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Bern - die Hauptstadt mit Charme Ryff-Fabrik Sandrainstrasse 3 Ziemlich unbekannt und nicht aufgearbeitet ist die Geschichte der bernischen Textilindustrie, welche bis um 1900 der wichtigste Industriezweig der Bundesstadt war. Dies hängt wohl damit zusammen, dass die grössten Firmen, die Spinnerei Felsenau, die Seidenweberei Simon und die Strickerei Ryff längstens nicht mehr produzieren und etwas in Vergessenheit geraten sind. Wird heute unter dem Namen Ryff-Fabrik als Gewerbepark, Hochschule für Musik & Theater und seit vielen Jahren vom weltberühmten Architekturbureau Atelier 5 genutzt. Strickwarenfabrik Wiesmann & Ryff 1956 kaufte die Stadt Bern die Strickwarenfabrik Ryff als Abbruchobjekt, um an ihrer Stelle ein Hallenbad zu errichten. Als sich dieses Projekt zerschlagen hatte, mieteten sich in den Lokalitäten Gewerbebetriebe und Architekturbüros ein. Zu Beginn der siebziger Jahre entstanden für das stillgelegte Gaswerkareal, die Dampfzentrale und die Ryff-Fabrik erste Nutzungspläne. Die städtische Denkmalpflege erstellte 1980 ein Gutachten, das den hohen Wert der noch vorhandenen Altbauten bestätigte. Die Planungsideen konkretisierten sich mit dem genehmigten Konzept von 1983. Dieses ging aus dem Projekt des Stadtplanungsamtes von 1981 hervor, nach welchem das Gaswerkareal eine grosse Sportanlage und ein Parkhaus hätte aufnehmen sollen, und einem vom Komitee «Gaswerkareal für alle» erarbeiteten Alternativvorschlag. In diesem neuen Konzept ist die gewerbliche, kunstgewerbliche oder kulturelle Nutzung der Ryff-Fabrik festgelegt. Der Architekt Hans Hostettler erstellte 1983 eine Zustandsanalyse, die auf einer grundsätzlichen Bewahrung sowohl der äusseren Erscheinung als auch der Innenstruktur beruhte. Nur sinnvolle Veränderungen und Rückrestaurierungen sollten je nach Dringlichkeit vorgenommen werden. In mehreren Bauetappen wurden die Gebäudehüllen instandgestellt und Erneuerungen in den Bereichen Brandschutz und Heizung durchgeführt. Die Mieter nahmen individuell bauliche Massnahmen zur Innenraum-Gestaltung vor, ohne jedoch die Grunddisposition, insbesondere die Stützenkonstruktionen der Maschinensäle, zu tangieren. Zur Gewinnung von Räumlichkeiten für die Schauspielschule erfolgte 1989/90 der Ausbau des Dachgeschosses, das sich durch sein Volumen und die vorhandene Belichtung für diese Neunutzung anbot. Das Projekt des Architekturbüros Atelier 5 zeichnet sich durch eine klare Umsetzung des komplexen Raumprogrammes aus. Die Konstruktion aus Gips-, Holz- und Stahlelementen und die partielle Verglasung heben sich deutlich von der bestehenden Struktur ab und schaffen eine räumliche Einheit. Auf Ende 1997 sind eine weitere Teilsanierung sowie Umbauten der ehemaligen Karrosserie-Spenglerei zu Künstlerateliers und einem Ausstellungsraum geplant. Hostettlers Projekt sieht zudem vor, den Innenhof wiederherzustellen und ihn gegen Norden durch einen neuen Eckbau mit Stahl-Glas-Fassade abzuschliessen. Die «Mechanische Strickerei Wiesmann & Ryff» nahm 1890 an der Sandrainstrasse ihren Betrieb auf. In einem sachlichen Sichtbacksteinbau mit zwei hohen Risaliten an der Nord- und Südfassade waren die wichtigsten Räumlichkeiten, die Spul-, Strick- und Nähmaschinensäle, der Speisesaal, Büros und Werkstätten, untergebracht. Zwischen 1895 und 1914 wurde der Kernbau zweimal erweitert, und es kamen mehrere Nebenbauten hinzu. 1895 wurde im Norden, parallel zum Hauptbau, ein eingeschossiges Magazin- und Werkstattgebäude errichtet, auf der Südseite das Kesselhaus mit Hochkamin und ein Riegbau mit Sichtbackstein-Ausfachungen. Obwohl die Erweiterungen und Dependenzen von verschiedenen Architekten stammen, nehmen sie die Formensprache des Kernbaus auf und fügen sich gut ein. Mit der 1909 erstellten Pförtnerloge und Passage von Jakob Ryff und dem 1914 von Edouard Davinet und Friedrich Studer entworfenen Pavillon mit offener Wandelhalle im Süden entstanden architektonisch einmalige Nebengebäude mit wertvollen konstruktiven und dekorativen Holzelementen. Auch ihre Lage ist von besonderer Qualität: Das Pförtnerhaus schliesst das Areal im Nordwesten ab, die Wandelhalle hat mit der sie begleitenden Föhrengruppe einen Rest des ursprünglichen Erholungsgartens bewahrt. Seit 1905 prägt der Kopfbau von Robert Samuel Schott, der sich mit einem hohen, das Dach durchstossenden Mittelrisalit gegen die Sandrainstrasse ausrichtet, die Ryff-Fabrik. In den Obergeschossen machen die durchgehenden geraden Fensterstürze aus Beton die neue Konstruktion mit Eisenbetondecken an den Fassaden ablesbar. Sehr eigenwillig wirkt ihre Dekoration mit eingeritzten Wellenlinien. Die zahlreichen Schmiedeeisen-Geländer weisen mit den Pflanzenmotiven Jugendstil-Elemente auf. Die unter dem Namen «Swan Brand Knitting Works» weit herum bekannte Strickereifabrik Wiesmann & Ryff hat sich bis auf das schmiedeeiserne Gittertor gut erhalten. Sie zeichnet sich durch eine sachliche Formensprache, aussergewöhnliche Details und eine fortschrittliche Konstruktion aus. Der Fabrikkomplex hält einer Gegenüberstellung mit zeitgleichen, wegweisenden europäischen Architekturleistungen durchaus stand. Zusammen mit der Dampfzentrale illustriert er das bis ins 20. Jahrhundert reichende Nebeneinander von Naherholungsgebiet und Gewerbe im Marzili. Seit 1909 ist es verboten, an diesem Ort neue Fabrikbauten zu erstellen. Regula Hug Stadtführer - Umnutzen von Industriebauten Berner Heimatschutz, Regionalgruppe Bern, 1997 ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() ![]() |