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Bern - die Hauptstadt mit Charme

Heiliggeistkirche Bern

Die Heiliggeistkirche wurde durch den Stadtbaumeister Niklaus Schiltknecht erbaut und im Jahr 1729 eingeweiht. Sie steht dort, wo vorher die sogenannte Spitalkirche stand. Diese wiederum gehörte zu einem Mönchsorden: Im Jahr 1228 liess sich der «Orden zum Heiligen Geist» in Bern nieder. Er unterhielt u.a. ein Spital (den «Spittel») für Arme und Kranke sowie eine Kirche. Bis ins Jahr 1726: Dann nämlich wurde die Spitalkirche abgerissen; in die neue Kirche, die jetzige Heiliggeistkirche, wurden Teile des Gestühls sowie die Stundenglocke, die aus dem Jahr 1596 stammt, übernommen.
Die Heiliggeistkirche gilt als die schönste reformierte Barockkirche der Schweiz. Sie ist reichlich ausgestattet. Im Innern dominieren die vierzehn Sandsteinsäulen sowie die freistehende Kanzel im Nordteil des Mittelschiffes.
In den Jahren 1829 bis 1830 war der Dichter Jeremias Gotthelf als Vikar an der Heiliggeistkirche tätig.

www.heiliggeistkirche.ch



  • Heiliggeistkirche Bern
  • Neubau der Heiliggeistkirche in Bern 1794-1796
  • Eröffnung der Industrieausstellung 1857
  • Heiliggeistkirche - Geschichte (www.heiliggeistkirche.ch)
  • Heiliggeistkirche - Kunstgeschichte (www.heiliggeistkirche.ch)
  • Bilder
  • Jeremias Gotthelf
  • Der Davidsbrunnen
  • Spitäler und Spitalwesen im Bern des 18. Jahrhunderts
  • Kirchenbau (HLS)



    Die Heiliggeistkirche in Bern

    Geschichte

    Wohl kurz vor 1228 lässt sich der gegen 1198 gestiftete Orden z m Heiligen Geist als erste Kongregation in Bern 250 m vor dem Westtor der Zähgerstadt, dem Zeitglocken, nieder. Durch den vierten und letzten Ringmauergürtel werden um 1345 Spital, Klösterlein und Kirche ins Weichbild der Stadt einbezogen. Mit dem südwestlich benachbarten Christoffeltor, der doppelten Ringmauer und dem Eingang der Spitalgasse bildet die Baugruppe fortan den erst 1865 durch Abbruch des mächtigen Torturms verstümmelten Eingang ins Stadtinnere; 1528 schliesst der Rat das 1327 vom Spital getrennte kleine Ordenshaus und überweist das Klostergut dem «Oberen Spital». Im Jahre 1715 schliesslich wird dieses mit dem «Grossen Spital» im ehemaligen Predigerkloster zusammengelegt und die Anstalt am Obertor aufgehoben; da aber das bereits seit 1692 erwogene Projekt eines grossangelegten Spitalbaus infolge von Standortkämpfen nicht vom Fleck kommt, entschliesst sich der Rat Juli 1725, den Neubau der 1721 zur Pfarrkirche der Oberen Gemeinde erhobenen Spitalkirche vorwegzunehmen.

    Nach Plänen und unter Leitung des Stadtwerkmeisters NIKLAUS SCHILTKNECHT (1687-1735) beginnt April 1726 am Ort des alten Spitals der Neubau. Juni 1727 ist das Schiff, Mai 1728 der Turm unter Dach; am 6. November 1729 folgt die Einweihung. Nachdem Herbst 1726 östlich neben der Kirche bereits die Fundamente zum neuen Spital gelegt worden waren, beschliesst der Rat 1732 auf Vorschlag des Architekten Joseph Abeille dessen Verlegung vor die Stadtmauer; 1734-42 folgt der Neubau der später Burgerspital genannten, grosszügig dotierten Pflegeanstalt. - Nach durchgreifender Renovation des Turms (1952/53), beider Längsfronten (1954-56) und des Innern (1956/57) wird mit der bevorstehenden Instandstellung der beiden Schmalfronten die sorgfältige Gesamterneuerung des Baudenkmals durch Stadtbauamt und Kirchgemeinde voraussichtlich 1960 abgeschlossen sein.

