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Bern - die Hauptstadt mit Charme

Bern - Bundeshaus       Bundesplatz   Bundesbehörden   Parlament

Parlamentsgebäude
Bundesplatz 15. Kurz nach dem Beschluss der eidgenössischen Räte, ein Parlamentsgebäude zu bauen, wurde 1894 mit der Errichtung der Stützmauer begonnen. Die eigentlichen Bauarbeiten nach Plänen von Hans Alter unter Leitung von A. Kasser dauerten von 1896 bis 1900. Die feierliche Einweihung durch die Bundesversammlung erfolgte am 1. April 1902.

Berchtold Weber: Historisch-topographisches Lexikon der Stadt Bern



  • Bundeshaus (HLS)
  • Bern - Bundeshaus
  • Das Parlamentsgebäude - der Spiegel der Schweiz
  • Bundeshaus wird 100 Jahre alt
  • Der Leuchter im Ständeratssaal und seine Geheimnisse
  • Historische Aufnahmen während der Bauzeit
  • Bern - Bundesplatz
  • Die Bundesbehörden der Schweizerischen Eidgenossenschaft
  • Ereignisse im Bundeshaus 1902-2002
  • Die Bundesversammlung - Das Schweizer Parlament
  • Schweiz - Der Bund kurz erklärt
  • Karte



    Bundeshaus

    Das Bundeshaus in Bern ist der Sitz der Regierung (Bundesrat) und des Parlaments (Bundesversammlung) der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Das erste, 1852-57 errichtete sog. Bundesrathaus, das heutige Bundeshaus West (Architekt Friedrich Studer), genügte den Raumbedürfnissen der Bundesbehörden bald nicht mehr und wurde durch den Bau des spiegelbildlichen Bundeshaus Ost (1884-92) und des neuen Parlamentsgebäudes (1894-1902, Architekt Hans Auer) zum dreiteiligen Gebäudekomplex erweitert.

    Während das Bundesrathaus, für dessen Bau die Stadt Bern verantwortlich war, im schlichten Neurenaissancestil errichtet und nur spärlich dekoriert wurde, erhielt das Parlamentsgebäude, ein Repräsentationsbau mit Portikus an der Nordfassade, weithin sichtbarer Kuppel und zentraler Treppenhalle, eine reiche künstlerische Ausstattung, die es zu einem Nationaldenkmal macht. Für die Ausführung der Dekorationsarbeiten (Bauplastik, Freiplastik, Wand- und Deckengemälde, Glasfenster, Mosaiken, Kunsthandwerk) wurden 38 Künstler aus allen Landesteilen engagiert.

    Das Bildprogramm umfasst drei Themen: 1. die nationale Geschichte, dargestellt anhand der wichtigsten Ereignisse der Befreiungstradition (Rütlischwur) sowie hervorragender Institutionen (Landsgemeinde als Sinnbild der alten Eidgenossenschaft), Personen (Tell, Stauffacherin, Winkelried, Niklaus von Flüe), Orte (Wiege der Eidgenossenschaft) und Daten, 2. die verfassungsmässigen Grundlagen des Bundes wie Bundeszwecke (Unabhängigkeit, Freiheit, Friede), Gewaltentrennung (Exekutive, Legislative), Verantwortung für Ordnung und Sicherheit (Wächter) sowie allgemeine staatspolitische Tugenden, 3. die kulturelle und materielle Vielfalt der Schweiz in ihrer politischen (Kantonswappen), geographischen (Landesteile, Sprachregionen) und berufsständischen Gliederung (schweiz. Arbeitswelt). Der mit der Architektur und Ausstattung des Bundeshauses angestrebten schweizerischen Selbstdarstellung dienen ferner die beim Bau verwendeten vielfältigen Materialien und gewerblichen Erzeugnisse.

    Historisches Lexikon der Schweiz



    Bern - Bundeshaus

    Das Parlamentsgebäude wurde nach den Plänen des Architekten H. Auer gebaut und im Jahre 1902 vollendet. In der zentralen Kuppelhalle zwischen den beiden Ratssälen finden sich zahlreiche symbolische Darstellungen zur Schweizer Geschichte. Die Glaskuppel zeigt die eidgenössischen Wappen und den Wahlspruch Einer für alle, alle für einen, der die Wappen von 22 Kantonen einrahmt. Das Wappen des Juras ist daneben angebracht, mit dem Gründungsjahr (1978) des neuen Kantons. Die vier Fenster stellen die Landesregionen und deren wirtschaftliche Tätigkeiten dar.

