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Bern - die Hauptstadt mit Charme

Die Reitschule (auch Reithalle)

Reitschule
1) 1690 gründete der Rittmeister J. F. Fischer am Oberen Graben eine Reitschule, die vermutlich die Manège der Reiterwache benützte.
2) 1720 wird zwischen Fischermätteli und Ladenwandgut eine andere private Reitschule eröffnet. Die 1724 gegründete «Gesellschaft des Adenlichen Thurnier- und Ritterspiels» veranstaltet mondäne Festlichkeiten im Wirtschaftsgebäude (Fischermättelistrasse 7, Eingang datiert 1652).
3) Da die beiden Reitschulen 1) u. 2) den Bedürfnissen nicht mehr genügen, baut die Stadt eine eigene R. am Untern Graben. Der Bau wird 1738/39 von Samuel Lutz ausgeführt. 1898 wird das Gebäude für den Bau des Stadttheaters abgebrochen. Standort: Kornhausplatz 20
4) Schützenmattstrasse 7. Als Ersatz für 3) wird in den Jahren 1895/97 die Städt. Reitschule auf der Schützenmatte errichtet.
Lit.: KDM. 3

Historisch-topographisches Lexikon der Stadt Bern von Berchtold Weber (1976)



  • Die Reitschule
  • Bazar «Pompeiji»
  • 20 Jahre Reitschule
  • Kulturzentrum Reithalle (Wikipedia)
  • www.reitschule.ch
  • Abbildung
  • Plan
  • Kulturzentrum Reithalle (Wikipedia)
  • www.reitschule.ch



    Die Reitschule

    Die Berner Reitschule war Ort für Zirkusse, Volksfeste und politische Manifestationen – und für Christine Stückelbergers Olympiatraining.

    Schon vor ihrer wechselvollen jüngeren Geschichte als Jugend-, Begegnungs- und Kulturzentrum war die Städtische Reitschule Bern ein Mittelpunkt der Gesellschaft. Und noch 1976 bereitete die Dressurreiterin Christine Stückelberger hier mit Granat ihren Olympiasieg in Montreal vor.

    Granat, der mächtige Holsteiner Wallach, war ein aufmerksames, sensibles und ausdauerndes Pferd. Es machte willig mit, als die zierliche Berner Dressurreiterin Christine Stückelberger in den Wochen und Monaten vor den Olympischen Sommerspielen 1976 in Montreal hier trainierte. Hier, in der altehrwürdigen und längst auch ein wenig heruntergekommenen grossen Halle der Städtischen Reitschule Bern perfektionierte sie mit ihm die Grundgangarten Schritt, Trab und Galopp und schwierige Dressur-Bewegungsabläufe wie Passagen, Piaffen oder Pirouetten.

    Mit Erfolg: Am 30. Juli 1976 zeigte das harmonisch miteinander kommunizierende Paar im Olympia-Dressurviereck von Montreal eine derart perfekte Leistung, dass es verdient die Goldmedaille gewann.

    Bis 1981 waren Pferde da

    Doch nach diesen goldenen Tagen nahte das Ende des Berner Reitschulbetriebs. Das zunehmende Verkehrsaufkommen machte Ausritte rund um die Reitschule problematisch, so dass ausserhalb der Stadt neue Reitanlagen entstanden. Weil der Gebäudekomplex schon seit den 1960er-Jahren als Abbruchobjekt galt und im Laufe der Jahre dringend notwendige Sanierungsarbeiten unterlassen wurden, verlotterte er zusehends. 1981 wurden die letzten Pferde umgesiedelt – aus inzwischen recht baufälligen Stallungen. Damit wurde der Weg frei für die Umnutzung der Reitschule zum Begegnungszentrum – und zur wechselvollen neueren Geschichte eines heute in Bern etablierten alternativen Kulturbetriebs (vgl. «Bund» vom 1. Oktober).

    Während in den folgenden Jahren rechtsbürgerliche Kreise immer wieder den Abbruch der Reitschule forderten, wurde in mehreren Gutachten deren Erhaltungswürdigkeit nachgewiesen. Auch der damalige Stadtbaumeister Ueli Laedrach sprach im «Bund» von einem «erhaltenswerten Zeugnis aus der Zeit der Jahrhundertwende».