    Beschreibung

    Grundriss

    In das nordsüdlich gerichtete Rechteck sind im Südteil die Turmhalle, im Schiff eine längsrechteckige Freisäulenstellung mit umlaufender Empore, an der leicht gerundeten Nordquerwand Orgeltribüne und Emporentreppe eingeschrieben. Das Längen-Breitenverhältnis folgt der Teilung im Goldenen Schnitt. In konsequenter Durchbildung des reinen Predigtsaals ist auf das Ausscheiden einer Chorpartie verzichtet. Einzig die vor der Orgel freistehende Sandsteinkanzel orientiert den Hallenraum auf einen Fluchtpunkt. Die Kirche steht allseitig frei, mit Hauptzugang durch die Turmhalle und axialen Portalen in den drei übrigen Fassaden.

    Aussenbau

    In genauer Entsprechung zum Rechteckplan hat die Strenge der Aussengestalt die kubische Geschlossenheit vorbarocker Kirchen Roms (S. Susanna, S. della Vittoria) und der hugenottischen «Temples» aus der ersten Hälfte des 17. Jhs. Nichts verbindet sie mit der geschwungenen Führung hoch- und spätbarocker Kirchenfronten; Bewegung entsteht einzig in der Vertikalen. An der Hauptfassade steht vor der spröden zweigeschossigen Pilasterordnung eine starke Portal Aedikula aus zwei kompositen Säulenpaaren; darüber kräftiger Segmentgiebel und Obergeschoss mit flankierenden Voluten und Tympanon mit der Taube des Heiligen Geistes im Strahlenkranz. Der stämmige Turm durchstösst dicht hinter dem Giebelfeld das Satteldach, um oberhalb der vier Zifferblätter mit kupferbelegter «welscher Haube» und spitzhelmgedecktem Glockentürmchen zu endigen. Die Lösung ist originell, entwertet aber, durch das unverbundene Hintereinander von Turmviereck und Frontbekrönung, den (konstruktiv vollständig entwickelten) Turm optisch zum Dachreiter; wohl ist die Allianz zwischen repräsentativer Hauptfront und traditionellem Glokkentu.rm gesucht, aber nicht wirklich gefunden.

    Bester Teil des Aussenbaus sind die klar und energisch disportierten Längsfronten. Der hohe Kalk- und Sandsteinsockel der Pilaster- und Säulenbasen an der Hauptfront setzt sich in gleicher Höhe ringsum fort; darüber eine einzige wirkungsvolle Ordnung schlanker Rundbogen-Hochfenster zwischen Kompositpilastern; über den von Dreiviertelsäulen eingefassten Seitenportalen Dreieckgiebel. Das reichprofilierte Kranzgesims bekrönt von vasenbesetzter Balustrade mit eleganten Obelisken an den Eckpunkten. - Gleiche Gliederung sollte ursprünglich auch die Rückfàssade erhalten. Die Verantwortung dafür, dass sie, zum Nachteil der Ensemblewirkung, durch Ausbau auf zwei Geschosse mit je einem Giebel nicht den Längsseiten, sondern der Hauptfront angeglichen wurde, fällt auf die Bauherrschaft (Planänderung Mai 1728). Mit Ausnahme der zwei flankierenden Hochfenster an Stelle der Nebenportale, der Dreiviertel- statt Freisäulen und des Dreieck- statt Segmentgiebels am grossen Portal stimmen beide Schmalseiten im wesentlichen überein.

