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Inventar der neueren Schweizer Architektur 2 Siedlungsentwicklung in Bern 2.6 Zurück zum alten Bern: Brückenbau und Münsterturm 2.6 Zurück zum alten Bern: Brückenbau und Münsterturm Die Hinweise auf Abbildungen und Quellen beziehen sich ausschliesslich auf das Buch 1841 veröffentlichte der englische Architekt Augustus Welby Pugin sein Werk Gegensätze; oder ein Vergleich zwischen den edlen Bauwerken des 14. und 15. Jahrhunderts und ähnlichen Gebäuden von Heutzutage. Die Gegenüberstellung sollte den von der industriellen Revolution verursachten «gegenwärtigen Zerfall des Geschmacks» anprangern und als Vorbild die heile Welt der spätmittelalterlichen Gemeinschaft empfehlen, in der Kunst und Technik noch nicht getrennt waren. 1880 stellte der Berner Architekt Eduard von Rodt auf dem Titelblatt einer Sammelmappe Das alte Bern (Abb. 67) einen ähnlichen «Contrast» dar. An einem aus Hellebarden gebildeten, mit den Bildstöcken des Läufer- und des Ryfflibrunnens bestückten Triumphbogen hängt eine Tafel mit der Stadtvedute Wilhelm Stettlers von 1682; von ihr nur mangelhaft verdeckt, wird im Hintergrund ein Teil einer anderen Stadt sichtbar: «Bern Anno 1950, Gasse B, Quadrat 27, laut durchgeführtem Baureglement § 289 Anhang» - das Schreckbild einer kirchenlosen Zukunftsstadt mit fabrikartigen Mietkasernen auf eisernen «pilotis». Schon kurz nach dem Untergang des alten Bern hatte der Münsterdekan David Müslin Bern wie es war - ist - und seyn wird verglichen und befürchtet, dass im religionslosen Bern der Zukunft der einzige Trost das Grab sei. Allerdings prophezeite er damals den raschen Niedergang der «einst so blühenden Hauptstadt» zu einer verödeten Landschaft, erkennbar höchstens noch an den unverwechselbaren Arkadengängen. Rodt fürchtete nicht den Rückfall ins Dörfliche, sondern im Gegenteil dessen Austreibung unter dem Diktat des «rechten Winkels» und des Profits. Pugins geistiger Schüler, John Ruskin, hatte Bern schon 1858 als so «verdorben» erachtet, dass es keiner Beachtung wert sei. Den Kronzeugen für die Rücksichtslosigkeit der Bauspekulanten, den 1865 abgebrochenen Christoffelturm, stellte Rodt in seinem Mappenwerk wenigstens bildlich wieder her. Die Vorkämpfer für die Neugestaltung des westlichen Teils der Altstadt, der der Turm zum Opfer gefallen war, hatten ihr Interesse inzwischen dem Kirchenfeld (Abb. 68) zugewandt; seit 1860 plante man seine Überbauung. Während Gottlieb Hebler 1872 für das zwei Jahre zuvor gegründete Kirchenfeldkommitee einen bescheiden dimensionierten Schachbrettplan zeichnete, entwarf Albert Jahn 1876 in Zusammenarbeit mit Gaston Anselmier einen Strassenraster mit riesigen, durchnumerierten Baublöcken. Ein vorhergehendes Projekt von Anselmier und Albert Lauterburg war selbst den Befürwortern einer grossstädtischen Planung zu weit gegangen. Alle diese Planer wurden von «unerwarteten, fremden Unterhändlern, eigentlichen internationalen Spekulanten in modernen Stadtgründungen» aus dem Felde geschlagen: eine Gruppe englischer Kapitalisten unter der Ägide Philipp Vanderbyls übernahm die Erschliessung des neuen Stadtteils auf dem Kirchenfeld. Ihr Vertrauensarchitekt war Horace Edouard Davinet, der schon 1859 mit Friedrich Studer ein utopisch-grossstädtisches Kirchenfeldquartier skizziert hatte. «9% Zins» schrieb Rodt auf ein Gebäude seiner Massenstadt. Wo sich Kapitalisten