    Die Medaillons der Kuppel stammen von Soldini, einem ehemaligen Mitglied des Nationalrates, und symbolisieren das Militärwesen, das Erziehungswesen, die Justiz und die öffentlichen Werke. J.A. Vibert schuf das Denkmal der drei Eidgenossen, die den Bundeseid leisteten (Werner Stauffacher, Walter Fürst, Arnold von Melchtal). Vier Landsknechte stehen bei den Treppenaufgängen; sie verkörpern die vier Landessprachen. Gegenüber der Rütli-Gruppe befindet sich ein Relief über die Herkunft der Schweizer; es folgt der Sage, wie sie Schiller in seinem Werk Wilhelm Tell erzählt. In den Nischen stehen Winkelried als Symbol der Opferbereitschaft und Niklaus von der Flüe als Symbol der Versöhnlichkeit.

    Den Nationalratssaal schmückt ein Wandbild von Ch. Giron; es zeigt die Rütliwiese - Die Wiege der Eidgenossenschaft - und im Hintergrund die beiden Mythen. Links und rechts stehen die Statuen der Stauffacherin und Wilhelm Tells. Ueber dem Bild ist eine Sage dargestellt, die von den Taten der Vorfahren erzählt. Die Wappen der 59 wichtigsten Gemeinden zieren nach Kantonen geordnet einen Fries. Die chorstuhlartigen Sitze im Bogen der Rückwand sind für die Ständeräte reserviert, wenn die Vereinigte Bundesversammlung tagt, insbesondere bei Bundesrats- und Bundesrichterwahlen. 1993 erfuhr der Nationalratsaal erstmals seit seiner Einweihung eine umfassende Restaurierung.

    Der Ständeratssaal, über dem Haupteingang gegen den Bundesplatz gelegen, wird durch drei hohe Bogenfenster erhellt. Man betritt den Saal durch Arkaden an den Seitenwänden, über welchen die Zuschauertribünen angeordnet sind. Durch gemalte Arkaden auf der Rückwand des Saals gegen die Kuppelhalle sieht man in eine Nidwalder Landsgemeinde, eines der Vorbilder schweizerischer Parlamentsarbeit. Dieses Wandbild wurde von Albert Welti gestaltet. In den Arkaden sind Tafeln mit Jahreszahlen angebracht. Diese erinnern an wichtige Daten der Schweizer Verfassungsgeschichte.

    Das Schweizerische Parlament



    Das Parlamentsgebäude - der Spiegel der Schweiz

    Das gemeinhin als das Bundeshaus bekannte Parlamentsgebäude wurde am 1. April 1902 von der Vereinigten Bundesversammlung feierlich eingeweiht. 100 Jahre sind für ein Gebäude ein stattliches, nicht aber ein sehr hohes Alter. Und nicht jeder Bau, der 100jährig wird, verdient besondere Aufmerksamkeit oder gar eine Ausstellung, in deren Genuss nun das Parlamentsgebäude kommen wird. Was zeichnet das Parlamentsgebäude als Besonderheit aus? Warum verdient es diese Aufmerksamkeit?

    Vor dem Hintergrund des ebenfalls eher spät geborenen, heute 150jährigen Bundesstaates wird das Alter etwas relativiert: Das Parlamentsgebäude ist ein früher Bau des damals jungen Schweizer Staates. Sozusagen als Schlussstein wurde der Bau des Parlamentsgebäudes zwischen das Bundeshaus West (ehemaliges Bundes-Rathshaus, 1852-1857) und das Bundeshaus Ost (1888-1892) hinein gesetzt. Er bildet zugleich Abschluss in der Bauabfolge und architektonischer Höhepunkt des Projektes Bundespalast. Stilistisch kann das Bundeshaus dem Historismus zugeordnet werden. Eine Vielfalt von Stilelementen gelangen hier zur Entfaltung; zusammen mit dem reichen künstlerischen Schmuck entstand ein beinahe üppiger Bau, wie er typischer nicht sein könnte für das ausgehende 19. Jahrhundert.