    Innenraum

    Im Gegensatz zum Aussenbau ist der Innenraum aus einem Guss. Beherrschendes Element sind die 14 je 9,5 m hohen Sandsteinsäulen. Sie tragen das wuchtige, mit Balkenkopffries nach innen ausladende Achteckgebälk und die schreinartig fensterlose Mitteltonne; es ergibt sich der Raumtypus eines tempelähnlichen Säulenumgangs korinthischer Ordnung, um den sich das Rechteck der vier Fassaden als eine durchaus sekundäre lichtdurchlässige Schale legt. Gewicht und Relief erhält dieses «Gehäuse» erst durch die schwere umlaufende Galerie. Über Netzrippengewölben in technisch einwandfreier Barockgotik laufen balustradenbesetzte Emporen, deren Halbtonnenwölbung gegen das Gebälk der Säulenstellung stösst; der Scheitelpunkt liegt auf 12 m über dem Kirchenboden, während die lichte Höhe des Mittelschiffs 17 m beträgt. Bereits Juni 1726 legte Schiltknecht das Tonmodell einer Emporentreppe vor; die Galerie war somit entgegen der Behauptung Sinner von Ballaigues' (1781) Bestandteil des ursprünglichen Bauprogramms; die aktenmässig belegte Planänderung bezieht sich allein auf den Werkstoff. Für die Emporen war zuerst Holzkonstruktion vorgesehen; erst Dezember 1727 fällt der endgültige Beschluss, sie durchgreifend in Stein auszuführen. Konstruktiv und räumlich überzeugend auch die Einbindung der Turmhalle in den doppelschalig umfassten Hauptraum und die erst November 1728 festgelegte freie Stellung der Kanzel im Nordteil des Mittelschiffs.

    Ausstattung

    Unter allen öffentlichen Bauten des 18. Jhs. in Bern ist die Heiliggeistkirche bildhauerisch am reichsten ausgestattet. Mit Ausnahme der von J.-F. CALAME aus Valangin in schwarzem St-Triphon-Marmor gehauenen, heute in Sandstein ersetzten drei Südportale sind sämtliche Skulpturen Arbeit der Werkstatt LANGHANS (1728/29) und zwar, entgegen der Annahme Bandis, sowohl des älteren Hans Jakob L. (1666-1748) als auch des Michael L. (1686-1755) ; da sie fast immer gemeinsam auftreten, lässt sich ihr Anteil nicht auseinanderhalten. Beachtung verdienen die vier auf Löwen gestellten Obelisk-Akroterien und das aus den Volutenspiralen der Schmalfront-Obergeschosse entwachsende, lebhaft plastische Rankenwerk. Fast alle Aussenskulptur ist heute durch Kopien ersetzt; vereinzelte Originalstücke bewahrt das Historische Museum Bern.

    Allen Hauptgliedern der Bauplastik lagen Modelle oder Risse des Architekten zugrunde. Wo die Langhans nach eigenen Zeichnungen arbeiteten (Agraffen der Korbbogen-Arkaden unter den Galerien), verhärtet sich das Detail zu provinzieller Trockenheit. Das zeigt sich am Vergleich mit dem wertvollsten Glied der plastischen Ausstattung, der Kanzel. Nach Entwurf und unter direkter Aufsicht Schiltknechts Frühling 1729 gehauen, zeigt diese beste Steinkanzel des bernischen Barocks über schlankem Volutenfuss Korbflächen mit Régencefüllungen von feinster graphischer Eleganz. Der Hauptwert der freistehenden Kanzel liegt in den Verhältnissen des Gesamtaufbaus; gerade sie sind 1933 durch Wegnahme der Baldachinbekrönung über dem geschweiftem Schalldeckel empfindlich gestört worden. Vor dem Kanzelfuss der wiederum nach Riss Schiltknechts von J.-F. CALAME in St-Triphon-Schwarzmarmor gehauene Abendmahlstisch von 1729, eine schwere Rechteckplatte über gedrungenem Ovalfuss.

    Nach Einwölbung von Schiff und Emporen ruft der Architekt Februar 1728 zur Stukkierung der gesamten Deckenzone den besten unter den jüngeren Wessobrunnern, JOSEPU ANTON FEICHTMAYR aus St. Peter im Schwarzwald nach Bern. Die immer noch nicht nach Verdienst beachtete Jugendarbeit des damals 32jährigen ist seit Zerstörung der zweiten, gleichzeitigen Berner Arbeit Feichtmayrs, des grossen Plafonds im Rathaus des Äusseren Standes (1729) Hauptwerk der Régencestukkatur in Bern und zugleich wohl einzige grössere Arbeit des berühmten Wessobrunners für einen protestantischen Kirchenbau. Relief und Farbigkeit des Stucks sind von äusserster Zartheit. Jede barocke Ausladung ist vermieden; das Ornament überspielt die Konstruktionsform nicht, sondern folgt ihr in verhaltener, gleichsam melismatischer Lebendigkeit

