht mehr als politisch neutral und wertfrei gelten.54 Illustriert wird diese Neuorientierung beispielhaft in dem 1939 erschienenen Band «Die Neue Architektur» von Alfred Roth. Das Neue Bauen entspreche vor allem den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Strukturen der kleinen Demokratien, argumentiert der Autor, und dessen pädagogische Wirkung fasst er wie folgt zusammen: «Die Ehrlichkeit, mit welcher alle Fragen behandelt werden, drückt sich im klaren räumlichen Aufbau, in der einheitlichen Konstruktion und in der materialgerechten Verwendung der Baustoffe aus. Räumliche und konstruktive Klarheit sind die unmittelbaren Voraussetzungen für die Schönheit eines Bauwerks. Diese Feststellungen berühren nicht nur das innerste Wesen heutiger Architektur, sondern finden auch eine gewisse Anwendung auf die menschliche Lebensentfaltung. So erwecken die neuen Bauten das Verständnis für den inneren Wert und die lebendigen Zusammenhänge der Dinge im allgemeinen.»55 Es bleibt die Frage, ob die kulturelle Aufbruchstimmung, die beim Bau der Gewerbeschule Bern zu beobachten war, einer breiteren Strömung entsprach. Die Antwort lautet nein: Mehr und mehr musste die Moderne den Einflüssen nationalistischer Strömungen weichen, ihre Legitimationsversuche drangen nicht durch. Was Hans Hofmann mit seinem Beitrag zur Schweizerischen Landesausstellung 1939 in Zürich noch gelang, nämlich eine Versinnbildlichung patriotischer Inhalte mit Mitteln der Moderne56, wurde mehr und mehr vom Heimatstil mit Beschlag belegt. Für Architekten, die an der Moderne festhielten, brachten die Kriegsjahre daher schwierige Zeiten. So hatte Hans Brechbühler trotz der Anerkennung, die ihm die Gewerbeschule gebracht hatte, in den darauffolgenden Jahren nur sehr wenige Aufträge - sie sicherten kaum die Existenz seines Büros. Situation Wenn wir die primären Elemente unabhängig von ihrem räumlichen Aspekt betrachten, so erweist sich, dass sie neben ihrer «Bedeutung an sich» auch durch ihren Standort eine Bedeutung haben. (Aldo Rossi, L'Architettura della Città.) Standort und Gebäude der Gewerbeschule bilden aufgrund der Brückenkopf-Situation thematisch eine Einheit. Im Gegensatz zu den meisten anderen Wettbewerbsprojekten stellte Hans Brechbühler Schultrakt und Lehrwerkstätten parallel zum Aareufer und damit senkrecht zur Lorrainebrücke. Die Brückenkopf-Thematik ist für Bern nicht neu und Hans Brechbühlers Vorschlag in diesem Sinne plausibel. Er steht in der Tradition von Lösungsvorschlägen, wie sie bereits im 19. Jahrhundert beim Bau der verschiedenen Aare-Hochbrücken gemacht worden waren. Die Berner Moderne leistete 1934 ihrerseits einen vielbeachteten Beitrag mit dem Postmuseum von Klauser und Streit am südlichen Ende der Kirchenfeldbrücke.57 Hans Brechbühlers Lösung zeichnet sich vor allem durch die besondere Art der Inszenierung der Brückenkopf-Lösung aus. Durch die Parallelstellung zur Aare wird die Gewerbeschule in einem grösseren räumlichen Zusammenhang lesbar: sie steht der Altstadt direkt gegenüber, und dieser gegenseitige Bezug von Gewerbeschule und Altstadt wird in doppelter Hinsicht erlebbar. Von der Altstadt her wirkt die Gewerbeschule als Monument der Moderne, als Beginn einer Stadtentwicklung im Geiste der Moderne gedacht. Aus verschiedenen Perspektivzeichnungen wird diese Absicht deutlich: besonders jene mit den Erweiterungsbauten zur Gewerbeschule zeigt im Hintergrund nicht die bestehenden Gebäude mit Walm- oder Satteldächern, sondern neue, der Gewerbeschule ähnliche Bauten. Auch im «Wettbewerb zur Gestaltung des nördlichen Brückenkopfes der Lorrainebrücke», der 1940, nach der Entfernung der alten Eisenbahnbrücke durchgeführt wurde, entwickelte Hans Brechbühler