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Bern - die Hauptstadt mit Charme Das Berner Münster Das Münster ist Berns bedeutendstes Bauwerk. Seine spätgotischen Chorfenster und der figürliche Schmuck sind die bedeutendsten der Schweiz. Nach der Grundsteinlegung 1421 wurde das Münster in den folgenden drei Jahrzehnten unter Matthäus Ensingers Leitung im Uhrzeigersinn um die Leutkirche 2) herum gebaut. Unter den folgenden Werkmeistern ragt Erhard Küng heraus, der zwischen 1460 und 1480 die Figuren der Hauptvorhalle schuf. Der Turm erreichte 1521 die Höhe des untern Achtecks. Erst 1889-1893 entstand nach Plänen von August Beyer das obere Turmoktogon und der Helm unter der Leitung von August Müller. Die Höhe des Turmes wuchs damit von knapp 61 m auf gut 100 m. Die im 16. Jh. teilweise durch Unwetter zerstörten Fenster des Chors wurden zwischen 1441 und 1455 geschaffen, das Chorgestühl fertigten in den Jahren 1522/25 Jacob Ruess und Heini Seewagen an. Von den neun Glocken stammt die älteste, die Silberglocke, von der Wende des 13. zum 14. Jh., die Predigt- und die Betglocke als die jüngsten wurden 1883 gegossen. Die Grosse Glocke, 1611 entstanden, ist die grösste Glocke der Schweiz. 1730 erfolgte die Wahl des ersten nachreformatorischen Organisten. Die heutige, 1930 umgebaute Orgel auf dem Orgellettner von 1847/48 zählt 77 Register und 4 Manuale. Bis weit ins 20. Jh. hinein hatte der Bewohner der Turmwohnung Pflichten als Feuerwächter. Historisch-topographisches Lexikon der Stadt Bern von Berchtold Weber (1976) Das Berner Münster Die Abbildungsverweise beziehen sich auf die Print-Ausgabe. Zur Geschichte Das Berner Münster ist das Hauptwerk der schweizerischen Spätgotik. Als Wahrzeichen des ehemals bedeutendsten Stadtstaates diesseits der Alpen überragt es noch heute die Silhouette der Altstadt. Rat und Burgerschaft haben es erbaut; sie beschafften Geld, Frondienst, Ablässe und kostbare Reliquien, wie das aus Köln entwendete Haupt ihres Kirchenpatrons, des hl. Vinzenz. 1421, bei der Grundsteinlegung, war es eine blosse Pfarrkirche, abhängig von den fremden Deutschordensherren in Köniz; erst 1485 erkauften die Burger in Rom seine Erhebung zum freien «Domstift». In MATTHAEUS ENSINGER aus Ulm gewann der Rat einen kühnen Architekten und hervorragenden Bildhauer. Wie schon sein genialer Vater und Lehrer Ulrich wurde er später Werkmeister in Esslingen und Ulm. Bern übertrug ihm den grössten Bau, den je ein Mitglied dieser während hundert Jahren führenden Baumeisterfamilie beginnen konnte. Rings um die alte Kirche, die man weiter benützte, errichtete Ensinger die Aussenmauern der neuen, wie eine neue Schale um den alten Kern, vgl. den Plan. Kaum waren die Kapellen der Nordseite geweiht, so riss er 1430 den alten Chor nieder und führte den neuen - sein Meisterwerk - bis ans Gewölbe hoch. Als das Münster im Alten Zürichkrieg Not litt, übernahm Ensinger 1446-1449 die väterliche Bauhütte in Ulm. Doch führten die Nachfolger seine Pläne getreu zu Ende; nur das Schmuckwerk der Tore, Türme und Gewölbe haben sie im Stil der späteren Gotik reicher ausgeformt; siehe ihren Anteil im Grundriss (Abb. 2). 1449-1451 hat STEFAN HURDER aus Passau das alte Langhaus ersetzt und die neuen Seitenschiffe eingewölbt. Langsam folgten Sakristei und Westkapellen (NIKLAUS BIRENVOGT, ab 1470), Westportal und Nordostecke (ERHARD KÜNG), die Gewölbe im Chor (PETER PFISTER, 1517) und im Langhaus (DANIEL HEINTZ, 1573-1575). Seit dem Regensburger Steinmetzentag von 1459 bilden die Kirchenbaumeister der Schweiz eine regionale Sondergruppe im deutschen Berufsverband; der Berner Werkmeister, damals Stefan Hurder, führte die Oberaufsicht. Nach der Reformation von 1527 bis gegen 1800 betreuten die jeweils führenden Architekten von Bern die Münsterbauhütte, so die HEINTZ, JENNER und DÜNTZ, SCHILTKNECHT und SPRÜNGLI. Sie wirkt unter PETER INDERMÜHLE bis heute weiter. Beschreibung Die eintürmige Westfassade ist eines der letzten gotischen Gemeinschaftswerke von Bildhauern, Malern und Architekten, einzigartig als Anlage, Figurenwerk und Programm. Nach süddeutschem Brauch begann Ensinger nur einen Westturm in der Breite des ganzen Schiffs. Während seine Vorbilder (Ulm und beide Freiburg) bloss das eine Mitteltor betonen, fasste Ensinger alle drei Westportale zu einem dreiteiligen, reich geschmückten Vorbau zusammen. Als sich der Turm der schwachen Fundamente wegen senkte, suchte BURKHARD ENGELBERGER den Stumpf durch eine üppige Balustrade abzuschliessen (1507); statt ihrer Krone führte DANIEL HEINTZ ein zierliches Achteck hoch (1588), das A. BEYER 1893 mit einem schweren Obergeschoss und mit dem allzuharten neugotischen Helm versah. Seit 1611 erklingt hier die 10½ t schwere, grösste und tiefste Glocke der Schweiz. Das Hauptportal ist die letzte monumentale Verwirklichung jener lehrhaften Bilderwelt, welche die Gotik in Frankreich und am Oberrhein entwickelt hatte (Abb. i). Der Eingang führt dem Eintretenden den Weg zu Paradies und Hölle vor Augen. ERHART KüNG, ein rätselhafter Meister aus Loon in Westfalen, hat ihn wohl bald nach seiner Ankunft in Bern, 1458, geschaffen (die bunte Bemalung ist erneut); er wurde rasch Ratsherr, Meister des Stadtwerks, 1479, und von St. Vinzenz, 1483, und starb 15o6. In drei Zonen ordnet er 234 Figuren zum Drama