    Nach Ablehnung der von Emanuel Bossart auf eigene Kosten und Gefahr erbauten Orgel durch die musikalisch konservative Regierung (1729) blieb es noch bis Ende des Jahrhunderts bei der altväterischen Begleitung des Gemeindegesangs durch die «terrible musique des trompettes» (Sinner 1781). Erst 18o6 wird durch ALOYS MoosER in Freiburg ein Werk von 27 Registern auf der nordseitigen Empore aufgestellt; die heutige Orgel, ein unter Leitung von ERNST SCHIESS durch Goll (Luzern) erbautes Instrument von 28 Registern, stammt von 1933. - Von den sechs Glocken ist die von der alten Spitalkirche herübergenommene Stundenglocke ein Guss ABRAHAM ZEENDERS von 1596; die zwei umlaufenden Friese zeigen oben den traditionellen Bärenreigen, unten den Tellenschuss. Unter ihr hängt die Viertelstundenglocke ABRAHAM GERBERS von 1728. Das moderne des-dur-Geläute in der Glockenstube des Turmschafts (186o) entstammt der Werkstatt Gebr. RÜETSCHI in Aarau.

    Würdigung

    Die Berner Heiliggeistkirche, Hauptwerk Niklaus Schiltknechts, ist in doppelter Hinsicht von Bedeutung. Einmal bildet sie den wichtigsten Beitrag der bernischen Architektur zum nachmittelalterlichen Sakralbau; zum andern ist sie Hauptdenkmal der Westgruppe in der protestantischen Architektur unseres Landes. Gehen Aussengliederung und Raumtypus im allgemeinen auf die reformatorischen Neuschöpfungen des frühen 17. Jhs. (St. Martin in Montbéliard 1601, «Temple» von Charonion 1621) zurück, so sind die Verbindungsglieder teils in Genf (Fusterie 1707) teils in Londoner Kirchenbauten Christopher Wrens (St-Bride 1670-84) und seiner Schüler (St-Martin in the Fields 1721-26) zu suchen; das Hauptportal der Heiliggeistkirche ist eine kaum variierte Replik des Eingangs an Wrens Old Ashmolean Museum in Oxford (1683). Trotz reichverzweigten Herkommens der konstruktiven, kompositionellen und formalen Elemente ist indessen Schiltknechts Leistung nicht auf die Kompilation übernommener Motive einzuschränken.

    Den Wert des Baudenkmals bestimmt das Innere. Dieser gelenkstarke doppelschalige Kirchenraum ist mit keinem andern ältern oder gleichzeitigen Bau zu verwechseln. Vergleichbaren Räumen des 18. Jhs. (St. Blasien, Gebweiler, Arras), geht die Berner Kirche zeitlich klar voraus. Am Äussern ist das Motivgut des italienischen, südwestdeutschen, hugenottischen und englischen Vorklassizismus noch überall abzulesen. Im Innern aber ist Fremdes und Einheimisches umgesetzt in eine Schöpfung charaktervollen Gepräges und eigenen Gewichts. -Bis 1823 war die Heiliggeistkirche fest in den städtebaulichen Verband des letzten mittelalterlichen Westtors eingespannt. Abb. 2 (Anm.; bezieht sich auf die Abbildung im Buch) zeigt die Baugruppe an der Ausmündung der Spitalgasse unmittelbar vor Niederlegung der Stadtmauer; in wirkungsvollem Kontrast flankiert das durchgearbeitete Relief der Kirchenfront von 1729 das wuchtige Geviert des Stadttors aus dem 4-Jh.

    Nach 1823 aber fällt der Ringmauerzug im Rücken der Kirche; 1846 verschwindet der zierliche Davidbrunnen vor dem Hauptportal; 1857 schiebt sich der Kopfbahnhof zwischen Burgerspital und Heiliggeistkirche; Frühling 1865 schliesslich fällt nach jahrzehntelangem Meinungskampf der Christoffelturm selbst. Damit war dem Bau Schiltknechts die klare räumliche Einbindung in den Westabschluss der Altstadt genommen. Im 20. Jh. verschieben sich durch die schweren Geschäfts- und Hotelblöcke an Spitalgasse und Bahnhofplatz die Massstäbe nochmals zu Ungunsten des Baudenkmals. Es bezeugt die architektonische Qualität dieser einzigen nachmittelalterlichen Kirche in der Stadt, dass sie, trotz verhältnismässig bescheidenen Abmessungen, selbst in räumlich verschlechterter Situation ihren Rang behauptet. Anders als in Genf, Lausanne, Basel und Zürich tritt dem Besucher Berns nach Verlassen des Hauptbahnhofs nicht konventionelles i g. und 20. Jahrhundert, sondern ein lebhaft geprägter, eigenartiger Kirchenbau des westeuropäischen Barocks entgegen.