diese Idee weiter: zwei Immeubles-Villas am Brückenende gegenüber der Gewerbeschule sollten gleichsam die Torsituation unterstreichen. Umgekehrt wird auch die Beziehung der Gewerbeschule zur Altstadt architektonisch inszeniert: auf der Dachterrasse steht zur Altstadtseite hin eine Wand mit einem grossen Fenster, durch welches die Altstadt mit dem Münster als Bildausschnitt zu sehen ist. Im Erdgeschoss weitet sich der quartierseitige Park unter dem Gebäude hindurch zu einer Terrasse mit Blick auf die Altstadt. Mit dem Entscheid für eine Brückenkopf-Lösung unterlag Hans Brechbühler im Gegensatz zu den meisten anderen Wettbewerbsteilnehmern nicht dem Zwang, sich der Geometrie der engeren Umgebung des Wettbewerbsareals mit seiner Strassenrandbebauung und der Lage des Altbaus anpassen zu müssen. Die Klarheit seines Projekts ist das Resultat eines Ordnungswillens, wie er sich bereits bei der Lagerhausanlage für die Firma Samen Vatter oder dem Ferienhaus in Vallamand geäussert hat. Hans Brechbühler benützte die Lorrainebrücke als willkommene Achse für die Schaffung einer Hierarchie mit der Gewerbeschule als Dominante und der Brücke als Element der Einbindung. Es ist eine Erlebnisachse im Sinne Le Corbusiers, welche die räumliche Abfolge der Volumen regelt und dem Betrachter, der sich von der Lorrainebrücke her nähert, verschiedene räumliche Bezüge zum Komplex von Schule und Lehrwerkstätten eröffnet. Gebäude und Schnittlösung Mit dem Kennwort «Kristall» wählte Hans Brechbühler auch eine Metapher für ein Kompositionsprinzip, das sich an Le Corbusiers Auffassung über die Autonomie der Gebäudevolumen orientierte.58 Klare Linie des Sockels, ein Gebäude als Objekt daraufgesetzt: ein Kristallprisma gegen den Himmel, als Ganzes erfassbar. Der dominante Gebäudeteil ist der Schultrakt, ein Kubus mit zwei seitlichen Treppenhauskörpern, die mit kräftigen Fugen in der Breite der Aufzüge vom Mittelteil getrennt sind und ebenfalls als selbständige Volumen erscheinen: davorgestellt ist die Halle der Lehrwerkstätten, danebengestellt der Saalbau, beide als autonome Volumen. Der Einfachheit der Gebäude entspricht die Einfachheit der Grundrisse. Für die Schule wurde ein wenig prätentiöser Zweispänner gewählt mit einem Mittelgang, der als blosse Zirkulationsfläche und nicht für den längeren Aufenthalt der Schüler gedacht war. Um so wirkungsvoller ist die Schnittlösung. Das umfangreiche Programm bedingte notwendigerweise ein grosses Bauvolumen, dessen architektonische Bewältigung zu einem zentralen Entwurfsproblem wurde. Hans Brechbühler wählte eine Lösung mit möglichst wenig Terrainbewegung. Das grosse Volumen wurde mit architektonischen Mitteln bewältigt, das heisst mit der Gliederung im Schnitt durch Sockel, freies Erdgeschoss und daraufgestellten Kubus. Als Vergleich seien zwei andere Schnittlösungen angeführt: der zweitrangierte Entwurf von Dubach & Gloor kommt mit relativ wenig Terrainbewegung aus, dafür treten sieben Geschosse als massiges Volumen in Erscheinung. Die Lösung von Küry, ebenfalls im 2. Rang, weicht dem Problem eines hohen Blocks aus, indem er ein Geschoss in den Hang eingräbt. Obwohl auch Hans Brechbühlers Projekt, wie dasjenige von Dubach & Gloor, sieben Geschosse aufweist, hat er im Sinne Le Corbusiers «la solution élégante» gefunden. Im Schnitt wird die Zielsetzung, die Gewerbeschule auf die Brücke zu beziehen, mit aller Deutlichkeit unterstrichen: mit der Terrasse unter dem Schultrakt wird die Geländekante gestaltet und hervorgehoben; die massive Brüstung der Terrasse geht in die Brüstung der Brücke über und betont so die Einheit von Gebäude und Brücke; die beiden Sockelgeschosse, parallel zur Aare stehend, werden zur Hangmauer, die die Flusslinie