des Jüngsten Gerichts. In der untersten Zone spielen fast lebensgrosse Gestalten den Prolog «Von den zehn Jungfrauen» (Abb. I). Verse erläutern das Gleichnis so, wie man es im geistlichen Schauspiel vor den Kirchentüren aufzuführen liebte. Links führt ein Engel, als Diakon gekleidet, die klugen Jungfrauen an, deren bräutlicher Prunk an niederländische Kunst erinnert; seine Schriftrolle (Abb.7) enthält die Worte: «Vorsichtig, keusch und wis (weise),Rechts antworten die Törichten, händeringend, in fremdartiger Tracht (vgl. die Negerin) «Ach und Weh, dass wir nicht Ochle hand (haben),Die Verkündigung, eine Grisaille-Malerei von 1501, schliesst die Seite der klugen, der Sündenfall die Seite der törichten Jungfrauen ab (Abb. 8). Die Mitte beherrscht seit 1575 die prächtige Justitia von Daniel Heintz im modisch-antiken Gewand (Abb. 7). Sie leitet über zum Jüngsten Gericht des Mittelfeldes. Hier kämpft Erzengel Michael um eine gute Seele (Abb. 6); drastisch zerrt ihn der Satan an den Locken. Links auf der ebenen Bühne drängt das gemeine Volk, im Totenhemd, zur Himmelstür, durch das die Fürsten von Kirche und Welt eintreten. Rechts traktiert die Hölle ihre Sünder mit Qualen und Spektakel. Die Engel und Propheten der Archivolten führen uns zur obersten, der himmlischen Zone hier richtet Christus selbst, überwölbt von den neun Engelchören. In einer Vorahnung renaissancehaften Schwergefühls haben die Apostel den Rahmen der Laibung durchbrochen und thronen senkrecht neben dem Erlöser. Nur zwei weitere Figurengruppen von den acht Portalen hat der Bildersturm verschont: die Büsten, d.h. die Hl. Patrone der STEINMETZEN am Tor nebenan, um 1440 von MATH. ENSINGER (Abb. 13) und die Engel der Schultheissenpforte, an der Gassenseite des Münsters (Abb. 5). Hier hielten an Festtagen Schultheiss und Rat ihren Einzug. «MEISTER ERHARD KüNG, 1491» zeichnet sie selbst. Unbernisch-übermütig biegt er gotische Fialen, als ob sie Ranken wären, um Engel, Wappen und Urkunden zum Abriss der Münstergeschichte (erneut; die bunten Originale im Innern des Chors). Links oben am Pfeiler verspottet der gotische Meisterspruch «Machs na(ch)» den kritischen Beschauer und jene späteren Restauratoren, die diese Tafel und alles Strebewerk ringsum durch einförmiges Ornament und störende Wasserspeier zu verbessern glaubten. Solch üppiger Spätgotik gegenüber wirken die Ensingerschen Zierformen im Chor und in den Seitenkapellen schlicht und kräftig. Wie schlank und elegant sind die schrägen «Sporen» seiner Strebepfeiler, ein altes Motiv der «PARLER», Schwabens vorangehender Baumeisterfamilie; keiner hat sie je so konsequent rings um ein Langhaus gelegt! Aussen wie innen hiess Ensingers Losung: die Einheit geschlossener Massen wahren und mit wenigen, eigen durchformten Mitteln gliedern! Die Münsterterrasse mussten 1479 die umliegenden Gemeinden ausbauen. Ursprünglich ein Kirchhof von einzigartigem Ausmass, durchbricht sie mit ihren 45 m hohen Strebepfeilern stolz das Relief der Altstadt (Abb. 4). Pavillon und Balustraden schreibt Paul Hofer NiKLAUs SPRÜNGLI zu, 1778/79. Das Innere verbindet die Höhe der Basilika mit der Weite eines Hallenraumes (Abb. 3). Von den Bettelordenskirchen übernahm man den neuen bürgerlichen Predigtsaal, ganz für das gesprochene Wort gebaut: das weite, gerade Langhaus, ungemein breite Arkaden, die ohne Kapitäl auf nüchterne Pfeiler stossen, und die geräumigen Seitenschiffe. Diese erhielten kunstvolle Netze statt der von Ensinger geplanten schlichten Kreuzgewölbe, wie sie südlich des Chors zu sehen sind. An eine Kathedrale erinnern die vordem reich ausgestatteten Familienkapellen; sie verbergen die Strebepfeiler und weiten die Seitenschiffe mit ihren breiten Fenstern aus. Mit ihren Massen tritt die Berner Pfarrkirche bewusst in den Wettkampf mit der Kathedrale ihres Bischofs - der grössten der Schweiz: Lausanne ist 1g m hoch und 94 m lang (im Schiff 48 m), Bern misst 21 m Höhe und 83 resp. 52 m Länge. Tiefe Blenden lösen die Obermauern unter den Fenstern auf. In einem Zug führt Ensinger seine eigenwilligen, gleichsam flach gekneteten Dienste hoch, die er nach Luc Mojon vom Vater übernahm: sie sollten in duftigen Laubkapitälen ausklingen, wie man sie noch am Chore sieht, und schlichte Kreuzgewölbe tragen; heute laufen sie sich in dem flachen Netzgewölbe tot, das der virtuose DANIEL HEINTZ 1573 in sechs Monaten über das ganze Langhaus spannte. Die Eingangswand bot einst einen kühnen Anblick, als sich der Turm mit beiden Westkapellen in voller Höhe gegen die anstossenden Schiffe öffnete; heute verbauen Verstärkungen, Seitenwände und die Empore das Bild. Den Orgelprospekt von NIKLAUS SCHILTKNECHT, mit Figuren und Mittelvase von HANS JAKOB LANGHANS, 1726, hat AUGUST NAHL 1749 neu dekoriert. Der Chor, durch den engen Triumphbogen abgetrennt, weitet sich zum Glanzstück des Münsters. Horizontaler und vertikaler Schmuck hält sich hier die Waage. Leere Baldachine zeugen davon, wie einst ein wagrechter Kranz von Statuen die Pfeiler verband, an denen drei senkrechte Monumente standen: rechts der figurenreiche Priesterdreisitz ENSINGERS, links sein riesiges Tabernakel und vorn die köstliche Lettnertreppe von ERHARD KONG. Üppige Mauerblenden lockern den hohen Fenstersockel auf - dazwischen die Wappenengel der Schultheissenpforte, s.o. - und