    Nie zuvor und nie mehr seither ist die demokratische Idee Schweiz materiell und künstlerisch in einem Bauwerk auf ähnliche Weise umgesetzt worden. Hans Wilhelm Auer (1847-1906), der Architekt des Parlamentsgebäudes, wollte in seinem Bau die ganze Schweiz auch physisch darstellen. Umgesetzt hat er dies, indem zum Beispiel in den verwendeten Steinen die geologische Schweiz in ihrer Vielfalt vertreten ist (es sind aus 11 Kantonen Steine verwendet worden). Auch in der Innenausstattung wurden Materialien aus sämtlichen Schweizer Regionen eingesetzt und Handwerker aus diesen Regionen für die Ausführung beauftragt. So gibt es ein Brienzer Zimmer, das von der Schnitzerwerkstatt Brienz geschaffen wurde. Als Beispiel besten Schweizer Handwerks wurde das Zimmer im Jahr 1900 an der Weltausstellung von 1900 in Paris ausgestellt und viel beachtet. Für den grossen Leuchter im Ständeratssaal, der vom Luzerner Kunstschlosser Ludwig Schnyder von Wartensee (1858-1927) hergestellt wurde, ist Eisen aus dem Gonzen (GR) verwendet worden. Auch die schweizerische Künstlerschaft wurde beigezogen: 33 Künstler konnten ihre Werke im und am Gebäude platzieren. 16, 2 Prozent der Bausumme, die sich auf 7'198'000 Franken belief, wurden für den künstlerischen Schmuck ausgegeben - ein Verhältnis, das in seiner Grosszügigkeit zugunsten von Kunst am Bau seither nicht mehr erreicht worden ist.

    Diese Reichtümer aus Schweizer Provenienz, die im Parlamentsgebäude zu entdecken sind, will nun der Bund in einer Ausstellung der Öffentlichkeit nicht nur zugänglich, sondern auch vertraut machen. Diese Ausstellung, welche die Parlamentsdienste gemeinsam mit dem Bundesamt für Bauten und Logistik organisiert, dauert von Mitte Juli bis Ende August und wird begleitet sein von verschiedenen Veranstaltungen, unter anderem einer Vorlesungsreihe in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Bern. Als Geschenk an das Parlamentsgebäude wird das BBL seinen Bundeshausführer - ein Kunstführer herausgegeben von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte GSK - in einer überarbeiteten Neuauflage vorlegen.



    Bundeshaus wird 100 Jahre alt

    Basler Zeitung vom 12.01.02
    Von Peter Amstutz

    Für nur 7,1 Millionen Franken baute der Bund vor hundert Jahren an Berns heute bester Lage sein Bundeshaus, das Parlamentsgebäude. Die unverwüstliche «Curia Confoederationis Helveticae» von Professor Hans Auer, die erst nach 94 Jahren erstmals innen renoviert werden musste, ist auch ein Denkmal für das Baukartell jener Epoche ...

    Einen ganzen Vormittag lang wollen die eidgenössischen Räte am 22. März dieses Jahres Geburtstag feiern: 100 Jahre Bundeshaus. Denn am 1. April 2002 wird es ein Jahrhundert her sein, dass in der Bundesstadt Bern die Bundesversammlung ihr eigenes Parlamentsgebäude beziehen konnte - einen Prunk- und Einschüchterungspalast in der Tongebung der stadtüblichen Berner Sandsteindüsternis, welcher vor allem den Anspruch der Erbauer erfüllen sollte, als «nationale Weihestätte» wahrgenommen zu werden.

    Am 6. November 1848 trat in Bern nach der Selbstauflösung der Tagsatzung die neu konstitutierte Bundesversammlung zur ersten Session zusammen. Am 28. November 1848 wählte das Parlament des Bundesstaates mit 58 Stimmen Bern zur Bundesstadt: Luzern und Zofingen fielen in der Vorentscheidung aus dem Rennen, Zürich machte in der Schlussrunde 35 Stimmen. Zum Trost erhielt Zürich eine «Bundeshochschule», die heutige ETH.

    Der Bundesbeschluss zugunsten Berns brachte aber nicht nur Würde, sondern auch Bürde: «Der Ort, an welchem die Bundesversammlung und der Bundesrath ihre Sitzungen halten, hat dem Bund die erforderlichen Räumlichkeiten für die Bundesversammlung, für den Bundesrath und seine Departemente, für die Kommissionen, für die Bundeskanzlei, für die Bureaux der am Bundessitz centralisirten Verwaltungszweige, für das eidgenössische Archiv, für die Münzstätte sowie eine Wohnung für den Kanzler und seine Stellvertreter unentgeltlich zur Verfügung zu stellen und zu unterhalten. Derselbe hat auch die innere Einrichtung und Ausstattung (Möblierung) der für die Versammlung bestimmten Räume zu übernehmen.»

