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Die Nydeggkirche

Nydeggkirche
Nydegghöfli 2. 1341-1346 Bau einer Kirche mit Dachreiter am Platz der alten Burg Nydegg. 1480-1483 Bau des Turms, 1493-1504 Neubau des Schiffs. 1529-1566 wird die N. als Magazin für Fässer, Holz und Korn verwendet, dann ist sie bis 1721 Filialkirche des Münsters. 1863 wird die N. nach der Umgestaltung des Nydegghöflis nach Plänen von Dähler nach Westen erweitert und erhält einen Eingang von der Nydeggbrücke her. 1951/53 Gesamtumbau, Entfernung des Konfirmandensaals von 1909, Erstellung des ursprünglichen Chorpolygons und der Flachtonne im Schiff. Vier Glocken von 1483, 1654 (1902 umgegossen), 1901 und 1958. Brücken- und Höfliportal von Marcel Perincioli, 1953 und 1955.
Lit.: KDM. 5

Historisch-topographisches Lexikon der Stadt Bern von Berchtold Weber (1976)



  • Die Nydeggkirche
  • Nydeggkirche (Wikipedia)
  • Kirchgemeinde Nydegg
  • Die Nydeggkirche ist etwas ganz Besonderes (*.pdf)
  • Marcel Perincioli (Wikipedia)
  • Zähringerdenkmal im Nydegghöfli
  • Nydeggbrücke
  • Abbildung
  • Plan



    Die Nydeggkirche

    Die Nydeggkirche ist die zweitälteste Kirche auf Stadt Berner Boden. Die älteste Kirche ist die Französische, hinten in der Zeughausgasse. Die Nydeggkirche hat auch einiges an Überraschungen. Ist sie doch auf historischem Boden gebaut. Unter der Kirche befindet sich ein Teil des Fundamentes der Nydegg Burg.

    Um 1341-1346 wurde an der Stelle der ehemaligen Burg erstmals eine der Maria Magdalena gewidmete Kapelle gebaut. Sie war höchstens halb so gross wie die heutige Kirche. Auf diese Kapelle geht im wesentlichen der heutige Chor mit der kleinen Sakramentsnische zurück. Der spätgotische Ausbau der Kirche begann 1480-1483 mit dem Turmbau. 1494-1500 folgte der Neubau des Schiffes und des halbrunden Triumphbogens zum Chor hin. Aus dieser Zeit stammt auch die älteste und grösste der vier Glocken, die Agathen- oder Feuerglocke. Die Kirche wird in jener Zeit «St. Maria Magdalena zu Nideck» genannt. Aus der Kapelle war eine Kirche geworden.

    Die Einführung der Reformation 1528 machte die Nydeggkirche für einige Jahre überflüssig, sie diente vorübergehend als Holzscheune und Fasslager für Gastwirte. 1566 wurde die Kirche wieder für gottesdienstliche Zwecke eingerichtet und erhielt ihre heutige Kanzel. Mitte des 17. Jahrhunderts vermochte die Kirche die sonntäglichen Gottesdienstbesucherinnen und Besucher nicht mehr zu fassen. Dank der Predigten des Dekans Johann Heinrich Hummel war die Nydeggkirche zu einem religiösen Treffpunkt in Bern geworden. Durch den Einzug einer grossen Empore, einer Portlaube, an der West- und Nordseite wurden zusätzliche Plätze geschaffen. Mitte des 18. Jahrhunderts wurden Pläne für den Bau einer völlig neuen, grossen Barock-Kirche ausgearbeitet, die indessen nicht zur Ausführung gelangten.

    Ihre heutige Gestalt erhielt die Nydeggkirche durch die umfassende Renovation nach den Plänen der Architekten Hans Klauser und Ernst Indermühle in den Jahren 1951-1953. Grundidee der Renovation war die homogene Neuausstattung in der fein differenzierenden Art der frühen fünfziger Jahre: die Beseitigung der Verunstaltungen durch frühere Eingriffe und die Wiederherstellung der alten klaren Raumverhältnisse. Die grosse Empore an der Nordseite wurde wieder entfernt. Die Masswerkfenster, die kassettenförmig gestaltete Naturholzdecke, die Westempore mit der Orgel, die Holzbänke, der Taufstein im Chor und die Gestaltung des Vorraums sind Ergebnisse dieser geglückten Renovation. Ihr ist zu verdanken, dass die Kirche wegen ihrer einladenden Schlichtheit, ihrer warmen Ausstrahlung und ihrer hervorragenden Akustik für viele kirchliche und kulturelle Anlässe ein gefragter Raum ist. Seit 1906 steht die Nydeggkirche unter Denkmalschutz.