tummelten, konnte man auch einen «Socialistenclub» erwarten. Die «Fütterung» der Massen erfolgt auf Gemeindekosten, Heizung und Heirat sind gleichermassen bürokratisiert (vgl. Kap. 2.8.14). Die Erschliessung des Kirchenfeldes begann 1881-1883 mit dem Bau der Kirchenfeldbrücke über das Tal der Aare. Statt des teuern Hausteins wählte die auf Profit bedachte «Berne Land Company Ltd» das preisgünstigere Eisen. Zement wurde ausgeschlossen, wohl weil er noch zu wenig erprobt war. Rodts Satire von 1880 mag zwar aus Anlass des Kirchenfeldunternehmens entstanden sein, aber sie richtete sich nicht gegen Stadterweiterung und Brückenbau als solche - sie erschienen Rodt im Gegenteil als «zwanzig Jahre verspätet. Das Fehlen einer quer zur Altstadt verlaufenden Achse hatte die einseitige Ausdehnung der Stadt nach Westen gefördert und so zu jener Isolierung der Unterstadt geführt, die der Bau der Nydeggbrücke hätte verhindern sollen. Eine Erschliessung des Kirchenfeldes konnte dieser Entwicklung entgegenwirken. Zudem sah man die Möglichkeit, mit einem bürgerlichen Wohnquartier ein Gegengewicht zu den Arbeiterquartieren in der Länggasse, in der Lorraine nördlich der Eisenbahnbrücke und bei den Militäranstalten auf dem Beundenfeld zu schaffen. Rodt befürchtete, dass das Renditedenken der fremden Unternehmer zum Mietkasernenbau neige; aber mit den Vorstadtvillen, die er selbst, H. E. Davinet, Henry B. von Fischer und Eduard Stettler erbauen konnten, war die von Rodt beschworene Gefahr abgewendet. Kurz nach Camillo Sittes Plädoyer vom 1889 für gekrümmte Strassen und geschlossene Strassenräume konnte der Sieg über die Anhänger rationalistischer Stadtplanung mit dem Bau des Bernischen Historischen Museums am Helvetiaplatz besiegelt werden. Den Christoffelturm mit seiner pittoresken Silhouette vervielfältigend, schloss der Bau die Achse der Kirchenfeldbrücke ab und durchkreuzte so den Plan, sie in einem grosszügigefi Boulevard bis ins Dählhölzli weiterzuführen (Abb. 75, 117, 122). Die Kirchenfeldbrücke selbst wurde zwar wegen ihres traditionsfeindlichen Materials von den Altertumsfreunden scheel angesehen, aber ihre Erbauer suchten auf ihre Weise ebenfalls den Anschluss ans «alte Bern». Erstellt wurde sie von der Berner Eisenfirma G. Ott, entworfen von den Ingenieuren Moritz Probst und Jules Röthlisberger. Sie benützten für den Eisenbau jene Form, die noch beim Bau der Nydeggbrücke das selbstverständliche Hauptmerkmal aller steinernen Grossbrücken gewesen war - den Bogen. Sie rückten damit vom Vorbild der ersten Eisenbahnbrücken in der Schweiz ab. Mit dem Viadukt über die Sitter bei St. Gallen hatten Karl von Etzel und Gaspard Dollfus die erste monumentale Eisenbrücke (1854-1856) der Schweiz verwirklicht, ein horizontaler Gitterträger liegt dort auf zwei Stützen auf. Fast gleichzeitig entstand die Eisenbahnbrücke von Bern, im Volksmund «Rote Brücke» oder «Würgengel» genannt. Der Entwurf stammte ebenfalls von Etzel, ausgeführt wurde sie 1856-1858 von Ingenieur Gustav Gränicher. In nur fünf Monaten wurde der eiserne Tragbalken auf die zuerst errichteten Steinpfeiler geschoben. Ein hölzerner Hilfspfeiler machte ein Gerüst überflüssig. Als «blinde Passagiere» konnten Fussgänger und Fuhrwerke im Gitterkäfig unterhalb der Schienen das Tal überqueren (Abb. 69). Im Vergleich zu der bloss vierzehn Jahre zuvor eröffneten Nydeggbrücke zeugten Form und Bauweise der Eisenbahnbrücke von