    Anfänglich in Provisorien

    In Bern wurde gemurrt, von den acht Franken Taggeld der Abgeordneten werde man wohl nie so viel zurückholen können, wie diese Bundeslast koste. So schickten denn die Berner den Bundesrat anfänglich in den provisorischen Amtssitz im Erlacherhof; der Nationalrat tagte im alten Casino, der Ständerat im Rathaus des Äusseren Standes. Weitere Büroräume wurden in Privathäusern angemietet. Für die anfänglich achtzig Bundesbediensteten und die Behörden reichte das.

    1850 schrieb der Berner Gemeinderat (Exekutive) unter allen schweizerischen Architekten einen «Concours» für den «Bau eines eidgenössischen Bundesratshauses» aus. Bedingungen: «Der Bau soll der Würde seines Zweckes entsprechen und der Stadt Bern zur Zierde gereichen; unnütze Pracht und übertriebene Dimensionen sind zu vermeiden. Die Herren Concurrenten haben ihr Augenmerk auf Schönheit, Zweckmässigkeit und Einfachheit zu richten. (...) Diese werden auf den Umstand aufmerksam gemacht, dass die Umgegend von Bern einen Reichthum des schönsten und besten Sandsteins besitzt.»

    Wettbewerb mit Willkür

    Weil die Bundesverwaltung rascher als vorgesehen wuchs, schrieb das Eidgenössische Departement des Innern am 3. Februar 1885 einen Architekturwettbewerb für ein neues Verwaltungsgebäude und vor allem einen separaten Parlamentssitz aus. Am 19. Mai 1885 verlieh das Preisgericht einstimmig Professor Alfred Friedrich Bluntschli aus Zürich den ersten und dem aus St. Gallen und Zürich stammenden sowie in Wien dozierenden Professor Hans Auer den zweiten Preis. Auers Idee, das neue Gebäude mit Prunkelementen eines Bundespalastes auszustatten, gefiel dem Departement des Innern und der Eidgenössischen Baudirektion jedoch besser als Bluntschlis bescheidener Entwurf.

    Auer erhielt trotz des zweiten Preises den Bauauftrag - Bluntschli wurde nicht einmal benachrichtigt. In diesem 1857 bezogenen und für 2,1 Millonen Franken erbauten ersten Bundeshaus amtieren heute Verteidigungsminister Samuel Schmid und Volkswirtschaftsminister Pascal Couchepin (Bundeshaus Ost) mit ihren Mitarbeitern. Während der Bauzeit planten Bluntschli und Auer dann auftragsgemäss noch das fehlende Parlamentsgebäude dazu, und das Departement entschied wieder zugunsten Auers. Im März 1894 genehmigte die Bundesversammlung den Baukredit, am 15. September 1894 begann der Aushub auf dem für 1,73 Millionen Franken erworbenen Platz zwischen der Bundesgasse und der Kleinen Schanze.

    Am 11. April 1900 stand die mit einer Schweizerfahne verzierte Aufrichtetanne auf der Eisenkonstruktion der Bundeskuppel, und an Silvester 1900 zur Jahrhundertwende «strahlte zum ersten Mal das weisse Licht der Bogenlampen aus der Kuppel ins weite dunkle Land hinaus, bis zum Jura und den Alpen sichtbar» (Festschrift zur Eröffnung), eine Leuchtkraft von umgerechnet etwa 60 000 Kerzen.

    Patriotisch am Scherzdatum

    Weil aber «aus Nachlässigkeit der Lieferanten» der künstlerische Schmuck nicht termingerecht fertig war, musste die offizielle Bundeshaus-Eröffnung auf das Scherzdatum des 1. April 1902 verschoben werden. Es fehlte vor allem die Rütligruppe der drei schwörenden Eidgenossen in der Kuppelhalle, weil deren Ausführung zu unendlichen Auseinandersetzungen und Stildiskussionen geführt hatte. Als schliesslich am Eröffnungstag die Herren National- und Ständeräte unter Kanonendonner und Glockengeläute vom Bundeshaus Ost zum neuen Parlamentsgebäude durch die festlich beflaggte Stadt schritten, spielte auf dem Balkon über dem Hauptportal ein Orchester «Nun danket alle Gott», und dort, wo die schwörenden Steineidgenossen fehlten, sang ein Knabenchor «Rufst Du, mein Vaterland».

