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Schweizerische Nationalbibliothek

Schweizerische Nationalbibliothek, Hallwylstrasse 15. Das in den Jahren 1929/31 von Oeschger, Kaufmann und Hostettler errichtete Gebäude dient der Nationalbibliothek, die vorher im Bundesarchiv und noch früher an der Bundesgasse 20 untergebracht war.

Historisch-topographisches Lexikon der Stadt Bern von Berchtold Weber (1976)



  • Schweizerische Nationalbibliothek (Geschichte)
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  • Olivier Mosset
  • Neues Bauen in Bern



    Schweizerische Nationalbibliothek

    Nach ihrer Gründung 1894 ist die Schweizerische Nationalbibliothek zunächst in einem Wohnhaus, unweit von Bahnhof und Bundeshaus untergebracht. 1899 bezieht sie den rechten Flügel des neu erbauten Bundesarchivs im Kirchenfeld. Knappe Platzverhältnisse bedingen schon bald einen Neubau. 1927 wird ein gesamtschweizerischer Wettbewerb durchgeführt. Bekannte Architekten beteiligen sich: Salvisberg & Brechbühl, Hans Schmidt, Emil Roth, Max Bill. Den Wettbewerb gewinnen der junge unbekannte Zürcher Architekt Alfred Oeschger und sein Vater vor den Mitkonkurrenten Josef Kaufmann (Zürich) und Emil Hostettler (Bern). Keiner der Entwürfe vermag die Jury vollständig zu befriedigen. Sie erteilt deshalb den drei Erstprämierten den Auftrag, gemeinsam ein endgültiges Projekt auszuarbeiten, das von 1929 bis 1931 im Stil des «Neuen Bauens» realisiert wird. Die klare funktionale Trennung zwischen Magazin und Verwaltungsteil und die Dominanz des achtstöckigen Büchermagazins sind deutliche Kennzeichen einer modernen Bibliotheksarchitektur.

    Akuter Platzmangel zu Beginn der neunziger Jahre, Erweiterung des gesetzlichen Sammlungsauftrages auf digitale Publikationen, Sanierungsbedarf des ganzen Hauses sowie neue Anforderungen im Publikumsbereich (Cafeteria, Vortragssaal, Ausstellungs-, Kurs- und Schulungsräume sind nur in unzulänglicher Form vorhanden, eine Vernetzung sämtlicher Arbeitsplätze fehlt) rechtfertigen die Erweiterung des Bauwerks zu einem aufgabengerechten Dienstleistungszentrum. Die Bauherrschaft (Eidgenössisches Departement des Innern, Bundesamt für Kultur und die Nationalbibliothek) entscheidet, am bisherigen Standort Kirchenfeld festzuhalten, den Altbau komplett zu sanieren, die neuen Magazine in den Untergrund zu verlegen und das alte Hochmagazin als multifunktionalen Publikumsbereich zu nutzen. Mit den beiden ersten Etappen Tiefmagazin Ost und Renovation/Erweiterung des Altbaus (1993 bis 2000) werden die Berner Architekten Furrer, Gossenreiter und Stuber beauftrags. Olivier Mosset, international bekannter Schweizer Künstler, realisiert die «Kunst am Bau». Bereits zu Beginn der Umbauarbeiten wird er in den Entscheidprozess mit einbezogen und konzentriert sich auf eine Neuinterpretation der ursprünglichen Farbgebung im Innern des Gebäudes.

    SLB, Prospekt «Die Sammlungen», Baugeschichte



    Schweizerische Nationalbibliothek

    Das Projekt für die Schweizerische Nationalbibliothek (Hallwylstrasse 15) ging aus einem 1927 gesamtschweizerisch ausgeschriebenen Architekturwettbewerb hervor. Mit der Ausführung betraut wurden die Verfasser der drei erstrangierten Entwürfe, die beiden Zürcher Alfred Oeschger und Josef Kaufmann sowie der Berner Emil Hostettler.80 Die Architekten verfassten gemeinsam ein neues Projekt, das Elemente des Wettbewerbsentwurfs von Oeschger übernahm. Das 1929 bis 1931 erbaute, auf dem südlichen Teil der Museumsinsel zwischen Berna- und Helvetiastrasse situierte Gebäude ist ganz dem Neuen Bauen verpflichtet. Der grosse Schritt in die heute bereits klassisch genannte Moderne könnte nicht klarer inszeniert werden als durch die unmittelbare Nähe zum benachbarten, wenige Jahre zuvor in monumentalem, neoklassizistischem Stil errichteten Städtischen Gymnasium.81