    Paul Hofer
    Die Heiliggeistkirche in Bern
    Schweizerischer Kunstführer März 1959


    Literatur: SAMUEL LUPLCHIUS, Der Tempel dess Heiligen Geistes / oder Christliche Einweyhungs-Predigt / Bey solennischer Einweyhung der neu erbauten Kirche zum Heiligen Geist / In Loblicher Haupt=Statt Bärn / Sontags den 6ten Wintermonat / 1729 / In sehr Volckreicher Versamlung püncktlich gehalten / Bern 1729. - J. R. GAUNER, Deliciae Urbis Bernae... Zürich 1732 p. 252 f. -J. R. SINNER von Ballaigues, Berne au XVIIIe siècle (1781), Bern 1853, p. 17 ff. - K. HAYBÄCK in Allg. Bauzeitung (Wien) 1888, p. 63 ff. - C. GURLITT, Geschichte des Barockstils in Deutschland, Stuttgart 1889 p. 118; Historische Städtebilder 1/4 1903 p. i i. - F. Gysi, Die Entwicklung der kirchl. Architektur in der deutschen Schweiz im 17. und 18. Jh., Aarau/Zürich 1914, p. 77. - H. BLOESCH im «Werk», Jg. 1918, Heft 6. - W. BAND,, Heiliggeistkirche und Burgerspital, ein Beitrag zur bernischen Bautätigkeit im 18. Jh., Diss. phil. Bern, Wien 1923. - C. V. MANDACH in Michels Histoire de l'Art VII/2, Paris 1924 p. 774. - H. MORGENTIIALER in Festschrift zur II. Jahrhundertfeier der Kirche zum Heiligen Geist..., Bern 1929; ders. in Geschichte des Burgerspitals der Stadt Bern, Bern 1945, p. 265 ff., 415. - H. REINHARDT, Die kirchliche Baukunst in der Schweiz, Basel 1947, p. 142. - M. STETTLER, Zehn Baumeister des alten Bern, Bern 1950, p. 10. - A. REINLE in Kunstgeschichte der Schweiz III, Frauenfeld / Leipzig 1956, p. 49 f., 238 ff. - P. HOFER, Zur kunstgeschichtlichen Stellung der Berner Heiliggeistkirche, «Unsere Kunstdenkmäler» IX, p. 31 ff. und SA, Bern 1958.

    Photos: M. HESSE SWB Bern/ Kunstdenkmäler des Kantons Bern; Stadt- und Universitätsbibliothek Bern.




    Neubau der Heiliggeistkirche in Bern 1794-1796

    Der Ersatz der alten Spitalkirche zum Heiligen Geist durch einen Neubau ist von Anbeginn Teil der Planungen für das neue Grosse Spital, das heutige Burgerspital (Kat. Nrn. 4-19). Die mehrmals um- und angebaute, nun baufällige Vorgängerkirche aus dem späten 15. Jh. erhält 1721 durch die Gründung der Heiliggeistpfarrei einen neuen .Rechtsstatus. Das Bedürfnis nach einer neuen Pfarrkirche wird somit wichtiger Motor des ganzen Spitalprojekts. Nachdem in den 1722 in Auftrag gegebenen Projekten Niklaus Schiltknechts, Heinrich Propstatts sowie Daniel und Albrecht Stürlers Studien zu verschiedenen Typen vorliegen, fasst der Rat 1725 den Beschluss, die Kirche aus dem Spitalkomplex auszugliedern, oben an der Sonnseite der Spitalgasse zu errichten und den Spitalbau bis auf weiteres zu vertagen.