markiert. Hans Brechbühlers Absicht, Brücke, Gebäude und natürlichen Flusslauf miteinander in Einklang zu bringen, geht auch aus seinem Vorschlag hervor, den alten Eisenbahndamm, der parallel zur Lorrainebrücke verläuft, abzutragen, sobald die neue Eisenbahnbrücke in Betrieb genommen sein wird. Das Aarebord soll frei unter der Brücke durchlaufen und der Brückenkopf dadurch noch eindeutiger wirken.59 Konstruktion und Fassaden Der konstruktive Aufbau folgt dem Grundgedanken, wonach die verschiedenen Gebäudeteile auch konstruktiv autonom sein sollen. Die für die Baukörper verwendeten Bilder sind elementar: Treppenhaustürme mit Plattenverkleidung aus hellem Jurakalk; der Mittelbau ein Betonskelett, dessen Struktur an der Fassade ablesbar ist - seit den Betonskelettbauten Max Tauts aus den frühen zwanziger Jahren eine für die Moderne klassische Lösung; der Sockel als tragende Sichtbetonmauer mit einer Lochfassade, die Schwere und Standfestigkeit vermittelt; die Halle mit den Werkstätten als Stahlkonstruktion mit Sheddach, das, wie bereits erwähnt, in Anlehnung an die damals modernste Industriehalle der Schweiz, die Montagehalle der General Motors in Biel, konzipiert worden ist; der Verbindungsgang zum Altbau, eine Passerelle in leichter Stahlkonstruktion mit Welleternitverkleidung und Bandfenstern. Die Skelettkonstruktion des Wettbewerbsprojektes gleicht im Aufbau derjenigen des Pavillon Suisse: im Erdgeschoss eine auf Betonpfeilern ruhende kraftumlenkende Platte, auf welche eine Stahlkonstruktion mit engeren Stützweiten gestellt wird. Im überarbeiteten Projekt wurde dann aus wirtschaftlichen Gründen das Stahlskelett in den Normalgeschossen durch ein Betonskelett ersetzt. Die Feldeinteilung beträgt 4 x 8 m, die Deckenstärke ist für die Trittschalldämmung so bemessen, dass keine Unterzüge nötig sind. Im Gegensatz zu dieser pragmatischen Lösung steht die Skelettkonstruktion im Erdgeschoss: Hier werden die Kräfte aus den Normalgeschossen in der Decke zusammengefasst, der Kräfteverlauf - in den Normalgeschossdecken unsichtbar - wird in Form einer Kassettendecke inszeniert. Die Stützen mit einem Durchmesser von 1 m sind plastisch ausgeformte Säulen mit polygonalem Querschnitt, deren Kantenlinien durch Flächen unterschiedlicher Helligkeit voneinander getrennt werden. Der Beton ist hellgrau lasiert, wodurch die Plastizität im vorherrschenden diffusen Licht gesteigert wird. Die beiden Fassadentypen für den Mittelbau und die Treppenhäuser haben vom Wettbewerbsprojekt bis zur Realisierung eine präzisierende Überarbeitung erfahren. Im Wettbewerbsprojekt war die «façade libre» des Mittelbaus noch als Vorhangfassade ausgebildet: die Stützenfelder hinter der Fassade wurden nicht betont, dafür aber die horizontalen Linien der Decken - wie beim Pavillon Suisse. Mit dem Wechsel vom Stahl- zum Betonskelett für die Normalgeschosse ändert sich jedoch auch die Auffassung der Fassade als Vorhang. Zwar bleibt sie der Konstruktion nach noch eine Vorhangwand, formal bringt sie nun aber die strukturelle Idee des Betonskeletts zum Ausdruck. Also keine «façade libre» mehr im Sinne Le Corbusiers, sondern eine Fassade, die den Knochenbau des Gebäudes sichtbar macht: «Die hellen Eternit-Formstücke vor den Pfeilern und Decken bringen das kräftige Eisenbetonskelett mit seiner ruhigen, annähernd quadratischen Feldteilung auch nach aussen zum Ausdruck.»60 Diese Eternitelernente sind zentimetergenau dem Betonskelett nachgebildet, Konstruktion und äussere Erscheinung verschmelzen zu einem einheitlichen Bild. Dem Relief der Fassade entspricht die hierarchische Ordnung der Fassadenbauteile: diese sind ihrer Bedeutung entsprechend in die Tiefe gestaffelt: zuäusserst ein Rahmen aus