treiben ihre Kreuzblumen durch das Gesims hinauf. Ganz oben, wo das Fenstermasswerk in Wirbeln und Flammen ausklingt, antwortet ihm der jubilierende Chor von 86 Heiligenbüsten, die PETER PFISTER 1517 entwarf und NIKLAus MANUEL bemalte. Die Chorfenster von 1441-1450 bilden ein selten grosses und gut erhaltenes Ganzes aus dem Anfang des «harten Stils» und der bernischen Glasmalerei überhaupt. Ganz neu ist nur das Fenster rechts der Mitte. Das Mittelfenster von 1441 enthält Reste der Passion Christi (unten) mit der Kreuzigung (oben) (Abb. 9). Es ist das Hauptwerk HANS ACKERS, eines Ulmer Mitarbeiters von Ensinger, überragend in der Wärme seiner Farben, aber noch altertümlich «weich» im Figurenstil. Die unterste Reihe und die Oberfenster rings um die Kreuzigung zeigen die lebensnahe Leidensgeschichte der Zehntausend Ritter, eine volkstümliche Stiftung, die sich ursprünglich im Fenster rechts der Mitte befand (Abb. 10). Hier begründet 1447 der Ratsherr MEISTER NIKLAUS MAGERFRITZ die bernische Glasmalerei, zusammen mit dem wohl auswärtigen MEISTER BERNHARD. Schon fester auf dem Boden dieser neuen bürgerlichen Wirklichkeit steht das Bibelfenster, links der Mitte, um 1450 von Hans Fränkli und andern Gerbern gestiftet (Abb. 11). Der Stammbaum Jesse verbindet die Mittelbilder aus dem Leben Christi mit den seitlichen Gegenstücken aus dem Alten Testament, die man illustrierten «Armenbibeln» und «Heilsspiegeln» entnahm. Im zweiten Fenster links reitet der prunkvolle Zug der hl. Drei Könige (Abb. 12) hernieder zur Anbetung, im burgundisch- höfischen Geist ihrer Stifter, der Herren von Ringoltingen, gemalt. Ein hohes Phantasiegebäude fasst ihn zusammen zur echt gotischen Einheit von Raum und Zeit. Vorne links im Chor zeigt die Hostienmühle (Abb. 16). ein Geschenk des Staates, die Symbolik des Abendmahls, eine ebenso kühne wie anschauliche Vision. Vom Strom des Alten Testaments getrieben, zermahlt die Mühle die Evangelistenzeichen zur Hostie, welche Kirchenväter an Geistliche und das Volk austeilen. Oben die Gegenstücke aus dem Alten Testament: die Juden in der Wüste laben sich am Wunderquell des Moses und am Mannaregen. Zur Ausstattung Im Chor der Taufstein des ALBRECHT VON NÜRNBERG, 1524; das Chorgestühl, links Apostel, rechts Propheten, das Hauptwerk schweizerischer Renaissanceskulptur, 1523 geschnitzt von JAKOB RUESCH und HEINI SEEWAGEN, wohl unter Mitwirkung NIKLAUS MANUELS (Abb. 15). An Festtagen hingen hier die 18 m langen Vinzenzteppiche, jetzt im Historischen Museum Bern. Links das spätgotische Bronzepult (Abb. 14), dessen 4 flämische Chorbücher Estavayer bewahrt. - Im Langhaus: Kanzel Von PETER KLEINMANN, Biel, stark erneuert: Abendmahlstisch von 1563. - Im nördlichen Seitenschiff: Denkmal der Schlacht von Grauholz, K. E. VON TSCHARNER, 1872. - Im südlichen Seitenschiff: Zähringermonument von 1611. Moderne Glasfenster: Totentanz, nach NIKLAUS MANUEL von ED. VON RODT, 1917. «Jesaias», von FELIX HOFFMANN, 1947. Man überblicke die unzähligen Stifterscheiben, Grabplatten und Kirchenstühle; man denke sich die vielen Statuen hinzu und 25 in der Reformation zerstörte Altäre (Tafeln vom Hochaltar Heinrich Büchlers, 1468, und vom Allerseelenaltar, 1506, im Kunstmuseum, der Bartholomäus der Metzger im Historischen Museum) mit ihren Flügeln, Figuren und dem reichen Messgerät: erst dann erhält man ein wahres Bild von der einstigen Pracht der alten bernischen Staatskirche. Hans R. Hahnloser Schweizerischer Kunstführer Juli 1954 Literatur: HANS R. HARNLOSER, Chorfenster und Altäre des Berner Münster, Bern, 1950. HANS BLOESCII und MARG. STEINMANN, Das Berner Münster, Bern, 1938. B. HAENDCKE und A. MÜLLER, Das Münster in Bern, Bern 1894 - Bibliographie: GUST. GRUNAU, Festschrift zur 500-jährigen Feier der Grundsteinlegung, Bern, 1921. - Photos: Martin Hesse, SWB, Bern. Das Berner Münster Das Berner Münster ist das bedeutendste spätgotische Gesamtkunstwerk der Schweiz mit reicher spätmittelalterlicher Ausstattung, namentlich Steinplastik, Glasfenster und Chorgestühle. Um 1191 entstand die erste Kirche an der Stelle des heutigen Münsters, ein Apsidensaal. Im 13. Jahrhundert wurde sie durch einen dreischiffigen Bau abgelöst. Bauherr des Münsters war nicht die Kirche, sondern der Staat Bern, ausserdem der Deutsche Orden, dessen Häuser direkt beim Kirchenbau standen. Im übrigen liessen wohlhabende Berner die Seitenkapellen in Privatfinanzierung errichten: Das Geld schien gut angelegt für Prestige wie Seelenheil, so verdanken sie ihre Existenz einer gutgehenden Metzgerei, einem florierenden Krämerladen oder dem blühenden Handel mit Milchprodukten. 