    Anfang 1726 liegen nebst den bei Niklaus Schiltknecht und Daniel Stürler in Auftrag gegebenen Plänen auch Projekte des ungarischen Glaubensflüchtlings Johann Paulus Nader und des späteren Steinwerkmeisters Samuel Baumgartner vor, zu einem unbekannten Zeitpunkt kommt ein Projekt Abraham Wilds (Kat. Nrn. 144-146) hinzu. Ein Gutachten des Rats gibt dem Projekt Niklaus Schiltknechts den Vorzug.

    Nach dem Verding an Schiltknecht und dem Baubeginn im April 1726 kommt das Werk schnell voran. Laufend werden die Ausführungspläne modifiziert: So einigt man sich erst während der Arbeiten darauf, die Gewölbetonnen auf einen Umgang von 14 korinthischen Kolossalsäulen zu stellen, das Innere statt durch Fenster in zwei Geschossen durch Hochfenster zu beleuchten, die nördliche Schmalseite mit einer repräsentativen Giebelfassade auszustatten, schliesslich, Abendmahlstisch und Kanzel an die Nordseite zu stellen, wodurch erst der Innenraum seine definitive Richtung erhält.

    Am 6.11.1729 wird die Einweihungspredigt gehalten. Zum schon ursprünglich beabsichtigten, wegen dem Orgelprivileg des Münsters vom Rat wiederholt abgeschlagenen Einbau einer Orgel kommt es erst 1804-1806 (vgl. Kat. Nrn. 147-148).

    Auf Fragen zur typologischen Abhängigkeit der ausgeführten Kirche von den Vorbildern Charenton und Genf hat die Forschung einleuchtende Antworten geliefert. Schwieriger ist es, die Anteile Schiltknechts und anderer Autoren auseinanderzuhalten.

    Welche Hinweise geben hierzu die frühen Entwürfe für das Grosse Spital, auf denen die Kirche immer auch Planungsgegenstand ist? Alle Grundrisse Schiltknechts unterteilen den Raum mit Stützen und sehen Emporentreppen vor. Auf der einen Ausnahme (BBbI, B. P No. 66, nicht ausgestelle Variante mit neuem Kirchturm) fehlen zwar die Treppen, doch sind die Emporen möglicherweise vom angebauten Spital aus zu erreichen. Mit der Anordnung von Säulen und Emporen über rechteckigem Grundriss hält sich Schiltknecht überwiegend an das Vorbild des damals schon zerstörten Hugenottentempels von Charenton. Ausnahmen sind BBbI, B. P No. 84 (nicht im Katalog, siehe unter Kat. Nr.11), auf dem er die Ecken erstmals zum Polygon abschrägt, und BBbI, B. P. No. 83 (Kat. Nr. 10), wo er an der Kanzelseite der Querkirche die Stützen gänzlich weglässt.

    Damit existiert in seinen Vorstudien auch eine Variante, die den gesamten Innenraum mit einem einzigen grossen Gewölbe überfängt - eine Lösung, die während der Bauzeit verworfen wird. Unentschlossen scheint Schiltknecht auch hinsichtlich des Turms gewesen zu sein. Entweder er zeichnet diesen als massiven, eigenständigen Baukörper, oder er lässt ihn zugunsten eines Dachreiters gänzlich weg (Kat. Nrn. 11-12). Ähnliches gilt für die zwei erhaltenen Fassadenaufrisse, wobei zwischen der frühen Schichtung zweier Geschosse und Ordnungen (Kat. Nr. 5) und der «Blendfassade» der Zwischenhofkirche (Kat. Nr. 12) ein wichtiger Schritt zur ausgeführten Lösung vollzogen ist.

    Somit kommt keines der erhaltenen Projekte Schiltknechts dem ausgeführten Bau so nahe wie der Entwurf Albrecht Stürlers (Kat. Nrn. 139-142). Dieser Umstand belegt den von der Forschung lange unterschätzten Anteil Stürlers und weist auf den gegenseitigen Austausch von Ideen hin, in dem die beiden Architekten als kooperative Entwurfsgemeinschaft gestanden sein müssen. Damit sind sie dem Vorschlag des Rats vom 9.1.1726 gefolgt, «was etwan im einten ryss enthalten auss dem anderen oder sonsten zu nemmen [...]».