    Ausland fern gehalten

    Auf exakt 7'198'000 Franken samt Innenausstattung und Mobiliar lautete die Bauabrechnung. Mitverdient daran haben ausser Schwyz und Thurgau alle Stände, denn man hatte streng darauf geachtet, «dass so viel als thunlich alle Landesteile sich an der Bauausführung beteiligen sollen, so dass dieselbe nach allen Seiten Verdienst und Arbeit verschaffe». Auf Basel (Eisenkonstruktion, Schreinerarbeiten, Malerei) entfielen 79 349 Franken. Den Hauptanteil sicherte sich mit 3,74 Millionen Franken die Bundesstadt Bern selber.

    Die Festschrift zur Bundeshaus-Eröffnung preist, was unter heutigen Wettbewerbsbedingungen nicht einmal mehr geflüstert werden dürfte: «Wir glauben konstatieren zu können, dass noch niemals mit so peinlicher Konsequenz die ausländische Bauindustrie fern gehalten wurde. (...) So bietet das Parlamentsgebäude immerhin eine reiche, aber nicht auf Vollständigkeit Anspruch machende Ausstellung des schweizerischen Baugewerbes.»



    Der Leuchter im Ständeratssaal und seine Geheimnisse

    Der Leuchter im Ständeratssaal ist eines der Schmuckstücke im 100jährigen Parlamentsgebäude in Bern. Der vom Luzerner Kunstschlosser Ludwig Schnyder von Wartensee geschaffene Leuchtkörper leuchtet durch die drei Bogenfenster des Ständeratssaals auf den Bundesplatz hinaus. Im Jahr 2001 gab er während einer gründlichen Renovation seine gutgehüteten Geheimnisse preis.

    Rund 1,5 Tonnen schwer ist der geschmiedete und getriebene Leuchter, der seit 1902 von der Holztäferdecke des Ständeratssaals herunterhängt. Sein Mittelteil (Stamm) teilt sich in acht Arme auf, die eine Art Blütenbüsche mit je 24 blütenähnlichen Ornamenten tragen. Insgesamt 208 Glühbirnen (seit neuestem Energiesparlampen) beleuchten den Ständeratssaal: ein imposantes und zugleich sehr filigranes Gebilde - es handelt sich um einen den grössten Leuchter der Schweiz aus dieser Zeit.

    Schillernder Künstler als Urheber

    Im Rahmen der Unterhaltsarbeiten im Ständeratssaal im Frühling 2001 wurde der Leuchter renoviert. Dabei wurde das schwere Gebilde demontiert und für die Sanierungsarbeiten nach Luzern transportiert. Diese Arbeiten bildeten für Monica Bilfinger, Kunsthistorikerin und Projektleiterin im Bundesamt für Bauten und Logistik (BBL), die Gelegenheit, Nachforschungen über die Entstehung des Leuchters anzustellen.

    In der Publikation zur Eröffnung des Parlamentsgebäudes von 1902 wird für die Herstellung des Leuchters die Firma Schnyder, Luzern angegeben. Mehr war bis dahin nicht bekannt. Nachforschungen ergaben, dass hinter dem anonymen Firmennamen eine recht schillernde Künstlerfigur steht, die für die Gestaltung des Leuchters verantwortlich zeichnete: Ludwig Schnyder von Wartensee (1858-1927), laut Künstlerlexikon Bildner in Eisen und Cyseleur, Chef der Kunstschlosserei Gebrüder Schnyder in Luzern.

    Als Sohn einer bedeutenden Luzerner Patrizierfamilie unterrichtete er von 1886 bis 1923 an der Kunstgewerbeschule in Luzern das Fach «Kunstschmieden» und baute die Schlosser-Abteilung auf. Schnyder war auch Unternehmer: von 1885 bis 1922 war er Inhaber der Kunstschlosserei Gebrüder Schnyder an der Moosmattstrasse in Luzern, die er zunächst zusammen mit seinem Bruder Wilhelm (1859-1894) führte - und er war auch Künstler. Schnyder entwarf und gestaltete ornamentale Metallgegenstände für religiöse und profane Zwecke - Tabernakelgitter, Altarleuchter, Kommuniongitter, aber auch Treppengeländer, Portalgitter und Aushängeschilder sowie Leuchter. Seine geschmiedeten Gegenstände gelangten in alle Welt: sie sind in der ganzen Schweiz, in Südfrankreich aber auch in New York zu finden.