Jurakalk, der die vier Geschosse des Hauptkörpers umschliesst; dann folgen die horizontalen Elemente, welche die Geschossdecken zeigen, und, etwas weiter zurückversetzt, die vertikalen, die den Stützen entsprechen, und schliesslich Brüstung und Fenster, die als dunkle Flächen erscheinen. Der Helligkeitsunterschied zwischen Fenster und Brüstung wird durch die dunkelgrüne Farbe der Eternitplatten reduziert, so dass die Skelettfelder stärker in Erscheinung treten. Die Thematik der Treppenhausfassade ist durch Le Corbusiers «pan de verre», die Glaswand, und den «pan de pierre», die geschlossene Wand, vorgegeben. Im Wettbewerbsentwurf war eine Glaswand aus Glasbausteinen, wie sie für die Cité de Refuge verwendet worden war, vorgesehen, während im definitiven Entwurf die Idee des «pan de verre» dadurch verdeutlicht wurde, dass die Glaswand gleichsam als Membran, als feine Haut, in Stahlrahmen gefasst wurde. Die Oberfläche steht unter fast vibrierender Spannung, die durch das freistehende Stahlgerippe aus einfachen Stahlwinkeln und vor allem durch die Wahl der Verglasung, nämlich grossformatiger Gussglasplatten von 215 x 175 x 2 cm, hervorgerufen wird. Diese üblicherweise für begehbare Bodenverglasungen verwendeten Platten wurden auf Sand gegossen. Die besondere Oberflächenstruktur dieses Materials kommt erst durch die eigentlich zweckentfremdete Verwendung als Vertikalverglasung richtig zum Ausdruck - es scheint, als hätte ein leichter Wind auf der glatten Fläche seine Spuren hinterlassen. Dadurch, dass die Glaswand bis zum äussersten Rand des Gebäudekörpers reicht, wird, wie schon bei den Hauptfassaden, der strukturelle Aufbau enthüllt: Hat man von der Hauptfassade her vielleicht den Eindruck, es handle sich bei den Treppenhäusern um massiv gemauerte Türme, so erkennt man übereck, dass sie aus Scheiben zusammengebaut sind. Grosse Sorgfalt verwendete Hans Brechbühler auch auf den Innenausbau. Material und Farben wurden von ihm genau festgelegt: kühles Hellgrau für die Wände, weisse Decken, warme Klinkerböden in den Korridoren und Eichen-Langriemenparkett in den Schulräumen. Zudem entwarf er die meisten Möbel für die Schulräume, die Lampen für Korridore und Treppenhäuser sowie die Trinkbrunnen. Proportionen Hans Brechbühler beschäftigte sich seit den dreissiger Jahren mit der Frage der Gesetzmässigkeit von Proportionen und entwickelte in diesem Zusammenhang empirische und mathematische Untersuchungsmethoden.61 Die nebenstehenden Zeichnungen sind ein Versuch, das Spiel mit Proportionen und einfachen Zahlenverhältnissen an den Fassaden der Gewerbeschule aufzuzeigen. Die Fassaden können auch als Demonstrationsobjekt für Le Corbusiers Forderung nach geometrischer und arithmetischer Ordnung gelten: Der Autor konnte der Versuchung nicht widerstehen, die «tracés régulateurs», die Le Corbusier für das «Harmonisieren» der Fassaden empfohlen hatte, einzuzeichnen: Es sind senkrecht zueinander stehende oder parallel verlaufende Diagonalen, die die geometrische Ähnlichkeit von Rechtecken festhalten. Die Hauptfassaden sind auf der Vierteilung aufgebaut, einer Teilung, bei der kein mittleres Feld entsteht, die aber den repetitiven Charakter unterstreicht und gesamthaft als Fassadengitter erscheint. Eine weitere Zeichnung zeigt mittels der «tracés régulateurs» die ähnlichen Rechtecke auf. Die Stirnfassaden sind auf einem Quadrat aufgebaut, wobei die Vierteilung eine dominierende, die Dreiteilung eine untergeordnete Rolle spielt. Wiederum mit Diagonalen sind die ähnlichen Rechtecke eingezeichnet. Das Echo auf die Gewerbeschule In der Schweiz wurde die Gewerbeschule sowohl in der Schweizerischen Bauzeitung wie auch in Das Werk ausführlich publiziert62 und später in