    Quellen: Bern, BBbI, B. G. XLVIII. (Manual der Bau Kommission für das Neüe Spitalgebäud 1731-1744). Lit.: Hofer/Mojon 1969, BE V (mit umfangreicher Literaturliste); Hofer/Furrer 1982, Heiliggeistkirche (mit neuerer Literatur).

    Das Neubauprojekt von Albrecht Stürler, 1725

    Der obrigkeitliche Auftrag zu «etwan zwey Rissen» geht am 18.7. 1725 an Niklaus Schiltknecht und Daniel Stürler. Ihre Pläne liegen im September vor. Ein Gutachten vom Frühjahr 1726 hält fest: «Des Hr. Landvogt Stürlers Projekt und Plan betreffend, ist derselbige zu einer Pfarrkirch in die obere Gemeind zu klein und wegen anderen Mänglen mehr auch nicht zu rahten» (Baukommissionsmanual Heiliggeistkirche, 9-12). Vor dem Rat findet Stürlers Projekt mehr Zustimmung, und trotz des Gutachtens wird die Kirche später nur um Bruchteile grösser als Stürlers Projekt gebaut.

    Während die Stürler-Pläne für die Heiliggeistkirche früher Vater Daniel und Sohn Albrecht gemeinsam zugeschrieben wurden, wird in jüngerer Zeit Albrecht als Autor angenommen. Zwar sind die Blätter alle mit «H (od. «dl»?) Stürler» beschriftet. Doch können diese vermeintlichen Signaturen auch von fremder Hand stammen: Der nachträglich eingereichte Querschnitt (Kat. Nr. 142) trägt den gleichen Schriftzug. Der Aufriss der Südfassade trägt die Signatur «par AL: Sturler».

    Als Zusatz tragen die Blätter die Bezeichnung «Plan B» und lassen die Existenz eines anderen er­sten Projekts annehmen. Ob mit diesem das «nou­veau project» oder aber ein verschollenes Projekt «A» gemeint ist, steht offen. CS

    Quelle: Christoph Schläppi
    «währschafft, nuzlich und schön»
    Bernische Architekturzeichnungen des 18. Jahrhunderts
    Bernisches Historisches Museum




    Eröffnung der Schweizerischen Industrieausstellung Bern 1857
    in der Heiliggeistkirche


    Jakob Stämpfli eröffnete die Dritte Schweizerische Industrieausstellung vom Abendmahlstisch der Heiliggeistkirche aus; der Kanzelfuss hinter ihm verschwindet im Fahnenwald.

    Die Heiliggeistkirche diente im 19. Jahrhundert auch der Eröffnung von Tagsatzung und Bundesversammlung. Wichtig der Zeitpunkt: Soeben war der Neuenburger Handel erfolgreich beigelegt, das neue Bundesrathaus eingeweiht und Bern an das Eisenbahnnetz angeschlossen worden. Die Industrieausstellung fiel teilweise mit einer Schweizerischen Kunstausstellung und einem Eidgenössischen Freischiessen in Bern zusammen.

    Die beiden Ausstellungen von 1857 setzten die von Sigmund Wagner organisierten bernischen Kunst- und Industrieausstellungen fort (1804, 1810, 1824, 1830). Die Schweizerische Industrieausstellung für sich allein genommen reihte sich denjenigen von St. Gallen (1843) und Bern (1848) an.

    Im grösseren Zusammenhang folgte sie auf die von der Schweiz beschickten Weltausstellungen von London (1851) und Paris (1855) und «gilt als eigentliche Vorläuferin der späteren schweizerischen Landesausstellungen» (JUNKER 1990, 450).

    Lit.: FRANZ BÄCHTIGER: Konturen schweizerischer Selbstdarstellung im Ausstellungswesen des 19. Jahrhunderts. In: Auf dem Weg zu einer schweizerischen Identität 1848-1914 (8. Kolloquium der Schweizerischen Akademie der Geisteswissenschaften). Freiburg (Schweiz) 1987,207-243. - BEAT JUNKER: Geschichte des Kantons Bern seit 1798, Bd. 2 (Archiv des Historischen Vereins des Kantons Bern, Bd. 73). Bern 1990.

    Quelle: Georg Germann
    Biographien - Bernisches Historisches Museum 1996



    Heiliggeistkirche Bern. Photo: B. Suter

    Heiliggeistkirche Bern.
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