    Der gemäss einer Wettbewerbsbedingung streng symmetrisch konzipierte Baukörper der Nationalbibliothek besteht aus vier Teilen. Dem achtgeschossigen, breit gelagerten Büchermagazin mit in engem Raster angeordneten, die Vertikale betonenden Fassadenpfeilern ist auf der Südseite ein horizontal gelagerter, zweistöckiger Eingangstrakt mit gebänderter Fassade und ausladender Freitreppe vorgelagert. Dieser wird seinerseits von zwei viergeschossigen, winkelförmigen, vorspringenden und ebenfalls mit Bandfenstern versehenen Büroflügeln eingefasst. Zwischen Eingangstrakt und Büchermagazin liegt unter einem Glasdach die Raumflucht der Publikumsräume mit Lesesaal, Ausleihe, Katalogsaal und Ausstellungsraum. Die ausladenden Gebäudeflügel bilden im Osten und Westen grosszügige und städtebaulich wichtige Aussenräume. Das Gebäude fällt durch sorgfältige, eigens für diesen Bau entworfene Konstruktionsdetails, Ausstattungen, Möbel und eine eigenwillige Farbgestaltung auf; zudem wurde es durch weitere künstlerische Beiträge bereichert.82 Die in Grundriss und Volumen klar gegliederte Anlage ist ein hervorragendes Beispiel funktioneller Architektur und gehört zu den Hauptwerken der Moderne der späten 1920er- und frühen 1930er-Jahre in der Schweiz.

    Die neue Nationalbibliothek zählte nach ihrer Fertigstellung zu den fortschrittlichsten Bibliotheken Europas und fand weit über die Landesgrenzen hinaus Beachtung. Sie diente denn auch jahrzehntelang ohne wesentliche Veränderungen ihrem Zweck. Der technologische Wandel wirkte sich jedoch auch in diesem Bereich stark aus, so dass 1991 eine Studie in Auftrag gegeben wurde, die Aufschluss darüber geben sollte, ob eine Modernisierung und Erweiterung am bestehenden Standort möglich oder ob ein Neubau an einem anderen Standort ins Auge zu fassen sei. Der Entscheid fiel zugunsten des bestehenden Gebäudes, wodurch sich die Frage nach einer vollständigen Umnutzung erübrigte. In den darauf folgenden Jahren wurden verschiedene Ausbauvarianten geprüft. Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt wurde die Denkmalpflege in die Diskussionen einbezogen.

    Angesichts der nationalen Bedeutung des Baudenkmals und der hohen städtebaulichen Qualität der Aussenräume konnten sowohl Vorschläge mit einer Aufstockung im Mittelbereich wie solche mit einer oberirdischen Bebauung der Aussenräume nicht befriedigen. Schliesslich entschied man sich für die nun ausgeführte Variante. Vor Baubeginn wurde in enger Zusammenarbeit zwischen dem Architektenteam83 und der Denkmalpflege ein «architektonischer Verhaltenskodex für den Umbau des Hauptgebäudes» erabeitet, der die Zielsetzungen der Denkmalpflege formulierte und Grundsätze für den Umgang mit allen Teilen des Bauwerks definierte.84 Oberste Priorität wurde der Erhaltung der originalen Räume mit ihrer Ausstattung beziehungsweise deren Rekonstruktion zugemessen, wobei selbstverständlich gewisse Zugeständnisse für die Erfüllung funktioneller Anforderungen gemacht werden mussten. Das Gebäude war anlässlich früherer Renovationsarbeiten teilweise arg entstellt worden.

    Die Umbau- und Erneuerungsarbeiten wurden im Herbst 1998 in Angriff genommen. Grosse ästhetische und materialtechnische Probleme stellte die Renovation der Fassaden. Aus gestalterischen Gründen kam ein Materialauftrag von mehreren Zentimetern Stärke nicht in Frage, er hätte die sparsam eingesetzte Reliefierung der Fassaden zu stark verändert. Die pragmatische Konstruktionsweise, die sehr unterschiedliche Materialien wie Naturstein, Beton und verputzte Flächen miteinander kombiniert, hatte zu Fugenrissen geführt, die saniert werden mussten. Insgesamt wurde die ursprüngliche Konstruktion beibehalten.85 Die Farbgebung der Fassaden wurde nach dem Befund des originalen Erscheinungsbildes festgelegt.