die Sammlung «Moderne Schweizer Architektur» aufgenommen. Da die internationale Architekturdiskussion durch den Zweiten Weltkrieg weitgehend unterbrochen wurde, findet sich in der ausländischen Fachpresse lediglich in Custruzioni Casabella ein zeitgenössischer Kommentar, verfasst von Mario Labd, einem Genueser Architekturkritiker und Architekten. Als Vertreter des italienischen Rationalismus widmete er der Gewerbeschule einen begeisterten Beitrag.63 Von A. Sartoris wurde sie 1941 in «Elementi dell'architettura funzionale» aufgenommen.64 Nach dem Krieg wurde sie in der 1946 in London gezeigten Ausstellung «Switzerland, Planning and Building Exhibition» ausgestellt65 und 1948 von Sigfried Giedion in «A Decade of New Architecture» publiziert.66 Grosse Beachtung fand die Gewerbeschule, wie die Schweizer Architektur ganz allgemein, in der Bundesrepublik Deutschland, möglicherweise auch dank des gleichnamigen populären Buchs des Schweizers Hans Volkart»67, der an der Technischen Universität in Stuttgart wirkte. Quelle: Dokumente zur modernen Schweizer Architektur Hans Brechbühler 1907-1989 Eingeführt und zusammengestellt von Ueli Zbinden Mit Beiträgen von Werner Oechslin, Niklaus Kohler und Kurt Aellen Gta Verlag 1991 ETH Hönggerberg, 8093 Zürich ISBN 3-85676-027-X 44 Publikation des Wettbewerbs: in SBZ, Bd. 106,1935/23, S. 270 ff. 45 Die Perspektive für die Erweiterungsbauten zeigt, dass die Gewerbeschule als Ausgangspunkt für eine Stadtentwicklung im Sinne der Moderne gedacht war (s. Abb. 15). Auf dieser Linie lag auch das Projekt Hans Brechbühlers für den «Wettbewerb für die Gestaltung des nördlichen Brückenkopfes der Lorrainebrücke» 1940 (vgl. dazu S.128). 46 SBZ, Band 116,1940/19, S. 213 ff. und Gedenkschrift - Neubau der Gewerbeschule und Erweiterung der Lehrwerkstätten der Stadt Bern, Bern 1939. Archiv gta. 47 Die Firma Eternit AG publizierte in der firmeneigenen Zeitschrift Eternit vom 9.11.1940 die Doldertalhäuser von Alfred Roth/Emil Roth/Marcel Breuer, kommentiert von Alfred Roth, sowie die Gewerbeschule Bern, kommentiert von Hans Brechbühler, als Beispiele zukunftweisender Fassadenbauweise. Archiv gta. 48 Vgl. dazu den Kommentar von Hans Brechbühler in Gedenkschrift, a.a.O., S. 29: «Der Bau soll und will ein Zweckbau sein. Aber zu einem Schulhause gehören nicht nur zweckmässig ausgestaltete Lehrsäle! Heute, wo die Lehrer nicht mehr nach Zwangsmethoden unterrichten, sondern in erster Linie das Interesse und die Arbeitsfreude der Schüler wecken, ist es besonders wichtig, dass der Architekt für die frohe Arbeitsstätte auch die richtige Form findet.» 49 Gedenkschrift..., a.a.O. 50 Stadtpräsident Dr. E. Bärtschi, in: Gedenkschrift, a.a.O., S. 6. 51 Städtischer Baudirektor Ernst Reinhard. Ebd. S. 9. 52 Robert Greuter, Direktor der Gewerbeschule Bern. Ebd. S.13. 53 Vgl. dazu David Watkin, Morality and Architecture. The Development of a Theme in Architectural History and Theory from the Gothic Revival to the Modern Movement, Oxford 1977. Der moralische Anspruch, «ehrlich» zu bauen, hat, wie Watkins zeigt, eine lange Vorgeschichte, deren Beginn er in Liberty des 19. Jahrhunderts ansetzt. 54 Vgl. dazu Jacques Gubler, Nationalisme et Internationalisme dans l'Architecture moderne de la Suisse, Lausanne 1975, Teil 3. Noch Ende der zwanziger Jahre, als der nationalsozialistisch gesinnte Alexander von Senger im Neuen Bauen kollektivistisches, materialistisches und bolschewistisches Gedankengut zu finden glaubte, entgegnete ihm Peter Meyer 1931 in polemisch überlegener Art, dass die Architektur und eben auch das Neue Bauen über der Politik stünden und somit von keiner politischen Richtung vereinnahmt werden könnten; in: Das Werk, 1931/1, S. 25. 