1528 trat die Kirche der Reformation bei. Die jetzige Kirche wurde 1421 von Matthäus Ensinger aus Ulm begonnen und erst 1893 vom ebenso aus Ulm stammenden neogotischen Architekten August Beyer vollendet (Turm-Obergeschosse). Das Berner Münster ist eine spätgotische dreischffige Basilika mit inkorporiertem Stiftschor und polygonalem Altarhaus. Es fügt sich in die West-Ost-Richtung der Strassen ein und bildet den Hauptakzent des altstädtischen Dachmeeres, dessen Krone der 100 Meter hohe Münsterturm ist. Besonders hervorzuheben sind das figurenreiche Hauptportal mit der eindrucksvollen Darstellung des Jüngsten Gerichts und im Innern der Kirche der komplett erhaltene Zyklus von Glasmalereien des Chores. Von der Qualität her ist es der wichtigste spätgotische Glasmalereizyklus der Schweiz, der nur mit Königsfelden vergleichbar ist. Von Meister Eberhard Küng stammt eine an der Südseite des Chores um 1500 angebrachte Inschrift mit dem Spruch Machs na (Mach es nach), ein Zeichen der hohen Wertung von Architekten im ausgehenden Mittelalter. Das Chorgestühl ist das wichtigste Renaissance Denkmal dieser Ausstattung in der Schweiz. Der Himmlische Hof gehört zu den wichtigsten Bildhauerarbeiten zu Beginn des 16. Jahrhunderts in der Schweiz. Dargestellt sind als Brustbilder die Dreifaltigkeit, Maria, Apostel und zahlreiche Heilige. Die Gewölbeausmalung stammt von Niklaus Manuel Deutsch. Ein knappes Jahrhundert von Beginn des Münsterbaus legte man 1334 den Grundstein für die Plattform in den heutigen Ausmassen. Mitte des 15. Jahrhunderts erreichte man die heutige Höhe. In der Reformation wurde der Friedhof aufgehoben und die Plattform zum Lust bestimmt. Das Berner Münster Von allen bernischen kirchlichen Bauwerken des Mittelalters ist unzweifelhaft das Berner Münster das machtvollste. Weit ragt es mit seiner filigranartigen Spitze über das malerische Dächergewirr der Altstadt hinaus. Zu seinen Füssen zieht die Aare in zahlreichen Windungen durch eine prächtige, vielgestaltige Landschaft, im Süden durch die Berner Alpen begrenzt. Dort, wo jetzt das Berner Münster steht, befand sich ursprünglich eine Kapelle, die wahrscheinlich bei der Gründung der Stadt erbaut wurde, denn sie wird schon um 1224 erwähnt. Diese Kapelle wurde später durch die etwas grössere Leutkirche ersetzt. Indessen war auch diese bald zu klein, so dass am 11. März 1421 mit dem Bau des heutigen Münsters begonnen wurde. Das schwierige Werk wurde Matthäus Ensinger anvertraut, aus dessen Familie die Erbauer der Münster von Strasbourg, Ulm und Esslingen stammen. Ensinger errichtete die Strebepfeiler und die Fundamente des Turmes um die Leutkirche herum, ohne dass die Gottesdienste einen Unterbruch erlitten. Erst nachher wurde die Leutkirche Zug um Zug abgebrochen. Erhart Küng und Daniel Heinz führten den Bau weiter. Küng befasste sich mit dem Bau des Turmes und des Mittelportales; Heinz erstellte die Fialen und Galerien. Auf alten Bildern ragt der Turm als wuchtiger, abgeflachter Koloss über das Dach des Schiffes hinaus. Erst 1893 wurde er durch einen Baumeister aus dem Kulturkreis des Ulmer Münsters, Prof. Beyer, vollendet, der den Turm unter meisterhafter Anwendung der Bauregeln und des Baustils der Spätgotik bis zur Höhe von hundert Metern führte. Die mit der Zeit notwendigen Erneuerungen der Strebebogen, Pfeiler, Galerien und Fialen, deren vielfältige und einmalige Formen wir heute bewundern, werden jeweils nach den mittelalterlichen Zeichnungen und Modellen durch die eigens dafür geschaffene Münsterbauhütte ausgeführt. Der Bildersturm der Reformation haut auch am Berner Münster seine Spuren hinterlassen. Zum Glück blieb jedoch das meisterhafte Bilderwerk des Erhart Küng am mittleren Portal unangetastet, nicht zuletzt deshalb - so erzählten die Chroniker - weil bei dieser Darstellung des Jüngsten Gerichtes auch Höchste und Allerhöchste den Martern der Hölle ausgeliefert werden. Das Jüngste Gericht, das mit der Darstellung der klugen und er törichten Jungfrauen, mit den Aposteln und dem Himmelszelt ein einheitliches Ganzes bildet, unterscheidet sich in den italienischen Auffassungen durch die Intensität der Martern und Peinigungen, denen die Sünder ausgesetzt werden. Es ist eines der schönsten Bildwerke der Spätgotik. Aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts stammt das mächtige, das Schiff überspannende Netzgewölbe, das 87 künstlerisch wertvolle Schlusssteine aufweist, die zum Teil die Wappen der ehemals regierenden Berner Familien tragen. Kein Geringerer als Niklaus Manuel führte die Malereien im Chorgewölbe aus. Ihm ist auch der Entwurf des Totentanzes zu verdanken. Vor allem aber fesseln die Glasmalereien der teilweise 12 Meter hohen Chorfenster. Ihre Entstehung fällt in die Jahre 1441-1450. Die Ausnahme bilden die beiden zur Rechten des Mittelfensters gelegenen, erst 1868 ausgeführten Fenster mit Szenen aus dem Neuen Testament. Nach alter Tradition stiftete der Rat das Mittelfenster - das sogenannte Passionsfenster - das einen ungewöhnlich warmen Ton und weichen Figurenstil aufweist. Links davon befindet sich das Bibelfenster, eine Stiftung von drei Stubengesellen der Zunft zu Mittellöwen. Das Motiv diese Fensters ist eine sogenannte Armenbibel, das heisst eine Bilderfolge mit Darstellungen und Prophezeiungen aus der Heiligen Schrift. Weiter links befindet sich das Dreikönigsfenster, ein Geschenk der Familie von Ringotingen. Es ist kunstgeschichtlich besonders interessant, weil es als Hintergrund eine Landschaft zeigt. Das war damals weder in der Schweiz noch in Deutschland üblich. Das Hostiemühle-Fenster beschliesst den Reigen der Chorscheiben: Vom Strome des Alten Testaments geschrieben, zermahlt die Mühle Evangelistenezeichen zur Hostie, die Kirchenväter unter das Volk verteilen.Die 1726 gebaute Orgel besitzt 78 Register und besteht aus 5404 Pfeifen. Die kleinste misst 10 cm, die grösste jedoch 10 m. Letztere ist aus Holz, weist einen viereckigen Querschnitt auf und wiegt 750 kg. Das 1523 