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Bern - die Hauptstadt mit Charme

Thunplatz

Mit den Namen bedeutender Architekten verbinden sich zwei der wichtigsten Villenbereiche auf dem Kirchenfeld: mit Eduard von Rodt, Eugen Stettler und Horace Edouard Davinet die Marienstrasse und die Englischen Anlagen (Abb. 117), mit Henry Berthold von Fischer die Umgebung des Thunplatzes. In dessen unmittelbarer Umgebung schuf Fischer zwischen 1897-1908 zehn stilistisch einheitliche Neubarock-Villen, die, so die Schweizerische Bauzeitung, «in glücklichster Weise an die ausgesprochene Formgebung jener herrschaftlichen Sitze anknüpft, die im XVII. und XVIII. Jahrhundert von den alten Berner Familien rings um die Stadt erbaut worden sind» (Abb. 124-128). Vgl. Thunplatz, Thunstrasse Nrn. 59, 61-63, 67, 50, 52, 60, 68, Kirchenfeldstrasse Nr. 90, Seminarstrasse Nr. 30, Ensingerstrasse Nr. 48. Zu den im Kirchenfeld bevorzugten Villenformen zählen auch Chalets und Cottage-ähnliche Bauten, die sich sinnigerweise vor allem auf den steil abfallenden Hangkanten (Tillierstrasse, Archivstrasse, Marienstrasse, Kollerweg) oder an den auf das Berner Oberland hin ausgerichteten Strassen (Muristrasse, Jungfraustrasse) vorfinden.



  • Villen von Architekt Henry Berthold von Fischer rund um den Thunplatz
  • Henry Berthold von Fischer (HLS)
  • Thunplatz-Brunnen, auch Wasserschloss
  • Kirchenfeld-Brunnadern
  • Abbildung



    Villen von Architekt Henry Berthold von Fischer rund um den Thunplatz

    Nach dem Helvetiaplatz ist der Thunplatz die wichtigste Platzanlage der Planung von 1881, Sammelpunkt des Strassensystems des unteren und geneigten Kirchenfelds und Ausgangspunkt der weiteren Entwicklung und ihrer Strassenanlagen. Die geschickte Wahl von Standort und Form erlaubte später den harmonischen Anschluss der Seminarstrasse. Die zahlreichen abgehenden Strassen mit ihren unterschiedlichen Anschlusswinkeln legten eine lockere Überbauung mit individuell gestalteten Gebäuden nahe. Dank den Bemühungen des bernischen Architekten HENRY BERTHOLD VON FISCHER (1861-1949) konnten alle Parzellen rund um den Platz in der Hand einer Baugesellschaft vereinigt werden.

    Zwischen 1897 und 1908 erbaute von Fischer zehn stilistisch einheitliche neubarocke Villen, die sich an einheimischen Herrschaftssitzen des 17. und 18. Jahrhunderts orientieren, ein Ensemble von grosser Eleganz, eine «innerhalb der schweizerischen Architekturgeschichte einzigartige neubarocke Villenlandschaft». Der Architekt war darauf bedacht, jeder Villa einen eigenen Raum zu verschaffen und mit Gartenanlagen, Nebengebäuden, vor allem aber mit Achsenverschiebungen jede Villa als Einheit auszugestalten. Von Fischer krönte sein Werk 1911 durch die den Strassenplan und die Idee von 1881 nach 30 Jahren kongenial interpretierende Aufstellung einer Schaufront in der Achse der unteren Thunstrasse.

    Thunplatz-Brunnen, auch Wasserschloss

    Auf seine Anregung hin wurde nach dem negativen Volksentscheid von 1908 die Fassade der Bibliotheksgalerie von NIKLAUS SPRÜNGLI, 1772-1775 als wirkungsvoller Raumabschluss der Hotelgasse erbaut, sorgfältig zerlegt und 1911 als Sprüngli-Denkmal am heutigen Standort wiederaufgerichtet sowie mit flankierenden Balustraden, Obelisken und Brüstungsmauern, nach Vorbild des ebenfalls von Sprüngli ausgestalteten Landsitzes Kleehof in Kirchberg, gefasst. Aus den drei Portalen ergiesst sich seither Wasser in ein grosses geschweiftes Bassin. Seitlich zwei Löwen, lebendig aufgefasste Bildwerke von JOHANN AUGUST NAHL D. Ä., kurz nach 1750 für die Gartenbalustraden des Schlosses Hindelbank geschaffen, 1911 an den Thunplatz verbracht und 1974 von W. DUBI kopiert. Gesamtrestaurierung 1984-1986.

    Thunstrasse 50 (abgerissen)

    Dieser «hommage à Sprüngli», in der Art römisch-barocker Momumentalbrunnen, ist Ausdruck der auch in den Villenbauten klar fassbaren Verehrung für den hervorragenden Spätbarock-Architekten, der für von Fischer Ausgangspunkt für eigene höchst bemerkenswerte Leistungen war. Der Abbruch einer der Thunplatzvillen und ihre Ersetzung durch den banalen Neubau der Englischen Botschaft ist ein bedauerlicher Missgriff.