55 Alfred Roth, La Nouvelle Architecture - Die Neue Architektur - The New Architecture, Zürich 1940 (Neuauflage Zürich 1975). 56 Vgl. dazu Christoph Luchsinger, Werkkatalog Hans Hofmann, «Vom Neuen Bauen zur Neuen Baukunst», Zürich 1985. 57 In einem für Bern typischen, zurückhaltenden Modernismus entstand am stadtauswärts gelegenen Ende der Kirchenfeldbrücke ein senkrecht zur Brücke stehendes langgezogenes Gebäude, das um so mehr Beachtung fand, als es durch dieselben Architekten - Klauser und Streit - realisiert wurde, welche bereits 1918 die Kunsthalle im Stil des Historismus gebaut hatten. So wurde nun, mit modernen Mitteln, ein bereits 1909 von Klauser und Streit ausgearbeitetes Projekt, das eine Torlösung als Brückenkopf vorsah, verwirklicht. 58 Vgl. dazu den Kommentar von Le Corbusier zum Centrosoyus-Projekt in: Le Corbusier, Précisions ..., a.a.O., S. 60: «Le tout est en l'air sur des pilotis, détaché. Apréciez cette valeur formidable entièrement nouvelle de l'architecture: la ligne impeccable du dessous du bâtiment. Le bâtiment se présente comme un objet de vitrine sur un support d'étalage, il se lit entier. Les pilotis apportent une richesse de cylindres, de lumière dans une ombre ou une pénombre et aussi, pour l'esprit, l'impression d'une tension saisissante. Dessous, la lumière joue les plus fantaisistes effets. Sur le ciel, c'est la ligne impeccable de la fin de ce prisme de cristal, cerclé de pierre volcanique là où sont les parapets des terrasses. Cette coupure nette sur le ciel est l'une des plus adorables conquêtes des techniques modernes (suppression du toit et de la corniche» 59 Im erwähnten Brückenkopfwettbewerb 1940 nahm Hans Brechbühler diese Idee erneut auf und liess, nachdem er sich damit nicht hatte durchsetzen können, keine Gelegenheit vorbeigehen, ohne nicht darauf zurückzukommen. Unterstützt wurde er in seiner Auffassung damals auch von Peter Meyer. Vgl. dazu SBZ, Bd. 116, 1940/19, S. 223. 60 Hans Brechbühler, in: Eternit, a.a.O., S.111. 61 Die Veröffentlichung dieser Arbeiten durch Hans Brechbühler ist nicht zustande gekommen. Vgl. dazu Werner Oechslin, S. 150 ff. 62 SBZ, Bd. 116, 1940/19, S. 213 ff.; Das Werk, 1940/7, S.196. 63 Mario Labà, «La Gewerbeschule ...»,a.a.O.(Text siehe S. 166) 64 A. Sartoris, Elementi dell'architettura funzionale, 3. erweiterte Auflage, Mailand 1941. 65 Switzerland Planning and Building Exhibition, Royal Institute of British Architects, London, 19. September - 26. Oktober 1946. 66 Sigfried Giedion, A Decade..., a.a.O., S. 178. 67 Hans Volkart, Schweizer Architektur, Ravensburg 1951. Mario Labò. Die Gewerbeschule Bern Wer sich Bern von der Lorraine her nähert, einem Stadtteil, der noch vor wenigen Jahren zu den Aussenquartieren zählte, sieht sich einem typisch schweizerischen Panorama gegenüber. Die Stadt, wie eine langgezogene Insel im Aarebogen gelegen, wird durch das Münster mit seinem pfeilartig in die Höhe ragenden Turm und seinen Dächern gekrönt. Grosse und kleine, meist aber niedrige Häuser wechseln sich ab, Dächer und Bäume bestimmen das Bild. Im Gegenlicht hebt sich die Stadt mit ihren Giebeln, Kaminen und Dachfirsten als gekerbte Silhouette gegen den Himmel und den weissen Streifen des Oberlandes ab, dann fällt sie langsam gegen das Nydeckquartier mit seinen kleinen Häusern ab. Und plötzlich, nach einer Strassenbiegung, stehen wir vor der riesigen weissen Fläche des kraftvollen Pilasters, in welchem Eingang und Treppenhaus der neuen Gewerbeschule untergebracht sind. Daneben steht der Hauptbau: ein grosser, aus quadratischen Elementen komponierter Glaskäfig mit Dachterrasse. Das Erdgeschoss mit seinen weit auseinanderliegenden Pfeilern bildet eine offene Halle und ist völlig