entstanden, reich geschnitzte Chorgestühl ist mit echt mittelalterlichen Figuren-Typen aus dem täglichen Leben geschmückt. Es dokumentiert eindrücklich die Verbundenheit der alten Berner mit dem bodenständigen Handwerk. sogar ein butterstampfendes Milchmädchen wurde der Verewigung für würdig befunden. Der Taufstein, gemeisselt von Meister Albrecht von Nürnberg, stammt aus dem Jahre 1524. Von den neun Münsterglocken ertönten deren drei - die Burger-, die Silber- und die Feuerglocke - schon bei der Grundsteinlegung des Münsters vom Turm der alten Leutkirche herab. Sie begrüssten am 10’000-Rittertag des Jahres 1339 die heimkehrendem Sieger aus der Schlacht von Laupen und haben auch seither jedes historisch bedeutsame Ereignis in Bern mit ihren Ton begleitet. Die grösste Glocke des Berner Münsters, zugleich die grösste Glocke der Schweiz, wurde 1611 gegossen und wiegt 10’500 kg. Um den Hals der Glocke zieht sich ein 4,30 Meter langer, gar köstlicher Bären- und Puttentanz. Eine besondere Kuriosität ist der grosse, in die Mauer eingelassenen eiserne Opferstock. Er besitzt nämlich drei Schlösser. Haben die alten Berner etwa gedacht, eine Beraubung werde nicht so leicht sein, wenn drei verschiedene Personen die Schlüssel verwahren? 254 steinerne Stufen führen spiralförmig zur ersten Turmgalerie in etwa 50 Meter Höhe und weitere 90 Stufen zur zweiten, dem Publikum ebenfalls zugänglichen Galerie. Eine prachtvolle Aussicht über die Stadt bis weit in bernische Lande belohnte die Mühe des Aufstieges. Vom Berner Münster unzertrennlich ist die ihm vorgelagerte Plattform, eine der aussichtsreichsten und schönsten Promenaden Berns. Paramente aus dem Berner Münsterschatz Im Spätmittelalter nannten Kirchen und Klöster eine erstaunliche Menge an Paramenten ihr eigen. Darunter sind nicht nur die Priestergewänder und Altartücher zu verstehen, die zur Feier der Gottesdienste notwendig waren, sondern auch grosse, auswechselbare Behänge, die das Gotteshaus im Verlauf des Kirchenjahres immer wieder in neuem Gewand erscheinen liessen. weiter... Die Münsterorgel Münster- und Kathedralorgeln haben in der Schweiz und wohl auch andernorts seit jeher eine besondere Bedeutung erlangt. Einerseits hatten sie Signalcharakter. Der Beschluss des Berner Rates vom 5. Juni 1726, im Berner Münster eine Orgel errichten zu lassen, bedeutete die Wiedereinführung der Orgel in den reformierten Gottesdienst, aus dem sie seit 1530 verbannt gewesen war. Somit wurde im Bernbiet der Weg frei für eine vergleichsweise frühe Orgelkultur, welche sich rasch auch auf die Landschaft ausbreitete. In Zürich war der Weg umgekehrt: die Landschaft ging voran, und erst mit dem Orgelbau von 1876 im Grossmünster fiel die letzte Bastion des zwinglianischen Orgelverbots, aber auch hier natürlich mit einer entsprechenden Signalwirkung. weiter... Der Münsterturm Der Turm des Berner Münsters ist - neben seiner Bedeutung als Teil eines spätgotischen Kirchenbaus - ein einzigartiger Aussichtspunkt. Steigt man in der anfangs geschlossenen Wendeltreppe des südlichen Treppenturmes die 254 Stufen zur ersten Galerie empor, eröffnet sich im Verlauf des luftigen Aufstiegs ein wunderbarer Ausblick auf Altstadt, Aareschlaufe und den Hausberg Gurten. An klaren Tagen zeigt sich im Südosten das prächtige Panorama der Berner Alpen mit den markanten Gipfeln Eiger, Mönch und Jungfrau und im Südwesten ein kleiner Ausschnitt der Freiburger Alpen. Im Nordosten und Nordwesten sind jeweils die Juraketten sichtbar. Siehe auch Berner Münster - Henkersglocke Münsterbau, Politik und Wirtschaft Das Berner Münster ist die grösste und wichtigste spätmittelalterliche Kirche der Schweiz. Als bauliche Dominante der 1983 in das UNESCO-Verzeichnis der Weltkulturgüter aufgenommenen Berner Altstadt hat das Münster hohe städtebauliche Bedeutung. Der Bau erfüllt als Pfarrkirche, weiter als Aufführungsort geistlicher Musik und anderer Veranstaltungen sowie als gernbesuchtes Reiseziel eine wichtige Funktion im heutigen städtischen Kulturleben. weiter... Die Glasmalereien im Berner Münster und ihre Auftraggeber Die Interpretation der mittelalterlichen Bildquellen kann sich nur selten auf zeitgenössische schriftliche Dokumente stützen und muss daher von den Aussagen des Kunstwerks selbst, seiner Entstehungszeit, seiner Form und seinem Inhalt ausgehen und versuchen, diese in die allgemeine historische Entwicklung einzuordnen. Erst wenn dem Kunstwerk sein Platz in der Geschichte zugewiesen ist, lässt sich wieder ein Bezug zu den schriftlichen Quellen herstellen. Als Stifter der Glasmalereien im 15. Jahrhundert treten die Stadt und Mitglieder der politischen Führungsschicht auf, unter denen sich sowohl Adelige als auch reich gewordene Kaufleute befinden. Die Glasmalereistiftungen waren in erster Linie ein Akt der Frömmigkeit, doch verfolgten die Stifter damit auch weltliche Ziele. Das Patronatsrecht zu erlangen war der Hauptantrieb der Stadt für den Münsterbau. Dieses Ziel wollte sie mit zwei Mitteln erreichen: mit der Organisation des Baus und seiner Finanzierung sowie mit der Herrschaft über das Niederkirchenwesen. Beides liess sie 1418 von Papst Martin V. absegnen und bald in die Tat umsetzen. Der Bau begann 1421 mit der Errichtung der Seitenkapellen, deren Gründern das Recht zugesichert wurde, den Priester