    Die Fenster

    Die vier Glasfenster im Chor wurden 1957/58 von Robert Schär geschaffen. Zuoberst im Kreis sind die Namen der vier Evangelisten mit ihren Symbolen zu lesen: Matthäus (Menschengestalt mit Flügeln), Markus (Löwe), Lukas (Stier) und Johannes (Adler). Das Matthäusfenster zeigt (von unten nach oben) Adam und Eva, die Vertreibung aus dem Garten Eden, den Noah-Bund, Mose mit den zehn Geboten, den Propheten Jesaia, der die Geburt des Kindes ankündigt, und die Geburt Jesu. Im Markusfenster sind die Geschichten aus dem Leben Jesu zu sehen, unter anderem die Kreuzigung (der römische Hauptmann zeigt auf den Gekreuzigten mit den Worten «Dieser ist wahrhaftig Gottes Sohn gewesen») und die Engel am Grab, die die Auferstehung verkünden. Das Lukas Fenster ist Erzählungen aus der Apostelgeschichte gewidmet, unter anderem der Steinigung des Stephanus, dem Apostel Paulus, der Taufe des Kämmerers aus Aethiopien und dem Pfingstfest in Jerusalem. Das Johannesfenster zeigt Bilder und Symbole aus der Apokalypse des Johannes.

    In den Fenstern an der Südwand des Kirchenschiffs sind alte Wappenscheiben aus dem 16., 17. und 19. Jahrhundert eingesetzt. Sie zeigen die Wappen von regierenden Familien im alten Bern (Stürler, Daxelhofer, von Steiger, von Bonstetten, Frisching) sowie des Dekans J. H. Hummel. Zum Teil wurden sie zur Wiedereröffnung der Kirche 1566 gestiftet. Besonders schöne Glasscheiben befinden sich im Taufzimmer. In der grossen Standesscheibe von 1668 sind weniger die grimmigen Löwen, die das Berner Wappen präsentieren, beachtenswert, als vielmehr die hübsche Musikszene mit König David und vier weiteren Musikanten, die auf Instrumenten des 17. Jahrhunderts (Posaune, Zink, Pauke, Harfe, Laute) spielen. Rechts davon zeigt eine kleine, runde, wahrscheinlich aus derselben Zeit stammende Scheibe eine Allegorie über Altar und Tod: eine Hand aus den Wolken schneidet den Lebensfaden eines alten Mannes ab. Darüber das Spruchband:VERA PHILOSPHIA EST MEDITATIO MORTIS – Die wahre Philosopie ist die Betrachtung des Todes.

    Die Nydeggkirche verfügt über schöne alte Abendmahlsgeräte, die auch heute in Gebrauch sind. Die silbernen und vergoldeten Kelche stammen grösstenteils aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Die zwei silbernen und vergoldeten Schenkkannen gehörten ursprünglich zu einem sechsteiligen Satz von Kettenflaschen, die der Rat der Stadt Bern 1694 für das Rathaus bestellte und in Augsburg fertigen liess. Seit1755 dienen sie als Abendmahlskannen.

    Die Glocken

    Die älteste Glocke (Ton t), die Agathen- oder Feuerglocke, trägt die Jahreszahl 1483. Sie wiegt 1100 Kilogramm und ist durch Reliefs mit biblischen Szenen und umlaufenden Inschriften verziert.

    Die Predigtglocke (Ton b) trägt die Jahrzahl 1654 (Umguss 1902) und die Inschrift: ZUO IHESU CHRISTO RUEFF ICH EUCH SIN WORT ZU HOEREN ALLE GL YCH SO WIRD EUCH WERDEN SHIMMELRYCH.

    Die zweitgrösste Glocke (Ton as) wurde 1901 gegossen. Sie trägt die Umschrift: LOBET DEN HERRN IN SEINEM HEILLIGTUM.

    Das Geläute wurde 1958 durch die Kleine Glocke (Ton c) vervollständigt. Ihre Umschrift lautet: SIEHE ICH VERKÜNDIGE EUCH GROSSE FREUDE.

    Über dem Glockenstuhl befindet sich eine kleine Kammer. Hier übernachtete in früheren Zeiten der Feuerwächter. Dank des eingebauten Kachelofens konnte er es sich im Winter warm und gemütlich machen. Allerdings ging durch die Achtlosigkeit des Feuerwächters im Dezember 1568 der Turmhelm in Flammen auf. Die danach eingebauten vier Turmerker ermöglichten dem Wächter eine Rundsicht über die ganze Stadt. 1999 wurde der Turm der Nydeggkirche umfassend saniert. Dabei konnte das mechanische Uhrwerk von 1936 erhalten und in seiner Funktion belassen werden; es wurde lediglich elektrifiziert und wird nun durch Funkverbindung vom Zeitzeichensender bei Frankfurt a. M. gesteuert.