transparent. Nirgends hätte der Gegensatz zu dem eben Gesehenen, zur ganzen Umgebung grösser sein können. Gerade deshalb hätte uns auch kein anderer als der eben beschriebene Weg besser auf diese Architektur vorbereiten können, eine Architektur, von der wir spüren, wie sehr sie auch unsere Architektur ist. Dieser Bau zeugt von einer neuen konstruktiven Epoche in einer Umgebung, die stolz auf ihre Bautradition ist, die zu Recht auch überleben will. Ernst Reinhard, Direktor des städtischen Bauamtes II, hat das Risiko nicht gescheut, diesen «mutigen, starken, durchaus einmaligen Bau» zu fördern, der «fern von der historischen und oft gefährlichen Bautradition der Stadt Bern» steht. In der Gedenkschrift zum Neubau der Gewerbeschule schreibt er: «Wie alles Neue mutet er zunächst fremd an; wie alles Gesunde wird er sich durchsetzen.» Tatsächlich hat vor ein paar Jahren auch das Experiment mit dem hypermodernen PTT-Museum letztendlich alle befriedigt.* Die neue Gewerbeschule ersetzt ein kleineres Schulgebäude, das den Anforderungen nicht mehr genügte. Der Bau einer neuen Schule ist 1936, zu einer Zeit, als die Arbeitslosigkeit in der Schweiz ihren höchsten Stand erreichte, als Teil eines umfassenden Arbeitsbeschaffungsprogrammes beschlossen worden. Nach genau drei Jahren Bauzeit hat die Schule ihren Betrieb aufnehmen können. Insgesamt haben rund zweitausend Arbeiter, Handwerker, Unternehmer und Techniker daran gearbeitet - und nun besitzt Bern diese wunderschöne Berufsschule. Formal ist das Gebäude eine Umsetzung der praktischen und technischen Bedürfnisse des schulischen Ablaufes: Der Bau soll und will ein reiner Zweckbau sein. Dies beweisen auch die weite, offene Eingangshalle im Erdgeschoss, wo sich die Schüler treffen und von wo sie in die verschiedenen Schulräume gelangen, die lichtdurchfluteten Unterrichtsräume und Laboratorien und schliesslich die Dachterrasse mit ihrer einmaligen Aussicht, die für den Zeichenunterricht im Freien und bei schönem Wetter als Pausenplatz genutzt wird. Der Architekt hat die gestellte Aufgabe ohne griechisch-römische, aber auch ohne helvetische Stiltricks gelöst. Er hat seinen Rhythmus ausschliesslich in der plastischen Umsetzung der Materie gesucht. Hans Brechbühler ist ein hervorragender Architekt und ein intelligenter Mensch; seine Aussagen zeugen von gesundem Menschenverstand: «Der Verzicht auf Dekorationen zwingt uns, dass wir wieder auf die elementaren Ausdrucksmittel der Architektur zurückgreifen und alle lebendigen Gliederungen ausnützen, die sich auf natürliche Weise aus den Konstruktionen ergeben. Dies gilt von der Gruppierung der Bauten bis zur Wahl der verschiedenen Materialien mit ihren ausgesprochenen Strukturen und Profilen (roher Beton mit seinem kräftigen Korn, Eisenträger mit ihren nervigen Flanschen usw.). Unter Ausnützung dieser einfachsten Mittel ist es - ohne Dekorationen - möglich, Spannungen zu vermitteln durch die Gegensätze von schwer und leicht, ruhig und bewegt, hell und dunkel usw.» Diese Gedanken zur Architektur können uns bei der Besichtigung der Gewerbeschule als Leitlinien dienen. Durch die Aufgliederung in drei Baukörper ist dem Bau eine Plastizität verliehen worden, die beispielsweise durch eine rein formale Differenzierung der Gebäudehöhe oder durch zurückspringende Fassadenelemente nie hätte erreicht werden können. In den beiden Flügelbauten sind konsequenterweise Treppenhäuser, Nebenräume, Toiletten usw. untergebracht worden, die weniger Licht brauchen, so dass der Architekt hier reine Mauerscheiben verwenden konnte. Die Aufteilung in geschlossene und offene, in kompakte und transparente, sich deutlich kontrastierende Flächen, die die Gliederung des gesamten Gebäudekomplexes noch