für die von ihnen ausgestatteten Altäre zu präsentieren. Der Bau des Münsters setzte sich mit der Errichtung des Chores fort, dessen Finanzierung der Deutsche Orden als Kirchherr hätte tragen müssen. Mit ihren Glasmalereistiftungen (Passions- und Mühlenfenster) repräsentierte sich jedoch die Stadt in dieser Rolle. Die übrigen Stifter der Chorverglasung waren Mitträger der städtischen Herrschaft und unterstützten die Ziele des Gemeinwesens. Bis ins 18. Jahrhundert kümmerten sich die Bürger der Stadt und die Gesellschaften um die Verglasung der Pfarrkirche, so dass die erhaltenen Scheiben Wandlungen in der Gesellschaft, vor allem die Abkapselung der Führungsschicht gegenüber reichen Aufsteigern, deutlich spiegeln. Dr. Brigitte Kurmann-Schwarz Aufwendiger Unterhalt des Berner Münsters Das Äussere des Berner Münsters (Münstergasse 7), des zweifellos bedeutendsten Bauwerks der Stadt Bern, wird in einem Rhythmus restauriert, der es erlaubt, die vorhandenen, hoch qualifizierten Fachleute der Münsterbauhütte kontinuierlich einzusetzen. Dies führt zu teilweise langen Standzeiten der Gerüste, namentlich dann, wenn zwischenzeitlich unaufschiebbare Notmassnahmen getroffen werden müssen. Gerade das seit Jahrzehnten an der Westfront des Turms angebrachte Hängegerüst hat verschiedentlich kritische Bemerkungen verursacht.45 Die Arbeit im eingespielten Team ist für alle Beteiligten von Vorteil und sichert dem Bauwerk eine langfristige, nachhaltige Betreuung. Über die Berner Münster-Stiftung und ihre Organe hat der letzte Vierjahresbericht Auskunft gegeben. Stiftungsrat46, Baukollegium47 und Münsterbauhütte erfüllen ihre Aufgaben im bisherigen Rahmen. Neu definiert wurde hingegen der Aufgabenbereich des Münsterarchitekten. Die Überarbeitung der Abläufe und die neu strukturierten Pflichtenhefte ermöglichten es dem initiativen neuen Amtsinhaber48 , nach und nach klarere Strukturen und effizientere Arbeitsweisen einzuführen und so einen frischen Wind in die Unternehmung ‹Münsterrestaurierung› zu bringen. Die Infrastruktur der Münsterbauhütte wurde neu ausgelegt. Die bestehenden Kapazitäten können dadurch wesentlich rationeller genutzt werden. Im gleichen Zug wurden moderne Hilfsmittel, namentlich für die Arbeitsplanung und -kontrolle, eingeführt. Neue Wege werden auch in der Öffentlichkeitsarbeit beschritten. Eine Bautafel beim Eingang orientiert die Besuchenden laufend über den neusten Stand der Arbeiten, in der Gerbern-Kapelle informieren Plakate und Handblätter über spezifische Themen, und periodische Presseorientierungen setzen die Medien und damit die Öffentlichkeit über die wichtigsten Arbeitsschritte ins Bild.49 Die Gerüstbasis wurde 1982 auf Schicht 70 erstellt; heute ist Schicht 96 versetzt - damit sind gut drei Viertel der Arbeiten an der Westfront vollendet. Unter den Vorhaben am Münster ist zunächst die Wiederaufnahme der Ausbrucharbeiten an der Westfront des Turmvierecks aufzuführen. Auch mit dem Versetzen der teilweise seit Jahren fertig gestellten, aufwändige Bildhauerarbeiten aufweisenden Quader wurde begonnen; bereits sind wesentliche Teile des Ersatzes ausgeführt. Die Arbeit an der Fassade ist ausserordentlich heikel, sind doch sehr grossvolumige Stücke mit einem Gewicht von bis zu 1500 Kilogramm und mit äusserst fein gearbeiteter und entsprechend empfindlicher Bildhauerarbeit in grosser Höhe millimetergenau zu versetzen. Mit einer neuartigen Armierungs- und Verankerungstechnik wird der Form der Turmfront, die keiner präzisen Geometrie folgt, und den hohen baustatischen Ansprüchen Rechnung getragen. Gegen Ende der Berichtsperiode ist der Quader mit der Renovationsinschrift über dem Westfenster eingesetzt worden.50 Die Arbeiten an den Obergadenfronten konnten vorläufig abgeschlossen werden. Diejenigen Masswerke, die akut einsturzgefährdet waren, sind ersetzt worden. Gleichzeitig wurden auch die Glasmalereien gereinigt, gesichert und mit einer Schutzverglasung versehen. Im Hauptschiff sind in einem Einjahresrhythmus acht von insgesamt zehn Fenstern vollständig restauriert worden; dabei wurden bei jedem Fenster auch die zugehörige Hauptschifffront mit dem Abschlussgesimse sowie die Strebebogen in die Arbeiten einbezogen. In späteren Jahren werden die restlichen drei Fenster auszuführen sein. Spektakuläre Arbeiten waren an der Helmspitze des Turms zu leisten. Nach dem Erdbeben von 1946 bestand die Gefahr, dass die aus vier Teilen bestehende grosse Kreuzblume auseinander brechen könnte, und es waren eine eiserne Hilfskonstruktion mit oberer und unterer Sicherungsmanschette und Zugstangen eingebaut worden. Die in der Zwischenzeit erheblich korrodierten Metallteile wurden durch eine neue Sicherungskonstruktion ersetzt, die mit Spannseilen auch eine horizontale Aussteifung ermöglicht. Die Arbeiten in luftiger Höhe erforderten eine minuziöse Vorbereitung der einzubauenden Stücke und ein ausserordentlich aufwändiges Gerüst auf Konsolen. Sie wurden 1999 durchgeführt; die später demontierbare Leiter zur Vorbereitung und zur Nachkontrolle bleibt während rund drei Jahren an Ort und Stelle und hat bei der Bevölkerung für einigen Gesprächsstoff gesorgt. Im Innern des Münsters ist zunächst die Gerbern-Kapelle zu erwähnen, die nach Jahrzehnte dauernden Vorgesprächen zu einem neuen Empfangsraum für Besuchende