    Dokumente als erste Überraschung

    Bei der Abnahme des Leuchters Mitte Januar 2001 wurden im Stamm Dokumente gefunden. Sie sind von Elektroarbeitern für die Nachwelt geschrieben worden und zeigen auf, dass der Leuchter bereits zwei Mal, 1925/26 und 1935, zumindest teilweise neu elekrifiziert worden ist.

    1926 schreiben die Arbeiter: «Wir haben uns auf der östl. Journalistentribüne wohnlich eingerichtet... Unsere Unterhaltung dreht sich hauptsächlich um Radio. Im November wurde der Bernersender eröffnet. Jetzt, Ende März 26 sind im Einzugsgebiet 10500 Konzessionäre.» Und zum Leuchter selber schreiben sie: «In den alten Drähten waren viele Brandstellen, die sich teilweise tief ins Eisen eingefressen hatten.» Gezeichnet: «Dem Finder die besten Grüsse A.Steiger, R. Hofer, 26. März 1926».

    Das Dokument von 1935 zeigt eine ganz andere Stimmung: es beginnt mit den Worten: «Eidgenossen! Berner!» Dann: «Hier oben auf dem von der Maler & Gipsergenossenschaft erstellten Patentgerüst arbeiten wir drei wie die Neger; denn es heisst hü! hü! man weiss heute nicht was passieren kann und was der ital.-abessinische Krieg nach sich zieht; der Leuchter muss fertig sein wenn der General gewählt werden sollte....»

    Zum Leuchter heisst es lakonisch in Klammern «(Der Leuchter ist ganz neu eingezogen & alles neue Fassungen)». Gezeichnet: «E.Hügli, A. Bleuer. W. Zingg». Dieser Bericht ist von drei Fotos begleitet mit Aufnahmen der drei Arbeiter.

    Neue Überraschung: ein Zeitzeuge meldet sich

    Noch überraschender meldete sich in den Tagen nach den ersten Zeitungsberichten telephonisch ein Herr Bleuer, der sagte, er sei damals bei der Renovierung des Leuchters dabei gewesen. Monica Bilfinger konnte mit diesem betagten, aber rüstigen Zeitzeugen ein Gespräch über die damalige Arbeit führen, die mit weit weniger technischen Hilfsmitteln bewältigt werden musste.

    Armin Bleuer sprach auch über sein Leben. Bald nach den Arbeiten im Ständeratssaal wurde er - damals noch ledig - entlassen, da sein Chef die beiden verheirateten Mitarbeiter noch behalten wollte. Neun Monate lang war er arbeitslos und hielt sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser. Danach meldete er sich bei der Polizei, und wurde als einziger Primarschulabgänger aus 1287 Interessenten für eine von zehn Stellen ausgewählt. Die restlichen 40 Berufsjahre war Bleuer Polizist.

    Alte und neue Geheimnisse

    Im April 2001 konnte der renovierte und gereinigte Leuchter wieder montiert werden. Die im Stamm gefundenen Originaldokumente wurden an ihren verschwiegenen Platz zurückgelegt. Ob der Inhaber der mit der Reinigung und Renovation des Leuchters beauftragten Firma ein eigenes Zeitdokument zugefügt hat, bleibt ein Geheimnis bis zur nächsten Restaurierung...

    Gregor Saladin, 22.7.2002
    BBL Bundesamt für Bauten und Logistik




    Historische Aufnahmen während der Bauzeit

    1896: Aufnahme von Süden vor Baubeginn: das alte Casino zwischen den Bundeshäusern West und Ost
    1899: Südfassade während Bauphase (Erdgeschoss und Baugerüst)
    ca. 1899: Nordfassade während Bauphase (mit später abgerissenem Haus und Brunnen auf dem Bundesplatz)
    1902: die Bundeshausmeile nach Fertigstellung des Parlamentsgebäudes.


    Bern Bundeshaus - Nordfassade
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