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Bern - die Hauptstadt mit Charme Unitobler Längassstrasse, Lerchenweg, Muesmattstrasse Während Jahrzehnten prägte die mächtige Fabrik der «Chocolat Tobler», von der ein süsslicher Duft nach Kakao ausging, das Bild der mittleren Länggasse. Doch die 1898 erbaute Chocolatfabrik, immer wieder vergrössert und durch Annexbauten erweitert, verlegte ihre Produktionsstätten schliesslich vor die Tore Berns nach Westen. Die leerstehenden Gebäude wurden 1982 vom Kanton gekauft und später von einem Architektenteam für die Universität Bern umgebaut. Heute prägt die so entstandene «Unitoblerä» mit ihrer markanten, hellblau gestrichenen Fassade das Strassenbild noch mehr - sie ist zu einem neuen Wahrzeichen des Quartiers geworden. Der süsse Duft der Tobler-Schokolade Der Appenzeller Zuckerbäcker Jean Tobler liess sich nach seiner Lehr- und Wanderzeit 1867 in Bern nieder. Bereits ein Jahr später machte er sich selbständig. 1877 kaufte er ein Grundstück an der Länggassstrasse. Dort hielt er einige Kühe, die die Milch für seine Schokoladeproduktion lieferten. Sein Sohn Theodor stieg 1894 ins Geschäft ein und trieb den Ausbau der Firma voran. 1899 baute er das erste Fabrikgebäude auf dem Grundstück Lerchenweg/Länggassstrasse. Toblers Produkte stiessen auf grosse Nachfrage, so dass innert weniger Jahre ein Grossbetrieb entstand: 1900 beschäftigte er 50 Arbeiterinnen und Arbeiter, 1912 waren es bereits 600. Schokolade wandelte sich damals vom Luxusartikel zum Konsumgut breiter Bevölkerungsschichten. Die Entwicklung neuer Produkte, wie die Erfindung der Toblerone 1908, trug zur Erfolgsgeschichte Toblers bei. Die Krise der dreissiger Jahre brach jedoch Toblers industriellem Aufschwung das Genick. Wegen finanzieller Schwierigkeiten der Firma musste TheodorTobler 1933 als Direktor den Hut nehmen. Die Firma Tobler überlebte aber die Krisenjahre. Bis 1985 prägte die Schokoladefabrik die mittlere Länggasse nicht nur baulich und sozial, sie setzte auch wohlriechende Akzente durch den süssen Duft, der aus ihren Produktionshallen strömte. Die Toblerone als wichtigstes Markenprodukt wird bis heute in Bern hergestellt, allerdings nicht mehr in der Länggasse, sondern in Brünnen. Zudem hat die Firma Tobler seit 1970 verschiedene Fusionen erlebt, die sich im Wechsel des Namens niederschlugen: 1970 Suchard-Tobler, 1982 Jacobs-Suchard-Tobler, 1990 Kraft-Jacobs-Suchard. Seit der amerikanische Tabak- und Nahrungsmittelkonzern Philip Morris 1990 das Zepter übernommen hatte, verschwand der Firmenname Tobler aus der bernischen Wirtschaftsgeschichte. Christian Lüthi Stadtführer - Umnutzen von Industriebauten Berner Heimatschutz, Regionalgruppe Bern, 1997 Unitobler Nach der Verlegung der Schokoladenfabrikation nach Brünnen kaufte der Kanton Bern 1982 das stadtnahe Tobler-Areal im Länggass-Quartier. Damit wurde das seit längerer Zeit verfolgte Projekt einer Campus-Universität auf dem Viererfeld ad acta gelegt und der entscheidende Schritt in Richtung Stadt-Universität unternommen. Die Idee einer Umnutzung des Fabrikkomplexes zum Universitätsgebäude der weit verstreuten geisteswissenschaftlichen Institute (philosophisch-historische und theologische Fakultäten sowie sozialwissenschaftliche Institute) konnte konkretisiert werden. Der Planungs- und Bauprozess - er dauerte 13 Jahre - erforderte eine enge Zusammenarbeit der projektierenden Architektengemeinschaft Unitobler, bestehend aus den Architekten Pierre Clémençon, Daniel Herren und Andrea Roost sowie Gody Hofmann als Projektleiter, mit Kanton und Universität. 1898/99 liess Johann Jakob (Jean) Tobler auf dem Areal an der Länggassstrasse die erste Schokoladenfabrik erstellen. Dem wirtschaftlichen Aufschwung entsprechend wurde sie in den folgenden sechs Jahrzehnten durch verschiedene Architekten mehrmals erweitert. Der erste Sichtbacksteinbau stand von der Länggassstrasse zurückversetzt; er tritt heute als Mittelstück des Hofflügels in Erscheinung. Zwischen 1905 und 1910 wurden zwei Bauetappen realisiert, die erste verlängerte die Fabrik bis an den Lerchenweg, die zweite erfolgte auf der Nordseite. Der Komplex wurde zu einer Blockrandbebauung mit Innenhof vergrössert und reichte nun bis an die Länggassstrasse. Dieser Abschnitt wird zumeist als Hauptbau bezeichnet, da seine langgezogene Fassade mit der turmähnlichen Eckgestaltung in Jugendstilmanier ein charakteristisches städtebauliches Merkmal des Quartiers darstellt. Den nordwestlichen Abschluss an der Länggassstrasse bildet seit den dreissiger Jahren ein zeittypisches, qualitätvolles