umgestaltet worden ist. Mit einfachsten Mitteln wurden Zugänge und ein Windfang erstellt sowie eine Auskunfts- und Verkaufsstelle eingerichtet. Gleichzeitig wurden Turmaufstieg und -abstieg voneinander getrennt. Die neue Lösung bewährt sich. In teilweiser Analogie zur Überprüfung des Hauptschiffgewölbes wurde eine Inspektion des Chorgewölbes durchgeführt. Sie erlaubte erstmals seit langer Zeit, die Rippenschlusssteine und Gewölbekappen aus nächster Nähe zu begutachten; glücklicherweise bestätigte sie die Befürchtungen grösserer Verschiebungen nicht. Die Gelegenheit wurde genutzt, um Punkte für die geodätische Vermessung zu setzen, so dass nun alle Teile des Münsters periodisch eingemessen und so überwacht werden können. Aus Anlass der Restaurierung der grossen Orgel (siehe unten) wurde die für einige Zeit leere und damit zugängliche Turmhalle genau untersucht.51 Es zeigte sich, dass teilweise während der Bauzeit, teilweise durch spätere Änderungen bedeutende Anpassungen vorgenommen worden sind. Das Gewölbe der Halle wurde sorgfältig kontrolliert, und äusserst zurückhaltend wurden einige farbliche Retuschen vorgenommen. Die Wände der Halle wurden neu gefasst. Die grosse Orgel Die grosse Orgel des Berner Münsters weist eine lebhafte Entstehungsgeschichte auf.52 Die erste neue Münsterorgel nach der Reformation wurde durch Leonhard Leu (Lüw) 1726 bis 1730 auf einem eigens dazu erstellten neuen Lettner von Niklaus Schiltknecht erstellt. Es handelte sich um ein Werk von drei Manualen und Pedal mit 38 Registern. Bereits 1748 bis 1751 gestaltete Viktor Ferdinand Bossart die Orgel um und stellte sie auf einer neuen, von Beat Rudolf von Sinner konkav gestalteten Empore auf. In der Folge wurde das Rückpositiv aufgegeben und durch ein Brustwerk ersetzt; das Werk enthielt nun 44 Register. Gleichzeitig wurde das Hauptgehäuse tief greifend umgestaltet - Bestandteile der alten Schnitzereien und neue Teile wurden kombiniert. Eine weitere grundlegende Renovation des Werks erfolgte durch den Orgelbauer Franz Josef Remigius Bosshart 1827/28. Beim neuerlichen Umbau durch Friedrich Haas wurde das von ihm vorgeschlagene Gehäuse im neugotischen Stil nicht ausgeführt; die Orgel wurde jedoch auf dem noch heute bestehenden neugotischen Lettner aufgestellt, und es wurden Veränderungen am Werk vorgenommen. Die erneuerte Orgel wurde 1849 eingeweiht. Eine vollständige Revision durch Friedrich Goll 1903 hatte eine Vergrösserung auf 65 Register zur Folge. Die Firma Kuhn in Männedorf erhielt 1930 den Auftrag, ein neues Werk in das alte Gehäuse einzubauen, erweitert auf 78 Register. Ein neues Rückpositiv wurde hinzugefügt, und die 1903 eingebaute pneumatische Traktur wurde durch eine elektrische Traktur ersetzt. In den Jahren 1941, 1952 und 1962 wurden zum Teil wesentliche Umbauten vorgenommen. Die Gesamtkirchgemeinde setzte 1991 eine Orgelbaukommission ein.53 Sie liess durch das Baukollegium des Münsterbauvereins zunächst abklären, ob der Stützbogen, der anlässlich des Turmaufbaus 1889 bis 1893 eingebaut worden war, entfernt werden könne - er behindert sowohl die Sicht auf die Orgelfassade als auch in einem gewissen Mass die Ausbreitung des Klangs. In seinem Bericht kam das Kollegium zur Empfehlung, «aufgrund der schwierigen bautechnischen Voraussetzungen, der grossen denkmalpflegerischen und archäologischen Bedenken, der stein- und bildhauerischen Schwierigkeiten und der enormen finanziellen Konsequenzen auf den Abbruch des Mittelstützbogens zu verzichten».54 Als weitere Vorabklärung gab die Gesamtkirchgemeinde eine umfassende Bestandesaufnahme der Orgel, namentlich ihres Werks, in Auftrag.55 Sie umfasste ein vollständiges Inventar aller Pfeifen (einschliesslich der Mensuren und Inschriften), eine genaue Analyse der übrigen Werkbestandteile, genaue Massaufnahmen und eine umfassende Fotodokumentation des Orgelgehäuses sowie ergänzende Archivarbeiten. Für den anschliessenden Entscheid zur grundsätzlichen Verhaltensweise wurden drei Varianten erwogen: die blosse Renovation der bestehenden Orgel - der Rückbau auf den Bestand von 1930, allenfalls mit gewissen Modifikationen - ein Neubau unter Verwendung aller brauchbaren Registerpfeifen sowie des Gehäuses. Die Diskussion innerhalb der Kommission, in welcher neben der Bauherrschaft der Organist und die Denkmalpflege vertreten waren, wurde sehr breit geführt und auch mit aussenstehenden Fachleuten vertieft.56 Nach sorgfältiger Abwägung entschied sich die Kommission Ende 1994 für die letzte Variante. Es wurden die Detailplanung durchgeführt und die Beschlüsse der kompetenten Organe ausgelöst. Die Arbeiten begannen Anfang 1998, nachdem sich ein kurz zuvor entfachter Wirbel um die drei Jahre zuvor bestimmte, publizierte und von allen zuständigen Gremien gutgeheissene Variante als inhaltlich unbegründet und zudem zeitlich verfehlt erwiesen hatte. Zunächst wurden das Gehäuse und die für eine Wiederverwendung vorgesehenen Bestandteile des Orgelwerks sorgfältig demontiert. Die dadurch freigestellte Turmhalle57 wurde der oben erwähnten Untersuchung unterzogen. Danach wurden Halle und Gewölbe gereinigt, kleinere Reparaturen vorgenommen sowie störende jüngere Übertünchungen farblich eingestimmt. Die Lettnerbrüstung, die 1930 für das Rückpositiv ausgebrochen und in den verbleibenden Teilen stark