einem Rationalisierungsstreben, das von den Erfordernissen des Eisenbahnbaus bestimmt war und in der 1866 veröffentlichten Graphischen Statik von Karl Culmann gipfelte. Probsts Lehrer Franz Reuleaux beklagte 1890 rückblickend, dass diese rechnerische Gesinnung dem «ungestriegelten Gitterträger» zu einer unverdienten Vorherrschaft verholfen habe, wo doch die Materialersparnis für die Gesamtkosten oft nur von zweitrangiger Bedeutung sei. Beim Bau der Kölner Rheinbrücke 1859 sei «der schreiende Widerspruch zwischen der dürren, unverarbeiteten Nützlichkeitsform und der völlig in die geistige Aufgabe aufgehenden Schönheitsform» des Domes ganz ausser acht gelassen worden. Dass «eiserne Brücken schön sein» können, bezeugte für Reuleaux die Berner Kirchenfeldbrücke (Abb. 70, 265). Hier und in der kurz zuvor erbauten Javrozbrücke bei Freiburg hatte Moritz Probst seine Erfindung des gelenklosen Bogens mit grosser Spannweite zur Anwendung gebracht. Dank dem «breiten Aufsitzen der Bogenträger auf den steinernen Grundfesten» war in Reuleaux' Augen Kraft mit Sicherheit verbunden. Bei Scharnierkonstruktionen wie Gustav Eiffels berühmtem, mit der Berner Brücke gleichzeitig entstandenem Viadukt von Garabit über den Truyère-Fluss (Dép. Auvergne) berührten die Hauptträger dagegen den Boden «nur mit den Zehenspitzen, wie im Ballett» Aber auch Probsts Brücke wurde schon bald als zu «waghalsig und britzelig» empfunden. Als die Berner Gemeindebehörden 1894 für die geplante Kornhausbrücke ein Eisenprojekt der Firma Probst, Chappuis und Wolf auswählten, setzten die Stimmbürger mittels einer Initiative den Entwurf von Stadtingenieur Hugo von Linden und Ingenieur Adolf Henzi durch, in dem die Eisenbogen zwischen steinerne Pfeiler eingespannt waren (Abb. 71, 273). Die Abstimmung stand unter dem Eindruck des Eisenbahnunglücks von Münchenstein, wo 1891 eine Eiffelsche Eisenbrücke eingestürzt war, aber das Eisen wurde auch sonst unbeliebt. «Ehre dem Stein» hiess das Motto, mit dem 1897 die Ingenieure Robert Moser und Gustav Mantel den Wettbewerb für eine Lorrainebrücke in Bern gewannen. Bei dem 1910 für die gleiche Brücke veranstalteten zweiten Wettbewerb setzte Robert Moser im Preisgericht die Erstprämiierung des Projektes der Basler Firma Albert Buss durch, das sich mit dem Motto «Von Fels zu Fels» empfahl. Im Vorfeld des Kornhausbrückenbaus war 1892 von der Berner Arbeiterunion gefordert worden, dass der Stein auch aus Gründen der Arbeitsbeschaffung zu bevorzugen sei. 1913 entstand mit der Halenbrücke eine Konstruktion, die zwar den Stein ehrte, doch nur dem Scheine nach: sie besteht aus armiertem Beton. Das gleiche Material, das die Wiederaufnahme der Steinbrückenformen ermöglichte, verdrängte endgültig den Haustein. Die Halenbrücke ist dem Betonklassizismus von Emil Mörschs 1908 erbauter Gmündertobelbrücke bei Teufen AR verpflichtet. Dagegen hatte schon 1905 der Ingenieur Robert Maillart für den Berner Schönausteg eine Form vorgeschlagen, die unübersehbar das Gepräge des Eisenbetons aufwies - einen schnittigen Dreigelenkbogen mit Kastenquerschnitt. Die unkonventionelle Form fand keinen Anklang; «aus Schönheitsrücksichten» zog man ein Kettenbrückenprojekt vor. Dieser Typus war zwar während seiner Blütezeit 1857 von Gustav Gränicher für den Altenbergsteg verwendet worden, bei der Planung der Nydeggbrücke hatte man aber nichts von ihm wissen wollen. Durch diesen und andere Misserfolge gewitzt, suchte Maillart sich dem Geschmack der Auftraggeber anzupassen. Das Projekt, das er 1910 zusammen mit den Berner Architekten Walter Joss und Hans Klauser für den Lorrainebrücken-Wettbewerb eingab (Abb. 72), hielt sich ans Vorbild von Carlo Bernardo Moscas Nydeggbrückenprojekt von 1836; und die Brücke, die Maillart schliesslich 1928-1929 zusammen mit den Architekten Klauser & Streit ausführte, wirkt wie eine vergrösserte Fassung der bestehenden Nydeggbrücke. Neue Massstäbe setzte erst der 1937-1941 von Adolf Bühler erbaute, über einen Kilometer lange Eisenbahnviadukt, die weitestgespannte viergleisige Eisenbahnbrücke Europas (vgl. Bahnareal). Mit der Lorrainebrücke schien die Zeit des Nydeggbrückenbaus wiedergekehrt; die Steinstadt schien das Eisen «verdaut» zu haben. Aber die Hochbrücken hatten die Situation der Altstadt nachhaltig verändert. Sie weiteten die Plattform der Stadt aus und hoben so die Trennlinie zwischen Felssockel und Mauerwerk hervor - die Stadt erschien nicht mehr als naturwüchsige Felsbekrönung, sondern als niedriger Aufsatz. Bisher hatte der Münsterturm, obwohl unvollendet, einen wirksamen Vertikalakzent dargestellt - nach dem Bau der Kirchenfeldbrücke mit ihren mächtigen «Gewölben» aus Eisenrippen wirkte er plötzlich unbedeutend. James Boswell hatte man bei seinem Besuch in Bern 1764 die Torsogestalt des Turms damit erklärt, dass der Architekt des vermessenen Bauwerks zu Tode gestürzt sei. In Wirklichkeit hatte der Tod des Münsterbaumeisters Daniel Heintz im Jahre 1592 zum Entschluss geführt, das ohnehin durch die Reformation verzögerte und durch statische Probleme belastete Unternehmen der Turmvollendung aufzugeben. Ganz wurde der Gedanke daran allerdings nie aufgegeben; eine 1796 angefertigte Zeichnung des damaligen Münsterwerkmeisters Niklaus Sprüngli zeigt, «wie der Helm ... hat vollendet werden sollen». Aber es handelte sich dabei eher um eine rückwärts gewandte Architekturträumerei; das Werkmeisteramt diente nur noch als Ehrentitel für den verelendeten Barockarchitekten. Zukunftsträchtiger war ein 1829 unternommener Vorstoss der städtischen Baukommission: ihre Anregung zur Turmvollendung bildete den Auftakt zu einer langen Reihe ähnlicher Projekte. Die Beschäftigung mit dem Münster stand zunächst im Bann der geplanten Vollendung des Kölner Doms, der zu einem deutschen Nationaldenkmal werden sollte. In einer 1835 vom Berner Künstlerverein herausgegebenen Schrift wurde daran erinnert, dass das Münster bis 1798 «ein Tempel des Ruhms für das seit seiner Gründung unbesiegte Bern» gewesen sei: «Hier waren vor Alters die Panner und Fahnen, welche in den heissen Tagen zu Laupen, Grandson, Murten den Feinden unserer Unabhängigkeit abgenommen wurden; hier werden noch die kostbaren Tapeten, welche das Gezelt Karls des Kühnen zierten, aufbewahrt. Hier in geweihter Erde, unter hochgewölbten Hallen, ruhen diejenigen, welchen unsere Vaterstadt den meisten Ruhm, die schönsten Stiftungen zu verdanken hat.» Der Förderer des 1849 vor dem Münster aufgestellten Erlachdenkmals, Theodor von Hallwyl, rief in einem Gedicht zur Vollendung des Münsterturms auf, und ein Parlamentarier empfahl dem Bund, den Turmausbau als Gegenleistung für den Bau des Bundeshauses zu übernehmen. Aber die burgerlichen Altertumsfreunde wollten nichts von solchen Vorschlägen wissen. Sie hatten sich um den vom Abbruch bedrohten Christoffelturm geschart. Die Vollendung des Münsterturms erwies sich nämlich als Lieblingsidee gerade jener Kreise, die den Torturm beseitigen wollten. Als weiteres «Verkehrshindernis» galt ihnen der Heintzsche Chorlettner im Münster. Seine Zerstörung ging der Niederlegung des Christoffelturms voraus; 1864 musste er der Tribüne des eidgenössischen Sängerfestes weichen. Unter diesen Umständen mochten sich die Liebhaber des alten Bern auch nicht für den Vollendungsvorschlag des Modellbauers Julius Leemann erwärmen, obwohl es den Beifall Johann Rudolf Rahns gefunden hatte. So kam es, dass in Bern nicht der Münsterturm zum Anlass für das erste grössere Werk der Neugotik wurde, sondern der Bau der katholischen Diasporakirche St. Peter und Paul (Rathausgasse Nr. 2). Sie wurde 1858-1864 neben dem Rathaus erbaut; Bauunternehmer war Karl Emanuel Müller, der die Nydeggbrücke ausgeführt hatte und der inzwischen Landammann von Uri geworden war. Das Projekt stammte von den Architekten Pierre-Joseph Ed. Deperthes und H. Marchal aus Reims; es war aus einem Wettbewerb hervorgegangen. Selbst ein Gotikgegner wie der im Preisgericht sitzende Gottfried Semper konnte dem französischen Entwurf die Achtung nicht versagen. Die Metapher vom gotischen Bau-Organismus war hier so ernst genommen, dass sich die neugotischen Entwürfe des Aargauers Caspar Joseph Jeuch und des Berners Theodor Zeerleder wie Spielzeugbauten neben einem Saurierskelett ausnahmen. Es blieb aber Kantonsbaumeister Friedrich Salvisberg, dem Gegner Zeerleders in der Christoffelturmfehde, vorbehalten, ein Exempel für die veraltete Stilauffassung zu geben. 1865 überzog er das Rathaus, das dicht neben dem «stilechten» Neubau stand, mit neugotischem «Zuckerbäckerwerk» und zog damit den Hohn Rahns auf sich (Rathausplatz Nr. 2). Mit ihren frühgotischen Formen demonstrierte die neue Kirche, dass die Gotik ein katholischer Stil und ein französisches Gewächs sei, und sie kompromittierte damit das Münster, das man zudem verdächtigte, aus einer Verfallszeit zu stammen. Der Germanist und Kulturhistoriker Ferdinand Vetter, Freigeist wie der Neugotiker Eugène-Emmanuel Viollet-le-Duc, wusste die Spätgotik des Münsters aufzuwerten, indem er sie als bürgerlich-städtische - und damit auch schweizerische - Antwort auf die französische Kathedralgotik deutete. 1878 rief er in einem Vortrag über Das Berner Münster in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft dazu auf, die Leistungen der Münsterbauer nachzumachen und malte sich aus, wie eine wiedererweckte Bauhütte «den Sinn für konsequenten Aufbau und stilgerechte Ausführung ... bis in die entfernteste Schnitzlerhütte des Oberlandes» tragen würde. Hinter Vetter stand der Notar und Kirchmeier Karl Howald, der sich die Vollendung des Münsterturms zu einer Lebensaufgabe gemacht hatte. Er war der Sohn des gleichnamigen Pfarrers und Lokalhistorikers, der 1847 mit einer Schrift über den Mosesbrunnen als einer der ersten die Aufmerksamkeit auf das Münster gelenkt hatte. 1885 konnte der nach Bern gerufene Ulmer Münsterbaumeister August von Beyer die Bedenken lokaler Bausachverständiger gegen eine Erhöhung des Turmes zerstreuen. Nach seinen Plänen und unter der Leitung von August Müller wurde 1889-1893 das Turmoktogon vollendet und darauf ein zweimal so hoher Helm gesetzt (Abb. 6, 73, 74, 296). Der Verfasser von Das alte Bern, Eduard von Rodt, entwarf 1917 für das Münster ein Totentanzfenster nach Niklaus Manuel. Während der Zeit der Turmvollendung war er aber mit einem anderen Unternehmen zum Ruhm bernischer Vergangenheit beschäftigt gewesen, nämlich mit dem Projekt eines «schweizerischen Nationalmuseums für historische und kunstgeschichtliche Altertümer».Gründung war 1880 vom Kunsthistoriker und Nationalrat Friedrich Salomon Voegelin vorgeschlagen worden. Der Motionär war zwar ein Zürcher, aber er bezog sich auf das Vorhaben des Berner Grossrats und Sammlers Friedrich Bürki, in Bern ein historisches Museum von schweizerischem Rang zu stiften. Nachdem die Stadt Bern kurz zuvor die Verantwortung für zukünftige Bundesbauten dem Bund überlassen hatte, zeichnete sich hier die Möglichkeit eines anderen Nationaldenkmals ab, dem man viel deutlicher als je einem Bundesbau ein bernisches Gepräge hätte geben können. Denn sein Herzstück wäre das goldene Vlies der Berner, die Burgunderbeute mit ihren kostbaren Teppichen gewesen. Aber Bürki starb wenige Monate nach Voegelins Vorstoss von 1880, ohne ein Testament zu hinterlassen. Dank dem Einsatz von Altertumsliebhabern, unter ihnen Rodt, konnte ein Teil der Sammlung Bürki für Bern ersteigert werden. Schon 1881 wurde in der barocken Bibliotheksgalerie von Niklaus Sprüngli ein historisches Museum eröffnet. Aber von jetzt an spielte Zürich in der Frage eines Nationalmuseums die führende Rolle. Ihm kam zugute, dass man den in Entstehung begriffenen Bundespalast Auers mit Bern verknüpfte, so unbernisch dieser den Stadtbewohnern selbst vorkommen mochte. Um ihrer Bewerbung um das Nationalmuseum Nachdruck zu verleihen, schrieben die Berner Behörden 1889 einen Wettbewerb für ein Museumsgebäude am Helvetiaplatz aus. Was hier keiner der Wettbewerbsteilnehmer erreichte, gelang dem Zürcher Stadtbaumeister Gustav Gull in seinem Entwurf für ein Landesmuseum in Zürich - eine überzeugende Alternative zum Bundespalast mit seinen unschweizerischen Renaissanceformen und seiner aufdringlichen Symmetrie zu finden. Gull verschmolz Zitate aus verschiedenen historischen Baudenkmälern der Schweiz zu einer pittoresken «Kleinstadt», deren «gewachsener» Grundriss das «Village Suisse» der Genfer Nationalausstellung ankündigte. Es half nicht mehr, dass Bern 1891 in aller Eile vom Neuenburger Architekten André Lambert ein ähnlich geartetes Projekt ausarbeiten liess. Im gleichen Jahr nämlich wurde Zürich als Sitz des Landesmuseums gewählt. Bern stellte ihm nun sein eigenes historisches Museum entgegen. Nach Lamberts abgeänderten Plänen wurde es 1892-1894 von Eduard von Rodt errichtet (Abb. 75). Die Ruhmeshallen mit den Burgunderteppichen und den Waffen übernahmen die Funktion, die einst das Münster und das Zeughaus ausgeübt hatten. Das «Fundament» bildete in Bern aber nicht nur die urgeschichtliche Abteilung, sondern eine ihr symmetrisch zugeordnete ethnographische Sammlung. Den Grundstock dazu bildete das Sammelgut, das der Berner Maler John Wäber von der letzten Weltumsegelung James Cooks mitgebracht hatte. In dieser Verschwisterung des Urtümlichen mit dem Exotischen lebt der Zauber des barocken Kuriositätenkabinetts und das Fernweh des schweizerischen Robinson fort. INSA Inventar der neueren Schweizer Architektur 1850-1920 Band 2 Basel Bellinzona, Bern Herausgegeben von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte 1986 Andreas Hauser, Peter Röllin unter Mitarbeit von Berchtold Weber, Othmar Birkner, Werner Stutz ![]() |