    Ersatz für Kornhaus-Reitanlage

    Die Städtische Reitschule auf der Schützenmatte war zwischen 1895 und 1897 von Architekt Albert Gerster erbaut worden. Sie war Ersatz für die öffentliche Reitanlage im zerfallenen Predigerkloster an der Grabenpromenade, die dem Neubau des Stadttheaters (1901–1903) weichen musste. Von allem Anfang an war die Reitschule nicht als ausschliesslich pferdesportliche Anlage konzipiert: Sie war auch als Durchführungsort für Volksversammlungen, Ausstellungen oder Zirkusvorstellungen geplant.

    So wurde die Reitschule zum veritablen gesellschaftlichen Zentrum Berns. Das «Berner Intelligenzblatt» schwärmte nach der Eröffnung am 9. September 1897 : «Es geziemt sich, und wir können sagen im Namen des ganzen bernischen Publikums, dem Gemeinderat der Stadt Bern, dem Vorstand der städtischen Reitgesellschaft und dem Architekten des Neubaus, unseren Dank für die der Stadt gegebene Perle abzustatten.» Die «Tagwacht» dagegen mochte damals nicht in diese Lobhudelei einstimmen: Sie kritisierte, der Bau habe zu viel gekostet, das Budget sei um ein gutes Drittel überzogen worden und die Stadtväter hätten «allerlei köstliche Spitzentechnologie bewilligt, ohne ans Sparen zu denken».

    Gesellschaftlicher Treffpunkt

    Wie die beiden Historiker Renat Künzi und Daniel Schläppi 1988 im «Bund» nachgewiesen haben, wurde die Reitschule aber von allem Anfang an zu einem gesellschaftlichen Treffpunkt und zu einer «Plattform der Integration»: «Die Reitschule beherbergte sowohl ernsthafte Nüchternheit als auch Freudentaumel. Einmal Luftschutzbunker, ein andermal Künstlerolymp, vereinte sie Widersprüche und Gegensätze unter einem Dach und rückte auf diese Weise in die gesellschaftliche Mitte Berns.» Die Reitschule sei auch «ein Barometer für neue Trends» gewesen – «der Ort, wo das 20. Jahrhundert in Bern Einzug hielt».

    In den ersten Jahrzehnten nach der Eröffnung vor 110 Jahren gastierten in der Reitschule vor allem auch viele Zirkusse – im September 1900, gemäss Annonce im «Bund», zum Beispiel der Circus Henry. Angekündigt wurde ein «High Life Evening» und ein «hochinteressantes Rendez-vous der feinern Welt» – mit grosser Tanzpantomime, «brillanten Kostümen aus den ersten Ateliers der Welt», den «besten Schul- und Freiheitspferden» und «komischen Intermezzi aller Clowns». 1919 gastierte auch der Zirkus Knie hier – in einem grossen Zelt auf dem Vorplatz der Reitschule.

    Mit Hodler und Amiet

    Die Reithalle wurde immer wieder auch für Ausstellungen, Kulturanlässe oder als Sportarena genutzt. So fanden zwei grosse Bazare zur Finanzierung des Stadttheaters und der Kunsthalle statt – in Anwesenheit der «Herren des Bundesrats» und der Künstler Ferdinand Hodler und Cuno Amiet, die für diesen guten Zweck einige ihrer Werke stifteten. Rund 200'000 Personen besuchten 1922 eine riesige Gewerbeausstellung, die als Protest der Berner Gewerbler gegen die billige Massenware der ausländischen Konkurrenz gedacht war. 1935 und 1942 zogen grosse Luftschutzausstellungen jeweils mehrere zehntausend Besucher an.

    Und besonders viele Zuschauer verfolgten jeweils die beliebten internationalen Ringkämpfe.

    Als Polit-Manege genutzt

    In erster Linie war die Reithalle aber auch immer wieder Polit-Manege. 1898 debattierten hier beispielsweise die Radikalen, angeführt von Bundesrat Eduard Müller, über «die grosse vaterländische Frage des Eisenbahnrückkaufs», wie der «Bund» über diese «patriotische Kundgebung grossen Stils» berichtete: «In den weiten Räumen der Reitschule standen Schulter an Schulter eine Landsgemeinde von 7000 Mann, herbeigeströmt aus Stadt und Land.»

    Nur drei Monate später gestattete der Gemeinderat 400 italienischen Revolutionären, in der Reithalle zu übernachten. 1907 mobilisierte eine Protestversammlung der Sozialisten gegen das bernische Streikgesetz 4000 Teilnehmer, 5 Jahre später kamen 10000 an eine Massenveranstaltung gegen Krieg und Teuerung. Am Vaterländischen Volkstag 1935 trat Bundesrat Rudolf Minger in der vollen Halle auf und warb für die Erhöhung der Militärdienstzeit. Minger sei «unter brausendem Beifall» begrüsst worden, schrieb der «Bund»: «Eindrücklich klingen seine berndeutsch gesprochenen Worte, hinter denen man die ehrliche Überzeugung spürt. Der Bundespräsident erinnert daran, dass in ernsten Augenblicken der Bär noch immer auf seinem Posten gestanden habe.»

    Von links und von rechts

    Die Historiker Renat Künzi und Daniel Schläppi stellten 1988 im «Bund» fest, im Laufe der Jahre hätten in der Reithalle «sowohl Sozialisten als auch Vaterländische» Platz gehabt. Sie hätten hier ihre unterschiedlichen Ideale und Weltbilder «in erbitterten Redeschlachten» aufeinanderprallen lassen, wobei man sich etwa als «Volksverhetzer», «Schlemmer und Tagediebe», «naive Schwärmer», «Kommunisten», «Hurrah-Patrioten» oder als «reaktionäre Spiesser» tituliert habe.

    Die Vaterländischen hätten etwa gegen «feigen Defaitismus» gewettert und seien «für eine militärisch gesicherte Neutralität, Liebe zum Vaterland, Familie und Heimat», eingestanden: «Ihnen ging es um nichts weniger als um ,Sein oder Nichtsein der von den Vorfahren oft mit Blut behaupteten Eidgenossenschaft’.» Die Linken dagegen hätten sich «Pazifismus, Arbeiterbildung, Einhaltung der Grundrechte und der Rechtsstaatlichkeit» auf die Fahnen geschrieben und «sozialer Ungerechtigkeit, Not, Kriegselend und der Skrupellosigkeit des Grosskapitals» den Kampf angesagt.

    Der durchtrennte Reitgarten

    Und während drinnen in der Halle bisweilen politisch gepoltert wurde, mutete die Reitschule draussen wie ein Idyll an: Bis zum Bau der Eisenbahnbrücke (1936 bis 1941) lud hier ein schmucker, mit Bäumen eingefasster Reitgarten zum Verweilen ein. Dieser wurde dann aber durch den Bau des Zugangsviadukts zur Eisenbahnbrücke durchtrennt, der Platz wurde zugunsten einer Strassenverbreiterung verkleinert und asphaltiert – und diente fortan als Parkplatz.

    Mit dem Verschwinden dieses grünen Umschwungs wurde es für die Pferde allmählich eng in der altehrwürdigen Städtischen Reitschule. Und nicht nur für sie.

    Der Bund, Walter Däpp [17.10.07]



    Bazar «Pompeiji»

    1911 wurde in der Reitschule der legendäre Bazar «Pompeiji» veranstaltet, mit dem die Finanzierung des Baus der Kunsthalle eingeleitet wurde. «Die ganze Stadt geriet fünf Tage lang in einen Taumel. Kostümierte in allen Gassen. Gewisse Künstler sah man sogar hoch zu Ross ihr Römertum glaubhaft machen. Und alles drehte sich um den grossen Ameisenhaufen Reitschule. Nur der Gurten schaute ruhig zu und tat keinen Wank, um Feuer zu speien.»

    «Der sanfte Trug des Berner Milieus»


    Reithalle Bern.
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