verändert worden war, wurde ergänzt.58 Die Bestandteile des Orgelprospekts wurden einer genauen kunsthistorischen und restauratorischen Untersuchung unterzogen.59 So liessen sich die einzelnen Teile und ihre sukzessiven Fassungen den bekannten Bauphasen zuordnen, und es gelang auch anhand detaillierter Zeichnungen von Karl Howald, die (zuvor willkürlich) veränderte, ursprüngliche Aufstellung der Putti zu eruieren. Das Gehäuse mit dem figürlichen Schmuck wurde in seinem Bestand gesichert, grobe Fehlstellen wurden ergänzt. Die Fassungen wurden durchgehend untersucht und gesichert; teilweise wurden sie belassen - beispielsweise die Vergoldungen und Teile der Holzmaserierung -, teilweise wurden sie überfasst - beispielsweise die Putten über den beibehaltenen Farbschichten. Die Orgel selbst enthält in Hauptwerk, Brustwerk, Positiv, Schwellwerk und Pedalwerk 71 klingende Register mit mechanischer Traktur und Doppelregistratur (mechanisch und elektrisch).60 Die Windversorgung, die zuvor im Estrich installiert war, und die Schleifwindladen wurden neu konzipiert. Die Orgel wurde 80 Zentimeter tiefer, auf die ursprüngliche Höhe, gesetzt. Anstelle des Rückpositivs wurde das erwähnte Brustwerk eingesetzt.61 Die Grosse Münsterorgel wird nach der Neukonzeption unter Verwendung des Gehäuses und aller brauchbaren bestehenden Pfeifen ihrer Funktion als wichtige Trägerin der Kirchenmusik, aber auch als Konzert- und Unterrichtsinstrument wieder vollauf gerecht. In Orgelwerk und Prospekt gibt sie Zeugnis von Auffassungen und Beiträgen verschiedener, auch heute erkennbarer Epochen. Diese Beiträge sind unter Einschluss der jüngsten Ergänzungen zu einem neuen, stimmigen Ganzen zusammengefügt worden. Bernhard Furrer Historischer Verein des Kantons Bern 45 Die Arbeiten an der Turmwestfront waren wegen der Restaurierung des Hauptportals, später wegen der dringenden Sicherung der Fialen am Schiff, vor allem aber wegen der Sanierung der einsturzgefährdeten Obergadenfenster (mit zugehöriger Front und Strebewerk) wiederholt für Jahre unterbrochen. 46 Präsident seit 2000: Arthur Liener.. 47 Vorsitz seit 1998: Jürg Schweizer; Mitglieder: Bernhard Furrer und Christoph Schläppi. 48 Hermann Häberli seit 1998.. 49 Der Münsterarchitekt erstellt jährlich einen Tätigkeitsbericht.. 50 Renovationsinschrift: «erneuert 1849 · 2000».. 51 Leitung durch das Münsterbaukollegium. Restaurator: Urs Bertschinger, Biel; Zusammenführung der Erkenntnisse von Turmhalle und Orgel noch ausstehend.. 52 Gugger, Hans: Die bernischen Orgeln. Bern, 1978, 95-169.. 53 Vorsitz: Dr. Tedy Hubschmid. Eidgenössischer Experte: Rudolf Bruhin.. 54 Berner Münster: Stützbögen unter der Turmostseite. Bericht zur Frage eines allfälligen Abbruchs. 10. März 1992.. 55 Ausgeführt von Bernhardt H. Edskes, Wohlen AG.. 56 Dr. h.c. Hans Gugger; Heinrich Gurtner, ehemaliger Münsterorganist; Prof. Dr. Marc Schaeffer (Strassburg); Prof. Dr. Luigi Fernando Tagliavini (Freiburg). 57 Bloss die 32-ZollPfeifen verblieben in der Halle, wurden allerdings in deren Mitte verschoben.. 58 Münsterbauhütte: Münsterbauleiter Tobias Indermühle, später Hermann Häberli; Werkmeister: Martin Hänni. 59 Kunsthistoriker: Georges Herzog; Restaurator: Willy Arn AG, Lyss.. 60 Orgelbau Th. Kuhn AG, Männedorf.. 61 Leider wurde auf die historisch belegte Ausgestaltung mit einem Pfeifen-Prospekt verzichtet Trägerschaft Kein Gebäude im Kanton Bern erfährt so viel Zuwendung wie das zwischen 1421 und 1590 gebaute Berner Münster. Allein 16 Fachleute der Münsterbauhütte stellen täglich den Unterhalt der Sandsteinfassade sicher. Darin sind die Dächer von Mittel- und Seitenschiffen sowie Glasscheiben, Glocken und weitere Inneneinrichtungen nicht eingeschlossen. Der 86,72 Meter lange, 37,55 Meter breite und 100,6 Meter hohe Bau ist ein Kulturerbe, mit dem sich jede Generation von neuem auseinanderzusetzen hat. Seit 1881 werden die Arbeiten finanziell durch die Einwohnergemeinde Bern, die Burgergemeinde Bern und die Gesamtkirchgemeinde Bern getragen, die sich zum Münsterbauverein (heute Münsterstiftung) zusammengefunden haben. Schon damals wurden die Zuständigkeiten vertraglich genau festgehalten: Während die Münsterstiftung die Fassade unterhält, sorgt die Kirchgemeinde für die Instandstellung des Innern und der Glasmalereien. Die Stadt ihrerseits ist für den Unterhalt der Dächer zuständig. Gelder fliessen von der Seva-Genossenschaft, deren Mitglied die Stiftung ist. Weiter subventioniert die Eidgenossenschaft beziehungsweise das Bundesamt für Kultur alle Arbeiten mit denkmalpflegerischem Charakter. Münsterplattform 1334 Grundsteinlegung, 1514 Bau vollendet. Friedhof bis 1531. Im 18. Jh. werden die Linden durch Rosskastanien ersetzt. Von 1717 datieren die Gittertore, von 1749/53 die Sandsteinbalustraden. 1778/79 ersetzt Niklaus Sprüngli die 1514 von Andreas Mathys erbauten Eckpavillons. Das Zähringerdenkmal stand 1847-1968 auf der Plattform, die Wettersäule wurde 1873, der Aufzug Matte-Plattform 1897 errichtet (Mattenlift). Die 1694 nach dem Tod des Kerzerser Pfarrers Theobald Weinzäpfli an der südlichen Brüstung der Plattform angebrachte Gedenktafel erinnert an dessen Sturz vom Pferd über die Mauer hinaus, den er als Student am 23. Mai 1654 überlebt hatte. weiter... ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |