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Bern - Volksfeste

IX. Jenes gewaltige Fühlen

  1. So festeten unsere Vorfahren
  2. Auch Masshalten in der Kleidung
  3. Man feierte in der Kirche
  4. Wenn es darauf ankam...
  5. Narreteien und Possen
  6. Würde und Freude am Ostermontag
  7. Der Ausritt des Äusseren Standes
  8. Freiheitsbäume und Aufbruch ins 19. Jahrhundert
  9. Jenes gewaltige Fühlen
  10. Fest in der Kriegszeit
  11. Einst war's ein Kalb...
Hatte der 600. Geburtstag wegen der französischen Revolution nicht gefeiert werden können, so war 1891 ein um so grösseres Fest geplant. Vierzehn Tage nach der Gründungsfeier der Eidgenossenschaft in Schwyz sollte es von Freitag, 14. August, bis Montag, 17. August, in Bern hoch zugehern. Die Rede von Stadtpräsident Müller entbehrte nicht der pathetischen Wendungen wie «mächtig schwillt die Männerbrust» oder «jenes gewaltige Fühlen, das uns sagt, dem Vaterland gehören wir, dem Vaterland gehört unser alles», doch hatte er auch den Mut, Fragen an die Zukunft zu stellen: «Wohin wir unsere Blicke richten mögen, überall rüstet man sich zu gewaltigem Streite. Ich will nicht reden von unsern kleinen innern Händeln, welche die Welt nich bewegen. Wie wird der Kampf enden, der auf handels- und zollpolitischem Gebiete entbrannt ist? Welches wird dabei das Schicksal des Schwachen und Kleinen sein gegenüber den Gewaltigen, die ihn rings umgeben? Und wie wird der Kampf enden, der zwischen Kapital und Arbeit entbrannt ist? Wird es gelingen, auf dem Weg ruhiger Entwicklung den Ausgleich unter den feindlichen Brüdern herbeizuführen, oder treiben wir gleich einem morschen Wrak, steuerlos in alle verschlingenden Strudel'? Und wann sollen die gewaltigen Rüstungen der Kriegsheere ihr Ende finden?»

Das Fest wurde ein Erfolg. Am 17. August, so stand in der Zeitung zu lesen, spedierte das Telegraphenbüro in Bern eine Rekordzahl von Telegrammen! Und die «Berner Zeitung» musste sich wehren gegen die brieflichen oder telegraphischen Bestellungen von Festspielbilletten beim Finanzkomitee. Es sei nicht mehr möglich, diese Bestellungen zu «effektuiren»! Ausgewogen verband das Programm Besinnung und Vergnügen: «Vom Mittag an: Empfang der Ehrengäste, 4 Uhr: Zug der offiziellen Festteilnehmer in das Münster; Glockengeläute und Kanonendonner. 5 Uhr: Eröffnungsfeier im Münster, Festreden, Cantate, etc. Samstag, den 15. August: 6 Uhr: Choral vom Münsterturm, 22 Kanonenschüsse. 9 Uhr: Historisches Festspiel. 12 Uhr: Gabelfrühstück in den Festhallen. 2 bis 6 Uhr: Grosses Jugendfest für sämtliche Schulkinder der Stadt Bern. Abends: Hüttenleben. Produktionen in den Festhallen und auf dem Festplatz. Sonntag, den 16. August: 6 Uhr: Choral vom Münsterturm, 22 Kanonenschüsse. 7 Uhr: Festgottesdienst in sämtlichen Kirchen. 9 Uhr: Zweite Aufführung des historischen Festspiels. 12 Uhr: Offizielles Festbankett. Von 2 Uhr an: Volksfest. Abends: Grosse Illumination der ganzen Stadt, Beleuchtung des Aarebassins, des Münsters und BrillantFeuerwerk auf dem Festplatz. Montag, den 17. August: 6 Uhr: Tagwache, ausgeführt durch mehrere Musikkapellen. 9 Uhr: Grosser Historischer Festzug. (Der grosse historische Festzug umfasst 7 Jahrhunderte und wird ausgeführt von circa 1200 Teilnehmern, wovon circa 250 Berittene.) 12 Uhr: Schlussakt, 22 Kanonenschüsse. 1 Uhr: Abschiedsbankett der auswärtigen Gäste. Abends: Gemütliche Vereinigung in den Festhallen. Costümfest.

Die Spalten der Berner Presse waren Tag für Tag voll von neuesten Nachrichten. Leitartikel waren dem Fest gewidmet, Reden wurden abgedruckt, die Meinungen ausserkantonaler Zeitungen veröffentlicht! Selbst die Inseratenseiten waren geprägt vom Festgeschehen. Am 19. August, zwei Tage nach dem Fest, war im «Bund» unter dem Titel «Heirats-Antrag» zu lesen: «Ein junger Mann von 23 Jahren, protestantisch, mit sehr gutem Beruf, solid, still, gebildet, von gutem Ruf, mit hübschem Aeusserem, sucht sich mit einer Dame auf diesem Wege zu verehelichen. Doch darf die Dame das 30. Lebensjahr nicht überschritten haben. Offerten mit Photographie und Vermögensangabe sind zu richten an das Postfach ...» Ob sich der junge Mann in all der Frölhlichkeit einsam gefühlt hatte und deswegen zu diesem Entschluss gekommen war?

Literatur: Chroniken von Valerius Anshelm, Conrad Justinger und Tschactlan. Gruners «Deliciae Urbis Bernae; Handschriftliche Aufzeichnungen von Pfarrer Karl Howàld (Berner Brunnen); Bern in seinen Ratsmanualen von Berchtold Haller; Edouard von Rodt, Bern im 18. Jahrh.; Berner Woche, Jahrgang 1939; Berner Taschenbuch 1889/90 und 1854; zum 19. und 20. Jahrhundert: Fest-Aktensammlungen in der Burgerbibliothek.

Christine Kobler
Fescht-Zytig Bärn-Fescht 1976
Gemeinsame Beilage des Bund, Berner Tagblatt und Tagwacht
31.08.1976


  1. So festeten unsere Vorfahren
  2. Auch Masshalten in der Kleidung
  3. Man feierte in der Kirche
  4. Wenn es darauf ankam...
  5. Narreteien und Possen
  6. Würde und Freude am Ostermontag
  7. Der Ausritt des Äusseren Standes
  8. Freiheitsbäume und Aufbruch ins 19. Jahrhundert
  9. Jenes gewaltige Fühlen
  10. Fest in der Kriegszeit
  11. Einst war's ein Kalb...
Bernfest Bärnfescht 1976
Landesausstellung 1914 in Bern
Berner Zibelemärit
Berner Fasnacht
Die Ratsprozession am Ostermontag in Bern
Zeichen der Freiheit
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Berner Zibelemärit

Berner Fasnacht. Kramgasse; im Hintergrund der Zeitglockenturm.

GP Bern Luftaufnahme Nydeckbrücke und Gerechtigkeitsgasse. Quelle: www.gpbern.ch. Foto: Rolf Arni
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