    «Le Souvenir»

    Älteste VON FISCHER-Villa ist Thunstrasse 60, heute Nuntiatur. Sie wurde 1897 für einen Verwandten des Architekten, der den alten Familiensitz Schloss Reichenbach veräussert hatte, errichtet, wobei verschiedene kostbare Ausstattungsteile des Schlosses in den Neubau einbezogen wurden und der Villa zum Namen «Le Souvenir» verhalfen. Der würfelförmige Haupthaukörper unter Walmdach wird seitlich von Pavillons begleitet; an der Strassenfront dominiert der Treppenturm unter Helmdach, der mit Parterre-Vorbauten und Portalhalle zu einer wirkungsvollen symmetrischen Einheit verschmolzen ist. In der reichhaltigen Instrumentierung und Inkrustation der Fassade erscheint eine Material- und Formenvielfalt, deren Reichtum hierarchisch gestaffelt ist. Gartenseitig ist der Hauptbaukörper unverhüllt, hier wirkt namentlich der Mittelrisalit. Der Pavillon stadtauswärts wurde 1905 zugefügt.

    Thunstrasse 59 und 61/63

    Wesentlich schlichter die Villen gegenüber, Thunstrasse 59 und 61/63 von 1900, kompakte Neurokoko-Bauten unter Mansart-Walmdächern.

    Thunstrasse 67

    Die anschliessende ehemals russische Gesandtschaft (Nr. 67) entstand 1903/1904 in Formen des Louis XVI. Der Gartenfront unter mächtigem Dreieckgiebel ist ein Pavillon in der Art spätantiker Rotunden vorgebaut. Gegenüber liegt die ehemals holländische (jetzt iranische) Gesandtschaft, die von Fischer 1908 in ähnlichem Stil erbaut hat.

    Ensingerstrasse 48

    Ehemals italienische Gesandtschaft, erbaut 1905. Aussenrestaurierung 1990. VON FISCHER hat der Situation am Ostrand der platzartigen mehrfachen Strassenverzweigung entsprechend mehransichtige Baukörper in ein Spannungsverhältnis gesetzt, was weitgehend zur Verschleierung der Grundform führt. Im Längsachteck-Pavillon der Hauptsalon.

    Villa Seminarstrasse 30

    Die Villa Seminarstrasse 30 entstand 1906 und zählt zu den schönsten Bauten des Architekten. Die Strassenfront zeugt für sein Feingefühl für Fassadenrelief und spannungsvolle Verflechtung horizontaler und vertikaler Elemente. Gegen den Thunplatz hin sind der Villa lebhaft gegliederte Kleinarchitekturen zugefügt.

    «Le Pavillon»

    Für sich selbst hat VON FISCHER im Jahr 1900 das Haus «Le Pavillon» an der Thunstrasse 52 errichtet. Der Hochparterrebau unter Mansart-Walmdach lässt durch das straffe Äussere und die Grundrissdisposition einen engen Anschluss an Landsitze der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts erkennen, obwohl einzelne Dekorationselemente dem Louis XVI entstammen. Ausgehend vom inkorporierten Peristyl, schliesst sich gegen den Dählhölzliwald ein tiefer, axial angelegter Garten an. Gartenskulpturen von JOHANN FRIEDRICH FUNK I aus dem Treppenhaus der Bibliotheksgalerie Sprünglis.

    Kirchenfeldstrasse 90

    Strassabwärts folgt das Haus Kirchenfeldstrasse 90 von 1901. Kubische Villa unter Mansart-Dach im Stile des bernischen Frühklassizismus.

    Aus «Kirchenfeld und Brunnadern in Bern», Jürg Schweizer
    Schweizerischer Kunstführer ISBN 3-85782-488-3


    Souvenir
    Thunstrasse 60. 1891 verkaufte Max von Fischer das Schloss Reichenbach und bezog die Villa S., die Henry B. von Fischer für ihn erbaut und mit vielen Spolien aus dem Schlosse ausgerüstet hatte (von da der Name S.). Seit 1932 ist die Villa Sitz des Nuntius ( Marguerita).
    Lit.: Mandach, Henry B. von Fischer

    Le Pavillon
    Thunstrasse 52. Im letzten Jahrzehnt des 19. Jh. baute sich Henry B. von Fischer (1861-1949) dieses Haus nach seiner Rückkehr von Luzern. Im Garten errichtete er die Kapelle «N. D. du Rosaire».
    Lit.: von Mandach, Henry B. von Fischer

    Thunplatz-Brunnen, auch Wasserschloss
    Die Nordfassade der 1909 abgebrochenen Bibliotheksgalerie wurde 1911 unter den Schutz des Staates gestellt und hinter dem Brunnen am Thunplatz wieder errichtet. Seit dem August 1912 ist der Brunnen in Betrieb. Bei der Renovation von 1938/39 ersetzte Etienne Perincioli die vermutlich von J. F. Funk I. stammende Minerva. Die zwei Sandsteinlöwen, die ursprünglich beim Schloss Hindelbank aufgestellt waren, wurden 1974 durch Abgüsse von Hans Dubi ersetzt.

    Historisch-topographisches Lexikon der Stadt Bern von Berchtold Weber (1976)



    Abbildung folgt
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