    Die Orgeln

    Die erste Orgel in der Nydeggkirche wurde 1812 gebaut. Sie hatte ihren Platz vorne im Chor, den sie fast ganz ausfüllte. Das Instrument steht heute in der Kirche Kandergrund. Denn 1885 erhielt die Kirche eine neue Orgel, die nun auf der Westernpore aufgestellt wurde und ihren Dienst bis zur umfassenden Kirchenrenovation von 1951/53 leistete. Am selben Standort wurde 1952 die bestehende Orgel mit 25 Registern auf zwei Manualen und Pedal von der Firma Metzler gebaut. 1993/94 wurde sie durch die Orgelbaufirma Goll A.G. in Luzern einer gründlichen Renovation und klanglichen Verbesserung unterzogen.

    Seit 1995 steht vorne an der Chorwand ein zweites Instrument, das sich durch einen besonders eigenständigen Charakter auszeichnet. Die Orgel orientiert sich klanglich und hinsichtlich ihrer Bauart am Vorbild italienischer Renaissance-Orgeln, wie sie die berühmte Orgelbauerfamilie Antegnatti im 16. Jahrhundert gebaut hat. Sie verfugt über 11 Register auf einem Manual. Das Pedal mit seinem kleinen Umfang ist nur «angehängt», das heisst, es hat keine eigenen Pfeifen. Eine Besonderheit des Instruments ist seine Stimmung: es ist, seiner Stilrichtung entsprechend, mitteltönig gestimmt. Deshalb lässt sich auf ihm Musik mit mehreren Vorzeichen nicht spielen. Umso schöner und farbiger erklingt die Musik des 16. und 17. Jahrhunderts. Dem Betrachter der Orgel fallen die kleinen schwarzen Buckel auf der Klaviatur auf. Es sind sogenannte Subsemi-Tasten, geteilte Tasten für die Töne es/dis und gis/as. Dank ihrer wird der Bereich der spielbaren Tonarten erweitert. Um dem Klang einer Antegnatti-Orgel möglichst nahe zu kommen, hat der Orgelbauer für die Pfeifen originale Masse (Mensuren) und Legierungen verwendet und auch die Spielmechanik nach dem Vorbild der historischen Orgeln gebaut. Die Orgel wurde von der Firma Th. Kuhn in Männedorf aufgrund eingehender Studien der originalen Instrumente gebaut.

    Die Türen

    Erwähnenswert sind schliesslich die bei den Türen der Nydeggkirche mit ihren von den berühmten mittelalterlichen Portalen von San Zeno in Verona und des Hildesheimer Domes inspirierten Bronzereliefs. Sie sind 1956 vom Berner Künstler Marcel Perincioli geschaffen worden.

    Auf der Haupttüre, durch die man die Kirche vom Nydegghof her betritt, sieht man Szenen aus dem Leben und Wirken Jesu, und zwar auf dem linken Flügel, von oben nach unten: die Verkündigung der Geburt Jesu an die Hirten (Luk. 2,8-14), die Taufe Jesu (Mark 1,1-11.), die Bergpredigt (Matth. 5-7) und die Heilung des Gelähmten (Mark 2,1-12); auf dem rechten Flügel die Geburt Jesu im Stall von Bethlehem (Luk 2), die Versuchung, Jesu (Mark 1,12f.), die wunderbare Speisung (Mark. 6,30-40) und die Auferweckung des Lazarus (Joh. 11,17ff) .

    Auf der Türe zur Nydeggbrücke sind Szenen aus der Passions- und Auferstehungsgeschichte dargestellt, wobei die Reihenfolge hier von unten nach oben verläuft: auf dem linken Flügel die Salbung Jesu in Betanien (Mark 14,3-9), die Fusswaschung (Joh. 13,1-11), Jesus vor Pilatus (Joh. 19,1ff) und die drei Frauen beim Grab am Ostermorgen (Luk. 24,1-6). Auf dem rechten Türflügel sind zu sehen: der Einzug Jesu in Jerusalem (Mark 11, 1-11), das Gebet Jesu auf dem Oelberg (Luk .22,39-46), die Grablegung Jesu (Luk. 23,50-56) und die Erscheinung des Auferstandenen vor den Jüngern am See (Joh. 21, -149).

    Der schöne Taufstein in der Nydeggkirche wurde von Marcel Perincioli entworfen: Harfe spielenden Engel.

    Walter Schleusser, Nach einer Publikation von Pfr. Klaus Bäumlin
    Artikel erschienen in der Brunne-Zytig 2007/4

    Literatur: Die Kunstdenkmäler des Kantons Bern, Band V. Paul Hofer und Luc Mojon. Die Kirchen der Stadt Bern. Basel 1969 Paul Hofer und Hansjakob Meyer, Die Burg Nydegg Forschungen zur früh Geschichte der Stadt Bern. Bern 1991. Aus der Broschüre: Die Nydeggkirche ist etwas ganz Besonderes.


    Nydeggkirche vom Rosengarten aus gesehen.  Photo: B. Suter
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