    Wichtigster Teil der Erweiterung war zweifellos der Neubau des Tiefmagazins für Bücher86 unter dem nordöstlichen Aussenhof, der durch einen kleinen, eleganten Verbindungsbau an der Nordostecke des ehemaligen Magazins oberirdisch in Erscheinung tritt.87 Durch diesen Neubau wurde das achtgeschossige Büchermagazin des Altbaus frei für die dringend benötigten weiteren Publikumsräume, die sich neu in den unteren vier Geschossen befinden. Für die Umnutzung waren vor allem die geringe Raumhöhe und der auf die Büchergestelle abgestimmte Stützenraster problematisch. In die von eng gestellten, scheibenförmigen Stützen geprägte Baustruktur wurde in Längsrichtung eine grosszügige, die Publikumsräume erschliessende Kaskadentreppe eingebaut, die den neuen öffentlichen Charakter der Räume architektonisch umsetzt. Durch einen teilweisen Ausbruch der Decke zwischen dem dritten und vierten Obergeschoss konnte ein Lesesaal für Literaturarchiv und Grafische Sammlung geschaffen werden. Im Übrigen wurde darauf geachtet, dass die Substanz erhalten und der Charakter der industriellen Lageranlage spürbar bleibt.

    Die Oberflächen des Eingangstrakts wurden renoviert. Erhalten werden konnten der ursprüngliche Eingang und Windfang mit den feingliedrigen Metallarbeiten aus Anticorodal. Die speziell für die Nationalbibliothek entwickelten Leuchten wurden sowohl im Eingangsbereich wie im Raum der ehemaligen Ausleihe weitgehend originalgetreu rekonstruiert.

    In der Raumfolge der Publikumsräume des Erdgeschosses wurde das ursprüngliche Erscheinungsbild so weit wie möglich erhalten oder wiederhergestellt. Dies gilt vor allem für den Lesesaal, dessen Ausstattungen mit geringen Veränderungen, Ergänzungen und Rückführungen restauriert wurden. Im Bereich der ehemaligen Ausleihe fallen vor allem die Entfernung des Ausleihekorpus und die Öffnung der Rückwand ins Gewicht. Dadurch entstand eine neue Öffnung zum Erdgeschoss des Büchermagazins, welche die alten und neuen Publikumsbereiche räumlich verbindet und den Blick auf die neue Treppenanlage freigibt. Der Katalogsaal wurde um eine Achse erweitert. Die seitlichen Büchergestelle wurden für Ergänzungen im Lesesaal verwendet; die mit Nussbaumholz getäferten Nischen blieben erhalten. Der Ausstellungsraum wurde vollständig neu ausgestattet. Abgeschlossen wird die Raumfolge durch eine Cafeteria mit einer Terrasse zum östlichen Aussenraum, die eine symmetrische Entsprechung zur Leseterrasse auf der Westseite bildet.

    In den Büroflügeln konnte die Nutzung im Wesentlichen den bestehenden Strukturen angepasst werden. Die wenigen noch vorhandenen originalen Bauteile wie Türen, Schränke, Parkettböden und ein Teil der Fenster wurden restauriert. Erhalten wurden auch alle vorhandenen Uhren. Ergänzungen durch neue Bauteile wie Brüstungskanäle für EDV-Installationenen sowie Einrichtungen für Brandschutz und Sicherheit waren unumgänglich.

    Vor der Neugestaltung der Oberflächen wurden die Farbgebung und Materialisierung des Altbaus untersucht und detailgenau eruiert.88 Nicht nur weil es von der Benützerschaft unerwünscht war, sondern auch aus restauratorischen Gründen konnte das Farbkonzept von Leo Steck nicht rekonstruiert werden. Die Malerei hatte ihre Wirkung nicht nur der reinen Polychromie verdankt, als wichtiges künstlerisches Mittel war auch die Art des Farbauftrags eingesetzt worden: Eine Freilegung war nicht möglich, und eine auch noch so gute Rekonstruktion hätte die authentische Erscheinung nicht wiedergegeben. Im obersten Geschoss des östlichen Büroflügels wurden drei Büroräume, der dazu gehörende Korridor sowie das Treppenhaus mit einigem Aufwand als Beleg so weit wie möglich in den Originalzustand versetzt. Die alten Bodenbeläge wurden beibehalten, die ursprünglichen Salubra-Tapeten nachgedruckt, die Leuchtkörper nachgebaut, die festen Ausstattungsteile belassen, die Farbgebung rekonstruiert. Eine vollständige Möblierung mit dem Originalmobiliar war aufgrund der fehlenden Bestände nicht möglich.89

    Wie damals der Neubau von Leo Steck wurde auch der aktuelle Umbau von einem Künstler, Olivier Mosset90 , begleitet. Sein Beitrag besteht in einer so genannten ‹künstlerischen Überformung› des ursprünglichen Farbkonzepts sowie in der Bemalung der Bürotüren, die an das Werk Stecks anknüpft und mit der Frage «Was ist Kunst?» spielt: In Form ihrer Bürotüre verfügen nun alle Mitarbeitenden über ein Originalwerk von Mosset.

    Planung und Ausführung des Umbaus und der Erweiterung der Schweizerischen Nationalbibliothek haben von den ersten Konzeptideen bis zur Fertigstellung insgesamt mehr als ein Jahrzehnt in Anspruch genommen. Sie sind mit ungewöhnlich grosser Sorgfalt durchgeführt worden. Alle am Umbau Beteiligten begegneten dem wichtigen Baudenkmal mit grosser Verantwortung und Respekt, Veränderungen wurden umsichtig geplant, und die Anzahl der notwendigen Eingriffe wurde auf ein Minimum beschränkt. Zwar konnten wegen der Ansprüche des modernen Bibliotheksbetriebs einige Verluste an originaler Substanz nicht vermieden werden; es sind indessen auch neue architektonische Qualitäten entstanden.

    E.F. www.stub.unibe.ch

    80 Alfred Oeschger (1900–1953), ab 1925 eigenes Architekturbüro mit seinem Vater Eduard Oeschger in Zürich. Emil Hostettler (1887–1972), ab 1923 eigenes Büro in Bern; Architekt des Tierparks Dählhölzli. Josef Kaufmann (1882–?). Über Kaufmann ist wenig bekannt. Nach dem Auftrag für die Nationalbibliothek trat er in den Dienst der Bundesverwaltung und wird 1954 als ehemaliger Vizedirektor der Direktion der Eidg. Bauten D+B genannt.

    81 Kirchenfeldstrasse 25. Architekten: Widmer + Daxelhofer; J.-P. Müller. Baujahre: 1924; Pavillons auf der Südseite 1988.

    82 Farbgestaltung: Leo Steck (1883–1960), bekannt vor allem für seine Glasmalerei in zahlreichen Kirchen des Kantons Bern. Wandgemälde von Ernst Morgenthaler (1887–1962) an einer Seitenwand der dem Lesesaal vorgelagerten Terrasse. Skulpturen in den Aussenräumen von Albert Carl Angst (1875–1965) und Hans von Matt (1899–1985).

    83 Bauherrschaft: Schweizerische Eidgenossenschaft, vertreten durch das Bundesamt für Bauten und Logistik. Architekten: Architektengemeinschaft Landesbibliothek, Andreas Furrer, Kurt M. Gossenreiter, Christoph Stuber.

    84 Festgehalten in einem Protokoll vom 3. Juni 1997.

    85 Die Bauherrschaft erklärte sich bereit, zu Gunsten des Erscheinungsbilds auf eine technische Optimierung der Konstruktion zu verzichten.

    86 Ein zweites Tiefmagazin unter dem nordwestlichen Aussenhof ist vorgesehen.

    87 Im Gegensatz zum alten Büchermagazin sind hier die Lagerbedingungen optimal. Um auch die Arbeitsplätze in diesem Bereich etwas aufzuwerten, wurde eine Heliostat-Anlage errichtet, welche das Tageslicht vom Dach des Ostflügels in die Tiefe der Untergeschosse spiegelt.

    88 Restaurierung: Ueli Fritz und Gertrud Fehringer, Bätterkinden.

    89 Auf einen Nachbau der Stücke musste aus Kostengründen verzichtet werden.



    Schweizerische Landesbibliothek Bern
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