unterstreicht, folgt einer präzisen Ordnung, durch welche jeder einzelne Teil, trotz der Symmetrie der Anlage, seine eindeutige Autonomie erhält. Derselben Klarheit und baulichen Durchdachtheit begegnen wir auch im Innern der Schule. Die Erdgeschosshalle besteht zwar nur aus einem schalungsrohen Eisenbetonskelett, dessen Ausführung jedoch so perfekt ist, dass man sofort merkt, dass es vom Architekten als Sichtkonstruktion geplant worden ist. Die Vorkragung des Hauptbaus mit den nach innen versetzten Stützen der Halle nützt die Durchbiegung der Kragarme statisch aus und unterstreicht damit noch stärker die Dynamik des Baus. Den Spuren des Schweizers Le Corbusier folgend, hat Hans Brechbühler einen Bau realisiert, der elastisch und lebendig wirkt und nicht plump auf aussenliegenden Stützen lastet. Die lange Säulenhalle wird auf einer Seite, gegen die Strasse hin, durch eine Glasfront abgeschlossen, die möglicherweise aus Sicherheitsgründen oder als Abgrenzung des Schulbereichs, sicher aber auch als Schutz gegen den Nordwind angebracht wurde. Die Türen und Fenster bestehen nur aus schmalen Rahmen für die Verglasung, wodurch der Eindruck entsteht, als würden nebeneinanderliegende Räume ineinander überfliessen. Der Erfrischungsraum beispielsweise ist Teil der Erdgeschosshalle und wird von dieser, einem Treibhaus vergleichbar, lediglich durch eine Glasfront abgetrennt. Sollte eine Vergrösserung dieses Raums später notwendig werden, so könnten die Rahmen problemlos versetzt werden. Vom ersten Obergeschoss an bleibt der Grundriss von Stockwerk zu Stockwerk mehr oder weniger unverändert: an einen langen Mittelkorridor reihen sich zu beiden Seiten die Unterrichtsräume, die bezüglich ihrer Grösse und Einrichtung, in einzelnen Fällen auch bezüglich ihrer Form, den unterschiedlichsten fachlichen Bedürfnissen einer Berufsschule angepasst sind. Dazu gehören unter anderem geeignete Ausbildungsräume für Elektrotechniker, Goldschmiede, Tapezierer, Gärtner, Zahntechniker, Schuhmacher, Bau- und Möbelschreiner sowie für die verschiedenen Metallberufe. Sicher hat die Einrichtung dieser Räumlichkeiten, die in ihrer Rationalität bester Schweizer Schul-Tradition entspricht, dem Architekten grossen Spass gemacht. Der Lehrsaal der Schneider enthält, neben den Schulbänken, riesige Tische für Zuschneidearbeiten. Der Raum der Coiffeure gleicht einem echten, grossen Coiffeursalon. Ansteigende Bestuhlung wurde für zwei Lehrsäle gewählt, in denen praktische Experimente durchgeführt oder Demonstrationsobjekte gezeigt werden. Der Saal für Aktzeichnen auf dem Dach des Gebäudes hat einen fünfeckigen Grundriss, eine Form, die auf den ersten Blick eher ausgefallen und bizarr anmuten mag, die jedoch bei näherem Hinsehen ihre absolute Stimmigkeit offenbart. Die dem Hauptbau vorgelagerten Lehrwerkstätten sind in einem eigenen grossen Baukomplex von 23 auf 88 Metern untergebracht, dessen Dachprofil an ein dekoratives Feston gotischen Anstrichs erinnert. Die im Modell vorgeschlagenen einfachen und sachlichen Sheds hätten sich zwar organischer ins Ganze eingefügt, denn der Hauptbau hätte dadurch einen optisch harmonischeren Sockel erhalten. Es handelt sich jedoch um ein unwesentliches Detail, das der allgemeinen Richtung, der Grundtendenz dieser Architektur kaum Abbruch tut. Wir halten es für enorm wichtig, diese Architektur bekannt zu machen. Unserer Meinung nach bewegt sich ihr Grundgedanke auf dem einzig möglichen Weg, den die Architektur heute noch gehen kann. Quelle: Übersetzung des Artikels «La Gewerbeschule di Berna» von Mario Labò in: Costruzioni Casabella, 1940/11, S. 18-23, von Milena Frei-Wichser * Gemeint ist das Postmuseum von Klauser und Streit aus dem Jahre 1934. ![]() |