Wohn- und Bürogebäude des Architekten Werner Eichenberger. Die letzte Erweiterung entstand 1957/58 entlang des Lerchenwegs. Viele verschiedene Faktoren machen die Einmaligkeit der in ein Zentrum für Geistes- und Sozialwissenschaften verwandelten Schoggifabrik aus. Nicht zuletzt erwies sich die Vision des Kantonsbaumeisters Urs Hettich als sinnvoll, eine Fabrikbrache nicht leerstehen zu lassen oder gar abzubrechen, sondern das Industriedenkmal zu retten und wiederzuverwenden. Im Mittelpunkt der Anlage steht die Bibliothek. In dem bis an die Muesmattstrasse verlängerten, ehemaligen Innenhof ragen die fünf übereckgestellten Stahl-Beton-Türme mit jeweils fünf quadratischen Plattformen gegen das neue Glasdach empor. Jede Bibliotheks-Abteilung ist dem im Festkörper untergebrachten Institut zugeordnet. Brücken ermöglichen die horizontalen Verbindungen zwischen Institut und Plattform, aber auch der einzelnen Plattformen untereinander. In der Vertikalen sind sie über Wendeltreppen erschlossen. Die Basisbibliothek, eine Filiale der Stadt- und Universitätsbibliothek sowie das Medienlernzentrum sind im Untergeschoss untergebracht. Viele Durch- und Einblicke zwischen Alt und Neu sind Teil des architektonischen Konzeptes und lassen die Bibliotheks-Konstruktion imposant, von der obersten Plattform aus fast schwindelerregend erscheinen. An den eigentlich als Aussenmauern errichteten Hofabschlüssen können die Bauetappen abgelesen werden. Im Verlauf der Zeit waren hinter dem Fabrikationsgebäude mehrere betriebseigene Nebengebäude entstanden, die sich nicht nach einem einheitlichen Konzept richteten. Als weiteres zentrales Anliegen der Planung sollte dieser Bereich freigemacht und neu gestaltet werden. Nur das ehemalige Sattlereigebäude, heute das «im Platanenwald stehende Hexenhaus» der Studentinnen- und Studentenschaft, blieb erhalten. Es dient gleichsam als Massstabsvermittler zwischen den feingliedrigen und sorgfältig renovierten Reihen-Arbeiterhäusern an der Muesmattstrasse und dem Hörsaaltrakt am Lerchenweg. Der Hofbereich umfasst die von der Mensa aus zugängliche Terrasse und den als neuen öffentlichen Quartierplatz angelegten Platanenhof. An ihrer Schwelle stehen die sieben farbigen Keramik-Musen von Elisabeth Langsch aus Zürich, die sowohl durch ihre symbolische Aussage als auch durch ihren Interpretations-Spielraum überzeugen und zu Phantasie und Kreativität anregen. Die Ausstrahlung des Hofes führt über die Unitobler hinaus und prägt das ganze Länggass-Quartier. Seit der Eröffnung der Universität sind Läden, Restaurants und Imbissstuben entstanden, die das Quartierleben verändern. Als bauliches Stückwerk, das die unterschiedlichen Bauphasen aufschlüsselt, ist vor allem die Rückseite des Toblergebäudes erhalten. Neben den erwähnten Erweiterungen sind auch die Aufstockung sowie der winkelförmige Neubau mit Sichtbacksteinfassaden sichtbar gemacht. Das grossenteils der rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, vorab den Instituten der Soziologie, der Medien- und Politikwissenschaft, zugewiesene Gebäude am Lerchenweg wurde ebenfalls aufgestockt und durch drei Hörsäle gegen den Hof ergänzt. Diese führen im rechten Winkel auf den Hauptbau zu und verschleiern die Schräglage des sich am Lerchenweg orientierenden Baukörpers. Im Abschlussbau an der Länggass-/Muesmattstrasse - umgebaut durch den Architekten Gody Hofmann - zogen Ende März 1997 die evangelisch- und die christkatholisch-theologischen Fakultäten sowie das Institut für Religionswissenschaft ein. Die Gestaltung der Innenräume ist in der ganzen Unitobler sachlich und einfach gehalten. Ein konsequent angewandtes Farb- und Materialkonzept trägt zum inneren Zusammenhalt bei. Die ehemalige Fabriknutzung ist bewusst sichtbar geblieben. Die erhaltenen Tragsysteme, die ihre eigene Baugeschichte erzählen, wirken durch die farblich akzentuierten Stützenreihen belebend. Für Nostalgiker ist im Untergeschoss am Lerchenweg ein Schauraum eingerichtet, der eine Produktionsanlage zur Kakao-Sichterei enthält und die einstige Atmosphäre sowie einen Hauch des legendären Kakaoduftes in der Länggasse wiederaufleben lässt. Nach der Einweihung 1993 erfolgten in mehreren schweizerischen Architekturzeitschriften eingehende Besprechungen, und die Unitobler erhielt zwei Auszeichnungen, nämlich die Anerkennung ATU PRIX der Stiftung «Bernischer Kulturpreis für Architektur, Technik und Umwelt» 1995 sowie den SIA-Preis 1996 für nachhaltiges Bauen. Regula Hug Stadtführer - Umnutzen von Industriebauten Berner Heimatschutz, Regionalgruppe Bern, 1997 ![]() ![]() ![]() |